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Seit wir eine Lizenz zum Gleitschirmfliegen haben, hoffe ich darauf, mal an meinem Purzeltag einen Flug machen zu können. Bisher hat das nie geklappt. Ob Frau überhaupt im Dezember fliegen kann, ist immer schon irgendwie wie würfeln, wenngleich ich sagen muss, dass wir unsere kleine interne Challenge, jeden Monat im Jahr mindestens einen Flug zu machen, seit Erwerb der Lizenz immer schafften, auch in den Dezembermonaten. Die Schneelage ist im gesamten Alpenbereich dieses Jahr ziemlich dürftig. Nach dem kurzen Wintereinbruch im November, der die Skigebietsbetreiber möglicherweise euphorisch hatte werden lassen, kam so gut wie nichts mehr runter, womit Skifahren bei uns generell schon eher in den Hintergrund rückte und als wir dann noch erkannten, dass es während der geplanten freien Tage so gut wie überall sonnig und vergleichsweise warm werden soll, war Fliegen sofort auf Platz 1. Zum ersten Mal seit drei Jahren sah es so aus als ob sich an meinem Purzeltag tatsächlich ein Flug ausgehen könnte und die Herausforderung bestand nur noch darin herauszufinden, wo das sein soll, denn sehr viele Campingplätze in den in Frage kommenden Fluggebieten haben geschlossen oder verfügen nicht über eine Infrastruktur, die wir uns für unser erstes Wintercamping vorstellten.
So wurde der Kreis schnell klein und hängen geblieben sind wir am Campingplatz Såndgøld Alpine Glamping, auf dem wir im Oktober diesen Jahres schon mal im wahrsten Sinne des Wortes gestrandet waren, als ein Marder dafür sorgte, dass unser Auto in die Werkstatt musste. Fliegen konnten wir dort damals nicht, weil die Wetterlage es nicht zuließ, aber dieses Mal sah das anders aus. Anhaltender mäßiger Südwind, kein Föhn, zwei Startplätze fußläufig oder mit dem Bus und der Seilbahn erreichbar, der Landeplatz 5 Minuten zu Fuß vom Stellplatz entfernt, für einen Campingplatz traumhafte, warme und zugfreie Sanitäranlagen, Strom inklusive, ein Trockenraum mit Platz, um die Gleitschirme zu trocknen, und, was ich noch zu schätzen lernen werde, Waschmaschinen, die einfach mit dem Zugangschip verwendet werden können. 
Einen Unsicherheitsfaktor gab es noch: Astrid hatte zwei Tage vor der geplanten Abfahrt eine Zahn-OP und ob das dann immer gut wird oder zwingend Aufmerksamkeit benötigt, weiß niemand, weswegen wir den Platz erstmal nur übers Wochenende buchten, falls es notwendig wird, doch nochmal die Zahnärztin zu bemühen. Gleich vorweg, das war nicht nötig und wir verlängerten die beiden Tage bis Heiligabend vor Ort.
Donnerstagsnachmittags, einen Tag vor der Abfahrt, holten wir die Wohnkabine aus dem Stall heraus, sie musste aus dem Winterschlaf geweckt und für die Abfahrt am nächsten Tag vorbereitet werden. Das Aufladen ging dieses Mal relativ zügig und komplikationslos von statten, nachdem wir ein paar neue Dinge gelernt und berücksichtigt hatten, so zum Beispiel der Umstand, dass der hintere Unterbau exakt zwischen den Einrastpinöppeln der Heckklappe platziert werden muss, denn die stehen auf beiden Seiten in den Ladeweg hinein und es bleiben nur wenige Millimeter rechts und links, wo die Kabine durch muss. Beachtet Frau das, sitzt die Kabine automatisch exakt mittig und wenn Frau vorher noch überprüft hat, dass die Kabine in der Waage steht, ist das gleichmäßige Absenken auf die Ladefläche ein Kinderspiel. 

Bis kurz vor Abfahrt checkten wir nach jedem Wetterlauf, ob die Prognosen fürs Fliegen noch passen, was sie taten, doch es schadet nicht, für Alternativprogramme gerüstet zu sein, weswegen das leichte Hike&Fly Equipment, die Skitourenausrüstung und die Schnee- und Trailrunningschuhe ebenfalls eingepackt wurden und dann ging’s auch schon los. On the Road again. Brennermaut und österreichische Vignette kauften wir online unterwegs ein, für das Durchfahren der italienischen Mautstellen, ohne anhalten zu müssen, kam die kleine Bip&Go-Box in die Frontscheibe, was wirklich hervorragend funktioniert, in Italien. In Frankreich, wo die Box bzw. das System herkommt, funktioniert es leider nicht zuverlässig, was zu teuren Überraschungen führen kann. Den Weg kennen wir im Schlaf, so oft sind wir dieses Jahr bereits über den Brenner gefahren, wo uns noch ein paar Jahre der Brückenneubau bei Lueg begleiten wird, wo es häufig Stau gibt, den wir dieses Mal über die Passstraße umfahren, ohne wissen zu können, ob das wirklich schneller ist. Aber es gibt ein besseres Gefühl, wenn Frau nicht auf der Autobahn steht. Über den Buckel drüber sind wir im Nu in Sterzing und von dort ist es nur ein Katzensprung bis Brixen, wo die Straße ins Pustertal abzweigt. Auf der Landstraße ist freitagsnachmittags relativ viel Verkehr bis Bruneck, doch es läuft überall durch und mit beginnender Dämmerung biegen wir für die letzten Kilometer nach Norden ins Ahrntal ab, wo wir kurze Zeit später die riesige Pride-Fahne und die Schranke auf den Campingplatz passieren. 

Daniele vom Empfang hatte uns bereits telefonisch kontaktiert, wann wir denn wohl eintreffen werden, und da fiel uns auf, dass wir vergessen hatten, Bescheid zu sagen und annahmen, es werde schon jemand da sein. Macht aber nix. Wir haben die Zeit nicht strapaziert, werden überaus freundlich empfangen und mit den Zugangschips für Sanitär und alle anderen gemeinschaftlich nutzbaren Räume ausgestattet, was toll ist, denn es steht ein geräumiger Trockenraum zur Verfügung, den wir in den nächsten Tagen brauchen werden. Unser erstes Wintercamping beginnt mit dem Bezug unseres zugewiesenen Stellplatzes, Kabel dran getüddelt, Strom ist inklusive, ein nicht ganz unwichtiger Punkt, wenn wir nachts Temperaturen von deutlich unter Null erwarten dürfen, und selbst wenn Frau es mit Heizen nicht übertreibt, so braucht die Kabine trotzdem relativ viel Strom, um wenigstens um die 15-16°C im Inneren halten zu können. Viel gedämmt ist die Hülle wenig. Mit Gas heizen ist bei diesen Temperaturen keine Option. Ich schätze, dass jede Nacht eine 5kg-Flasche durchlaufen würde. Mit Stromanschluss ist das alles viel einfacher. Bevor wir Futter machen, gehen wir noch eine Runde zu Fuß über den Eingang zu den Rheinbachfällen durch den Ort, ein bisschen Bewegung nach der Fahrt tut gut und während wir uns anschließend mit der zu Hause vorbereiteten Nudelsoße eine leckere Pasta Ragôut zubereiten, besteht der wichtigste Punkt an diesem Abend darin, ob und wo wir am nächsten Tag fliegen können, mein Purzeltag, und es sieht tatsächlich perfekt für den Speikboden aus. Viel Sonne, wenig Wind, die Basis wird bei BurnAir bei etwa 2700m angegeben, kein Föhn, der Winterstartplatz befindet sich in der Nähe der Sonnklar Alm und müsste mit der oder den Seilbahnen erreichbar sein, wenngleich uns nicht ganz klar ist, wie wir ein Stück in der Mitte mit einem Schlepplift fahren sollen, ohne Ski an den Füßen. Weil wir bereits beim ersten Besuch hier im Herbst lernten, dass der öffentliche Nahverkehr sehr pünktlich in vergleichsweise kurzer Taktung zuverlässig fährt, wir mit den Übernachtungen eine Südtirol-Card mit Öffis inklusive bekamen und der offizielle Landeplatz nur 5 Minuten zu Fuß vom Campingplatz entfernt ist, beschließen wir, das Auto stehen zu lassen und den Bus zur Talstation Speikboden zu nehmen. 
Mit dicken Duvets und unserer Fußbodenheizung überleben wir die erste Nacht ganz gut, wobei es am Morgen ein bisschen schwerfällt, unter der warmen Decke herauszukrabbeln, doch die Aussicht auf einen wahrscheinlich ruhigen Flug mit über 1500 Höhenmetern motiviert mich aufzustehen. Eile haben wir keine, es genügt, wenn wir den Bus gegen 11 Uhr ab dem Busbahnhof in Sand bekommen, der von dort ohne Zwischenhalt in 3 Minuten an der Bahn ist und den Weg vom Campingplatz zum Busbahnhof schaffen wir mit dem Flugzeug auf dem Rücken zu Fuß entspannt in weniger als 20 Minuten und vor 13Uhr ist ein Start nicht sinnvoll. Erstmal richte ich mich für den Tag her, die Sanitäreinrichtungen sind ein Traum, es gibt ausschließlich abgetrennte Kabinen, jede mit Dusche/WC/Waschbecken ausgestattet, und warm. Bei der Zubereitung des Frühstücks sind wir nach fast 10 Ausfahrten dieses Jahr mit der Wohnkabine ein eingespieltes Team und was ich besonders schätze, das Ding ist so geräumig, dass wir beide gleichzeitig Aufgaben erledigen können, ohne uns auf den Füßen herumstehen zu müssen. Mit fortschreitender Zeit werde ich immer aufgeregter. Ein neues Fluggebiet, ein unbekannter Startplatz, unbekannte Bedingungen am Startplatz im Sinne von, wie steil ist er, gibt es genug Platz zum Laufen, wie hoch liegt der Schnee, können wir gleichzeitig auslegen, erkenne ich den Landeplatz aus der Luft, usw. Der Umstand, dass er in unserer App gelb gekennzeichnet ist und nicht grün lässt mich vorsichtig werden, denn es wird nicht der einfachste Startplatz sein. Gleichzeitig ist es so, dass wir inzwischen über 200 Flüge in über 50 unterschiedlichen Fluggebieten auf der Uhr haben und wir auf unsere Fähigkeiten vertrauen dürfen. Auch in Bezug auf den Landeplatz, von dem wir mindestens vom Boden aus wissen, wo er ist, welche markanten Erkennungsmerkmale es gibt und dass er riesengroß ist, auch wenn das aus der Luft von weit oben oft anders aussieht. Bin trotzdem nervös. Wir packen für den Flug heute und weil wir die Bahn nehmen werden, kommen unsere Thetas mit den Easiness Gurtzeugen mit, womit die Ausrüstung etwas schwerer ist, als mit dem Leichtzeug, aber dafür auch ein besseres Gleiten und etwas mehr Sicherheit bietet. Heute ganz wichtig: Die Heizhandschuhe mit geladenen Akkus, eine zusätzliche Primalofthose für unter die Hardshell, wenn wir am Startplatz ankommen, sowie 1-2 zusätzliche Lagen plus Hardshelljacke für oben rum, je nach dem, was wir an Bedingungen bezüglich Lufttemperatur und Wind vorfinden, denn immerhin liegt der Startplatz auf fast 2400m AMSL. Gut bepackt wackeln wir zu Fuß zum Busbahnhof, erwischen dort noch einen Bus früher, steigen wenige Minuten später am Speikboden aus, im Bus befinden sich zwei andere Pilot:innen, die ich nach dem Aussteigen nicht aus den Augen lasse, um zu sehen, was sie tun und kaufen uns je eine Bergfahrt bis ganz rauf ein. Ich zucke kurz als ich höre, was das kostet. Das wird mein bisher teuerster Flug ever, doch nicht zu fliegen, ist keine Alternative heute, wenn sich die Gelegenheit bietet. Wir steigen in die Gondel, zu den anderen beiden Fliegenden aus dem Bus gesellte sich ein dritter Mensch, sie sind kurz vor uns eingestiegen und ich versuche, diese Gruppe nach dem Aussteigen oben weiter zu beobachten, denn zwischen der Bergstation und dem Sessellift, der uns bis ganz rauf bringt, gibt es eine Lücke, von der wir nicht wissen, wie sie geschlossen wird. Während Astrid losgeht, um auszukundschaften, wie es von hier weitergeht, stelle ich mich einfach nah an das Grüppchen ran, das nach dem Aussteigen aus der Gondel kurz stehenbleibt, werde als Fliegende erkannt und erfahre so, dass die drei Einheimische sind und mir gerne Auskunft geben, wie es von hier weiter hinaufgeht. Als Astrid zu mir zurückkommt, hab‘ ich den Plan, was zu tun ist. Erst quer zu Fuß über die Piste, die vor uns liegt, scheinbar wichtig, wir sollen oberhalb eines einzelnen Baumes queren, und dann bei einer kleinen Hütte sollen wir auf den, dort startenden Zauberteppich drauf, der uns in einem Tunnel ziemlich lang den Hügel hinauf mitnimmt. Wenn wir oben ausgestiegen sind, geht’s wieder ein kleines Stück zu Fuß quer über eine Piste zum erwähnten Sessellift, der uns zur Sonnklar Alm hinaufbringt. Die Alm liegt ein klein wenig unterhalb der Bergstation, an ihr vorbei die Piste runter und später einer Spur durchs Gelände folgend, erreichen wir in etwa 10-15 Minuten das Gelände wo im Grunde nach Belieben gestartet werden kann. Eine weitere, etwas größere Gruppe Pilot:innen stapft an uns vorbei, während wir noch einen Pipistopp an der Alm einlegen. Alles in allem sind etwas mehr als 10 Menschen mit Schirm plus uns beide am Startplatz. Mir fällt auf, dass wir entgegen der Prognose mitnichten Nullwind haben und wir identifizieren die teilweise ziemlich starken Windböen als thermische Ablösungen, die den Starthang hinaufziehen, denn die Sonne scheint schon den ganzen Vormittag am wolkenlosen Himmel und hat den Südhang entsprechend erwärmt als wir gegen Mittag dort eintreffen. Während wir uns wärmer einpacken und unser Flugequipment herrichten, beobachten wir die Böen und stellen fest, dass immer auch mal kurze ruhigere Phasen vorbeikommen. Wenn Frau allerdings versucht, in eine thermische Ablösung zu starten, kann’s blöd werden, wie wir bei den vor uns Startenden erkennen, von denen ein paar während des Aufziehens so eine Ablösung erwischen und ziemlich Arbeit und meistens mehrere Versuche mit Hilfe ihrer Gruppe haben, bis sie rausfliegen. Als alle anderen weg sind, hilft Astrid mir bei meinen Startversuchen, derer ich mindestens 3 brauche, bis ich die Kappe stabilisiert bekomme und mit wenigen Schritten abhebe. Der Schnee liegt zwar nicht hoch, doch es ist gerade genug, um nicht vernünftig Unterlaufen zu können. Dazu schauen noch ein paar Büsche aus dem Schnee heraus, wo sich die Leinen gerne verheddern, und die Böen kommen gefühlt aus allen Richtungen als ich in mehreren Anläufen rückwärts aufziehe, alles in Allem sehr mühselig, wenn der erste Versuch schief geht und ich habe ernsthaft Sorgen als ich wegfliege, ob Astrid das allein schafft, bei diesen ziemlich ruppigen Verhältnissen zu starten. Immerhin haben wir die Funken dabei, sodass wir uns über den Fortgang verständigen können, auch wenn ich aus der Luft nix tun kann. 
Die gute Nachricht: Die starken thermischen Ablösungen sorgen dafür, dass ich direkt überm Startplatz aufdrehen und in einer Art Parkposition bleiben kann und zu meiner Überraschung startet Astrid völlig problemlos wenige Minuten nach mir. Sie erzählt später, dass der Wind unmittelbar nach mir so eingeschlafen ist, dass sie kaum mit dem Wind auslegen konnte und schon überlegte vorwärts zu starten als eine ganz sanfte, laminare Brise ihr praktisch von allein den Schirm aufzog, sie sich nur noch ausdrehen musste und mit 1-2 Schritten abhob. So kann’s auch gehen und ich freue mich für sie, dass das so smooth funktioniert hat. 

Geschafft. Wir sind beide in der Luft. Von allen anderen Menschen, die vor uns starteten, sind nur noch zwei da, die sich jedoch ebenfalls irgendwo hin verkrümelten, wo ich sie nicht mehr wahrnehme, die Luft ist einigermaßen bockig, aber das ist jetzt keine Überraschung und zum Glück macht es mir heute nicht so viel aus. Der Boden ist kalt, die von der Sonne erwärmte Luft löst sich mit entsprechender Heftigkeit und blubbert ganz ordentlich nach oben und es hat Flüge unter ähnlichen Bedingungen gegeben, wo mich das sehr gestresst hat und ich zügig Landen gegangen bin. Einen kurzen Aufreger gibt’s als Astrid sich ziemlich bald nach ihrem Start 50m über Grund, wobei Grund in dem Fall sehr steiler, felsiger Bergwald bedeutet, einen Frontklapper einfängt, doch sie bleibt cool, der Schirm ist nicht beschleunigt, Hände hoch, sie weiß, dass die Kappe relativ schnell wieder von allein öffnet, und fliegt einfach weiter durch die Blubber-Thermik-Blasen, die ihr Höhe verschaffen. Eine tolle Entwicklung, die wir dank unserer 3 Sicherheitstrainings im Laufe der Zeit machen durften und die uns bei Kappenstörungen, die in thermischen Bedingungen immer auftreten können, erstmal gelassen bleiben lassen und keine Panikreaktionen folgen, die die Situation normalerweise nur verschlimmern. So nah überm Boden ist’s natürlich trotzdem ziemlich unkommod und erfordert eine Extraportion Drahtseilnerven. Ich hab‘ ne tolle Frau mit der ich nun im Anschluss fast eine Stunde in der Gegend rumfliegen darf. Es ist zunächst niemand mehr sonst in der Luft, wir steigen bis an die prognostizierte Höhe der Basis auf etwas über 2600m, fliegen den Grat ein bisschen ab, überfliegen das Gipfelkreuz auf einer kleinen Kuppe in der Nähe des Startplatzes, machen Fotos und Videos, denn das Telefon, dass inzwischen einen festen Platz auf dem Cockpit hat, ist leicht zu erreichen und die winterliche Kulisse einzigartig. Der einzige Pferdefuß ist die Kälte, die den Weg durch alle Lagen findet und wir entscheiden über Funk irgendwann, dass wir ins Tal rausfliegen, was über kurz oder lang zur Landung führen wird. In dem Fall eher lang, denn wir sind zu dem Zeitpunkt noch etwa 1,5km überm Landeplatz und machen zuerst noch einen Abstecher über Ahornach auf der gegenüberliegenden Talseite, wo sich ein Startplatz befindet, den wir vom Campingplatz aus zu Fuß erreichen können und erkennen diesen auch aus der Luft. Obwohl dieser Hang mit dem Dorf drauf ebenfalls schon den ganzen Tag von der Sonne beschienen wurde, trägt es hier nicht und der Wind ist zu schwach zum Soaren. Der überregionale Südwind wird weiter unten irgendwann durch den kälteren Bergwind abgelöst, der in bodennähe genau aus der anderen Richtung fließt, was wir beim Durchfliegen der unterschiedlichen Luftmassen deutlich spüren und was definitiv zu den nötigen Überlegungen für die Landeeinteilung führt. Noch ein bisschen Rollen und Nicken, das Pendeln um die Längs- und Querachse, um die Zeit bis zur Landung sinnvoll zu nutzen, die Windfahne am Landeplatz checken, die restliche Höhe bis zum Endanflug gegen den Wind mit längeren Gegen- und Queranflügen und vielleicht mit Abachtern abbauen und auf den Füßen aufsetzen. Was für ein geiler Flug. Mitten im Dezember auf über 2600m aufgedreht, fast eine Stunde bei eisiger Kälte in der Luft, das Universum hat mir ein fantastisches Geburtstagsgeschenk gemacht. Astrid landet ebenfalls fein, wir fallen uns in die Arme. Das kam so unerwartet, dass wir gar nicht fertig werden, uns zu freuen, dass wir so lange fliegen konnten. 
Die nächste Herausforderung besteht darin, unsere weißen Schirme auf dem grasigen, mit Schneeplacken und von der Sonne aufgeweichten Maulwurfshügeln bedeckten Landeplatz so zusammenzupacken, dass sie nicht völlig durchweichen und mit braunem Schlamm besprenkelt sind. Nicht so einfach und es lässt sich auch nicht ganz vermeiden, die Schirme nicht nass und dreckig zu machen, doch da fällt uns der Trockenraum ein, in dem wir sie ein klein wenig ausbreiten und zumindest trocknen können. Noch ein wenig von diesem Erlebnis geflasht, machen wir uns auf den kurzen Weg zum Campingplatz, wo wir leckeren Kuchen bekommen und bei einer Tasse Kaffee in der Kabine genießen dürfen. Ein Blick auf die Prognosen sagt, dass wir die nächsten Tage bis Weihnachten fliegen können, allerdings schließt mein Quatschi im Kopf zunächst aus, dass wir wieder so viel Geld an eine Bergfahrt hängen. Aber eins nach dem anderen. Heute steht nur noch ein nettes Abendessen auf dem Programm, bloß der favorisierte Plan, im Bistro des Campingplatzes lecker zu speisen, geht nicht auf, denn das ist noch geschlossen und soll erst am nächsten Tag öffnen. Andere Restaurants im Ort machen mich nicht so richtig an, es gibt zwar schon eine gewisse Auswahl, doch es wirkt entweder überteuert im Sinne Preis und Leistung passen nicht zusammen oder altbacken, weswegen wir uns kurzerhand dazu entschließen, die Pizzeria überm Cascade-Bad gegenüber des Landeplatzes aufzusuchen, von der wir auf jeden Fall wissen, dass die Pizzen sehr lecker sind, auch wenn das Ambiente eben eher an ein dämmrig beleuchtetes Schwimmbad erinnert. Dort machen wir für den nächsten Tag den Plan, zu Fuß zum Startplatz Ahornach zu gehen, weil uns auch ein wenig Bewegung gut täte und die Sonne wieder scheinen soll, allerdings mit etwas mehr Bewölkung, was einen thermischen Flug eher unwahrscheinlich macht. 

Der nächste Morgen. Es ist kalt, die Prognose ist aber nach wie vor gut für Ahornach, und so brechen wir zu Fuß nach dem Frühstück auf, um den Weg zu erkunden und hoffentlich den Startplatz vom Boden aus zu finden. Der Bewegung zu liebe, wie schon erwähnt, entscheiden wir uns gegen den Bus, den wir hätten bis Zentrum Ahornach nehmen können, obwohl es zu Beginn des Aufstiegs schon echt zapfig war, doch die Sonne schien, wir steigen südseitig auf und müssen sehr bald schon was ausziehen, weil es uns zu warm wurde. Den Weg kennen wir nicht, die Angaben in verschiedenen Karten-Apps waren teilweise widersprüchlich, am Ende trifft es unsere Fliege-App am besten. Das kostet ein bisschen Zeit, doch von der haben wir heute reichlich, weswegen wir es mit dem Tempo nicht übertreiben und außerdem überlegten wir, dass es keinen Sinn hat, zu früh zu starten, lieber soll die Sonne den Hang so lange es geht aufwärmen, mit der Hoffnung, dadurch etwas Steigen bzw. weniger Sinken zu haben. Knapp 600 Höhenmeter später treffen wir kurz vor 13 Uhr am Startplatz ein. Der sieht auf den ersten Blick sehr lieb aus, ist groß genug und wenig steil, dass wir gleichzeitig auslegen können, eine große Windfahne in der Mitte sagt, dass es hier vom Wind her immer noch passt und zunächst ist sonst niemand da als wir uns auf der geräumigen Bank ausbreiten und uns trockenlegen. Der Startplatz wird gerne und häufig von Flugschulen genutzt, doch die angeschlagenen Regeln sagen mir, dass das hier im Ort nicht alle toll finden, wenn geflogen wird. Des Weiteren gibt’s einen QR Code, über den wir die Gebühren fürs Fliegen heute bezahlen, was wir normalerweise immer tun, denn irgendwer hat Arbeit damit, dass das Fluggebiet nutzbar ist, wenngleich ich an manchen Orten, so zum Beispiel Rodeneck, die Höhe der Gebühren für extrem überzogen halte. Aber hier sind wir mit nem Fünfer pro Nase dabei, was in Ordnung ist. Wir sitzen noch ein wenig in der Sonne, futtern und trinken was, als weitere Pilot:innen eintreffen, ein Tandem ist auch dabei, wir lassen alle vor und schauen uns so mal an, wie sich das mit Starten verhält. 
Als alle weg sind, legen wir aus und Astrid zieht gegen 14 Uhr als erste auf. Der schwache Wind und die geringe Neigung lassen erkennen, dass Frau ein wenig die Füße in die Hand nehmen muss, um sauber abzuheben und über die sich unten anschließende Baumreihe drüber zu kommen. Es erinnert ein wenig an den Startplatz Stella in Bassano. Bei den anderen Pilot:innen und dem Tandem konnten wir schon beobachten, dass mit viel Steigen nix ist und alle sehr zügig zum Landen gegangen sind, der Landeplatz ist ohne Laub an den Bäumen geradeso zu erkennen, und so habe ich keine Erwartungshaltung, außer einen schönen Gleitflug machen zu dürfen. Mit etwas Abstand zu Astrid ziehe ich ebenfalls auf, muss ein bisschen laufen und bin in der Luft. Wir suchen trotzdem an den markanten Stellen im Hang, ob es nicht doch irgendwo ein klitzekleines Bisschen rauf geht, aber da tut sich nix, selbst mit unseren Thetas geht’s nur runter. Knappe 8 Minuten später biege ich in meinen Endanflug ein, um zu landen, allerdings treffe ich schon wieder nicht den richtigen Zeitpunkt zum Abfangen, bremse den Schirm zu spät und gebe ihm so keine Gelegenheit, vor meinem Aufsetzen langsamer zu werden und klatsche entsprechend auf. Ich ärgere mich, weil es die letzten Flüge eigentlich ganz gut geklappt hat, aber es ändert nix. Ich muss da weiter an mir arbeiten. Immerhin habe ich mir auf dem gefrorenen Boden nix getan, außer mir einen dreckigen Handschuh geholt. 
Zeit für Kaffee&Kuchen. Wir packen unsere Schirme ein, die wir wieder in den Trockenraum verfrachten, wo inzwischen andere ein paar Ski deponiert hatten, worüber wir uns leider keine Gedanken machten als wir die Schirme auf dem Boden auseinanderfalteten, denn, wie wir am nächsten Tag merkten, war Astrids Schirm überraschender Weise tropfnass auf der Seite, wo er auf dem Boden lag, weil sich unter den Ski eine Pfütze in der Fließenfuge bildete, wo der Schirm lag. Das war ein bisschen doof und wir hatten Mühe den Schirm bis zum nächsten Flug trocken zu bekommen. 
Mangels Lust, uns selbst was zu kochen und dem Umstand, dass das Bistro am Campingplatz heute ab 18 Uhr öffnet, hatte ich bereits am Morgen ein Tisch für 2 reserviert. Es gab wieder Pizza, denn der wenige Betrieb auf dem Platz veranlasste die Betreiber dazu, nur eine etwas eingeschränkte Auswahl anzubieten. Das machte aber nix, denn auch dort ist die Pizza sehr, sehr lecker. Dazu gab’s ein Landebier und wir sind mit den beiden Chefs ein wenig ins Gespräch gekommen, die den Platz erst dieses Jahr eröffneten und damit ein etwas anderes Angebot schafften als das, was die anderen Plätze in der Gegend so bieten. Die beiden sehr netten jungen Männer haben außerdem erst kürzlich geheiratet, was mich erneut daran erinnerte, was es für ein Privileg ist, dass so etwas gegen viel und lange anhaltenden Widerstand mit viel Leid für die Betroffenen endlich möglich ist. Drücken wir uns die Daumen, dass die anrückenden Faschisten keine Gelegenheit bekommen, diesen Fortschritt rückgängig zu machen und die Gesellschaft damit wieder ins Mittelalter zu katapultieren. Jedenfalls verbringen wir auf diese Weise einen außerordentlich netten Abend und entscheiden dabei nebenbei auch, was wir am nächsten Tag tun wollen. Der Schmerz über den Preis der Bergfahrt am Speikboden sitzt (noch) so tief, dass wir lieber erneut nach Ahornach hochgehen, denn der Wind könnte dort am nächsten Tag immer noch passen, wenngleich uns bewusst ist, dass er sehr schwach sein könnte und thermisch sicher nix gehen wird. Dass der schwache Wind noch ein anderes Problem macht, lerne ich dann.  

Astrids Theta ist am nächsten Morgen immer noch so nass, dass fliegen damit keine Option ist, doch glücklicherweise hat jede ja ein weiteres Flugzeug dabei, unsere Pi3s, die im Grunde die perfekte Wahl für einen Hike&Fly mit einem wahrscheinlich kurzen Gleitflug sind, weil das nämlich genau der Zweck ist, warum wir sie zu unserer Ausbildung eingekauft haben. Also hängen wir den Theta nochmal auf die Leine und packen unsere Leichtausrüstung für den Tag ein, wackeln rauf nach Ahornach zum Startplatz, wo heute zunächst weniger Menschen sind und weil es heute mit Bewölkung und wenig Sonne nicht so fein ist, lange rumzusitzen, legen wir uns zügig trocken und machen uns Startbereit. Auf irgendwelche Thermiken brauchen wir sicher nicht zu warten. Die Windanzeiger wirken zu diesem Zeitpunkt alle etwas unentschlossen, Wind von vorne gibt es praktisch keinen, gleichzeitig ist eine ganz schwache bodennahe, kalte Strömung vom Berg kommend zu spüren. Ich denke mir nichts dabei, denn unsere Leichtschirme lassen sich auch bei minimalem Rückenwind starten und den haben wir eigentlich nicht, es ist eher wankelmütiger Nullwind, und Platz zum Laufen gibt’s genug. Als wir auslegen treffen zwei weitere Fliegende ein, die beginnen, sich fertig zu machen. Astrid zieht als erste auf und bei ihrem Startlauf ist bereits gut zu erkennen, dass es heute anspruchsvoll ist zu starten. Die Luft ist kälter, der Schirm tut sich mit fliegen schwer, sie muss weit laufen bis sie abhebt und weil sich unten am Startplatz eine schwache Mulde befindet, bis zu der sie laufen muss, berührt sie nach dem Abheben fast nochmal mit den Füßen den talseitigen Muldenrand, kommt aber ohne weiteren Kontakt raus. Mmmhhhh….. war ein bisschen knapp. Mein Gehirn schaltet sich nach diesem Ereignis leider nicht ein, ich bin völlig entspannt und selbstsicher, rückblickend betrachtet schon fast arrogant, dass ich hier ohne Probleme starten kann. Ist ja ein einfacher Startplatz. Dass ich aufs Anbremsen Acht geben muss oder vielleicht mit deutlich mehr Impuls aufziehen muss oder vielleicht noch ein bisschen schneller rennen muss und die Bremsen dabei ganz offen haben muss, fällt mir nicht ein. Ich ziehe auf, als stünde ich mit 5km/h von vorne am Buchenberg. Der Schirm kommt relativ langsam hoch, ich drücke ihn regelrecht über mich, was meine Hände tun, weiß ich gar nicht so genau, ich beginne zu beschleunigen, merke aber gleichzeitig, dass mein Schirm zwar offen über mir ist, er aber nur wenig Druck aufbaut und nicht so richtig fliegen will. Also laufe ich schneller, die Startwiese ist eigentlich schon zu ende, es beginnt Kuhwiese, zwar ohne Kühe, aber mit deren Hinterlassenschaften. Mein nächster Fehler: Ich bremse die Kappe an, um den Widerstand kurzzeitig zu vergrößern und so vielleicht abzuheben. Das passiert zwar, doch ich komme sofort wieder auf den Boden zurück, weil der Hang zu flach ist für solche Späße, stolpere, lande mit offenem Schirm über mir auf meinem Popo und ziehe mit den Füßen voran zwei Furchen durch den Acker, weil laufen jetzt nicht mehr möglich ist und ich sitzend auch den Schirm nicht durchbremsen kann, um abzubrechen. So rutsche ich auf meinem Allerwertesten weitere 15-20m den Hang runter bis die Energie aus der Kappe ist und sie vor mir mit der Nase voran einschlägt. Priml. Ab Daunenjacke abwärts sehe ich aus als hätte ich im Schlamm gebadet. Hose, Schuhe, Überhose, Gurtzeug, Protektor, alles voll mit Matsch und Grasbüschel. Wenigstens habe ich mir nicht weh getan, ich stehe auf, raffe mein Zeug zusammen und steige den Hang hinauf. Inzwischen sind weitere Pilot:innen eingetroffen, ich würde am liebsten vor Scham im Boden versinken, doch von denen kommt absolut nix. Noch nicht mal die Frage, ob alles gut ist, geschweige denn, dass jemand sich bequemen würde, mir mit dem erneuten Auslegen zu helfen. Alles Männer. 
Weil wir bei diesem kurzen Flug auf die Funken verzichteten, kann ich Astrid nicht Bescheid geben, was natürlich gut gewesen wäre, denn sie hat meinen Fehlstart aus der Luft gesehen und machte sich Sorgen. Sie kann nichts tun, außer sich auf ihren Flug und ihre Landung zu konzentrieren. Ich gebe mir 10 Sekunden zum Schnaufen, als ich wieder am Platz zum Auslegen bin und um wieder runterzukommen, in mich zu gehen, mich zur Ruhe zu ermahnen und den Schlamm und das schlechte Gefühl auszublenden, denn das hilft mir jetzt nicht. Dann hänge ich mich aus den Tragegurten aus, als klar ist, dass von den Anwesenden keine Unterstützung zu erwarten ist, weil sauberes Auslegen, was bei Null- oder Rückenwind, sehr wichtig ist, eingehängt nicht funktioniert. Ich beginne bewusst meine komplette Startvorbereitungsroutine von vorne, lege pedantisch die Kappe zurecht, sortiere pedantisch die Leinen, hänge mich für einen Vorwärtsstart ein, verbinde die Brummelhaken für den Beschleuniger und sage mir jeden einzelnen Schritt vor, der sich auf meiner inneren Checkliste befindet. Es ist absolut kein Raum für Fehler oder Nachlässigkeiten. Wieder startbereit, halte ich kurz inne, um auch den folgenden Startablauf zu visualisieren. Mehr Aufziehimpuls, wenig Bremse, zügig beschleunigen, wenn die Kappe stabil über mir ist und wenn’s nicht fliegt, aktiv rechtzeitig abbrechen. Tja, und dann setze ich diese Dinge genauso in die Tat um und komme dieses Mal ähnlich in die Luft, wie Astrid vorher. Meine Füße hätten am anderen Ende der Mulde fast nochmal den Boden berührt, aber ich bin drüber gekommen und fliege aus dem Hang. Astrid ist schon lange gelandet, als ich endlich heranschwebe, innerlich zerrüttet ob meiner Startfähigkeiten, voll Selbstzweifel, andere, wie Astrid zum Beispiel würden über sich selbst lachen, vorausgesetzt, es ist sonst nichts passiert, was ja der Fall ist, doch ich schleppe da ein paar Pakete aus meiner Kindheit mit mir herum, die in solchen Momenten ins Bewusstsein rücken und mich mit mir selbst bis ins Mark hadern lassen. Für diese Gedanken bleibt zunächst jedoch nur wenig Zeit, denn die Flugzeit wird nicht länger, ich rolle ein kurzes Stück, um mich abzulenken und den Flug wenigstens für ein Minitraining zu nutzen und dann braucht’s auch schon eine Idee davon, wie der Wind am Landeplatz ist, um eine Chance auf eine gute Landung zu haben. Ich fliege zwar ein kleines Bisschen zu weit, doch ich setze noch im regulären Landefeld auf meinen Füßen auf. Immerhin hat das funktioniert. Ziemlich deprimiert treffe ich mit Astrid zusammen, erzähle kurz, was passiert ist und schmolle schön weiter vor mich hin, während sie bereits Pläne im Kopf hat, wie wir das mit den dreckigen Klamotten und dem dreckigen Gurtzeug hinbekommen, denn auf dem Campingplatz können wir mit unseren Zugangschips auch die Waschmaschinen nutzen. So gesehen ein Glück, dass ich mit meiner Bergsteige-Flug-Strapse geflogen bin, denn die kann Frau einfach waschen, was mit dem Wendegurtzeug nicht so einfach gewesen wäre. So packen wir zusammen, der Schirm hat bei der Aktion nix abbekommen und muss nur trocknen, und wackeln rüber zum Campingplatz, wo ich einfach alles ausziehe, was gewaschen werden muss, und nachdem ich den Protektor vom Sitzgurt getrennt hatte, ging alles mit Schonwaschprogramm, ganz wenig normalem Waschmittel und nur wenigen Schleuderumdrehungen in die Trommel. Die Schirme hängten wir dann grad noch auf und während meine Sachen ihre Runden drehten, gab’s Kaffee&Kuchen. Eine Stunde später war die Maschine fertig, meine Sachen konnten zum Trocknen auf die Leine und der äußerliche Spuk war vorbei. Leider gibt es niemanden, mit dem ich reflektieren hätte können, was ich da alles für Fehler gemacht habe, doch, wie oben schon erwähnt, halte ich eine gewisse arrogante Selbstüberschätzung auf so einem vermeintlich einfachen Startplatz für eine der Hauptursachen. Des Weiteren wäre es klug gewesen, nicht auf Biegen und Brechen weiterzulaufen, sondern sich vorm Aufziehen schon zu überlegen, wann spätestens ein guter Zeitpunkt zum aktiven Abrechen ist und man Chancen hat, das Dilemma kontrolliert auf den eigenen Füßen zu stoppen, statt den Schirm die Kontrolle übernehmen zu lassen und sich der Physik auszuliefern. Sagt sich aber immer auch leicht, ist es aber nicht, wenn Frau mittendrin steckt und es zunächst nicht erkennbar ist, dass es nötig wäre, sich über so etwas Gedanken zu machen. 
Als wir mal auf einem Gletscher starten wollten, haben wir diese Punkte berücksichtigt und uns in die selbstgetrampelte Anlaufspur sogar eine Abbruchmarke „eingraviert“, weil die Gefahr offensichtlich war, wenn’s nicht fliegt. 
Ich drücke mir die Daumen, dass ich was gelernt habe. 
An jenem Abend gehen wir nochmal los in den Ort, wir brauchen Semmeln, denn, das muss ich leider sagen, die aufgebackenen, die Frau über den Brötchenservice des Campingplatzes morgens bekommen kann, sind teuer und bockhart. In der Bäckerei gibt’s auch Feinkost, wie unangenehm, und es wandert mehr in die Einkaufstasche, als geplant. Ein altes Leiden: Gutes Essen. 

Unseren Aufenthalt auf dem Campingplatz verlängerten wir bis zum 24.12. und schufen uns so einen weiteren Tag, an dem wir fliegen können, denn die Südlage hält unvermindert an und wird erst an Heiligabend mit dem angekündigten Schneefall zu Ende gehen. Auf einen Hüpfer von Ahornach haben wir nach zweimal Rauflaufen und Runterfliegen hintereinander jedoch keine Lust mehr, am Kronplatz wäre es noch gut, doch dann müssten wir entweder mit dem Bus eine kleine Weltreise machen, oder unser Auto mit der Kabine bewegen und sie natürlich vorher abfahrbereit machen, wozu wir auch keine Lust hatten. Wir sind wohl faule Hühner. Die Prognose sagt für alle in Frage kommenden Startplätze inklusive des Speikbodens gute Bedingungen mit wenig bis kein Wind für den 23.12. voraus, allerdings nimmt die Bewölkung zu, womit es ziemlich sicher weder Thermik noch Hangaufwind geben wird. Egal, wo wir fliegen wollen. Am Ende entschließen wir uns dazu, trotz des enormen Preises für die Bergfahrt, nochmal zum Startplatz an der Sonnklar Alm am Speikboden hinaufzufahren, denn dort haben wir selbst bei einem Gleitflug mit fast 1500m Höhenunterschied das längste Flugerlebnis, das wir mit wenig Aufwand an diesem Tag realisieren können und wenn es keine thermischen Ablösungen gibt, dürfte das Starten dort ein kleines bisschen entspannter sein. Wir packen unsere Thetas mit den Wendegurtzeugen, ziehen uns warm an, ich muss noch ein kleines Problemchen mit meiner Finger PTT Freisprecheinrichtung des Funkgerätes lösen und dann machen wir uns auf den Weg zu Fuß zum Busbahnhof in Sand. Wie wir den Startplatz erreichen, wissen wir ja nun und dementsprechend zügig stehen wir oben im Schnee, dieses Mal ganz allein. Es sind keine anderen Pilot:innen hier. Der Wind kommt schwach aus Süd, alle Windfähnchen sagen das gleiche, der Himmel ist bewölkt, keine Sonne, es ist exakt so, wie vorhergesagt und natürlich arschkalt, aber ansonsten passt das für uns zum Starten. Wir zögern nicht, machen uns zügig fertig, wegen des sehr wenigen Windes können wir gleichzeitig auslegen, nur beim Leinensortieren ist’s blöd, weil unsere „Zahnseide“, die wir als Leinen an unseren Leichtschirmen haben, sich ständig in den kleinen Eiskrusten am Boden verheddert. Solange es nur wenige Leinen sind und der Schirm beim Aufziehen nicht hängen bleibt, macht das erstmal nix, weil der erste Impuls beim Aufziehen normalerweise das Problem löst. Wie gesagt, wenn Frau sich Mühe gegeben hat und nur sehr wenige Leinen sich doch irgendwo reingewurschtelt haben. Als wir beide startbereit da stehen, lässt Astrid mir den Vortritt, weil ich am Tag zuvor so einen Zirkus beim Starten hatte und sie vermeiden mag, dass ich allein oben stehe. Ich ziehe vorwärts auf, alle Leinen sind frei, der Schirm kommt hoch, ist offen, ich stabilisiere, beschleunige, muss minimal nach rechts unterlaufen, zwei Schritte und merke bald, dass mein Schirm mich trägt, der Boden unter mir weg geht und ich fliege. Ein feiner Start. Gibt nix zu meckern. Sofort beginne ich damit, am Hang entlang zu schleichen, auf der Suche nach Steigen, um nicht zu schnell zu verschwinden bis Astrid auch in der Luft ist. Leider habe ich Gelegenheit, ihren Startversuch aus den Augenwinkeln mitzubekommen und sehe, dass ihr Schirm beim Aufziehen schräg aufsteigt und wieder einseitig auf den Boden sinkt und sie nicht rauskommt. Z’fix. Ein Flügelende hat sich beim Aufziehen am Boden in den Eispinöppeln verhakt, wie sie mir später über Funk sagt, dann verdrehte er sich beim Absinken, sie stand bis zu den Knien im Schnee und die einzige Möglichkeit, sich zu befreien und neu auszulegen war, alles wieder auszuhängen, sich aus dem Schnee zu befreien und von vorne zu beginnen. Im weichen Schnee und allein ist das ziemlich mühselig und braucht Zeit und obwohl ich tatsächlich ein paar Mal das Sinken für kurze Zeit stoppen konnte, so musste ich doch irgendwann in Richtung Tal abbiegen und konnte nicht länger in einer Warteposition bleiben. Der zweite Anlauf hat bei Astrid dann jedoch geklappt, wenngleich sie wieder Zirkus hatte, es aber irgendwie hinbekommen hat, den Schirm über sich zu halten, viel Druck in die Tragegurte zu geben und per halbem Pinguinstart mit Entschlossenheit ins Fliegen zu kommen. Als sie sich per Funk meldet, dass sie in der Luft ist, bin ich wirklich erleichtert, drehe einmal eine Kurve und kann ihren Schirm weit oben sehen. Meine weiteren Versuche, irgendwo Hangwind zu finden, der das Sinken zumindest verlangsamt, bleiben alle erfolglos und auch Astrid findet nichts und folgt mir ins Tal raus. Um die Zeit bis zur Landung sinnvoll zu nutzen, rolle ich erneut ein wenig, wobei ich mir Mühe gebe, auf Achse zu bleiben und einen guten Rhythmus zu finden. Vom sogenannten Wingovern bin ich noch Lichtjahre entfernt und solange die Basics dazu nicht passen und nicht automatisiert geflogen werden können, brauche ich die Baustelle „Außenflügel“ in freier Wildbahn nicht. Pendelt Frau nämlich zu weit nach oben oder sogar über die Mittelachse hinaus, wird es notwendig, den Außenflügel vorm Einklappen zu bewahren und dabei ist es wichtig, die richtige Dosis beim Anbremsen zu finden, weil dieser Flugzustand sonst unrund wird und vielleicht sogar stoppt, was Frau ja nicht will. Tut Frau nix, das habe ich schonmal unfreiwillig ausprobiert, klappt der Flügel am oberen Totpunkt ein, weil der Druck rausgeht und dann kann es blöd werden. Mich hat’s dabei in einer halben Sekunde über die geklappte Seite in eine Steilspirale katapultiert und ich hatte kurz Probleme zu erkennen, wo überhaupt innen und wo außen ist. Deswegen bin ich da etwas vorsichtig. Aber ich bleibe dran. Gelingt dieses Mal auch gut, was in der Garmin Aufzeichnung schön zu sehen ist, und nachdem ich die Pendelbewegung ausleitete, entschließe ich mich dazu, noch eine kurze Spirale zu fliegen, denn die ist wirklich wichtig und muss ebenfalls regelmäßig geübt werden. Ich entscheide mich für eine Drehrichtung, lege für meine Hände an den Steuerleinen fest, welche Hand innen und welche außen ist, und leite das Manöver durch einen entschlossenen, gleichmäßigen Zug an der Innenseite mit Gewichtsverlagerung ein. Mein Schirm braucht kaum eine ganze Umdrehung bis ich merke, dass er sich in die Kurve beißt, die Geräuschkulisse explodiert und die Eintrittskante sich in Richtung Boden dreht. Auf geht’s, mit über 80km/h rotiere ich außen um den Schirm, sinke mit etwa 14m/s und werde dabei ordentlich in mein Gurtzeug gepresst. Die Kunst besteht nach dem Einleiten daraus, die Flugbewegung unter Kontrolle und die Orientierung zu behalten und einen Sinkwert mit entsprechender Rotation zu stabilisieren, den Frau gut aushalten kann, d.h. während des Manövers bin ich permanent mit dem Wechselspiel von Innen- und Außenbremse beschäftigt, um die Neigung der Kappe zum Horizont und damit die Sinkgeschwindigkeit und die auftretenden G-Kräfte in einer guten Balance zu halten. Mir und auch Astrid gelingt das inzwischen gut und wir fliegen das Manöver zuverlässig in freier Wildbahn, doch es hat 1-2 Sicherheitstrainings gebraucht, bis das so war. 
Der schwierigste Teil kommt mit der Ausleitung, denn das System hat eine enorme Energie, die beim Stoppen der Drehung irgendwo hin muss. Die meiste Zeit im Sicherheitstraining war ich tatsächlich damit beschäftigt, die Ausleitung zu üben, denn, wie so oft, ist Timing, Intensität der Bewegungen und das Spiel zwischen Innen und Außen der Schlüssel. Prinzipiell sage ich meinem Schirm über die Außenbremse, dass wir jetzt wieder normal weiterfliegen wollen, sie hat die Macht über das Manöver, aber gleichzeitig soll das Drehen so sanft, idealerweise gegen den Wind, so ausgeleitet werden, dass die Energie nicht über ein starkes Steigen, sondern über flache Kreise abgebaut wird, weil unter Umständen beim starken Steigen die Strömung abreißen könnte. Das wollen wir nicht. Also brauchen wir stets auch wieder die Innenbremse, um so lange in der Kreisbewegung zu bleiben, bis die Triebwerke aus sind. Fun Fact: Leitet man mit dem Wind aus, kann es den lustigen Effekt geben, dass Frau durch ihre eigene Windschleppe fliegt, was üblicherweise am Schirm zu einem kleinen Seitenklapper führt. 
Astrid fliegt ebenfalls ein paar Manöver zur Übung, ihre Baustelle ist das Abfangen nach dem Nicken, sie ist sehr weit über mir als meine Höhe ausgeht und ich per schöner Landung den Flug beende. Astrid filmt meine Landung und die Perspektive ist spannend, weil sie dabei etwa 500 Höhenmeter über mir ist. Ich schaue ihr von unten bei ihren Manövern zu und bin schon ein klein wenig stolz, dass wir uns inzwischen selbständig beim Fliegen mit Dingen beschäftigen, bei denen ich mir am Anfang fast in die Hose gemacht habe, ohne dass jemand per Funk am Ohr hängt und notfalls eingreift. Das Gelernte beim freien Fliegen umzusetzen, ist eine Hürde oder kann eine Hürde sein, über die Frau erstmal drüber muss. Ich bin mit meinem Flug jedenfalls mehr als zufrieden, denn es hat vom Start bis zur Landung endlich mal alles einwandfrei funktioniert und als Astrid ihren Flug mit einer superfeinen Landung beendet, hat auch sie ein breites Grinsen im Gesicht. Schon irre, dass wir so etwas Abgefahrenes tun. Das Wissen um diesen Umstand lässt die meisten Unzulänglichkeiten, wie den verkackten Start tags zuvor, dann bald auch wieder verblassen, denn im Grunde haben wir einen Plan, was wir tun, haben eine irre Freude daran, ja, und manchmal geht eben mal was schief. Solange wir auf zwei eigenen Beinen den Landeplatz verlassen können und verstehen, was schiefgelaufen ist, ist alles kein Drama.
Im Tal ist die Sonne bereits weg, es ist kalt im Schatten, weswegen wir das Freuen auf die Kaffee/Kuchen-Zeit in der Kabine verschieben und zusehen, dass wir die Schirme in den Trockenraum schaffen. Für diesen Aufenthalt war das der letzte Flug, aber ich gehe davon aus, dass wir es erneut hier versuchen, wenn es vielleicht etwas thermischer ist, denn die Gegend ist fantastisch und bei guten Bedingungen sind hier, glaube ich, auch für uns schöne, kleine Streckenflüge möglich. 

Die letzte eiskalte Nacht geht vorüber, nach einem gemütlichen Frühstück checken wir aus, verabschieden uns von den lieben Menschen vom Campingplatz und müssen anschließend für die ganzen sich anschließenden Feiertage und das Wochenende mit meinen Mädels einkaufen, bevor wir bei einsetzendem Schneefall über den Brenner zurück nach Hause machen. 
Glücklicherweise fällt nicht so viel Schnee, wie befürchtet und wir kommen ohne Probleme mit überraschend wenig Verkehr über den Buckel und durch die Brückenbaustelle. Nur um Seefeld in Tirol herum sind die Straßen auf einem kurzen Stück verschneit, eine neue Erfahrung mit dem 3,5 Tonnen Gefährt auf All Terrain Reifen, aber es ging alles gut. Heiligabend waren wir zu Hause, haben uns was Leckeres aus der heidnischen Küche zubereitet, hatten Zeit, die Kabine am nächsten Tag winterfest zu machen, damit sie übers folgende Wochenende vor der Tür stehenbleiben kann und sind dann ins Saarland zu meinen Mädels abgedampft mit 4 Flügen an 4 Tagen hintereinander in Südtirol im Dezember im Gepäck. Ich finde das schon außergewöhnlich.

Fliegen in Südtirol, 19.-24.12.2025

Viele Jahre sind wir die Tage vor Weihnachten selbstverständlich ins Kaunertal gefahren, hatten eine mehr oder weniger teure Ferienwohnung, fuhren 2-3 Tage Ski, um für die Skitourensaison ein wenig gerüstet zu sein und verbrachten meistens auch meinen Geburtstag und manchmal sogar Weihnachten mit meinen Mädels dort. Doch seit 2-3 Jahren macht uns das irgendwie nicht mehr an, ein kleines Skigebiet, immer die gleichen Pisten, denn die letzten Jahre war selten genug Schnee da, um durchs Gelände abzufahren, und dann die explodierenden Preise für die Tageskarten, die sich in den letzten 10 Jahren verdoppelt haben. Seit das Fliegen in unser Leben getreten ist, haben sich auch diese Dinge verändert. Ich suche lieber um diese Zeit nach einem Ort, wo wir fliegen als einen, wo wir Skifahren können. Hinzu kommt dieses Jahr der Gamechanger in Sachen Flexibilität: unsere rollende Ferienwohnung, mit Hilfe derer wir uns von völlig überteuerten Absteigen endgültig verabschiedeten und bei Schlechtwetter nicht mehr festsitzen. So fiel die Wahl dieses Mal auf Sand in Taufers mit dem fantastischen Campingplatz Såndgøld Alpine Glamping, auf dem wir im Oktober schon mal standen, und wo wir bis dahin noch nicht geflogen sind.

Eine Woche im Oktober verbrachten wir mit meinen Kindern im Saarland, fuhren dort donnerstags hin, blieben eine Woche, fuhren freitags in der Woche danach zurück nach Bayern, holten samstags unseren Pickup aus der Werkstatt, der wegen einer Rückrufaktion die Woche dort verbrachte und wo er bei der Gelegenheit noch einen Marderschreck verpasst bekam, nachdem uns auf der letzten Ausfahrt nach Südtirol so ein kleines pelziges Tier in die Suppe gespuckt hatte, und fuhren noch am gleichen Abend los in Richtung Alpensüdseite, denn für unsere Urlaubswoche war im ganzen Alpenland bis auf Bassano richtig mieses Wetter vorhergesagt, mit Schnee, Sturm und viel Regen. Nix, wie weg. Dass wir nach Bassano aufbrachen war tatsächlich von mir ausgegangen, obwohl ich dieses Fluggebiet so überhaupt nicht mag. Es ist immer viel los, Startplätze immer brechend voll, Luft immer brechend voll, Landeplätze immer brechend voll und leider gibt es sehr viele Fliegende dort, die weder Hangflugregeln zu kennen scheinen noch wissen, wie in Thermiken gekreist wird. Teufel -> Fliegen, wenn wir fliegen wollen, dann geht’s in dieser Woche nur dort. Slowenien war nicht gut vorhergesagt, Meduno ebenfalls nicht und diese beiden Gebiete sind von uns aus für 3-4 Tage auch echt zu weit zu fahren mit unserem Schneckenhaus, mit dem wir lange nicht so zügig unterwegs sein können, wie mit dem PKW. Derweil rede ich mir ein, dass es eigentlich nicht so voll werden dürfte in Bassano, wo die ganze Woche Sonne mit einer hohen Vorhersagewahrscheinlichkeit angekündigt war, denn die Ferien gehen überall zu Ende, es ist Herbst und damit kalt, und, und, und, ich hab’s mir versucht, schön zu reden. Und wenn’s nur ist, um nochmal die Sonne zu sehen, bevor es erst Ende März wieder heller wird. 
Es geht wieder über den Brenner, dieses Mal bis nach Trento runter, wo wir nach Osten abbiegen und uns an einem der Seen, dem Lago di Caldonazzo, die am Weg liegen, einen Ort für die erste Nacht suchten und fanden. Meine Theorie, dass hoffentlich nicht mehr soviel Betrieb in Bassano ist, wurde dadurch gestützt, dass dieser erste Stellplatz völlig leer war und wir die einzigen blieben, die dort übernachteten, und es sogar nix kostete, weil außerhalb der Saison. Sonntagsmorgens fuhren wir noch etwa 1,5 Stunden weiter bis nach Semonzo del Grappa zum Landeplatz am Hotel Garden Relais, in der Annahme, wir bekommen von dort ein Shuttle zu den Startplätzen, fliegen dort einmal schön und richten uns dann am Camping Santafelicita für die kommenden Tage ein. Ähm, nein. Als erstes lernen wir, dass das Hotel anscheinend die Parkplätze für die Fliegenden gesperrt hat, um den eigenen Gästen genügend Parkfläche zur Verfügung stellen zu können, was dazu führte, dass die gesamte Straße am Landeplatz vorbei bis weit in die Pampa komplett vollgestellt war und wir nur ganz am Ende hinter einem kleinen Weinanbaufeld am Straßenrand noch was fanden. Ansonsten überall Himmel und Menschen mit großen Rucksäcken. Bassano ist wirklich schlimm, aber sowas habe ich noch nicht erlebt. Wir packen unsere Sackerl mit den Flugzeugen und gehen vor zum Garden Relais, Astrid hat auf dem Weg bei Regis per WhatsApp nach zwei Plätzen im Shuttle gefragt, damit wir möglichst bald raufkommen, doch der hat relativ schnell geantwortet, wir können versuchen, am Abend Plätze für den nächsten Tag zu bekommen, es täte ihm leid, aber er sei für heute komplett voll. Das nächste Shuttle, Enrico, hat sich erst gar nicht gemeldet. So standen wir am Garden Relais blöd rum, Shuttles waren nicht zu bekommen, die Schlange derer, die wahrscheinlich schon Tage im Voraus gebucht hatten, war endlos lange. Glücklicherweise hängt am Landeplatz eine Informationstafel mit Hike&Fly Touren, auf der wir lernten, dass es zu Fuß von hier zum Startplatz Bepi etwa 1,5 Stunden Aufstieg sind und nicht mehr als 700 Höhenmeter. Das ist für uns eigentlich nix und bevor wir hier bis zum Nimmerleinstag auf ein Shuttle warten, das nicht kommen wird bzw. das keinen Platz für uns haben wird, schlug ich vor, dass wir zurück zum Camper gehen, uns für den Fußweg richten und eben zu Fuß zum Startplatz gehen. Es war zu dem Zeitpunkt noch keine 11 Uhr und starten vor 13 Uhr hätte mit Blick auf die Thermikprognose sowieso keinen Sinn ergeben. So machen wir das und ganz ehrlich, der Weg hinauf ist wunderschön und praktisch niemand geht hier zu Fuß, weswegen wir nur sehr, sehr wenige Menschen trafen. Erst als wir am Startplatz ankommen, gibt’s auch hier das Ausmaß der überbordenden Menge an Menschen zu erleben und sich die üblichen Dramen bei den Startversuchen abspielen. Bereits auf dem Weg hinauf sind wir uns einig, dass wir hier kein Shuttle versuchen zu buchen, sondern alle Flüge in den nächsten Tagen per pedes beginnen wollen. Ganz oben auf meiner Wunschliste, wenn wir schonmal hier sind, stand ein Start am Panettone, einem der höchstgelegenen Startplätze der Gegend, nahe am Gipfel des Monte Grappa, was zu Fuß vom Campingplatz aus jedoch gute 11km Strecke und etwa 1400 Höhenmeter bedeutet, doch das schreckt uns jetzt auch nicht wirklich ab, weil wir das gehen können. Ebenfalls auf dem Weg nach oben stellten wir uns die Frage, wen wir wohl dieses Mal hier treffen werden, denn bei dieser gigantischen Menge an Pilot:innen ist es fast 100%ig sicher, dass jemand dabei ist, den oder die wir kennen. So war es bisher immer, wenn wir hier gewesen sind.

