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Strahlhorn, 4190m, 09.09.2018

Ein ganz schön langer Hatsch

Ursprünglich war an diesem Wochenende im September das Finsteraarhorn geplant. Auf Grund diverser Umstände entschieden wir uns dazu, ins Wallis zu fahren und das Rimpfischhorn anzugehen. Samstagsmorgens brachen wir in Richtung Schweiz auf, nahmen die übliche Route über Chur, Oberalbpass, Autoverlad Furkapass und nach knapp 6h parkierten wir , wie die Schweizer sagen, unser Auto in der Tiefgarage in Saas-Fee. Weil der Weg von der Hütte zum Berg bekanntlich sehr weit ist, stiegen wir nicht von Zermeiggern zu Fuß auf, sondern nahmen ein kleines Stück den Alpin Express von Saas-Fee aus bis zur Station Morenia. Die Annahme war, es gäbe ab dort einen Wanderweg zur Britannia Hütte. Fehlanzeige. Querfeldein war angesagt. Und so stapften wir im Grunde die Skipiste hoch bis wir auf den Weg stießen, der von Felskinn bis zur Britannia Hütte führt. Nach rund 2,5h erreichten wir diese.
Ein Blick in die Senke, in der Hohlaub- und Allalingletscher früher zusammenliefen, genügte, um zu Verstehen, dass die Wegfindung in der folgenden Nacht eine Herausforderung wird. Zwischen den spaltigen Gletscherresten macht sich inzwischen eine ausgedehnte Schuttmoräne mit vielen Senken und Hügeln und dem Gletscherabfluss breit. Der Abzweig in Richtung Rimpfischhorn auf den Allalinpass ist von der Hütte aus nicht zu sehen. Ein etwas ungutes Gefühl machte sich bei mir breit.
Beim Abendessen auf der Hütte lernten wir zwei total nette Bergsteiger aus Trier kennen, mit denen wir uns ein wenig austauschten. Sie wollten zum Warmwerden am nächsten Morgen zum Strahlhorn aufbrechen. Somit war klar, dass wir das erste Stück Weg zusammen zurück legen könnten. Tagwache war um 2:45Uhr am Sonntagmorgen. Neumond. Man sah die Hand vor Augen nicht. Dunkelstes Schwarz. Dafür hatte es einen sensationell schönen Sternenhimmel. Losgewackelt sind wir gegen 3:45Uhr zusammen mit den beiden Trierern. Im September bedeutet das, man geht noch fast 3 Stunden im Dunkeln. Die kleinen Lichtkegel der Stirnlampen leuchten nur wenige Meter vor den Füßen aus. Für mich völlig überraschend fanden wir trotzdem einen ganz passablen Weg mit wenigen Extrametern.
Meiner Frau und mir wurde jedoch nach diesem Stück Weg klar, dass unser gestecktes Ziel unter den gegebenen Umständen realistisch nicht erreicht werden kann. Wo genau man günstig zum Allalinpass abzweigt und wie die Spaltensituation auf dem Mellichgletscher ist, war für uns überhaupt nicht abschätzbar. Auch nicht, ob es eine vernünftige Spur gibt, die die Wegfindung erleichtert. Es gab nur eine Seilschaft, deren Lichtpunkte vermuten lassen konnten, dass sie zum Rimpfischhorn gehen könnten. Hinzu kam, dass die Strecke noch etwa 1h länger ist. Eine schwere Entscheidung. Am Ende siegte die Vernunft. Meine Frau und ich entschlossen uns dazu, die beiden anderen zum Strahlhorn zu begleiten. Ich war ein wenig traurig, denn auf dem Gipfel waren wir schon das Jahr zuvor. Viel Aufwand für bereits da Gewesenes. Der Weg ist wenig anspruchsvoll. Die Entfernungen lassen ihn zu einer Strapaze werden. Doch es ist in dieser Nacht das einzige erreichbare Ziel, wenn ich ehrlich zu mir bin.
Und so stapften wir die nächsten Stunden vor uns hin. Zwischendurch Essen und Trinken nicht vergessen. Ähnlich, wie beim Marathonlaufen. Kalt wars. Die Sonne kam erst kurz vorm Gipfel über den Grat. Kein Gefühl mehr in Händen und Füßen. Später hat sich das glücklicherweise geändert. Ein Bergführer in der einzigen Seilschaft vor uns, trat die Spur in den teilweise weichen Schnee. Ganz herzlichen Dank unbekannterweise an der Stelle.
Gegen 9:45Uhr: Der Gipfel. Windstill. Da die meisten anderen Seilschaften mit viel Abstand hinter uns waren, hatten wir sogar etwas Zeit, die sehr gute Aussicht zu genießen. Das Panorama zeigt alle prominenten Spitzen bis hin zu Gran Paradiso und Mont Blanc.
Ums nicht gar zu eintönig werden zu lassen, wählten wir für den Abstieg zum Adlerpass einen etwas anderen Weg. Ein Tropfen auf dem heißen Stein. Das elend lange Stück über den flachen, fast aperen Gletscher zurück zog sich. Wir gingen vorerst weiter am Seil, denn es gab noch Schneereste deren Unterbau nicht ganz eindeutig war. Später zogen wir die Steigeisen aus. Auf dem spröden Eis lässt es sich ohne Eisen besser gehen. Die Füße schmerzen. Im Tageslicht fanden wir mehr oder weniger exakt unsere Spur vom Morgen wieder. Und die war gar nicht schlecht gewählt, wie wir feststellten. Das Beste kommt aber noch: Der Gegenanstieg zur Hütte hoch. In alten Wegbeschreibungen wird häufig von ca. 100 Höhenmetern geschrieben. Das stimmt heute definitiv nicht mehr. Der Hohlaubgletscher hat sich soweit zurückgezogen, dass der Unterschied mit barometrischem Höhenmesser gemessen inzwischen ca. 150 Höhenmeter beträgt. Nach mehr als 10 Stunden auf dem Eis mit entsprechenden Höhenmetern in den Knochen schon irgendwie eine Plackerei. In der gefühlten Nachmittagshitze. Dann: Geschafft. Einer unserer Begleiter hatte noch soviel Strom, dass er vorgelaufen ist und uns quasi mit dem Gipfelbier in der Hand wieder entgegenkam. So gesehen eine erfolgreiche Tour mit netten Menschen, auch wenn es nicht der ursprünglich geplante Gipfel wurde.
Hinweis zum Weg zwischen Felskinn und Hütte: Dieser Weg hat eine für mein Empfinden extrem gefährliche Passage über einen Altschneegrat, auf dem man ein Stück Randkluft quert. Absicherung: Fehlanzeige. Das schlecht angebrachte Seil, streckenweise unbefestigt umherhängend, macht die Sache nur schlimmer. Ein Fehltritt bedeutet Absturz. Wie Touristen das schaffen, ist mir ein Rätsel.
Noch ein Wort als Frau: Ich bin häufig wieder mit dem falschen Pronomen angesprochen worden. Mir ist klar, dass es auf einer Berghütte schwierig ist, eindeutige Signale zu setzen. Meine Transition ist leider noch nicht fortgeschritten genug und wird sie vermutlich auch nie sein. Doch viele Menschen scheinen auch kein kleines Bisschen sensibel dafür zu sein, dass es nicht nur schwarz und weiß gibt. Nur Glotzen können alle total gut. Sehr schade. In dieser Hinsicht bleibt die Tour nicht in bester Erinnerung.