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Weißseespitze, 3518m, 21.09.2019

Die erste Hochtour in diesem Sommer

Mit der Weißseespitze verhält es sich ungefähr so, wie mit dem Olperer. Im Skigebiet Kauntertaler Gletscher hatten wir im Januar 2015 einen Tiefschneekurs gemacht und dort das erste Mal bewusst diesen Berg gesehen. Weil uns das chillige Skigebiet so gut gefällt, fahren wir seither mindestens 1-2 Mal pro Jahr dorthin. Mal mit Kindern, mal ohne. Mal vor Weihnachten, mal im Frühjahr. Und eigentlich immer sahen wir -sofern das Wetter einigermaßen passabel war- Menschen am Westgrat. Vergangenen Winter wollten wir eine Skitour auf den Berg machen, während die Kinder im Skikurs waren. Leider spielte das Wetter nicht mit. Rückblickend betrachtet würde ich sagen, Glück gehabt.
Und nun haben wir Hochtourensaisonausgang 2019. Ein Jahr, das ich gerne aus meinem Bergleben streichen würde. Wie wir alle wissen geht das nicht. Also heißt es: "Mache das Beste drauß." Nachdem das Knie meiner Frau die erste gemeinsame Bergtour vor 4 Wochen auf den Geiselstein ganz gut überstanden hat, meine Füße irgendwie auch besser geworden sind und wir es unbedingt dieses Jahr nochmal schaffen wollten, die Steigeisen zu benutzen, suchten wir eine vergleichsweise einfache Tour heraus, bei der man einen Teil mit dem Radl zurücklegen kann. Tja, nur leider wurde das Wetter so gut, dass in der vorherigen Woche keine Plätze mehr in den notwendigen Hütten zu haben waren. Auch der Plan B scheiterte genau daran. Wir mussten einen Plan C finden. Und jetzt kommt die Weißseespitze ins Spiel. Ist uns auf einer Trainingsradltour eingefallen. Kann man ja auch im Sommer/Herbst machen. Geht ja auch ohne Ski. Es gibt einige unterschiedliche Wege zum Gipfel. Der Normalweg führt über die Weißkugelhütte. Doch dort riefen wir erst gar nicht an. Zum einen war die Hütte wahrscheinlich genauso voll, wie alle anderen. Zum anderen wären zu viele Höhenmeter insbesondere im Abstieg zu bewältigen gewesen. Gleiches galt für die Rauhekopfhütte. Es sollte ja moderat zugehen. Wir entschieden uns für den Startpunkt, den wir vom Skifahren dort kannten. Das Gletscherrestaurant mitten im Skigebiet. Man kann mit dem Auto über die Mautstraße bis auf 2750m direkt vors Restaurant fahren. Die Klimaschützer hören jetzt bitte einfach kurz weg. Die Straße ist eh da. Außerdem wird gerade eine neue Seilbahn gebaut. Schön ist so ein Skigebiet im Sommer ja nicht gerade. Eher trostlos. Die Baustelle verstärkte dieses Gefühl noch weiter. Diesen Startpunkt wählend, boten sich jedoch einige Vorteile, wenngleich es leider ebenfalls bedeutete, einen Teil des Weges praktisch durch die Baustelle zurücklegen zu müssen. Doch für unseren Zweck überwogen die guten Seiten. Wir hatten nur knapp über 800 Höhenmeter im Auf- und Abstieg. Wir konnten einen Rundweg über zwei Grate gehen. Und es blieb uns die Übernachtung in einer völlig überfüllten Berghütte erspart. Stattdessen gönnten wir uns im Talort Feichten ein ganz fantastisches "Lager" beim Kirchenwirt. Falls es mal jemanden dorthin verschlägt. Sehr zu empfehlen. 