Am Startplatz angekommen, legen wir uns zunächst trocken, denn es ist überraschend warm, also viel wärmer als die letzten Wochen, egal wo wir gewesen sind, und dementsprechend habe ich geölt. Währenddessen bieten manche bei ihren Starts eine richtige Show und der Strom an Pilot:innen reißt nicht ab, ständig kommen Shuttles und Flugschulen mit eigenen Bussen an, werfen 8-10 Menschen ab und holen sofort Nachschub, fast alle Sprachen Europas sind zu hören. Wir haben sogar kurz überlegt, einfach bis zum Sonnenuntergang hier zu warten, weil es dann wahrscheinlich ruhiger wird, doch dann riss der Strom plötzlich kurz ab und es taten sich auf dem Startplatz ganz unerwartet Lücken auf. Wir beschließen zu starten, Astrid macht sich als erste fertig, ich helfe beim Auslegen und nachdem der Pilot vor ihr es dann beim dritten Versuch mit unserer Hilfe auch endlich geschafft hat zu starten, ist sie sofort in der Luft. Mein Versuch, den gleichen Fleck zum Starten zu okkupieren, wird durch einen Tandempiloten mit seinem Gast vereitelt, der hat gemäß gelebter Üblichkeit Vorfahrt. Damit mir danach niemand den Platz wegschnappt, zog ich wenigstens schonmal eine Seite meines Flügels auseinander, sortierte die Leinen auf jener Seite und hoffe, der Vogel mit seinem Tandem ist bald weg. Ist er nicht, denn auch er produziert erstmal einen Fehlstart, wohlgemerkt, keinen Startabbruch. Statt meine andere Seite meines Flügel nun auseinander zu ziehen, helfe ich ihm beim erneuten Auslegen seines gigantisch großen und schweren Tandemschirms, denn über ihn hinweg kann ich eh nicht starten. Währenddessen faltet der immer wieder auftretende Ostwind meinen Schirm wieder zusammen, aber wenigstens kommt der Tandem im zweiten Anlauf raus. Ich beginne meine Auslege- und Sortierarbeiten von vorne, und wie üblich hier, kommt von den ausschließlich männlich identifizierten und nicht eingehängten Piloten keine alte Sau auf die Idee, mal mit Hand anzulegen, damit es für alle schneller und einfacher geht. Das ist, nebenbei bemerkt, einer der Gründe, warum ich nie wieder ein gemischtes Fliegetraining in irgendwas buchen würde. In Frauengruppen passiert sowas nicht. Frauen helfen sich gegenseitig und vergeuden ihre Zeit nicht mit Platzhirschgehabe. 
Als ich endlich soweit bin, die Tragegurte in mein Gurtzeug einzuhängen, faltet mir der Ostwind noch einmal meine Kappe zusammen und ich versuche erst gar nicht, jemanden nach Hilfe anzusprechen, da aussichtslos, sondern ziehe meinen Schirm erneut neu auseinander. Lustigerweise ist zum Zeitpunkt meines Starts dann gar kein Wind mehr, was mir die Gelegenheit gibt, vorwärts aufzuziehen, worin ich deutlich mehr Routine hab und der Start sofort gelingt. 
Ein neues Thema ereilt mich. Kaum haben die Füße den Boden verlassen, merke ich, wie ruppig die Luft ist. Vom Start weg bin ich permanent damit beschäftigt, meine Kappe offen zu halten und ich empfinde diese Situation als extrem unangenehm. Astrid ist zu diesem Zeitpunkt schon bald zwanzig Minuten in der Luft und von ihr erfahre ich, wo es Steigen gibt und fliege diese Stellen sofort an und beginne zu kreisen, doch mit jedem Meter, den es rauf geht, wird es schlimmer. Ich werde in meinem Gurtzeug hin- und hergeworfen, bewege mich zwischen 5m/s Steigen und 9m/s Sinken, die Thermiken sind relativ kleinräumig, sodass ständig mindestens eine Flügelseite rein- oder rausfällt, obwohl ich relativ eng drehe, was zu einem extrem unruhigen Flug führt. Ich beginne mich zu fürchten, habe das Gefühl, keine Kontrolle zu haben, und -ganz neu für mich- die Höhe macht mir was aus. Das kannte ich bis dahin überhaupt nicht und ich war auch weit davon entfernt wirklich hoch über dem Boden zu sein, im Vergleich zu anderen Flügen, bei denen es mich eher amüsierte, 1-2 km über Grund auf über 3000m MSL zu fliegen. Es gibt schon komische Tage. Rückblickend versuchte ich mir ein Bild davon zu verschaffen, was diese Unsicherheit und dieses extreme „Ich-will-hier-nicht-sein“-Gefühl ausgelöst hat, doch das ist nicht so einfach zu beantworten. Die arme Astrid, die sich mein Geschimpfe und meine Angstgefühle im Funk anhören musste. Ich kam zu dem Schluss, dass mich so ziemlich alles an diesem Tag und insbesondere die wahnsinnige Menge der anderen Menschen sowohl am Startplatz als auch in der Luft schon stressten. Zu wenig gegessen, zu wenig getrunken, Stress beim Starten, Stress ganz besonders in der ersten Thermik, wo ich mit gefühlt 100 anderen gleichzeitig eindrehte und weder Augen noch Ohren ausreichten, um alles zu erfassen plus die an sich schon sehr unruhigen Verhältnisse in Kombination dazu führten, dass es mir von der ersten Sekunde in der Luft an nicht gut ging. Immerhin habe ich mich so 3-4 Thermiken hochgewürgt, wobei es nicht wirklich hoch ging, denn auf etwa 1200m MSL war für alle Schluss. Ebenfalls ein Grund, warum es so unsagbar voll war, denn es verteilte sich nicht. Mir reicht’s, ich biege in die Ebene Richtung Landeplatz ab. Raus aus dem Pulk und viel Sinken ließen mich irgendwann ein klein wenig entspannen, weil ich plötzlich allein war und ich mich einfach auf eine schöne Landung konzentrieren konnte, die mir auch gelungen ist. By the way, seit dem letzten Sicherheitstraining, wo ich mein Timingproblem beim Landen erkannte und sukzessive korrigierte, bin ich stets auf meinen Füßen gelandet und habe mit einer unkritischen Ausnahme immer das Landefeld getroffen. Astrid bleibt in diesem Ameisenhaufen irgendwie gelassener, was mich sehr für sie freut, wenngleich sie ebenfalls einige Begegnungen der dritten Art auf ihren Flügen hatte. Nach bald einer Dreiviertelstunde landet auch sie am Garden Relais, wo es nach wie vor zugeht, wie auf einem anderen Planeten. Mit Fliegen bin ich für heute fertig. Wir genießen das warme Wetter, packen in aller Ruhe unser Zeug ein, quatschen über das Erlebte und dann brumselt Astrids Telefon, ein Bild von unserem Camper, wie er weit hinten am Straßenrand steht, kommt rein, gemacht von Vreni, die wir vom letzten Sicherheitstraining kennen. Da schau her. Die Frage, wen wir wohl dieses Mal treffen, ist beantwortet und kaum haben wir’s geschnallt, steht die liebe Vreni auch schon vor mir. Ihrem Papa gehört die Flugschule Oase im Oberallgäu und sie sind diese Tage ebenfalls hier zum Fliegen, gerade angekommen und versuchen, ein Shuttle zu bekommen. Witzig. Leider sehen wir uns danach nicht mehr, aber wen wundert’s bei hunderten Pilot:innen. 
Astrid und ich siedeln um, wollen auf den Camping Santafelicitas in Semonzo, doch dort ist im regulären Areal kein Platz mehr für uns und es wird auch keiner frei in den nächsten Tagen. Einzige Alternative ist der Aussenlandeplatz, der zum Campingplatz gehört und an dessen Rändern die Leute mit ihren Campern stehen und der ebenfalls kaum noch Lücken aufweist, in die wir uns quetschen können. Strom und Wasser gibt’s da nicht, wir können lediglich die Sanitärräume des Campingplatzes, sowie Ver- und Entsorgung nutzen und bekommen zu dem Zweck auch zwei Zugangschips beim Anmelden. Die Wiese hängt überall, in der ersten Nacht stehen wir blöd, ein Baum kratzt die ganze Nacht mit seinen Ästen über unsere Kabine, die Nachbarn auf einer Seite sind bis spät in die Nacht sehr laut und unsere Gasheizung nervt mit ihrem Gezündel in den frühen Morgenstunden, das uns alle paar Minuten aufschrecken lässt. Sehr durchwachsen geht so die erste Nacht dahin. Letzte Aktion am Abend: Ich reserviere uns zwei Plätze im L’Antica Abbazia für den Montagabend.

Der erste Blick am nächsten Morgen gilt der Prognose fürs Flugwetter, die konstant schlechter wird und uns ist klar, dass etwaige Streckenflüge hier nur noch Glücksache sein werden und auch mein kleiner Wunsch, vom Startplatz Panettone starten zu können, ist erstmal geplatzt. Für heute soll es bedeckt bleiben, der überregionale West-Nordwest kommt bis auf 1500m runter, Föhn isses keiner, doch er wird sicher wieder zu sehr unruhigen und zerrissenen Verhältnissen beitragen. Unser erster Plan, einfach „nur“ eine Wanderung zu machen, weicht relativ schnell der Idee, dass wir unser ganz leichtes Zeug mit dem Pi3 doch mitnehmen und zu Fuß zum Startplatz Casette aufsteigen, wo die Bedingungen für mindestens einen Gleitflug noch ganz gut zu passen scheinen, um uns den mindestens mal anzusehen und vielleicht sogar zu starten. Weil uns jedoch der Kratzebaum so genervt hat in der Nacht, ist Maßnahme #1 nach dem Frühstück und vor dem Losgehen: Auto umstellen. Es haben sich seit gestern ein paar Lücken gebildet, wo wir besser stehen würden und wo wir sogar am Nachmittag noch ein wenig Sonne abbekommen könnten, also tun wir das schnell. 
Der Startplatz Casette liegt auf ziemlich genau 1000m MSL, was netto für den Aufstieg etwa 750 Höhenmeter bedeutet, allerdings ist die Wegstrecke mit etwa 6,5 km etwas länger als vom Garden Relais zum Startplatz Bepi, wo wir gestern unser „schweres“ Flugzeug hochtrugen. Die leichte Ausrüstung mit dem Pi3, dem Bergsteigegurtzeug, dem kleineren Retter, dem Kletterhelm, usw. ist mit dem deutlich bequemeren Rucksack von Neo beinahe nicht auf dem Rücken zu spüren, ich schätze, er ist mindestens 5kg leichter. Gegen 10Uhr gehen wir los, es ist noch relativ kühl, ein Großteil des sehr schönen Weges verläuft im Wald und teilweise nordseitig, weswegen wir lange gehen, bis uns die ersten Sonnenstrahlen erreichen und die dann auch guttun. Wie erwartet sind so gut wie keinen anderen Menschen hier unterwegs und wenn ich mich recht erinnere überholt uns nur genau ein Pilot, der ein wenig zügiger unterwegs ist als wir. Als wir uns in einem Bogen unter der Startwiese hindurch vorbei an einem Agritourismo und einem kleinen Eselgehege dem Startplatz nähern, ist unschwer zu erkennen, dass auch hier der Papst im Kettenhemd boxt. Mehrere Flugschulen sind da, die auch konstant Nachschub liefern, was dafürspricht, dass die Startbedingungen hier nicht so schlecht sein können, die Windfahne zeigt das mit kleinen Abweichungen auch so an. Auf dem Weg rauf hatten Astrid und ich besprochen, dass wir relativ schnell eine Entscheidung treffen wollen, ob wir starten oder nicht, denn wenn nicht, legen wir uns gar nicht erst trocken, sondern gehen möglichst bald nach der Inspektion des Startgeländes wieder runter. Ich bin wankelmütig. So viele Menschen machen mich am Startplatz nervös, wenngleich ich schon wahrnehme, dass der Startplatz im Vergleich zu Bepi oder Stella sehr viel feiner zum Starten ist, nur im Abflug muss Frau ein wenig sehen, dass sie zügig nach links kommt, wenn sie kein Steigen hat, was heute sicher der Fall ist. Knapp wird’s nur bei Pilot:innen, die nicht sauber starten, den Schirm beim Aufziehen zu wenig anbremsen und/oder zu früh freigeben, denn dann sackt der Schirm beim Fahrtaufnehmen logischer Weise durch. Das ist Physik.
Trotz des mir sehr unangenehmen Trubels habe ich Bock auf Fliegen und wir entscheiden uns für diese Option, ziehen uns um, essen und trinken was und während wir uns so langsam in Richtung Startbereitschaft entwickeln, fallen uns ein Papa und seine Tochter auf, die wenig routiniert und etwas planlos wirken, diskutieren unter anderem, wie die Tragegurte nun eingehängt werden müssen und als die junge Frau als erstes ihren Schirm auseinanderzieht, kann Astrid nicht mehr anders als hinzugehen und mit den beiden lieb und respektvoll zu sprechen, damit nix Blödes passiert. Rebecca und Rüdiger, wie wir später lernen, sind das erste Mal nach einem ganzen Jahr an einem Startplatz, fliegen generell nicht viel häufiger als einmal im Jahr und sind ein klein wenig froh, dass jemand einspringt und sie bei ihren Startvorbereitungen unterstützt, ohne dabei aufdringlich oder übergriffig zu werden. Umso mehr freut es mich zu sehen, dass die beiden sehr souverän und sicher starten und ihren Weg in die Luft finden und überraschender Weise fliegt Rebecca eine gute Stunde anschließend in den Thermiken rum, was wir am nächsten Tag erfahren. Wirklich toll. 

So, dann jetzt wir. Weil ich vom Vortag noch mit meinen schlechten Erfahrungen belastet bin und ein wenig mit Wasser in den Ohren über den Startplatz wackele auf der Suche nach einer Lücke, schiebt Astrid mich auf den besten Platz nach vorne, wo gerade ein Pilot abhebt und das Fleckerl für mich frei macht. Von allein wäre ich dort nicht hin, denn in meiner Wahrnehmung okkupierten die Flugschulen diese Ecke und alle anderen drapierten sich außen herum, doch tatsächlich bin ich niemandem in den Weg gesprungen. Astrid zieht meinen Schirm auseinander, sie besteht darauf, dass ich als erste starte, ich sortiere meine Leinen, checke mich, den Wind und meine Startrichtung und in sehr kurzer Zeit bin ich soweit, ziehe auf und fliege gegen 13Uhr weg. Astrid kommt relativ schnell hinter mir her, denn sie bekommt völlig unerwartet Hilfe als zwei Jungs beispringen und ihr den Schirm auseinanderziehen, was in Bassano wirklich Seltenheitswert hat. Ziemlich schnell merke ich, dass es arschkalt ist, ich nicht ausreichend warm angezogen bin und schon nach wenigen Minuten zu zittern beginne. Es pfeift besonders in meine leichten Halbschuhe rein und die Beine hoch, ich hatte mir gespart, die Softshellhose raufzutragen und die unterste Schicht war zudem noch angeschwitzelt, über die ich nur meine Fliegeleggings drüberzog und die Akkus in den Heizehandschuhen hatte ich auch vergessen anzustecken. Sollte ja nur ein Gleitflug mit dem Pi werden. Kommt aber alles anders, denn wir finden eine Ecke, wo es steigt und beginnen damit, in die Thermiken einzudrehen und raufzufliegen, während ich mit meinen Zähnen so vor mich hinklappere. Ja, mit dem Pi kann Frau auch Thermik fliegen, sie, die Thermik, muss nur stark genug sein, damit sie das überdurchschnittliche Sinken dieses Schirmmodells kompensieren kann und dann geht’s rauf. Es taugt mir etwas besser als am Vortag, die Luft ist ein klein wenig ruhiger, weil generell weniger Wind ist und wir deutlich unter dem überregionalen West fliegen und auch nicht soweit rauf kommen, dass es eine signifikante Rolle spielen würde. Die Wolkendecke hängt tief, Sonne kommt nur wenig durch, umso erstaunlicher, dass es überhaupt Steigen hat. Leider geht es allen anderen auch so und ich sehe mich nach wenigen Minuten in meinen Thermikkreisen umzingelt von krass vielen Schirmen, denn Steigen ist magnetisch, von denen offensichtlich nicht alle wissen, wie sie sich zu verhalten haben, oder es einfach ignorieren, um ihre eigene Flugroute durchzusetzen. Ich bleibe defensiv, mache Platz, finde andere Wege, kein Bock auf toxische Männlichkeit, freue und wundere mich zugleich, dass der Pi so gut fliegt und zittere weiter vor mich hin, während ich zwischendurch die Thermik wechsele und mich immer wieder mit Astrid über Funk austausche. Nach der dritten Thermik weicht so langsam das Gefühl aus Händen, Füßen und Beinen, ich melde mich bei Astrid, dass ich zum Landeplatz Paradiso fliege und landen gehe, bevor ich tiefgefroren bin. Landen zu gehen braucht dann auch nochmal Zeit, denn selbst um den Landeplatz herum gibt’s so viel Steigen, dass sogar der Pi weiterfliegen möchte. Netto geht’s aber dann doch runter und weil ich allein im Luftraum unmittelbar am Landeplatz bin, achtere ich weiter ab, statt eine Landevolte zu fliegen, biege bei passender Höhe in einen langen, geraden Endanflug ein und mache fast eine Punktlandung, denn jemand hat einen Peilpunkt auf die Landewiese gelegt. Das Timing beim Flairen hat gepasst, ich setze auf meinen Füßen auf, ich freue mich, dass wir gestartet sind. Astrid ist ein paar Minuten hinter mir und weil es außer uns keine Pi’s in der Luft gibt und sie dann auch noch anfängt, Spiralen zu fliegen, ist sie nicht schwer auszumachen. Ich filme ihre Landung, während ich am Boden langsam wieder auftaue und wir anschließend gemeinsam einpacken und zu Fuß zum Camper wackeln. 
Einkaufen ist ein Thema, denn unsere spärlichen Reserven an mitgebrachtem Futter gehen zur Neige. Nach einer Tasse Kaffee und einem Stückchen Schokolade schwingen wir uns auf die Räder und machen uns auf den Weg zum kleinen Alimentari im Ort, wo die nette Dame aus der Schweiz hinter der Wurst- und Käsetheke steht und bei der wir uns jedes Mal entschuldigen, dass ich kein und Astrid nur wenig italienisch spricht und ob wir freundlicherweise in Deutsch bestellen dürfen. Dann lacht sie jedes Mal und ja, natürlich können wir auf Deutsch weitermachen. Volle lieb. 
Die Prognose für den nächsten Tag sagt, dass wir wieder zum Startplatz Casette gehen werden, aber dieses Mal wegen der besser vorhergesagten thermischen Verhältnisse, unsere Thetas mit der etwas schwereren Ausrüstung mitnehmen und packen die notwendige Ausrüstung auch gleich zusammen, damit wir am nächsten Morgen etwas früher losgehen können.
Am Abend finden wir uns zum Essen im L’Antica Abbazia, dem Restaurant direkt neben dem Campingplatz, ein, in dem wir das letzte Mal superlecker gegessen hatten und äußerst zuvorkommend und nett bedient wurden. Dieses Mal war das leider nicht so. Der junge Mann, der die Bestellung aufnahm, war zwar sehr nett, aber gestresst und der ganze Ablauf erinnerte eher an eine Massenabfertigung, denn das Lokal war natürlich ebenfalls brechend voll, wie alles andere in diesen Tagen. 

Ein neuer Tag, ein Dienstag, der letzte, an dem Fliegen hier noch Sinn ergibt. Wind- und Wettervorhersagen passen immer noch für Casette und weil wir praktisch direkt nach dem Frühstück loskönnen, sind wir bald zwei Stunden früher dran als gestern, doch das war auch der Plan, so dass wir mit dem deutlich schwereren Gepäck nicht hetzen müssen. Gefühlt gehen wir tatsächlich deutlich langsamer und die ersten Meter bringt mich der schwere Rucksack fast zum Zweifeln, ob ich so überhaupt oben ankomme, doch dieser Eindruck hat sich überraschender Weise bald verflüchtigt, der Weg ist schön, die Sonne scheint und es ist etwas wärmer als tags zuvor, ich fühle mich gut, jeder Meter nach oben scheint mir mehr Kraft zu geben. Zwei männlich identifizierte Tschechen hören wir sehr lange im Voraus laut im Wald miteinander reden und wir fragen uns, warum manche Menschen so laut sein müssen? Hören die zwei nicht gut, oder was? Sie gehen schneller als wir, weswegen sie uns bald eingeholt haben, wir lassen sie vorbei und danach wird’s wieder etwas stiller. Wir reden generell vergleichsweise wenig miteinander, wenn wir so vor uns hingehen und ich stelle die Frage, wie Astrid das empfindet? Haben wir uns nix zu sagen, sollten wir das ändern, wie gehen wir damit um, müssen wir überhaupt damit umgehen? Wir sind uns einig, dass das kein Problem ist, ganz im Gegenteil, ich hänge gerne meinen Gedanken nach oder denke einfach gar nicht, manchmal sprechen wir über die Dinge, die in unseren Köpfen kreisen, manchmal nicht und das ist völlig in Ordnung. Einfach mal nix sagen zu müssen ist Teil der Gehtherapie. 
Das Schneckentempo, von dem wir annahmen, dass wir es gehen, bringt uns lustigerweise in fast der gleichen Zeit nach oben, wir brauchen keine 10 Minuten länger als mit dem leichteren Gepäck, allerdings mussten wir auch nicht mehr nach dem Weg schauen, weil uns der natürlich bekannt war. Am Startplatz ist weniger los, wofür es mehrere Erklärungen gibt. Auf Platz 1 ist die Inversion deren Grenze genau auf Startplatzniveau hängt und die Thermikflüge verhindert, denn wer nach dem Start nicht über der Inversion fliegt, der geht landen, dementsprechend leer ist der gesamte Luftraum, weil auch von den beiden tiefer gelegenen Startplätzen Bepi und Stella niemand raufgeflogen kommt. Auf Platz 2 ist der Wind am Startplatz, der entgegen der Vorhersage meist aus südlichen Richtungen kommt und nicht selten für spürbaren Rückenwind sorgt, was wir nicht erwartet hatten und den wir ernst nehmen nach einer etwas unglücklichen Erfahrung vor einigen Wochen an der Sausteige im Pinzgau. Parawaiting. Wir ziehen uns fürs Fliegen an, essen und trinken, wie üblich, und warten einfach mal ab, wie es sich entwickelt. Gleitschirmfliegen hat an der Stelle nicht selten etwas mit Geduld zu tun. Die beiden von gestern, Rebecca und Rüdiger sind zusammen mit Rüdigers Frau Heike ebenfalls wieder da, schnell sind wir im Gespräch und kurz darauf erscheinen Andi und Markus aus dem Pinzgau hier oben, die wir von Hike&Fly Touren mit Alex und Manuel kennen und quatschen auch mit ihnen über die aktuelle Situation. So vergeht mehr als eine Stunde, der eine oder die andere Pilot:in startet in den wenigen Momenten, an denen es geht, die Inversion bleibt jedoch dort, wo sie schon die ganze Zeit hing. Was wir immer wieder wahrnehmen, sind Gleitschirmfliegende, die von weiter oben kommen und ziemlich sicher am Startplatz Panettone gestartet sind. Den hatten wir am Morgen wegen des starken Windes ausgeschlossen, der Startplatz liegt mit etwa 1550m MSL zu diesem Zeitpunkt ziemlich genau auf der Grenze, wo sich der überregionale West mit dem lokalen Südost trifft und die Windstation hatte die ganze Zeit mehr als 15km/h mit Böen über 30km/h gemeldet, was mir zum Starten zu viel ist. Derweil haben Andi und Markus in ihrer Gruppe besprochen, dass sie jetzt zu Fuß zum Panettone weiter aufsteigen wollen, denn hier sieht es nicht so aus, als würde sich so schnell etwas ändern. Astrid checkt die Windstation oben und siehe da der Wind ist weniger geworden. Perfekte Startbedingungen am Panettone. Etwas überraschend, doch die Messinstrumente lügen normalerweise nicht, wenn sie Daten liefern und noch während wir die Pinzgautruppe verabschieden, äußern Rüdiger und Rebecca, dass wir ebenfalls zum Panettone hochfahren könnten, sie sind ja mit dem Auto da. Plötzlich kommt die Gelegenheit um die Ecke, doch noch vom Panettone starten zu können, womit ich für diese Tage überhaupt nicht mehr gerechnet hatte und als die drei bekräftigen, uns selbstverständlich gerne mit hoch zu nehmen, zögern wir nicht, packen unsere Sachen zusammen und steigen ein. Ob’s mit Starten dann dort geht, ist natürlich offen, doch wir haben eine Chance, es herauszufinden. Unterwegs fahren wir an Andi und Markus vorbei, die den Daumen heraushalten. Von Casette aus bleibt eigentlich nur die Fahrstraße, um zu Fuß zum Panettone zu kommen, was wegen der endlos erscheinenden Strecke ganz schön mühselig ist. Zu fünft im Auto haben wir nur leider keinen Platz mehr für noch 4 Menschen, doch als wir oben am Parkplatz ankommen und ausgestiegen sind, setzt sich Heike wieder ins Auto und macht sich auf den Weg, die anderen einzusammeln, die wir haben stehen lassen müssen. Das ist ganz schön nett von ihr, wenngleich es vergebens ist, denn sie konnten zwischenzeitlich anderweitig eine Mitfahrgelegenheit ergattern.

Am Startplatz Panettone nach wenigen Gehminuten vom Parkplatz angekommen, fühle ich zunächst fast gar keinen Wind mehr und der erste Eindruck vom Startgelände wirft die Frage auf, warum an einem Hügel gestartet wird, der weitere vorgelagerte Hügel hat, an denen Frau auch aufziehen könnte? Astrid schaut sich extra einen der Hügel, die unmittelbar an der vorderen Kante der Bergkette liegen, an und bestätigt, dass Frau dort ebenfalls starten könnte. Tut aber niemand. Es sind jedoch auch nicht so wahnsinnig viele Menschen hier, die starten wollen, es ist viel, viel weniger Betrieb als an allen anderen Startplätzen, die wir in den letzten Tagen besucht haben. Liegt wahrscheinlich an dem weiten Weg, den die Shuttles gegen einen Aufpreis nur machen, wenn genug Menschen zusammenkommen, die da rauf wollen. Mir taugt’s so jedenfalls und freue mich, wie ein Schnitzel, dass das geklappt hat. Als wir den ersten beiden Piloten zuschauen können, wie sie starten und rausfliegen, erkenne ich, dass es kein Problem ist, über die vorderen Hügel zu kommen oder im Zweifel zwischen ihnen hindurchzufliegen, solange der Wind passt und Frau keine groben Fehler beim Starten macht, passt es gut. Kurz Rücksprache mit Astrid, wir starten hier und ich gehe als erste raus. Rebecca hat noch ein Thema, weil sie ihr Vario vermisst, das allerdings auch nach Rückkehr ihrer Mama nirgendwo zu finden ist, was deren Start verzögert. Eigentlich war der Plan, dass Astrid und ich den beiden etwas weniger Erfahrenen beim Starten helfen, doch als nicht klar ist, wie lange sich deren Vorbereitungen verzögern, müssen wir ein klein wenig egoistisch werden, denn wie lange die Bedingungen perfekt zum Starten sind, weiß niemand und ich möchte die Gelegenheit auf keinen Fall leichtfertig verstreichen lassen. Für die beiden ist’s nach Abstimmung jedoch völlig in Ordnung, wenn Astrid und ich schonmal starten. Der Wind hat ein klein wenig zugelegt, wahrscheinlich so auf 10km/h, ich hab’s nicht geprüft, doch vom Gefühl her perfekt, um rückwärts aufzuziehen, womit wir uns für gewöhnlich nicht so wohl fühlen, weil einfach die Routine fehlt, weil wir es so selten tun, doch ich, mein Bauchi und mein Quatschi im Kopf sind uns einig, dass es heute keine Zweifel gibt, es wird auf Anhieb funktionieren. Fertig für den Flug angezogen, lege ich meinen Theta auf den Boden, Astrid und Rüdiger ziehen ihn ein kleines Stück auseinander, auf Anweisung von Astrid gerade soweit, dass die A-Leinen frei sind und ich über Zug an den Steuerleinen sehen kann, dass sie auch frei sind, dann hänge ich mich ein, befestige den Beschleuniger rechts und links über die Brummelhaken und im nächsten Schritt lege ich den Schirm mit dem Wind aus. Die Kappe öffnet sich symmetrisch, was mir sagt, ich stehe perfekt zum Wind und ich kann erkennen, dass auch alle anderen Leinen frei sind und sich nichts verhängt hat. Bauchi erteilt die Startfreigabe, über einen leichten Zug an den mittleren 4 A-Leinen steigt mein Schirm über mich, ich bremse an, halte ihn für einen Bruchteil von Sekunden über mir, drehe mich aus, lehne mich in die Tragegurte, um den Druck im Flügel beizubehalten, mache noch zwei lange Schritte und fliege. Beim Ausdrehen merke ich, dass irgendetwas in meiner Jacke gerumpelt hat, was aber für den Start nicht relevant war, es gibt keine Beeinträchtigung, also denke ich mir nix dabei.
Direkt nach dem Start hatte ich sogar ein klein wenig Steigen, wodurch ich ganz entspannt über die vorderen Hügel drüber gekommen bin und als ich bemerke, dass der erste Teil der Bergkette, an der ich entlangfliegen werde, komplett im Schatten liegt, stellt sich mir die Frage, ob es klug ist, nahe am Hang bzw. der Kante zu fliegen? Ich halte das für problematisch, denn der Wind, der am Startplatz perfekt gepasst hat, macht nahe der Kante wahrscheinlich ein Lee und ohne Sonne wird es keine Kompensation durch Thermik oder Hangwind geben, weswegen ich nicht versuche, zu nahe am Hang Steigen zu finden, sondern bleibe auf Abstand. Das bedeutet zwar, dass es nur runter geht, aber es ist mit weniger unliebsamen Überraschungen verbunden. Astrid startet hinter mir ebenfalls per Rückwärtsaufziehen, Rüdiger hat auch ihr beim Auslegen geholfen, doch sie berichtet später von einem starken Sinken direkt nach dem Start und sie musste schauen, dass sie über die Kante kommt, wobei sie schon nach Landemöglichkeiten Ausschau hielt. Am Ende hat’s aber doch geklappt. Per Funk versuche ich, mich nach ihrem Start zu erkundigen, doch es bleibt still in der Leitung. Gut, denke ich, vielleicht ist sie beschäftigt und wird sich später melden. Das tut sie auch, allerdings bemerke ich das daran, dass meine Daunenjacke zu sprechen anfängt und nichts in meinem Headset ankommt und da dämmert mir, was das beim Starten für ein Gerumpel in meiner Jacke war. Ich hab‘ beim Ausdrehen das Headsetkabel aus der Funke gezogen. Weil es einigermaßen ruhig in der Luft ist und ich es vertreten kann, die Steuerleinen loszulassen, beginne ich damit, mit den dicken Handschuhen eine Lage an Jacken nach der anderen von unten aufzumachen, bis ich an die natürlich verschlossene Innentasche rechts unten komme, in der das Funkgerät steckt. Das Kabel des Headsets ist irgendwo in meinem Ärmel verschwunden und es dauert ein wenig, bis ich es mit den dicken Handschuhen gefunden habe. Die Handschuhe wollte ich auf keinen Fall ausziehen, weil sie nirgendwo festgemacht waren und die Gefahr, sie zu verlieren, mir als zu groß erschien. Also muss alles mit Handschuhen passieren. Es wird zwar ein bisschen kalt unten rum, doch ich schaffe es, das Kabel mit dem Stecker zu finden, die Innentasche zu öffnen, das Kabel ans Funkgerät zu stecken und alles wieder so gut es geht zu verschließen und kann am Ende wieder mit Astrid über den Finger-PTT-Knopf quatschen. Warum ist das passiert? Ich habe gegen die erste Regel verstoßen: tue Dinge immer gleich. Bedeutet in diesem Fall, ich hatte sonst immer eine ärmellose Windweste unter der Daune, an der links oben eine Brusttasche ist, in die das Funkgerät passt und so der Weg zwischen Funkgerät und Finger-PTT kurz ist und kein Zug auf dem Kabel war. Ich hatte mir angewöhnt, den Sprechknopf links zu haben, damit rechts auf keinen Fall etwas zwischen Hand und Rettergriff im Weg ist, was stören könnte. Aber nun ist alles wieder in Ordnung. 
Als ich endlich wieder ein paar Sonnenstrahlen im Gesicht spüre und auf meinem Cockpit erkennen kann, dass es möglicherweise eine Thermik vor mir gibt, auf die Astrid mich ebenfalls bereits hinwies, steuerte ich genau dort hinein und versuchte, ein wenig Höhe zu machen. Um mich herum waren noch 4-5 andere Schirme, die das gleiche versuchten, doch die Thermiken, die es tatsächlich gab, waren sehr kleinräumig und zerrissen und selbst mit sehr engen Kreisen flog ich ständig raus, was ich auch bei den anderen beobachtete. Es hielt sich niemand. Ich konnte nur das Sinken soweit bremsen, um mich lange genug zu halten, bis Astrid an der gleichen Rippe eintraf und über mir das gleiche Spiel begann. Ich nehme an, die Inversion ist immer noch da und verhindert, dass die Sonne den Berghang genügend aufwärmen kann, damit sich irgendetwas tut. Inzwischen im Bereich der Startplätze Stella und Bepi angekommen, ist dort der Himmel auf kleinem Raum voll mit gefühlt hunderten Gleitschirmen, die alle um jeden Meter kämpfen, und ich verspüre wenig Lust, mich dort hinein zu stürzen. Mit den Gedanken schon beim Landen, fliege ich trotzdem ein paar Mal am Hang hin und her, für den Fall das vielleicht doch was geht, was mich jedoch gleichzeitig von unten in den Pulk hieven würde. Astrid kommt mit ein klein wenig mehr Höhe dort an, findet einen kleinen Bart, beginnt mit einem weiteren Schirm auf gleicher Höhe kleine Thermikkreise zu drehen, doch kaum sind beide soweit, dass es nach oben geht, kommt ein Depp daher, der in die andere Richtung eindreht und den Ring zwangsläufig zerschlägt, damit es zu keiner Kollision kommt. Das ist Bassano live. Der Vogel bekommt von allem nix mit, doch die Fahrt der anderen beiden nach oben ist damit sofort beendet und Astrid meldet sich über Funk zu dem Erlebten und dass sie jetzt auch zum Landen kommt. 

Wie tags zuvor bin ich sofort alleine auf meiner Höhe als ich aus dem Hang hinaus in Richtung Landeplatz fliege und achtere erneut ab, bis ich die richtige Höhe für einen langen, geraden Endanflug habe und schaffe so wieder fast eine Punktlandung als ich einen Schritt hinterm Peilpunkt auf meinen Füßen aufsetze. Ich freue mich darüber, denn, wie schon geschildert, werden meine Landungen immer besser und dass so etwas gelingt, war bis vor kurzem keine Selbstverständlichkeit. Astrid kommt wenige Minuten später ebenfalls rein, ist allerdings etwas zu hoch und hat überm Landeplatz dann auch noch Steigen. Sie muss ein wenig zaubern, damit ihr das Landefeld genügt, denn einen Nachteil hat der Landeplatz Paradiso in Semonzo, es gibt keine Möglichkeiten, gegen den Wind zu verlängern, wenn Frau zu hoch ist. Die zwar große Fläche ist ringsum von Bäumen, Zäunen, Straßen, Oberleitungen und Gebäuden umstellt und bei Südost-Wind, der eigentlich perfekt ist, hängen immer wieder Gleitschirme in der Oberleitung am Ende des Landefeldes. Aber sie macht das super, fliegt nochmal eine kleine Auslage mit ganz flachen Kurven, damit sie in den Kurven nicht schlagartig soviel Höhe verliert, dass sie einbombt, sondern driftet ganz smooth über den Platz und findet ihren Weg, elfengleich mit genügend Abstand zu allen Rändern auf ihren Füßen aufzukommen. Also Anfängerinnen sind wir definitiv nicht mehr. Noch vor einem Jahr hätte es hier Puls und wahrscheinlich einen Einschlag gegeben. Hat sie toll gelöst.
Obwohl es jetzt nicht wirklich ein Thermikflug gewesen ist, so hat die große relative Höhe zwischen Start- und Landeplatz doch für einen über halbstündigen Flug gesorgt und ich bin sehr glücklich, dass wir so überraschend und unerwartet am höchsten Punkt im Fluggebiet starten konnten. Per Kurznachricht geben wir Rebecca und Rüdiger durch, dass wir gut gelandet sind und auch sie bestätigen, dass ihre Starts funktionierten und sie ebenfalls wohlbehalten am Landeplatz Garden Relais angekommen sind.

Einpacken, Kaffee/Kuchen und Pläne machen, wie es mit unserem Urlaub weitergeht, steht als nächstes auf dem Programm. Wetterdienste und BurnAir App sind sich einig, dass es am nächsten Tag, dem Mittwoch, bestenfalls ein Gleitflug von Stella oder Bepi geben wird, wenn Frau früh dran ist, und für den darauffolgenden Donnerstag ist Dauerregen vorhergesagt, was uns dazu veranlasst, bezüglich Fliegen einen Pflock reinzuhauen und am nächsten Tag nicht mehr hochzulaufen. Wir hatten 3 gute Flüge von 3 verschiedenen Startplätzen und freuen uns, die meisten Höhenmeter zu Fuß erklommen zu haben, womit es für uns passt. Mittwochsmorgens ist es tatsächlich ziemlich bewölkt, hier und da ist mal ein Schirm am Himmel zu sehen, doch es hält sich niemand. Nach dem Frühstück fahren wir vor dem Bezahlen erst noch über die Entsorgung, damit wir nichts unnötig über den Brenner schleppen und dann ist das erste Ziel für den Tag der Feinkostladen Hofer in Sterzing, wo wir schon sehr lange nicht mehr gewesen sind und wo es ziemlich leckere Sachen zu kaufen gibt. Bisschen Coppa, bisschen Salami, bisschen Käse, ein Panettone, Schokolade, Marmelade und eine Flasche Grappa für Astrids Papa wandern ins Körbchen, dann machen wir uns auf den Weg zum nächsten Ziel: Kaffee/Kuchen bei Bergführer Jürgen in Mittenwald, wo wir uns tags zuvor bereits anmeldeten, weil es einfach auf dem Weg liegt, wir uns schon zwei Jahre nicht mehr gesehen haben und es viel zu erzählen gab mit einem Ausblick aufs nächste Jahr. Vielleicht unternehmen wir nochmal was mit ihm.
Mit relativ wenig Stau und Aufenthalten an den neuralgischen Punkten, liegen wir so gut in der Zeit, dass wir entspannt unseren Lieblingsgasthof zu Hause zu normalen Zeiten erreichen und am nächsten Tag, bevor es wieder ins Saarland zu den Kindern geht, die Kabine aufräumen, sauber machen und so an den Strom hängen können, dass uns nix einfriert falls es Frost gibt. 
So gehen die Tage mit Fliegen in Bassano zu Ende. Ob ich das sobald wieder brauche, glaube ich nicht. Drücken wir uns die Daumen, dass auf der nächsten Ausfahrt noch woanders Fliege- oder Bergwetter ist.

Herbstfliegen in Bassano by fair means, 25.10.-29.10.2025

Fragt nicht, wie ich auf die unsinnige Vorstellung kommen konnte, dass es möglicherweise Ende Oktober in Bassano nicht ganz so schlimm sein könnte, was die Menge der Fliegenden angeht. Aber es war gleichzeitig der einzige Ort in den Alpen, wo Fliegen mit einer guten Wahrscheinlichkeit gehen könnte und wo es nicht den ganzen Tag regnet oder stürmt, sondern sich überwiegend die Sonne zeigte. Wohlgemerkt, der Vorschlag, unsere wenigen freien Tage dort zu verbringen, kam tatsächlich von mir, die schon das letzte Mal sagte, das war das letzte Mal, dass ich dorthin fahre. Doch die Prognose in Meteoblue und, soweit möglich, in BurnAir und AustroControl sprachen eindeutig dafür: Sonne, wenig Wind, wenig Bewölkung, kein Föhn, usw., also machten wir uns auf den Weg, verbrachten die erste Nacht am Lago die Caldonazzo kurz hinter Trento, von wo aus wir sonntags nach einer guten Stunde Fahrt am Garden Relais eintrafen, wo gegen 10Uhr bereits alle Parkmöglichkeiten aufgebraucht gewesen sind und kein Shuttle mehr für den ganzen Tag zu bekommen war und auf dem Camping Santafelicita war auch nix mehr frei. Völlige Fehleinschätzung der Situation, aber jetzt waren wir nun mal da…

Kinder werden groß und beginnen, ihre eigenen Pläne zu machen. Auf der einen Seite macht mich das etwas traurig, weil es die letzten 17 Jahre nur wenig bis keine ungeplanten Ausfälle der Kinderwochenenden im Saarland gab, auf der anderen Seite freut es mich, zusehen zu dürfen, wie meine Mädels immer selbständiger werden. Nach meinem Verständnis ist das oberste Ziel von Erziehung der Kinder, sie dazu zu befähigen, ein selbständiges und selbstbestimmtes Leben zu führen und dieses Leben nach den eigenen Wünschen gestalten zu können. Und so wie ich das sehe, sind sie dabei nicht auf dem schlechtesten Weg, auch wenn das für mich bzw. für uns bedeutet, sie im Laufe der nächsten Jahre weniger zu sehen. Das Wochenende um den 3. Oktober 2025 ist wieder eins, an dem wir entgegen des Jahresplanes nicht ins Saarland fahren und uns mit unseren Dingen beschäftigen können. Deswegen starten wir donnerstags nach der Arbeit etwas von dieser abgekämpft in Richtung Südtirol und merken schnell, dass wir an diesem Tag dort nicht ankommen werden, weil uns beiden bald die Augen zu fallen. Nach kurzer Rücksprache mit Bergführer Jürgen an dessen Haustür wir in Mittenwald vorbeifahren und der leider schon anderweitig eingespannt ist und keine Zeit für ein Treffen hat, landen wir in Scharnitz auf einem Camperstellplatz im Ort. Jürgen hatte uns noch den Tipp gegeben, dass in Mittenwald am Sportplatz immer wieder mal Camper geduldet werden, doch als wir dort eintreffen, startet gerade das Training der Ü20-60, vor dem sich alle Herren erst noch am Zaun um den Platz entleeren müssen. Das Rudelverhalten mancher männlich identifizierten Menschen wirft in mir schon manchmal Fragen auf. Wie dem auch sei, das griechische Restaurant nebenan ist auch gut besucht, es ist viel los auf dem beparkbaren Bereich und wahrscheinlich wird es die nächsten Stunden nicht gerade still sein. Also weiter nach Scharnitz. Eine dort erhobene kleine Gebühr sorgt außerdem dafür, dass wir nachts nicht weggejagt werden. 

Beim Abendessen in der sich mit der Fußbodenheizung langsam aufwärmenden Wohnkabine checken wir das Flugwetter für den nächsten Tag und lernen, dass wir uns eine andere Beschäftigung für den nächsten Tag suchen müssen, fliegen ist nicht fein. Astrid findet heraus, dass wir da, wo wir gerade stehen, eine schöne Rundwanderung über den Zäunlkopf und die Oberbrunnalm starten können, wozu wir uns entscheiden, denn am Ende des Tages kommt es nur darauf an, zusammen eine gute Zeit zu haben. Bei was ist eigentlich wurscht. Für die Nacht ist Frost gemeldet, wir lassen die Einstellungen für den Nachtbetrieb der Heizung so stehen, wie sie sind, weil wir mangels Erfahrung keine Vorstellung davon haben, wo wir sie sonst hinstellen sollten. Dass die in meinem Gehirn existierende Vorstellung, die aktuell angeklemmte Gasflasche müsse noch frisch sein, Unsinn ist, lerne ich dann in den frühen Morgenstunden als gegen 4 Uhr die Heizung lautstark verkündet, dass das Gas alle ist. Bis zum Tagesanbruch werden wir es überleben, wenn wir einfach Heizung und Kühlschrank ausschalten. Knopf drücken und weiterschlafen. Astrid springt vorm Frühstück nach draußen und wechselt die Flasche. Neue Task für den Tag: Gasflasche besorgen. Die eine volle könnte zwar fürs Wochenende reichen, aber wir wissen nicht, wieviel Gas die Heizung bei den kalten Temperaturen nachts wirklich verbraucht. 
Nach dem Frühstück springen wir in Trailrunningklamotten und packen unsere kleinen Radlrucksäcke, denn für die Wanderung brauchen wir nicht viel, es bleibt trocken, es wird wenig bis kein Wind wehen, es werden nicht mehr als 1000 Höhenmeter und etwa 14km Strecke sein. Das ist überschaubar viel, bloß kalt ist’s weswegen wir mal die Daune einstecken, die nicht in die Trailrunningweste passt. Auf dem Weg zum höchsten Punkt treffen wir keine anderen Menschen, es ist einsam, nur einem Specht schauen wir zu, wie er ohne sich stören zu lassen an einem Baum per Probehämmern versucht festzustellen, wo eine gute Stelle für ein Nest ist. Oben angekommen packen wir die LGBTIQ+ Fahne aus, die ich seit neuestem immer im Gepäck hab‘, um Bilder zu machen und vielleicht so für mehr Sichtbarkeit von queeren Menschen zu sorgen. Es ist gerade sehr besorgniserregend, wie die Faschisten und Kirchen in sehr vielen Ländern gegen marginalisierte Gruppen systematisch mit Hass und Hetze vorgehen und noch schlimmer ist, wie das Stimmvieh ihnen hinterherläuft und alles nachgrölt, obwohl die meisten ziemlich sicher noch nie einen Transmenschen aus der Nähe gesehen haben. Aber das ist ja auch nicht notwendig, um Angst zu verbreiten, Kirchen tun das schon so, seit sie existieren und die Nazis haben das vor hundert Jahren ebenfalls erfolgreich umgesetzt. Das Ergebnis dürfte hinreichend bekannt sein. 
Astrid packt zusätzlich noch die Fahne der Kilometerhelden aus, denn die muss auch aufs Bild, um mal von guten Dingen zu berichten. Es folgt ein kleiner Abstieg zur Alm, der Weg durch den Kreidengraben zur oberen Isar und über den Isarsteig zurück nach Scharnitz. Eine feine Runde. Nach Trockenlegen und Kaffee/Kuchen an der Kabine, starten wir zu einem Camperladen in der Nähe von Innsbruck, um unsere leere Gasflasche gegen eine volle zu tauschen, bevor wir uns auf den Weg über den Brenner zu machen. Für die kommende Nacht suchten wir uns einen kleinen Parkplatz in der Nähe eines Sportplatzes in der Gemeinde Rodeneck bei Brixen aus, denn dort stehen die Chancen gut, am nächsten Tag fliegen zu können. Es dämmert bereits als wir dort eintreffen und zunächst allein sind. Insgesamt macht der Parkplatz, auf dem die Übernachtungen geduldet werden, einen seltsamen Eindruck. Ein Schrottauto steht rum, ein offensichtlich selbstgebautes Vehikel mit einer Rücksitzbank aus einem Auto obendrauf, zwei abgeranzte Viehanhänger, ein riesiger Holzstapel, der wohl schon ein paar Jahre dort ist, überall Müll und Fäkalien vor den Holz. Wir entscheiden uns dazu, nicht ganz so weit reinzufahren und eher vorne an der Straße im Randbereich stehen zu bleiben. Später gesellt sich ein asiatisch anmutendes Paar in einem Mietkombi hinzu. Ich denke mir erstmal nix dabei. Wir essen und gehen früh zu Bett. In der Nacht plötzlich Lärm. Es ist etwa 23 Uhr als ein Wohnwagengespann und ein Camper dazu kommen, gefolgt von ein paar einheimischen Halbstarken, die dem Gespann gefolgt sind und denen offenbar die selbstgebastelten Vehikel gehören, die sie nun anwerfen und mit denen sie eine nahezu unerträgliche und einschüchternde Geräuschkulisse produzieren. Räder drehen durch, Kies spritzt überall rum, männliches Gejohle und irgendwelche Kraftausdrücke nehmen kein Ende. Mein Eindruck: das sind die lokalen Nazis, die nicht wollen, dass hier irgendwer übernachtet. Dem spontanen Wunsch hier wegzufahren, können wir nicht nachgeben, denn sobald wir die Kabine verlassen, sind wir in Lebensgefahr, so mein Eindruck. Ein Scheißgefühl. Frau weiß ja nicht, was diesen Idioten noch so einfällt. Also verhalten wir uns ruhig, warten ab und unternehmen nichts. Eine knappe Stunde später geben die Nazis auf, stellen ihre komischen Geräte ab und verpissen sich. Dass es tatsächlich rechtsextreme Faschisten waren, sehen wir am nächsten Morgen, denn betrachtet man ihre Gerätschaften genauer, findet Frau überall Aufkleber mit faschistischen Parolen, wie „Achtung: Hier gilt Rechts vor Links“ und „FCK Antifa“. 

Eigentlich möchte ich unsere rollende FeWo nicht an so einem Ort stehen lassen, doch woanders gibt’s keinen Platz und schon gar nicht unmittelbar am Landeplatz. Wir gehen nach dem Frühstück von dort los zum Startplatz Rodeneck und hohlen nach der Landung das Auto wieder zu Fuß ab. So der Plan. Den Aufstieg kennen wir größtenteils schon vom letzten Jahr, als wir hier geflogen sind und auch der Landeplatz ist uns bekannt, weswegen wir den nicht nochmal extra anschauen. Eine gute Stunde später erreichen wir die Startwiese, auf der sich ein neues Schild präsentiert, auf dem ein paar Hinweise zum Fluggebiet zu finden sind und ein QR Code, um die nun offensichtlich zu entrichtende Startgebühr zahlen zu können. Weil wir so ticken, dass wir solche Regeln üblicherweise einhalten, sofern sie uns bekannt sind, um zu vermeiden, dass immer mehr Fluggebiete gesperrt werden, scannen wir den Code, werden auf die Bezahlseite weitergeleitet und sind etwas überrascht, als wir die Höhe der Gebühr sehen. 15€ werden ohne Gästekarte fällig, was etwa doppelt bis dreifach so viel ist, wie in einem richtigen Fluggebiet, wie z.B. Bassano oder unserem heimischen Tegelberg und das für diesen Minihüpfer von kaum 400 Höhenmetern. Das ist Wucher, doch wir zahlen, sind uns aber einig, dass wir hier nicht mehr hinkommen. 
Ansonsten ist es ganz nett, der Wind passt, die Wiese ist perfekt zum Starten, wir sind allein, was schon ungewöhnlich ist an einem fliegbaren Samstag, weil hier sonst immer auch Flugschulen unterwegs sind. Wir richten uns her, legen die Schirme aus, Astrid startet als erste, ich folge ihr und so sind wir ganz allein in der Luft. Beim Wegfliegen sehe ich noch aus den Augenwinkeln, dass ein weiterer Mensch auf den Startplatz kommt, ein Tandempilot mit seiner Begleiterin, die wir später am Landeplatz treffen und mit denen wir ein wenig schnacken. Es ist warm, die Wiese ist trocken als wir einpacken und uns auf den Weg machen, unser Auto zu holen, wozu wir wieder etwa 150 Höhenmeter aufsteigen müssen. Bevor wir in Richtung Kronplatz weiterfahren, wollen wir noch was mit Kaffee/Kuchen und finden einen netten Hof, der so etwas anbietet. Leider gibt’s bei der Fahrt dorthin ein neues Problem: Die Motorkontrollleuchte geht an, der Motor hat keine Leistung mehr, weil er in den Notlauf gewechselt ist. Samstagnachmittag. Priml.
Bei Kaffee/Kuchen überlegen wir, wie wir damit umgehen wollen. Der Motor springt an, läuft rund und das Auto fährt erstmal noch, wenngleich es mit 3,5to im Notbetrieb ziemlich mühselig ist, irgendwo hinzukommen. Wir schaffen es bis nach Bruneck zur VW Niederlassung, doch dort ist niemand mehr. Im nächsten Schritt melden wir uns beim VW Mobilitätsservice, doch auch die ändern nichts daran, dass vor Montag sicher nix geht und auch der italienische VW Service winkt ab, als der deutsche Service dort anfragt. Wir sind zunächst auf uns allein gestellt, entscheiden, in Bruneck auf den Camperstellplatz in der Stadt zu fahren, weil wir dort besser stehen mit Dusche/WC/Strom/Ver- und Entsorgung als im Industriegebiet und ich habe auch keine Bedenken, dass das Auto das nicht schafft. Im Netz finden wir jede Menge Hints und Tipps, was das sein könnte, ganz weit vorne mit dabei bei unserem Modell ist das Abgasrückführungsventil, das Frau allerdings nicht fürs Fahren braucht. Das ist eher so ein CO2-Ding. Technisch nicht notwendig. Aber egal, wir sind in Bruneck gestrandet, vor Montag wird nix passieren, zurück über den Brenner kommen wir so auch nicht und die Erkenntnis wächst, dass es Glück war, die Arbeitssachen dabei zu haben, denn wir werden hier irgendwo ausharren müssen, bis das Auto wieder fährt. Meine Sorge ist, dass die Ursache irgendetwas Ford-spezifisches ist und Teile vielleicht nicht oder nur schwer zu beschaffen sind, denn technisch ist unser Amarok II mit den neuen Ford Ranger identisch. An diesem Samstagabend werden wir das nicht herausfinden, Umzug auf den Camperstelltplatz, Strom an die Kabine, damit entfällt das laute Zünden der Heizung in der Nacht, von dem wir immer wach werden, es gibt warme Duschen und wir können in Ruhe überlegen, was wir am nächsten Tag weiter tun wollen, heiße Dusche inklusive. 
Am nächsten Morgen komme ich beim Spülen mit der Besitzerin des Stellplatzes ins Gespräch, die hier selbst putzt und alles tippi toppi in Ordnung hält. Ich wundere mich, dass bei 7 oder 8 Spülbecken nur ein Verschluss verfügbar ist und sie entgegnet, dass die Dinger genauso, wie Seife, Papier, Spüli, Föhne, Abzieher etc. ständig geklaut werden und sie nicht mit Nachkaufen nachkommen. Wirklich unglaublich, was es für Leute gibt, die sicher vom Campervolk stammen müssen, denn ohne vorher am Automat gezogene Chipkarte, kommt Frau nicht in den Sanitärbereich.

Nachdem wir soweit alles erledigt haben, was es zu tun gab, entscheiden Astrid und ich, dass wir noch die 14-15km nach Sand in Taufers weiterfahren, die Straße dorthin hat keine nennenswerten Steigungen und es gibt dort einen ziemlich feinen Campingplatz, Såndgold, der Coworkingspaces anbietet, wo wir die Kabine vom Auto abladen und autark stehen lassen können und das Auto allein in die Werkstatt kann. Nochmal alles entleeren, möglichst kein unnötiges Gewicht mit rumfahren und dann machen wir uns in Schleichfahrt auf den Weg, was kein Problem ist, denn es gibt praktisch auf der ganzen Strecke Geschwindigkeitsbeschränkungen, so dass wir nicht ernsthaft ein Hindernis sind. Und selbst wenn, auch egal. Weil wir die nächsten Tage eh nicht wirklich aus Südtirol wegkönnen und sich Ende der Woche das NOVA Hike&Fly Testival im Gsieser Tal anschließt, buchen wir den Platz für die ganze Woche, bekommen dadurch noch ein Upgrade, was die Parzelle angeht und können so bequem Kabine und Auto nebeneinander abstellen. Astrid organisiert sich für ihre Meetings ein Büro für sich allein in der Tourist-Info in Sand in Taufers, die das aktiv bewerben, und damit stellen wir 100%ige Arbeitsfähigkeit für die nächsten Tage bis das Auto repariert ist her. Wir melden unseren Standortwechsel beim VW Mobilitätsservice, der inzwischen einen Abschlepper organisiert hat und wir einigen uns darauf, dass es genügt, wenn der das Auto am Montagmorgen wieder zurück nach Bruneck bringt. Zu dem Zeitpunkt gehen wir immer noch davon aus, dass es sich um einen Garantiefall handelt und nachdem nun alles für den nächsten Tag geklärt ist, wackeln wir in die Pizzeria, die sich beim sehr nahegelegenen Schwimmbad Cascade befindet, lassen es uns dort schmecken und den Tag damit ausklingen.
Montagsmorgens meldet sich der Abschleppdienst, dem wir signalisieren, dass wir unser Auto selbst vom Campingplatz runterfahren, damit er nicht durch die Schranke muss und es zum Aufladen nicht so schwierig ist, denn der Parkplatz vor der Pizzeria, wo wir futtern gewesen sind, ist leer, liegt auf dem Weg und bietet allen Platz der Welt, um unser Auto Huckepack zu nehmen.
Der Fahrer bereitet alles vor, fährt unser Auto auf den Lastwagen und meint, der sei ja noch neu. Nun, ja, ist er. Deswegen finden wir das auch grad nicht so lustig. Astrid und ich steigen ebenfalls in den Lastwagen ein und fahren mit zur Werkstatt, um die Formalitäten erledigen zu können, was ganz schön lange dauert, denn es ist viel los im Autohaus, dass uns am Ende darüber hinaus keinen Ersatzwagen anbieten kann oder will. Wir nehmen den Bus zurück nach Sand in Taufers, was an der Stelle nicht so schlecht ist, wie sich später herausstellt, denn der öffentliche Nahverkehr ist in der Südtirol-Card inkludiert, die wir für den Aufenthalt auf dem Campingplatz bekommen haben und dann beginnen wir erstmal zu arbeiten. Am fortgeschrittenen Nachmittag ruft uns das Autohaus an, man hätte die Ursache gefunden und bereits repariert, ein kleines pelziges Tier hatte sich an diversen Kabeln zu schaffen gemacht, was zum Notlauf des Motors geführt hatte, das Auto könne am nächsten Tag abgeholt werden. Bei der Meldung fällt mir ehrlich gesagt ein Stein vom Herzen, denn alles andere hätte mein Vertrauen in die Kiste auf 0 gesenkt. All die Informationen, die wir im Internet fanden, weswegen neue Ford und VW Pickups mit dem 3-Liter-Motor liegen bleiben, die Sprüche, die uns ein paar Mansplainer in einem Wohnkabinenforum unaufgefordert an den Kopf geworfen haben, die Vorahnungen, die sich in meinem Hirn breit machten, alles das trat nicht ein. Wir waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort, wahrscheinlich ist es in Rodeneck auf dem Platz, auf dem wir übernachteten passiert, und die Reparatur war simpel. 

Astrid arbeitet am nächsten Tag in einem Büro in der Tourist-Info, die man dort für ein kleines Geld zum Arbeiten anbietet, um dem Bedarf an ruhigen Arbeitsplätzen für die Touristen nachzukommen, die im Urlaub auch mal arbeiten müssen oder wollen. Finde ich ein cooles Konzept und habe ich so noch nicht gesehen. Am Ende des Arbeitstages setzen wir uns erneut in den Bus nach Bruneck, um unser Auto abzuholen und nachdem klar ist, dass es sich hier nicht um einen Garantie- sondern um einen Versicherungsfall handelt, bin ich ein wenig froh, dass wir keinen Ersatzwagen bekommen haben, den wir jetzt erstmal hätten selbst zahlen müssen. So ist die Rechnung sehr überschaubar, wobei wir uns wundern, dass das Abschleppen nicht mit drauf ist, denn der Fahrer hatte uns gesagt, er gebe das alles an VW, wir müssen bei ihm nichts zahlen, weswegen ich davon ausging, dass es auf der Rechnung des Autohauses erscheint. Ist aber nicht so und auch die nette Dame vom Empfang weiß dazu nichts zu sagen. Allerdings weist man uns im Autohaus darauf hin, dass es für unser Modell eine Rückrufaktion gibt, von der wir bis dahin nichts wussten und wir mussten dafür unterschreiben, dass sie uns darüber informiert haben, bevor wir vom Hof rollen. Ich mache gleich am nächsten Morgen einen Termin in der uns betreuenden Werkstatt in Kaufbeuren und wir lassen bei der Gelegenheit grad noch einen Marderschreck einbauen. 

Wir haben unser Auto wieder, die Last der Ungewissheit fällt ab, es kehrt Entspannung ein, wir finden ein wenig Raum für die Freizeitgestaltung außerhalb der Arbeitszeiten, besichtigen die Rheinbachfälle, schaffen es, uns für wenigstens ein Trainingsläufchen zu motivieren und schlemmen einen Abend im Restaurant des Campingplatzes, was wirklich sehr, sehr lecker war. Meine einzige Herausforderung in den nächsten Tagen ist das leider ungesicherte WLAN, dass zwar überall in guter Stärke verfügbar ist, in das ich mich mit meinem Arbeitsrechner aber nicht einwählen kann und mir mit Hotspots über meine Mobiltelefone behelfen muss. Hat am Ende aber funktioniert, ich konnte meiner Arbeit nachgehen und auch Astrid konnte in der Tourist-Info zuverlässig ihre Termine wahrnehmen und so blieb nur noch die Frage offen, ob die Hike&Fly Days stattfinden. Eigentlich sollte uns zwecks Testschirmen eine eMail erreichen, in der wir hätten angeben können, welche Schirme wir probeweise hätten fliegen wollen, doch als Vera mitteilte, dass die Veranstaltung stattfindet, gab sie auch die Info raus, dass die Wunschliste aus organisatorischen Gründen ausfällt und man solle sich einfach samstags morgens bei Toni am Bus einfinden, er hätte reichlich Schirme dabei. Außerdem startet die Veranstaltung wegen der etwas unsicheren Föhnlage auch erst samstags und nicht schon freitags. Donnerstagsnachmittags nach der Arbeit haben wir zunächst die Herausforderung, unsere Wohnkabine in der freien Wildbahn wieder auf die Ladefläche zu bekommen. Wir doktern über eine Stunde rum, um die Kabine auf ihren dünnen Stelzen erst wieder auf eine ausreichende Höhe zu hieven, um sie unterfahren zu können, was sich als nicht so einfach entpuppt, denn ohne die durch den Futtertisch im Stall vorgegebene Richtung, die wir sonst zur Verfügung haben, das Auto wirklich gerade unter die Kabine zu fahren, ist nicht so einfach. Kleine Abweichungen von wenigen Millimetern sorgen dafür, dass die Füße nicht in die Rillen auf der Ladefläche finden und die Kabine nicht parallel zum Auto aufsitzt. Die nächste Herausforderung besteht darin, soweit unter die Kabine zu fahren, dass der Moosgummi NACH dem Ablassen sauber rundum an das Fahrerinnenhaus dicht anschließt. Dadurch, dass Frau nicht alle 4 Stützen gleichzeitig rauf- oder runterdrehen kann, sondern wir zu zweit immer nur entweder vorne oder hinten gleichzeitig heben oder senken können, macht die Kabine jedes Mal eine relative Bewegung zum Fahrzeug, selbst, wenn die Füße vorne oder hinten schon auf der Ladefläche stehen. Das im Herstellervideo dargestellte „Schieben“ der Box auf dem Auto funktioniert dann nicht, wenn die Ladefläche, so wie bei uns, beschichtet ist und außerdem ist die Box immer mindestens 800kg schwer. Es bleibt nur, sauber drunterfahren und sehr koordiniert an den Stützen drehen. Aber, wie gesagt, nach über einer Stunde Gewurschtel mit rauf, runter, vor, zurück, war der Moosgummi auf einer Seite immer noch einen guten halben Zentimeter von der Karosserie weg und wir beschlossen, wie Gott am siebten Tag, scheiß drauf, wir lassen das jetzt so. Wenn die Kabine tatsächlich beim Fahren „schlagen“ sollte, müssen wir eben nochmal ran, jetzt haben wir keine Nerven mehr dafür. Schauen wir lieber, ob wir am nächsten Tag, freitags, am Kronplatz fliegen können. Dazu ist es nötig, sich die Druckdifferenzen genau anzusehen, denn Vera hatte ja schon darauf hingewiesen, dass Föhn ein Thema ist und wir stellen fest, dass die Prognose an der Stelle eher moderat ist und es am fortgeschrittenen Nachmittag bis etwa 3hPa geben kann. Das ist nach der Definition eigentlich noch kein Föhn, doch auf der Südseite agieren wir in diesen Dingen sehr vorsichtig, zumal der Kronplatz am südlichen Ende einer Talschneise liegt, durch die so ein Nordföhn auch mal schnell bis auf den Boden durchbrechen kann. Das möchten wir unterm Schirm hängend nicht erleben. Wir werden das am nächsten Morgen nochmal überprüfen, doch im Moment schaut es so aus, dass ab etwa Mittag Thermik da sein könnte und wenn wir bis spätestens 15 Uhr gelandet sind, müssten wir in Sachen Föhn save sein. Wir kontaktieren Steph, die ebenfalls zum Hike&Fly Testival kommen möchte und sie ist mit Flo und Luc auch bereits auf dem Weg, wir werden sie am nächsten Tag am Kronplatz treffen, denn sie haben sich ebenfalls überlegt, dort zu fliegen.

