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Höhepunkt des inneren Krieges

 

Höhepunkt des inneren Krieges

2014 - 2016

Die -ich nenne es mal- vermeintliche Lösung, die ich mit meiner neuen Partnerin in der Angelegenheit "Frau" erarbeitete, führte dazu, dass ich mich über 1-2 Jahre immer weiter vor wagte, was Kleidung, Lebensart und äußere Erscheinung betrifft. Sowohl privat als auch im Büro.

In diesem ganzen Trubel mit Scheidung, Unterhaltsgerangel, Bergsport, die unendlich erscheinende Fahrerei in die Kinderwochenenden, dem Versuch, im kleinen, abgeschlossenen Universum als Frau zu leben, entwickelte sich in mir -manche sagen, es sei eine typisch saarländische Eigenschaft- erneut der Wunsch nach Eigentum. Das erste Haus überließ ich zu einem sehr günstigen Preis meiner geschiedenen Frau. Ich bekam zwar fast nichts mehr ausgezahlt, im Vergleich zu dem, was ich reinsteckte. Doch zum Einen hatte ich keine emotionale Bindung zu der sterilen Kiste, die sich meine geschiedene Frau gewünscht hatte, und zum Anderen war ich die Verpflichtung los. Ein neues Projekt konnte gestartet werden. Meine Partnerin und ich sind uns in dieser Hinsicht ebenfalls sehr ähnlich. Das Ergebnis ist ein kleines, gemütliches Holzhäuschen auf dem Land. Unsere kleine Berghütte.
In dieser Angelegenheit, unter den Prämissen, dass wir rund 90.000km im Jahr Auto fahren und uns in Sachen Bergsteigen immer weiter wagten, gab es noch eine kleine Fragestellung zu lösen: "Was ist, wenn uns etwas passiert?" Ich führe die Details nun nicht weiter aus. Die einfachste und kleinste Lösung für dieses Problem war schnell gefunden. Wir heirateten.


Soweit so gut. Die Frau in mir konnte sich mit den neu gewonnenen Freiheiten zu diesem Zeitpunkt nur begrenzt zufrieden geben. Bis in den Sommer 2016 spitzte sich die Lage so zu , dass ich mich jeden Morgen mit meiner "Verkleidung" als Mann quälte und sehnsuchtsvoll meiner Frau in Kostüm und Pumps hinterher schaute, wenn sie sich auf den Weg ins Büro machte. Als Frau zu leben, war mein größter Wunsch. Er beschränkte sich auf die wirklich wenige Zeit, die wir in unseren eigenen vier Wänden verbrachten. Der Zustand wurde immer unerträglicher. Schlechte Gedanken machten sich, wie früher schonmal, breit und mein Quatschi im Kopf stellte immer  häufiger die Frage, ob es denn überhaupt Sinn hat, so weiter zu leben. So etwas ist gefährlich.

Erschwerend kam hinzu, dass wir eine Zeit lang relativ häufig einen guten Freund über die Wochenenden zu Gast hatten, dem es alleine nicht gut ging. Inzwischen ist das zum Glück anders. Dieser Umstand beschnitt meine kleine Freiheit jedoch noch weiter. Die Grenzen, die ich in mühevoller Kleinarbeit über Monate und Jahre erweiterte, wurden von außen wieder enger gesteckt. Unerträglich. Ich besprach das mit meiner Frau. Eine Lösung muss her, sonst zerbreche ich an mir. Und das sehr bald.

Die Kernfrage wurde gestellt: "Was ist das Schlimmste, das passieren kann, wenn ich diesem einen Freund erzähle, was ich bin?"

Die Antwort ist denkbar einfach: "Im schlimmsten Fall sehen wir ihn nie wieder. Schade. Doch ich hätte meine Freiheit zurück. Wir sind nicht für das Seelenheil der Menschheit verantwortlich. Nur für uns selbst."

Der Plan war da. Vor der Umsetzung fürchtete ich mich so sehr, dass es noch Monate dauerte, bis ein geeigneter Zeitpunkt vorbei kam und mir meine Frau keinen Ausweg mehr ließ und mich bei Lagerfeuerromantik auf der Terrasse dazu zwang, unserem Spezl die Wahrheit zu sagen. Mit Tränen in den Augen, verkrampft am Weinglas festhaltend kam es ganz zaghaft aus mir heraus. Der Boden öffnete sich vor Scham unter mir. Ich wartete auf den Knall.

Der blieb aus. Ich hörte liebevolles, freundliches Lachen, zwei riesige Arme umschlangen und drückten mich. Das sei nicht schlimm, meinte er. Ich sei ein toller Mensch. Alles andere sei nicht wichtig. Wegen ihm müsse ich mich nicht verstecken.

Er stellte sehr schnell eine Frage, die mir zwar schon in den Sinn gekommen ist, die ich jedoch für so absurd hielt, dass ich sie gleich wieder fallen ließ: Wie er mich denn nennen solle? Mein bisheriger Name käme ja wohl nicht in Frage dafür. Es dauerte einige Zeit, ein paar Wochen, bis ich auf diese Frage eine Antwort hatte:

Milla war geboren.