Wir ließen uns deutlich vor der Zeit, die im Hotel üblich ist, ein Frühstück richten, denn es sollte mit Sonnenaufgang am Gletscher losgehen. Mit ein klein wenig Verspätung haben wir das auch geschafft. Gegen 7:30Uhr standen wir fertig bepackt am Gletscherrestaurant und machten uns auf den Weg zum Falginjoch. Mit ein klein wenig Verzögerung traf eine weitere Zweierseilschaft am Parkplatz ein. Ich wunderte mich, dass insgesamt eher nix los war. Das hatte ich nicht erwartet. Ziemlich genau ein Jahr vorher starteten wir zur Olpererüberschreitung, was im Grunde bis dahin unsere letzte sommerliche Hochtour gewesen ist. Dadurch, dass wir nicht in einer Berghütte starteten, fand ich, kam auf den ersten Metern auch kein so richtiges "Wir gehen auf einen hohen Berg"-Feeling auf. Hinzu kam, dass genau auf dieser Route zwischen Restaurant und Falginjoch eine neue Gondel gebaut wird. Wir stapften die Zufahrt hoch, die die Bauarbeiter mittels Pistenraupe zurücklegten. Einen kurzen Moment überlegten wir, ob wir nicht den Daumen rausstrecken sollten, um mitgenommen zu werden. Wir trauten uns dann aber nicht. Außerdem hatte ich ein wenig das Gefühl, schon genug beschissen zu haben. Wie dem auch sei, als wir das Falginjoch erreichten, sind die Bauarbeiter schon fleißig dabei gewesen, an der Bergstation weiter zu arbeiten. Wir rasteten kurz, nahmen einen Schluck Tee und versuchten uns einen Überblick zu verschaffen, wo es von dort auf den Westgrat geht. Möglicherweise auf Grund der Baustelle war das nämlich nicht so einfach. Ich nehme an, der übliche Weg hätte uns genau durch die Baustelle hindurch geführt. Wir entschlossen uns dazu, mehr oder weniger frontal auf die erste sichtbare Ombrometerstation zu zu halten. Diese stand nach unserem Empfinden dicht am Grat und konnte damit nicht ganz falsch sein. Eine getretene Spur oder gar ein Weg waren nicht zu erkennen. Die Schneeauflage war wegen der morgentlichen Kälte mit einer leider nicht immer tragenden Kruste ausgestattet. Anfangs noch ohne Steigeisen über verschneites Geröll, entschieden wir uns bald doch dazu, sie einzusetzen. Zusammen mit dem Eispickel kamen wir etwas entspannter die erste Rampe hoch. Ich habe nicht geschaut, doch ich vermute, den Bauarbeitern hat die kleine Abwechslung gefallen. Am Ombrometer angekommen erkannten wir, dass es in der Tat einen getretenen Pfad gibt, auf den wir nun stießen. Hier und da konnten im Schnee Trittspuren ausgemacht werden. Ab da war die Wegfindung geritzt. 
Die Sonne kam zu diesem Zeitpunkt über die Weißseespitze zum Vorschein. Im Nu wurde es warm. Die Handschuhe konnten weg. Ebenso die oberste langärmelige Lage. Der Weiterweg führt mit wenig Höhengewinn über mehrere Erhebungen. Erstaunlich ausgesetzt teilweise und mit einigen einfachen Kletterstellen gespickt eine ganz hübsche Angelegenheit. Es vergeht einige Zeit bis wir den eigentlichen Anstieg auf den Gipfel hoch erreichen. Das Gipfelkreuz ist schon zu sehen. Es steht ein klein wenig weiter südlich des eigentlich höchsten Punktes. Bis dorthin sind es aber noch rund 200 Höhenmeter. Leider geht es nicht mit Klettern weiter, sondern auf einem steilen, serpentinenartigen Trampelpfad. Ich war froh, dass um diese Zeit alles noch gefroren war. Auch wenn es von unten nicht so aussah, so stellte uns der restliche Anstieg zum Gipfel vor keine Herausforderung mehr. Abgesehen von der Tatsache, dass wir nicht akklimatisiert waren und entsprechend schnaufen mussten. Kurze Zeit später erreichten wir den höchsten Punkt und -wie erwähnt- mit einem kleinen Umweg das Gipfelkreuz. 
Dort trafen wir auf die beiden Bergteiger, die sich kurz nach uns am Gletscherrestaurant auf den Weg machten. Ich wunderte mich, dass diese uns nicht überholt hatten. Nun verstand ich es. Es handelte sich um einen Bergführer mit seinem Gast. Sie stiegen über das Nörderjoch und den Nördergrat auf und auch wieder ab und kamen nicht auf unserem Weg, dem Westgrat, hoch. Gut für uns. Denn die beiden hatten auf jeden Fall eine Spur für unseren Abstieg über den Nördergrat getreten. Die Einsamkeit, in der wir trotz des im Hintergrund immer vorhandenen Baulärms aufgestiegen sind, ließ mich ahnen, dass wir den Weg über den Nördergrat selbst hätten suchen müssen. Das war jetzt definitiv nicht so und mein Kopf entspannte sich ein wenig. Des Weiteren trafen wir eine Jungmanschaft des DAV Frankfurt mit 5 Leuten am Gipfel. Sie kamen von der Weißkugelhütte hoch. Da genügend Menschen am Gipfelkreuz standen, wurden reihum Fotos der Protagonisten aufgenommen. So auch von meiner Frau und mir und natürlich Manni. Windstill. Wolkenlos. Um die 100km Fernsicht. T-Shirt-Temperatur. So etwas ist sehr selten auf Hochtouren. Aus dem Grund ließen wir uns am Gipfel nieder, gossen Tee ein und aßen entspannt noch etwas. Einige der umliegenden Gipfel kennen wir bereits sehr gut: Wildspitze, Similaun, Finailspitze, Fluchtkogel. Auch das Brandenburger Haus am Fuß der Dahmannspitze am Rand des Kesselwandferners ist gut zu sehen. Ein herrlicher Ort. Weit in der Ferne Ortler und Bernina-Gruppe. Doch, wie üblich, entdecken wir neue Ziele. Gleich ums Eck steht die Weißkugel. Sie ist nach Besteigung der Weißseespitze weiter nach oben auf der Wunschliste gerückt. Dieses Jahr wird das jedoch nix mehr.