Freitag, wir haben keine Eile, frühstücken in Ruhe, machen uns abfahrbereit, füllen unseren Wassertank auf, leeren die Toilette und den Grauwassertank, denn wir werden die nächsten 3 Tage wieder autark stehen, bevor wir den Platz bezahlen und uns auf den Weg zum Parkplatz Reischach am Kronplatz machen, wo wir Steph und ihre Leute treffen und wo auch gleich der Landeplatz ist. Ich freue mich auf Steph, die wir vom XC Seminar im Mai und vom women-only Sicherheitstraining Anfang September kennen und ich bin sehr gespannt auf Flo, ihren Partner, und auf ihren gemeinsamen Freund Luc.
Eine kleine Überraschung bei der Einfahrt auf den Parkplatz: Telepass wird unterstützt und unsere Bip&Go Box gibt Laut zum Zeichen, dass wir einfach einfahren und später ausfahren können, die Abrechnung läuft über die hinterlegte Zahlmethode bei Bip&Go. Wie praktisch. Der Platz ist fast leer, am Rand entlang zum Landeplatz hin haben offensichtlich ein paar Camper für die Nacht gehalten, so auch Steph und Flo, die am späten Abend angekommen sind. Herzliche Begrüßung, kleine Vorstellungsrunde und dann richten wir auch schon unsere Flugzeuge her, denn wir wollen schließlich gemeinsam fliegen. Luc ist noch nicht da, doch er wird etwas später zu uns stoßen. 
Während wir uns fertig machen, taucht Ingo aus Berlin auf, der noch einen Spezl Christian dabei hat. Wir kennen ihn von den letzten Nova Hike&Fly Days Anfang September 23 (die Geschichte ist hier zu finden) und sie wollen hier heute auch ein paar Flüge machen. Witzig.
An der Kasse der Seilbahn stutze ich zunächst, denn die Preise explodieren weiter. 30€ für eine einfache Auffahrt empfinde ich als sehr teuer und ich glaube mich zu erinnern, dass es im Januar als wir das letzte Mal hier gewesen sind, ein paar Euro weniger gewesen sind. Ab zwei Auffahrten würde sich die Tageskarte lohnen, doch in mir wehrt sich mein innerer Monk, diesen Wucher zu unterstützen und außerdem wissen wir gar nicht, ob eine zweite Fahrt wegen des Föhns und der uns nicht bekannten Flugzeit im ersten Flug überhaupt Sinn ergibt. Kurze Besprechung, wir sind uns einig, dass wir mit einer Auffahrt erstmal genug haben. Sollte es ein zweiter Flug werden, dann fallen die paar Euro, die es im Vergleich zur Tageskarte mit Einzelfahrten mehr kostet, ehrlich gesagt auch nicht mehr ins Gewicht. Und ein dritter Flug wird es sicher nicht werden. Einsteigen, die Fahrt genießen, die Pilot:innen in der Luft beobachten, wie es ums Steigen so steht, damit wir einen Eindruck gewinnen, ob sofort starten eine Option ist, oder ob wir noch etwas warten können. Oben aus der Gondel gefallen, gehen wir zum Nordwest-Startplatz, um einen Eindruck vom Wind zu bekommen, der dort tatsächlich sehr gut passt. Andere haben wir beobachtet, die auf Nord starten, doch der Startplatz hat die Eigenschaft, dass mitten im Abflug eine Schneekanone steht, und wenn ich dort nicht starten muss, weil der Wind sonst nirgendwo passt, tue ich es nicht. 
Aber Nordwest ist super, dort ist Platz, es gibt eine ordentliche Windfahne, wir können mehrere Schirme nebeneinander auslegen. Ein weiterer Teilnehmer der Nova Hike&Fly Days, Michael, spricht uns an, denn er hat uns von der letzten Veranstaltung an der Plose wiedererkannt und hat sich ebenfalls dazu entschlossen, das Wochenende hier zu starten. Allerdings war er etwas fleißiger als wir und ist die gut 1300 Höhenmeter zu Fuß hochgekommen. Sind ja schließlich Hike&Fly Days, meint er. 
Als erstes unterstützt Astrid Christian als Ingo uns darüber informiert, dass Christian noch nie an so einem hohen Startplatz gestartet ist. Naja, ich frage mich, was das für einen Unterschied macht, ob ich am 300m Grashügel starte oder am 1300m Grashügel. Wenn der Wind passt, und das tut er hier, ist Starten Starten. Ingo macht sich derweil selbst fertig, er hat einen neuen Niviuk-Schirm dabei, und so sind die beiden dann schonmal weg. 

Astrid und ich stimmen uns kurz ab, wir machen uns nun ebenfalls fertig, mit Funkgerät, ich hatte es in der letzten Geschichte erwähnt, ein echter Gamechanger mit dem Finger-PTT. Gegen 12:30Uhr ziehe ich auf und fliege raus. Die Luft ist nicht ruhig, das merke ich sofort, sehr kleinräumiges Steigen, bisschen blubberig, doch so richtig hoch geht’s nicht, weswegen ich nach dem Starten gar nicht lange rumsuche, sondern zunächst nach Norden über die vorgelagerte Rippe steuere, um dann an dieser Kante, bei deren Überquerung ich schonmal auf der Seite bin, von wo aus ich den Landeplatz entspannt erreichen kann, nochmal ein wenig suche. Dabei kommt jedoch nix raus, ganz im Gegenteil, obwohl ich auf der Luv-Seite der Rippe fliege, habe ich starkes Sinken von bis zu 5m/s. Das ist nicht fein. Ich biege dorthin ab, wo die Sonne besser auf die Hänge kommt, doch auch dort geht (noch) nichts. Wird demnach ein Gleitflug. Der große relative Höhenunterschied sorgt trotzdem für eine relativ lange Airtime. Ich fliege in die Ebene hinaus und überlege kurz, ob ich über den freien Flächen zwischen den Ortschaften ein wenig trainieren soll, Spirale, Ohren anlegen, Rollen oder sowas, ich entscheide mich jedoch dagegen, weil ich damit schnell viel Höhe verliere und eigentlich möchte ich einfach den Flug genießen. Zwischendurch funke ich meine Erlebnisse auf meinem Flugweg an Astrid, die mit etwas Verzögerung hinter mir herkommt, vielleicht hilft es ihr bei ihren Entscheidungen. Als ich mich über Reischach befinde, mich bereits mit meiner Landeeinteilung beschäftige und gar nicht mehr so viel Höhe hab‘, erwische ich doch noch ein wenig Thermik und beginne zu kreisen. Noch ein Novum bei diesem Flug: Astrid und ich haben nun ein kleines Cockpit vor uns installiert, das ins Gurtzeug eingehängt ist und neben dem Vario Platz für weitere Gerätschaften bietet. So kommt’s, dass ich das erste Mal mit der BurnAir Go App fliege, die mir über Farben anzeigt, wo ich Steigen oder Sinken hab‘ auf meiner Spur. Das macht das Zentrieren von Thermiken etwas einfacher, weil es eine optische Unterstützung bietet, die ich vorher so nicht hatte, denn für den Thermikassistenten, den mein Skytraxx bietet, steigt es zu wenig, weswegen er sich nicht anschaltet. Tolle Sache. 
Astrid hat derweil an anderes sehr amüsantes Erlebnis mit ihrem neuen Setup, denn auch sie hat ihr Smartphone per Klett aufs Cockpit gepinnt und bekommt auf dem Flug einen WhatsApp-Anruf von ihrer Schwester. Klick, angenommen. Kurz Verwirrung bei ihrer Schwester, die von unten in den Schirm hineinschaut und erst als Astrid sich übers Cockpit beugt und so ins Bild rückt, löst sich das auf und sie quatschen ein wenig. 
In der Zwischenzeit hab‘ ich ein paar Kreise gemacht, konnte mich ein paar Minuten halten, wirklich hoch ging’s dabei jedoch nicht und ich entscheide mich fürs Landen. Am Boden ist es praktisch windstill und im Prinzip egal, von welcher Seite aus Frau in den Endanflug geht, ein Pilot vor mir, er ist tatsächlich ein Pilot und keine Pilotin, gibt mir dann aber irgendwie die Richtung vor, denn es ergibt keinen Sinn, gegen seinen Endanflug reinzukommen, also fliege ich ihm hinterher und -was soll ich sagen- seit ich beim Sicherheitstraining in meiner Landung ein Timingproblem entdeckte und aktiv daran arbeitete, gelingen meine Landungen deutlich besser und ich bin seither nicht mehr auf dem Popo gelandet, sondern setze meist sanft, so wie jetzt, auf. Freut mich sehr, denn eine verkackte Landung lässt in meiner Wahrnehmung immer auch ein G’schmäckle für den ganzen Flug zurück. Kurz hinter mir landet Flo und wir suchen ein Sonnenfleckchen, wo die Wiese trocken ist, um unser Zeug abzulegen und es dauert nicht lange, als auch Astrid und Steph eintrudeln. Ihr Freund Luc ist ebenfalls in der Luft, wie ich lerne, aber es könnte noch dauern, bis er unten ist. Wir schnacken derweil, tauschen uns zum Flug aus, packen zusammen und beobachten dabei, was sich so am Himmel bezüglich der Wolken tut. Es gibt einen bestimmten Wolkentyp, der eindeutig auf Föhnaktivität hindeutet, sogenannte Lenticularis, und siehe da, es sind vereinzelt welche zu erkennen. Für mich ist das ein klares Zeichen, nicht nochmal zu starten, wenngleich der Himmel sich weiter mit Gleitschirmen füllt und wir (leider) auch erkennen, dass die Luft nun besser trägt und die ersten richtig weit aufdrehen. Eine zweischneidige Sache, denn von unten ist nicht so ohne Weiteres zu erkennen, ob die Menschen oben Spaß oder Stress haben. Ingo, der inzwischen ebenfalls gelandet ist, unterhält sich kurz mit einem lokalen Tandempiloten, der ganz entspannt meint, Föhn sei heute kein Thema, man könne in Ruhe bis am späten Nachmittag fliegen. Für Ingo und Christian das Signal mindestens noch einmal hochzufahren, was sie auch tun. 

Wir hingegen entscheiden uns für Kaffee und Kekse in der Sonne, wozu sich auch Luc hinzugesellt als er gelandet ist. Eine gute Zeit, um ein wenig auf der Handpan zu spielen, nachdem ich mich versichert hatte, dass das für alle in Ordnung ist. Luc springt daraufhin von seinem Stühlchen hoch, verschwindet kurz an seinem Auto und kommt mit einer Violine zurück. Oh, was für eine Überraschung. Handpan und Violine, da bin ich gespannt. Ich meine, ich kann ja eigentlich nicht viel spielen und bin auch im Tonumfang mit 9 Böppeln ziemlich eingeschränkt, doch die Violine hat prinzipiell ein sehr großes Spektrum von etwa G3 bis E7 im gestimmten Zustand, was etwa 4 ganzen Oktaven entspricht. Für so ein kleines Instrument ist das eine Menge. Ich klimpere mein erstes Muster vor mich hin, Luc improvisiert hinein und was soll ich sagen, mir haut’s das Blech raus, so fantastisch klingt das zusammen und ich habe Mühe, meine Begeisterung soweit unter Kontrolle zu bringen, dass ich weiterspielen kann. Hätte ich nie gedacht, einfach wunderschön, selbst wenn es so spontan geflickschustert ist. 
Ob fliegen unter den Bedingungen gut ist, besprechen wir ein paar Mal an diesem Nachmittag, es sind einige Schirme in der Luft, manche sind recht hoch, die meisten halten sich jedoch nach wie vor nicht, die Lenticularis Wolken verziehen sich praktisch ganz und ja, wahrscheinlich wäre sich ein zweiter Flug ausgegangen, ohne sich in Gefahr zu bringen. Hinterher wissen das immer alle. Ich bin mit der Entscheidung, es nach dem ersten Flug gut sein zu lassen, nach wie vor konform und bereue nichts. Das Gsieser Tal ruft. Flo ist noch etwas unterbelastet und möchte vom Kronplatz aus mit dem Gravelbike fahren, wohingegen wir alle das Auto nehmen und unterwegs noch die für die nächsten Tage nötigen Besorgungen machen, denn im Gsieser Tal ist’s mit Einkaufen nicht so weit her. Laut Park4Night App soll Frau auf dem Parkplatz am Talschluss gegen die übliche Tagesparkgebühr mit dem Camper stehen dürfen, doch als wir dort eintreffen, erkenne ich den Fehler sofort. An diesem Wochenende ist schon wieder Almabtrieb, den wir vergangenes Jahr bereits erleben mussten. Der eigentlich fürs Übernachten gut geeignete Schotterplatz ist mit einem riesigen Festzelt belegt, die Wege sind mit Gittern abgetrennt, damit die Kühe am nächsten Tag in der Spur bleiben und Platz ist eigentlich nur noch auf einem kleinen PKW Parkplatz mit ordentlicher Schräglage und viel zu kurzen Buchten. Ich ahne Böses. 
Mangels Alternative stellen wir uns rein, rücken unseren Pickup so, dass wir mit zwei Keilen unterm rechten Hinterrad wenigstens so weit nach oben kommen, dass die Liegefläche keine Rutschbahn ist. Mit unserem Heck hängen wir allerdings deutlich in die Fahrspur rein. Man kommt nur an uns vorbei, weil die Parkplätze gegenüber alle leer sind. Taugt mir überhaupt nicht und auch nicht, dass wir so ultimativ nah am Festzelt stehen müssen, wo am nächsten Tag 100%ig die angesoffenen Typen rausfallen, um ihre Blasen auf den umliegenden Wiesen zu entleeren, denn so etwas, wie Toiletten in ausreichender Zahl gibt’s nicht. Ganz zu schweigen von dem zu erwartenden Lärmpegel. Nach der Erfahrung, die wir ein paar Tage vorher in Rodeneck machen mussten, halte ich es auch nicht für unwahrscheinlich, dass diese Veranstaltung eine Naziparade wird. Ich habe zu diesem Zeitpunkt für mich bereits beschlossen, dass ich nicht nochmal an den Nova Hike&Fly Days teilnehme, wenn das erneut an so einem Wochenende stattfinden sollte. Aber für den Moment können wir nichts an der Situation verändern. Heute hat keine von uns mehr Lust, sich an den Herd zu stellen und so ziehen wir mit den anderen dreien los, uns etwas zu futtern zu suchen und landen in der Moosalm, deren Bedienung mich zunächst anmacht, ob wir denn reserviert hätten, normalerweise ginge es nicht ohne. Ich stutze, der Laden ist praktisch leer, und verneine, wir haben keine Reservation, dafür aber Hunger. Ausnahmsweise dürfen wir bleiben, wie großzügig, und werden von ihr an einen Tisch im fast leeren Nebenraum geführt. Nur ein einziges Paar sitzt ansonsten in diesem Raum beim Essen. Diese Dreistigkeit ist irgendwie erstaunlich und wenn es eine Chance gegeben hätte, ohne fahren zu müssen woanders was zu bekommen, wäre ich grad wieder gegangen. Wenigstens hat die Gutste dann im Verlauf des Abends die Kurve gekriegt, wurde etwas freundlicher und das Essen war überraschend gut.

Samstagmorgen um 8Uhr starten die Nova Hike&Fly Days am Gasthof Hofmann mit Schirmausgabe durch Vera und Toni, zu der wir uns zu Fuß auf den Weg machen. Entgegen unserer ersten Teilnahme vor zwei Jahren, hatte ich mir dieses Mal überlegt, tatsächlich mal einen Schirm eines anderen Herstellers zu fliegen, was ich mich damals ehrlich gesagt nicht traute. Mit dem Nova Modell ION 7 light hatten wir uns im Vorfeld schon beschäftigt, da er als Low-B eine Alternative für den Epsilon von Advance gewesen wäre bevor uns der Theta über den Weg lief. In meiner Gewichtsklasse sind jedoch nur zwei Schirme da gewesen und weil ich nicht vor hatte, einen neuen Schirm zu kaufen, überlies ich die zwei anderen Menschen, die wirklich Interesse an einem Kauf signalisierten und verzichtete auf einen Testflug. Astrid hingegen hat einen ION 7 light in ihrer Größe bekommen und wird ihn heute fliegen. Das erste Ziel ist der Startplatz am Fellhorn. Ein Mensch vom lokalen Club, ich glaube Tobias, hat darauf hingewiesen, dass heute ab etwa 14 Uhr Almabtrieb ist und wir auf keinen Fall die Kuhherden nah überfliegen sollen. Zum Landen solle nicht der reguläre Landeplatz benutzt werden, sondern die lange Wiese zwischen Moosalm und dem Hotel am Talschluss. Fand ich gut, denn die reguläre Landewiese hängt in zwei Richtungen schief, was das Landen in egal welche Richtung nicht angenehm macht. Während wir fünf erst wieder zu unseren Campern müssen, um unsere Fliegesachen zu holen, gute 20 Minuten zu Fuß, geht die Gruppe um die Menschen vom lokalen Club direkt am Gasthof los. Um nicht wieder bis runter ins Dorf latschen zu müssen, um zum Fellhorn zu kommen, wählen wir später einen anderen Weg und kommen von Norden zum Gipfel hoch, wohingegen die Hauptgruppe von Süden raufkommt. Ich habe meine „schwere“ Ausrüstung mit Easiness 4 und Theta dabei, denn es könnte laut Prognose tragen. Ein längerer Flug ist nicht unwahrscheinlich, die Osthänge des Fellhorns, die ins Tal hineinzeigen, sind seit Stunden von der Sonne beschienen, doch da rauf zu kommen, gestaltet sich ein klein wenig zäh mit dem schweren Rucksack, den selbstredend auch alle anderen zu tragen haben. Mit kleineren Pausen dazwischen brauchen wir gute drei Stunden für die knapp 1100 Höhenmeter, was am Ende des Tages unter diesen Bedingungen gar nicht so schlecht ist, uns aber ein wenig geschafft hat. Das Erste, was ich oben höre, als wir eintreffen und die große Gruppe schon da ist, die ersten schon gestartet sind, ist, dass wir uns nicht mehr so lange Zeit lassen sollen, weil der überregionale Nordwind ziemlich unangenehm werden könne, so Tobias vom Club. Ich behalte es im Hinterkopf, lasse mich aber deswegen nicht aus der Ruhe bringen, wir brauchen ein Gipfelfoto mit der Kilometerhelden- und Regenbogenfahne und Manni. Anschließend inspizieren wir die verschiedenen Startplätze, um herauszufinden, wo es uns am besten taugt nachher aufzuziehen, dann schnacken wir mal in Ruhe ein wenig mit Vera und beginnen dann damit, uns fürs Fliegen herzurichten. Einer Pilotin sehe ich dabei die ganze Zeit zu, wie sie unter Anleitung einer zweiten Person versucht, ihren Schirm über sich zu bekommen und zu starten. Ob sie zum Testival gehört, weiß ich gar nicht, aber es war ein rechtes Schauspiel, denn es machte den Eindruck, als hinge sie das erste Mal an so einem Ding. Es hat viele, viele Versuche gebraucht, bis sie tatsächlich bald eine halbe Stunde später abgehoben ist und ich fragte mich sofort, ob sie überhaupt weiß, wo sie hinfliegen soll und wie landen geht. Aber not my business. 
Mir fällt auf, dass der Startplatz am Fellhorn mit etwa 2519m wahrscheinlich unser bisher höchstgelegener Startplatz ist. Nur so nebenbei bemerkt und mit Vera sprachen wir kurz über eine Idee für eine Doku, denn sie findet, die Geschichte von Astrid und mir sei erzählenswert. Wir müssen mal drüber nachdenken, welches Format sich eignet, wie der Inhalt gestaltet werden kann und wie wir für mehr queere Sichtbarkeit sorgen, ohne Aufdringlich zu wirken. 

Nachdem Flo und Luc gestartet sind, legen Astrid und ich an deren Plätzen aus. Mein erster Versuch rückwärts zu starten, ging schief, weil sich mein Schirm auf dem ziemlich steinigen Untergrund beim Aufziehen mit einem Ohr festgehängt hat. Der zweite Versuch war dann perfekt. Ich fliege raus, suche Steigen. Astrid hat ein paar Themen mit dem ION 7, denn der muss zum Starten fast überredet werden, was wir von unseren Advance Schirmen nicht kennen. Deswegen geht auch ihr erster Versuch schief. Beim zweiten Anlauf führt sie die Kappe wie einen Traktor konsequent hoch und dann klappt’s, sie kommt ebenfalls raus. 
Insgesamt beschreibt sie später das Fliegen mit dem ION 7 light als etwas schwerfällig im Vergleich zum Theta, doch ansonsten ist’s ein solider Schirm mit einer hohen passiven Sicherheit und wenn wir den Theta nicht kennen würden, hätten wir uns vielleicht sogar damals für den ION entschieden, der überdies von den zugelassenen Bereichen bezüglich Startgewicht besser zu mir passen würde. Viel Thermik und Soaren ist ansonsten wenig. An der einen oder anderen Stelle auf dem Weg zum Landeplatz gelingt es mir, mich kurz zu halten, netto geht’s aber nur runter. Wir sind eindeutig zu früh gestartet und nach etwas mehr als zwanzig Minuten setze ich auf der Wiese vor der Moosalm sanft auf. Die Landung auf dem langen Wiesenstück war super und weil sich in meinem Kopf irgendwie breitgemacht hat, dass ein zweiter Flug selbstredend nicht geht, weil ich nicht nochmal soweit hochlaufen kann, schloss ich innerlich mit Fliegen für den Tag ab. Zusammenpacken, chillen und quatschen auf dem Landeplatz mit noch mehr Menschen, die wir von vorangegangenen Testivals kennen, lassen den Nachmittag dahingleiten. Wir ziehen mit ein paar Leuten zu den Campern um, denn dort gibt’s Kaffee und Kekse, als ich lerne, dass vom lokalen Club Auffahrten zur Uwaldalm organisiert werden und wer möchte, kann eventuell einen zweiten Flug machen. Als Taxi für die Auffahrten dient ein alter Geländewagen mit Gitterbox fürs Gepäck auf dem Dach. Zunächst ist die Rede von maximal zwei Fahrten, was die Menge der Teilnehmenden einschränkt und weswegen Vera darum bittet, dass jenen der Vortritt gelassen wird, die tatsächlich Schirme testen wollen. 
Astrid und ich wollen zwar auch nochmal fliegen, doch im Kontext der eigentlichen Veranstaltung lassen wir natürlich den Menschen den Vortritt, die es betrifft und sich in einer Findungsphase für eine Kaufentscheidung befinden. Wenig verwunderlich gibt es allerdings auch jene, alle männlich identifiziert, denen das egal ist, die die wenigen Plätze okkupieren, auch wenn sie mit ihren eigenen Niviuk und Advance Flügeln fliegen. Nicht alle Männer aber immer ein Mann. 
Ganz am Schluss tut sich dank Vera doch noch eine Mitfahrgelegenheit nach oben auf und -wundert mich wieder nicht- im letzten Auto sitzen nur noch Frauen. Bis auf Tobias natürlich, der fährt und damit selbst auf einen Flug verzichtet. Von der Uwaldalm geht’s nochmal etwa 200 Höhenmeter zu Fuß zum Startplatz rauf, womit wir für heute fast die 1400 Höhenmeter erreichen, der Wind steht super und die letzten 4 Frauen legen aus, die Sonne nähert sich bereits den Bergflanken. Steph fliegt als erste weg, dann ziehe ich rückwärts auf, bremse allerdings zu spät zu wenig an, der Schirm kommt zu weit nach vorne und beim Ausdrehen stolpere ich dann auch noch über irgendetwas und im Umfallen breche ich in der Folge aktiv den Start ab, bevor der startbereite Schirm blöde Dinge tut. So ist erstmal nix passiert, ich raffe meinen Schirm zusammen, steige wieder ein paar Meter rauf, lege mit dem Wind neu aus und beim zweiten Versuch mache ich es dann besser und fliege raus. Steph ist relativ schnell weg, während ich versuche, mich so gut es geht am Starthang zu halten, bis Vera und Astrid auch gestartet sind. Astrids erster Versuch, rückwärts aufzuziehen geht ebenfalls in die Hose. Wir haben da eine Baustelle, weil die Routine fehlt. Beim zweiten Versuch startet sie sauber vorwärts. Der Flug ist ganz schön rumpelig, später im Föhndiagramm ist zu erkennen, warum das so war, denn die Druckdifferenzen lagen um die -3hPa, doch wir konnten uns etwa eine halbe Stunde oben halten. Hinzu kam, dass die Schattengrenze während des Fluges immer weiter den Berg hinauf wanderte und unten der Talwind durch den abendlichen Bergwind abgelöst wurde, so dass ich meine Landeeinteilung im Vergleich zum ersten Flug vom Fellhorn anpassen musste. Dabei lernte ich, dass quer über die Landewiese ein Zaun verläuft, der mir bis dahin gar nicht aufgefallen war. Aus der Luft zu erkennen nur an winzigen weißen Kunststoffpfosten. So musste ich im Endanflug nochmal kurz die Füße hochheben bevor ich sanft im Gras zum Stehen kam. 

Für den Abend ist ein gemeinsames Abendessen im Gasthof Hofmann geplant, doch Vera erklärt, dass die eigentlich schon im Wintermodus sind, die Küche zu ist und sie „nur“ Nudeln mit Soße für alle anbieten können. Das macht mich jetzt nicht so an und damit bin ich nicht allein, denn Steph und Flo organisierten, ohne uns zu fragen, für uns fünf einen Tisch in den Reia Stubm, weil auch sie zum einen wenig Lust auf Nudeln mit Soße hatten und zum anderen auf die Gesellschaft mancher Piloten und ich verwende hier absichtlich das Maskulinum. Wir starten den Abend mit einem Bier im Stehen am Festzelt, in dessen Innerem noch moderat laute Volksmusik zu hören ist, bevor wir zu Fuß gute 20 Minuten an den Anfang des Dorfs runtergehen, wo sich der sehr schöne Gasthof befindet und wo wir sehr, sehr lecker Essen und die Servicekraft äußerst aufmerksam und zuvorkommend ist.  
Auf dem Heimweg folgt uns der Hund des Restaurants bis fast zu unseren Campern und es ist nicht zu überhören, dass die Lautstärke der Musik deutlich zugelegt hat. Vom Hund ist irgendwann nix mehr zu sehen, ich schätze, er geht häufiger alleine Gassi und wir krabbeln ins Bettchen, doch an Schlaf ist überhaupt nicht zu denken, die Kabine wirkt wie ein Resonanzkörper. Als die Blaskapelle gegen 23 Uhr einstellt, schließt sich ein DJ an und die bis dahin einfach nur laute Musik wird durch unglaublich lauten und durchdringenden Bass mit Beats jenseits der 180 ersetzt. Er wummert durch die ganze Kabine, dass sie vibriert, was uns bis nach 2 Uhr in der Nacht grausam wach hält. Das Ganze ist schlicht unerträglich. Ich denke darüber nach wegzufahren, doch die Schranken sind mit Absperrgittern verstellt, die zur Not gerückt werden könnten, das Ticket zum Ausfahren müsste gezahlt werden, es friert draußen und dann ist die Frage, wohin fahren? Es gibt im ganzen Tal keinen Platz, an dem wir legal stehen könnten. Ungewiss, wie lang der Scheiß andauert, harren wir aus. An der Stelle beschließe ich, nicht mehr hierher zu fahren, wenn irgendwelche Feste angekündigt sind, was für die nächsten Nova Hike&Fly Days ziemlich wahrscheinlich zutrifft. Letztes Jahr waren wir am gleichen Wochenende in einer FeWo in der Nähe des Talschlusses, wo der Lärm nicht ganz so aufgefallen ist. Direkt daneben war es unerträglich und, ehrlich gesagt, wartete ich darauf, dass die Masse in irgendwelche rechtsextremen Beiträge abgleitet und wartete gespannt, was passiert, wenn die Musik zu Ende ist. Nicht unwahrscheinlich, dass angesoffene Faschistengruppen sich noch ein wenig Luft verschaffen müssen und auf die ausländischen Camper losgehen, so, wie wir das in Rodeneck erleben mussten. Zum Glück blieben wir wenigstens davor verschont. 

Nach einer sehr kurzen Nacht bringt Astrid ihren geliehenen ION 7 light morgens zurück, sie möchte heute lieber wieder ihren Theta fliegen. Taugt ihr eindeutig mehr und leichter als der ION ist er auch, denn heute wollen wir zum Startplatz Durra aufsteigen, was wieder etwa 950 Höhenmeter mit dem schweren Gepäck bedeutet. Als Astrid zurück ist und unsere Flugzeuge für den Abmarsch gepackt sind, entscheiden wir uns noch dazu, den Camper umzuparken, denn die Parkplätze, wo wir standen, werden heute wieder für PKWs freigegeben, sind für uns zu klein und wir somit ziemlich wahrscheinlich ein Hindernis. Ein Teil des Platzes, auf dem das Festzelt steht, ist leer und wir können mit dem Heck über Wiese fahren und stehen so nicht über. Warum auch immer sind alle Schranken an den Ein- und Ausfahrten offen und ich komme vom Parkplatz ohne zu zahlen runter und auf den anderen ohne neues Ticket drauf. Wir überlegen noch, ob das ein Problem ist und Astrid versucht sogar, ein neues Ticket zu bekommen, doch die Automaten scheinen alle ausgeschaltet zu sein. Na dann, nicht. Wenn sie die Leute ohne Ticket drauflassen, können sie später nicht die Hand aufhalten und wir beobachten zusätzlich, dass es auch den Wandernden so geht, die eintrudeln. Im Festzelt geht der Frühschoppen los als wir uns auf den Weg machen. Auch Steph hat ihren Camper umgestellt, weil der ebenfalls recht lang ist. 
Die Gruppe um die Locals ist bereits losgegangen, wir werden wieder einen etwas anderen Weg nehmen und gerade als wir am Kreisverkehr im Talschluss entlang wackeln, hält ein weiterer Pilot des Clubs mit seinem Auto neben uns und möchte unbedingt, dass wir alle einsteigen und er uns soweit es geht, also bis zum oberen Ende des kleinen Dorflifts, mit dem Auto mitnimmt. Im kleinen Kombi sitzen sie schon zu zweit und wir sind fünf plus natürlich 5 große Rucksäcke. Der etwas herausfordernde Plan, dass wir alle mitfahren, geht nicht auf, doch wir arrangieren uns so, dass zwei von uns mitfahren und wenigstens alle Rucksäcke mitgenommen werden, was immerhin fast 300 Höhenmeter weniger tragen bedeutet. Die Geste und die Entschlossenheit und Zuversicht, dass sein Plan aufgeht, ist auf jeden Fall witzig. Ohne Gepäck bergauf gehen zu können, ist ein gewaltiger Unterschied, so schaffen Astrid, Flo und ich die Strecke zu unseren Rucksäcken in weniger als einer halben Stunde, sind fast doppelt so schnell, wie mit dem Flugzeug auf dem Rücken, doch ab der kleinen Skilifthütte, wo wir unser Gepäck aufnehmen, machen wir dann wieder ein bisschen gemütlicher. Die Höhenmeter vom Vortag stecken noch in meinen Beinchen und es gibt überdies keinen Grund, sich über die Maßen zu beeilen, die Windverhältnisse sind moderater, Chancen auf Thermik wird es erst ab Mittag geben und ich wäre nicht traurig, wenn bereits welche gestartet wären, wenn wir oben ankommen und wir besser einschätzen können, ab wann starten sinnvoll ist. Durra ist ein toller Startplatz, wir erreichen ihn mit allen kurzen Pausen nach rund 900 Höhenmetern in etwas mehr als zwei Stunden, was mich ob unseres Tempos ein wenig überrascht. Gar nicht soooo schlecht. Auch dieser Startplatz liegt mit fast 2400m deutlich über der Baumgrenze, es gibt nur noch Gräser und vereinzelt ein paar niedrige Sträucher und bis vor kurzem haben hier auch Kühe gewohnt, wie unschwer zu erkennen ist. Trockenlegen, was essen und trinken, dann schauen wir uns die Startwiese etwas genauer an, wo Auslegen sinnvoll ist, ob es sonst irgendetwas gibt, worauf wir achten müssen, aber die Wiese ist lieb, es gibt nur wenige Felsen und fein zum Starten. 

Zurück am Rucksack höre ich von einem der TeilnehmER den Spruch: „Frauen dürfen ja eh alles.“ Den ganzen Kontext habe ich leider verpasst, doch egal wie, dieser Spruch ist dämlich und spiegelt typischerweise eine Täter-Opfer-Umkehr wider, so ähnlich wie „Man darf ja nichts mehr sagen.“ Ich drehe mich zu dem Kerl um und gebe zur Antwort: „ja, solange es dem weißen Patriarchat in den Kram passt.“ und wende mich ab und meinen Startvorbereitungen wieder zu. Mit dieser Sorte Männer möchte ich meine Zeit nicht verplempern. Sie sind der Grund dafür, warum ich im Leben keinen Kurs und kein Sicherheitstraining mehr in gemischten Gruppen machen möchte. 
Das Wichtige heute ist, dass wir noch einen schönen Flug machen, bevor wir nach Hause müssen und das gelingt auch, obwohl ich es als einigermaßen herausfordernd empfinde. Mein Rückwärtsstart läuft super, ich komme gut raus, anschließend wird’s dann allerdings ganz schön bumpy, ich habe gut zu tun, die Kappe offen zu halten. Astrid kommt ebenfalls gut raus, wir haben Funk dabei und quatschen wieder recht viel. Sie trifft es irgendwie besser als ich, fliegt weit über mir, während ich unten an den Bäumen entlang kratze und sehr nahe am Aufgeben bin. Doch dann geht’s einmal auch bei mir soweit hoch, dass ich sogar den Startplatz überhöhe und wir uns dazu entscheiden, über das Tal rüber zur Uwaldalm zu fliegen und dort nochmal zu schauen, ob was geht. Tut’s nicht. Wir landen danach, waren aber etwa 45 Minuten in der Luft und sind ein feines FAI Dreieck geflogen. Landung war wieder super. Ich habe das Gefühl, dass meine Landungen nun konstant besser funktionieren, auch bei wenig bis Null Wind, was wir hier auch hatten. Keine Arschlandungen mehr, immer auf den Füßen aufgekommen.

Beim Überfliegen des Parkplatzes kurz vorher sehe ich, dass wir wahrscheinlich zugeparkt sind. Die Durchfahrt, die wir morgens nehmen konnten, ist von Autos blockiert. Da bin ich mal gespannt.
Auch Vera und Flo landen etwa gleichzeitig mit uns und der unerwartet lange Flug macht uns ein wenig Druck in den Socken, denn wir haben verstanden, dass es eine kleine Chance auf unseren Stammgasthof am Abend gibt. Wir verabschieden uns von den beiden herzlich, Steph und Luc sind noch in der Luft, dann wackeln wir zum Parkplatz, wo wir feststellen, dass wir schon runterfahren können, aber nur mit Gezirkel, weil die Durchfahrten größtenteils zugestellt sind. Gibt schon schlimme Hornorchsen. Die gute Nachricht: Die Schranken waren immer noch offen und so beschlossen Astrid und ich, hier nix zu bezahlen, dafür, dass wir um fast die ganze Nacht gebracht wurden, eingesperrt waren, hielten wir das für vertretbar. 
Den eigentlichen Plan, auf der Rückfahrt vor der Brennerautobahn nochmal zu entsorgen, verwarfen wir, denn das waren kostbare Minuten, die uns im schlimmsten Fall um das Cordon Bleu im Gasthaus zu Hause hätten bringen können. Nur tanken war notwendig und der einzige Stopp auf der Fahrt nach Hause und als wir Garmisch durch gewesen sind, bestellte Astrid telefonisch schonmal unser Essen in den Wangerstuben, wo wir den Tag ausklingen lassen konnten. 
Eine aufregende Woche geht zu Ende, viele neue spannende Menschen, wie Flo und Luc, durften wir kennenlernen und wir durften ein paar Erfahrungen machen, die unsere weiteren Ausfahrten beziehungsweise die Entscheidungen auf so einem Trip hoffentlich positiv beeinflussen werden und der Einbau eines Marderschrecks ist beauftragt.

Fliegen, wandern, Trailrunning, arbeiten in Südtirol, 2.10.-12.10.2025

Der Tag der Deutschen Einheit steht an, meine Mädels erklären, wir bräuchten an dem Wochenende nicht ins Saarland zu kommen, sie seien eh die meiste Zeit mit den Festlichkeiten in Saarbrücken zu Gange. So gibt’s ein ungeplantes freies langes Wochenende. Die Wetterprognose sagt, wir fahren auf die Südseite der Alpen, wo wir möglicherweise fliegen können, denn auf der Nordseite wurde das für Samstag geplante Testival am Buchenberg wegen der erwarteten Front mit viel Wind bereits im Vorfeld abgesagt. Da Astrid donnerstags noch dienstlich unterwegs ist, fährt zufällig auch ihr Arbeitsgerät mit als sie von einem Auto ins andere springt. Und auch ich packe einem Bauchgefühl folgend meinen Arbeitsrechner ein, was ich sonst nicht tue. Ist irgendwie schon merkwürdig, wie dann alles kommt….

Nachdem wir meine Mädels, die im August zwei Wochen bei uns gewesen sind, zurück ins Saarland gebracht hatten, noch am gleichen Abend zurückfuhren, um bereits am nächsten Tag mit unserer mobilen Ferienwohnung in das Abenteuer Matterhornbesteigung starten zu können, verbrachten wir die erste Nacht der Reise am Oberalppass. Bereits zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich ein massiver Wetterwechsel ab Mitte der Woche ab, was uns dazu veranlasste, unsere Akklimatisationstour einen Tag vorziehen zu müssen. Die Zeit musste etwas gerafft werden, die geplante Wanderung am Oberalppass ließen wir sein, unternahmen stattdessen eine kleine Tour auf das etwa 3000m hohe kleine Furkahorn, verbrachten die folgende Nacht am Furkapass, fuhren von dort durch bis nach Saas-Fee und starteten den Hüttenzustieg zur Mischabelhütte, wo wir unseren lieben Freund und Nachbarn Thomas trafen. Er hatte sich spontan zum Nadelhorn angeschlossen und war so schnell unterwegs, dass er vor uns an der Hütte eintraf. Teilweise auch dadurch verursacht, dass Astrid und ich uns ob der missachteten Öffnungszeiten der Tourist-Info in Saas-Fee etwa zwei Stunden die Zeit vertreiben mussten, bis wir die Saas-Tal-Card ausgestellt bekamen, womit wir die Hannig-Bahn kostenfrei benutzen konnten. Die ist inzwischen so teuer geworden, dass wir das Warten in Kauf nahmen.
Eigentlich wollten wir zwei Nächte auf der Mischabelhütte bleiben, um unsere Akklimatisierung an die Höhe zu unterstützen, doch nachdem wir im eisigen Wind etwa 100 Höhenmeter unterm Gipfel des Nadelhorns aus Vernunftgründen unseren Besteigungsversuch zu dritt abgebrochen hatten und an der Hütte zurückgewesen sind, hatten Astrid und ich so einen Durchhänger, dass wir sehr in Zweifel gerieten, ob das Matterhorn so überhaupt Sinn macht. Dort würde sehr sicher zu den eisigen Temperaturen und dem Wind auf jeden Fall noch eine nicht unerhebliche Menge Neuschnee hinzukommen. So beschlossen wir, ebenfalls von der Hütte abzusteigen, keine zweite Nacht zu bleiben und hatten innerlich irgendwie mit dem Horu abgeschlossen. Bis wir zurück am Camper waren und Robert, unser Bergführer sich meldete. Er war relativ zuversichtlich, dass wir die Tour machen können, ein bisschen Schnee sei kein großes Problem, es sei ja auch noch eine Woche, bis wir Gipfeltag hätten, da könne viel passieren und wir warten einfach mal ab, wo sich das Wetter wirklich hin entwickelt. Meistens ist es dann doch nicht so schlimm, wie prognostiziert. Das war Mittwochnachmittag. Astrid und ich setzten aus dem Saas-Tal heraus erstmal um auf einen kleinen privaten Stellplatz in Brig-Ried, der bezahlbar war, um den nächsten Tag, der mit Dauerregen vorhergesagt war, auszusitzen. Auch schön. Einfach mal ausschlafen und nicht irgendwo hinmüssen. Tja, der am Vortag noch so zuversichtliche Robert klingelte uns donnerstagsmorgens aus dem Bettchen mit der Botschaft, dass alles doch anders kommt, denn die Ausläufer des Hurrikans Erin ziehen über den Alpenhauptkamm, teilweise das Wallis, das Tessin, Nord- und Südtirol, Trentino, usw. werden in den nächsten Tagen kleine Weltuntergänge erleben, die Schneefallgrenze sinkt unter 3000m, am Matterhorn wird es wahrscheinlich fast einen Meter Neuschnee geben, die Tageshöchsttemperaturen werden sich um die -15°C bewegen, wenn der Wind moderat bleibt. Viel zu schlechte Bedingungen, um an dem Berg ein wenig rum zu probieren, dafür ist die Unternehmung deutlich zu teuer. Wenn wir in Summe fast 6k € dranhängen, dann sollte es auch eine gute und realistische Chance auf den Gipfel geben und das war zu diesem Zeitpunkt sicher nicht gegeben, also war die Konsequenz, dass wir einvernehmlich Roberts Vorschlag folgten, die Tour abzusagen und, wenn wir neu planen, einen Zeitpunkt früher im Jahr zu wählen.

Die in mir aufgekeimte neue Motivation fürs Bergsteigen erlosch in wenigen Sekunden, als ich da lag und gar nicht so richtig einschätzen konnte, ob ich jetzt traurig oder erleichtert sein soll und vor allem beschäftigte mich sofort der Gedanke, was wir denn jetzt mit dem restlichen Urlaub anfangen sollen? Mein Bauch sagte, wir können auch zu Hause im Regen sitzen, dafür wäre es nicht nötig, unsere Knete für Stell- und Campingplätze in der Schweiz auszugeben, doch, wie üblich, formten sich bei meinem besseren sieben Achtel bereits ganz andere Pläne. Während die Pessimilla in mir sich mit einer kompletten Exitstrategie beschäftigt, stellt Astrid fest, dass wir erstmal hier, wo wir sind, morgen einen Flug machen könnten und dass uns ein kleines Stück südwärts die nächsten Tage möglicherweise doch die Sonne begegnen könnte, wogegen sich mein Quatschi im Kopf zunächst wehrte. Warum noch weiter wegfahren, das Wetter ist überall blöd? Sogar das Mittelmeer war kurz im Gespräch. OK, Mittelmeer war für mich entschieden übertrieben, allerdings kann ich mich mit dem Gedanken anfreunden, zunächst in kleinen Schritten zu denken und mal zu schauen, ob sich in der Gegend um Brig ein Flügchen ausgehen könnte. Auf dem Weg zu Fuß zum kleinen Volg-Markt besichtigten wir den offiziell gesperrten Landeplatz mitten im Ortsteil Ried und trafen dort auch auf den Besitzer der unmittelbar angrenzenden Flugschule, der uns eröffnete, dass er selbst die Sperrung veranlasste, weil es ziemlich Stress mit dem Landwirt gibt, dem die Wiese gehört. Da wir jedoch nur zu zweit seien, sprach er uns die Erlaubnis aus, ausnahmsweise hier landen zu dürfen, damit sich unsere logistischen Probleme in Grenzen halten, wenn wir am Startplatz Rosswald losfliegen, denn der alternative reguläre Landeplatz in Bitsch wäre für einen Fußmarsch deutlich zu weit weg. Wir behalten das mal im Kopf, doch die unteren Startplätze, die mit der Rosswaldbahn erreichbar sind, machen einen schwierigen Eindruck, da beide schmale, steile Waldschneisen sind und der Wind 100%ig passen muss. Weiter oben soll es wohl auch Startmöglichkeiten in einem geeigneteren Gelände geben, doch dazu hätten wir unser Zeug ziemlich weit bergauf schleppen müssen, wozu wir beide keine Lust hatten, unter anderem deswegen, weil die Wahrscheinlichkeit, starten zu können, nicht besonders groß war. Auf der Suche nach Alternativen stießen wir auf den Startplatz Riederalp auf der gegenüberliegenden Talseite, für den die Bedingungen besser vorhergesagt waren, der mit der Seilbahn gut erreichbar ist und zudem der Landeplatz Bitsch gehört, der auf jeden Fall nicht gesperrt ist und wir nicht Gefahr laufen, für irgendwelche Auseinandersetzungen der Zündfunke zu sein.
So geht’s am nächsten Morgen nach Ver- und Entsorgung der Kabine zur Landeplatzbesichtigung, die mich gleich wieder zweifeln lässt, ob’s eine gute Idee ist, hier zu fliegen. Bauchi findet den Landeplatz, der von einem Fluss, einer Eisenbahn, mehreren Stromleitungen, einem Photovoltaikpark und Wald umzingelt ist, ziemlich spooky. Es ist die einzige Landemöglichkeit im Gleitwinkelbereich, es gibt keine Fluchtmöglichkeiten, dafür aber jede Menge Talwind, wenn’s blöd läuft. Glücklicherweise landen zwei Mädels gerade als wir dastehen und uns nicht sicher sind, und wir erkennen beide, dass die Wiese nicht so klein ist, wie sie scheint. Bezüglich Talwind gibt uns eine der beiden den Tipp, die Windstation in Visp zu checken, denn wenn dort die Windgeschwindigkeiten beginnen, größer zu werden, dauert es etwa 20 Minuten bis der Talwind den Landeplatz erreicht, was für eine sichere Landung in Bitsch ab Riederalp genügt.
Mit dieser Information relativieren sich die Zweifel und wir entscheiden raufzufahren, wobei ich klar sagen muss, dass ich beim Thema Wind die Bremse bin. Astrid ist da etwas toleranter und zuckt im Gegensatz zu mir nicht gleich zusammen, wenn die Bäume rauschen. Das Auto lassen wir stehen, wo es ist, wir nehmen die Eisenbahn, um zur Talstation der Seilbahn zu kommen, denn die ist nur eine Haltestelle weiter und, in Deutschland völlig undenkbar, Astrid kann über die SBB-App für uns beide sowohl die Fahrt mit der Eisenbahn einkaufen als auch mit der Seilbahn und beides ist so getaktet, dass man nahtlos von einem Transportmittel ins andere umsteigen kann und der Preis ist überraschend niedrig. Oben angekommen, sind es nur wenige Meter zum Traumstartplatz Riederalp (Achtung: Es gibt auch Riederalp West, dort waren wir nicht), der geradeso aus den Wolken ist, was mich wundert, denn von unten sah es so aus, als läge alles noch unter einem Wolkenband, das sich am ganzen Grat entlang zieht. Der Wind ist perfekt, wir fackeln nicht lange, machen uns fertig und starten zügig, nachdem wir den Live-Wind an der Wetterstation Visp gecheckt und für gut befunden haben. Viel Thermik ist wenig, der Höhengewinn hält sich in Grenzen, doch wir hatten im Voraus schon besprochen, dass der Fokus darauf liegt, überhaupt zu fliegen und es gab keine Erwartungshaltung an die Dauer, wobei die relative Höhe von etwa 1200 Höhenmeter selbst einen Gleitflug strecken können. Leider habe ich die Landung wieder mal ziemlich verkackt, überraschender Weise war am frühen Nachmittag immer noch Bergwind, und bombte ein, aber wenigstens mitten im vorgesehenen Landefeld und ich konnte auf meinen eigenen Füßen vom Platz gehen. 

Nach einer kurzen Mittagspause starten wir von dort in Richtung Simplonpass. Wir haben uns dazu entschieden, nach Italien zu fahren, weil es dort die nächsten 2-3 Tage schön sein soll, und übernachteten am Pass, wo es Stellplätze gibt. War allerdings nicht der ruhigste Ort, aber ich konnte am Simplon-Adler, einer riesigen Steinfigur, noch Handpan spielen, bevor Regen reinzog. Am nächsten Morgen tuckerten wir den Berg wieder runter nach Italien, bogen kurz vor Domodossola ins Valle di Vigezzo ab und erreichten noch am Vormittag den Ort Santa Maria Maggiore. Bis dahin dachte ich, dass dieser Name nur mit einer Kirche in Rom verknüpft ist, jetzt weiß ich es besser und außerdem lerne ich, dass dieser Ort fast alle Schornsteinfeger Norditaliens ausbildet. Wir checken in einem kleinen Camperstellplatz hinterm Landeplatz ein und machen uns später auf den Weg zu Fuß quer durch den Ort zur Seilbahn, um vielleicht noch einen Flug machen zu können. Die Windprognose sah gut aus. Oben angekommen, kommt Astrid mit einer Gruppe Schweizer Pilot:innen ins Gespräch, die bereits einige Stunden am Startplatz trotz vordergründig guter Bedingungen abwarteten. Sie sind wankelmütig geworden, weil das einheimische Fliegevolk geschlossen wieder mit der Bahn runtergefahren ist statt zu starten und sie waren gerade dabei, es den Einheimischen gleich zu tun. Die Ursache, die wir selbst ebenfalls übersehen hatten, war ein Nordföhn mit über 6 hPa vor dem die Locals warnten, weil es durchaus vorkommt, dass der kalte, starke Wind vom Simplonpass her durchbrechen kann und mindestens für extrem schwierige und gefährliche Landesituationen sorgt. Upsi. Wir gehen trotzdem weiter zum oberen Startplatz, Piana di Vigezzo 1 bei BurnAir, wozu etwa 100 Höhenmeter aufgestiegen werden müssen, um uns wenigstens den mal angeschaut zu haben. Es gibt einen Startplatz direkt unterhalb der Bergstation, Santa Maria SO, doch der taugt uns nicht so gut, weil wieder durch eine Waldschneise gestartet werden muss. Die Startbedingungen oben erscheinen perfekt zu sein, etwa 10km/h von vorne, ein paar Thermikwolken, Sonne, der Landeplatz ist zu sehen und ohne den Hinweis auf den Nordföhn, den wir in unseren Apps tatsächlich bestätigt fanden, wären wir ziemlich sicher gestartet, doch das lassen wir schön, denn ob’s funktioniert hätte, wüsste Frau erst hinterher, wenn sie noch lebt.
Eine kleine Pause in der Sonne am Starthang gönnen wir uns bevor wir zurück zu Bahn gehen und runterfahren und zu Fuß zurück zum Stellplatz wackeln mit einem kleinen Stopp im Supermarkt. An diesem Nachmittag packe ich meine Handpan aus, wir sitzen in der Sonne, ich spiele ein wenig, Astrid besorgt uns von der Bar am angrenzenden Golfplatz zwei Aperol Sprizz. Es könnte eine schlimmer treffen. Der nächste Tag soll super werden zum Fliegen und so brechen wir an einem schönen, sonnigen Sonntagmorgen erneut auf zum Startplatz und sehen in unseren Apps, dass es tatsächlich gute Chancen auf einen schönen Flug gibt. An der Bergstation angekommen, ist der dortige Startplatz gut besucht, wir beobachten einige Starts, befinden allerdings, dass wir uns nicht in die Menge stellen wollen, sondern wieder die 20 Minuten weitergehen zum oberen Platz, wo wir nach Eintreffen ganz allein sind. Sehr gut. Wir sind früh dran und warten daher noch ein wenig, denn es könnten sich passable Thermiken bilden und als wir immer mehr Schirme sehen, die unten gestartet sind und sich halten können, entscheiden wir zu starten. Direkt nach dem Abheben merke ich jedoch, dass sich bestätigt, was ich bei den anderen Pilot:innen in der Luft bereits beobachtete, die Luft ist ziemlich bockig und ich fühle mich von der ersten Sekunde an nicht wohl. Jedes Steigen schüttelt mich gut durch, die Kappe raschelt permanent, ständig ändert sich der Druck auf den Steuerleinen, ich funke Astrid, wie es mir geht und dass meine Ambitionen, hier lange zu fliegen, gerade auf Null gegangen sind. Apropos funken. Wir haben unsere Motorola T82, für die es keine geeigneten Headsets mit Finger PTT gibt, gegen sehr günstige Retevis R24, das Stück für kaum 15€, mit Finger PTT gewechselt und obwohl diese Funken technologisch uralt sind, ist die Sprachqualität um Lichtjahre besser als mit dem Motorola und der Sprechknopf am Finger ist ein echter Gamechanger, weil nichts mehr losgelassen werden muss, um sich mitzuteilen. Ich biege in Richtung Landeplatz ab, mir reicht’s, und nach etwa 20 Minuten in der Luft setze ich im Landefeld auf. Im Bereich des Landeplatzes gab’s eine Konvergenz aus den beiden Talwinden, die den Anflug etwas ruppig werden ließ, doch ein ordentlicher Gegenwind etwas tiefer erleichtert mir das seitliche Hineindriften, verlangsamt den Endanflug so, dass ich kurz vor Mittag relativ sanft auf den Boden zurückkomme, wo sich bald auch Astrid einfindet. Der Wind macht uns das Einpacken schwer, er nimmt seit unserer Landung konstant zu und die nach uns Landenden haben gut zu tun, sich nicht den Hals zu brechen. Für mich steht fest, dass ich nicht nochmal rauf möchte. In wenigen Minuten zu Fuß zurück am Stellplatz stellt sich die Frage, was wir nun weiter unternehmen wollen? Der nächste Tag soll wieder ein Regentag werden und auch die Tage danach ist mit viel Fliegen hier wenig, was in meinem Kopf schon wieder für nach-Hause-fahren-Phantasien sorgt. Umso weniger populär ist in der Folge Astrids Vorschlag, einmal quer fast 400km durch Norditalien nach Bassano umzusetzen, weil es dort am nächsten Tag super zum Fliegen aussieht. Bassano taugt mir nicht zum Fliegen, weil es dort immer brechend voll mit vielen Pilot:innen ist, von denen viele weder starten können, noch Hangflugregeln kennen, und dann auch noch eine so lange Fahrt, unter 5-6 Stunden mit dem Pickup geht sich das nicht aus, und alles ergibt nur Sinn, sagt mein Quatschi, wenn wir sofort aufbrechen und nicht bis zum nächsten Tag warten. Z’fix. Ich komme erst recht in eine Zwickmühle als Astrid darauf besteht. Ich könne ja heimfahren, sie nimmt dann den Zug nach Bassano, weil sie auf keinen Fall nach Hause will, wo wir tun, was wir immer tun. Na dann, ich lenke ein, getrennte Wege zu gehen ist keine Option für mich, also handele ich gegen meine Intuition, bestehe darauf, dass wir sofort einpacken und aufbrechen, damit wir nicht erst mitten in der Nacht dort ankommen und versuche, mich innerlich auf eine mindestens 6 Stunden Fahrt vorzubereiten, die es dann auch braucht. Es geht aus dem Tal hinaus zurück nach Domodossola, einmal volltanken, Stau, Mailand, Stau, Brescia, Stau, Verona, Vicenza, Bassano del Grappa und in Semonzo auf den Camper-Stellplaz am Garden Relais, wo wir am nächsten Tag, ein Montag, der erste September, unmittelbar in ein Fliegetaxi steigen können. Wir kennen uns ein wenig aus, weil wir schon zweimal hier gewesen sind, Astrid organisiert per WhatsApp zwei Sitzplätze im Regis-Taxi am nächsten Morgen um 10Uhr, gegen halb elf sind wir am Startplatz Bepi und starten ziemlich genau um 12Uhr. Meine Vorurteile sehe ich alle wieder bestätigt, viele haben Schwierigkeiten zu starten, brauchen 2,3,4,5 und mehr Anläufe bis sie mit Glück rauskommen, wir helfen ein wenig, wo wir können, doch wir sind nicht die Mamas und wollen selbst auch irgendwann mal in der Luft sein. Ich starte als erste, bin sofort in der Luft, finde Thermik und Hangwind, steige schnell gute 500 Höhenmeter und gehe in einer Thermik in eine Warteposition, von wo aus ich sehen kann, wann Astrid in der Luft ist und zeige ihr gleichzeitig an, wo es hoch geht. Wir sind die einzigen weißen Thetas, ich bin nicht zu übersehen. Über mir ist niemand mehr. Sie hilft einem Piloten, der es so gar nicht gebacken bekommt, noch zweimal und kommt dann endlich selbst beim ersten Aufziehen sauber raus und beginnt, sich nach oben zu schrauben. In der Zwischenzeit bin ich beinahe auf 1500m, habe den Startplatz um fast 700m überhöht, und muss vor ein paar Wolken flüchten bis ich mit Astrid zusammen kreisen kann. Die Funke kommt wieder ins Spiel, es ist so unglaublich angenehm, wenn wir uns während des Fluges austauschen können und so versuchen wir, ein klein wenig Strecke zu machen. Ich bin bis dahin bloß schon soviel mit leerem Magen gekreist, dass es mir nach einer guten halben Stunde so übel wurde, dass ich Sorge hatte, abladen zu müssen, weswegen ich nach Besprechung mit Astrid ins Flachland zum Landeplatz abbog. Dort gab’s zwar auch ein flächiges Steigen in großen Teilen, doch das konnte ich ohne Abstiegshilfen benutzen zu müssen per Langsam-machen des Schirmes gegen den Wind überwinden und setzte endlich mal wieder mit einer schönen Landung etwa eine weitere halbe Stunde später am Garden Relais auf, wo Astrid kurze Zeit später ebenfalls einlandete. Bis auf die Übelkeit war’s ein toller Flug und weil es ein wenig thermisch ist, verteilte sich der Pulk über eine größere Höhe und es gab keine Probleme mit plan- und regellosen Pilot:innen. Vom lauten Stellplatz am Garden Relais ziehen wir um zum kleinen Campingplatz Santafelicita auf der gegenüberliegenden Seite des Ortes, wo es deutlich stiller und entspannter zuging und weil wir uns nach dem Regentag dienstags, der folgte, nochmal zwei schöne Fliegetage Mittwoch und Donnerstag mit Streckenpotential ausmalten, checkten wir gleich für den bis dahin geplanten Rest des Urlaubes ein, bezahlten im Voraus und ließen es uns am Abend im L’Antica Abbazia, einem sehr guten Restaurant direkt am Campingplatz, gut gehen und feierten ein bisschen den schönen Flug. Ich muss zugeben, die Strapaze mit der weiten Fahrt auf die andere Seite Italiens hat sich in dieser Hinsicht auf jeden Fall gelohnt.

Wie wir einigermaßen spontan zum Sicherheitstraining kamen, das diesem Beitrag den Titel verliehen hat.

 In der Nacht beginnt es zu regnen und das bleibt mit wenigen Lücken bis zum Nachmittag des nächsten Tages so. Eine Lücke nutzen wir, um ein paar Besorgungen im Alimentari zu machen, ansonsten hocken wir in der Kabine, vertreiben uns die Zeit mit Daddeln und Flugplanungen bis Astrid auf irgendeinem Kanal die Info reingespült bekommt, dass am nächsten Tag am Idrosee ein Women-only Sicherheitstraining der Flugschule Sicher Fliegen mit Jojo startet. Jojo ist toll. Sie hat mit Zylle zusammen das XC Seminar im Mai gemacht, an dem wir teilnahmen und das für uns der Schlüssel zum B-Schein gewesen ist. Wir checken den Termin auf der Homepage der Flugschule, tatsächlich, ein kleiner Kurs, maximal 8 Teilnehmerinnen….    und  …..es sind noch zwei Plätze frei. Das ist Karma. 
Zu diesem Zeitpunkt verknüpfen wir Langleitungstussies auch die Übernachtung von Ines bei uns zu Hause letztes Wochenende, die sich auf dem Weg zu einem Sicherheitstraining am Idrosee befand und wegen der superlangen Anreise aus dem Rheinland eine Zwischenübernachtung benötigte, wozu wir ihr unser Häuschen zur Verfügung stellten. 

Boahh… eine neue Zwickmühle. Eigentlich müssen wir freitags um 18Uhr meine Mädels im Saarland abholen, weil Kinderwochenende ist, doch der Kurs geht über 5 Tage von Mittwoch bis Sonntag. Geld ist kein Problem, denn wir fahren seit zwei Wochen wie ein Geldtransporter mit den Honoraren der Bergführer fürs Matterhorn durch die Gegend, aber das Kinderwochenende ist ein Thema. Doch dann überlege ich, dass meine Mädels ehrlich gesagt schon groß sind. Ich frage sie einfach nach ihrer Meinung, erkläre unsere Situation und höre, was sie dazu zu sagen haben, denn sie sind die wichtigen Menschen, um die es in der Sache geht. Nach kurzer Abstimmung höre ich von beiden, dass sie fein damit sind, wenn wir fliegen gehen und wünschen uns viel Freude dabei. So einfach kann es sein. Jetzt ist nur die Frage offen, ob wir zwei Tage Streckenfliegen in Bassano gegen 5 Tage Sicherheitstraining mit Nervenkitzel tauschen wollen? Astrid telefoniert erst mit Jojo, die sich schlimm freuen würde, wenn wir dabei wären, und mit Roman, dem die Flugschule gehört, ob die zwei Plätze wirklich noch frei sind und ja, sind sie, Start des Kurses sei am nächsten Tag um 13Uhr am Miralago im Schulungsraum. Fertig mit Überlegen, wir fahren zum Sicherheitstraining, auch wenn ich keine Ahnung habe, was ich dort fliegen soll und der Gedanke an zerstörte Flugzustände mich im Moment mental überfordert, doch wir könnten auch einfach eine schöne Zeit haben. Wir dürfen fliegen, müssen aber nicht, wenn uns nicht nach Action zumute ist. Women-only bedeutet nämlich auch, dass alles erlaubt ist und wenn das mal nicht fliegen ist, ist’s genauso gut. Naja, ein bisschen naiv, rückblickend betrachtet, denn in Wahrheit, hat keine einzige der starken Frauen auch nur einen einzigen Flug nicht gemacht.

Am nächsten Morgen packen wir in Bassano zusammen, machen uns auf den Weg zum Idrosee, sind pünktlich zu Beginn des Kurses im Schulungsraum und, Überraschung, Hannah und Steph, die ebenfalls schon am XC Seminar im Mai teilnahmen, sind auch da, d.h. 5 von 8 kennen sich schon. Das ist witzig. Die Wetterprognose sieht so gut aus, dass wir annehmen dürfen, jeden Tag fliegen zu können, was wir bisher in unseren beiden anderen Trainings hier ganz anders erlebten. Es ist warm, die Sonne scheint, es gibt sehr guten Kaffee, superleckeres Eis und die weltbesten Pistaziencroissants. Bloß der Campingplatz ist proppevoll und hat keine Ecke mehr für uns, doch das ist einfach zu lösen, weil wir bereits von Bassano aus gecheckt hatten, dass wir am Camperstellplatz am Landeplatz bleiben müssen und in weiser Voraussicht in Bassano bereits ver- und entsorgt hatten und insbesondere den Wassertank fast ganz füllten, um 4-5 Tage autark sein zu können. 
Zunächst gibt es ein wenig Bürokratie, Zettel sind auszufüllen, zu Schwimmweste und Funk gibt’s eine kurze Einweisung, für den größeren Teil der Teilnehmerinnen ist’s das erste Sicherheitstraining, es folgt eine K-Prüfung für alle Gurtzeuge, womit sichergestellt wird, dass alle ihren Retter finden und ziehen können, ein paar Menschen stellen sich vor: Anja ist am Startplatz, Leonie fährt den Bus, Roman fährt das Boot, Robert ist an der Kamera und natürlich Jojo, die uns am Funk bei unseren Manövern begleitet. Die Teilnehmerinnen stellen sich vor, erzählen etwas über ihre Ziele und Erwartungen zum Training und ich gewinne zu diesem Zeitpunkt den Eindruck, dass wir alle gar nicht so weit auseinanderliegen bezüglich unserer fliegerischen Fähigkeiten, es gibt keine Überflieger und keine bloody beginners. In unseren anderen Kursen war das anders, wo manche noch vor dem ersten Flug von Strömungsabrissen faselten und andere Mühe hatten, überhaupt zu starten. Gefällt mir gut. Allerdings bin ich seit unserer Entscheidung zur Teilnahme fürchterlich aufgeregt, weil ich immer ein wenig Panik vorm Manöverfliegen habe. Es kann so viel schiefgehen und die Ursache ist immer die Pilotin. Erstmal folgt die Landeplatzbesichtigung, zu der wir unsere mobile FeWo schonmal mitnehmen, weil wir später sowieso dort stehenbleiben werden. So, wie es mir am Anfang ging, als ich den Landeplatz noch nicht kannte, ging es auch einigen anderen, weil er zunächst relativ klein erscheint, von Bäumen und See begrenzt wird, es keine Ausweichmöglichkeit gibt, Berg- und Talwind sehr stark werden können, Thermik und/oder Konvergenzen manchmal noch dazu kommen. Trotz dieser Eigenschaften habe ich ihn jedoch stets getroffen, auch wenn es manchmal herausfordernd war. Jojo bietet an, auch bei der Landung zu unterstützen, für jene, die das wollen, um die Schwelle ein wenig zu senken. Fand ich toll. In der Vorstellungsrunde habe ich nämlich auch meine Landeprobleme angesprochen und fand mich damit nicht alleine. Bei mir ist’s nicht die Landeplatzgröße, sondern das Timing im Endanflug, das nicht passt und mir sehr häufig harte Aufschläge auf dem Popo beschert. 
Als der Landeplatz abgehakt ist, ist der Nachmittag bereits so weit fortgeschritten, dass wir im Anschluss für den Abendflug auffahren, den Startplatz besprechen und dann auch alle zum ersten Flug starten, der jedoch noch kein Training ist. Der Südost steht gut an, wir schaffen es, ein wenig am Starthang zu soaren und zaubern so einen superschönen ersten Flug in den Sonnenuntergang hin. Den ersten Abend beschließen wir mit einem gemeinsamen Abendessen im Restaurant Miralago.

Donnerstagsmorgens fliegen wir die ersten Trainingsflüge, bei denen Astrid und ich zunächst uns bekannte Manöver wählen, B-Stall, Big Ears (also wirklich große Ohren mit jeweils zwei A-Leinen auf jeder Seite), Spirale, Rollen und Nicken, denn es ist immer gut, diese zu festigen und sich Tipps für Verbesserungen geben zu lassen, weil gerade das Rollen bei mir bis dahin negativ besetzt gewesen ist. Zum einen wird mir beim Rollen so schnell schlecht, wie bei keinem anderen Manöver, das ich bisher geflogen bin und ich hatte im letzten Training die Erfahrung machen müssen, wie schnell das Manöver blöd werden kann, wenn man den jeweiligen Außenflügel nicht stützt, was mich damals in Bruchteilen von Sekunden in einen Spiralsturz katapultierte. Deswegen stand dieses vermeintlich einfache Manöver die ganzen Tage in diesem Training auf der ToDo Liste und ich glaube, ich bin an der Baustelle ein ganzes Stück weitergekommen. Astrid fliegt dabei bereits richtige Wingover, d.h. sie kommt mit ihrem Körper bei der Pendelbewegung über die Schirmmitte hinaus, und die Richtungswechsel schauen bei ihr richtig rund aus. 
Andere Mädels aus der Gruppe haben natürlich auch so ihre Baustellen, an denen sie zu feilen beginnen, angefangen von sich zu trauen, mal richtig an den Leinen zu ziehen bis hin zu den ersten Gehversuchen in Sachen Spirale, einem sauberen B-Stall oder wirklich großen Ohren. Alle sind da ganz mutig unterwegs und es ist eine Freude zuzusehen, wie vom ersten Flug an Wachstum einsetzt und eigene Grenzen verschoben werden. Im Gegensatz zu Männergruppen freut Frau sich hier für jede andere, die mit Mut und Spaß die eigene Komfortzone dehnt, ohne mit Angst fliegen zu müssen. Es finden keine Schwanzvergleiche statt, um es mal plump aber für alle verständlich auszudrücken. Es kommt nicht darauf an, ob Frau einen Fullstall fliegt oder nickt, was ehrlich gesagt, gar nicht so einfach ist, wie es sich anhört. Das ist keine pauschale Verurteilung der Männer, wir haben tolle männlich identifizierte Menschen, mit denen wir gerne fliegen, doch in Haufen mit genügend Testosteron wird es schnell unerträglich für mich. 
Mit den ersten beiden Flügen haben Astrid und ich unsere bisherige Grenze erreicht und der nächste logische Schritt sind etwas anspruchsvollere Manöver, zu denen es nach der Videoanalyse am Nachmittag die erste Theorie gibt, wie Stallpunkt ertasten, zuerst einseitig dann beidseitig mit Blick auf das Trudeln im Ansatz, was in unserem vorangegangenen Training „Verhänger-Öffnungs-Tool, oder kurz VÖT“ genannt wurde. Was dabei passieren kann, wenn Frau es übertreibt, haben Astrid und ich mit Michis anschließendem Retterabgang damals gelernt, entsprechend groß ist mein Respekt davor. Außerdem besprechen wir die Klapperspirale, im landläufigen Gebrauch auch „Hermann“ genannt, die Astrid und ich schon seit dem letzten Training im Kopf haben, uns damals aber nicht trauten zu fliegen. Jetzt ist das anders. Nach Videoanalyse und Theorie ist dann auch schon wieder Zeit für den Abendflug, zu dem ausnahmslos alle mit rauffahren, der allerdings nicht ganz so lange dauert, wie am Vortag, weil weder nennenswerte Thermik vorhanden ist, noch steht der Wind fürs Hangsoaren gut genug an. Macht aber nix, ist trotzdem ein Traum, an den sich erneut ein gemeinsames Abendessen anschließt. 

Freitagsmorgens starten wir schon um 6:30Uhr, weil nicht sicher ist, wie lange heute fliegen möglich ist. Die prognostizierten Druckdifferenzen mahnen zur Vorsicht, es wird im Tagesverlauf Nordföhn geben, der über Nacht anhält und der auf keinen Fall unterschätzt werden darf. Ein großer Tag ansonsten. Zwei Flüge gehen sich vormittags aus, Astrid und ich sind mutig, beginnen den ersten Flug damit herauszufinden, wo der Punkt ist, an dem bei unseren Schirmen die Strömung abreißt, indem wir erst auf einer Seite, dann auf der anderen und zum Schluss beidseitig die Bremsen entschlossen soweit herunterziehen bzw. drücken bis der immer größer werdende Steuerdruck abrupt endet, dieser butterweich wird und der Schirm aufhört zu fliegen. Reißt Frau in dem Moment entgegen aller Reflexe die Hände hoch bis hinauf an die Leinenschlösser und dem Schirm damit sagt, er soll wieder anfahren, passiert relativ wenig. Die Kappe entlastet kurz, entleert sich dabei auf der gestallten Seite oder auch ganz und füllt sich im Idealfall ohne nennenswerte Deformation beim Anfahren sofort und fliegt wieder. Tut Frau das nicht, bricht ziemlich schnell die Hölle los. Bei uns geht so weit alles gut, wir sind fürs Trudeln im Ansatz gerüstet. Es folgt der zweite Flug. Ich habe nur den Hermann auf’m Zettel, weil mir das ziemlich sicher reichen wird. Mit Jojo am Funk verabredete ich, dass ich mich nach dem Manöver entscheide, ob noch was geht, und wenn nix mehr geht, klappe ich das rechte Öhrchen als Zeichen für sie einmal kurz ein. Vor mir fliegt Teresa dieses Manöver, dessen Ablauf ich über Funk mitbekomme. Lief super. Keine unvorhergesehenen Schwierigkeiten. Ob mir das hilft, kann ich nicht sagen, jedenfalls hängt die Hose zwischen den Knöcheln als ich starte und mich auf den Weg in die Trainingsbox über Wasser mache. Jojo meldet sich, meine Position sei gut für die Klapperspirale, ich können loslegen. Eigentlich wollte ich zuerst die rechte Seite klappen und mich dorthin fallen lassen, weil ich im letzten Flug zum Schluss eine Spirale nach rechts flog und die linke Hand auf jeden Fall noch wissen müsste, dass sie außen ist, doch auf dem Weg in die Box kam mir ein anderer Gedanke. Wenn es die Bedingungen zulassen, lasse ich nach dem Start gerne die Steuerleinen los, Hang loose hat Eki das genannt, versuche mich kurz zu entspannen bevor es losgeht und greife dabei immer 2-3 Mal zur Griffschlaufe des Retters, der sich auf der rechten Seite meines Gurtzeugs unter meinem Popo befindet. Da kam mir die Idee, dass es klug sein könnte, die Klapperspirale genau anders herum einzuleiten, denn dann wäre mein Retter auf der Seite des Systems, das nach außen rotiert und ich stellte mir vor, dass der Retter auf der offenen Seite tendenziell besser aufgehen müsste, wenn der worst case eintritt. Also schwenke ich um, klippe meine linke Steuerschlaufe an den Tragegurt, spanne meinen ganzen Körper an, mache mich im Gurtzeug fest und ziehe beherzt die gesamte linke Eintrittskante über 3 A-Leinen zu mir runter, lehne mich auf die geklappte Seite und halte fest, die rechte Hand ist ganz oben. Dann warte ich auf die Reaktion, doch es passiert erstmal nix, mein Schirm fliegt trotz der sehr großen Deformation weiter geradeaus. Ja, ist ein toller Schirm, doch das war jetzt nicht Ziel der Übung. Jojo weist mich an, den Klapper nochmal zu öffnen und es nochmal von vorne zu versuchen. Ich führe die gehaltenen Leinen wieder hoch, der Flügel öffnet sofort, anscheinend muss ich noch etwas entschlossener handeln und so beginne ich von vorne, strecke mich so weit nach oben, wie es geht, greife mit links alle 3 A-Leinen dieser Seite, ziehe sie mit viel Schwung zu mir nach unten, fast 70% der gesamten Schirmfläche klappt ein, ich lasse mich in das Gurtzeug zurückfallen und dann bemerke ich, dass der Schirm in eine Rotation über die deformierte Seite startet. Zuerst ganz langsam, so als ob der Schirm nachfragen würde „bist du sicher, dass du das willst?“, doch ab einem gewissen Punkt, so nach 1-2 Runden, geht die Luzi ab, die Rotation wird so schnell, wie in einer Spirale, allerdings ist der Drehpunkt zwischen mir und meinem Schirm, d.h. ich als Pilotin werde in eine Rückwärtsrotation gezwungen, so, wie wenn ich einen SAT fliegen würde. In dem Moment, in dem meine Rückwärtsfahrt beginnt, rutscht mir das Herz in die Hose, weil ich dieses Gefühl bisher nicht kannte und es sich zunächst ziemlich unangenehm anfühlte. Mein Gehirn geht aus, ich starre auf die rotierende Kappe, verliere völlig die Orientierung, vergesse aber nicht, dass meine rechte Bremse die Ausfahrt ist. Jojo am Funk findet’s klasse, dass ich es geschafft habe, die Klapperspirale einzuleiten und sagt mir an, dass ich nun die rechte Bremse mit Gefühl dazunehmen soll. Ich beginne zu ziehen und staune, wie schnell dieser Zustand sich dadurch verlangsamt, der Drehpunkt in die Kappe wandert, ich wieder vorwärts fliege und erst als der Schirm beginnt, in eine neue Rotation über die offene Schirmseite zu kippen, verstehe ich, dass ich die rechte Bremse wieder nachgeben kann und das Höllenkarussell ist zu ende. Als ich wieder stabil geradeaus fliege, lasse ich den gehaltenen Klapper los, der Schirm öffnet und die Show ist vorbei. Das war das Abgefahrenste, was ich bisher mit meinem Schirmchen veranstaltet habe. Sehr geil. Ich hab‘ allerdings ganz schön Puls und als Jojo sich für das nächste Manöver meldet, ziehe ich das rechte Öhrchen kurz ein, sie lacht und wünscht mir einen schönen Flug und eine gute Landung. 
Die übernächste Pilotin hinter mir ist Astrid. Jojo hatte sich gewünscht, dass wir mit unseren weißen Thetas bei den Trainingsflügen nicht direkt hintereinander starten sollen, weil wir ihr sonst das Leben schwerer machen würden, weswegen wir immer darauf achteten, dass mindestens eine andere Pilotin zwischen uns fliegt. Astrid hat ebenfalls den Plan, ihre erste Klapperspirale zu fliegen, was sie auch tut und auch sie ist völlig geflashed ob des krassen Gefühls der Rückwärtsrotation und wie schnell und relativ einfach dieses Manöver unter Kontrolle gebracht werden kann. Übrigens entschieden wir uns für diese wild erscheinende Figur wegen des praktischen Nutzens, es zu kennen, denn ein sehr großer Anteil der unkontrollierten Abstürze von Gleitschirmfliegenden startet mit einem großen Verhänger in freier Wildbahn, besonders in thermischer Luft kommt das nicht so selten vor. Diesen Verhänger simulieren wir mit dem großen Klapper, den wir bewusst ziehen und halten. Wird in freier Wildbahn nicht oder zu spät auf so eine Störung reagiert, beginnt der Schirm nicht selten mit so einer Rotation, wie wir sie erlebt haben und wenn dieser Fall eintritt, sind die Chancen, die Situation in den Griff zu bekommen, deutlich größer, wenn Frau erkennt, was passiert und in der Folge aktiv und kontrolliert ausleiten kann. Zumindest ist das die Theorie. 
Die Sinkwerte sind allerdings extrem hoch, bei unseren Manövern zwischen 18 und 23 m/s, d.h. bei fehlender Höhe kann es auch schlau sein, nicht zu experimentieren, sondern gleich den Retter zu ziehen. Erleben wollen wir das nicht, doch jetzt ist ein Werkzeug mehr im Koffer und Spaß macht’s ehrlich gesagt auch.

Es macht so viel Spaß, dass ich dieses Manöver nun jeden Tag einmal fliege und dabei beginne, die Orientierung zu behalten, die Menge der Rundfahrten zu kontrollieren und beim letzten Mal sonntags sogar völlig pendelfrei gezielt ausleite, ohne über die offene Seite einzudrehen. Auch Astrid und zwei weitere Pilotinnen machen das so und bei allen verschwand der erste Schreck und verwandelte sich in ein „wie geil ist das denn bitte“ Manöver. 
Freitagsnachmittags wird der Wind ziemlich stark, einen Abendflug können wir nicht machen, doch für alle, die möchten, und das tun alle, treffen wir uns für eine Groundhandling-Session am Landeplatz, nachdem die Videoanalyse und die Theorie abgehalten sind. Einen anderen Menschen treffen wir dort, der mit seinem Flügel regelrechte Kämpfchen im Wind führt, denn der Wind ist nicht laminar, wie sonst, sondern rauscht mit teilweise ziemlich krassen Böen durchs Gelände, wahrscheinlich mitverursacht durch etwaige Föhndurchbrüche. Nix für mich. Auch die anderen Pilotinnen lassen ihr Zeug verpackt und so sitzen wir in der Sonne, genießen die Pause, ich packe meine Handpan aus und spiele ein wenig, bis mein Repertoire erschöpft ist. Leider hat sich die Windsituation bis dahin nicht verändert, die Schirme bleiben im Packsack. Stattdessen nehmen wir ein Bier am Kiosk, der sich zwischen Landeplatz und Strand befindet und quatschen schön. Ich muss das an der Stelle loswerden: Ich bin so froh, in dieser Gruppe sein zu dürfen, es tut unendlich gut als Frau akzeptiert zu werden, denn das ist keineswegs selbstverständlich in der heutigen Zeit. Balsam für meine lange geplagte Seele. Menschen, die diese innerliche Diskrepanz nicht kennen, und das sind die meisten, werden das vielleicht nicht verstehen. Doch es gibt auch nix zu verstehen, es genügt, es zu akzeptieren und mich als Mensch zu behandeln und zu respektieren. Niemand hat auch nur den kleinsten Nachteil dadurch, mich einfach sein zu lassen.

Der Samstag. Es könnte der beste Flugtag der Woche werden, wenngleich der Nordföhn noch in meinem Gedächtnis hängt und ich das auch äußere als wir uns morgens zum Briefing treffen. Jojo hat das auf dem Schirm, wir werden das beobachten, doch sie denkt, das ist für den Idrosee mit seinem eigenen „Klima“ kein Problem heute. Wir fahren rauf. Für Astrid und mich steht heute im ersten Flug trudeln im Ansatz auf dem Programm, d.h. der Ablauf ist erstmal mit dem Ertasten des Stallpunktes gleich, allerdings bleibt Frau für einen kurzen Moment im Strömungsabriss, bis der Schirm etwa 90° rückwärts weggedreht hat und führt dann erst die Hände sehr zügig nach oben. Die Gefahr dabei ist, dass der Schirm beim Wiederanfahren ziemlich schnell vorschießen kann, wenn der Strömungsabriss über 90° hinaus gehalten wird und dann passieren ziemlich sicher Dinge, die wir nicht wollen. Es bleibt also aufregend, denn wir reden über Bruchteile von Sekunden, die über ein cooles Manöver oder einen Retterabgang entscheiden. Vorsorglich packe ich, wie bereits am Vortag vor dem ersten Hermann, alles, was nicht nass werden darf einschließlich meines Varios, in meinen Snozzle-Bag, in dem ich sonst den Schirm hab‘, denn der ist wasserdicht. Und dann geht’s los. Nach Erreichen der Trainingsposition über Wasser und meiner vorangegangenen mentalen Vorbereitung auf das, was kommt, zögere ich nicht, bremse leicht beidseitig an, drücke eine Seite über den Bremswiderstand hinaus bis die Strömung abreißt, behalte dabei meinen Schirm im Auge und als er beginnt zu entleeren und abzudrehen, reiße ich beide Hände wieder hoch und lasse sie oben. Der Schirm kommt nach der einseitigen 90° Rückwärtsfahrt zügig nach vorne, doch er fliegt dann auch einfach wieder. 
Jojo meldet sich und schlägt vor, wenn es mir gut geht, könne ich das gleiche auf der anderen Seite nochmal tun. Das mache ich. Dieses Mal bleibe ich jedoch einen winzigen Tick länger im Strömungsabriss, der Schirm dreht einseitig fast 180° rückwärts und schon ist Zirkus als er vorschießt. Ich fange nicht ab, weil ich so schnell überhaupt nicht blicke, was Phase ist, und außerdem würde eine zu schnelle Reaktion die Situation eher verschlimmern als verbessern, also lasse ich die Hände oben, schaue fast waagerecht in meine entlastende Kappe, bei der anschließend die Front komplett einklappt. Upsi. Nicht gut. Der Schreck hält nicht lange an, denn ich habe einen tollen Schirm, der genauso schnell wieder öffnet und nachdem ich durchgependelt bin, fliegt er einfach wieder. Alter, das hätte schiefgehen können. Neues Trainingspotential. Ich beruhige mich wieder, bringe mich zurück auf Achse und höre Jojo, die als nächstes Manöver eine weitere Klapperspirale vorschlägt, sofern ich bereit dazu bin. Bin ich und entscheide mich für die gleiche Seite, wie gestern, ziehe links einen großen Klapper, lasse mich auf die geklappte Seite fallen und los geht die Fahrt. Wenn Frau weiß, was passiert und wie es sich anfühlt, ist’s gar nicht mehr so schlimm. Ich behalte die Orientierung und leite etwas kontrollierter als beim ersten Mal aus. Fein. Danach ziehe ich mein Öhrchen ein, denn das war für einen Flug genug Spannung. Jojo wünscht mir eine schöne Landung. 
Apropos Landung. Dabei habe ich ebenfalls Fortschritte gemacht, denn ich glaube nun zu wissen, warum ich gerade bei Nullwind so häufig einschlage: Ich fange den Schirm zu spät ab und lasse ihm damit keine Zeit, die Fahrt vor dem Aufsetzen zu verlangsamen. Wenn die Füße schon fast das Gras berühren, ist’s zu spät und der Kopf ruft, das ist zu schnell, heb die Beine hoch und dann geht’s fast ungebremst in den Boden. Ziehe ich jedoch aus einem ungebremsten Endanflug zwei Sekunden früher an den Steuerleinen, hat der Schirm die nötige Zeit, langsamer zu werden, die Energie in einem leichten Steigen abzubauen und ich komme fast, wie eine Feder auch bei Nullwind auf meinen Füßen auf. Timing ist das Schlüsselwort. Danach habe ich nur noch die allerletzte Landung im ganzen Training verkackt, wobei ich jedoch die Ursache kenne.

Astrid, Vreni und Teresa fliegen an diesem Morgen ebenfalls die Manöver Trudeln im Ansatz und nochmal den Hermann. Auch sie machen die Erfahrung, dass der Schreck beim Hermann sich in Spaß verwandelt hat und kommen mit breitem Grinsen zum Landen. Ein Fest. Die anderen Mädels fliegen tolle Spiralen, ertasten die Stallpunkte ihrer Schirme, rollen und nicken, wie die Wahnsinnigen, ziehen B-Stalls und üben sich in den Big Ears. Das ist fantastisch. Immerhin ist es so, dass manche aufgrund diverser Umstände vergleichsweise wenig zum Fliegen kommen und unter dieser Prämisse machen alle enorme Fortschritte, überwinden ihre Hürden und wachsen an ihren Manövern. Das freut mich außerordentlich für alle. 
In meinem zweiten Flug belasse ich es beim Nicken, denn das hatte ich bis dahin in diesem Training überhaupt noch nicht geflogen, danach ziehe ich das Öhrchen wieder ein, weil es mir vom Kopf her genügt und Jojo verabschiedet mich in einen schönen Restflug. Auf dem Weg in meine Landeeinteilung teste ich, wie es um meine Leitlinienacht bestellt ist. Auch so ein Manöver, das häufig unterschätzt wird, denn es ist nicht so einfach, zügig hintereinander auf Achse zwei Kreise in jeweils unterschiedliche Richtungen zu fliegen und beim Übergang nicht bis Timbuktu zu pendeln. 
Die Bedingungen sind so gut an diesem Vormittag, dass wir ein drittes Mal rauffahren, allerdings entscheiden Astrid und ich uns für einen Freiflug ohne Training. Astrid findet auch, dass es mit Training für heute reicht, immerhin haben wir Urlaub und es darf auch mal ein gechillter Flug sein. Absolute Zustimmung von Anja, die den Startplatz managed, und Jojo unten am Strand. Finde ich toll, dass Frau sich für so eine Entscheidung nicht rechtfertigen muss, sondern es einfach tun kann, ohne dass jemand was dazu zu sagen hat. 
Beim darauffolgenden Start erkenne ich eine weitere Lücke in meinen Fähigkeiten: rückwärts aufziehen. Das mache ich sehr selten und entsprechend wenig routiniert bin ich darin, gerade mit dem neuen Schirm, der sich zwar prinzipiell leicht starten lässt, aber wegen seiner Streckung und der fast doppelten Anzahl an Zellen im Vergleich zum Pi3 doch anders verhält. Noch eine kleine Seitenwindkomponente und es geht viel schief, aber ich komme mit Gewürge raus auch wenn’s nicht schön und unkontrolliert ist.
Es ist bereits halb eins am Nachmittag, die Luft ist nicht mehr ruhig, Thermik setzt so langsam ein, auch ein Grund, warum ich mich für einen Freiflug entschieden hatte. Es bietet die Möglichkeit zu versuchen, ein wenig länger zu fliegen. Richtig gut geht’s nicht, doch es genügt, um die Airtime im Vergleich zu den Trainingsflügen fast zu verdoppeln und auf dem Weg in meine Landeeinteilung, die ich über Land mache, um die Trainierenden überm See nicht zu stören, baue ich weitere Achten ein, die in der Aufzeichnung mit der Garmin-Uhr tatsächlich fast perfekt ausschauen. Saubere Kreise, einmal rechts der gedachten Achse, einmal links mit identischem Durchmesser und einem sehr kleinen Übergang und pendelfrei. Hab‘ ich in der A-Schein-Prüfung nicht geschafft.

Nach einer Pause treffen wir uns, wie jeden Tag nach den Flügen, im Schulungsraum, schauen gemeinsam die geflogenen Manöver an, besprechen diese ausführlich und sind uns einig, dass wir am nächsten Morgen, dem letzten Tag, keine neuen Manöver mehr probieren, sondern stattdessen alle bis dahin geflogenen festigen wollen. Manche haben sich inzwischen des Öhrchens bedient, um zu signalisieren, dass es genügt, doch die gewählte Seite sorgte für einen Lacher, denn ich hatte immer das rechte Öhrchen als „ich bin fertig“ verwendet, eine andere Pilotin zog das linke ein und wir einigten uns darauf, dass links bedeutet „mmmhhh… naja, vielleicht möchte ich zu einem weiteren Manöver überredet werden.“.
Für heute steht noch ein Abendflug und ein gemeinsames Essen auf dem Programm, zu dem sich jeweils alle anschließen. Heute Abend neben der Flugschule Freiflug mit am Startplatz ist eine slowenische Flugschule mit zwei Bussen voller Pilot:innen, die den Startbereich okkupierten, den wir sonst benutzten, was einen ganz schön wuseligen Eindruck am Startplatz schafft als wir eintreffen. Im Gegensatz zu den Trainingsflügen, bei denen einzeln in größeren Abständen gestartet wird, sind die Abendflüge durch einen vollen Startplatz und einen vollen Himmel geprägt, bei dem ich immer hoffe, mit möglichst wenig anderen gleichzeitig am Landeplatz einzutreffen. Mit einem gefüllten Werkzeugkoffer kann Frau das natürlich auch ein Stück weit beeinflussen. Ein großer Teil der anderen Flugschulen ist bereits in der Luft und es zieht sich dann doch etwas auseinander und am Ende ist es sogar so, dass wir Mädels fast allein in den Thermiken in Startplatznähe rumfliegen und aufdrehen, weil die meisten Pilot:innen sich auf den Weg über den See zum Landen gemacht hatten. Wieder mal ein Traum mit dem Theta in dieser herrlichen Kulisse zu fliegen. Kleinstes Steigen genügt, um wenigstens nicht zu sinken und verschafft Zeit, sich die Spots herauszusuchen, an denen es richtig nach oben geht. Astrid trifft es anfangs nicht so gut, doch ich sehe ihr von weit oben zu, wie sie sich zurückkämpft und es bis ganz nach oben schafft. Sensationell. Vor unserem XC Seminar im Mai mit Jojo wäre das nahezu undenkbar gewesen. 
Die Landung wird ein wenig speziell, denn es hat an diesem Abend immer noch viel Wind aus Süd. Ein Grund, warum wir mit Starten relativ lange warteten und erst als Roman von unten rückmeldete, dass es sich so langsam in Richtung 20km/h beruhigt, zogen wir auf. Beim Thermikfliegen um den Startplatz herum war der Wind kein Thema, doch als ich über den See raus bin, blies es schon ganz ordentlich, sodass ich teilweise mit dem Segel im Wind nur noch einstellig Vorwärtsfahrt machte, was gleichzeitig eine hervorragende Gelegenheit bietet, driften zu üben, denn genau so bin ich am Ende von der Seite in den Landeplatz und in meinen Endanflug eingebogen und supersoft aufgesetzt. Landen mit mehr Wind hat mir noch nie Probleme gemacht, ganz im Gegensatz zu Nullwind. Nach der Landung kommt Roman auf Astrid und mich zu, wir wären die ganzen Tage noch nie mit dem Boot zurück zum Miralago gefahren, er würde das gerne ändern und sich freuen, wenn wir das heute schaffen. Oh ja, da hab‘ ich Lust drauf. Wir bitten ihn zu warten, bringen unsere Flugzeuge zum Camper, richten uns ein klein wenig fürs letzte gemeinsame Abendessen her, kommen dann zurück zum Landeplatz und steigen mit den übrigen Pilotinnen ins Boot und lassen uns im Sonnenuntergang von Roman zum Restaurant fahren. Schon toll, irgendwie. Er ist voll ein netter Mensch, hatte sich die ganzen Tage nur selten blicken lassen, um unsere Frauenrunde nicht zu stören, stand jedoch gleichzeitig permanent im Boot zur Verfügung, falls es nötig wird, eine von uns aus dem Wasser zu fischen. 
Als wir alle zusammen im Restaurant saßen, gab es noch eine kleine Überraschung für Roman uns sein Team. Wir hatten ein wenig Geld gesammelt und, ich glaube, Teresa hat es in einen Gutschein zum Essen im Miralago umgewandelt, den sie nun mit ein paar Worten des Dankes und der Anerkennung zusammen mit einem Glas Honig von Ines‘ Bienen überreichte. Eine kleine Geste, um zu zeigen, was sie alle für einen tollen Job machen. 

Am letzten Tag starten wir erneut sehr früh, um 6:30Uhr sollen wir alle im Schulungsraum sein, damit wir den Vormittag so gut es geht ausnutzen und fliegen können und es hinten raus nicht so spät wird, da die meisten danach eine mehr oder weniger lange Heimreise vor sich haben, so wie wir auch. Zwei sehr feine Flüge gehen sich für alle aus, ich fliege erneut die Klapperspirale, dieses Mal auf die andere Seite, ziehe mit Freude die halbe A-Ebene runter, halte fest und starte damit das Karussell und die Rückwärtsfahrt, während ich jede Sekunde genieße. Es gelingt mir sogar, das Manöver pendelfrei zu beenden, ganz kontrolliert. Eine kleine Sensation. Auch Astrid fliegt das Manöver nochmal perfekt und hat großen Spaß daran. An diesem Morgen sehe ich nur Grinsekatzen am Landeplatz und es ist fast schon schade, dass diese Zeit zu Ende geht. Im letzten Flug beenden wir die Trainingstage mit Rollen und Spiralen und ich glaube, dass bei mir so langsam der Groschen beim Rollen rutscht und es allmählich runder wird und ich die Pendelbewegungen kontrollieren kann, was vor dem Training sicher nicht der Fall war. Astrid zaubert letzte Wingover in den Himmel, lernt, dass der Außenflügel so langsam mehr Unterstützung braucht, damit er nicht einklappt und landet fein. Wer hätte das Anfang der Woche gedacht, dass unser kleiner Lebenszug uns zu diesem Sicherheitstraining führt, das ist wirklich irre. 
Drei von uns acht ziehen am Ende des letzten Fluges den Retter, um auch dieses Gefühl erlebt zu haben und herauszufinden, was danach zu tun ist. Astrid und ich lassen das, denn wir haben keine Möglichkeit, die Woche drauf unsere Sachen wieder trocken zu bekommen. Die Aufnahmen dazu sehen wir uns nochmal gemeinsam an bevor es in die Verabschiedungsrunde geht, bei der jede gerne loswerden kann, was sie beitragen möchte. Viel Dank und Lob höre ich, dem ich mich ohne Einschränkung anschließen kann und als ich dran bin, bedanke ich mich bei der ganzen Gruppe, dass ich als eine etwas andere Frau an diesem Training für women-only teilnehmen durfte und mich äußerst wohl und respektiert fühlte. Solche Begegnungen geben mir Kraft, die es manchmal schon benötigt, um so zu leben, wie ich es tue. Genug davon. Die wichtige Botschaft an die Flugschule von Roman ist, dass wir alle nächstes Jahr wieder am gleichen Format teilnehmen wollen, wenn er es denn wieder anbietet, denn das ist auf jeden Fall etwas ganz Besonderes und unterscheidet sich von gemischten Teilnehmenden, wie Astrid und ich bereits erlebt haben. 
Noch ein Bild am Steg mit dem See und der Windfahne im Hintergrund und dann machen wir uns an die Heimreise über den Brenner. Dummerweise müssen wir wieder arbeiten, um uns diese Abenteuer leisten zu können, wenngleich ich für mich sagen kann, ich würde es noch viel länger mit Astrid in der Wohnkabine aushalten. Mir hat in den letzten zwei Wochen nichts gefehlt.

Vielen Dank an der Stelle an meine Kinder, ohne deren Zustimmung keine Teilnahme am Sicherheitstraining stattgefunden hätte.

Und vielen Dank an die Flugschule Sicher Fliegen, die alle Bilder und Videos zum Kurs zur Verfügung stellten.

Zweites Sicherheitstraining 2025, 03.09.-07.09.25

Wie die Dinge immer so laufen im Leben, es lohnt sich, flexibel zu sein und nicht nur Plan B zu haben. Für unseren Jahresurlaub dieses Jahr hatten wir den großen Plan A, mit den beiden Bergführern Robert und Gerald, die uns vergangenes Jahr aufs Zinalrothorn führten und uns bestätigten, dass mehr geht, das Matterhorn über den Hörnligrat zu machen. Alles Notwendige war in die Wege geleitet, Plätze auf der Hörnlihütte konnten wir ergattern, die nicht unerhebliche Knete konnten wir zusammenkratzen, eine Akklimatisationstour eine Woche vorher aufs Nadelhorn mit unserem lieben Thomas bei eisigem Wind schafften wir, wobei wir kurz unterhalb des Gipfels aus verschiedenen Gründen vernünftiger Weise umdrehten, und dann kam ein Wintereinbruch. Mehrere Telefonate mit Bergführer Robert über mehrere Tage später, bei denen wir die Bedingungen reflektierten, hatten zum Ergebnis, dass es keinen Sinn hat, die Tour „zu versuchen“. Dafür ist der Spaß zu teuer. Absage. Das hat uns beide ziemlich geknickt und dummerweise wurde es mit dem Wetter immer schlimmer und im Wallis für die ganze folgende Woche so schlecht vorhergesagt, dass wir händeringend nach ein paar Sonnenfleckchen suchten. Wenn Bergsteigen schon nicht geht, wäre es schön, wenn wenigstens der eine oder andere Flug sich irgendwo ausgehen würde. So sind wir per Plan B aus dem Walllis, wo wir einen Hüpfer von Riederalp nach Bitsch machen konnten, über den Simplonpass nach Italien geflüchtet. Ins Valle di Vigezzo östlich von Domodossola. Auch hier konnten wir einen kleinen Hüpfer machen, bei dem ich mich jedoch in superbockiger Luft so überhaupt nicht wohl fühlte und dann war schon wieder Dauerregen gemeldet. Plan C greift. Und auch wenn ich so überhaupt keinen Bock auf eine 400km-Fahrt mit der Wohnkabine quer durch Norditalien hatte, in Bassano standen die Chancen gut, schöne Flüge machen zu können. Gleich am ersten Tag nach Ankunft war das auch so, doch dann saßen wir erneut im Dauerregen mit einer kleinen Chance, zum Ende unseres Urlaubs hin zwei einigermaßen passable Streckenflugtage ergattern zu können. Womit wir nicht rechneten war, dass Karma einen Plan D für uns bereit hielt…

Angefixt von den Erfahrungen im Frauenpower Camp zum Streckenfliegen, ließ uns die Kiste „Überprüfungsflug“ nicht mehr los, denn wir wollten endlich einen Haken an den B-Schein oder auf Deutsch den unbeschränkten Luftfahrerschein bekommen. Verstärkt wurde das zusätzlich durch einen unerwartet langen Flug vorher in Andelsbuch an der Vorderen Niederen, bei dem wir etwa 3,5 Stunden in der Luft gewesen sind, mehrmals die Grate rechts und links des Startplatzes mit jeweils einem kleinen Sprung östlich zum nächsten Berg abgeflogen sind und so auf die erforderliche XC-Strecke kamen, allerdings vorher keine Planung bei Andi, unserem in der Sache uns betreuenden Fluglehrer, abgegeben haben, womit nach unserem Verständnis der Flug nicht als Überprüfungsflug gewertet werden konnte. 
Als das Fronleichnamswochenende nahte, sich abzeichnete, dass es an mehreren Locations fliegbar werden würde, stellten wir eines Abends eine Auswahl an Flugplanungen für jeweils 5 oder 6 Fluggebiete zusammen, die wir Andi schickten, in der Erwartung, dafür jeweils die Flugaufträge zu erhalten, die uns offiziell erlauben würden, trotz A-Lizenz den Gleitwinkelbereich unserer Schirme in Bezug auf den jeweiligen Landeplatz verlassen zu dürfen. Andi antwortete auch sehr zügig und eröffnete uns, dass sich die Regeln des DHV zum Erwerb der unbeschränkten Lizenz verändert hätten und es sogar einfacher wird für uns, denn wir müssten lediglich eine theoretische Planung für ein Gebiet, dass er uns vorgibt, erstellen, ohne dort fliegen zu müssen und den Überprüfungsflug gibt es so auch nicht mehr, folglich brauchen wir keine Flugaufträge. Bezüglich unserer Flüge würde er nur noch 1-2 solcher Flüge sehen wollen, wie wir sie in Andelsbuch gemacht haben, aus denen hervorgeht, dass wir Höhengewinn aus Thermikdrehen generieren und mit der dadurch jeweils gewonnenen Höhe eine gewissen Strecke zurücklegen können, idealerweise sollte dabei ein FAI-Dreieck herauskommen und der reguläre Landeplatz erreicht werden. Das ist alles. Seine Vorgabe, oder wie er es nannte, die Hausaufgabe, bestand aus der Planung eines FAI-Dreiecks im Fluggebiet Golzentipp, die etwas über die Strecke verrät, über die Höhen, die erreicht werden müssen, um zum nächsten Turnpoint gelangen zu können, etwaige Gefahren oder Besonderheiten in Sachen Talwind, Hindernisse, etc. sowie ein paar Zeilen zu Außenlandemöglichkeiten. Hört sich machbar an. 

Mit der Hausaufgabe im Gepäck und der Anforderung, dass 1-2 kleine Streckenflüge genügen, brachen wir mittwochsabends mit unserem mobilen Häuschen nach Greifenburg an der Drau in Kärnten auf. Die Fahrt zieht sich ein wenig, alles Landstraße bis auf wenige Kilometer Autobahn in Deutschland, was zwar für den Spritverbrauch unserer rollenden FeWo günstig ist, sich aber in Form einer niedrigen Durchschnittsgeschwindigkeit zeigt, was uns dazu veranlasst, nicht, wie geplant, an einem Stück durchzufahren, sondern unterwegs zu übernachten. Der große Vorteil mit so einem Ding. So bleiben wir die erste Nacht hinter Kitzbühel auf dem Weg zum Pass Thurn etwas abgelegen für die Nacht stehen, was uns am nächsten Tag trotzdem erlaubt, ganz entspannt nach Greifenburg ins Fliegercamp, so heißt der Campingplatz, zu kommen, einzuchecken, einen Platz auszusuchen und noch einen Bus zum Startplatz zu bekommen.
Unterwegs melden wir uns noch bei Vera, die wir auf dem Frauenfliegenfest kennenlernten und die auch regelmäßig das Nova Hike&Fly Event organisiert, an dem wir schonmal teilnahmen, weil uns eingefallen ist, dass diese Ecke Österreichs quasi vor ihrer Haustür liegt und es wäre ein bisschen blöd, uns nicht zu melden, wenn wir schonmal da sind. Vera antwortet ziemlich schnell, sie sei ebenfalls heute in Greifenburg zum Fliegen und sie säße bereits im ersten Bus zum Startplatz, die Bedingungen wären heute super für das Mölltaldreieck. Wir vereinbaren, dass wir uns zwischendurch melden, wo wir sind und vielleicht geht sich am Nachmittag ein Treffen aus, das wäre fein. 
Astrid und ich schaffen es ohne Stress in den zweiten Bus des Tages, ein ausrangierter 50-sitziger Postbus mit Anhänger, was mich zunächst irritiert, weil ich so etwas noch nicht gesehen hatte. Aus Bassano und anderen Fluggebieten ohne Seilbahn kennen wir es, dass 2-3 9-Sitzer-Busse den ganzen Tag pendeln und bei Bedarf auch telefonisch angefordert werden können. Hier gibt es 4 feste Abfahrtszeiten pro Tag und wie ich am nächsten Tag lerne, fahren zwei solcher Busse pro Termin, wenn’s nötig ist. D.h. es kommen bis zu 100 Piloten gleichzeitig im Startplatz an. Digga. Da sind unsere völlig überfüllten Startplätze im Allgäu ja Kindergeburtstag dagegen, denke ich. Hinzu kommt, dass zusätzlich zu den Gleichschirmfliegenden sehr viele Delta-/Drachenpilot:innen vor Ort sind, weil es die Woche drauf wohl einen Wettkampf gibt und das Gebiet allgemein bei den Drachenfliegenden beliebt ist. Das hier obligatorische Startticket hatten wir uns bereits am Campingplatz eingekauft, 6 Euro pro Tag pro Nase, und als alles Material im Bus und auf dem Hänger verladen ist, steigen wir ein, die Auffahrt kostet nochmal 10 Euro pro Fahrt und Nase, und wir merken schnell, dass die Klimaanlage nicht richtig funktioniert und der Bus völlig überfüllt ist. Ich schätze, mal mindestens 60 Personen werden eingestiegen sein. Der Typ neben mir stinkt, als hätte er sich eine Woche nicht gewaschen und es sind 35°C im Bus bei einer tropischen Luftfeuchte. Super lecker. 
Die Fahrt dauert gefühlt ewig über kleinste Bergstraßen und -pfade, es sind etwa 1100 Höhenmeter zu überwinden, doch immerhin kommt etwas Luft in den Innenraum, als wir in Bewegung kommen, was es ein kleinwenig erträglicher macht. Ein zweites Mal brauche ich das heute jedoch definitiv nicht. Das steht für mich fest, für den Fall, dass ich doch frühzeitig landen muss. Rund 45 Minuten später kommen wir an der Emberger Alm an, an der sich der untere der beiden Startplätze befindet und die gleichzeitig das Ende der Busfahrt markiert. Der Startplatz steht voll mit Drachen und im Bus befindet sich der nächste Schub solcher Fluggeräte und wir sind uns schnell einig, dass wir hier nicht starten wollen, weil einfach viel zu viel Betrieb ist und so machen wir uns zu Fuß auf den Weg zum oberen Startplatz, dauert etwa 20 Minuten, wenn Frau nicht rennt. An der Emberger Alm wird übrigens penibel darauf geachtet, dass alle ein Ticket haben, auch jene, die sich zu Fuß auf den Weg nach oben machen. Naja, so sind eben die Regeln. Insgesamt ein teurer Spaß, aber es steht natürlich jedem und jeder frei, ob er oder sie hier fliegen möchte. Dafür ist der Landeplatz ordentlich gemäht und eben mit einer funktionierenden Windfahne und es gibt ToiTois bzw. Toiletten an den Startplätzen, was ich auf jeden Fall begrüße, weil es verhindert, dass bei dieser Menge Menschen, die alle nochmal vor dem Starten müssen, das umliegende Gelände vollgekackt und -gepisst ist, wie man es anderen Orts kennt. 
Am oberen Startplatz läuft Astrid Kiki über den Weg, die uns bekannt vorkommt. Wir haben sie schonmal irgendwo getroffen. Es stellt sich heraus, dass sie im Vorstand des Ostallgäuer Gleitschirmflieger Verein ist und wir sie sicher schonmal am Buchenberg trafen. Was für ein witziger Zufall. Da wir aber alle ein wenig aufgeregt sind und irgendwann starten wollen, sprechen wir nicht so viel, sondern machen uns an die notwendigen Vorbereitungen fürs Abheben. Dank unserer Flugplanungen, die wir jetzt doch nicht abgeben mussten, haben wir eine Vorstellung davon, glauben wir zumindest, wie wir uns nach dem Starten verhalten wollen und wohin wir abbiegen, wenn wir es schaffen, Höhe zu machen. Astrid und ich sprechen das nochmal durch, wir haben zwar auch Funk dabei, doch im Flug wird es sehr wahrscheinlich so sein, dass wir die Hände nicht von den Steuerleinen lassen können, um den PTT Knopf zu drücken, denn es ist nicht zu erwarten, dass es ein ruhiger Flug wird. Für gewöhnlich versuchen wir, uns im Auge zu behalten und zusammenzubleiben, so, wie wir das in den Bergen auch tun, was uns in gewisser Weise mental unterstützt, weil dann keine das Gefühl hat, allein zu sein. Außerdem können wir uns so gegenseitig beim Finden von Thermik unterstützen, wie wir es von Jojo und Zylle im Streckenflugseminar gelernt haben. Natürlich ist das hier ein bisschen anders, weil hunderte Fliegende in der Luft sind und es reichlich Thermikanzeiger gibt, doch am Ende des Tages sitze ich allein in meinem Gurtzeug und mich persönlich beruhigt es zu wissen, dass ich mich darauf verlassen kann, dass noch jemand da ist, den ich kenne und zu dem ich Vertrauen habe. Das weiß ich von allen anderen um mich herum nicht.
Der erste Start in Greifenburg klappt bei uns beiden und los geht die Suche nach dem Steigen. Glücklicherweise ist zu dem Zeitpunkt kein anderer weißer Theta in der Luft und es fällt mir leicht, Astrid zu erkennen. Die ersten Kurven und Kreise sind ein Stochern im Heuhaufen, selbst dort, wo andere bereits weit über uns sind, denn das bedeutet nicht, dass es unter ihnen nach oben geht. Es ist eher andersherum. Ich suche nach anderen Pilot:innen, die auf meiner Höhe oder sogar unter mir Steigen haben, was bei Tieferfliegenden gar nicht so einfach ist, und steuere diese Bereiche an, denn dann sind die Chancen größer, tatsächlich deren Blase zu erwischen und mit nach oben genommen zu werden. Wie großräumig so eine Thermik ist, sieht Frau natürlich auch nicht, und es ist nötig, sich heranzutasten, wobei zum einen das Variometer hilft, weil es Steigen und Sinken durch Pieptöne in unterschiedlichen Tonlagen und Frequenzen bekannt gibt, aber auch der Popo ist ein guter Sensor, weil er sofort merkt, wenn das Anfahren des Fahrstuhls beginnt. Die Kunst besteht darin, Thermikkreise im weiteren Verlauf so zu gestalten, dass möglichst der ganze Flügel drinbleibt und man das Steigen gut zentriert hat, um das Maximum herauszuholen. Ständiges Hinein- und Hinausfliegen macht den ganzen Flug sehr unangenehm, je nach dem, wie stark die Luft steigt, bis hin zu „ich wäre jetzt lieber mit meinen Füßen am Boden“, was selbstredend kein Vergnügen ist. Schafft Frau es hingegen, ganz in der Thermik zu bleiben, wird es überraschend ruhig, selbst bei mehr als 5 m/s Steigen. Und so erwischen wir beide nach etwa 5 Minuten Flug den Bart, der uns in nicht mal weiteren 5 Minuten mehr als 1000 Höhenmeter bis auf fast 3000m bringt, was ich so auch noch nicht erlebt habe. Total abgefahren, das Steigen hatte in Spitzen fast 7m/s, doch es war absolut gechilled, wenn Frau sich einfach gleichmäßig weiter nach oben dreht und dabei keinen Rand touchiert, an dem es natürlich Turbulenzen gibt. Unruhig wurde es zwar schon, je weiter ich nach oben gekommen bin, denn der überregionale Wind kam eher aus nördlichen Richtungen, doch als das Steigen dann nachgelassen hat, bogen wir beide nach Westen ab und eigentlich war der Plan, den nächsten Gipfel in dieser Richtung anzufliegen. Astrid ist ein klein wenig unter mir, fliegt aber voraus und ich folge ihr, so wie das besprochen war, doch sie hält nicht auf den nächstgelegenen Gipfel zu, sondern steuert bereits den übernächsten an, der ganz schön weit weg ist. Unterwegs denke ich schon, dass die Höhe nicht mehr so üppig ist, immer mit dem Gedanken im Kopf, dass wir gegen den Talwind später zurück zum Landeplatz fliegen müssen, was mich dazu veranlasst, immer wieder einzudrehen, wenn auf dem Geradeausflug Steigen vorbeikommt, doch mehr als ein oder zwei Kreise mache ich nicht, denn sonst besteht die Gefahr, dass ich Astrid nicht wiederfinde. Aus der Luft in bewölkter Umgebung ist ein weißer Gleitschirm fast unsichtbar. So erreichen wir dann den übernächsten Berg relativ tief etwa in dessen Mitte, wo ich sofort damit beginne, den Hang nach Thermik abzusuchen, was mir aber einfach nicht gelingen will. Astrid, die noch tiefer ankam als ich, hat da etwas mehr Glück, ist irgendwann weit über mir, doch bei mir tut sich nix, auch dann nicht, als ich dorthin fliege, wo sie Steigen hatte. Mein Bauch weiß zu diesem Zeitpunkt bereits, dass ich landen gehen muss und dass ich sicher nicht den regulären Landeplatz erreichen werde. Etwa eine viertel Stunde kratze ich noch an dem Hang rum, bevor ich die Entscheidung treffe, in Richtung Landeplatz abzubiegen und soweit, wie es irgendwie geht, auf ihn zu zu fliegen, bevor ich eine Außenlandemöglichkeit brauche. Ich konnte mit dieser Entscheidung nicht ewig warten, denn zwischen mir und der nächsten Landemöglichkeit ist noch ein Stück bewaldeter Berghang, ein ganzes Dorf, ein paar Stromleitungen, eine Hauptstraße und Gegenwind, der zum Boden hin immer stärker wurde und meine Vorwärtsfahrt kurz vorm Aufsetzen fast auf Null bremste. Als ich abbiege, folgt Astrid ein paar Etagen höher, wie vereinbart, doch egal wie, bei ihr hätte die Höhe auch zu einem günstigen Zeitpunkt nicht gereicht, um sicher zurückfliegen zu können. Immerhin, der gewählte Platz für die Außenlandung ist safe, eine abgemähte Wiese ohne Stromleitungen, Zäune oder andere Hindernisse nahe der Hauptstraße und die Landung selbst ist Zucker dank des relativ starken Windes. So, da stehen wir nun. Erstmal ziehen wir nach der Landung in den Schatten um, denn es ist fürchterlich heiß am Boden, pellen uns aus den Fliegeklamotten und dann kommt mir die Idee, wir könnten Vera anrufen, ob sie uns vielleicht einsammeln kann, falls sie schon gelandet ist. Bis zum Campingplatz sind es von hier etwas mehr als 5km. Das ist überschaubar. Astrid greift zum Telefon und sieht, dass zwischenzeitlich eine Sprachnachricht von Vera eingegangen ist. Vera ist in der Wildnis auf der Mölltalrunde am Retter runter, nachdem es ihr den Schirm zerlegt hatte und sie mehrfach eingetwistet war. Upsi. Astrid ruft sie zurück und erfährt, dass Vera sich nichts Ernstes getan hat bei der Aktion. Das ist ja schonmal gut und tun können wir beide auch erstmal nix, die Rettung ist alarmiert worden und nun muss sie schauen, wie’s weitergeht. 
OK, also Vera holt uns sicher nicht ab. Nachdem alles zusammengepackt und im Rucksack verstaut ist, entscheiden wir uns dazu, es mit dem Daumen an der Hauptstraße zu versuchen, immerhin sind in der Gegend unzählige andere Fliegende unterwegs, da wird ja eine Mitfahrgelegenheit dabei sein. Eine gute Viertelstunde harren wir zwei Mädels so an der einigermaßen stark befahrenen Straße aus, doch es hält niemand. Auf das Glück warten bringt wohl nix, wir entscheiden, das sein zu lassen, suchen auf unseren mobilen Endgeräten nach dem kürzesten Fußweg zurück und machen uns auf den Weg, der uns mit einer kleinen Maisfeldeinlage in einer guten Stunde zum Landeplatz und zum direkt angrenzenden Campingplatz bringt. Vera meldet sich nochmal, ob wir sie abholen können? Der Polizeihubschrauber hat sie in der Nähe von Spittal abgesetzt und musste sofort zum nächsten Einsatz, weswegen kein Spielraum für Wunschorte blieb und weil wir selbst auch froh wären, wenn uns jemand in so einer Situation abholen kommen kann, denken wir gar nicht lange nach, setzen uns mit der rollenden FeWo in Bewegung und sammeln Vera 25 Minuten später auf einem Supermarktparkplatz ein. Der mentale Stress, dem sie ohne Frage ausgesetzt war, steht ihr ins Gesicht geschrieben, also erstmal zweimal feste drücken, bevor sie etwas erzählen kann und dann gibt’s ein paar Details zu den Ereignissen. Ich trete das hier jetzt nicht breit, doch Astrid und ich spitzen die Ohren, denn so etwas kann auf fast jedem Flug passieren und es hilft, den Respekt vorm Fliegen nicht zu verlieren. 
Zurück am Campingplatz bereiten Astrid und ich ein Plätzchen für Kaffee&Kuchen her, wir steuern den Kaffee bei, Vera den Kuchen und sprechen nochmal über das Geschehene. Anschließend kümmern wir uns zu dritt um den völlig verwurschtelten Gleitschirm von Vera, bis die Leinen alle wieder entwirrt sind und sie den Schirm einpacken kann, eine Aufgabe, die allein fast nicht zu bewältigen ist. Dann muss sie auch schon los, denn eigentlich hat sie am nächsten Tag einen Dreh an einem ganz anderen Ort und ist dort am gleichen Abend mit einer Freundin verabredet, die schon wartet. Ein Tag voller spannender Ereignisse neigt sich dem Ende zu. 
Bevor die Sonne verschwindet, packe ich meine Handpan aus und spiele noch ein wenig, immer die Nachbarn im Auge, falls sich jemand gestört fühlt, denn dann würde ich einpacken oder mir einen abgelegeneren Ort suchen, wo ich niemandem auf die Nerven gehe. Aber es passiert etwas anderes, unsere Nachbarn, besonders der weibliche Anteil, kommt ganz neugierig nachsehen, wo diese Klänge herkommen, denn sie sind alle begeistert von dem Spiel und dem Instrument, dass noch niemand von ihnen vorher je gesehen hat. Zack, ist Gespräch da, eine Fraktion kommt sogar aus dem Saarland, Merziger Kennzeichen, und die Session zieht sich etwas in die Länge. 