Der Abstieg beginnt. Wir packen das Seil aus, denn der Rückweg führt zunächst über den Gepatschferner. Der ist zwar nicht für große Spalten bekannt, doch -ich muss den Satz erneut strapazieren-, wie dicht man dran war erfährt man nur, wenn es passiert ist (Zitat David Lama). Daran muss ich auch denken, als ein Alleingänger aus Richtung Weißkugelhütte hochkommt. Jeder ist seines Glückes Schmied. Nicht nachmachen. 
Wir folgen der Spur über die Kuppe in Richtung Zahn. Der wird üblicherweise östlich umgangen. Und wer hätte es gedacht, wir müssen tatsächlich eine vergleichsweise große Spalte über eine Brücke überwinden. Der Weg zieht sich ein wenig. Ich bin froh, dass eine Spur vorhanden ist, denn ich wäre aus dem Bauch heraus viel früher in den Felsgrat gequert. So umrundeten wir mehr als eine Felszacke auf dem Gletscher. Die Karten geben an der Stelle kein realistisches Bild mehr wieder. Der Gletscherrückgang ist unübersehbar. Am Ende geht es sogar wieder ein Stück bergan bevor wir in den Grat kommen. Für meinen Geschmack war die Spur nicht ganz optimal. Aber hey, dafür konnten wir unser Gehirn ausschalten und einfach nachstapfen. Es gibt eine halbwegs markante Lücke im Grat durch die wir schlüpfen. Das Seil kommt wieder weg. Wir ersetzen unsere Stöcke gegen den Eispickel. Der Blick den Grat hinunter verrät, dass es sich überwiegend um sehr loses Geröll handelt. Und da ist mir mit einer zusätzlichen Stütze bzw. Bremse in der Hand wohler. Selbst große Steine waren lose. Sichern mit Seil wäre unsinnig gewesen. Hätte nix gebracht außer Steinschlag. Die Steigeisen ließen wir erstmal dran. Im oberen Teil war der Grat immer wieder mit Schnee- und Eispassagen gespickt. Weiter unten ging's dann ohne. Doch der lose Schutt erforderte die gesamte Zeit höchste Aufmerksamkeit. Man kann hoch hinunterfallen. Egal, wo man hintrat, begann alles unter den Füßen zu wackeln oder zu rutschen. Unangenehm. Aber hilft nix. Irgendwann kam die alte Bergstation der Nörderjochbahn in Sicht. Die ist seit 2015, als eine Lawine die Bahn zerstückelte, nicht mehr in Betrieb und zerfällt langsam. Die alten Bauwerke markieren das Ende des Grates und damit auch der heiklen Passagen. Wir betreten wieder das Skigebiet. Das Ende der Tour ist in Sicht. Mit Ski wäre das letzte Stück sicherlich in 5 Minuten zurückgelegt. Zu Fuß dauert das erheblich länger und besonders gut zu gehen ist es auch nicht. Wir folgen einer Pistenraupenspur. Wo es geht, stapfen wir durch die dünne Schneeauflage. Ansonsten ist es ziemlich glatt und schlammig. Ich freue mich aufs Gipfelbier. Die erste Hochtour nach unseren körperlichen Repressalien geht zu Ende. Es hat zwar alles ein wenig länger gedauert, weil wir uns recht vorsichtig bewegten, doch das macht nichts. Ist ja kein Wettrennen. Zeitnot hatten wir auch keine. Nach etwa 7,5 Stunden inklusive aller Pausen und Umrüstaktionen sind wir zurück am Auto. Ein sehr befriedigender Moment. Wir können es noch. Neue Ziele formen sich sofort im Kopf. Für diesen Tag wartet nur noch Entspannung, eine heiße Dusche, ein sehr leckeres Buffet und natürlich ein Gipfelbier in den letzten Sonnenminuten des Tages.