Der nächste Morgen. Astrid und ich haben unseren Flug vom Vortag reflektiert und analysiert, damit wir beim nächsten Versuch nicht die gleichen Fehler machen. Jojo hat uns eingebläut, Höhe mitzunehmen, wo auch immer möglich und diesen Grundsatz haben wir nicht berücksichtigt, weswegen dieser Flug ins Blaue nicht am Landeplatz endete. Wir werden das anders machen, haben uns angeschaut, wo genau die benachbarten Gipfel rechts und links vom Startplatz sind, und nur diese fliegen wir an, wenn wir genug Höhe haben. Damit wird die Entfernung zum Landeplatz nie so groß, dass wir ihn nicht erreichen würden, egal an welcher Stelle etwas am Plan schiefgeht. Wir steigen in den ersten Bus um 10 Uhr, nehmen lieber in Kauf, oben länger warten zu müssen, als im schlimmsten Fall vielleicht das beste Fenster zu verpassen, erwischen damit ein etwas neueres Modell an Bus, bei dem auch die Klimaanlage funktioniert. Nach dem anschließenden kleinen Fußmarsch zum oberen Startplatz erreichen wir kurz vor 11 Uhr die Wiese, von der wir gestern auch schon gestartet sind. Das Wetter ist nicht so, wie prognostiziert, es ist relativ stark bewölkt, die Sonne kommt zunächst nicht richtig durch, was fürs Thermikfliegen zunächst Warten bedeutet. Ist aber nicht so schlimm, denn auch Kiki ist bereits raufgefahren gefolgt von Stefan, der ebenfalls, wie wir, im Ostallgäuer Verein ist und, wie sich herausstellt, nur einen Ort von uns zu Hause weiter wohnt. Wie klein die Welt doch ist. Wir beginnen schön zu plaudern, weitere Menschen die mit irgendwem aus dem Grüppchen irgendwie bekannt sind, kommen hinzu und plötzlich steht auch Heinz vor mir, den wir vom Fliegen mit Klaus am Buchenberg kennen. Er ist mit einem XC Seminar unterwegs, der von Lucian Haas veranstaltet wird, dessen Podcast einige kennen werden. Mehr als zwei Stunden gehen so ins Land, die zweite Busladung ist inzwischen eingetroffen, bis wir wahrnehmen, dass die Bewölkung sich lichtet und als der erste nach dem Start Steigen hat, setzt allgemeine Aufbruchstimmung ein. Kiki ist bald darauf in der Luft und fliegt weg, wir sind eher im letzten Drittel und als wir starten, geht’s schon auf 14 Uhr los. Rückblickend betrachtet können wir beide sagen, dass die Erlebnisse von Vera am Vortag unsere Startentscheidung nicht beeinflusst haben. Hätte ja passieren können, ist aber nicht passiert.
Die erste Viertelstunde des Fluges kämpfe ich am Starthang um jeden Meter, denn so richtig erwische ich nichts, bleibe aber hartnäckig dran und kurz bevor ich das Handtuch werfen will, geht dann doch die Post ab, die mich auf fast 2600m katapultiert, von wo aus ich nach Westen zum nächsten Berg starte, gefolgt von Astrid. Wenn Frau so hoch überm Boden fliegt und keinen Bezug zur Geschwindigkeit hat, zieht sich so ein Hüpfer ganz schön hin, doch meine Höhe ist so, dass ich mit reichlich Abstand einmal ums Gipfelkreuz fliegen kann bevor ich mich sofort auf den Rückweg in die Thermik nahe des Startplatzes mache. Astrid hat zunächst etwas weniger Höhe, kann die Route aber auch entspannt abfliegen und als wir beide den Bereich um den Startplatz herum erreichen, wo wir Steigen erwarten, erwischt sie es deutlich besser als ich und zieht über mich. Ich kämpfe erneut ein wenig, erreiche jedoch fast 3000m Höhe, genug, um zum nächsten Berg in der anderen Richtung nach Osten hin gelangen zu können. Astrid fliegt vor mir und um uns herum ist irgendwo auch Stefan, der uns, wie sich später herausstellte, einfach mal nachgeflogen ist und sich wunderte, wie gut die Thetas gleiten und wie schnell sie sind. Er als erfahrener Pilot hatte Mühe, an uns bloody thermic beginners dran zu bleiben. Im nächsten Moment kann ich Astrid nicht mehr sehen, sie ist, wie vom Himmel verschluckt. Genau das ist tatsächlich passiert. Sie flog da so vor sich hin, hatte die Wolkenbasis über ihr im Blick und noch gedacht, passt, sind weit weg und zack, war sie in der Wolke verschwunden. Das Nächste, was wir sehen konnten, war ein Schirm mit angelegten Ohren, der quasi aus der Wolke herausgesunken kam und zwar mit richtig viel Sinken. Sie hat bei der Aktion bestimmt 100m verloren, die ihr bei Ankommen an der gegenüberliegenden Bergflanke ein bisschen das Leben schwer machten. Dieses Mal musste sie um jeden Meter kämpfen, um in einigermaßen ruppiger Luft wieder soviel Höhe zu erreichen, dass wir umdrehen und wieder zurück zum Starthang fliegen konnten. Eigentlich wäre ich tatsächlich lieber den Grat in Richtung Osten weiter abgeflogen und dann vom dessen äußerstem Ende zum Landeplatz abgebogen, doch es war so unruhig, dass ich mich nicht traute, eine Hand von der Steuerleine loszulassen, um zu funken. Aber dann dachte ich, ist auch egal, fliegen wir einfach zurück, die Strecke wird so oder so genügen. 
Übrigens hat die Strecke auch am Vortag gereicht, obwohl wir den Landeplatz nicht erreichten, denn es kam trotzdem ein FAI Dreieck mit mehr als 15 XC km zusammen. Zurück am Starthang hatte ich erneut das Problem, wie zu Beginn dieses Fluges, ich fand kein Steigen mehr. Astrid flog ein gutes Stück über mir, bog wieder nach Osten ab, weil auch sie nix fand und ich folgte ihr, wobei ich mir die Häuser am Gegenüberliegenden Hang bereits von der Seite ansehen musste, was aber kein Problem darstellte, denn ich war auf der Höhe des Landeplatzes und egal von wo aus ich aus dem Hang herausflog, wäre ich immer dorthin gekommen. Ich fliege das Dorf ab in der Hoffnung, dass sich Straßen und Dächer so aufgeheizt haben, dass es ein wenig Steigen gibt, was tatsächlich auch funktioniert, aber natürlich nur gerade so, dass ich insgesamt mein Sinken etwas bremsen konnte, drehe am Ende um und pendele so noch einige Male hin und her bis ich auf einmal doch noch eine richtige Thermik erwische und beginne, von etwa 1200m MSL bis auf fast 1800m MSL aufzudrehen. Wer hätte es gedacht. Diese Höhe genügt, um noch einen kleinen Ausflug auf die andere Talseite zu machen von wo aus ich dann auch den Landeplatz ansteuerte und landen ging. Astrid war unmittelbar vor mir dort angekommen. Die Landung mit ein wenig Gegenwind war supersoft, doch nachdem ich meinen Schirm zur Tulpe zusammengezogen hatte und mich auf den Weg zum Faltplatz machte, hatte ich auf halber Strecke plötzlich einen recht heftigen Schmerz im linken Fuß, konnte nicht abrollen, musste zum Faltplatz humpeln. Was ist das schon wieder für eine Scheiße…..? Ich werd‘ wahnsinnig. Also vom Landen war das nicht, sondern vom Geradeaus-über-eine-flache-Wiese-gehen. Ich hatte so etwas vor ein paar Jahren schonmal, hat sich nach ein paar Wochen von selbst geregelt und als Auslöser nahm ich damals die Verknöcherung am Os pereneum an, die möglicherweise gebrochen war.
Wir packen erstmal ein, huschen durch die Hecke auf den Campingplatz, von außen ist dem Fuß nix anzusehen und ich habe auch nichts knacken gehört bevor es los ging, so wie beim letzten Mal. Wir werden sehen. 
Am Abend sind wir mit Kiki und Stefan auf ein Bier/Rotwein verabredet, ich nehme meine Handpan mit und muss unseren Nachbarn für den Abend das Konzert leider absagen, auf das sie sich schon gefreut haben, versprach jedoch, am nächsten Tag alles wieder gut zu machen. Kiki ist völlig aus dem Häuschen, als ich später nach ein paar guten Gesprächen beginne, auf dem Ding zu spielen und ich überlasse ihr das Instrument später gerne, weil sie unbedingt mal probieren will, wie das geht. Sie ist, fürchte ich, genauso schockverliebt, wie ich es gewesen bin. Damit geht ein wirklich sehr schöner Abend mit tollen Menschen zu Ende.

Für den nächsten Tag haben Astrid und ich beschlossen, uns die ziemlich nervige Busfahrt zu ersparen und stattdessen mit einer kleinen Schleife über einen Geldautomaten im Ort zu Fuß zum Startplatz der Flugschule zu gehen. Das sind nur etwa 500 Höhenmeter, tags zuvor sind wir bereits über ihn hinweggeflogen, und wollen einen etwas ruhigeren Tag machen. Wir nutzen die Gelegenheit, um mal wieder Pi3 zu fliegen, die wir in der Woche davor grad zum Check hatten und für einen entspannten Gleitflug mit Aufstieg zu Fuß ist der genau richtig. Mein Fuß meckert komischerweise auch überhaupt nicht als wir in Trailrunningschuhen den Berg rauflatschen. Der Weg ist nicht der schönste. Anfangs gibt’s noch schöne Waldpfade, doch das hört ziemlich schnell auf und wir müssen auf der Fahrstraße weitergehen bis wir die Startwiese erreichen, die ziemlich cool aussieht und vor allem wo sonst niemand ist. Das ist fein. Wir setzen uns kurz hin, beobachten ein bisschen den Wind, der die meiste Zeit aus Ost kommt und nicht ganz optimal für die Startrichtung ist, doch wir erkennen auch, dass immer wieder ausreichend lange Fenster vorbeikommen, an denen sich ablösende Thermikblasen perfekte Startbedingungen zaubern und den Wind ein paar Grad nach Süd drehen. Es gibt keine Erwartungshaltung an den Flug, einfach schön starten, schön fliegen, schön landen. 
Und genauso machen wir das dann, ich starte als erste, Astrid kommt sofort hinter mir super raus und wir gleiten fast ganz ruhig einfach auf direktem Weg zum Landeplatz, landen fein, packen ein und gehen nahtlos zu Kaffee&Kuchen über. Der Plan für heute Nachmittag ist, dass wir zusammen die von unserem B-Schein-Fluglehrer Andi angeforderte theoretische Flugplanung für Golzentipp erstellen, damit wir das Ding von der Backe haben. Am Ende soll eine kleine Präsentation herauskommen, in der alle Teile der „Hausaufgabe“ bearbeitet und dargestellt sind. Und so sitzen wir beide mit jeweils einem Notebook auf dem Schoß in der Sonne und werkeln an den Bestandteilen herum, als sich Stefan hinzugesellt, wir ihm auf seine Frage hin erklären, was wir da gerade machen und er sehr interessiert am Ergebnis ist. Natürlich verbabbeln wir uns und es dauert alles ein bisschen länger, ist aber wurscht. Wir haben Urlaub. Kurz darauf verabschiedet er sich auch schon wieder, denn er möchte heute noch nach Slowenien aufbrechen, um sich anderen Fliegenden aus dem Ostallgäuer Verein dort zu treffen und die kommende Woche zu fliegen. 
Astrid und ich überlegen, ob wir am nächsten Tag überhaupt hier fliegen wollen oder ob wir uns schon ein wenig in Richtung Heimat bewegen, um mit Alex und Manuel im Gasteiner Tal zusammen zu fliegen, wo die Bedingungen laut BurnAir besser sein könnten als in Greifenburg. Just in dem Moment kommt Kiki vorbei, der wir von unseren Überlegungen erzählen, was bei ihr auf Interesse stößt, denn sie muss sonntagsabends ebenfalls wieder zu Hause sein, was vom Gasteiner Tal deutlich weniger Fahrstrecke bedeutet. Die anfängliche Idee, noch am gleichen Tag loszufahren, verwerfen wir, denn es sind nur etwa 2 Stunden Fahrt und vor Mittag brauchen wir auf keinem Startplatz zu stehen, wenn wir Thermikfliegen wollen. Außerdem sind Alex und Manuel an dem Abend mit den Sonnwendfeuern im Steinernen Meer beschäftigt, steigen erst sonntags in der Früh von den Bergen ab und werden auch nicht so zeitig in Dorfgastein sein können. Also verbringen wir den Abend mit Kiki zusammen vor unserer Kabine, ich packe die Handpan aus und schwupps gibt’s Publikum als die Nachbarschaft endlich zu ihrem „Konzert“ kommt. Den Platz bezahlen wir noch am Abend und entgehen so dem Bezahlstau am nächsten Morgen, nachdem wir an der Entsorgungsstelle allen Ballast in der Kabine losgeworden sind, um kein unnötiges Gewicht mitzuschleppen. 

In Dorfgastein angekommen, inspizieren wir den äußerst merkwürdigen Landeplatz, eine längere Wiese mitten zwischen Häusern, Bahn, niedrigen Stromleitungen und einem kleinen Schwimmbad, rundum bebaut und mit einem nicht unerheblichen Gefälle, gegen das man üblicherweise einlandet. Also noch vor einem Jahr wäre ich hier sicher nicht gelandet und ich habe auch an diesem Tag kein gutes Gefühl, ob ich das hinbekomme. Hinzu kommt, dass mein Fuß mir an diesem Tag richtige Probleme macht. Auftreten geht nicht wirklich, Abrollen und Fuß anheben auch nicht gut und vor allem geht nichts ohne Schmerzen. Ich entscheide mich deswegen für etwas festere Schuhe fürs Fliegen, damit ich überhaupt ein paar Schritte laufen kann. Alex und Manuel melden sich, dass sie sich ein klein wenig verspäten und so nehmen wir drei schonmal die Bahn rauf, nachdem wir nicht schlecht staunten, was hier eine Bergfahrt kostet. In der Schlange vor der Kasse stand eine Familie, die Tickets für rauf und runter kaufte, wozu Frau fast einen kleinen Bausparer kündigen muss. Irre. Einen zweiten Flug, falls Thermikfliegen nicht gleich funktioniert, gibt es hier auf keinen Fall. 
Der Startplatz ist direkt neben der Bergstation auf etwa 2000m und es sind auch schon ein paar Fliegende beim Herrichten, trotzdem staune ich, dass die Menge der Startwilligen vergleichsweise klein ist mit vielleicht 15, obwohl die Prognose inzwischen eindeutig perfekte Bedingungen verspricht. Ein Zustand, den es im Allgäu nicht geben würde. Schön für uns. Wir setzen uns erstmal, schauen den ersten Starts zu, essen und trinken mal was, und -ganz wichtig- tun ordentlich Sonnencreme drauf, denn fast alle, die aufgezogen haben, steigen sofort in den Himmel und es darf erwartet werden, dass unser Flug ne Weile dauern könnte. Alex und Manuel kommen als bald raufgefahren und wir sprechen nochmal kurz über den Landeplatz, der auf jeden Fall anspruchsvoll ist, weil zu den ganzen Bebauungen und dem Neigungswinkel noch relativ starke thermische Verhältnisse hinzukommen, auf die Manuel explizit hinweist. Sie sind hier schon häufiger geflogen, nutzten aber während ihrer Ausbildung den Landeplatz der Flugschule, der deutlich einfacher ist, dafür aber etwas entfernt liegt. Alex erklärt uns aber trotzdem, wo wir diesen finden können, falls es nötig wird, woanders runterzugehen. Dann sprechen wir über eine mögliche Flugroute für einen kleinen Streckenflug, wie wir gelernt haben, wurde in Dorfgastein der allererste Flug mit mehr als 200km XC gemacht, aber so lang soll’s bei uns nicht werden. Als sich am Startplatz die Reihen lichten, was ziemlich schnell von statten geht, startet Manuel als erster und ist im Nu kaum noch zu sehen. Kiki ist auch sofort weg. Dann starten erst Astrid, dann ich, wir biegen beide über die Bahn dorthin hab, wo der Hausbart vermutet wird und ab geht die Post nach oben. Mit Spitzen um 7m/s steigen wir in ganz kurzer Zeit auf etwa 2800m, eine ausreichende Höhe, um von dort nach Norden zum nächsten Gipfel abzubiegen und gleich wieder nach Thermik zu suchen. Die finden wir auch unmittelbar um den Gipfelbereich herum und steigen auf eine neue persönliche Rekordhöhe von etwa 3100m, fliegen von dort in west-nordwestlicher Richtung weiter, wo wir in die Nähe des Taleingangs ins Gasteiner Tal kommen, was sich jedoch als sehr unangenehm, da ziemlich turbulent, herausstellt, weswegen wir dort nicht lange verweilen und nach Südwest auf die gegenüberliegende Talseite abbiegen. Der Talsprung dauert gefühlt wieder ewig, weil jeglicher Bezug zur Geschwindigkeit fehlt, wir erreichen aber doch irgendwann einen markanten Grat, von dem ich annahm, dass es dort wieder nach oben gehen kann. Das tut’s allerdings nicht so richtig, wir müssen suchen und ein wenig kämpfen und auf etwaige Lee-Situationen aufpassen, denn der überregionale Wind kommt tendenziell aus Nord, weswegen wir immer möglichst über dem Grat bleiben und nicht auf einer Seite unter die Schneide fliegen dürfen. Nach einigen Kreisen und Kurven mit ein bisschen rauf aber meistens runter entscheide ich mich dazu, mich auf den Weg zurück übers Tal in Richtung Landeplatz zu machen. Astrid hat’s mit der Höhe besser erwischt, biegt aber mit mir ab als meine Flugrichtung eindeutig angibt, was ich vorhabe. So tuckern wir wieder zurück, die Höhe ist komfortabel und reicht aus, auf der Talseite, wo die Bahn fährt, noch ein wenig im Hangaufwind zu fliegen. Das bringt für die XC Kilometer nix, aber wenn’s sowieso nicht runtergeht, können wir auch weiterfliegen. Aber so nach weiteren zwanzig Minuten wird’s mir fad und ich möchte mich dem gruseligen Landeplatz widmen. Während ich im Hang hin- und herflog konnte ich einen anderen Fliegenden beobachten, wie er den Landeplatz anfliegt und beschloss, das genauso zu machen. Ich biege ins Tal ab, um dem Hangwind zu entgehen, baue über eine Spirale etwas Höhe ab und bewege mich in Achten auf den Landeplatz zu, behalte die Stromleitungen und meine Höhe über Grund im Auge, dazwischen immer wieder Steigen, was alle paar Sekunden eine Planänderung erfordert. Immer noch zu hoch, noch eine Kurve, Kurs korrigieren, Häuser und Stromleitungen checken, sinken, steigen, sinken, steigen, 210° Kurve, nochmal checken, jetzt könnte es passen, ich überfliege den tiefsten Zipfel der Landewiese und habe wieder Steigen. So’n Kack, das Gras kommt erstmal nicht näher, doch als plötzlich das Steigen schlagartig aufhört, ist leider in Bruchteilen einer Sekunde der Boden da. Aufschlag. Ich stürze auf meine Knie, der Schirm knallt mit der Eintrittskante in die Wiese, Durchbremsen hatte keinen Effekt. Was für ein Scheiß, ich hab’s geahnt. Ich muss tatsächlich kurz innehalten und fühlen, ob irgendetwas an mir kaputt gegangen ist als auch schon mein Telefon klingelt. Manuel ist dran und will wissen, ob ich mir weh getan habe. Er und Alex sitzen im Café beim Schwimmbad und konnten von der Terrasse aus meine verkackte Landung beobachten. Priml. Ich fühle mich wieder mal so, als könne ich gar nix. Dieser sensationelle Flug, ein fast 17 XC Kilometer großes FAI Dreieck, endet mit der schlechtesten Landung seit Monaten. Immerhin tut nur das weh, was vorher schon weh tat, mein Fuß. Ist also nix weiter passiert. Kurze Zeit später landet auch Astrid, die zwar mit den gleichen Schwierigkeiten zu tun hat, diese aber beherrscht und auf ihren Füßen aufsetzt. Wir packen zusammen, ich fluche dabei leise vor mich hin und humpele in der Gegend rum bis alles verstaut und im Auto ist. Als wir uns auf den Weg ins Café machen, kommt Kiki angeflogen und landet, wie eine Elfe. Sie hatte ebenfalls einen tollen Flug, möchte aber nicht mehr mit ins Café, weil ihr die Zeit etwas im Nacken sitzt und sie möglichst bald auf den Heimweg will. Wir verabschieden uns von ihr, wohl wissend, dass wir uns ziemlich sicher an unseren Hausbergen bald wieder über den Weg laufen werden. Dann Kaffee&Kuchen und eine große Schorle mit Alex und Manuel. Die zwei berichten ein wenig von der letzten Nacht am Berg, was für die beiden ein besonderes Erlebnis war und was sie schon lange vorhatten, zu tun. Manuel hatte zusätzlich den Auftrag eines Angehörigen einer abgestürzten Bergsteigerin, ein Marterl auf dem Steig zur Schönfeldspitze zu montieren, ein Auftrag, der Demut lehrt. Leider trug sich im weiteren Verlauf der Nacht in einer anderen Gruppe fast noch eine Schlägerei in der Berghütte zu. Was soll ich sagen. Angesoffene Testosteron-Heinis mal wieder. Unausgeglichene Gorilla-Männchen. 
Als das kleine Sit-In sich dem Ende zuneigt, beschließen Astrid und ich, doch noch bis nach Hause zu fahren. Wir hatten noch überlegt, montags von unterwegs zu arbeiten, doch die Zeit und der Straßenverkehr am späten Nachmittag waren noch so, dass wir ganz gut durchkommen können. Unterwegs hielten wir an der Moosmühle in Huglfing, die wir bereits von früheren Ausflügen kannten und bekamen trotz später Uhrzeit und eigentlich schon geschlossener Küche noch ein leckeres Schnitzel mit Pommes, mit dem wir die letzte Stunde Fahrt schaffen konnten.

So, jetzt kennen wir auch das berühmte Fluggebiet Greifenburg, haben alle Flüge für den B-Schein im Sack und unsere Flugplanung für Golzentipp konnten wir ebenfalls noch samstagsabends bei Andi einreichen. In der Woche drauf meldete er sich mit der guten Nachricht, dass er alle erforderlichen Unterlagen an den DHV weitergegeben hat und wir nur noch auf Post warten müssen, die unsere neue Lizenz und die IPPI-Cart Stage 5 enthält. Chaka.

Fliegen in Greifenburg und Gastein, 18.-22.06.2025, B-Schein-Aktionswochenende

Von Greifenburg hatten wir das erste Mal gehört, als wir im Oktober 2023 in den Theoriestunden zum B-Schein saßen und einige Beispiele im Kontext Navigation und Streckenplanung dieses Fluggebiet als Grundlage hatten. Weil der Plan, unseren B-Schein-Überprüfungsflug während des Frauenpower Camps im Mai zu absolvieren, leider fehlschlug, so lieferte dieser Kurs doch alle notwendigen Eingangsvoraussetzungen, dass wir diesen Flug woanders eigenständig schaffen können. Und weil wir Fronleichnam den Brückentag freigemacht hatten, supermotiviert waren, diese Aufgabe anzupacken und das prognostizierte Wetter zum Fliegen in Greifenburg taugte, brachen wir auf. Weil unser letzter Stand zur B-Schein-Ausbildung zu diesem Zeitpunkt beinhaltete, dass wir für den Überprüfungsflug vorher beim betreuenden Fluglehrer eine Planung abgeben müssen, um einen Flugauftrag dafür zu erhalten, bombardierten wir den lieben Andreas mit Planungen für gleich mehrere Gebiete, um in der Folge zu lernen, dass das so gar nicht mehr nötig ist, weil sich inzwischen die Regeln des DHV änderten.

Eigentlich sollte der Kurs entweder in Greifenburg oder in Bassano stattfinden. Je nachdem, wo die Flugbedingungen besser wären. Tagelang beobachten wir die Wettervorhersagen und gingen fast schon davon aus, dass der Kurs komplett abgesagt werden würde. Denn das Wetter war weder am einen noch am anderen Ort fliegbar prognostiziert. Freitags kommt dann die erlösende Email von der Flugschule: der Kurs findet statt. Im selben Moment ist uns beiden jedoch regelrecht die Kinnlade runtergefallen. Der Kursort wird wetterbedingt ins Tannheimer Tal verlegt. Also direkt vor unsere Haustür an unsere Hausberge Neunerköpfle, Tegelberg, Buchenberg und Breitenberg. Na priml. So hatten wir uns das irgendwie nicht vorgestellt. Wir haben ja ein großes Faible dafür, neue Fluggebiete kennen zu lernen und hatten uns darauf gefreut, Greifenburg kennen zu lernen. Enttäuschung macht sich breit. Doch im Laufe des Tages sprechen wir viel drüber und merken: es wird für irgendwas gut sein, dass wir unseren B-Schein Flug an heimischen Bergen versuchen dürfen und dass wir die Chance haben, an den heimischen Bergen durch Fluglehrerinnen unterstützt, in der Thermik auf zu drehen. Vorfreude verdrängt die Enttäuschung und Astrid will unbedingt gerne schon am nächsten Tag in den Urlaub starten, auch wenn der Kurs erst montags beginnt.
Also rollen wir bereits samstags mit unserer neuen mobilen FeWo in die Urlaubswoche, die wir mit einem kleinen Hike&Fly an unserem Hausberg, dem Buchenberg, eröffneten. Nach Ankunft auf dem Parkplatz der Bahn machen wir als Erstes Mittag, unser Freund Klaus kommt vorbei und schaut sich unseren roten Blitz mit der Wohnkabine an und ist völlig von den Socken, was das für ein cooles Teil ist. Ein Getränk später muss er aber los, denn er hat einen Testschirm, den er heute ausgiebig fliegen möchte und wir sehen uns ja dann eh entweder in der Luft oder irgendwo zwischen Landeplatz und Startplatz wieder. Am Startplatz treffen wir nach dem Aufstieg zu Fuß ganz überraschend Andrea und Frank, die bereits einen Flug gemacht hatten und von einigermaßen bockigen Verhältnissen sprachen und dass sie überlegen ob’s noch ein Flug werden soll, denn auf rumpelige Flüge haben beide keine große Lust. Weil wir uns bereits einige Zeit nicht gesehen hatten, das letzte Mal war’s wohl ein Hike&Fly im Januar am Spiesser, gab’s erstmal reichlich zu erzählen und so vergingen die Minuten, die ich nicht gezählt hatte, denn wir beide haben es nicht eilig, wollen eh nur einen Flug machen. Es ist schön, ein paar Freunde zu treffen, die genauso entspannt sind. Irgendwann später, es ist bereits Kaffee&Kuchen Zeit, packen wir unsere Schirmis aus, machen uns fertig und starten in den Nachmittagshimmel, in dem sich auch irgendwo unser Freund Klaus mit seinem Testschirm rumtreibt, doch wir haben ihn aus den Augen verloren, unter anderem weil die Kombi aus neuem Schirm und Klaus nicht im Gehirn präsent ist. Mein Start gelingt gut, ich beginne zu suchen, wo es mich hinaufträgt, doch so richtig gut geht’s nirgendwo, obwohl der Bayerische Wind, verstärkt durch eine Nordostlage, was die bockigen Verhältnisse auslöst, eigentlich ganz gut unterwegs ist. Mit meinem Pi3 wäre ich wohl nach 4 Minuten am Landeplatz gestanden, mit dem Theta werden’s fast 20 Minuten. Immerhin. Und ja, es war schon etwas bockig, aber noch gut zu meistern. Andrea und Frank hatten sich dazu entschlossen, ebenfalls noch einen Flug zu machen, starteten kurz hinter uns und so trafen wir mehr oder weniger Zeitgleich am Landeplatz ein, wo wir uns auf Kaffee&Kuchen an der Wohnkabine verabredeten, denn die beiden haben sich gerade einen leeren Ford Bus eingekauft und waren sehr interessiert, mit was wir da jetzt unterwegs sind. Später gesellt sich auch Klaus zu der kleinen Gruppe hinzu und es wird eine nette kleine Kaffeerunde mit guten Gesprächen.

Ein paar Regentropfen beenden die Session, während derer wir herausfanden, dass es am nächsten Tag mit der Nordostlage in Bolsterlang am Weiherkopf fliegbar sein könnte und dass es sich zeitlich problemlos ausginge, auch dort komplett zu Fuß zum Startplatz hochzugehen. Da Andrea und Frank in Sonthofen wohnen, wäre deren Anfahrt recht überschaubar und auch Klaus meldet Interesse an, würde jedoch die Bahn bevorzugen. Passt, die finale Entscheidung verschieben wir auf den Sonntagmorgen. Mit der mobilen FeWo wollen wir die Nacht auf dem kleinen Camper-Stellplatz in Bad Hindelang verbringen, denn wenn fliegen doch nicht ginge, könnten wir in der Gegend einfach eine kleine Bergtour machen und wären nicht so weit vom Tannheimer Tal entfernt, wo montags unser Frauenpower Camp startet. Bei mir macht sich das erste Mal die Erkenntnis breit, wie grandios es ist, sich einfach frei entscheiden zu können, wo es hingeht, wir keine feste Ferienwohnung brauchen und damit praktisch alle nennenswerten Einschränkungen los sind. Es ist nicht die ultimative Freiheit, die die Hersteller von Campern gerne mit ihren Marketingfolien suggerieren, doch es ist eine Art Unabhängigkeit, die in Kombination mit der wachsenden Infrastruktur für Reisende, wie uns, trotzdem einen gewissen Komfort bietet und in der Regel relativ günstig ist.
Der Platz in Bad Hindelang ist wirklich toll, insbesondere über die beheizten Sanitärräume freue ich mich, denn es ist ganz schön zapfig in der Nacht und auch tagsüber, wenn der kalte Nordost durch die Bäume pfeift. Am nächsten Morgen sieht es am Weiherkopf immer noch fliegbar aus, allerdings ist wegen der kalten Nacht mit feuchter Luft und der Sonneneinstrahlung morgens erneut mit nicht so ganz ruhigen Verhältnissen zu rechnen. Andrea und Frank sind vor uns dort und beginnen schonmal den Aufstieg, Klaus sagt später ab, denn er möchte sich die Fahrt sparen und lieber die Zeit für Flüge mit dem Testschirm am Tegel nutzen. Das verstehe ich. Astrid und ich parken unsere Rakete am Landeplatz und starten den Aufstieg von dort. Unterwegs holen wir die beiden anderen ein und gehen ab da gemeinsam hinauf. Wir beide wollen nicht ganz so früh starten, denn es könnte am frühen Nachmittag tatsächlich thermisch werden und für einen längeren Flug taugen. Am Ende des Tages starten wir jedoch mehr oder weniger unmittelbar nach Andrea und Frank, allerdings verkacke ich meinen Rückwärtsstart auf eine nahezu dramatische Art und Weise, was mir bis dahin in 170 Flügen nicht passiert ist. In dem Moment, wo mein Schirm über mich kommt und ich die C-Ebene freigebe, fährt eine Böe von der Seite in mein Segel, dass mich anschließend mitschleift, bevor ich kapiere, was das Problem ist, ich stolpere, drehe mich in die falsche Richtung, doch der Schirm fliegt bereits. Was für eine Scheiße. Im letzten Moment schaffe ich es, mich 180° umzudrehen, um nicht verdreht gegen die Flugrichtung hinaus zu fliegen, doch dabei verpasst mir der Boden am Startplatz ein paar ordentliche Schläge, es kostet Stoff und Tapete, und irgendwie habe ich kurz darauf als ich etwas aus dem Hang raus bin das Gefühl, heute besser nicht gestartet zu sein. Zu spät. Ich fliege. Spaß macht es nicht, es ist richtig bockig, ich scheine von vielen kleinen Thermik-Bubbles umzingelt und habe Mühe, den Schirm über mir zu halten, zum Aufdrehen taugen die Blasen für mich leider auch nicht. Mit ein wenig Geeiere kann ich ein paar Meter Höhe machen, Bestand hat das jedoch nicht und netto geht’s nur runter, mit viel Gezappel und der permanenten Gefahr, sich Klapper einzufangen, was ich überraschender Weise auf dem gesamten Flug verhindern kann. Astrid eiert genauso durch die Gegend, sucht noch am letzten Hang vorm Startplatz Steigen, findet aber nix und so drehen wir beide praktisch gleichzeitig ab in Richtung Landeplatz. Erst jetzt bemerke ich den starken Talwind, denn ich muss seitlich driften und sehr darauf achten, im Luv zu bleiben, was ich dummerweise mit dem Gegenanflug in meiner Landevolte aufgebe und mich damit in ernste Schwierigkeiten manövriere, denn als ich aus dem Gegenanflug direkt in den Endanflug gehe, habe ich mich zu weit hinter den Landeplatz treiben lassen, mache keine Vorwärtsfahrt mehr mit meinem Theta, fliege sogar kurzzeitig rückwärts und der Wind schiebt mich ausgerechnet über den Spielplatz mit Bäumen, Klettergerüsten und Rutschen, der unmittelbar an den Landeplatz grenzt, und der auf keinen Fall überflogen werden soll. Ich versuche, einen Fuß in den Beschleuniger zu bekommen, um irgendwie Vorwärtsfahrt zu generieren, was mir bei dem labbrigen Schnürl am Leichtgurtzeug nicht auf Anhieb gelingt und sinke praktisch am Platz auf ein Klettergerüst zu. Der Landeplatz, zum Greifen nah, ist so nicht mehr erreichbar und bevor ich riskiere, auf dem Spielplatz einzuschlagen, ziehe ich meinen Schirm in zwei dynamischen Kurven auf die angrenzende Wiese und schlage dort ungebremst ein. Aua. Mein Popo wird mich die ganze nächste Woche daran erinnern, meinen Kopf zum Landen einzuschalten (es wird mir allerdings nicht immer gelingen, der Schmerz im Arsch ist für falsch verkabelte Synapsen nicht stark genug). So geht ein Flug zu Ende, den ich besser nicht gemacht hätte. Mit einer Erfahrung mehr im Gepäck und zum Glück auf meinen eigenen Füßen raffe ich mein Gelumpe zusammen und sehe zu, dass ich von der nicht abgemähten Wiese runter und zum eigentlichen Landeplatz komme. Astrid hat zwar die Landewiese auch nicht getroffen, doch sie hat es immerhin geschafft, ihr Flugzeug zu fliegen und von vornherein über der Wiese zu bleiben, wo sie aufsetzte. Ich bin deprimiert. Das Gefühl macht sich schon wieder breit, dass ich es einfach nicht kann und in der Luft im Prinzip nichts verloren habe. Adlerauge Astrid erkennt das sofort, wir sprechen über den Mist, den ich zusammengeflogen habe, doch sie sieht das anders. Die Bedingungen zum Landen waren für unsere Verhältnisse in dem Moment haarsträubend und kaum beherrschbar und Höhe ist endlich. Eigentlich habe ich die Situation ganz passabel gerettet, indem ich nicht auf dem Spielplatz einschlug und trotzdem keine nennenswerten Schäden an mir verursachte. Wäre ich passiv geblieben, was ich nicht getan habe, wäre es zu einer Katastrophe gekommen. Trotzdem bleibt bei mir ein G’schmäckle hängen, auch wenn ich in der Folge bei praktisch allen Pilot:innen solche Probleme und deren nicht bessere Lösungen beobachte, während wir uns am Landeplatz aufhalten und unsere Schirme zusammenpacken. Einer Pilotin muss ich regelrecht aus dem Weg springen, damit sie mich nicht „umlandet“. 
Diesen etwas fragwürdigen Flug beschließen wir gemeinsam mit Andrea und Frank, die übrigens einige Minuten vor uns am Landeplatz diesen krassen Talwind nicht hatten, bei Kaffee&Kuchen. Nochmal rauffahren ist für mich keine Option und auch die anderen lehnen dankbar ab. 
Als wir die Runde beschließen, brechen wir mit unserer rollenden FeWo ins Tannheimer Tal auf, wo wir in Untergschwend, einem Ortsteil von Tannheim, auf dem kleinen aber feinen Camping Alpenwelt angemeldet sind und sehr herzlich empfangen werden, einen Stellplatz zugewiesen bekommen und uns so einrichten, dass wir im Zweifel die Kabine absetzen könnten, weil es sich abzeichnet, dass wir nicht die ganze Woche hier fliegen können. Abends sind wir dann schon mit ein paar Mädels aus dem Kurs zum Essen in Tannheim verabredet, was wir schnell und einfach mit dem Radl erreichen können. Auf dem Weg treffen wir Ines, die wir bei unserem kleinen Flugliebe Allgäu-Event im vergangenen Jahr kennenlernen durften. Ein bekanntes Gesicht zu treffen, ist irgendwie beruhigend und der erste Eindruck in der Runde ist total gut, ich glaube, dass wir Spaß haben werden.

Der Start des Frauenpower Camps ist um 9 Uhr montags morgens am Landeplatz in Tannheim und wie üblich beginnen wir mit der Vorstellungsrunde, in der ich von meinen aktuellen Ängsten nach dem Erlebnis am Kronplatz erzähle und davon, dass das Ziel für den Kurs der B-Schein-Überprüfungsflug ist. Unsere Fluglehrerin Jojo war da sehr zuversichtlich, dass wir das diese Woche hinbekommen. So geht’s die ganze Runde durch, wir erfahren, dass mehr oder weniger alle ein Thema mit bockiger Luft haben, dass ebenfalls so gut wie alle sich nur in der Nähe des Landeplatzes wohl fühlen und sich mehr oder weniger noch nie getraut haben, diesen safe space zu verlassen, wie Astrid und ich auch. Einige aus der Gruppe fliegen wenig oder sind zumindest in den letzten Monaten wenig bis gar nicht geflogen. So auch Ines, die einen funkelnagelneuen Schirm dabei hat, den sie aber bei ihrem letzten Flug vergangenes Jahr im September noch nicht hatte. Spannende Voraussetzungen. Nach der Landeplatzeinweisung machen wir uns auf zur Bahn, wo eine Menge Bürokratiegeschisse auf uns wartet, was mich teilweise auch ganz unerwartet traf. Man braucht neuerdings eine Art Flugberechtigungskarte, um fliegen zu dürfen. Nie gehört und wir waren schon oft am Neunerköpfle. Park- und Landeplatzgebühren und verwirrende Konzepte mit Punktekarten für die Bahn runden das unmögliche Bild ab. Was für eine Bürokratie und es sollte in den anderen Fluggebieten noch schlimmer werden. Warum überlegt sich niemand ein einheitliches Konzept, das für alle Gebiete in der Gegend passt? An jeder Bahn werden eigene Suppen gekocht. Mit einiger Verzögerung sitzen dann aber alle irgendwann in den Gondeln und es geht hinauf in Richtung Startplatz, der völlig überraschend leer ist. Niemand da. Das habe ich hier noch nicht erlebt, wo sich sonst bei allen möglichen Bedingungen die Pilot:innen auf den Füßen rumstehen.
Jojo hat uns zum Startplatz hinaufbegleitet, Zylle wird die Flüge vom Landeplatz aus unterstützen und so startet eine nach der anderen zu ihrem erstem Flug des Kurses, zu dem vorher ein paar Manöver besprochen wurden, die alle geflogen sein sollten, bevor wir über Thermik reden, wie z.B. das Ohren anlegen, die Leitlinien-Acht, Nicken und vielleicht auch Rollen.
Als erstes fällt mir auf, dass die Startkompetenz in der Gruppe relativ hoch ist, selbst bei jenen, deren letzter Flug teilweise schon Monate zurückliegt. Alle kommen gut raus, so auch wir beide, die kurz vor 12 Uhr als letztes aufziehen. Ich trete nach dem Abflug als erstes in den Beschleuniger, um herauszufinden, ob bei 100% meine Umlenkrollen aufeinander stehen, was sie definitiv nicht tun und was ich unbedingt korrigieren muss, denn sonst kann ich den gesamten Steuerweg des Beschleunigers nicht ausnutzen. Ein Thema, dass ich seit vielen Monaten vernachlässigte, weil wir überwiegend mit unserem Bergsteigegurtzeug geflogen sind, wo die Einstellungen passen. Anschließend ziehe ich kleine Ohren, die nicht von alleine öffnen, nachdem ich die äußeren beiden A-Leinen freigegeben hatte und es spielt keine Rolle, ob ich noch im Beschleuniger bin oder nicht. Das ist ein Unterschied zu den großen Ohren, bei denen ich jeweils zwei äußere A-Leinen verwende, denn die öffnen beschleunigt von allein, aber wahrscheinlich nur deswegen, weil bei dem Manöver der Druck in der Kappe deutlich größer ist. Zwischendurch setzt mein Funkgerät immer wieder aus, ich höre Zylle vom Landeplatz nur sehr abgehackt und verstehe das meiste nicht, doch das kann ich dann später klären. Meine anschließende Leitlinien-Acht ist dürftig und sieht eher nach zwei verkorksten Eiern aus. Da sollte ich dran arbeiten, denn es ist eine gute Übung, um das Prinzip des Thermikkreisens zu festigen, neben der Spirale natürlich.
Der erste Flug ist kurz und ich bin etwas überrascht als Zylle allen Anweisungen zur Landevolte gibt, was ich so nicht erwartet hatte, denn wir hatten über die möglichen Landeeinteilungen gesprochen und auch darüber, was bei mehr Wind zu tun ist und alle Teilnehmerinnen haben eine gültige Lizenz und sollten dazu in der Lage sein, mehr oder weniger das umzusetzen, was besprochen wurde. Nun gut. Mein Schmerz dabei ist, dass mich die Anweisungen völlig aus meinem eigenen, vorher überlegten Konzept bringen und ich fast auf Karabinerhöhe angebremst im Endanflug bin und kein Steuerweg mehr fürs Flairen zur Verfügung steht, was ich sonst niemals tun würde. So klatsche ich schon wieder ganz zu Beginn des Landefeldes in die Wiese. Fail. 

Wir fahren nochmal rauf und auf halbem Weg in der Bahn informiert Zylle in der WhatsApp-Gruppe, dass diejenigen, die auf ruhige Flüge stehen, sich überlegen sollten, ob sie nochmal starten wollen, denn die Bedingungen würden zunehmend anspruchsvoll. Am Startplatz bei Jojo angekommen, beginnt zunächst das Parawaiting, denn der Wind ist unentschlossen und pendelt zwischen Nordwest, Nord und Nordost mit teilweise ganz ordentlichen Geschwindigkeiten. Gegen halb zwei nachmittags scheint es sich wieder etwas zu stabilisieren und wie zuvor vereinbart, werden Astrid und ich die Dummies sein und als erste starten, um zu testen, wie die Luft so ist. Astrid versemmelt ihren Start, weil ihr eine Böe aus Nord nach dem Aufziehen den Flügel grad wieder einklappt. Na dann, ich stehe als nächste in der Reihe, warte noch einen kurzen Moment, bis alle sichtbaren Windanzeiger wirklich Westnordwest anzeigen und ziehe vorwärts auf, denn auch die Windstärke hat nachgelassen. Mein Start ist fein, ich laufe nur ganz wenige Schritte, nachdem ich meinen Schirm über mir stabilisiert habe und hebe ab. Astrid kommt nach mir auch gut raus und so startet der Zirkusflug, wie ich sehr schnell feststelle. Es ist wirklich sehr unruhig, ich versuche bald nach dem Start eine erste Thermik zu nutzen, doch nach 3-4 Kreisen in äußerst bockiger Luft gebe ich mein Vorhaben auf, weil ich mich nicht wohl fühle dabei. Steph kommt wohl direkt nach Astrid raus, denn die beiden beginnen, richtig aufzudrehen. Während meines Fluges habe ich dafür allerdings kein Ohr. Abgesehen davon, dass meine Funke wieder nur bruchstückweise Laute von sich gibt und ich nichts verstehe, möchte mein Schirm meine exklusive Aufmerksamkeit, damit er keine blöden Sachen veranstaltet. Über weite Strecken in Richtung Landeplatz sinke ich nicht und als ich mitten im Tannheimer Tal bin, drehe ich die Nase in den Wind und fliege eine Leitlinien-Acht, so, wie es Zylle am Boden nochmal erklärt hat und siehe da, macht Frau den Schirm erstmal langsam, ist genügend Steuerweg da, um die beiden Kreise dynamisch komplett über die Außenbremse zu fliegen und am Übergang nicht zu pendeln. Merken.
Kurz darauf erreichen meine Schaukeleien in den thermischen Bedingungen in Landeplatznähe neue Dimensionen und ich beginne, mich wirklich nicht mehr wohl zu fühlen, doch egal, wo ich hinfliege, es steigt und steigt, ich entferne mich immer weiter vom Boden, auf dem ich jetzt mit meinen Füßen lieber stehen würde. Ich weiß, dass es für mein Problem eine Lösung gibt, doch ich zögere noch, sie anzuwenden, weil ich dann doch gar nicht mehr so viel Platz nach unten habe: die Spirale als Abstiegshilfe.
Ein großer Schritt, dieses Manöver, dass wir im Sicherheitstraining mehrmals geflogen sind, jetzt in freier Wildbahn genau dafür einzusetzen, wozu wir es gelernt haben, doch alles andere hilft jetzt nicht mehr. Ich spreche mit meinen Händen, damit für alle Anwesenden klar ist, wo innen und wo außen ist und außen hat die Macht, egal, wie schnell sich das Karussell dreht. Ich leite ein, halte mich aber sehr zurück, was die Schräglage und damit das Sinken angeht, denn es muss gar nicht so krass sein, um das moderate Steigen zu überwinden. Ich kreise so lieb, dass ich Zeit habe, währenddessen meine Höhe auf dem Vario zu beobachten, die mir eindeutig sagt, es geht jetzt nach unten und ich kann gleichzeitig den Landeplatz im Auge behalten, denn die Windrichtungen wechseln ständig und ich brauche ab einer gewissen Höhe eine klare Idee davon, wie ich in den Endanflug gehe. Eine ganze Volte spare ich mir, weil es in Bodennähe Ostwind hat und ich dadurch eh schon Lee-seitig bin und sowohl Höhe als auch Geschwindigkeit brauche, um sicher reinzukommen. Ich sehe Zylle in der Nähe des Peilpunktes, wie sie auf sich aufmerksam macht, denn meine Funke hat unterwegs ganz den Dienst eingestellt und so möchte sie mir signalisieren, wohin ich peilen soll. Passt gut. Das Sinken ist zwar kurz vor dem Aufsetzen gegen den Wind so groß, dass ich einigermaßen hart aufsetze, doch immerhin bleibe ich auf meinen Füßen. Alter, was für ein Ritt. Ich blicke in den Himmel und suche ihn nach Astrid ab, die leicht zu finden ist, da wir die einzigen Theta-Pilotinnen an dem Tag sind. Zylle nennt uns auch die Theta-Mädels, was ich sehr witzig finde. Im Sicherheitstraining wurden wir das Theta-Pärchen genannt. Sie ist jedenfalls auch auf dem Weg zum Landeplatz und wie ich später nach ihrer super Landung erfahre, hatten sie und Steph einen noch heißeren Ritt direkt unter den Wolken und auch ihr blieb nichts anderes mehr übrig, als die Spirale aus ihrem Fliegewerkzeugkoffer auszupacken und ordentlich nach unten zu kreisen. Mit dem A-Schirm, den Steph noch fliegt, ist es, glaube ich, nicht ganz so krass, weil er bauartbedingt eh schon stärker sinkt, aber soweit ich das in Erinnerung habe, musste auch sie zumindest die Ohren anlegen, um von der Wolke wegzukommen. Haben beide absolut fein und richtig gemacht. Tipptopp. 
Für den Tag ist’s dann mit fliegen vorbei, denn besser wird’s nicht mehr und wir treffen uns zum Analysieren der Starts und Landungen im Gemeinschaftsraum des Campingplatzes, um danach nahtlos gemeinsam essen zu gehen.

Der nächste Tag. Wir hatten überlegt, die Kabine abzusetzen, um 5 Sitzplätze und reichlich Platz für alle Flugzeuge zu haben, doch unsere Bohrmaschine zum Kurbeln der Stützen hatte beim Hinstellen schon die Hufe hochgerissen und von Hand kurbeln geht zwar, ist aber eher was für Leute, die Mama und Papa erschlagen haben. Die Untersetzung ist so klein, dass Frau viele Minuten braucht, um eine einzige Stütze ganz rein oder ganz raus zu kurbeln. Und weil alles andere im Tannheimer Tal ganz entspannt mit dem Radl erledigt werden konnte, haben wir nicht abgeladen.
Als Fluggebiet für heute wurde der Breitenberg in Pfronten auserkoren, was mit etwas Anfahrt verbunden ist, doch das Neunerköpfle geht an diesem Tag definitiv nicht. Die liebe Maggie, die eine kleine Ferienwohnung auf dem Campinggelände für die Woche bezogen hatte, lässt uns bei sich einsteigen, zusammen mit Jojo und Zylle und es geht zeitig los zur Talstation in Steinach bei Pfronten.
Aufgabe Nummer 1: Die Landeplatzeinweisung, die etwas Zeit frisst, denn er wurde verlegt und man läuft nun 10 Minuten dorthin, doch er ist wegen der Talwindsysteme etwas speziell und sollte besprochen werden. Zurück an der Talstation gibt es erstmal neues Geschisse mit einer Flugberechtigungskarte, von der ich bis dahin noch nie gehört hatte, und natürlich wieder mit den Fahrkarten.
Eigentlich war der Plan, mit Jojo zusammen vom Breitenberg aus in Richtung Tegelberg zu fliegen, doch die Bedingungen waren nicht wirklich danach, wie sich relativ schnell herausstellte. Bockige Luft und in der Höhe zu viel Wind. 
Zylle startet als erste, zeigt an, wie man hier aufdrehen kann und macht dann in Richtung Landeplatz, damit sie da ist, wenn die ersten landen gehen. Wir zogen als vorletzte Starterinnen beide Rückwärts auf, was auch erstmal funktionierte, doch bei mir sieht das jedes Mal sehr hektisch aus, wenn ich ans Ausdrehen komme. Ich muss das wieder öfter auf der Wiese üben. Gefällt mir so überhaupt nicht. 
Direkt nach dem Start überfiel mich die bockige Luft und klappte mir links den Schirm ein, obwohl ich Steuerdruck auf beiden Seiten hatte. Später meinte Jojo dazu, die sich das Ganze von Startplatz aus angesehen hatte, beim Thermikfliegen kann man nie ausschließen, dass mal ein Flügel klappt, auch wenn Frau ansonsten viel richtig macht. Es gehört einfach dazu. Die Kunst ist so zu fliegen, dass die Wahrscheinlichkeit möglichst klein ist und etwaige Deformationen, die sich normalerweise ankündigen, so rechtzeitig zu erkennen, dass man sie verhindern kann. 
Aber das war noch nicht das Ende. Nachdem ich den Taleinschnitt über der Bahn nach dem Starten verlassen hatte, wurde es zunächst ruhiger. Ich hielt Ausschau nach Astrid, fand sie, wie sie überm Landeplatz in der Thermik aufdreht und machte mich auf den Weg dorthin. Und tatsächlich ging’s unmittelbar überm Landeplatz nach oben. Für eine Weile wechselten Astrid und ich uns mit oben und unten ab, flogen sogar ein paar Kreise synchron am jeweils gegenüberliegenden Ende der Kreisbahn, doch dann zog Astrid wie von Geisterhand nach oben davon, während ich weiter um jeden Meter oder zumindest kein Sinken kämpfte. Es musste immer auch gegen den Wind vorgehalten werden, um nicht leeseits des Landeplatzes abgetrieben zu werden, und dabei ist mir dann in freier Wildbahn mit vielleicht 200m Höhe überm Landeplatz aus heiterem Himmel ein Frontklapper beim stationären Geradeausflug in den Weg gesprungen. Wie gut, dass wir nur wenige Wochen zuvor beim Sicherheitstraining gewesen sind und alle Arten von Deformationen mit dem Theta geflogen sind. Meine Hände schießen sofort nach oben, ich beobachte, wie die eingeklappte Front zügig wieder von alleine öffnet und höre Zylle im Funk, wie sie mir genau dazu Anweisung gibt und vorschlägt, nun zu landen. Mmmmhhhh…. Nachdem der Schirm so schnell wieder offen war, ich praktisch keine Höhe verlor, sondern sofort wieder Steigen hatte, entschied ich mich dazu, weiter in der Thermik zu kreisen, was ich ohne Sicherheitstraining zuvor niemals getan hätte. Ich glaube, damit ich habe ich manche in der Gruppe beeindruckt, doch meine Entscheidung, weiter zu fliegen, fiel sehr schnell nachdem die Störung überstanden war und ich für mich wusste, dass es mir keine Angst gemacht hatte. 
Als Ursache für den Frontklapper auf geradem Flug kommt für mich die bekannte Konvergenz in dieser Gegend in Frage, die sich je nach Talwindverhältnissen genau über dem Landeplatz befinden kann, was eben diesen zu einem eher anspruchsvollen Landeplatz macht. Astrid erzählte später, dass sie weiter oben in der Thermik ebenfalls auf unerwartet bockige Verhältnisse stieß, was möglicherweise auch damit zu tun hatte. 
Nochmal rauffahren ist für keine Pilotin eine Option, denn für uns passt irgendwie nichts mehr hier. Ein neuer Plan biegt um die Ecke, denn es könnte vielleicht sein, dass an dem etwas niedrigeren Buchenberg etwas später am Nachmittag startbare Bedingungen herrschen könnten.
Dort angekommen ist jedoch der Grundwind schon so stark, dass wir die Auffahrt zugunsten von Kaffee&Kuchen verschieben und uns so die Wartezeit versüßen. Der Wind hält allerdings weiter an und uns alle vom Fliegen ab, weswegen wir zunächst zum Landeplatz wackeln, machen dort eine Einweisung für alle, die hier noch nicht geflogen sind und Jojo zeigt uns eine sensationelle Starttechnik, die sie bei stärkerem Wind am Startplatz an Stelle des Kobrastarts anwendet, da sie dafür keine fremde Hilfe benötigt, die ihr die Flügelspitze vorbereitet und beim Hochziehen entsprechend unterstützt. Sehr beeindruckend. 
Als wir alle den Eindruck gewannen, dass der Wind etwas nachgelassen hat, fuhr, glaube ich, die Bahn schon nicht mehr, doch fast alle packen nun ihre Schirme aus und üben am Boden alles Mögliche, denn es ist sonst niemand da bis auf einen Groundhandler und auch niemand in der Luft. Mich hebelt es bei einer Böe, die immer wieder ziemlich stark sind, einmal ordentlich aus und auf geht’s quer über die Wiese, auf der der Bauer gerade damit begonnen hat, sie zu mähen, was bei mir die Lust weiter zu üben sofort auf Null fährt. Ich packe ein. Die Mähaktion lässt nach und nach auch alle anderen zusammenpacken, wir beenden den Fliegetag und brechen wieder auf zurück nach Tannheim, wo wir abends zusammen beim Dorfwirt essen und wir die Gelegenheit nutzen, für den nächsten Tag, der von den Flugbedingungen her der beste Tag der Woche werden soll, bei allen das LiveTracking anzuschalten, sodass Jojo und Zylle immer sehen können, wo wir gerade sind und niemand verloren geht. Für Astrid und mich soll es der Tag werden, an dem unser B-Schein-Flug möglich sein könnte und wir besprechen mit Jojo, die mit uns fliegen und uns aus der Luft per Funk unterstützen wird, die Flugroute und die Alternativen, wenn Planänderungen nötig werden, was man vorher nie wissen kann und in der Luft entscheiden muss. Steph schließt sich dem Vorhaben an und möchte mit uns zusammen ebenfalls auf Strecke gehen. Ich bin aufgeregt, ob das alles so funktioniert und was alles auf mich wartet und ob ich überhaupt irgendetwas des Gesagten umsetzen kann.

Der große Tag. Wir sind früh dran, wollen zuerst einen ruhigen Gleitflug in der Morgenluft mit vielleicht dem einen oder anderen Manöver fliegen, bevor die Thermik einsetzt und wir auf unseren B-Schein-Überprüfungsflug mit der Unterstützung aus der Luft durch Jojo gehen. Wie beschrieben, hatten wir vorher die Strecke und die möglichen Aufdrehpunkte besprochen, also eine richtige Flugplanung lag vor.
Der Start zu meinem ersten Flug ist super, ich trete mit etwas Abstand vom Hang erneut den Beschleuniger auf 100%, nachdem ich ihn zuvor verkürzt hatte, und jetzt passt’s, die Umlenkrollen sind aufeinander. Danach lege in diesem ersten Flug vollbeschleunigt kleine Ohren an, die in der Folge nicht von allein wieder aufgehen und ich abwechselnd 1-2 Mal mit den Steuerleinen pumpen muss bis sich die Flügelspitzen wieder füllen und ich freue mich ein wenig, dass mich so etwas überhaupt nicht mehr anhebt. Als ich in die Nähe des Landeplatzes über einem freien Feld fliege, biege ich jeweils einmal in eine Spirale rechts herum ein und anschließend einmal links herum. Klappt super, ich fühle mich sicher, ich kann das Manöver vollständig kontrollieren und es macht Spaß wahrzunehmen, dass das ein ganz großer Schritt nach vorne ist. Bei den Sinkwerten, die ich später anhand meiner Flugaufzeichnungen ermittle, stelle ich fest, dass ich eine Schokoladenseite habe, die ich bei zukünftigen Flügen unbedingt ausbalancieren muss. D.h. mehr Rechtspiralen fliegen.
Jojo und Zylle ermutigen alle, die heute nicht auf Strecke gehen wollen, den Tag so gut es geht mit Flügen zu füllen, denn es ist definitiv der beste Tag der Woche.
Astrid, Steph und ich fahren auch wieder hoch und warten derweil mit Jojo zusammen am Startplatz auf das Einsetzen stabiler Thermik.
Evgeny erscheint auf dem Startplatz. Ich freue mich riesig, ihn endlich mal wieder zu sehen. Er ist Fluglehrer bei der Paragliding Academy und hat uns enorm viel während unserer Ausbildung dort geholfen. Heute ist er ebenfalls mit einem XC Kurs bestehend aus ausschließlich Männern da und hat den gleichen Plan, wie wir vier. 
Spannend der Unterschied, wie die Männergruppe sich im Gegensatz zu der Frauengruppe verhält. Ich bin froh, dass ich in der Frauengruppe bin. Bei den Kerlen hilft man sich nicht gegenseitig, spricht nicht mal miteinander, es wird sogar gedrängelt. Bisschen schräg, aber nicht unerwartet.
Mein Herz klopft, als Jojo vorschlägt, es wäre jetzt so langsam ein guter Zeitpunkt, in die Luft zu kommen. Ich ziehe als erste von uns vier auf, starte fein, was vielen anderen, auch den Locals, nicht gelungen ist und mache mich sofort auf die Suche nach Steigen. In unserer kleinen Gruppe haben Astrid und ich vorher bereits kommuniziert, dass wenn eine absäuft, die andere ebenfalls landen geht. Für uns kommt nicht in Frage, dass eine weiterfliegt, während die andere am Boden steht. Das mag für manche merkwürdig erscheinen, doch das sind Prinzipien, die wir aus dem Bergsteigen übernommen haben und die uns wichtig sind. Es bleibt keine allein irgendwo in der Pampa zurück. Deswegen ist es uns wichtig, dass alle davon wissen und sich nicht in der Luft darüber wundern.
Ein kleiner Kampf beginnt, doch ich bin geduldig. Jojo hat uns Mut gemacht, nicht aufzugeben und immer weiter zu suchen und zu kreisen, auch wenn es nicht gleich gut geht. Streckenfliegen hat etwas mit Wollen zu tun. Es braucht Ausdauer und Entschlossenheit. Astrid geht’s genauso. Sie kämpft sich von noch weiter unten immer wieder rauf, gleichzeitig beobachten wir permanent, was alle anderen um uns tun, denn es ist mittlerweile recht voll geworden in der Luft, was aber auch gut sein kann, denn dann muss Frau nicht jede Thermik selbst suchen. Zwischendurch immer wieder Unterstützung beim Kreisen durch Zylle vom Startplatz aus und von Jojo aus der Luft. Sehr, sehr geil. Übrigens bin ich beim Thema bockige Luft, die es mehr oder weniger beim Thermikfliegen immer gibt, sehr entspannt geworden. Das Aufrollen, das der Theta immer wieder mal hat, stoppe ich konsequent und bekomme das Gefühl, es wirklich im Griff zu haben. Meine Thermikkreise haben sich verändert. Ich kann die Radien besser steuern und ich erlebe, was Tom aus dem Sicherheitstraining, Zylle und Jojo damit meinten, Thermikkreisen ist im Prinzip Spirale fliegen nur in die andere Richtung. Genauso ist es, ich bleibe innen tief und steuere die Radien und damit die Geschwindigkeit über außen und sobald die Rotation startet, ist’s ein ständiges Balancieren mit beiden Steuerleinen. So geht Spirale nach oben. Den größten Teil so einer Kreisbahn behalte ich meine innere Flügelspitze als festen Punkt im Auge, weil ich so ganz gut verhindern kann, dass mir schlecht wird und die übrige Zeit nutze ich für den Überblick über den Traffic, die Orientierung, meine anderen Flügelfrauen. Obwohl es die erste halbe Stunde echt mühselig zugeht, macht es Spaß wie die alte Sau.
Die prognostizierte Basis soll heute knapp über 2500m liegen. Nicht ganz optimal. Ansage von Jojo, soviel Höhe mitnehmen, wie es irgendwie geht, wir brauchen jeden Meter. 
Steph ist inzwischen mit ihrem A-Schirm leider bereits abgesoffen, sodass nur noch Astrid, Jojo und ich für den Streckenflug übrig sind. Sie tat mir an der Stelle leid, denn soweit ich das beurteilen kann, hat sie wirklich ein Händchen fürs fliegen und mit einem besser gleitenden Schirm wäre sie uns sicher davongeflogen. Und dann kommt der Fahrstuhl. Nach fast einer halben Stunde Basteln erwische ich den Bart, den wir brauchen und sofort kommen Astrid und Jojo dazugeflogen und die Post geht ab. Innerhalb ganz kurzer Zeit Steige ich fast 600 Höhenmeter hoch bis auf fast 2500m und Astrid tut sogar noch ein paar Meter oben drauf. Was ich zunächst dabei nicht bemerke, ist die Zugrichtung des Thermikbarts, die durch den starken Westwind verursacht wird. Der Wind ist deutlich stärker, als er angekündigt war und er wird später unser Vorhaben auch vereiteln. Aber alles der Reihe nach. Jedenfalls treiben wir beim Kreisen fast einen Kilometer in die falsche Richtung ab, was aber auch nicht zu verhindern ist, denn ohne den Bart geht’s nicht. Jojo gibt den Startschuss für den ersten Talsprung nach Westen zum Grat auf der gegenüberliegenden Seite des Startplatzes, so, wie wir das vorher besprochen hatten. Dafür ist erstmal genügend Höhe vorhanden. Und sie weist uns an, wenn wir unterwegs Steigen haben, sollen wir eindrehen und erneut versuchen, mehr Höhe zu machen. Ich wundere mich aber zunächst darüber, wie langsam wir gegen den Wind fliegen und raffe dann, was das Problem ist. Der starke Westwind. Es dauert schon viele Minuten, bis ich überhaupt wieder über den Startplatz fliege. Auf Höhe der nächsten vorgelagerten Rippe quiekt mein Vario und offensichtlich auch das von Astrid, wir drehen ein, versuchen über weitere Kreise diese Minithermik nochmal zu nutzen, doch es ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.
Für den Weiterweg empfiehlt Jojo, den Beschleuniger auf 50% zu treten, um schneller auf die andere Seite zu kommen, ohne das Sinken mehr als nötig zu strapazieren. 
Ich merke, wie anstrengend es ist, permanent im Beschleuniger zu stehen, den ich sonst nur für ganz kurze Manöver, wie insbesondere das Ohrenanlegen verwendete. Gar nicht so einfach. Meine Beine werden lahm, ich muss wieder raus, auch wenn ich dann nur noch 5-10km/h Vorwärtsfahrt mache, kurze Pause, und wieder rein, während ich mir sehr wünsche, am gegenüberliegenden Grat die erhofften Aufwinde anzutreffen, denn der Talsprung kostet gute 500 Höhenmeter. Ich komme von uns dreien mit der niedrigsten Höhe an und im Prinzip hat dieser Umstand bereits das Ende eingeläutet, denn ich finde nichts Nennenswertes bzw. kann im Gegensatz zu den anderen beiden das, was vorhanden ist, nicht so nutzen, wie es nötig wäre. Inzwischen ist die Wolkendecke nahezu geschlossen und schattet alles ab, bis auf ein winziges Löchlein, dass ich am Leuchten einer kleinen Wiese an der nächsten Rippe erkenne, und halte in meiner Verzweiflung darauf zu. Tatsächlich habe ich dort sogar ein wenig Steigen, doch das genügt bei weitem nicht, um die fehlenden mehreren hundert Höhenmeter zu generieren. Ich schaue Jojo nach, die von mir weg in einen Taleinschnitt hineinfliegt, der vom Wind angeströmt sein müsste, und sie macht dort in der Tat Höhe, kommt über den Grat, doch für mich ist das keine Option, ich bin viel zu tief, um es ihr gleich zu tun und noch dazu müsste ich ein für mich viel zu großes Risiko eingehen, denn Landen geht dort nicht. Also kratze ich weiter, verliere konstant Höhe, versuche mich an einem letzten bewaldeten Hang, der sicher vom Talwind angeströmt ist, zu retten, doch ich traue mich nicht, dicht genug an die Bäume ran zu fliegen. Im Augenwinkel kommt Jojo wieder ins Bild, die sich natürlich traut und so nah am Hang kreist, dass ihr Stabilo fast die Wipfel berührt. Digga, das ist nix für mich. Mein Bauchi weiß bereits, dass hier Schluss ist und ich halte nach Landemöglichkeiten Ausschau, die in Frage kommen, während ich letzte Versuche unternehme, durch Hangsoaren noch etwas zu erreichen, doch Netto geht’s nur runter. Zwei Kandidaten sind im Rennen für eine Außenlandung und als ich unter 100 Meter über Grund sinke, funke ich Jojo an, dass ich landen gehe. Die erste Wiese scheidet aus, da ich im bodennahen Überflug Querzäune erkenne, also auf zu nächsten, die völlig frei direkt neben der Hauptstraße durchs Tannheimer Tal liegt. Einziger Punkt hier ist, nicht zu nah an die hintere Baumreihe fliegen, da sie ziemlich sicher ein Lee im Talwind bildet, der ganz schön stark geworden ist und ich die Bremsen ganz frei geben muss, um die Wiese mit sehr wenig Vorwärtsfahrt überhaupt noch zu erreichen. Die Kombi aus freigeben, anbremsen und seitwärts driften bringt mich mit sanftem Aufsetzen ganz nah an einen Feldweg, perfekt für den Rückweg zu Fuß. Direkt nach dem Aufsetzen funke ich durch, dass ich safe gelandet bin und sehe auch schon Astrid, die gleich hinter mir eintrudelt und es mir gleichtut. So, das war dann der erste Versuch, der schonmal in die Hose ging, aber: Es war trotzdem ein Erfolg, denn wir beide haben gelernt, dass wir dazu in der Lage sind, aus dem Gleitwinkelbereich zum Landeplatz heraus zu fliegen und uns trauen dürfen, diesen geplanten Flug allein erneut anzugehen, wenn die Bedingungen etwas besser sind. Astrid meldet über Funk, dass sie ebenfalls safe gelandet ist und nachdem wir die Distanz zum Landeplatz gecheckt hatten, gaben wir durch, nicht abgeholt werden zu müssen, wir gehen zu Fuß die etwa 2,5km zurück. Die geflogene XC Distanz war natürlich länger mit etwa 8,3km, doch für den Überprüfungsflug wars eindeutig viel zu kurz. Eine halbe Stunde später kommen wir am Landeplatz an, gesellen uns zu unserer Gruppe, von denen noch ein paar in der Luft sind, denn alle haben tolle Flüge gemacht oder sind gerade noch dabei, die Nachmittagsthermik auszufliegen. Wenige Minuten später landet Jojo, die unsere geplante Runde selbstredend fertiggeflogen ist, nachdem wir sicher am Boden waren und sie auf niemanden mehr warten musste. Sagt mir, wir müssen noch viel lernen. Wir sind aber auf einem guten Weg. Als alle gelandet sind und niemand mehr rauf will, setzen wir uns auf der Landewiese zusammen und ziehen gemeinsam Bilanz zum Flugtag. Alle haben heute Dinge getan, die sie sich so allein nie getraut hätten. Schon beim morgendlichen Flug hatte Ines zum Beispiel mehrere Seitenklapper gezogen und man konnte ihr vom Landeplatz aus ansehen, was sie das für eine Überwindung gekostet hatte, doch sie hat’s getan und sogar einen gehalten, um zu sehen, was ihr Schirm dann tut. Mit der Unterstützung durch Zylle vom Startplatz aus schafften es alle, in den Thermikbärten um den Startplatz herum teilweise richtig hoch aufzudrehen, oder sogar die verlorene Höhe wieder zu retten, was für einige ganz sicher ebenfalls viel Überwindung kostete und alle dürfen stolz auf ihre Leistungen sein. Ich freue mich jedenfalls für alle, dass sie so über sich hinausgewachsen sind. Ein tolles Ergebnis.
Astrid und ich klinken uns für heute aus der Essensrunde aus. Wir wollen selbst kochen, etwas Ruhe haben, denn die Tage mit so vielen Menschen, auch wenn sie noch so nett sind, sind anstrengend und ich möchte mich heute endlich mal wieder meinem Spiel mit der Handpan widmen. Zurück am Campingplatz ist die Maßnahme Nummer 1 Kaffeemaschine anstecken, Kaffee machen, in die Sonne setzen, ein wenig im Kopf runterfahren und Musik machen. Viel spielen kann ich ja nicht, doch meine Zuhörenden machen es mir leicht, weil sie alle nacheinander erscheinen und ich einfach mein Repertoire wiederholen kann. Als erstes wird die Chefin des Campingplatzes auf mich aufmerksam und ist von den Socken. Sie spricht lange mit Astrid, während ich spiele und wir lernen, dass sie ein Sonodrum kürzlich für die Familie anschafften, auf dem jedoch wenig gespielt wird und sie sich gerade bei mir Inspiration holt. Als nächstes taucht Zylle auf und erfreut sich ebenfalls an meinen paar Mustern und dem einen Lied, das ich inzwischen einigermaßen hinbekomme. Sie hat mal ein wenig Schlagzeug gespielt und hat eine Idee davon, was ich da so tue. Zum Schluss kommt auch Jojo um die Ecke gebogen, ich beginne mehr oder weniger von vorne. Sie legt sich auf den Boden neben mich, schließt die Augen und genießt es einfach. Das habe ich so noch nicht erlebt und es berührt mich, wenn es Menschen gibt, denen dieses einfache Spiel auf diesem ultimativ einfachen Musikinstrument genauso nahe geht, wie mir. Das sind ganz besondere Momente, die ich in mein Herz schließe, weil sie nicht so häufig vorbeikommen und ich sehr zu schätzen weiß, wenn es passiert.
Für den Abend haben wir uns mit Steph verabredet, die sich für heute ebenfalls aus der Restaurantrunde ausgeklinkt hat. Astrid und ich hatten auf dem Rückweg vom Landeplatz Gemüse eingekauft und wollen eine vegetarische bzw. vegane Tajine zubereiten, wie uns später auffällt und selbstredend kauften wir so viel Zeug ein, dass wir allein 2 Tage hätten davon essen können. So ist es schön, bei einem Glas Aperol Spritz in der untergehenden Sonne zusammensitzen und quatschen zu können, während die Tajine und das Couscous sich mehr oder weniger selbst auf dem Gasherd in der Wohnkabine zubereiten. Ich verstehe Menschen nicht, die sich nur von Fertigfutter ernähren. Kochen ist so einfach. Ich schweife ab. 
Bisschen scharf aber lecker läuft fast alles rein, ein zweites Glas Aperol noch dazu und als es dunkel und kalt wird, ziehen wir in die Wohnkabine um, wo die Fußbodenheizung für ein angenehmes Klima sorgt und die Gespräche bei einer abschließenden Flasche Helles weitergehen können. Beim Fliegen trifft Frau so wahnsinnig viele wahnsinnig interessante Menschen. OK, es gibt auch Vollpfosten, doch ich bin nicht sicher, ob die Gauss’sche Normalverteilung hier zutrifft. Ohne jenen, die den Volkssportarten nahestehen, zu nahe treten zu wollen, aber Fliegen ist nicht Fußballspielen. Wurscht. Es ist jedenfalls voll schön, sich mit anderen motivierten Pilotinnen austauschen zu können.

Eine Kaltfront mit hohen Windgeschwindigkeiten und gegen Nachmittag Regen lassen uns für den nächsten Tag einen anderen Plan schmieden. Jojo hatte eigentlich vor, sehr, sehr früh am Donnerstagmorgen zu Fuß zum Startplatz Neunerköpfle aufzubrechen, doch als sie gegen 5:30Uhr den Wind checkt, dreht sie sich auch nochmal um. Donnerstag ist Wandertag.
Vom Landeplatz aus hatten einige bereits geäußert, dass sie gerne mal auf den Einstein gehen würden, der in unmittelbarer Nachbarschaft steht und fragten, ob das schwierig sei. Nein, ist es nicht, denn obwohl der obere Teil sehr felsig und steil erscheint, so geht doch ein einfacher Wanderweg durch die Flanke hinauf auf den Grat zum Gipfel, den Astrid und ich letztes Jahr genommen hatten, als meine Hand gebrochen war. Für die, die wollen, ist um 9 Uhr vor Ines‘ Unterkunft im Ortsteil Berg Abmarsch und nachmittags sind ein paar Stunden Theorie zum Fliegen eingeplant, die wir im Gemeinschaftsraum am Campingplatz abhalten wollen.
Zu sechst starten wir den Aufstieg, Zeitnot gibt es keine bis auf das Wetter vielleicht, es sind nur etwas mehr als 700 Höhenmeter bis zum Gipfel, was für alle mit angemessenem Tempo gut zu machen ist, ohne dass wir später die Uhrzeit für den Start der Theorie reißen würden. Wieder viel Zeit zum Austauschen, sich kennenlernen, Inspirationen holen und nach dem Erreichen des Grates der Gewissheit, dass Fliegen heute großräumig keine gute Idee gewesen wäre. Auf dem Abstieg kurz vor dem Ziel gibt’s noch ein paar Regentropfen gratis, aber nur sehr wenige, im Großen und Ganzen haben wir alles richtig gemacht, alle kommen heile wieder vom Berg runter und haben noch ein wenig Zeit, bis wir zur Theorie verabredet sind.
Entgegen meiner Annahme, dass wir viel Bekanntes durchkauen, hat Zylle etwas viel Cooleres aus dem Hut gezaubert. Wir sehen uns die Flüge von fast allen Pilotinnen in 3D an, fliegen deren Routen nochmal virtuell nach und besprechen, was alles unterwegs stattgefunden hat oder auch verpasst wurde. Die Spur zeigt über unterschiedliche Farben an, wo Steigen, Sinken oder auch Nullschieber passierten und so konnte jede Flugsekunde zerpflückt und besprochen werden, was in dem Moment vielleicht gut gelaufen ist, oder wo andere Flugentscheidungen zu einem besseren Ergebnis geführt hätten. Wirklich ein wertvoller Input für unsere zukünftige Fliegerinnenkarriere.
Abschließend hielten wir in der Runde ein Wetterbriefing für den nächsten Tag ab und es kristallisierte sich heraus, dass es am Tegelberg gut werden könnte. Ein Fluggebiet, in dem mehr als die Hälfte der Pilotinnen noch nicht geflogen ist.
Für den letzten Abend des Kurses hat sich Jojo, die auf gutes Essen steht, was mich persönlich sehr freut, gewünscht, ins s’Morent in Zöblen zu gehen. Das tun wir dann auch, Astrid und ich nehmen wieder das Fahrrad, um dort hin zu kommen, denn es ist nur ein Ort weiter westlich und als wir eintreffen, erinnert mich dieses kleine Restaurant sehr an Le petit Frontarlier, das mein Cousin Rémi in Metz betreibt. Es gibt eine kleine Karte, die Gerichte werden anhand dessen zusammengestellt, was tagesaktuell frisch aus der Region zu bekommen ist und alles hat so überhaupt nichts mit den Schnitzelbuden und dem Motto „Viel billiges Essen“ zu tun, die hier insbesondere in den Skiorten überall angetroffen werden können. Die Chefin ist höchstens Anfang zwanzig, ihr Papa rennt rum, macht den Sommelier, hilft im Service und ihr Mann, ebenfalls noch deutlich unter dreißig, kocht mit Leidenschaft und sehr individuell, wenn’s gewünscht wird. Den Fisch, den es heute gibt, der nicht auf der Karte steht, hat er vormittags selbst gefangen. Sonst ist kein Personal da, die drei erledigen alles selbst. Mich freut es ungemein, dass so junge Menschen so etwas mit so viel Hingabe und Engagement ins Rollen bringen und sich in jeglicher Hinsicht von allem abheben, was um sie herum passiert. Sehr beeindruckend. Leider fällt mir auch auf, dass außer unserer Gruppe nur ein einziger Tisch belegt ist. Ich hoffe, das liegt am Donnerstag und ist kein Dauerzustand. Das Essen, das in der Küche gezaubert wird, ist fantastisch, individuelle Wünsche werden mit größter Sorgfalt berücksichtigt. Wir haben Spaß und gute Gespräche. Auf jeden Fall merken Astrid und ich uns diesen Ort für die Zukunft, denn im Tannheimer Tal fliegen wir eh öfter.

Der letzte gemeinsame Tag bricht an. Wir hatten am Vorabend bereits den Campingplatz und den Strom bezahlt, um zeitig einfach mit unserer mobilen FeWo zum Landeplatz am Tegelberg aufbrechen zu können, ohne dass noch was offen gewesen wäre. Fast alle treffen pünktlich zur vereinbarten Uhrzeit für die Einweisung am Landeplatz ein. Die Regeln wurden kürzlich angepasst und so schadet es nicht, nochmal darauf einzugehen. Fliegen am Tegel ist ja gerade an fliegbaren Wochenenden der Horror. 200 Pilot:innen bei 35°C im Schatten in der Schlange vor den kleinen Startplätzen, wo gerne auch mal ein Abbruch notwendig wird. Wenn die Bedingungen aber nicht ganz so optimal sind und ein Tag in der Woche gewählt werden kann, geht’s eigentlich. Und genau so einen Tag haben wir erwischt. Bis auf einen Piloten war unser Grüppchen das einzige oben am Startplatz. Gruppenfoto. Startplatzeinweisung. Schöner Wind zum Starten nach Nordost. Der morgendliche ruhige Flug war ein Traum, wenn die überboardende Bürokratie mit Grüner Karte, Liftkarte, Eintrag im Flugbuch und Kontrolle der Lizenzen und Versicherungen geschafft war. Einige aus der Gruppe, wie gesagt, sind noch nie hier geflogen und eines muss man dem Gelände lassen: Es ist der einzige Ort auf der Welt, außer Las Vegas, wo das Schloss Neuschwanstein steht und praktisch alle Mädels hatten mit hoher Priorität das Ziel, einmal über den Innenhof zu fliegen, was auch allen gelungen ist. Die Startplätze sehen auf den ersten Blick etwas spooky aus, doch wir hatten knapp 10km/h Wind von vorne, was das Starten enorm erleichtert. Ein Nullwind-Start mit viel Anlauf ist da nicht so günstig, geht aber auch. Für sie getestet. 
Apropos „Für sie getestet“. Dadurch, dass Astrid und ich die Fluggebiete alle kannten, haben wir ein klares Bild der Do’s and Dont’s, was nach der Erwähnung stets mit „für sie getestet“ endete und im Laufe der Woche zu einem regelrechten Running Gag wurde. 

„Für sie getestet.“
-	Lee zwischen Hornburg und Rohrkopfhütte
-	Sinkgeschwindigkeit bei Nose-down Theta > 18m/s
-	Bei mehr Wind nicht hinter den Wassergraben am Bube LP
-	Windversetzte Thermik nicht von hinten, Lee, anfliegen
-	Flugverhalten Theta bei Klappern aller Art
-	Tegelbergbahnseile, großer Abstand zwischen den Seilen, wenn Bahn fährt.
-	uvm.

Nach dem Schlossbesuch flog ich wieder eine Spirale, um Höhe abzubauen rechts rum, meine schwächere Seite, denn ich habe ja gelernt, dass ich das trainieren muss und als das Karussell Geschwindigkeit und Geräuschkulisse hochfährt, habe ich regelrecht Spaß daran, Kontrolle auszuüben und eine fantastische Ausleitung zu fliegen, bei der ich auch noch genau auf Achse zum Landeplatz bleibe. Die Erinnerung daran, wie mir die Hosen vor der ersten Spirale unter den Knien hing, wirkt schon fast witzig. Dennoch darf man niemals unterschätzen, was in dem Moment für eine Dynamik und Energie im System ist, die es zu bändigen gilt. Nachlässig zu sein, weil Frau denkt, kann ich, kippt die Sache ganz schnell ins Gegenteil. Respekt und Entschlossenheit sind die Zauberworte, bei fast allen Manövern und wenn sie noch so easy erscheinen. 
Blöderweise schaffe ich es, die Landung wieder zu verkacken. Trotz ganz offener Bremse im Endanflug erlebe ich sehr oft, dass der Flairimpuls den Schirm nicht langsamer macht und mein Kopf in den Panikmodus verfällt, weil so schnell laufen als Bewegungslegasthenikerin ja nicht geht. Ich komme zwar auf meinen Füßen auf doch ich verpasse mir unter der linken Brust mit dem Knie eine Rippenprellung, die mir die nächsten Wochen viel Freude bereiten wird. Die gute Nachricht: Ich hätte nie gedacht, dass ich so gelenkig bin. Andere in meinem Alter hätten sich wahrscheinlich irgendetwas abgerissen.
Astrid und ich entscheiden recht schnell nach der Landung, dass wir hier nicht nochmal fliegen müssen. Wind und Betrieb am Startplatz nehmen konvergent zu, thermisch wird’s wegen der dichten Bewölkung eher nicht und die Auffahrt ist ganz schön teuer. Allerdings verrät ein Blick in die BurnAir Map, dass der Buchenberg heute länger gut ist als der Tegel. Und der Kuchen in der Talstation ist ganz schön lecker. Als alle Mädels sicher gelandet sind, herrscht auch ohne unser Zutun die Kaffee/Kuchen-Stimmung und die Aussicht auf einen weiteren Flug am Bube lässt uns kurzentschlossen komplett umziehen. 
Um die bei Ankunft guten Bedingungen noch für einen Flug zu nutzen, entscheiden sich fast alle für eine Auffahrt bevor es Kaffee/Kuchen geben soll. Lieber oben auf das richtige Fenster warten als es unten zu verpassen und so sitzen wir zügig alle in dem ultralangsamen Sessellift außer Jojo. Sie hat sich fürs Hochlaufen entschieden und „Laufen“ ist da wohl der richtige Begriff, denn ohne Gepäck, das mit der Bahn befördert wird, schafft sie die rund 350 Höhenmeter in 20 Minuten und schwitzt nicht mal ernsthaft dabei. Für die meisten Touristen ist das eine Tagestour. Unterm Strich ist sie fast so schnell, wie die Bahn. Wir sind ja auch nicht sooo langsam mit dem Flugzeug auf dem Rücken, wir machen das ja öfter, doch das ist definitiv eine andere Liga. Chapeau.
So, Buchenberg Nordoststartplatz. Wir checken ein wenig die Lage, beobachten die Startenden und die Fliegenden, doch so richtig hoch schaffen es die meisten nicht. Viel spielt sich unmittelbar am Hang um den Startplatz ab, wo der Bayerische Wind draufdrückt und bei den meisten das Sinken verhindert. Es ist, wie an einem Freitagnachmittag erwartet, etwas Betrieb, für uns nicht ungewöhnlich, denn an einem guten Abend im Sommer ist hier drei- bis viermal so viel los und wenn es sich mangels Thermik nicht verteilt, wird es ganz schön voll. Immer wieder beobachten wir einzelne Schirme, die nah an der Unterkante der relativ dichten Bewölkung fliegen, doch für uns ist nicht zu sehen, ob sie hier aufgedreht haben oder z.B. vom Tegel mit viel Höhe geflogen kommen. Am Ende des Tages spielt es keine Rolle, Astrid und ich wollen fliegen, die Startbedingungen sind gut und wenn wir „nur“ einen Gleitflug machen, ist das besser als nicht geflogen zu sein und deswegen machen wir uns bald nach Ankunft zum Starten fertig. Wir hatten die ganze Woche mit der Bahnunterstützung unsere Schnellpacksäcke benutzt, wo Schirm und Gurtzeug fertig eingehängt transportiert werden, doch nach dem morgendlichen Flug am Tegel packten wir die Schirme so zusammen, dass wir am nächsten Tag einen Hike&Fly machen können, weswegen wir jetzt alles nochmal neu sortieren und einhängen müssen, worin wir inzwischen aber soviel Routine haben, dass es schnell geht. Vorausgesetzt die Touristen verfangen sich nicht in den Leinen. 
Ohne jegliche Erwartungshaltung an den Flug, außer, dass er mir Freude bereiten soll, starte ich gegen 12:40Uhr fein raus und beginne sofort nach dem Start mit der Suche nach Steigen. Der Wind steht gut an, ich biege erstmal nach rechts ab und bin im Nu schon über dem Startplatz. Nochmal umdrehen, ein wenig im Hangwind soaren, mal steigts, mal sinkts, aber ich halte mich. Astrid ist in der Luft, ich sehe ihr immer so gerne zu, wie sie da so rumfliegt. Ein Traum, dass wir dieses Geschenk gemeinsam haben können. Mir begegnen andere Pilotinnen aus unserer Gruppe und irgendwann sind alle in der Luft, ich erkenne ihre Schirme, alle halten sich erstmal, außer Zylle, die sich heute im zweiten Flug für einen Pi3 entschieden hat und damit relativ schnell zum Landeplatz abbiegt. Astrid ist ein wenig mit dem Absaufen am Kämpfen, doch sie bleibt hartnäckig dran. Meine Wenigkeit beginnt derweil über dem Berggasthaus zu kreisen, nachdem ich genug Höhe überm Startplatz habe und es trägt mich konstant immer weiter rauf. Der Bayerische Wind versetzt mich in Richtung Südwesten, er ist in der Höhe wesentlich stärker als weiter unten und es passiert etwas, was mich wahnsinnig freut: Hannah mit dem Espilon kommt zu mir raufgeflogen und wir kreisen zusammen in Richtung Wolkenunterkante. Sie hat diese Woche, glaube ich, auch einen gigantischen Schritt nach vorne gemacht. Sie erzählte später, dass sie mich da so weit oben hat rumfliegen sehen und dachte sich, das mache ich jetzt auch und tut es dann einfach und es gelingt ihr. Wirklich sensationell. Leider scheint unser Bart so auf etwa 1750m zu enden, oder er wird vom Wind zu sehr verblasen, jedenfalls kommen wir beide nicht über diesen Punkt hinaus, erkennen unsere Abdrift und beginnen damit, in Richtung Startplatz gegen den Wind zurückzufliegen, weiter auf der Suche, ob wir den Bart wieder finden. So richtig klappt das nicht, ich komme zwar noch über dem Gasthaus an, kann hier und da nochmal Höhe machen, aber Netto geht es größtenteils nur noch runter. Ich muss an den Hang vor dem Startplatz ausweichen als ich unter Startplatzniveau komme, versuche weiter Auftrieb zu finden, erkenne, dass Astrid immer noch hier unterwegs und nun teilweise über mir ist. Ich beginne damit, ihr zu folgen, um vielleicht mit ihrer Hilfe nochmal rauf zu kommen. Kurzzeitig gelingt das sogar, denn plötzlich erkenne ich ganz viele Pilot:innen, die auf einem Haufen offensichtlich in einer Thermik kreisen. Ich reihe mich ganz unten ein und drücke mir die Daumen. Ein paar Meter gehen noch, doch dann ist’s irgendwie vorbei, mein Vario macht nur noch Blökgeräusche wie ein Schaf, was großes Sinken bedeutet und als ich unter 1000m MSL sinke, entscheide ich mich dazu, entspannt landen zu gehen. Unterwegs hatte ich bereits bemerkt, dass der Wind teilweise mit 20km/h bläst, was bei einer Landung keinesfalls unterschätzt werden darf und auf jeden Fall in die Landeeinteilung einfließen muss. Ich überquere die Straße, erreiche ein freies Feld und teste erneut, wo der Wind herkommt und wie stark er ist. Ein, zwei Kurven noch, dann passt die Höhe, ich gehe in den Gegenanflug, achte aber darauf, mich nicht über den Wassergraben am Landeplatz in die falsche Richtung treiben zu lassen, sondern bastele mir aus einer seitlichen Drift gegen den Wind einen superschönen Queranflug. Beim Einbiegen in eben diesen, weiß ich mit Blick auf den Peilpunkt in der Landewiese, dass ich heute exakt auf diesem meinen Fuß aufsetzen werde. Das ist ein krasses Wissen, dass sich plötzlich etabliert, denn es ist das erste Mal in mehr als 200 Flügen, dass ich das erlebe. So drifte ich im Queranflug genau in die Flucht des Peilpunktes, ohne mich vom Wind verschieben zu lassen, wechsele von der Drift in einen langen, geraden Endanflug, die Gewissheit, exakt auf dem Punkt aufzusetzen ist noch immer da, gebe die Bremse langsam ganz frei, um ein wenig Geschwindigkeit gegen den Wind aufzubauen, fange zart ab, bremse durch und berühre den Boden genau an der vorhergesehen Stelle, dem Peilpunkt. Ich bin ja ansonsten mit meinen Landungen immer ziemlich auf Kriegsfuß, aber diese speichere ich mir ab, um bei der Diskussion mit Quatschi in meinem Kopf harte Gegenargumente zu haben. 
Direkt hinter mir kommen Astrid und ich glaube, Hannah mit ihrem Epsilon rein. Beide sind mir in Sachen Peilpunkt ganz schön dicht auf den Fersen und beide schaffen es tatsächlich bis auf wenige Zentimeter an den Punkt heran, als sie aufsetzen. Das ist der Hammer. Sehr lässig.
Wie schon öfter erlebt, entpuppen sich die Flüge, an die es überhaupt keine Erwartungshaltungen gibt, als die Besten, so auch dieser. Gestartet mit der Absicht, dass es gleich Kaffee und Kuchen gibt, der Gelassenheit aus der Erkenntnis heraus, dass ein Gleitflug ein schöner Flug ist, schaffen wir doch alle einen der längsten Flüge der Woche, ich erreiche den für mich bisher höchsten Punkt überm Bube und lege dann noch die perfekte Landung hin. Ein würdiger Abschluss. 
Aber noch ist es nicht soweit. Aus Kaffee&Kuchen wird nach der Landung nämlich so nix, denn die Gutste an der Talstation hat freitags Ruhetag. Z’fix. Wir überfallen das Casa Maria gegenüber, wo sie uns trotz ihrer eigentlichen Mittagsruhe reinlassen und bewirten, was ich ganz schön klasse finde. Das Casa Maria hat mich bereits einige Male überrascht. Die Zimmer sind toll und bezahlbar, das Essen ist Spitze und bezahlbar, der Service ist in der Regel sehr zuvorkommend und geduldig. Jedenfalls können wir umzingelt von einigen Leckereien unsere Abschlussrunde machen, lassen die Woche nochmal Revue passieren, sprechen über die Dinge die richtig Klasse waren und die waren eindeutig in der Mehrzahl, dürfen aber auch Kritik bzw. Verbesserungsvorschläge loswerden, doch viel zu sagen gibt es in der Hinsicht nicht. Ich kann für mich sagen, dass dieser Kurs einer der besten war, die ich mit dem Gleitschirm besucht habe und ein ganz wesentlicher Grund dafür ist der Umstand, dass es ein Kurs von Frauen für Frauen war. 

Ein letztes Wort: Die Frau in mir war sich anfangs nicht so ganz sicher, ob ich in dieser Gruppe gut aufgehoben und akzeptiert sein werde. Ein Gefühl, dass ich nicht abstellen kann, denn ich habe ja ansonsten überhaupt keine Zweifel, dass ich definitiv eine Frau bin. Ganz im Gegenteil. Aber es kommt eben hin und wieder vor, dass diese Sicherheit auf die Probe gestellt wird. Das war in Lenk beim Frauenfliegenfest auch so. Warum das so ist, weiß ich nicht, denn es hat in so vielen Jahren noch nie den kleinsten Vorfall gegeben, egal was ich wo in welchen Gruppen unternommen habe, was mir eindeutig sagt, die Gesellschaft ist viel offener und toleranter als die Faschisten es einen glauben machen wollen. 
Jedenfalls lief’s in dieser Gruppe voll entspannt und weil ich normalerweise in einer zehntel Sekunde erkennen kann, was die Menschen wirklich über mich denken, weiß ich sofort sicher, dass ich in meiner korrekten Geschlechterrolle 100%ig akzeptiert bin. Ein ganz schön gutes Gefühl, dass mir die Mädels hier uneingeschränkt vermittelt haben. Ein großes Dankeschön von Herzen an der Stelle.
Beim Abschied haben mich einige aus der Gruppe das auch wissen lassen. Sie waren teilweise beeindruckt, weil manche auch noch nie direkten Kontakt mit Transmenschen hatten und sehr überrascht gewesen sind, dass ich eben auch einfach nur ein Mensch bin, der sein Leben leben möchte und das sehr konsequent auf die Art und Weise tut, die ich mir bewusst ausgesucht habe. Ich fühlte mich extrem wohl in dieser Gruppe aus lauter starken Frauen, die alle tolle Dinge tun, ihre Ängste überwinden und dem Leben mit offenem Herzen und mit Mut entgegen gehen. Es war mir eine Ehre, Flügelfrau sein zu dürfen.

Nach der Verabschiedung checken Astrid und ich die Wetterlage für den nächsten Tag, denn wir müssen nicht nach Hause fahren, nur weil der Kurs zu Ende ist und wenn es irgendwo ein Fleckchen gibt, wo fliegen geht und der Aufwand vertretbar ist, fahren wir dahin. Die Suche ist schnell zu Ende, weil nur ein solcher Fleck für den Samstag existiert und das ist die Vordere Niedere in Andelsbuch. Seit die Seilbahn von Norden rauf abgebaut ist, dürfen Camper auf dem Parkplatz in einer ausgewiesenen Ecke für ein kleines Geld über Nacht stehen. Wie praktisch. Weil wir keine Auffahrkeile haben, stehen wir auf dem schiefen Platz etwas uneben, aber es ist alles noch in einem erträglichen Rahmen und wir sind schon dort, wo wir am nächsten Morgen losgehen können, ohne erneut das Auto bewegen zu müssen. Das Fenster fürs Fliegen mit vielleicht etwas Thermik wird sich voraussichtlich erst gegen Mittag öffnen und so haben wir keine Eile, gehen ganz gemütlich nach einem ausgedehnten Frühstück los und sind auf dem gesamten Aufstieg allein. Erst als wir fast oben sind, sehen wir den ersten Gleitschirm über uns hinwegfliegen. Obwohl wir gedacht haben, bewusst langsam gegangen zu sein, brauchen wir keine zwei Stunden mit dem Flugzeug auf dem Rücken für die etwa 950 Höhenmeter bis zum Startplatz. Weil praktisch alle, die fliegen wollen, ab Bezau die Bahn auf der Südseite rauf nehmen und den dort ausgewiesenen Startplatz nach Nordwest nutzen, stehen wir erstmal völlig allein auf dem riesigen Startplatz, bis sich eine Gruppe Männer mit Miniwings oder Acroschirmen lautstark hinzugesellt und wir spüren regelrecht, wie das Testosteron in Wellen zwischen den Kerlen auf einander prallt. Sie starten alle recht zügig und ich bin ehrlich gesagt froh, als wir wieder alleine sind und uns dieses nervige Balzverhalten nicht weiter anhören müssen. Happy Landings rufe ich ihnen in Gedanken hinterher.
Dann taucht eine Flugschule mit englischsprachigen Teilnehmenden auf, die sich jedoch in eine andere Ecke des Startplatzes verkrümeln und als wir uns zum Starten entschließen, sind noch etwa eine Hand voll Piloten eingetroffen. Also alles sehr überschaubar. Unsere anfängliche Idee, nach Thermik zu suchen und zu versuchen, länger in der Luft zu bleiben, weil es die Prognose zugelassen hätte, verpufft mehr oder weniger, weil es dann doch in Live etwas anders mit Sonne, Wind und Wolken ist. Unsere Starts gelingen fein, wir fliegen, halten uns nach links den Grat entlang, wo der Wind ganz gut anströmt und wir uns eine Weile halten können. Aber wie gesagt, so richtig gut geht’s nicht und Astrid biegt alsbald in Richtung Landeplatz ab. Ich drehe noch 2-3 Kurven am Hang, weil ich etwas höher bin, verliere jedoch auch zu viel Höhe beim Rumeiern. Also Landeplatz. Um mich herum sind einige andere Pilot:innen, auf die ich achten muss, wenn ich abachtere. In Bodennähe kommt der Wind aus östlichen Richtungen, weswegen wir, wie hier meistens üblich, im Endanflug gegen die alte Bahn landen. Auf dem Weg dahin erwische ich überraschenderweise auf der freien Fläche im Dorf zwischen den Bauernhöfen einen Thermikbart. Es steigt nicht viel, aber es steigt. Ich drehe ein und schaue mal, was geht, bin ja dann auch gleich am Landeplatz, wenn nix dabei rauskommt. Es kommt aber was dabei raus, ich drehe nochmal über 1000m MSL auf, meine Aktion hat sofort auch die 3-4 anderen angelockt, die mit einsteigen und teilweise weit über mich hinaussteigen. Finde ich gut, denn jetzt hab‘ ich den ganzen Landeplatz für mich alleine, hihi. Mit allen um mich herum landen zu müssen, wie es ohne die Thermik gewesen wäre, hätte ich nicht so fein gefunden, jetzt bin ich entspannt und lande auch gut.
Nochmal zu Fuß hochgehen ist keine Option und auch die relativ lange Fahrt um den Berg herum nach Bezau nicht, um mit der Bahn zu fahren. Wir entscheiden, dass es gut ist mit diesem Flug und Kaffee&Kuchen jetzt gut wäre. Um an Kuchen zu kommen, wackeln wir zu Fuß in den Supermarkt in Andelsbuch, weil alles andere leider geschlossen hat und machen uns dazu in der Kabine einen leckeren Kaffee. Handpan spielen auf der Wiese ist dann noch im Angebot und einfach auch mal die Seele baumeln lassen. Den ursprünglichen Plan, am nächsten Tag nochmal hinaufzugehen, verwerfen wir bald, denn die Vorhersagen verschlechtern sich mit jedem neuen Wetterlauf. Sonntagfrüh brechen wir nach Ausschlafen und einem gemütlichen Frühstück auf nach Hause und beenden diese spannenden Tage mit lecker Futter in unserem Stammgasthof.

Frauenpower Camp der Flugschule Adventure Sports, 12.05.-16.05.2025

Zur Teilnahme an diesem Event hatten Astrid und ich uns sofort im vergangenen Jahr angemeldet, als der Termin für 2025 veröffentlicht wurde, denn das war unter anderem die Gelegenheit, um mit einer guten Wahrscheinlichkeit unseren Überprüfungsflug für den B-Schein hinzubekommen. Die bis dahin notwendigen Flüge, die bestimmte Anforderungen erfüllen müssen, hatten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht ganz mit unserem Pi3 erflogen, doch als sich im Sommer 2024 als zweiter Schirm der Advance Theta hinzugesellte, änderte sich das Bild vollständig. Durch das deutlich bessere Gleiten des Theta wurden die Flüge auch für uns Anfängerinnen immer länger, jede noch so kleine Portion steigende Luft hilft bereits, nicht einfach durchzusinken, wie es der Pi3 tut, wenn die Bedingungen nicht optimal sind. Manche mögen anführen, dass Thermikfliegen nicht vom Schirm abhängt, sondern von der Pilotin und das ist auch erstmal nicht ganz falsch, doch die sofort viel größere Airtime, die wir einfach durch diesen Schirm gewonnen haben, hilft uns, überhaupt ins Lernen zu kommen. Und so war ich in mehrerer Hinsicht sehr auf diesen Kurs gespannt. Und ich wurde nicht enttäuscht…

Die Reise zum Idrosee begann damit, dass wir die bereits gebuchte Ferienwohnung stornierten, denn es zeichnete sich tatsächlich ab, dass unsere neue mobile Ferienwohnung, ein VW Amarok II mit aufgesetzter Tischer Box 230S, so rechtzeitig fertig wird, dass wir damit nach Italien aufbrechen können. Knapp war’s schon, denn es blieb nur ein Tag Luft für Unvorhergesehenes, doch alle Termine, von Auto abholen, Auto umbauen lassen, bis „Wir haben es geschafft, die Kabine unfallfrei allein aufs Fahrzeug zu setzen“ fanden zu den geplanten Zeiten statt und wurden erfolgreich umgesetzt. Und dann, am Ostermontag 2025, stand das Ding abfahrbereit in unserer Einfahrt. Wer hätte es gedacht. Ich war lange Zeit sehr pessimistisch, wie immer, dass sich alles so ausgeht, wie gedacht. Aber alles wurde gut. Am Tag der Abreise musste ich allerdings zuerst nochmal nach Marktoberdorf zum Autohaus, denn man hatte uns dort am Tag der Abholung versehentlich die falschen Ersatzschlüssel und die falsche Fernbedienung für die Standheizung mitgegeben. Nachdem das erledigt war, die Verkäuferin konnte sich bei der Gelegenheit das Ergebnis anschauen, von dem wir bereits beim ersten Termin mit ihr sprachen, stattete ich der Waage in unserem Wertstoffhof einen Besuch ab, wo ich gegen einen kleinen Betrag in die Kaffeekasse erfuhr, ob wir hoffnungslos überladen sind oder nicht. Sind wir nicht. Gesamtgewicht und Achslasten sind im grünen Bereich, auch nach dem finalen Volltanken, Räder aufladen und zwei Leute einsteigen noch. Passt. 
Am Dienstag nach Ostern und nach der Arbeit drückte Astrid auf den Startknopf, ließ den Motor an und fuhr das erste Mal mit dem vollbeladenen Auto los, bei dem die Last einen deutlich spürbaren Unterschied im Fahrgefühl verursachte. 
Da wir ja nun nicht mehr auf Biegen und Brechen zu halbwegs christlichen Zeiten zum Einchecken an einer Ferienwohnung ankommen müssen, entzerren wir die Anreise durch einen Abendessenstopp am Zirler Berg, fahren dann gemütlich über den Brenner, können auf der Italienischen Seite in Sterzing das erste Mal erleben, dass unsere neue Bip&Go Box erfreulicherweise tut, was sie soll und wir ohne Stopp und Ticket ziehen einfach durch die Mautstelle rollen dürfen, was dann in Trento erneut einwandfrei funktioniert. Zum Entzerren gehört ebenfalls, dass wir an dem Abend nicht bis zum Camping Miralago am Idrosee müssen, sondern einfach unterwegs einen Platz zum Stehenbleiben suchen und finden, von dem aus wir am nächsten Tag gemütlich und ohne Stress rechtzeitig zum Beginn des Kurses eintreffen und sogar noch Zeit haben, uns einen Stellplatz auszusuchen und einzuchecken. Die erste Nacht im Camper lehrt uns, das nächste Mal nicht zu nah an einer Hauptstraße oder einem Gebirgsfluss zu stehen. Es ist ziemlich hellhörig in der Kabine, die natürlich nicht für die Geräuschisolation optimiert ist. 

Mittwoch, 10 Uhr, soll das Sicherheitstraining starten. Die Wetterprognose in allen möglichen Diensten sprach eigentlich dafür, dass der Kurs gar nicht stattfinden kann, doch die Flugschule schrieb uns Ostersonntag, dass er durchgeführt werden wird und so saßen wir pünktlich im Schulungsraum für die Vorstellungsrunde mit dem Gedanken im Kopf, dass es heute dauerregnen wird und wir sicher nicht fliegen werden. Genauso wie höchstwahrscheinlich am Donnerstag und am Freitag und am Sonntag. Der einzige Tag, an dem es laut Prognose nicht konstant durchregnen soll, war der Samstag. Aber Tom, unser Sicherheitstrainer, war da sehr viel optimistischer und was soll ich sagen, wir haben am ersten Tag zwei Flüge gemacht, nachdem die Rettungswesten und Funkgeräte ausgeteilt und die Details dazu geklärt waren, ging es sofort zur ersten Auffahrt, denn nix Regen, die Sonne kam raus, es war kurzzeitig T-Shirt-Wetter, wenngleich es ein sehr langer Tag wurde, denn zu meinem letzten Flug startete ich kurz nach 19 Uhr. Ich war fürchterlich aufgeregt, unter anderem genau, weil ich gar nicht mit Fliegen gerechnet hatte und es etwas plötzlich über mich hereingebrochen ist. Astrid hat’s auf dem Weg vom Bus zum Startplatz auf den Punkt gebracht: „Ich sollte mich wohl langsam mal darauf einstellen, dass ich fliegen werde.“. Inhaltlich waren meine beiden Flüge sehr ernüchternd. Im ersten Flug, dem sogenannten Check-Flug möchte Tom ein Manöver sehen, dass wir glauben fliegen zu können, um sich ein Bild von unseren Fähigkeiten zu verschaffen und weil mir nix außer der Spirale eingefallen ist, die ich aber so spät mit leerem Magen nicht fliegen wollte, entschied ich mich fürs Rollen und Nicken, dem Pendeln um die Längs- und die Querachse, beides Manöver, an deren letzte Ausführung ich mich noch nicht mal mehr erinnern konnte und so sah das dann auch aus. Besonders vorm Rollen drücke ich mich bewusst, weil es mir jedes Mal kotzschlecht wird dabei, was ich natürlich nicht haben will. Immerhin habe ich es irgendwie geschafft, dass mir nichts aus dem Gesicht gefallen ist. Ähnlich, wie beim Spirale fliegen, fixierte ich beim Rollen immer die untere Flügelspitze als festen Punkt, was sich durch die notwendige Körperbewegung im Prinzip schon von alleine ergibt und dann war’s OK. Beim zweiten Start hatte ich ziemlich Probleme mit dem starken Seitenwind und obwohl ich mit einem seitlichen Wegziehen rechnete, gelang es mir nicht, das Richtige zu tun, wurde nach dem rückwärts Aufziehen nach rechts katapultiert, verlor den Halt auf den Füßen, stolperte und hatte einfach nur Glück, dass mein Schirm sich ohne meine Hilfe fürs Fliegen entschieden hatte, wodurch er mich einfach mitnahm, weg vom Hang. Schön und kontrolliert ist anders. Aber ich fliege.
Die Luft ist bockig, gemütlich die 6-7 Minuten in die Trainingsbox überm See zu fliegen, ist nicht. Trotzdem schaue ich immer nach einem Start nach oben, beobachte von unten, wie mein Schirm mich trägt, auch ohne, dass ich viel an den Leinen zoppele und freue mich über dieses Privileg, so etwas in dieser grandiosen Kulisse mit der schneebedeckten Brenta im Norden, der Po-Ebene im Süden und unter mir dem türkisblauen See tun zu können und zu dürfen. Außerdem freue ich mich an dem Tag darüber, dass ich beide Landungen ganz entspannt stehend auf meinen Füßen beende. Ein guter Anfang, denn nicht selten verkacke ich einen schönen Flug mit einer Scheißlandung, was stets bei Eintreten ein schlechtes Gefühl hinterlässt.
Bei den Menschen in der 16-köpfigen Gruppe, die überraschenderweise aus mehr Frauen als Männern besteht, sind keine Schneller-Höher-Weiter-Testo-wo-ich-bin-ist-vorne-Typen dabei. Es geht völlig entspannt beim Starten zu, niemand drängelt, niemand mansplained, man hilft sich gegenseitig, ein gutes Zeichen und keine Selbstverständlichkeit, wie wir aus unseren A-Schein-Kursen wissen. Versteht mich bitte nicht falsch, es sind nicht DIE Männer, aber es ist IMMER ein Mann. 
Es passiert noch etwas Aufregendes gleich am ersten Tag: Ein Retter wird gezogen, weil es keine andere Ausfahrt mehr gibt. Eine junge Frau unserer Gruppe versucht sich an dem Manöver VÖT (eine bescheuerte Abkürzung für „Verhängeröffnungstool“), bei dem die Strömung kurz einseitig abgerissen wird, womit eine Rückwärtsrotation des Schirms um die Hochachse beginnt, mit dem Ziel, durch die Anströmung von hinten etwaige Verhänger in der Kappe zu lösen. In der Regel werden 90° oder 180° Drehungen geflogen, je nach dem, wie lange der Strömungsabriss gehalten wird, worauf die Schirme ziemlich heftig reagieren können und spätestens bei Überschreiten der 90° beim Ausleiten zornig schießen, was unbedingt abgefangen werden muss. Unsere Teilnehmerin will es wissen, hält den Abriss mehrere Sekunden, der Schirm dreht über 270°, schießt beim Lösen wie eine Rakete nach vorne, klappt ein, rotiert, die Pilotin verheddert sich mit Bein und Kopf in den Leinen und noch bevor Tom vom Boot aus das Kommando gibt, zieht sie von sich aus in dieser ausweglosen Situation ihren Rettungsschirm und hat damit alles richtig gemacht und hat Glück, dass Wasser unter ihr ist. Der Retter hing an einem Frontcontainer und macht es wegen seiner Aufhängpunkte schwer, sich am geöffneten Rettungsschirm aufzurichten. Hinzu kam, dass sie sich nicht selbst aus den Leinen befreien konnte, der halb offene Gleitschirm eine kleine Scherenstellung verursachte, wodurch das Sinken größer wird und sie aus diesen Gründen in Rückenlage aufklatschte. So sollte Frau auf keinen Fall auf festen Boden fallen. Tom ist sofort mit dem Boot da, hilft ihr aus dem Wasser und setzt sie sofort am Campingplatz ab, wo sie warm Duschen kann, denn die Wassertemperatur im See ist unter 10°C. Kein Vergnügen, länger zu verweilen. Ansonsten ist aber alles gut ausgegangen und sie fliegt bei nächster Gelegenheit das Manöver mehrmals erfolgreich.
Es wird spät am ersten Tag und weil keine von uns mehr Lust hat, sich an den Herd zu stellen, schließen wir uns der Gruppe an und essen oben in Restaurant des Miralago einfach Pizza. Die ist meist lecker und bezahlbar.

Tag 2, ein Donnerstag, es regnet tatsächlich praktisch den ganzen Tag. Tom nutzt die Zeit, um möglichst viel Theorie durchzubekommen, sodass an den anderen Tagen mehr Zeit zum Fliegen zur Verfügung steht. Die fliegerischen Fähigkeiten in der Gruppe sind schon einigermaßen unterschiedlich, manche haben z.B. noch nie eine Spirale geflogen, andere beschäftigt eher der Spin-Stall, und so ist für alle etwas dabei, auch die Basics, wie Rollen/Wingover und Nicken werden ausführlich besprochen, ich wusste z.B. gar nicht, wie viele Methoden es gibt, um tolle Nickmanöver zu fliegen. Ich kannte nur eine. Jetzt kenne ich fünf und weiß, dass man sich dabei auch gut mal die Strömung abreißen oder die Front einklappen kann. Das hat nichts mit dem zu tun, was wir in der A-Schein-Ausbildung geflogen sind. 
Wir nutzen die Zeit an dem Tag außerdem, um uns so mit Lebensmitteln zu versorgen, dass wir bis zur Heimreise nichts mehr einkaufen müssen und wirklich die gesamte Zeit für den Kurs verwendet werden kann. An dem Abend entscheiden wir uns dazu, in unserer neuen Kabine Futter zu machen. Nach zwei Tagen in der großen Gruppe mit vielen Menschen tat es gut, mal für sich zu sein. Was Essen angeht hatten wir ein mehr oder weniger fertiges Risotto im Angebot, bei dem wir allerdings merkten, dass es weitere Zutaten braucht, die wir nicht dabei hatten. OK, dann Nudeln, doch auch dort stellten wir fest, kein Öl und keine anderen Zutaten außer gehackten Tomaten dabei. Blöd. Dann erinnerte ich mich, dass ich ein paar gefriergetrocknete Fertiggerichte eingepackt hatte, die noch von einer Tour mit Winterraumübernachtungen vor vielen Jahren mit unserer lieben Freundin Alex übrig waren und das MHD erst 4 Jahre zurücklag. Perfekt und vor allem einfach. Heißes Wasser drauf, ziehen lassen, essen, fertig. War ehrlich gesagt gar nicht schlecht, man könnte fast sagen gut. Die Qualität war wohl auch nicht so schlecht, denn es gab anschließend keine nennenswerten Probleme, was bei Fertigfutter durchaus schnell passieren kann.

Der nächste Morgen. Wir sind hier nicht auf Urlaub, der Wecker klingelt zur gewohnten Zeit, es soll um 7:30Uhr zunächst im Schulungsraum weitergehen und ich mag mich nicht schon morgens mit schnell, schnell stressen müssen. Insgesamt war ich nämlich schon aus verschiedenen Gründen immer an meiner Stressgrenze, denn die Tage sind fremdbestimmt geplant, dauern meistens viel länger als gedacht, es gibt für alles was ansteht, immer gefühlt Zeitdruck und Anforderungen oder Erwartungshaltungen derer ich mich nur durch Nichtteilnahme entziehen könnte, was aber selbstredend keinen Sinn ergibt. Hin und wieder muss ich mich ein wenig zusammenreißen.
Nach einer kurzen Ansprache zum Tagesverlauf durch Tom steigen wir schon in die Busse, denn das Wetterfenster verspricht am Vormittag, dass es zwei Flüge werden können, wenn keine Zeit verschwendet wird. So machen das auch die anderen 3 Flugschulen, die vor Ort mit ähnlich großen Gruppen sind. Um einen geregelten Betrieb am Startplatz gewährleisten zu können, wurden wir von Tom bereits am ersten Tag darüber informiert, dass wir weder am Startplatz, noch in der Luft, noch am Landeplatz allein sein werden und dass Regeln gelten, um einen sicheren Flugbetrieb herstellen zu können. Timo, der den Start betreute, hat zum Verhalten und den Regeln am Startplatz ebenfalls vor dem ersten Start ein paar Worte verloren und am Ende war ich halbwegs erstaunt, dass trotz etwa 50 Menschen mit Fluggeräten am Start kein Stress und keine Panik herrschte. Spätestens nachdem der erste Schwung in der Luft war, hat sich das Bild dann auch rasch entzerrt, weil durch den einsetzenden Pendelverkehr der Flugschulbusse im Tagesverlauf maximal die Hälfte der Pilot:innen am Startplatz ankamen. 
Meinen ersten Flug an diesem Tag begann ich mit einer Spirale. Ich hatte dieses Manöver mit dem neuen Schirm bereits in freier Wildbahn geflogen und wusste, dass ich etwas aufpassen muss, weil die Steuerwege kurz sind und es ziemlich schnell ziemlich heftig werden kann, wenn ich es übertreibe. In der freien Wildbahn, wo ich sehr viel vorsichtiger war, ist mir das gelungen, bei diesem ersten Lauf unter abgesicherten Verhältnissen, war ich dann wohl etwas zu mutig und schaffte es nach zwei Umdrehungen in den sogenannten nose-down zu kommen, d.h. meine Eintrittskante war auf 0° zum Horizont, ich bin mit über 18m/s und einer Bahngeschwindigkeit von fast 90km/h um den Schirm in Richtung Wasser unterwegs. Die G-Kräfte kann ich leider nicht messen, doch ich hatte ordentlich Druck im Hintern. Wie gewohnt hatte ich vor dem Einleiten mit meinen Händen gesprochen und wir einigten uns darauf, dass links innen ist und rechts außen. Weil mir die Fahrt sehr schnell sehr viel zu schnell wurde, musste ein klares Kommando mit der Außenbremse an den Schirm gehen, was ich unverzüglich tat und überrascht war, dass das ultimative Karussell genauso schnell stoppte, wie ich es gestartet hatte, nämlich sofort und ich erinnerte mich trotz der Aufregung sogar daran, innen wieder etwas nachzuziehen, um ein starkes Steigen zu vermeiden und die immense Energie im Schirm über ein, zwei langsamere Vollkreise kontrolliert abzubauen. Hat geklappt.
Ich fliege noch eine weitere kurze Spirale mit dem Ziel, vollständig die Kontrolle über das Manöver zu behalten, was mir deutlich besser gelingt, als beim ersten Mal und es stellt sich so ein Gefühl ein, wie ich mit den beiden Steuerleinen in meinen Händen agieren muss, um das Sinken aktiv zu beschleunigen oder zu verlangsamen, gerade so, wie ich es gerne hätte. 
Astrid ist in der ersten Runde einen B-Stall geflogen. Von unseren Pi3s wussten wir, dass diese Modelle den B-Stall überhaupt nicht mögen und sich nahezu gegen das Fliegen dieses Manövers wehren. Im ersten Versuch leitete sie mit den Bremsen in Steghaltung ein, so wie man es normalerweise tut, um ein ungewolltes Anbremsen in dieser Art Sackflugzustand zu verhindern, doch die Kappe zeigte sehr schnell Deformationen an, die wir nicht wollen und Astrid leitete sofort wieder aus, bevor etwas Blödes passiert. Den zweiten Versuch startete sie mit dem halben Schlag auf der Bremse, wie Tom es in der Theorie erklärte, denn es gibt Schirme, die sich durch das minimale anbremsen deutlich ruhiger in das Manöver begeben und in dem Zustand bleiben, bis ausgeleitet wird. Das hat sich dann auch bestätigt, die Kappe ist mehr oder weniger zappelfrei als die Vorwärtsfahrt vollständig stoppt und Astrid mit etwa 8m/s auf der Stelle ganz unaufgeregt nach unten sinkt. Ein tolles Manöver. Keine schnellen Rotationen, die nach vielen Stunden in der Luft vielleicht nicht mehr gut sind, keine komplizierten Ein- oder Ausleitungen, weil dazu vielleicht auch noch die Koordination mit dem Beschleuniger, wie bei den großen Ohren, erforderlich ist. Die Ausleitung des B-Stalls ist einfach: Führe einfach die Leinen der B-Ebene wieder zügig nach oben und lasse anschließend die Hände ebenfalls dort. Der Schirm nimmt wieder Fahrt auf, ein kleiner Pendler passiert durch das Anfahren und dann war’s das auch schon.
Den B-Stall fliege ich im zweiten Flug dann genauso mit halbem Schlag. Den ersten Versuch leite ich etwas zu energisch ein, was dem Theta nicht gefällt und was sofort zu ungewollten Deformationen führt, die ich durch den permanenten Blick nach oben rechtzeitig erkenne. Ich gebe sofort frei, der Schirm fliegt wieder, und nachdem die Pendelbewegung weg ist, starte ich den nächsten Versuch mit etwas mehr Gefühl und ziehe die Ebene nicht ganz so weit ab. Der kurze Pendler nach vorne passiert, wie erwartet, danach sinke ich absolut wackelfrei mit völlig ruhigem Schirm ebenfalls mit etwa 8m/s nach unten. In den meisten Handbüchern, so auch zu unseren Schirmen, steht drin, man solle keine B-Stalls fliegen, weil die entstehenden Belastungen zu Lasten der Materialien gehen, was sich möglicherweise ungünstig auf das Flugverhalten auswirke. Nun, mag sein, doch es lohnt sich trotzdem auszuprobieren, was genau der eigene Schirm braucht, um den B-Stall sauber fliegen zu können, denn es ist ein kleines Werkzeug mehr im Kasten, wenn mal der Ernstfall eintritt. Dürfte wohl klar sein, dass im Zweifel das Material leiden darf, bevor man Risiken für sich selbst in Kauf nimmt.
Nach den zwei geplanten Flügen für alle haut Tom den Pflock rein. Die Bedingungen kippen ein wenig und es gibt nun reichlich Videomaterial, über das den restlichen Tag gesprochen werden kann. Es ist Zeit für eine richtige Mittagspause nach den Flügen bevor wir in den Nachmittag starten, Zeit um in Ruhe was zu essen, Zeit für einen Espresso aus unserer mitgenommenen Maschine, die wir an die neu angeschaffte Powerstation anschließen, Zeit für ein wenig Musik auf meiner Handpan. 

Meine Handpan. Manche werden möglicherweise nicht wissen wovon ich spreche. Jenen empfehle ich, mal nach einem Youtube Video z.B. von Malte Marten oder Hang Massive zu suchen. Ich bin zwar musikalisch völlig minderbemittelt, doch das Ding hat meine Seele berührt und selbst einfachste Klangabfolgen haben etwas in mir ausgelöst, dass ich kaum beschreiben kann. Kennengelernt habe ich dieses Instrument in unserem ersten Sicherheitstraining Ende Oktober 2023 (die Geschichte ist hier veröffentlicht), als Eki in den Pausen im Schulungsraum hin und wieder darauf spielte. Der erste Ton aus diesem mir bis dahin völlig unbekannten Instrument hat gereicht, um mich ganz tief im Inneren zu berühren. Das ließ mir in der Zeit nach dem ersten Sicherheitstraining keine Ruhe mehr und wenige Wochen später konnte ich nicht mehr anders als mir eine D-Kurd 8+1 in einer vernünftigen Qualität einzukaufen und selbst mit Spielen zu beginnen. Danke an Eki dafür. Das bereichert mein Leben und verringert die Daddelzeit an den mobilen Endgeräten.
Was ich spielen kann, habe ich mir über Youtube-Videos selbst beigebracht. Die D-Kurd macht es einem leicht, denn es steht in dieser allereinfachsten Version eine vollständige Oktave plus dem Grundton D3 zur Verfügung, womit insgesamt 6 Akkorde gespielt werden können. Die meisten Töne sind kompatibel und das b-flat auf Tonfeld 2 sorgt für die Spannung. Sie begleitet mich so gut wie überall hin, man braucht keinerlei Hilfsmittel oder gar Strom, ein Platz zum Sitzen und die Hände genügen. 
Jedenfalls setze ich mich in dieser ersten Pause nach fast drei Tagen, die den Namen verdient, vor unsere Kabine und spiele ein wenig. 

Den Nachmittag verbringen wir mit der Videoanalyse, besprechen alle Flugmanöver, die gezeigt wurden, ausführlich, denn ein Abendflug geht sich an dem Tag nicht aus, weil es dann doch, wie prognostiziert zu regnen beginnt. 
Für das Abendessen schließen Astrid und ich uns wieder der Gruppe Pizza an, denn der nächste Tag startet sehr früh, wir wollen mit möglichst wenig Arbeit rechtzeitig im Bettchen liegen.

Der Samstag ist der vorhergesagte Supertag zum Trainieren, weswegen wir schon um sechs Uhr in der Früh als einzige Flugschule in die Busse steigen und am Startplatz ankommen noch bevor die ersten Sonnenstrahlen über die Bergkämme scheinen. Wenn es gut läuft, plant Tom mit 3 Flügen pro teilnehmendem Mensch. Auch für ihn ist das, glaube ich, ganz schön anstrengend. Potentiell könnte es auf jedem Flug zu einem Rettereinsatz kommen, dem ja in der Regel ein heftiges, außer Kontrolle geratenes Manöver vorausgeht, das entsprechend viel Stress sowohl bei Pilot:in als auch dem Trainer auslöst. Da braucht’s glaube ich Nerven aus Stahl.
Aber erstmal dürfen wir den sensationellen Sonnenaufgang erleben, während wir uns alle auf unseren ersten Flug des Tages vorbereiten. Diese überwältigenden Naturerlebnisse gehören genauso zum Fliegen dazu, wie wir das schon länger vom Bergsteigen kennen, wo mich immer ganz besonders die blaue Stunde berührt, die kurze Zeit der Dämmerung bevor die Sonne aufgeht. 
Ich beginne den Tag mit zwei Spiralen in die andere Richtung. Ich hatte mir von Beginn der Lernphase des Spiralens an schon angewöhnt, nach Möglichkeit wechselseitig zu fliegen, um keine Schokoladenseite zu entwickeln und es mir egal ist, in welche Richtung sich der Schirm gerade dreht. Bis jetzt ist mir das glaube ich ganz gut gelungen und ich schaffe es an diesem Morgen auch, das Gelernte und das Gefühl von gestern auf die andere Seite zu transportieren. 
Astrid und ich haben beide den Fokus auf die Abstiegshilfen und Deformationen der Kappe für dieses Training, denn beides sind absolute Grundlagen fürs Thermikfliegen. Deshalb fliegen wir auch mehr oder weniger die gleichen Manöver bloß in unterschiedlichen Reihenfolgen. 
So sind die großen Ohren ein Thema, bei dem ich lerne, dass das Gerücht, die Flügelenden würden beim Ausleiten des Ohrenanlegens beim Theta nicht selbständig öffnen, einem Flugfehler zugrunde liegt, den ich selbst schon begangen hatte und damit überzeugt war, dass die Ohren nicht öffnen. Das war falsch, denn wenn ich im Beschleuniger stehen bleibe, während ich die A-Leinen freigebe, egal wie viele ich vorher gezogen habe, gehen die Ohren selbstverständlich von allein auf. Bei den großen Ohren, wo ich rechts und links zwei A-Leinen verwende, dauert das Öffnen nur einen Tick länger, c’est tout. Eine wichtige Erkenntnis, denn dieses Manöver ist die erste Wahl, wenn ich mit steuerbaren Vorwärtsfahrt ein höheres Sinken möchte. 
In diesen Flügen sind Astrid und ich auch mehrere einseitige Klapper und Frontklapper geflogen, unbeschleunigt und beschleunigt, wobei wir uns wunderten, wie hervorragend der Theta diese Störungen in ganz kurzer Zeit selbst behebt. Selbst beschleunigt war bei keiner der Deformationen ein Eingreifen ernsthaft erforderlich. Von außen sehen diese Deformationen oft wild aus, doch im Vergleich z.B. zu einer zügigen Spirale ist das Kindergeburtstag. Trotzdem pocht die Pumpe als ich das erste Mal beschleunigt die Front an allen A-Leine einreiße, denn was wirklich passiert, weiß Frau erst, wenn’s passiert ist, und nicht zu vergessen, in der freien Wildbahn sieht die Welt anders aus, weil ich nicht natürlich nicht vorher weiß, wo und wie so eine Deformation mich überfällt und ob dann nicht doch einen Verhänger on Top kommt.
Der letzte Trainingsflug an diesem Tag beschert mir erneut einen Adrenalinschub. Ich greife das Thema Rollen nochmal auf, denn was ich dabei bis jetzt zusammengeflogen bin, ist dürftig. Hin und wieder war schon mal ein Gefühl für den Rhythmus aufgekommen, doch wie hoch, wie schnell, wo bin ich, usw. ging dabei völlig an mir vorbei. Gelernt hatte ich bei den ersten Versuchen, dass der Steuerweg nur bei der Einleitung etwas länger ist, danach aber sehr schnell sehr viel kleiner wird, wenn Frau keine bösen Überraschungen erleben mag. Gleichzeitig braucht’s aber auch den richtigen Impuls zur Richtigen Zeit mit der richtigen Gewichtsverlagerung, um sauber in diesen Pendelflug reinzukommen und dort zu bleiben. Long story short: Ich übertreibe, es wird sehr dynamisch, stütze den Außenflügel nicht, obwohl ich bereits zwei Wingover geflogen bin, daraufhin überlegt sich eben diese Seite, dass sie nicht stabil bleibt, wenn ich das unbedingt so haben will, klappt ein und verhängt sich. Bis dahin war alles noch in Ordnung. Womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte war, dass mein Schirm in Bruchteilen von Sekunden über die verhängte Seite mit der enormen Energie, die durch die Wingover im System steckte, nahtlos in einen Spiralsturz überging, was ich in der ersten halben Sekunde nicht kapierte. Als das dann klar war, brauchte ich erneut eine halbe Sekunde, um in mein Hirn zu bekommen, wo innen und wo außen ist. Tom hat mir über Funk vom Boot aus sofort gesagt, an welcher Steuerleine ich ziehen soll, doch instinktiv zog ich erstmal innen, was die Fahrt unmittelbar erheblich beschleunigte. Ups, andere Seite. Ein entschlossener Zug über den ganzen Steuerweg auf außen, hat dieses gefühlte Monsterkarussell dann augenblicklich beendet. Puuuhhh…. Das war knapp, denn durch mein bereits vorher geflogenes Manöver war ich nicht mehr so weit von der Wasseroberfläche entfernt, die bei erneuten 18m/s Sinken ganz schön schnell da ist. Die gute Nachricht: Ich hab’s gecheckt und abgefangen, bevor irgendetwas aus dem Ruder lief. Das hat mich ein wenig stolz sein lassen. Lustigerweise ist die Videoaufnahme zu dieser Situation ziemlich unspektakulär, denn was sich in meinem Kopf abgespielt hat, ist nicht zu sehen. Eigentlich fliege ich nach einem kleinen Verhänger nur eine schnelle Kurve, während der sich die Einfädelung unmittelbar löst.
Es folgt eine gaaannnzzzz lange Mittagspause, auf die ich mich freue, denn diese Flüge empfinde ich immer mental als äußerst anstrengend. Die Sonne scheint, unsere Nespresso, gespeist von der Powerstation, zaubert Kaffee und Espresso vom Feinsten, wir werfen Energie über die Systemgrenze ein, Astrid bekommt einen Teller Nudeln, mir genügt ein Schinkenbrot und dann, endlich, ist Zeit, um mich mit meiner Handpan an den See zu setzen. Auf so eine Gelegenheit hatte ich gehofft, an dem Ort, an dem meine Verbindung zu diesem Instrument ins Leben gerufen wurde und draußen in so einer Kulisse spielen zu können, toppt alles. Der Stahl wird in der Sonne warm, die Klänge bekommen noch mehr Nachhall (Sustain) und die Wasseroberfläche trägt den Schall ganz anders, als es im eigenen Kämmerlein der Fall ist. Ein Traum.

Bevor es in die Videoanalyse am Nachmittag geht, gönnen wir uns noch ein Pistazien-Croissant, dass hier extra erwähnt werden muss, weil es das leckerste Croissant ist, das ich seit langem gegessen habe und Astrid nimmt sich ein Eis, von dem es sich ebenfalls lohnt, hier erwähnt zu werden.
Alle Videos sehen wir uns zum Glück nicht an, denn je 3 Flüge mit 16 Teilnehmenden und bis zu 4 Manövern pro Flug sorgen für fast 250 Filmsequenzen. Wir überspringen viel, nur die etwas komplexeren Sachen besprechen wir, denn manche sind bereits beim Spin-Stall oder mehrstufig eingeleitetem Fullstall angekommen und da passiert dann schon mal mehr. Außerdem kündigt Tom einen Abendflug ohne Training an, der sich heute ausgehen könnte. Abfahrt ist 17:30Uhr, ohne Funk, nur mit Schwimmweste, für alle, die mitmöchten. Auch Astrid und ich steigen ein, wir haben Bock auf einfach fliegen. Weil alle Flugschulen mit fast allen Teilnehmenden plus Orga-Teams das gleiche tun, wird es ganz schön voll von Start bis Landung, doch ich staune erneut, wie gechilled alle bleiben. Man hilft sich nach wie vor gegenseitig, bleibt beim Starten auf der Bahn, die man mit seiner Schule schon die ganze Zeit benutzt hat und springt nicht in der Gegend rum, in der Luft entzerrt es sich sowieso, manche fliegen wilde Manöver, andere, wie ich, genießen einfach die ruhige Luft überm See und den Moment an sich. Ich stelle die Nase in den Wind, lasse alles los, versuche sogar mal, wie es sich anfühlt, die Augen geschlossen zu halten, doch das ist schwieriger als gedacht und gelingt mir immer nur wenige Sekunden am Stück. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies der letzte Flug hier ist, ist relativ groß, umso stärker ist der Wunsch, so viele Flugminuten mitzunehmen, wie möglich. Ich fliege lediglich zwei Leitlinienachten, weil mir eingefallen ist, dass ich das noch nie mit dem neuen Schirm gemacht habe. Ich wendete dabei die Technik an, zuerst die Fahrt zu bremsen und dann die Kurven allein über Gewicht und Außenbremse zu fliegen, was super funktionierte, lediglich der Windversatz macht aus meinen Kurven keine Kreise sondern Eier, doch prinzipiell bleibe ich pendelfrei auf meiner Achse.
Zu berichten gibt es außerdem, dass ich alle Landungen bis dahin einwandfrei stehend auf dem Landeplatz zu Ende führte, also 8 Landungen in Folge, was wirklich außergewöhnlich ist für mich und ich sah gleichzeitig, dass Menschen, die mit Profi- oder Wettkampfmaterial zum Landen kamen, auf allen Vieren eingebombt sind. Passiert also allen Mal. Auch Astrid hat alle Landungen tipptopp hinbekommen. Manchmal ist es dort nämlich nicht so easy, denn gerade in den Tageszeiten, wo sich Berg- und Talwind die Klinke in die Hand geben, kann es mitunter turbulent, thermisch oder auch mal mit Nullwind einhergehen und es gibt nicht so viele Ausweichmöglichkeiten, wenn mal etwas so überhaupt nicht passt. An der Stelle ein Lob an alle, die an diesem Abend mitgeflogen sind, denn trotz der weit über 50 Schirme in der Luft, gab es am Landeplatz und in den Landeeinteilungen überhaupt keinen Stress. Alle gaben Acht, passten ihre Landeeinteilungen den Wind- und Mengenverhältnissen an, man nahm Rücksicht und flog im Zweifel einfach mal nicht so nah an den Abbauplatz ran, damit die Fläche für alle reicht. Auf anderen Landeplätzen der stark frequentierten Fluggebiete im Allgäu ist das nicht selbstverständlich. Da kommt einem beim Abachtern auch schon mal jemand auf gleicher Höhe entgegen.
Das Abendessen lassen wir uns erneut im Restaurant des Miralago schmecken. Dabei legt Tom die Startzeit für den nächsten Tag auf 8 Uhr fest, doch ob und wieviel am nächsten Tag geflogen werden kann, ist völlig offen. 

Der letzte Tag. Wir sitzen um 8 Uhr morgens im Schulungsraum, nachdem wir am Campingplatz bereits gezahlt und ausgecheckt haben und unsere Schnellpacksäcke mit den Flugzeugen bereits in einen der Busse geladen hatten. Tom gibt einen kurzen Abriss über die Tagesplanung, denn ihm ist wichtig, dass wir irgendwie alle zusammen eine Abschlussrunde hinbekommen und wenn’s irgendwie geht, jede:r nochmal in die Luft kommt. Zwei oder drei aus der Gruppe hatten sich zudem für einen Retterwurf committed. Also wird nicht lange gequatscht, wenige Minuten später fahren wir zum Startplatz rauf. Astrid und ich haben natürlich in die Prognose für den Tag reingeschaut und uns war schon klar, dass es keineswegs sicher war, dass gestartet werden kann, doch wissen tut Frau es erst oben. 
Bereits auf dem Weg vom Bus zum Startplatz ist unschwer zu erkennen, dass die meisten Pilot:innen sehr zurückhaltend sind. Die Windfahnen zeigen Rückenwind an, die überregionale Windrichtung für den Tag ist Nord/Nordost und gleichzeitig herrscht direkt am Startplatz in der Früh immer wieder Nullwind. Diese immer kleiner werdenden Phasen nutzen 4-5 Pilot:innen aus unserer Gruppe, um zu starten, doch je weiter es in den Vormittag geht, desto schwieriger werden die Verhältnisse. Die Sonne kommt dazu, damit auch die thermischen Ablösungen mit entsprechendem Versatz und bei einem Gang auf den Grat rauf ist klar, dass der inzwischen vorherrschende Ostwind ziemlich stark durch die Tannen pfeift und eine Bilderbuch-Lee-Walze am Startplatz verursacht, wo man ohne Kenntnis der Lage den Eindruck gewinnen kann, der Wind käme tatsächlich von vorne. Bei Astrid und mir gehen die Alarmglocken an. Wenn ich unter diesen Umständen allein am Startplatz stünde, würde ich sicher nicht starten, sagt mein Bauchi und Bauchi hat immer Recht. Wir nutzen die Zeit, mit Fluglehrerin Sylvia zu telefonieren, die uns etwa 2 Wochen später bei einem Frauenfliegen Camp coachen wird, um uns bekannt zu machen und etwaige Fragen zu klären. In der Zwischenzeit bricht die erste Flugschule den Versuch ab, noch irgendetwas reißen zu wollen, die erste Gruppe wackelt zurück zu den Bussen. Unsere Gruppe mit Timo als Startleiter ist noch etwas geduldiger, doch wir können hier nicht ewig rumstehen und warten. Um 11 Uhr haut Timo den Pflog rein, wir packen zusammen und alle, die nicht starten konnten, gehen zurück zum Bus und fahren runter. Ein Punkt, der mir an der Flugschule Achensee gefällt: Es wird nichts übers Knie gebrochen, die Sicherheit der Menschen geht vor und wenn’s nicht fliegt, dann fliegt’s halt nicht. Der Begriff „Raushauen“ ist im Schulungsbetrieb unbekannt, im Gegensatz zu anderen Flugschulen. Die, die direkt am Morgen noch starten konnten, berichten, dass die Luft alles andere als fein zum Fliegen war und ich glaube, ich habe nichts verpasst. 
Der Kurs endet mit der Abschlussrunde, der Rückgabe der Ausrüstung, die fürs Fliegen über Wasser von der Flugschule gestellt wurde, der Abrechnung der Auffahrten und einem Austausch von Kontaktdaten zwischen den Teilnehmenden. 

In zwei solcher Sicherheitstrainings haben Astrid und ich nun die Dinge gelernt und weitgehend gefestigt, die wir fürs tägliche Fliegen, auch unter thermischen Bedingungen, benötigen. Große Ohren, Spirale, B-Stall, Rollen und Nicken können wir nun in freier Wildbahn weiter trainieren, wir kennen unseren Schirm besser, besonders dessen Verhalten bei Deformationen, haben mehr Vertrauen in unsere Fähigkeiten und die Flugeigenschaften unseres Materials gewonnen und sind damit, denke ich, gut gerüstet für die Saison. Klar ist auch, dass es absolut sinnvoll ist, so ein Training in regelmäßigen Abständen zu wiederholen und vielleicht neue Manöver zu fliegen, um den Werkzeugkasten weiterzuentwickeln.

Entgegen aller Befürchtungen zum Ende der Osterferien, kommen wir staufrei über den Brenner und damit rechtzeitig in unser Stammgasthaus, worauf ich mich ehrlich gesagt auch schon den ganzen Tag freue. Allen Bedenken zum Trotz geht damit eine sensationelle Zeit mit vielen, vielen neuen Eindrücken, unerwartet vielen Flügen, vielen tollen neuen Menschen und auch die erste Ausfahrt mit unserer mobilen FeWo zu Ende.

Sicherheitstraining mit der Flugschule Achensee am Idrosee, 23.04.-27.04.2025

Seit wir uns im Juli 2024 jeweils einen Advance Theta ULS in der Kategorie Mid-B angeschafft hatten und seither fast ausschließlich mit diesem Schirm geflogen sind, war unterschwellig die Idee da, dass es klug wäre, damit erneut ein Sicherheitstraining mitzumachen, um den im Vergleich zum Advance Pi3 doch sehr viel leistungsfähigeren Schirm besser kennen zu lernen. Wie jeden Herbst so haben wir auch in 2024 das folgende Jahr soweit durchgeplant, wie es für die Kinderwochenenden im Saarland und in der Folge zwecks Abstimmung mit der anderen Sorgeberechtigten nötig ist und dabei gleichzeitig ein Auge auf mögliche Zeitfenster für ein Sicherheitstraining geworfen. Und so buchten wir bereits im Oktober 2024 den noch freien Termin bei der Flugschule Achensee für Mitte/Ende April 2025 am Idrosee mit der Hoffnung, dass der Wettergott uns nicht in die Suppe spuckt, wie er es beim ersten Training getan hat und buchten auch gleich eine Ferienwohnung, die etwas näher zum Ort des Geschehens gelegen ist.
Im Frühjahr 2025 kam eine weitere Komponente hinzu: Nachdem unsere lieben Freunde Lotte und Stefan im vergangenen Jahr einen Pickup mit Wohnkabine angeschafft hatten, ist der langjährig existierende Wunsch nach so einer Kombi auch bei uns erneut aufgeflammt und ganz besonders bei mir auch die Erkenntnis, dass Leben endlich ist und das letzte Hemd keine Taschen hat. Also worauf warten, es wird schon irgendwie gehen. Plan gemacht, finanzielle Möglichkeiten analysiert, Must Haves besprochen und einfach gemacht. Long story short, es kam im März 2025 ein Wochenende vorbei, an dem sämtliche Ereignisse diesbezüglich zu Ergebnissen führten: Altes Auto verkauft, neues Auto und Wohnkabine gefunden und eingekauft, etwas später die notwendigen Umbauten am Auto machen lassen und zack, am Ostermontag, einen Tag vor Abfahrt zum Idrosee, stand unsere neue mobile Ferienwohnung fertig zum Start in der Einfahrt. Die Fahrt zum Sicherheitstraining kann pünktlich starten inklusive Bauchkribbeln und der Spannung, wie das wohl so ist mit diesem Gefährt.

Der Start mittwochs nachmittags warf als erstes die Frage auf, wie es mit der neuen, längeren Baustelle auf der Brennerautobahn laufen wird, wobei meine Annahme selbstredend vom schlimmsten Fall ausging und mein besseres 7/8 selbstredend genau den anderen Fall visualisierte. Pessimilla hatte nicht recht, wir sind sehr gut durchgekommen, wurden herzlich empfangen, bezogen in aller Ruhe die sogenannte Firstkammer in einem mehrere hundert Jahre alten aber sehr gut modernisierten Bauernhaus und kurze Zeit später kam schon etwas Leckeres zum Essen aus der Küche heraus. Mit Futter im Bauch begannen wir zu überlegen und recherchieren, was wir wohl an unserem ersten Tag im Tal tun wollen. Es stellte sich schnell heraus, dass wir gar nicht lange rumsuchen müssen, denn der lokale Startplatz oberhalb der Uwaldalm, den wir schon vom Herbst kennen, ist zumindest was den Wind angeht perfekt. Was wir nicht wissen und so einfach auch nicht herausfinden können ist, wie es um die Schneelage bestellt ist, denn es hat vor unserer Anreise nochmal neu draufgeschneit, die Lawinenwarnstufe ging teilweise auf 3 rauf und der Startplatz ist über der Baumgrenze auf etwa 2250m. Gleichzeitig wissen wir, dass der Weg zur Uwaldalm über einen Fahrweg führt und das Gelände bis dorthin und zum Startplatz hoch nirgendwo steil ist. Wir haben uns dazu bevor wir losgingen noch mit dem Besitzer der FeWo besprochen, der uns mitteilte, dass vor dem Schneefall der Startplatz, den man von unten sehen kann, komplett abgeblasen und eine schneefreie Grasfläche zu sehen war. Kann also nicht so wild sein und es kommt noch dazu, dass der Lawinenlagebericht am nächsten Tag von einem Rückgang der Gefahr spricht und eher nördliche Lagen betroffen sind, was ebenfalls für den Startplatz nicht gilt. Also starten wir mit unserem leichten Hike&Fly-Zeug zu Fuß gleich an der FeWo ohne Ski und ohne Schneeschuhe und schauen mal, ob wir überhaupt oben ankommen und dann sehen wir weiter. Das Schlimmste was passieren kann ist, dass wir wieder zu Fuß runtergehen müssen und Zeit spielt keine Rolle. 
Im unteren Teil des als Rodelbahn präparierten Fahrweges haben wir ein wenig mit vereisten Stellen zu tun, doch es geht immer irgendwie dran vorbei und weiter oben lässt sich der gewalzte Weg auf einigermaßen festem Schnee ganz gut ohne Hilfsmittel gehen bis wir die Uwaldalm erreichen, wo wir eine kleine Pause einlegen und was essen. Bis hierher haben wir schon bemerkt, dass relativ wenig Schnee liegt. Es kamen uns zwar Leute auf Ski entgegen, die den Fahrweg abrutschen, doch im Gelände abfahren ging überhaupt nicht. Der präparierte Weg endet an der Alm, ab jetzt geht’s auf einem Wanderweg weiter und als wir eine getretene Spur hinter der Alm sehen, sind wir etwas erleichtert, dass wir nicht selbst suchen und spuren müssen. Trotzdem ist es ziemlich mühselig, denn die Spur haben Schneeschuhgänger getreten und wir brechen immer wieder fast bis zur Hüfte ein, dort wo es den lockeren Schnee in Mulden zusammengeweht hat. Das ist ziemlich nervig und sehr anstrengend, weil es gar nicht so einfach ist, sich mit dem schweren Rucksack hinten drauf immer wieder aus den tiefen Löchern zu befreien, um gleich mit dem nächsten Fuß wieder einzubrechen. Quatschi im Kopf meldete sich irgendwann, ob es überhaupt Sinn ergeben würde, sich hier durchzuwühlen, denn der Startplatz wird nicht anders aussehen. Soweit das von unten erkennbar ist, gibt es dort keine Spuren. Nur frischen Schnee. Aber weil die Windfahne bereits von der Alm aus zu sehen ist und der Anstieg „nur“ noch etwa 250 Höhenmeter sind, wühlen wir weiter, bis wir den Wanderweg ins flache Gelände hinein verlassen müssen, um zum Startplatz zu gelangen. Überraschenderweise ging es ab da wieder einfacher, denn der Powder lag nur etwa 20cm hoch auf Gras. An der Windfahne angekommen, setzen wir uns erstmal hin, trinken was und beobachten, wie die Situation so ist. Der Wind ist nicht stark, dreht aber immer wieder mal auf Rückenwind, weil die Strömung von vorne von der über der Schneefläche abkühlenden und nach unten abfließenden Luft gestört wird. Das ist ein hartes Kriterium, denn mit leichtem Rückenwind in kalter Luft auf einer geschlossenen Schneedecke vorwärts laufend starten zu müssen, ist für mich ein No-Go. Weil die Windfahne sich aber immer wieder dreht, auch Nullwindphasen vorbeikommen und wir den sehr leicht startenden Pi3 dabei haben, beschließen wir, die Flinte nicht ins Korn zu werfen, uns schonmal eine Startbahn zu trampeln, was zwar ein bisschen dauert und anstrengend ist, doch wir haben Zeit und dann die Lage neu zu bewerten. Gesagt, getan, etwa eine Stunde dauert die Aktion, zwischendurch kommen zwei niederländische Schneeschuhmenschen vorbei und fragen neugierig, was wir da machen und wünschen uns anschließend viel Glück bei unserem Vorhaben. Als eine uns angemessene Laufstrecke einigermaßen von der Schneeauflage befreit ist, sodass wir zumindest einigermaßen den Untergrund sehen können und ein paar Trockenanläufe später befinden wir, dass es klappen kann. Bauchi sagt, keine Zweifel, zumindest, was den Start und das Fliegen angeht, aber natürlich ist klar, dass Frau auf dem rutschigen, unebenen Untergrund es nicht so einfach haben wird, ohne zu stolpern den Schirm aufzuziehen und ins Fliegen zu kommen. Bei kalter Luft und bestenfalls Nullwind ist die gesamte Anlaufstrecke notwendig, um vom Boden weg zu kommen. Wir wissen allerdings auch, dass der Druck im Schirm, der sich während des Startens aufbaut, helfen wird, um das Gewicht etwas von unseren Füßen zu nehmen. Das Ende der Laufstrecke markiert gleichzeitig die Abbruchmarke, falls der Schirm bis dahin nicht fliegt, sodass Zeit zum Abbruch bleibt, bevor das Gelände steiler wird. Eki Maute kommt mir in den Sinn, der uns beim Sicherheitstraining ein paar Worte übers Bauchgefühl mitgegeben hat. „Es mal zu versuchen“ ist beim Fliegen keine Option. Wenn Frau nicht sicher weiß, dass sie starten kann, oder vielleicht sogar Angst vor einem Startversuch hat, sollte sie es sich gut überlegen, ob Starten sinnvoll ist. Ich höre ein zweites Mal in mich hinein, bevor ich mit den Startvorbereitungen beginne. Ich habe weder Angst noch Zweifel. Ich weiß, dass ich hier starten kann. Mir wird erneut bewusst, dass wir das Stadium der Anfängerinnen wohl verlassen haben, denn noch vor einem Jahr wäre ich hier unter diesen Bedingungen nicht gestartet. 
Wir entscheiden, dass ich zuerst aufziehe, denn ich bin auf einem Fuß etwas instabil und insgesamt koordinativ nicht so gut drauf, wie Astrid, weswegen es ihr unangenehm wäre, wenn ich hier alleine stünde, weil irgendetwas unvorhersehbares passiert ist. Ich lege aus, hänge mich ein, visualisiere meinen Abflug, behalte die Möglichkeit des Abbruchs im Sinn und beobachte gleichzeitig die Windfahne. Als die still nach unten hängt und nur noch ein winziger Hauch von der Seite zu spüren ist, ziehe ich mit Impuls auf, merke, dass die Kappe gerade hochkommt, beschleunige so gut es geht, lege mein Gewicht nach vorne in die Tragegurte und spüre bald den Druck in der Kappe, der mich tragen wird. Noch bevor ich das Ende der Anlaufstrecke erreicht habe, weiß ich, dass ich fliegen werde. Ein sehr geiles Gefühl. Und ich weiß außerdem, dass Astrid das genauso hinbekommen wird. 

Boahhh…. Ich fliege wieder. Kurz nach dem Start sehe ich die beiden niederländischen Schneeschuhmenschen auf unserem Aufstiegsweg, die bald die Alm erreichen, winke ihnen, doch sie sehen mich nicht, da sie mit dem holprigen Weg beschäftigt sind. Als ich die Bäume an der Alm überfliege, gibt es sogar ein klitzekleines bisschen Steigen, doch das war so kleinräumig und schwach, dass ich nicht ernsthaft an Eindrehen gedacht habe, um zu versuchen, weiter Höhe zu machen. Ich fliege trotzdem eine Kurve, allerdings geht es mir dabei nur darum zu sehen, ob Astrid in der Luft ist und ja, sie ist. Fein. Dann hat ihr Start auch geklappt und, das Wichtigste für heute, es ist ihr Geburtstagsflug, was mich ganz schlimm freut, denn es ist nicht selbstverständlich, dass so etwas genau an so einem Tag tatsächlich funktioniert. 
Bei etwa 850 Höhenmetern in kalter Luft dauert so ein Flügchen nicht so wahnsinnig lange. Die nächste Herausforderung besteht darin herauszufinden, wo der Wind in Bodennähe herkommt, um daraus abzuleiten, wie eine sinnvolle Landeeinteilung aussehen kann. Ich bin zwar noch relativ hoch, doch ich behalte mal meine Geschwindigkeit über Grund im Auge, um zu sehen, in welcher Richtung ich schneller bin, denn der Wind ist so schwach, dass ich es nicht fühlen kann. Anschließend fliege ich einen Vollkreis, um mein Vario dabei zu unterstützen, entsprechende Informationen sammeln zu können. Mmmhhh…. es ist nicht ganz eindeutig. Direkt in der Nähe der zum Landen auserkorenen schneebedeckten Wiese hinter einem Hof ist der kleine örtliche Skilift, auf dessen unterer Stütze ein Windsack hängt. Der ist allerdings noch zu weit weg, als dass ich irgendetwas erkennen könnte. Als wir zu Fuß unten losgegangen sind, zeigte der einen sehr schwachen Bergwind an, doch jetzt haben wir bald 5 Stunden später und die Sonne hat auch ein wenig geschienen. Sicher ist bloß, dass es fast keinen Wind gibt, insofern bin ich jetzt nicht besonders beunruhigt. Erstmal noch ein bisschen fliegen, die Umgebung genießen, denn es fühlt sich, wie immer, wie ein Privileg an, so etwas überhaupt tun zu dürfen und zu können. Alle Bergspitzen um mich herum sind weiß, was für ein Panorama. Überm Ort fliege ich nochmal zwei Vollkreise, die Windfahne auf der Skiliftstütze tut wenig bis nichts und als Landen dann unausweichlich wird, entscheide ich mich dazu, talseits vom Skilift die restliche Höhe abzubauen und von der Piste weg in den Endanflug zu gehen, um niemandem in die Quere zu kommen und ich selbst nicht über Lift und Piste nachdenken muss. Als mein erster Fuß den Boden berührt und ich mit dem typischen Geräusch durch die Harschdecke breche, verstehe ich in einer zehntel Sekunde, dass Laufen nicht funktioniert. Ich beginne, wie ein Storch hüpfend Löcher in den Harschdeckel zu stanzen so schnell meine Beine eben können, doch das reicht natürlich nicht, der Pinguin wird unausweichlich, ist aber nicht so schlimm, denn mit dem Gehüpfe habe ich es schon fast ganz geschafft, die Geschwindigkeit auf Null zu bekommen und kippe quasi nach vorne um, als mein Schirmchen ebenfalls Bodenkontakt hat. Dass die Oberfläche angefroren sein könnte, hatte ich überhaupt nicht auf dem Radar, ist aber nix passiert. 
Ich raffe mein Zeug zusammen und mache Platz für Astrid, die sich ebenfalls schon auf Höhe des Skiliftes befindet und ein paar Sekunden später in ihren Endanflug einbiegt. Sie setzt als erstes auf ihrem Protektor auf, erstmal schlau, doch dann versucht sie, mit dem Stehenbleiben des Schirms auf die Füße zu kommen, bricht ein und kippt mit einem lauten Lachen genauso nach vorne um, wie ich. Das Wichtigste: Wir sind beide wohlbehalten wieder am Boden, sind dort gelandet, wo wir es geplant hatten, Haltungsnoten gibt es keine, Spaß hat’s gemacht. Der Aufstieg war ein wenig schwierig oben raus, wir haben gute Entscheidungen getroffen, sind schön geflogen, haben uns ein Landebier verdient und weil die Zeit doch schon einigermaßen fortgeschritten war, bis wir alles zusammengepackt haben und zu Fuß zurück an der Fewo sind, gehen wir nahtlos zum gemütlichen Teil eines tollen Tages über. 

Am nächsten Tag würde fliegen ab der Uwaldalm wieder funktionieren, doch erneut den nicht ganz so spannenden Fahrweg bis zur Alm hoch zu latschen, hat uns nicht so richtig angemacht. Von Lotte und Stefan, die wir beim Sicherheitstraining kennenlernen durften, wissen wir, dass es ganz in der Nähe gerade über die Grenze nach Osttirol ein weiteres Fluggebiet gibt: Sillian. Weil ab Mittag Wolken reinziehen werden, sind wir nicht traurig, dass wir mal die Bahn benutzen können, weil sich damit vielleicht mehr als ein Flug ausgeht und wir haben die Chance, ein weiteres neues Gebiet zu sehen. 
Wir fahren nach Osttirol. An der Talstation auf etwa 1100m Seehöhe angekommen, erschrecken wir ein wenig, denn außer einer künstlich hergerichteten weißen Schlange, auf der ab und zu jemand mit Ski runterkommt, ist’s grün auf den südseitigen Hängen. Gut, fürs Fliegen brauchen wir keinen Schnee. Hauptsache, die Bahn fährt. Wir parkieren direkt am nahegelegenen, sehr großzügigen Landeplatz, auf dem sich jedoch ein paar zugefrorene Seen, Millionen angetaute Maulwurfshügel und gefrorene Schneeplacken befinden und der von einem Entwässerungskanal umflossen wird. Platz ist trotzdem genug, doch es gibt Stellen, wo es schlau ist zu landen und welche, wo Frau nicht die Füße hinsetzen sollte, weswegen wir einen Flecken nahe der Hütte der ortsansässigen Flugschule auswählen, auf der es neben einem großen Windsack Infos zur Landung gibt, andere Menschen sind erstmal keine da. Heute nehmen wir unsere neuen B-Schirme mit rauf, denn der große relative Höhenunterschied zwischen Start- und Landeplatz und die ruhige Luft, die wir erwarten, laden dazu ein, ein paar Manöver zu üben. Mich treibt nämlich unter anderem die Frage um, ob die angelegten Ohren wirklich nicht von alleine aufgehen, so wie einige Menschen, die ebenfalls den Theta fliegen, das berichteten, ganz entgegen dem Zulassungsbericht für meine Flügelgröße und mein Startgewicht, der beim Hersteller einsehbar ist. Ich hatte mich im Vorfeld schonmal schlau gemacht, was in dem Fall zu tun ist, um die Situation auflösen zu können und so habe ich mindestens 2 Pläne in der Hosentasche für diesen Fall. Wir kaufen zwei Tageskarten und steigen in die Gondel. An der Bergstation angekommen, müssen wir wieder ein Stück zu Fuß über die Piste absteigen, um mit einer Sesselbahn bis zum Startplatz raufzufahren, was aber im präparierten Schnee einigermaßen ging und viel Skibetrieb ist wenig. Vom Sessellift aus schauen wir in der Gegend rum, um etwaige Windsäcke zu erspähen, die Auskunft darüber erteilen könnten, wo genau der oder die Startplätze sind, denn in Skigebieten ist das bei Skibetrieb nicht immer das gleiche, wie im Sommer. Normalerweise, zumindest ist das in Deutschland so, ist starten auf einer Piste und das damit verbundene vorherige Schirmlauslegen in der Regel verboten. Bis kurz vorm Ausstieg haben wir jedoch nur einen Windanzeiger entdecken können, was uns etwas unsicher machte, ob der Startmöglichkeiten, denn laut Karte sollte es 3-4 Plätze von hier aus geben, aus denen je nach Wind gewählt werden kann. Astrid hat eine neue Idee: Wir fragen einfach den Menschen, der oben den Ausstieg aus der Bahn betreut, vielleicht kann er uns helfen, denn andere Piloten sind keine in Sicht. Gesagt, getan, wir springen vom Sessel runter und Astrid klopft beim Bahnpersonal an. Der stutzt kurz, ist aber voll freundlich als er versteht, was wir von ihm wollen und meint, wir können einfach auf der Piste auflegen, die direkt neben der Bergstation runterläuft und superbreit ist, das würden alle machen, die hier fliegen wollen. Jetzt stutze ich. In D wäre das ein völliges No-Go und unter Strafe verboten. Aber wenn das sogar jemand vom Personal empfiehlt, sagen wir natürlich nicht nein. Für den Start auf der Piste steht der Wind perfekt, es sind nur ganz wenige Skifahrende da, die dann sogar stehen bleiben, um uns nicht zu behindern und natürlich, um zu schauen, was wir da machen und wir versuchen uns etwas am Rand zu halten, legen hintereinander aus, um nicht mehr Platz zu okkupieren als nötig, denn zwei Thetas nebeneinander würden dann doch fast die ganze Breite der Piste blockieren. So können alle, die nicht schauen wollen, einfach großräumig an uns vorbei rutschen. Die Piste ist noch frisch präpariert, fest und gut zu erlaufen, obwohl es schon Mittag ist, was mir persönlich supergut taugt, denn Anlaufen im schneebedeckten, unebenen Gelände, wie gestern an der Uwaldalm, ist nicht so mein Ding. 
Wir entscheiden, dass Astrid als erste startet und als sie aufzieht und mit wenigen Schritten perfekt davonzieht, gibt’s Applaus und Jubelschreie aus der Menge, sogar vom Bahnwart, der extra vor die Tür gekommen ist und für ihn wahrscheinlich einfach ein wenig Abwechslung bedeutet. Gleich im Anschluss ziehe ich ebenfalls auf und fliege mit wenigen Schritten davon. Fein, wieder in der Luft. Die für den frühen Nachmittag angekündigten hohen Wolken sind während unserer Bahnfahrt nach oben und unseren Startvorbereitungen überraschend schnell reingezogen und sorgen dafür, dass die Sonne nicht mehr wirklich durchkommt. Schade, mit Sonne wär’s schöner gewesen, doch das eigentliche Thema ist der Luftmassenwechsel, den wir beide daran spüren, dass es trotz wenig Wind und keiner Sonne in verschiedenen Höhen relativ ruppig zugeht. Aber es ist alles noch im grünen Bereich, ich überfliege zunächst den oberen Teil des Skigebiets, biege dann nach rechts ab um mit möglichst viel Höhe ins Haupttal einzufliegen, denn ich möchte ja noch ein paar Dinge ausprobieren. 
Mit rund 850 Metern über Grund finde ich, ist genug Höhe da, um mit dem Ohren anlegen zu beginnen, trete den Beschleuniger halb, greife die Griffe der Steuerleinen in Steghaltung, packe rechts und links die äußerste A-Leine und ziehe sie zu mir rein. Der Widerstand ist klein, die Flügelenden klappen sofort ein, ich trete den Beschleuniger ganz und schaue, was passiert. Wie erwartet, passiert erstmal wenig, denn der Schirm fliegt ganz stabil geradeaus weiter, ich bin mit der höheren Flächenbelastung und dem Fuß im Beschleuniger etwas schneller, weswegen die Windgeräusche zugenommen haben, doch ansonsten ist alles Paletti. Ich schaue nach oben. Die Öhrchen sind symmetrisch eingeklappt und flattern vor sich hin. Bevor ich übers Ausleiten nachdenke, fliege ich übers Körpergewicht noch ein paar Kurvenansätze, um das auch gemacht zu haben und dann kommt der spannende Moment. Ich gehe halb aus dem Beschleuniger raus, führe gleichzeitig die A-Leinen nach oben und schaue mir an, was der Schirm tut. Nun, er tut nix, die Öhrchen bleiben eingeklappt und es schaut einen Moment so aus, als hätte sich eine Seite auch in den Leinen verhängt. OK, ich fliege immer noch stabil geradeaus, bin viele hundert Meter überm Boden, kein Grund zur Panik und ich habe einen Plan, was zu tun ist. Ich gebe auf einer Seite einen kurzen aber deutlichen Impuls auf die Steuerleine und sehe sofort, dass die Aktion in der Kappe angekommen ist, denn auf dieser Seite beginnen sich die Luftzellen von innen nach außen zu füllen, das Öhrchen zuckt noch ein paar Mal und die Seite ist wieder offen. Gut, das war jetzt nicht so schwierig. Auf der anderen Seite braucht’s 2-3 solcher Impulse, bis sich das Öhrchen überlegt, sich zwischen den Leinen hindurch einen Weg zu suchen, um sich anschließend öffnen zu können. Als ich sehe, dass auch diese Seite öffnen wird, gehe ich aus dem Beschleuniger raus und bin ein bisschen happy, dass ich das hinbekommen habe. Ein bisschen Herzklopfen inklusive. 

Bevor ich zu meiner nächsten Übung übergehe, genieße ich mal noch ein wenig den Flug, obwohl es immer wieder ganz schön wackelt, was ich, wie oben beschrieben, den sich verändernden Luftmassen zuschreibe. Ein weiterer Schirm ist in der Luft, allerdings ist er weit weg und kaum zu erkennen, ich habe ihn eher zufällig entdeckt, als ich nach Astrid Ausschau hielt, die einige sehr dynamische Kurven fliegt. Das bringt mich dann auch wieder zurück zu meinem Thema, denn als ich eine große freie Fläche unter mir erreiche, die ich extra anflog, um unter mir keine Hindernisse zu haben, begann ich damit, wie im Sicherheitstraining bei Eki mit meinen Händen zu reden. Ich spreche ihnen ihre Rolle für das nächste Manöver zu, du bist innen, du, andere Hand, bist außen und schreibt euch das gut hinter die Ohren, vergesst es nicht, egal, was als nächstes passiert. Ich schaue mich nochmal um, dass auch wirklich niemand in der Nähe ist, noch zweimal Pressatmung, Körper im Gurtzeug verspannen, dann belaste ich den inneren Tragegurt, führe die Außenhand ganz nach oben und ziehe gleichzeitig die Innenhand mit der Steuerleine nach unten. Viel Zug brauchts nicht, der Theta weiß sofort, was ich von ihm will und es dauert keine halbe Umdrehung, bis das Karussell Vollgas gibt, die Geräuschkulisse explodiert und ich mit 14m/s in Richtung Boden fliege, Holla die Waldfee, das ging schnell. Im Gegensatz zu meiner allerersten Spirale, wo ich nicht so genau wusste, bis wohin ich ziehen soll und es dabei deutlich übertrieb, ließ ich es dieses Mal mit etwas mehr Gefühl angehen, sodass ich nicht gleich ganz auf 0° eingedreht bin, sondern, die Eintrittskante im Auge behaltend, innen wieder nachließ, als ich für meinen Geschmack genug Neigung hatte und die Kappe auch sofort reagierte. Die Beschleunigung steigerte sich nicht weiter und nach 2-3 ganzen Umdrehungen war’s für mich dann auch gut, ich will ja nicht, dass mir spontan das Essen aus dem Gesicht fällt. Genauso schnell, wie der Theta in die Spirale zog, leitet er auch aus, wenn die Pilotin das Kommando dazu gibt, Innenhand hoch, ein angemessener Bremsimpuls auf die Außenhand und sobald der Schirm die Kreisbewegung verlassen und die enorme Energie, die nach so einer Aktion im System steckt, durch Steigen abbauen will, innen wieder nachziehen, um die Energie gezielt kontrolliert durch ein, zwei weitere Kreise abzubauen. Die Ausleitung ist nicht so einfach, wie die Einleitung, es kommt ziemlich auf’s Timing an, um nicht aus der Kurve zu fliegen, wie ein besoffener Spatz, oder sich im schlimmsten Fall durch eine falsche Reaktion die Strömung abzureißen. Bei mir passt dieses Timing definitiv noch nicht, dafür bin ich bisher zu wenige Spiralen geflogen, doch immerhin gab es nur ein moderates Steigen und in der Folge war auch das anschließende Vorschießen der Kappe überschaubar. 
Und weil es so schön war und ich immer noch genug Höhe hatte, wechselte ich noch einmal die Seiten und drehte in der anderen Richtung in die Spirale. Schließlich soll es keine Schokoladenseite geben. Die Aufzeichnung mit der Garmin Uhr sagt mir später, dass ich mit etwa 85km/h außen um meinen Schirm geflogen bin. Ein schnelles Karussell. 

OK, dann jetzt landen. Wo ist der Landeplatz?  Ich hatte ihn zwar beim Rausfliegen ins Tal bewusst gesehen, doch nach den zwei Karussellfahrten muss ich mich erst neu orientieren und ich bin immer noch mit so viel Höhe unterwegs, dass alles unter mir klein wirkt. Ich sehe Astrid ein Stück unter mir, die sich offensichtlich auch so langsam auf die Landung vorbereitet und am Ende fliege ich ihr einfach nach, fliege die Volte, wie wir es bei der Landeplatzbesichtigung besprochen hatten, wobei ich den geplanten Aufsetzpunkt nicht erreiche, ihn überfliege und etwas weiter hinten in den Maulwurfshügeln auf einer Eisplatte ausrutschend in den Schlamm stolpere. Priml. Erstmal alles eingesaut. Inklusive der neuen beheizbaren Handschuhe. 
Kurze Zeit später landet auch der andere Pilot, den ich aus der Ferne in der Luft gesehen habe, und ich muss ein kleines Bisschen in mich hineinschmunzeln, als ihm genau das gleiche passiert, wie mir. Ich bin keineswegs sensationslustig, sondern glaube ja immer, ich sei zu blöd, um schön landen zu können, doch solche Ereignisse sagen mir, dass alle schonmal eine Landung verkackt haben, was mich ein wenig beruhigt. Solange ich auf zwei Beinen selbständig das Feld verlassen kann, ist nicht so viel falsch gelaufen. 
Astrid hat sich bei diesem Flug nicht so richtig wohl gefühlt, wie sie sagt, denn es war für ihren Geschmack sehr unruhig, was ein wenig unerwartet für sie war. 
Wir packen zusammen und sind uns einig, dass wir trotzdem nochmal rauffahren, wenngleich die Wolkendecke immer dichter wird und langsam runterkommt, doch die Tageskarte bietet uns natürlich auch die Möglichkeit, einfach wieder herunterzufahren, sollte es nicht mehr zum Starten sein. Nach dem Umstieg in die Sesselbahn ist’s aus der Ferne betrachtet tatsächlich nicht mehr so eindeutig, ob Wolken und Nebel den Startplatz bereits erreicht haben, doch oben eingetroffen, ist alles noch safe, der Wind hat etwas gedreht, passt aber noch für unseren Pistenstartplatz, den wir nun in umgekehrter Reihenfolge wieder belegen. Dieses Mal starte ich als erste, muss ein wenig seitwärts unterlaufen, komme aber ansonsten gut raus und merke relativ schnell, dass die Luft noch ein bisschen unruhiger ist als beim ersten Flug. Astrid kommt sofort nach mir rausgestartet und wir fliegen zunächst wieder an der Piste entlang, queren mit viel Höhe über den Sessellift und halten Kurs aufs Tal, wobei ich soviel Sinken habe, dass ich daran zu zweifeln beginne, ob ich noch über die letzten Bäume vorm Taleinschnitt drüber komme. Am Ende klappt es komfortabel, weil es dann irgendwo unterwegs doch noch ein bisschen Steigen hat und ich mir vorab bereits eine Scharte im Gelände ausgesucht hatte, über die ich auch mit weniger Höhe drüber gekommen wäre. Astrid berichtet später, dass es ihre genauso ging. 
Auf irgendwelche Manöver habe ich bei diesem zweiten Flug keine Lust mehr, mir ist kalt und die Luft ist auch mir inzwischen zu aufregend, weswegen ich mich einfach dazu entscheide, so geschmeidig, wie möglich, ein wenig Strecke zusammenzufliegen und dann das Augenmerk auf eine saubere Landung lege, was auch deutlich besser gelingt, als beim ersten Flug. Wir legen zusammen, schnacken noch ein wenig mit einem Einheimischen Piloten, der kurz vor uns gelandet ist und zu Fuß nach Hause gehen kann und dann brauchen wir nur noch einen Supermarkt und Kaffee/Kuchen bevor es zurück ins Gsieser Tal geht. 

Der nächste Tag, Samstag, ist laut Vorhersage nicht zum Fliegen. Es soll stark bewölkt sein und ein bisschen schneien und so beginnen wir den Tag etwas später, machen nach dem Frühstück eine längere Yoga-Session, gehen später nochmal zu Fuß raus, um an die frische Luft zu kommen und lassen den Tag einfach gemütlich an uns vorbeigleiten. Schließlich haben wir auch so etwas wie Urlaub. Es darf auch mal ein fauler Tag sein. Für Sonntag schaut es schon wieder deutlich besser aus, mit Sonne und Wind aus Nordwest, weswegen wir uns für den auf dem Heimweg liegenden Kronplatz entscheiden, um zu fliegen. Unsere Abreise beginnt jedoch erstmal damit, dass wir vor lauter Schnacken mit den Vermietern vergessen, den Zimmerschlüssel zurückzugeben, was uns erst am Kronplatz auffällt. Da es noch nebelig ist, fahren wir kurzerhand wieder zurück, geben den Schlüssel ab und eine gute Stunde später scheint am völlig überfüllten Kronplatz dann auch die Sonne und es wird geflogen. An eine Tageskarte ist hier nicht zu denken, die kommt auf fast 80€ pro Kopf, also entscheiden wir von vorne herein, dass eine Auffahrt genügt und wenn starten geht, dann wird’s halt nur ein Flug bevor wir nach Hause aufbrechen. Oben angekommen fällt uns als erstes auf, dass es keinen Wind aus Nordwest gibt. Falls doch, ist der so schwach, dass er von der sich über dem Kronplatz abkühlenden Luft, die nach Norden den Berg hinunter abfließt, deutlich überlagert wird. Nach Norden direkt in Richtung Landeplatz starten ist also auf jeden Fall nicht. Allerdings tummeln sich einige fliegende Menschen am Startplatz nach Süden, der sich auf der breiten Piste befindet. Dort sind wir im vergangenen Jahr schonmal gestartet, haben es jedoch mit dem Pi3s damals nicht geschafft, über den Grat zurück auf die Nordseite zu fliegen, weil wir einfach zu viel Sinken hatten und nach St. Vigil ausweichen mussten, was mit einer anschließenden Odyssee verbunden gewesen ist, um mit den Seilbahnen wieder zurück auf den Kronplatz zu kommen. Eine ziemlich nervige Angelegenheit, wenn Frau keine Ski an den Füßen hat. Deswegen war ich sehr zögerlich, es dieses Mal wieder mit dem Südstartplatz zu versuchen, denn Bahnfahren ging ohne enorme Kosten nicht und mit dem Bus außen herum fahren zu müssen, hätte den gesamten restlichen Tag gekostet. Allerdings sind wir mit unseren Thetas da. Die gleiten wesentlich besser. Mit ihnen müsste der Sprung über den Grat auch ohne Steigen zu schaffen sein, was ein Tandempilot uns dann auch zeigt. Gleichzeitig haben wir mitbekommen, dass es einige Pilot:innen gibt, die nach Süden starten, über einer Skihütte im Wald einen Thermikbereich ansteuern, in dem sie ordentlich Höhe machen, um dann zum Startplatz zurückzufliegen und Top zu landen und das Spiel von vorne beginnen. Wir sprechen kurz mit jenen Menschen, die uns versichern, es gäbe zwar nicht so viel Thermik, doch sie reicht auf jeden Fall, um soviel Höhe zu gewinnen, dass wir auf die Nordseite zum Landen fliegen können. Immer noch ein bisschen verunsichert, ob uns das gelingen kann, den so etwas haben wir bis dahin nie gemacht, beschließen wir, es zu versuchen, denn die Ausfahrt, in St. Vigil zu landen, gibt es auf jeden Fall als sichere Landemöglichkeit. Und so machen wir uns startbereit, dass hier alle auf der Piste starten, scheint überdies niemanden zu stören, obwohl wir vom letzten Jahr im Kopf hatten, dass ab und zu die Pistenpolizei vorbeikommt und das Starten einstellt. Heute ist davon nix zu sehen. Ich starte als erste, auf der breiten, festen Piste ist das auch mit Schnee zu Fuß recht komfortabel, und fliege in Richtung Süden, wo ich bald die besagte und gutbesuchte Skihütte sehe und schon auf dem Weg dorthin an Höhe gewinne. Im Bereich der Hütte versuche ich, den Thermikbart zu lokalisieren und darin meine Kreise zu drehen, was mir allerdings nicht gut gelingt. Astrid meinte später, ich fliege meine Kreise viel zu groß, die müssten viel enger sein, wobei ich beim Fliegen eher wahrnehme, dass ich in engeren Kreisen viel mehr Sinken generiere, weil ich so viel an den Steuerleinen zupfen muss. Irgendwie ist das für mich nicht logisch und ich hatte auch nicht den Eindruck, dass meine Kreise größer sind als die der anderen. Aber egal. Das Ergebnis spricht eher für Astrids Theorie, denn sie fliegt in sehr kurzer Zeit mehr als 100 Meter über mir, während ich mich über den Baumwipfeln abmühen muss, um nicht noch weiter zu sinken. Das hat dann auch nicht lange gedauert, bis ich die Lust verlor und sehr ein Auge darauf hatte, auf jeden Fall noch den Grat nach Norden überfliegen zu können und rechtzeitig abzubiegen, bevor mir die Höhe dafür ganz ausgeht. Während ich so vor mich hinkratze, beobachte ich zwei Schirme unter mir, die an einer Geländekante in der Nähe der Hütte deutlich Steigen generieren und schnell auf meine Höhe hochkommen. Nun, dann ist das wohl ein guter Platz, um weiter zu kämpfen, denke ich, und steuere auf diesen Bereich zu. In der ersten Kurve merke ich bereits, dass es an der Stelle ganz schön ruppig zu geht, was mir beim Beobachten der beiden Schirme nicht aufgefallen ist. Aber ist ja erstmal nicht schlimm, ich drehe weiter, bis ich auf einmal beim Drehen in Richtung Hang ganz krass durchgeschüttelt werde und dabei merke, wie meine linke Flügelseite plötzlich komplett den Druck verliert. Mein Herz bleibt stehen. Und meine Kappe bleibt auch fast stehen, ich pendele unterm Schirm nach vorne und zum Glück erinnere ich mich an die Theorie im Sicherheitstraining, meine Hände schießen sofort nach oben, mein Blick folgt und ich sehe, dass mein linker Flügel fast vollständig kollabiert ist, sich aber bereits wieder Zelle für Zelle mit Luft füllt. Ich bemerke außerdem, dass mein Schirm auf jeden Fall noch geradeaus fliegt und nicht beginnt, in irgendeine Rotation überzugehen, was ein gutes Zeichen ist. Was mir auch an mir gefällt ist, dass keine Panik ausbricht, weil ich mit Hände hoch auf jeden Fall einen etwaigen Strömungsabriss verhindert habe, sehe, dass mein Schirm fliegt und ich jetzt bloß noch abwarten muss, ob die Kappe beim Fahrtaufnehmen nach vorne schießt, um sie dosiert zurück zu bremsen, was ich dann auch tue und innerhalb weniger Sekunden ist wieder Ruhe eingekehrt. Erst danach kommt bei mir das Bewusstsein, dass das auch hätte schiefgehen können, obwohl ich bis heute darüber grübele, was diese Situation ausgelöst hat, bei der von 7m/s Steigen bis 4,5m/s Sinken innerhalb von 10 Sekunden alles dabei war. Astrid hat das Ganze von oben beobachtet und ihr ist auch fast das Herz stehen geblieben, doch eine eindeutige Erklärung, was zu diesem Kollabieren geführt haben kann, hat auch sie nicht. 
Astrid: Von oben sah es so aus, als ob nur eine Flügelseite eine stark steigende Luftmasse erwischt hat und dadurch massiv schnell angehoben wurde. Ich dachte im ersten Moment: „wieso rollt Milla denn ihren Flügel so krass auf? Will sie etwa hier in der Thermik Wingover üben?“, und dann klappte auch schon die Flügelseite ein, die nach dem starken Heber durch das Abkippen nach hinten plötzlich den Druck verlor. Dass Milla mein „Stützen!!!“ und das direkt darauffolgende „Hände hoch!!!“ nicht hören kann, wenn ich 200 Meter über ihr fliege, ist mir in solchen Momenten nicht klar. So richtig laut brüll ich das wahrscheinlich auch gar nicht raus. Vielleicht kam es ja per Telepathie bei ihr an. Wobei: sie braucht meine Ratschläge nicht. Sie beherrscht das alles auch ohne mich. Aber wenn meine andere Hälfte in so eine Situation kommt, dann fühle ich mit und gebe Anweisungen, so wie ich sie mir selbst beim Fliegen auch manchmal gebe. 
Wieder Milla:
Mir ist nicht bewusst, dass ich etwas grob falsch gemacht hätte, wobei ich gleichzeitig ein bisschen stolz bin, die Nerven behalten und offensichtlich nicht alles falsch gemacht zu haben, um die Situation wieder in den Griff zu bekommen. Leider hat mich die Aktion ziemlich viele Höhenmeter gekostet und um sicher auf die andere Bergseite zu gelangen, blieb danach nur noch der direkte Weg über den Grat. Ich gebe Astrid kurz über Funk Bescheid, was ich tue, doch sie hat das schon geblickt und, wie wir das besprochen hatten, folgt sie mir 10 Etagen höher. Überm Grat geht es noch ein letztes Mal ein klein wenig nach oben, danach gleiten wir auf der Nordseite in stille Luft, haben immer noch mehr als 1000 Höhenmeter bis zum Landeplatz, Zeit für ein kleines Bisschen Strecke und Aussicht genießen, denn für etwaige Manöver habe ich keine Motivation mehr, mir hat das spontan das Richtige tun müssen als Manöver genügt. Auf diesem Flug probiere ich übrigens eine neue App auf der Garmin Uhr aus, mit der ich meine Flüge aufzeichnen will, doch die taugt mir nicht. Mal abgesehen davon, dass ich mit der neuen Garmin Fenix 8 ebenfalls nicht wirklich happy bin, weil sie auch bei anderen Aufzeichnungen Strecke und Geschwindigkeit nicht korrekt misst, ganz zu schweigen von Pulsraten, die hinten und vorne nicht passen können. Ganz schön teuer dafür, dass noch nicht mal die Kernkompetenzen funktionieren. Jedenfalls zeichnet die Uhr den Flug nur teilweise auf, wobei immerhin die spannende Aktion dabei war, und bricht die Aufzeichnung später selbständig nach zweidrittel ab. Danach bin ich mit dem Entwickler der App in Kontakt und es heißt, das liegt nicht an der App, sondern die Uhr hat Bugs und ich solle das nächste Softwareupdate abwarten. Das tue ich, doch auch nach 3 weiteren Aktualisierungen der Uhr und zweien der App wird nur Unsinn aufgezeichnet. Leider ist die Auswahl an Fliege-Apps für die Fenix 8 sehr klein und auch die einzige Alternative hat Lücken bezüglich der Strecke über Grund, aber wenigstens zeichnet sie etwas auf und erkennt auch den Start selbständig. Da muss ich wohl noch ein wenig rumprobieren.
Die Landung. Es weht wenig Wind, den Windsack am Winterlandeplatz sehe ich nicht, doch es ist anzunehmen, dass kalte Luft, die von oben nach unten den Berghang entlang fließt, in Bodennähe Bergwind macht, weswegen ich mich für einen Endanflug gegen den Bergwind entscheide. Das bringt zwar mit sich, dass gegen ein leicht ansteigendes Gelände aufgesetzt werden muss, doch das klappt dann schon, allerdings gibt’s wieder gefrorene Schollen zwischen Matsch auf der Wiese. Ein ziemlich aufregender letzter Flug an diesem langen Wochenende. Wegen der fortgeschrittenen Zeit, wir sind oben ganz schön lange rumgestanden, haben die Windverhältnisse an beiden Startplätzen ständig gecheckt und brauchten relativ lange bis zur Entscheidung, dass wir nach Süden starten, und den enormen Kosten für eine Bahnfahrt, ist für uns schnell klar, dass wir nicht nochmal rauffahren, sondern eher zusehen, dass wir es abends noch in unser Stammgasthaus schaffen.
Also, auf nach Hause. Über den Brenner geht’s überraschend gut, es ist viel weniger Verkehr als ich befürchtete und so trudeln wir noch zu normalen Zeiten im Gasthaus ein, wo wir das lange Wochenende ausklingen lassen können.
Unterwegs denke ich immer wieder darüber nach, ob mein Erlebnis mit der eingeklappten Kappe heute irgendetwas mit mir gemacht hat, im Sinne von, ist das für zukünftige Flüge ein Problem in meinem Kopf: Nein, ist es nicht und rückblickend betrachtet wäre ich auch genau an jenem Platz weitergeflogen, wenn mir meine Höhe für den Sprung über den Grat nach Norden nicht ausgegangen wäre, denn dass man so eine starke Thermikblase erwischen kann, ist beim Thermikfliegen wohl Tagesgeschäft. Wenn Frau das nicht mag, muss sie an solchen Tagen am Boden bleiben. Ich für meinen Teil kann sagen, ich möchte damit klar kommen lernen, um noch ein bisschen mehr Spaß am Fliegen haben zu können.

Flugreise ins Gsieser Tal, 30.01.-02.02.2025

Als wir im Herbst 2024 das erste Mal im Gsieser Tal gewesen sind (die Geschichte ist hier zu finden) hat es uns so gut gefallen, dass wir für unseren traditionellen Ausflug Ende Januar die gleiche FeWo bereits bei der Abreise im Herbst erneut buchten. Etwas unklar war bei dieser Reise die Schnee- und Lawinenlage, denn es hat zwar insgesamt sehr wenig Schnee in Südtirol gehabt, doch in der Woche unserer Anreise kam doch noch mal was runter. Um auf fast alles vorbereitet zu sein, kamen von den Schneeschuhen, über die Tourenskiausrüstung bis hin zu jeweils 2 Gleitschirmen alles mit. Auch Zeug fürs Trailrunning und Yoga war an Board. Nur die Rodel ließen wir zu Hause, denn das hätte beim besten Willen nicht mehr in unser kleines Autochen gepasst. Wie der Titel schon verrät, sind wir am Ende fast nur geflogen, weil das Wetter einfach gut gepasst hat und die Schneemenge für alles andere eher dürftig gewesen ist. Zumindest im Gelände.

Nach der Woche mit meinen Mädels in den Herbstferien, die wir im Saarland verbrachten, legten wir samstags einen Tag Zwischenstopp zu Hause ein, um das nötigste durch die Waschmaschine zu schleusen, einen Plan für die folgende Woche zu schmieden und einzukaufen, was wir brauchen, um die ersten Tage, wo auch immer es hingeht, autark zu sein. Dass es am Ende nach Slowenien gehen soll, stand schon fest, da die Wettervorhersagen aufgrund eines stabilen Hochdruckgebiets für die ganze Woche bereits eine sehr hohe Eintretenswahrscheinlichkeit auswiesen, doch der Weg ist so weit, dass wir uns dazu entschieden hatten, mindestens auf dem Hinweg irgendwo auf halber Strecke fliegen zu gehen und eine Nacht dort zu bleiben. Weil auch unsere Freunde Lotte und Stefan in dieser Woche frei hatten, verabredeten wir uns zu einem gemeinsamen Flugtag. Der erste Wurf fiel auf den Bischling, an dem wir im Januar schon geflogen sind und für den samstags die Vorhersage für Sonntag optimale Flugbedingungen bescheinigte. Passt uns gut, ist tatsächlich praktisch genau in der Hälfte und nur ein sehr kleiner Umweg von der Tauernautobahn aus. Sonntagsmorgens um 5 Uhr in der Früh kommt eine Nachricht von den beiden, dass Bischling jetzt doch nicht mehr gut ist und sie als neues Ziel Hinterstoder ansteuern wollen. Hinter….was? Nie gehört. Wo ist das? Ist das noch in Europa? Liegt es irgendwie auf dem Weg nach Slowenien? Wir recherchieren, finden das Fluggebiet und ja, wahrscheinlich ist’s zum Fliegen dort sonntags jetzt besser als am Bischling, allerdings verlängert sich die Reise dorthin um etwa eine Stunde und von dort weiter ebenfalls um etwa eine Stunde. Aber egal, wenn fliegen geht, dann nehmen wir das in Kauf. Außerdem, Bingo, an diesem Sonntag wurde auf die Winterzeit umgestellt, was uns eine Stunde mehr Zeit an diesem Tag verschafft. Das ist Karma. Auf nach Hinterstoder, ein kleines Dorf, das in der Region Pyhrn/Priel zu finden und im Winter ein gutbesuchtes Skigebiet ist und natürlich in Österreich liegt. By the way, Thema Bergtour: Der große Priel mit dem gigantischen roten Kreuz auf dem Gipfel ist auch noch offen. 

Bepackt wie die Esel, mit mehreren Gleitschirmen, Gurtzeugen, Rettern, Futter für ein paar Tage, der Handpan, einem kalten Landebier und den Rädern hinten drauf, starten wir so früh, dass wir bis kurz nach Mittag dort sein und mit etwas Glück sogar die Nachmittags-Thermik noch erwischen zu können, denn die Sonne scheint den ganzen Tag, der Wind ist moderat vorhergesagt, die Basis soll auf über 2500m liegen. Was ist die Basis werden sich vielleicht manche fragen? Nun, das ist der Bereich in der Luft, bis wohin Luft aufsteigt, ohne dass aufgrund der Ausdehnung und Abkühlung der Luft beim Aufstieg Kondensat ausfällt. Stichwort trockenadiabatischer Temperaturgradient. Da Luft abhängig von der Temperatur nur eine bestimmte Menge Wasser aufnehmen kann, beginnt das Wasser als Kondensat auszufallen, wenn die Sättigungsgrenze überschritten wird, es bilden sich Wolken, es ist fühlbar Feuchtigkeit in der Luft. Stichwort feuchtadiabatischer Temperaturgradient. Die Stelle, an der der Übergang zwischen trockenadiabatisch und feuchtadiabatisch stattfindet, die Unterkante der Wolken, wird als Basis bezeichnet. Aber genug davon. Die wichtige Botschaft ist, bis dahin ist fliegen in der Thermik (das ist die trockenadiabatisch aufsteigende Luftmasse) cool. 
Auf dem Weg nach Hinterstoder bucht uns Astrid ein Zimmerchen im Explorer-Hotel direkt an der Talstation der Bergbahn, wo wir das Auto einfach stehen lassen können und zu unserer Überraschung enthält die Buchung eine Gästekarte, mit der an beiden Tagen die Bahn kostenlos benutzt werden kann. Das ist irre, wie wir später bemerken, denn wir nutzen die Bahn an beiden Tagen zu zweit, womit die Übernachtung praktisch nichts mehr kostet. 
In Hinterstoder angekommen, sehen wir uns als erstes den etwas von Bahn und Hotel entfernten Landeplatz an, der im ersten Moment etwas spooky wirkt, da mitten im Ort, ringsum bebaut und dadurch klein erscheint. Doch als dann grade jemand zum Landen kam und wir damit einen Bezug zu den Dimensionen haben, sind wir entspannt. Es wären schon sehr grobe Schnitzer nötig, um diese Wiese nicht irgendwie zu treffen. Wir stellen das Auto am Hotel ab, Astrid besorgt die bereits für uns vorbereiteten Gästekarten, zwischendurch geben wir ein Lebenszeichen an die anderen beiden und lernen, dass Lotte oben am Startplatz auf uns wartet, Stefan sich gerade auf seinem ersten Flug befindet und die Bedingungen bezüglich des Windes sich leider nicht so entwickelt haben, wie die Prognose es prophezeite, weswegen Lotte auch noch nicht gestartet ist. Gut, müssen wir sehen, wenn wir oben sind. Immerhin können wir mit den Gästekarten einfach in die Bahn einsteigen, den Theta im Gepäck, und erstmal rauffahren, um uns selbst ein Bild zu machen. Bis zur Mittelstation auf einem großen Plateau fährt eine Gondel, dort steigen wir mit einem kleinen Fußmarsch verbunden um in eine Sesselbahn, die uns ganz rauf bringt. Am Ausstieg kommt uns schon die liebe Lotte mit einer herzlichen Begrüßung entgegen. Wir inspizieren gemeinsam den Nordstartplatz, von dem aus eigentlich hätte gestartet werden können, doch die Windanzeiger sagen etwas anderes: Ost-Südost. Es gibt Menschen, die starten, auch Stefan ist in einer guten Phase hier raus, doch ohne überheblich klingen zu wollen, die meisten, die dann auch abheben, haben nur Glück und meines, das weiß mein Bauch sofort, werde ich hier nicht herausfordern. Auf irgendeine mir nicht bekannte Weise erhalten wir die Information, dass es am Weststartplatz gehen könnte, weil dort nun immer mehr die Sonne reinscheint und dadurch ablösende Thermiken und teilweise der Talwind für startbare Verhältnisse trotz des eigentlich vorherrschenden Rückenwindes sorgen könnten. Wir wechseln die Location, Zeitnot haben wir nicht, es ist erst gegen 13 Uhr. Am Startplatz angekommen, ist nicht schwer zu erkennen, dass auch dort nichts passt. Alle Windfahnen zeigen Rückenwind an, je weiter unten am Startplatz, desto weniger, aber ohne Interpretationsspielraum. Weil die Sonne im weiteren Tagesverlauf immer weiter in den Hang vor dem Weststartplatz reinscheinen wird, besteht eine kleine Hoffnung, dass der dadurch entstehende Aufwind die Lage ändern könnte. Wir warten. In der Zwischenzeit kommt auch Stefan wieder hoch und wir sitzen zu viert im Gras und quatschen ein wenig, während wir die Gelegenheit bekommen mit anzusehen, was Testosteron aus Menschen macht. Es ist tatsächlich leider so, dass es einige männlich Identifizierte gibt, denen die Windrichtung offensichtlich egal zu sein scheint und entgegen jeglicher Vernunft versuchen, ihre Schirme irgendwie mit Gewalt in die Luft zu zerren, ohne Rücksicht auf andere Piloten oder die Situation im Allgemeinen. Geht natürlich in 9 von 10 Fällen schief und die verbleibenden 10% haben einfach Dusel. Ist mir unbegreiflich und auf jeden Fall nicht zum Nachahmen empfohlen. 

Etwa zwei Stunden werden wir auf die Probe gestellt, ob unsere Theorie mit Sonne und Geduld vielleicht aufgeht, außerdem haben wir als relativ harte Wartekriterien die Uhrzeit der letzten Talfahrt im Nacken und durch die Zeitumstellung die ab jetzt früher einsetzende Dämmerung. Dann nehmen wir wahr, dass sich etwas verändert. Es kommen immer wieder Phasen vorbei, wo entweder kein Wind weht oder er von vorne kommt. Letzteres passiert immer häufiger und das ist das Startsignal für alle, die bereits lange warten, so wie wir und schlagartig ist die Zuversicht zurück, dass gestartet werden kann. Wir machen uns fertig, reihen uns ein in die Warteschlange bis Astrid dann als erste aus unserer Gruppe starten kann. Ich habe derweil auf die Startvorbereitungen eines äußerst unsicher wirkenden Flugschülers gewartet, was unser aller Geduld sehr strapaziert hat, doch es geht fair zu, niemand mosert oder drängt ihn, doch als er dann endlich aufzieht und trotz Fluglehrerbegleitung am Funk abbrechen muss, springe ich ohne lange zu diskutieren in die Lücke, es ist alles für meinen Start vorbereitet, ich brauche nur ganz wenige Minuten bis ich die Kappe über mir habe und gegen halb vier starte. Sofort halte ich Ausschau nach Astrid, sie fliegt den einzigen anderen Theta, finde sie über einer kleinen vorgelagerten Geländekante, wo auch andere offensichtlich Steigen haben und reihe mich dort ein. Es geht tatsächlich nach oben, ganz unerwartet, nicht weit, aber immerhin nicht nur runter. Wegen der Zeitumstellung fühlt es sich schon wie die einsetzende Dämmerung an, es ist ein wenig diesig und kühl, doch wir nehmen jede Minute mit, die wir bekommen können. Lange hält dieser Zustand nicht an und ich merke bald, dass das Steigen endlich ist, die Sonne nicht mehr genug Kraft hat und die Bäume unter mir mit jeder Kurve näher kommen bis ich am Ende entscheide, kein Risiko einzugehen und mich in Richtung Landeplatz auf den Weg mache. Der große Höhenunterschied erlaubt es mir, ein bisschen Strecke durchs Tal zu machen, nachdem ich die Landewiese gesichtet und eine Idee davon hatte, wie ich später meine Landeeinteilung fliege. Das klappt mit kleinen Korrekturen hervorragend, ich lande sicher auf der offiziellen Landewiese auf meinen Füßen, so wie auch alle anderen aus unserem Grüppchen. Sehr fein. Wir sind happy, dass wir doch noch starten und einen so unerwartet schönen und relativ langen Flug hatten. Der Betrieb am Landeplatz nimmt raketenartig zu, denn natürlich haben alle das gleiche Thema mit dem nicht mehr vorhandenen Auftrieb. Noch ein Bier am Landeplatz, dann suchen wir uns ein Gasthaus auf dem Weg zum Hotel, finden eines und lassen bei leckerem Essen den Tag ausklingen, der inzwischen zur Nacht übergegangen ist.

Am nächsten Morgen sind wir mit Lotte und Stefan verabredet, um nur das erste Stück mit der Bahn hochzufahren und die zweite Strecke, wo wir am Vortag den Sessellift genommen hatten, die restlichen etwa 430 Höhenmeter, zu Fuß zu machen. Es ist Montag, der Parkplatz an der Talstation ist fast leer, auch oben sind kaum Menschen unterwegs. So gefällt mir das. Nach einer guten Stunde gemütlichen Aufstiegs erreichen wir den Nordstartplatz, eine lange Wiese, die später im Jahr zu einer Skipiste dazu gehört, der Wind steht perfekt an und außer uns ist weniger als eine Handvoll Pilot:innen anwesend. Wir machen uns fertig, legen unsere Schirme alle hintereinander aus, sodass Lotte als erste startet, dann ich, dann Astrid und zuletzt Stefan. Es ist zwar schon 11 Uhr als ich starte, doch die Luft ist kühl, der Wind schwach, Zeit, einen wunderschönen Gleitflug mit dem Großen Priel als Kulisse zu genießen. Nach der Landung beschließen wir mit Lotte und Stefan die gemeinsame Zeit gegen Mittag bei Kaffee und Kuchen, bevor Astrid und ich unsere Fahrt nach Slowenien fortsetzen. Es war eine große Freude, dieses feine Fluggebiet in Hinterstoder kennenlernen zu dürfen und ich gehe davon aus, dass wir nicht das letzte Mal dort gewesen sind.

Auf geht’s nach Slowenien. Leider bremsen uns Unfälle und Dauerbaustellen derart aus, dass es bereits dunkel ist als wir von Österreich über Tarvisio einen italienischen Zipfel querend über die Grenze nach Slowenien einreisen und bei Nacht die kurvige, enge Straße nach Bovec und weiter nach Kobarid hinunter tingeln, um im weiteren Verlauf unterm Berg Stol wieder das Tal bis Potoki hinaufzufahren, wo wir überraschender Weise sofort den Abzweig zu unserer Ferienwohnung fanden. Die liegt nämlich abseits vom Ort nahe an einem kleinen Bach und ist über eine sehr kleine unscheinbare Straße bzw. später Schotterweg zu erreichen. Wir werden sehr herzlich von Sandi, unserem Vermieter, empfangen, der alles zeigt und erklärt und mir fällt auf, obwohl er wahrscheinlich 10 Jahre älter sein kann als ich, spricht er soviel Englisch, dass wir sehr gut zurechtkommen. Ich bin beeindruckt. Bevor wir jedoch ausladen und ans Essenmachen denken können, muss ein Schnaps rein. Sandi besteht darauf. Er brennt selbst. Wir wehren uns nicht und ich bin erneut beeindruckt, wie lecker der Schnaps ist, aromatisch, nicht zu viel Alkohol, wirklich tipptopp, wenngleich wir nicht zusammenkommen was das verwendete Obst angeht. Da sind die Grenzen unser aller Sprach- und Florakenntnisse erreicht. Während wir Futter machen, schmieden wir Pläne für den ersten Tag. Wir wollen es gemütlich angehen lassen, müssen ein bisschen einkaufen, wollen die Landeplätze in der Gegend mal anschauen und ein wenig die Sonne genießen, denn wir werden die ganze Woche ein stabiles Hochdruckgebiet haben. Soweit wir das beurteilen können, soll es auch erst am zweiten Tag zum Fliegen taugen. Keine Eile also. Gesagt, getan, der nächste Tag beginnt damit, dass wir über Robič, wo der nächstgelegene ausgewiesene Landeplatz ist, den wir schonmal in Augenschein nehmen, weiter nach Kobarid zum Tanken fahren, denn an der Tankstelle liegt auch gleich der nächste Landeplatz. Weil an diesem Dienstag in Kobarid kein Supermarkt geöffnet hat, was ich seltsam fand, fuhren wir einfach weiter nach Tolmin, um auch dort den Landeplatz anzuschauen und wo es eine Möglichkeit zum Einkaufen gab. Irgendetwas kommt mir merkwürdig vor. Die Sonne scheint, es ist warm, der leicht morgendliche Nebel hat sich schnell verzogen, fast Windstille, doch es ist kein einziger Schirm in der Luft. Schon den ganzen Tag nicht. 
Zurück an der FeWo machen wir uns mit dem Fahrrad auf den Weg, noch den letzten, weiter oben im Tal gelegenen Landeplatz in Podbela anzuschauen, um für alle Eventualitäten beim Fliegen gerüstet zu sein. Für den nächsten Tag schaut es auf jeden Fall nach fliegen am Stol aus und jetzt kennen wir 4 verschiedene offizielle Landemöglichkeiten im Tal. Abends kochen wir lecker und schmieden einen Plan für den nächsten Tag. Zu dieser Planung gehörte, ich weiß gar nicht mehr, wie wir darauf gekommen sind, dass wir uns überlegen, wie wir fliegen wollen, wenn Starten am Stol möglich ist, denn wir sind in einem richtigen Streckenfluggebiet, der Startplatz liegt mitten in einem langen Grat etwas unterhalb des Gipfels und wenn die Prognose halbwegs eintritt, müsste es möglich sein, nach dem Start Richtung Gipfel den Grat hinauf zu fliegen und von dort zurück über den Startplatz in Richtung Kobarid. Eine kleine Übung für unseren B-Schein, mit der Möglichkeit, von jedem Punkt aus sicher einen der inspizierten Landeplätze zu erreichen. Also nach dem Start rechts abbiegen.

Mittwoch, 30. Oktober. Pünktlich um 8Uhr gehen wir zu Fuß mit unseren Flugzeugen auf dem Rücken los und treffen Sandi, der ganz neugierig wissen will, was wir heute vorhaben. Wir erklären ihm, dass wir nun zu Fuß bis kurz unter den Gipfel des Stol zum offiziellen Startplatz gehen, dort starten und in Robič landen wollen und dass wir auch zu Fuß vom Landeplatz zurück zur Ferienwohnung kommen. Er ist etwas überrascht, ob der Weglänge, die wir uns vorgenommen haben, gibt uns aber noch den Hinweis mit auf den Weg, dass wir in der oberhalb gelegenen Ortschaft Potoki Ausschau nach einem markierten Wanderweg halten sollen. Das Schild haben wir bereits gesehen, der Weg ist auf unseren Karten drauf, wir bedanken uns jedoch, weil er auch hätte nichts sagen können. So isses besser. Der kleine Fahrweg vorbei an einer Herde Schafe in den Ort hinein ist schnell zurückgelegt, wir erkennen gleich auch die richtige Stelle, wo der Weg den Hang hinauf losgeht, biegen ein und dann beginnt ein kleines Martyrium. Es ist abartig steil, erst ein kurzes Stück Asphaltweg, dann geht’s in den Wald, Markierungen existieren, doch wir sehen dem Weg an, dass er nur selten begangen wird, denn an mancher Stelle muss Frau schon sehr genau hinsehen, um einen Pfad zu erkennen, was uns mehr als einmal nicht gelingt. Kleine Verhauer inklusive und teilweise urwaldartige Bedingungen mit tiefhängenden Ästen, Dornengewächsen und -ich glaube- einer Art Wachholderbeer-Nadelholz. Hat auf jeden Fall ziemlich gepiekst. Die Steilheit nimmt nach oben hin zu, die Schritte werden immer kleiner, der Schweiß tropft und mein Quatschi sagt, den Weg gehe ich auf gar keinen Fall ein zweites Mal hoch. So legen wir etwa 900 Höhenmeter zurück und sind erleichtert als nach kurzer Orientierungslosigkeit endlich das obere Ende in Form eines Bergrückens in Sicht kommt, wir aus dem Wald herauskrabbeln und der weitere Weg über eine holprige Forststraße führt. Erstmal Pause, ich bin platt, essen, trinken, mal hinsetzen. Die gute Nachricht: Auf so steilen Anstiegen purzeln die Höhenmeter relativ schnell, so lange Frau dazu in der Lage ist, weiterzugehen. Und noch eine gute Nachricht: Offensichtlich sind wir dazu in der Lage und offensichtlich erholen wir uns relativ schnell und können nach wenigen Minuten weitergehen. Es liegt noch jede Menge Weg vor uns, der zwar einfach zu begehen und lange nicht mehr so steil ist, sich aber gefühlt endlos den Grat entlang hinzieht. Außer einer Herde Kühe treffen wir nur zwei Menschen, die uns im Auto entgegenkommen und sehr freundlich grüßen bis wir den Startplatz erreichen. Wir sind völlig alleine. Unterwegs bekommt Astrid eine Kurznachricht auf ihr Telefon. Der Sohn des Vermieters. Wir sollen uns bitte melden, wenn wir gelandet sind, Sandi, sein Papa, kommt uns abholen, egal, wo wir dann sind. Wie lieb. Sie machen sich Sorgen um uns.
Startplatz Stol. Im Grunde sind es zwei Startplätze, einer oberhalb der Forststraße mit einer Trockentoilette drauf, was ich super finde, denn es bewahrt hoffentlich die Gegend davor, vollgeschissen zu werden, wie es so oft in der Peripherie anderer Startplätze vorzufinden ist, sowie einem Drahtzaun am unteren Ende und einer unterhalb besagter Forststraße. Beide sind perfekt und großzügig zum Starten, allerdings stehen oben das struppige Gras und diverse andere Pflanzen recht hoch, was immer ein bisschen blöd mit den dünnen Leinen unserer Schirme ist. Deswegen entscheiden wir uns für den unteren Startplatz, wo das Gras kurz ist. Viehkacke gibt es überall, dass macht keinen Unterschied, ist jedoch alles trocken und damit kein Problem. Eine kleine Überraschung auf den ersten Blick ist der relativ starke Wind, der entgegen der Nullwindprognose hier weht. Auf den zweiten Blick ist’s keine Überraschung, denn die Sonne scheint bereits viele Stunden auf den Starthang, was sowohl Boden als auch Luft erwärmt hat und damit für aufsteigende Luft sorgt. Was wir also hier als Wind spüren, sind thermische Ablösungen, die mitunter heftig sind, doch es kommen immer auch längere ruhigere Phase vorbei, unser Start ist nicht gefährdet. Wir lassen uns Zeit, das übliche Spiel, trockenlegen, trinken, unsere Flugsachen vorbereiten und für den Flug warm anziehen. Ähnlich, wie in anderen Fluggebieten, so ist es hier Pflicht, eine Gebühr in Form einer Vignette zu zahlen, die auch online erworben werden kann. Es gibt sie für einen oder mehrere Tage und wir beschließen, erstmal je eine für heute einzukaufen, was sich jedoch mangels mobilem Datennetz als schwieriges Unterfangen darstellt. In der Nähe der Trockentoilette gibt’s ein schwaches Signal und mit etwas Geduld klappt es irgendwann, die Tickets zu kaufen.
Wir sprechen unseren Fliegeplan durch, den wir am Abend davor überlegt hatten und wir wollen beide wissen, ob unsere Überlegungen umsetzbar sind. Wir legen aus. Entgegen der üblichen Vorgehensweise ziehe ich meinen Schirm nicht ganz auseinander, um zu verhindern, dass er von irgendwelchen Böen mitgerissen wird, sondern nur soweit, dass meine vordersten Leinen frei sind. Weil wir beim Einpacken immer sehr penibel darauf achten, dass die Leinen sortiert sind und keine Öhrchen machen, müsste alles passen, wenn eine Leinenreihe frei ist. Auf diese Weise kann ich mich in die Tragegurte einhängen und startbereit, die Steuerleinen in den Händen, den Schirm mit Hilfe des Windes auslegen, dabei etwas Zug auf den A-Leinen halten und so dafür sorgen, dass die Kappe auch bei mehr Wind ruhig am Boden bleibt. Astrid startet als erste. Es geht etwas turbulent zu, als sie den Schirm über sich hat, doch sie bekommt alles in den Griff und fliegt los. Als ihre Füße vom Boden weg sind, ziehe ich ebenfalls rückwärts auf, stabilisiere und hebe praktisch am Platz ab. Hey, wir fliegen. Sehr geil. Astrid ist rechts abgebogen, wie besprochen, und hat an einer der erste Geländekanten, an der sie vorbeikommt, einen krassen Heber, doch sie fliegt weiter geradeaus am Hang entlang in Richtung Gipfel. Als ich an diese Stelle komme, hebt’s mich auch ordentlich hoch und ich überlege mir, dass es klug sein könnte, erst hier Höhe zu gewinnen, bevor ich unseren Plan weiter umsetze, denn Astrid hat auf ihrem weiteren Weg kein Steigen mehr, wie ich beobachte. Ich drehe um, steige weiter, nach der 3. oder 4. Kurve bin ich höher als der Startplatz, den ich anschließend überfliege, wobei es ziemlich unruhig in der Luft wird. Währenddessen behalte ich Astrid im Auge, die inzwischen ebenfalls umgedreht ist und zurückkommt, weil sie entgegen ihrer Annahme weiter hinten am Gipfelhang keinen Auftrieb mehr hatte. Sie ist bereits sehr tief, aus meiner Perspektive sieht es so aus, als berühre sie bald die Bäume, was aber Unsinn ist. Sie kommt zur ersten Rippe zurück und versucht es dort erneut, allerdings sind die Thermiken weiter unten sehr viel schwächer als oben. Ich habe inzwischen den Startplatz mit mehr als 200m überhöht, doch ich finde es genau über dem Grat extrem ungemütlich. Offensichtlich kreuzen sich hier zwei Luftmassen und sobald ich hineinfliege, bricht ein kleiner Sturm in meinem Fluggerät los, den ich mir dann irgendwann nicht mehr suche und etwas weiter vor dem Grat auf der Landeplatzseite bleibe. Astrid kämpft um jeden Meter, doch es geht nicht wirklich hoch. Es ist eher so, dass das Steigen gerade genügt, um den Höhenverlust beim Kurvenfliegen auszugleichen. Mehr nicht. Wir hatten vor dem Start vereinbart, dass wir zusammenbleiben, denn keine von uns hat Lust, irgendwo alleine landen gehen zu müssen. Mein Bauch sagt irgendwann, dass es für Astrid Zeit wird, sich in Richtung Landeplatz Robič zu orientieren bevor ihr die Höhe für die etwa 3km Strecke dorthin ausgeht und just in diesem Moment dreht sie vom Hang weg, biegt in Richtung Talmitte ab und steuert den Landeplatz an. Für mich das Signal, nicht weiter aufzudrehen. Wir haben zwar Funk dabei, doch ihre Flugentscheidung, der sofort Taten folgen, sind nach unserer Absprache eindeutig. Deswegen zeige ich ihr durch meine nächste Flugentscheidung, dass ich folgen werde, indem ich meinen Bart verlasse und meinen Flug am Grat entlang in Richtung Kobarid fortsetze, womit ich für sie sichtbar in die gleiche Richtung fliege, wie sie, bloß ein paar Etagen höher. Wir besprechen das später nachdem wir beide gelandet sind und sie bestätigt, dass sie das genauso wahrgenommen hat. Wir lassen uns nicht gegenseitig allein. Manche finden das übertrieben, doch wir haben viele Verhaltensweise aus der Bergsteigerei beim Fliegen übernommen, weil sie sich bewährt haben. Auch so etwas, wie einen Partnercheck vor dem Start. In Fluggebieten, wo ein erneutes Starten möglich ist, weil z.B. eine Bahn fährt, gilt bei uns die Regel, flieg, wenn du fliegen kannst. Wer absäuft, kommt einfach wieder hoch. Doch das gilt hier nicht, weil es dazu keine Möglichkeit gibt. Unterwegs habe ich immer gerade so viel Steigen, dass ich ein klein wenig vor und oberhalb der an sich fallenden Kante bleibe und so mehr als die Hälfte der Strecke nach Kobarid zurücklege, unterwegs Astrids Landung in Robič beobachte und als ich selbst irgendwann auch kein Steigen mehr habe, zum Landeplatz abbiege. Beim Landen ist hier auf zwei Stromleitungen zu achten und was die Sache nicht einfacher macht ist, dass bei Berg- oder Talwind der Endanflug entlang der sehr kurzen Seite der rechteckigen Wiese erfolgen sollte. Ich habe Glück, denn als ich die im Schatten stehende und dadurch schlecht sichtbare Windfahne endlich erkenne, zeigt sie Talwind aus einem Seitental kommend an und damit steht mir quasi die lange Seite der Wiese zur Verfügung. Weil die Wiese um diese Jahreszeit praktisch den ganzen Tag im Schatten liegt, das haben wir tags zuvor bereits bei der Besichtigung bemerkt, ist sie sehr nass und mit extrem vielen kleinen, wahrscheinlich von Regenwürmern aufgeworfenen und sehr matschigen Erdanhäufungen übersäht. Hier landen bedeutet, der Schirm ist nass und dreckig. Bäh. Ich versuche, möglichst nahe der Straße aufzusetzen, was auch gelingt, doch dass der Schirm in den Matsch fällt, ist kaum zu vermeiden, denn auf der Fahrstraße ablegen, auf der immer wieder Autos vorbeikommen, ist eine semi gute Idee. Aber egal wie, wir haben beide, wie immer, ein breites Grinsen im Gesicht, denn das Privileg, einfach fliegen zu dürfen, empfinde ich immer noch als den absoluten Wahnsinn. Nichts desto trotz sprechen wir natürlich darüber, was uns dieser Flug in Bezug auf den geplanten Weg gelehrt hat und kommen zu dem Schluss: „Wenn du Steigen hast, bleib genau dort, nutze es aus und fliege erst weiter, wenn ausreichend Höhe für die anschließende Etappe vorhanden ist.“. Astrid ist nämlich schon ein wenig enttäuscht, dass sie den allerersten Aufzug verpasst hat und nicht so hoch fliegen konnte. Da wir aktuell noch beim Sammeln von Flügen für den B-Schein sind, hätte es uns natürlich gefreut, diesen Flug verbuchen zu können. Lustigerweise ist mir das trotz Thermikfliegen und ein bisschen Strecke machen, ebenfalls nicht gelungen, weil mein Flug am Ende ein paar Sekunden zu kurz war, um für die Anforderungen an die Ausbildung zu taugen. Aber, hey, wir sind voll schön geflogen, sind vorher über 3 Stunden mit dem schweren Rucksack den steilen Weg rauf, waren dabei praktisch ganz alleine, können selbst entscheiden, ob fliegen klug oder blöd ist und es ist ein super Tag mit Sonne und gut 20°C Ende Oktober. Was will Frau mehr?
Um die Schirme trocken und sauber zusammenlegen zu können, ziehen wir auf einen kleinen asphaltierten und vor allem in der Sonne liegenden Sportplatz wenige Fußminuten entfernt um. Als alles trocken verstaut ist, schultern wir wieder unseren Fliegerucksack und machen uns auf den Weg zurück zur FeWo. Wir nehmen nicht gerade den optimalen Weg, was unter anderem daran liegt, dass unsere elektronische Karte uns über eine Brücke schickt, wo keine ist und wir bis in den letzten Ort zurücklatschen müssen, um die Richtung korrigieren zu können. So sind wir am Ende fast eine Stunde unterwegs, allerdings mit dem einen oder anderen Fotostopp an einer kleinen Schlucht mit Hängebrücke, bis wir auf Sandi in seiner Garage treffen, wo er gerade den ersten Lauf einer Schnapsbrennaktion überwacht. Aus einer selbstgebauten Destille tropft klare Flüssigkeit raus, überwiegend einwertiger Alkohol, und weil wir sehr interessiert sind, was er da tut und wie das geht, Sandi uns jedoch aufklärt, dass wir das, was gerade hier rausläuft, auf keinen Fall trinken können, verschwindet er im Haus und kommt mit einer Flasche Brand vom letzten Jahr und 3 Gläsern wieder raus. Landeschnaps. Aus was genau der ist, bekommen wir mangels gegenseitiger Sprachkenntnisse nicht hin, doch das Zeug schmeckt sensationell lecker, sehr aromatisch und vergleichsweise mild. Da hat Sandi was Tolles gezaubert, würde ich sagen. Wir bedanken uns, erzählen noch kurz, wie es beim Fliegen so war, doch dann wird es Zeit, dass wir uns trockene Sachen anziehen, einen Kaffee kochen und danach wollen wir zum Bach hinunter an den Kiesstrand, wo wir noch ein paar Sonnenstrahlen genießen können. Außerdem will ich die Gelegenheit nutzen, noch ein wenig Handpan zu spielen, was im Freien in einer so feinen Umgebung noch ein bisschen mehr Spaß macht. Als die Sonne dann aber verschwindet, wird es sofort kalt. Zeit zu kochen und Pläne für den nächsten Tag zu machen. Alle Versuche am Abend, für den nächsten Tag irgendwie ein Shuttle zu bekommen, scheitern, weil einfach niemand da ist, der shuttled.

Donnerstag, 31. Oktober. Die Prognosen in unserer Fliege-App sagen, dass Stol erneut die beste Wahl sein wird und obwohl wir eigentlich keine Lust mehr auf den beschwerlichen Weg haben, uns die Knochen und Muskeln schon ein wenig weh tun, ist es, wenn wir fliegen wollen, die einzig sinnvolle Option. Nach der Erfahrung vom Vortag, specken wir etwas beim Gewicht ab, ziehen die leichteren Trailrunningschuhe an, reden uns gut zu, dass wir das schon schaffen werden und dass es eigentlich super ist, eine Gelegenheit zu bekommen, am gleichen Berg bei gleichen Bedingungen einen neuen Versuch starten zu dürfen und gehen etwa um die gleiche Uhrzeit los, wie tags zuvor, auf den uns nun bekannten Weg. Obwohl wir uns nicht beeilen, sind wir eine gute halbe Stunde schneller als gestern, schon allein deswegen, weil wir uns nicht mehr verlaufen. Eine Startplatzbesichtigung brauchen wir auch nicht und so kommt es, dass wir etwa eine Stunde früher in der Luft sind und uns daran tun, es besser zu machen als gestern. Es dauert keine zwei Minuten bis ich merke, dass alles anders ist und dass ich hier heute gar nirgendwo nach oben fliegen werde. An den Geländekanten, an denen es gestern mit Schmackes nach oben ging, passiert heute original nix und jede Kurve und jede weitere Suche nach Steigen führt zu Sinken. Einzig an einer kleinen zerklüfteten Felswand können wir uns ein paar Minuten halten, doch das rettet Holland nicht. Zuerst verstehe ich es nicht, doch mit jedem Flugmeter in Richtung Landeplatz wächst die Erkenntnis in mir, dass wir schlicht zu früh gestartet sind und die Sonne, die zwar schön scheint, Luft und Berghang noch nicht lange genug beschienen hat. Diese Erkenntnis wird gefestigt als wir später am Tag 3 Schirme über dem Grat beobachten, die einzigen in dieser Woche, die so hoch sind, dass sie mehrmals am Grat rauf und runterfliegen können. Gibt wohl noch viel zu lernen beim Thermikfliegen. 
Die gute Nachricht: Der Nachmittag ist noch jung, wir wollen noch einkaufen gehen, denn morgen ist der 1. November, Allerheiligen, der auch in Slowenien Feiertag ist. Sandi hatte uns schon gewarnt, dass wir an den Feiertag denken sollen, wir nickten ab und bestätigten ihm, dass wir Bescheid wissen und er sich keine Sorgen machen braucht. Weil es noch so schön ist, setzen wir uns vor dem Einkaufen mit Kaffee, Keksen, Schoki und Handpan noch ein wenig in den Garten, als Sandi vorbeikommt und sich nach dem Flug erkundigt. Wir reden kurz und teilen ihm mit, dass wir dann später, wenn die Sonne weg ist, nochmal losziehen wollen, um Futter zu schießen. Daraufhin er, können wir uns sparen, die Geschäfte sind zu, weil doch heute, wie er uns gestern schon versucht hat zu sagen, Feiertag in Slowenien ist. Der Groschen rutscht. Die Slowenen haben sowohl am 31.10. als auch am 1.11. Feiertag. Unsere Gesichter werden lang, es sollte lecker Coq au Vin geben. Na, das fällt dann wohl aus. Nudeln sind da, Tomaten sind da, am Ende fehlt uns eigentlich nur etwas Brot fürs Frühstück. Sandi meint, wir sollen sitzen bleiben, er besorgt uns Brot für den nächsten Morgen und den nächsten Tag, mit seinem Quad sei er schnell wieder zurück und ich schätze, er hat in seine eigene Tiefkühltruhe gegriffen. Haben wollte er fürs Brot nix. Astrid und ich sind sprachlos. Das ist so lieb von ihm. 
Bei unserem dann doch sehr einfachen Abendessen checken wir das Wetter für den nächsten Tag. Stol sieht nicht mehr so gut aus, dafür kommt Kobala, ein Hügel über Tolmin, ins Rennen, aber egal wie, wir müssen zu Fuß gehen. Beim Zubettgehen bemerken wir liebe kleine Spinnentierviecher, die bei Astrid schon angezapft haben. 3 Stück. Zecken. Auch ich habe das erste Mal in meinem fast 51-jährigen Leben eine Zecke auf mir drauf, doch die scheint noch etwas unentschlossen zu sein und sucht in der Gegend rum. Ich helfe ihr bei der Entscheidung und überzeuge sie, dass ich ihr nicht schmecke. Die Zecken auf Astrid entfernen wir vorsichtig und vollständig und beobachten ab da die Einstichstellen, denn wenn die Rötungen größer werden und Ringe ausbilden, ist allerhöchste Eisenbahn für eine medizinische Versorgung.

Freitag, 1. November, Allerheiligen. Felsenfest davon überzeugt, dass der Aufstieg zum Kobala über einen Wanderweg durch den Wald und mit etwas weniger relativer Höhe als am Stol nicht so lang sein wird, lassen wir uns ein bisschen mehr Zeit an diesem Morgen, das Auto bleibt auf einem Parkplatz nahe des nördlich von Tolmin gelegenen Landeplatzes stehen und wir gehen gegen halb zehn los. Der gesamte Ort Tolmin ist zu durchqueren bevor es über eine Brücke in den nächsten Ort geht, in dem wir auf den Wanderweg abbiegen wollen, statt die Fahrstraße hinaufzulaufen. Ein klein wenig verwinkelt durch die Gassen erreichen wir ein Bächlein über das zwei Bohlen gelegt sind, an deren Ende es am anderen Ufer in den Pfad hineingeht, den wir nehmen wollen. Ein einzelner Mann kommt uns über die Bohlen entgegen und als er unsere Rucksäcke sieht, will er wissen, was wir vorhaben. Ich stutze. Was geht ihn das an? Die Frage wächst sofort in mir, weil er mir auf den ersten Blick sehr suspekt vorkommt und auch an Astrids zurückhaltender Reaktion merke ich, dass es ihr ähnlich geht. Wir antworten knapp, dass es auf den Kobala gehen soll. Wir wollen fliegen. Er schüttelt den Kopf und er versucht uns mit Händen und Füßen zu erklären, dass das auf diesem Weg eine schlechte Idee ist. Er spricht wenige Worte Englisch und noch ein paar weniger Deutsch und als er merkt, dass wir seinen Rat nicht verstehen, dreht er auf dem Absatz um und winkt uns, wir sollen ihm folgen. Er biegt in den Wanderweg ein und sprintet hinauf, wir ihm dicht auf den Fersen so gut es mit den Rucksäcken geht. Nach etwa 10 Minuten kommen wir an einen Abzweig und wir erkennen auf unserer elektronischen Karte, dass es ab diesem sehr unscheinbaren Abzweig, an dem wir 100%ig erstmal vorbeigelaufen wären, nach oben in den Wald gehen würde, um zum Kobala zu kommen, doch bereits beim ersten Blick hinauf erkennen wir, warum dieser Mann uns davon abhalten will, dort entlang zu gehen. Soweit das Auge reicht Windbruch vom Feinsten. Tausende umgestürzte Bäume verlegen den Weg, ein Ende ist nicht zu sehen. Er meint, ohne Rucksack würde es vielleicht noch gehen, aber mit dem schweren und sperrigen Ding auf dem Rücken ist es ein gefährliches und äußerst mühsames Unterfangen. OK, verstehe. Da geht es nicht rauf. Wir müssen über die Fahrstraße wackeln. Gemeinsam gehen wir zurück bis zu dem Bach, über den die Bretter liegen, der Mann möchte erneut, dass wir ihm folgen, sein Auto stünde nicht weit von hier. Obwohl er es nicht explizit ausdrückt, gewinnen Astrid und ich den Eindruck, dass er uns rauffahren will. Nein, das kommt nicht in Frage, das wäre uns unangenehm und wir lehnen freundlich aber unmissverständlich ab, wir wollen zu Fuß gehen und keine fremde Hilfe in Anspruch nehmen. Es braucht mehrere Anläufe, doch dann verabschieden wir uns dankend und schlagen einen Wanderweg ein, der uns zur nächsten Brücke und damit auf die Fahrstraße nach oben führt, so wie es in unserer Fliege-App beschrieben ist. 
Einer der offensichtlichen Nachteile dieses Weges ist, dass sich die Strecke praktisch verdoppelt, über die Straße nur wenige Höhenmeter purzeln und wir ständig auf die Autos achten müssen, denn es gibt keinen Randstreifen oder so etwas und die Autos fahren schnell, auch in den Kurven und uns fällt darüber hinaus auf, dass sich der Verkehr von oben und unten immer genau da trifft, wo wir gerade gehen. Laut Karte können wir in einer der Kehren auf einen Pfad durch den Wald wechseln, um ein paar der Kehren abzuschneiden. Nach einer kurzen Suche finden wir den Einstieg, doch ich frage mich sofort, ob Straße dann nicht doch besser gewesen wäre, denn, wie am Stol, werden diese Wege offensichtlich kaum begangen, führen durch dichten Bewuchs, sind nicht immer eindeutig erkennbar und die Unwetter, die für den Windbruch gesorgt haben, zerstörten auch große Teile der Wege. Viele mühselige Schritte durch Dornengestrüpp, durch ausgewaschene Rinnen, über Baumstümpfe und unter querliegenden Bäumen hindurch später, bin ich fast froh, dass wir die Straße wieder erreichen und auf ihr ein Stück weitergehen können. Zwei, drei Kurven später wechseln wir erneut auf einen Wanderweg, der jedoch deutlich als solcher markiert und besser zu gehen ist, da er eine der Hauptverbindungen zwischen den Tälern darstellt. Kürzer ist er deswegen allerdings nicht. Eine weitere gute Stunde sind wir darauf unterwegs bis wir das letzte Stück Straße erreichen, das zum Startplatz führt. Ein wenig abgekämpft stehen wir nach fast 4 Stunden Fußmarsch seit Verlassen des Parkplatzes nach etwas mehr als 1000 Höhenmetern endlich auf dem Startplatz. Das hatte ich mir anders vorgestellt und wahrscheinlich kam es uns deswegen so beschwerlich vor, weil wir auf einem normalen Weg ohne Verhauer kaum die Hälfte der Zeit benötigt hätten, um hier zu stehen. Nun sind wir aber da, können erstmal ankommen, uns trockenlegen, was essen und den Startplatz in Augenschein nehmen. Ein Tandem startet gerade als wir ankommen, wir schauen ein wenig zu, doch er bleibt nicht lange, biegt relativ schnell in Richtung Landeplatz ab. Ansonsten ist noch genau ein anderer Pilot gestartet, der sich ein wenig am Starthang hält, mal rechts ums Eck, mal links ums Eck fliegt, aber immer in der Nähe des Startplatzes bleibt. Sagt uns, es trägt ein wenig. Der relativ lange Anmarsch hatte dem nach auch etwas Gutes, denn dass wir heute zu früh starten, so wie gestern, kann uns jetzt nicht mehr passieren. Der Pilot landet top, bedeutet, er landet wieder auf dem Startplatz, wurschtelt ein wenig an seinem Zeug rum, zieht um an eine andere Stelle und startet wieder, fliegt erneut ein bisschen hin und her. 
Astrid und ich bereiten zwischenzeitlich alles für einen Start vor, denn fliegen geht auf jeden Fall und als wir zwei Plätze nebeneinander gefunden haben, wo wir fast gleichzeitig starten können, landet der andere Pilot erneut und wir quatschen kurz, wo es am meisten Steigen gibt. Er meint, es sei nicht so prickelnd heute, deswegen packt er jetzt auch ein und ist fertig für heute. 
Bevor ich starte, schaue ich ein wenig in der Gegend rum, um mich zu orientieren, wo ich den Landeplatz finde, den Parkplatz, wo das Auto steht und wie der Hügel nahe am Landeplatz aussieht, hinter dem es je nach Talwind ein großes Lee gibt, in das wir auf keinen Fall hineinfliegen wollen. Mir fällt auf, dass es eine ziemlich lange Strecke bis zum Landeplatz ist, der von hier aus auf der anderen Seite von Tolmin liegt. Es gibt noch einen vorher, doch den haben wir uns nicht angeschaut. Links am Ort vorbei gibt es einige große Wiesen mit nicht zu vielen Hindernissen drauf, was auch gut zu wissen ist, falls eine Außenlandung nötig wird. 

Astrid startet als erste, sie zieht rückwärts auf, stabilisiert, dreht aus und hebt nach ganz wenigen Schritten ab. Als sie sich ein paar Meter entfernt hat, tue ich es ihr gleich und so sind wir erneut völlig allein in der Luft, die Sonne scheint, der Wind ist moderat, wehte am Startplatz mit vielleicht 8-10km/h, und die erste Aufgabe besteht darin herauszufinden, wo es Steigen gibt. Vor dem Start hatten wir noch verabredet, ab welcher Höhe MSL wir auf jeden Fall in Richtung Landeplatz müssen, um diesen sicher gegen den Wind erreichen zu können und auch heute gilt, sobald die erste zum Landeplatz fliegt, folgt die andere. Meine erste Annahme, dass es rechts neben dem Startplatz an einer Baumreihe steigen könnte, bewahrheitet sich nicht und ich kaspere da gar nicht lange rum, sondern drehe um und fliege in die entgegengesetzte Richtung. Gleichzeitig behalte ich Astrid im Auge, die nach meinem Empfinden direkt nach dem Start überraschend viel an Höhe verloren hat und rechne damit, dass sie in Kürze zum Landeplatz abbiegt. Just in diesem Moment hebt’s mich ordentlich über einer Geländekante. Ich drehe sofort ein als das Steigen nachlässt, um den Punkt wieder zu erwischen, was auch gelingt und schwupps geht’s weiter rauf bis auf Augenhöhe mit dem Startplatz. Ich mache mir Sorgen um Astrid. Sieht sehr tief aus, wo sie gerade ist, doch sie hat mein Steigen beobachtet, drehte eine Kurve zurück in den Hang und versucht, an der gleichen Geländekante Steigen zu erwischen. Während ich Meter um Meter den Startplatz überhöhe, kämpft sie weiter unten, um nicht weiter zu sinken und im besten Fall wieder weiter hoch zu kommen, was ihr tatsächlich gelingt. Beharrlich dreht sie ihre Kurven vor der Kante und krabbelt Stück für Stück hoch zu mir und am Ende schafft sie es sogar, deutlich über mich zu kommen. Voll krass. Das hat sie richtig, richtig gut gemacht. Es geht zwar nicht wirklich weit hoch, wir schaffen es, den Startplatz etwa 200m zu überhöhen, doch die Thermiken und Aufwinde genügen, um sich gut halten zu können. Erneut weiß ich, dass es eine gute Entscheidung gewesen ist, den B-Schirm einzukaufen und an solchen Tagen damit zu fliegen, denn mit dem Bergsteigeschirm hätte das im Leben nicht funktioniert, weil die Aufwärtsfahrt viel zu gering für diesen Schirm gewesen wäre, um sich aus der fast verfahrenen Situation wieder nach oben retten zu können. Es gibt immer wieder Klugscheißer, die sagen, dazu braucht’s keinen höherklassifizierten Schirm, doch da bin ich wieder an dem Punkt, wenn’s ordentlich nach oben kachelt, kann ich auch mit einer Plastiktüte fliegen. Aber wenn das nicht so ist, kommt es halt schon ein wenig aufs Material an. Am Ende fliegen wir fast eine Stunde lang zu zweit unsere Thermikkreise mit kleinen Abstechern über die Gegend, beobachten uns gegenseitig, wo Steigen und wo Sinken angesagt ist, teilweise sind die Heber sogar recht heftig, im Mittel liegen sie so bei knapp unter 3m/s, was einigermaßen lieb ist, doch die Anfangsbeschleunigung, wenn ich in eine Thermik einfliege, liegt mitunter bei mehr als 6m/s. Da passiert schon ordentlich was in der Kappe. Ein kleiner Schnalzer hier und da, wenn die äußere Spitze mal entlastet inklusive. Aktiv zu fliegen, alles mitzubekommen, was passiert, Entscheidungen treffen, umsetzen, die Partnerin nicht aus den Augen verlieren, so ist fliegen einigermaßen anstrengend, insbesondere für den Kopf. 
Nun ist es aber auch so, und da ticken Astrid und ich ähnlich, dass es irgendwann langweilig wird, insbesondere dann, wenn wir relativ kleinräumig vor uns hinfliegen, alle Ecken, wo was passiert, ausgekundschaftet haben und sich die Abfolgen beginnen, zu wiederholen. Außerdem, wenn ich so lange mit gewickelten Steuerleinen fliege, schneiden die Dinger irgendwann ein, die Hände schlafen ein, es wird kalt und unbequem im Leichtgurtzeug und dann kommt der Moment, wo mein Quatschi im Kopf sagt, ne Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen wären jetzt auch schön. Und zack, knackt es in meinem Ohr, Astrid meldet sich und funkt durch, dass sie gerne landen gehen würde. Hihi…  wie bestellt. Auf zum Landeplatz. Wir drehen vom Starthang weg, Astrid hat nochmal Steigen und fliegt gute 50-100m über mir, doch auch meine Höhe reicht komfortabel aus, um über den Ort zu kommen, selbst wenn wir nun mit höchstens 25-30km/h Vorwärtsfahrt mit offener Bremse gegen den Wind die letzten Kilometer fliegen müssen und das Sinken dabei ein klein wenig größer ist. Die kleine Bedenkenträgerin in mir setzt sich durch und möchte nicht unmittelbar über bebautes Gebiet fliegen, sondern an dessen Rand entlang, wo es reichlich Wiesen gibt, falls doch eine Außenlandung notwendig werden würde. Ist zwar nicht wahrscheinlich, doch sie gewinnt. Auch Astrid steuert nach links am Ort vorbei, über die Soča drüber, überquert auf dem Weg dorthin Kirche und Friedhof, immerhin ist Allerheiligen, fotografiert den Überflug und schon bald hat auch sie den Bereich um die Landewiese erreicht, wo ich bereits die nicht vorhandene Windrichtung versucht habe zu ermitteln und meine Landeeinteilung fliege. Je weiter ich runterkomme, desto weniger Wind gibt’s, was mir dann auch die Windfahne auf einer Ecke der Landewiese sagt, als ich sie endlich erkenne und so setze ich nach einem langen Endanflug entlang eines Weges sanft auf der Wiese auf und sogleich macht sich Euphorie in mir breit, dass so ein Flug im November überhaupt noch möglich war. Der Hammer. Wenige Minuten nach mir setzt Astrid ebenfalls am Wegesrand auf und hat ein breites Grinsen im Gesicht. Die Schinderei beim Aufstieg hat sich absolut gelohnt, ich bin froh, dass wir nicht aufgegeben haben, gestartet sind und so einen Wahnsinnsflug machen konnten, denn nebenbei bemerkt, das war der letzte Flug, der uns für den B-Schein außer dem finalen Überprüfungsflug noch gefehlt hat. 

Wir legen zusammen, währenddessen hält ein Pärchen, ein paar Jahre älter als wir, auf e-Bikes neben uns an, er ist ebenfalls Pilot und wollte wissen, wie wir hochgekommen sind, denn er hat wohl bemerkt, dass sonst niemand fliegt, der Schalter für die Fliegevignette geschlossen ist und keine Shuttles fahren. Wir schnacken kurz, seine Begleiterin zieht ein langes Gesicht, als wir zu dem Punkt kommen, dass wir zu Fuß hoch sind. Spricht irgendwie Bände, geht mich aber nix an und ich kenne die Leute natürlich kein kleines Bisschen. Um allerdings zu Fuß hochzugehen, ist es inzwischen definitiv zu spät, es geht auf 15 Uhr zu, und morgen ist nach unserem Kenntnisstand kein Flugwetter mehr, weil der Westwind die Oberhand gewinnt und deutlich zulegt. Unser Plan für den heutigen Nachmittag: Zurück zum Auto, Tankstelle ansteuern, wo es ein Landebier und etwas Süßes zu kaufen gibt, dann Ferienwohnung, Kaffee machen, Handpan spielen, Schokotörtchen futtern und später kochen. Das könnte ich jeden Tag haben. Gibt es nicht doch irgendjemanden auf der Welt, der mich dafür bezahlt, dass ich nicht arbeiten gehe? By the way, wo ich die Frage gerade stelle, ein Nachbar von uns hat daraufhin mal geantwortet, dafür hätten wir die falsche Hautfarbe. Spricht auch Bände. 
Abends checken wir erneut das Flugwetter für den nächsten Tag und es bleibt dabei, fliegen ist nicht. Aber das macht nichts. Astrid hat einen Plan B entwickelt, wir machen eine kleine Radtour samstags an der Soča entlang bevor wir in Richtung nach Hause aufbrechen, eine Gelegenheit für mich, mal in die eine oder andere Klamm oberhalb von Bovec hinein zu schauen, ob’s noch so ist, wie ich es vom Kajakfahren vor 34 Jahren kannte. Ich freue mich darauf. Was wir noch brauchen ist eine Idee davon, wo wir sonntags vielleicht fliegen können, denn wir wollen die Rückreise wieder unterbrechen, um keine 8-10 Stunden am Stück im Auto zu sitzen. Ansonsten packen wir schonmal zusammen, was geht, damit’s am nächsten Morgen, dem Tag der Abreise aus Slowenien, etwas zügiger geht.

Samstag, 2. November. Schweren Herzens räumen wir die FeWo. Hier könnten wir es länger aushalten und versprechen Sandis Sohn, mit dem wir noch ein bisschen plaudern, dass wir wiederkommen, es hätte uns schlimm gut gefallen. Im Auftrag seines Vaters drückt er uns noch eine kleine Flasche Selbstgebrannten in die Hand, wir verabschieden uns und reiten los in Richtung Bovec. Wir parkieren an dem kleinen Flugplatz, steigen auf die Räder und fahren los, die Soča hoch, kommen tatsächlich wenigstens an einer der kleinen Flussklammen vorbei, die ich noch von früher kenne und ich habe kleine déjà-vus, wie ich da mit dem Paddelboot runter bzw. durch bin. Digga, das ist lange her. Bei unserer Radtour haben wir nicht bedacht, dass das enge Soča-Tal oberhalb von Bovec um diese Jahreszeit mehr oder weniger ganz im Schatten liegt und wir frieren wie die Schneider, ziehen an, was wir noch im Rucksack haben und als nach 10km der erste Fleck mit Sonne vorbeikommt, beschließen wir erst Pause zu machen und was zu essen und dann, dass es hier auch gut ist für heute und wir nach der Pause zurückfahren. Auf dem Rückweg geht’s ein bisschen mehr bergab und es ist gefühlt noch kälter, weil wir schneller fahren können und ich bin fast froh als wir den kleinen Anstieg aus dem Tal heraus zum Parkplatz erreichen, weil dort endlich die Sonne wieder hinkommt. Brrr… 
Ein kleiner Supermarkt und ein kleines Sportgeschäft werden noch von uns überfallen, bevor wir auf die Idee kommen, abschließend ein Café zu suchen, um unseren Aufenthalt in Slowenien mit Kaffee&Kuchen zu beschließen. Wir werden fündig und erneut überrascht, wie freundlich und zuvorkommend die Menschen hier sind. Einfach schön. Dann geht’s auf die Straße, über Tarvisio in Italien zurück nach Österreich und auf die Tauernautobahn nach Norden. Unterwegs bucht Astrid uns ein Hotelzimmer in Werfenweng an der Bischlinghöhe, eines der wenigen, die überhaupt noch zu bekommen sind, wo wir dann mit einiger Verspätung aufschlagen, weil die Dauerbaustellen auf der A10 eher einem langen Parkplatz gleichen als einer Autobahn. Die anfängliche Idee, bei unseren Freunden Alex und Manuel in Saalfelden aufzukreuzen und mit ihnen zusammen etwas zu unternehmen, scheitert an unterschiedlichen Vorstellungen bezüglich der Aktivitäten an so einen Tag. Weil wir keine 2000-Höhenmeter-Tour mit „Klippenstart“ machen wollen, wie es den beiden vorschwebt, entscheiden wir uns dazu, es mit Fliegen am Bischling zu versuchen, denn dort könnte sich sonntags was ausgehen und der Zustieg zu Fuß ist mit etwa 2 Stunden und rund 800 Höhenmetern moderat und passt in den Tag, an dem wir danach noch etwa 4 Stunden fahren müssen. Den anderen beiden ist das zu fade, aber dann ist das eben so. 
Gerade auf den Hotelparkplatz gerollt, quatscht uns ein besoffener alter Mann an. Boaahhh…. Das Gesülze brauche ich jetzt wirklich nicht. Erstmal hilft es, diesem Menschen keine Aufmerksamkeit zu schenken, er verschwindet im Restaurantbereich des Hotels, doch leider sind wir so spät dran, dass die Rezeption geschlossen ist und man solle sich im Restaurant melden, wo uns dieser ekelhafte Mensch schon wieder anlabert und damit offensichtlich auch allen anderen Anwesenden auf die Nerven geht. Immerhin finden wir mit der Servicekraft hinterm Tresen zum Ziel, bekommen einen Schlüssel und beziehen unser Zimmer für die Nacht. Beim Aufschließen der Tür bekomme ich Sehnsucht nach einem eigenen Wohnmobil. Ein waschechtes Retro-Zimmer. Ich schätze, die letzte Renovierung war wahrscheinlich vor 1955 und ich staune mal wieder, wie leider oft, für was die Menschen sich trauen, Geld zu verlangen. Alt, abgeranzt, kalt, geflickschustert für bald 140€ die Nacht, aber immerhin mit Frühstück. „Kalt“ lösen wir, indem wir mal die Balkontür schließen und die Heizung anschalten, wobei das eine kleine Herausforderung ist, da der gigantische, aber ineffiziente Heizkörper, wie in den 50igern üblich, sich hinter einer Holzverkleidung versteckte. Das Bett ist nicht so schlecht. Die Matratze ist noch keine 70 Jahre alt. Wir werden die eine Nacht überleben. Apropos Überleben, Hunger. Es gibt ja ein Restaurant und als wir dort einfallen, lernen wir, dass die Bude den letzten Tag vor der Pause bis Skisaisonstart offen hat. Morgen nach dem Frühstück gehen alle in Urlaub. Doch bis dahin gibt’s natürlich noch etwas zu essen und zu trinken und ich muss sagen, dass Essen ist besser als die Zimmer vermuten lassen.

Sonntag, 03. November. Der Tag beginnt mit einer Textnachricht von Alex, die sich was von der Seele schreiben will, weil wir doch gesagt hätten, wir kämen vorbei. Eine Erwartungshaltung, die wir nicht nachvollziehen können, denn alle bis dahin auch von ihr geschriebenen Inhalte waren im Konjunktiv geschrieben, es war nichts fest vereinbart und offensichtlich passten unsere Vorstellungen bezüglich der Aktivitäten, die heute für uns gehen können, nicht zusammen, was Astrid auch genauso antwortet. Seitdem ist Funkstille bis heute, die wir nicht einordnen können. 
Mehr Sorgen macht mir die geschlossene Nebeldecke im Tal und die nervigen Kinder beim Frühstück. Selbstverwirklichung von Eltern ist nicht in allen Belangen sinnvoll, manchmal wünsche ich mir, dass Kinder durchsetzbare Grenzen kennen würden. Fremdscham. Ich spreche den Menschen vom Service an, was er zum Nebel meint oder welche Erfahrungen es gibt, ob das nochmal aufreißen könnte? Wir schauen zusammen den Wetterbericht an, den wir schon kennen und der von Sonne spricht. Ein Nebelloch sei Werfenweng eigentlich nicht, das sei heute das erste Mal, dass er da ist, doch er meint, wir sollen mal schauen, ob jemand von der Flugschule am Landeplatz da sei und dort nochmal nachfragen. So machen wir das dann auch, als wir ausgechecked haben, springen wir erst an der Flugschule vorbei, sprechen dort mit einem Menschen, der allerdings ebenfalls keinen Rat hat, und entscheiden dann, dass wir einfach mal losgehen und sehen, was passiert, denn oben am Startplatz scheint die Sonne, wie wir von der Webcam erfahren. Sollte es wider Erwarten keine Bodensicht geben bis wir oben sind und sich das auch nach einer angemessenen Wartezeit nicht ändert, sind die 800 Höhenmeter auch schnell wieder abgestiegen, was dann immer noch in unseren restlichen Lebensplan für den Tag passt. Weil auch hier die Bergbahn in Revision ist, gibt’s keine Touristen, der Parkplatz an der Bahn ist leer, es sind nur sehr wenige Wandernde unterwegs und wir beobachten einen anderen Piloten, der leicht an seinem Rucksack zu erkennen ist und der sich ebenfalls auf den Weg nach oben macht. Ok, wir sind nicht die einzigen mit einer kleinen Hoffnung auf einen Flug. Den Weg kennen wir teilweise schon vom letzten Winter, wo wir mit den Tourenski zum Fliegen hier hoch sind. Unterwegs kommen wir so ab etwa 1200m in den Nebel, sind aber ab etwa 1300m schon wieder draußen. Dick ist die Decke also nicht und wir beobachten vom Weg aus, wo es möglich ist, dass sich etwas tut. Über dem Ort ist das erste Loch entstanden und wenn das mal da ist und die Sonne noch ein bisschen Kraft hat, müsste es sich schon soweit auflösen, dass wir mindestens ein Loch zum Durchschlupfen finden, denn das genügt prinzipiell. Es geht ein kleines Stück über die Skipiste weiter, die Sonne scheint schön, es ist nichts los, nur wenige bis keine anderen Menschen und so erreichen wir in nicht mal 2 Stunden und dann doch knapp 900 Höhenmetern den Startplatz und machen noch einen winzigen Abstecher zum Gipfelkreuz. Ein einziger anderer Pilot ist da, mit dem wir ein wenig ins Gespräch kommen, denn er hat einen ganz neuen Miniwing zum Testen da. Als er weg ist, legen Astrid und ich aus, es ist Platz genug, dass wir beide nebeneinander starten können und dann fliegen wir raus. Trotz der Sonne ist es relativ kalt und fast windstill, weswegen weder mit Thermik noch mit Hangaufwinden zu rechnen ist und weswegen wir auch unsere leichteren Bergsteigeschirme eingepackt haben. Dafür ist die Luft ruhig, Zeit zum Genießen und ich mache etwas, was ich bis dahin noch nie gemacht habe: Ich lasse die Steuerleinen los, ziehe die Handschuhe aus, stecke sie mir oben in die Jacke, denn ich habe keine Bändel dran, nehme mein Telefon aus der Tragegurttasche am Rucksack, es ist dort mit einem kleinen Karabiner an einer Schnur fest, und mache mein allererstes Video während eines Fluges. Und dann noch ein kurzes, wo Astrid mit drauf ist und wo eine Inversion schön zu sehen ist, die in den Tälern liegt. Momente, die einem niemand mehr wegnehmen kann. Ich freue mich schon wieder, wie ein Schnitzel, dass wir einfach so fliegen dürfen und können, ganz ohne schneller, höher, weiter, wie andere es gerade betreiben. Ich brauche das Rennen um spektakuläre Instagram-Beiträge nicht, sondern bin einfach nur happy, ganz besonders dann, wenn mein Lieblingsmensch und ich uns in der Luft begegnen. Das Einzige, was ich ein wenig verkacke, ist schon wieder die Landung. Offensichtlich immer noch mein Endgegner, auch nach rund 130 Flügen noch. Das mit der Windrichtung ist irgendwie schwer einzuschätzen, die Windsäcke sind keine Hilfe, sie zeigen immer wieder zwar schwache aber doch wechselnde Verhältnisse an und so kommt es, dass Astrid und ich in genau entgegengesetzter Richtung in den Endanflug gehen, sie nahe der Straße und der Flugschule aufsetzt und ich bei leicht abfallender Wiese in meiner Richtung und tragender Luft weit über den Landeplatz hinausfliege, bis meine Füße endlich den Boden berühren. Ich traue mich nicht, wie andere das häufig tun, mich herunter zu bremsen, denn prinzipiell ist Geschwindigkeit beim Landen sicherer und ermöglicht es, erst kurz vorm Aufsetzen mit dem richtigen Bremsimpuls die Fahrt so zu reduzieren, dass sehr sanftes Landen möglich wird. Wenn ich hingegen schon angebremst reinkomme, riskiere ich am Ende noch einen Strömungsabriss dicht überm Boden und beraube mich der Möglichkeit, den eben beschriebenen Impuls setzen zu können. Die Wiese ist lang, keine Hindernisse, ich muss bloß mit der Tulpe in der Hand lange zurücklaufen, um auf Höhe Astrid wieder in der Sonne zu sein, wo wir dann gemeinsam zusammenpacken. Erstmal fallen wir uns in die Arme und busseln. Die Entscheidung hinauf zu gehen trotz Nebel, war genau richtig und hat uns, wie so oft in dieser Woche, einen leeren Himmel für uns allein geschenkt.
Jetzt bin ich fein, nach Hause zu fahren und mit ein bisschen Glück noch in unseren Stammgasthof zu kommen. Eine blöde Sache passiert allerdings noch: Mein geliebtes Schweizer Messer habe ich auf dem Parkplatz liegenlassen, nachdem ich es völlig untypisch nicht sofort aus dem Flugrucksack zurück in die Handtasche gepackt, sondern schlampig auf meinem Zeug habe rumliegen lassen, von wo aus es unbemerkt auf den Boden rutschte. Tue Dinge immer gleich. Fail. Das hat weh getan, als ich es zu Hause bemerkte. Es hat mich nun etwa 30 Jahre begleitet, ich hatte es damals von meinen letzten Kröten auf der Abschlussfahrt mit der Fachabiturklasse in der Schweiz eingekauft. Es wollte wohl nicht mehr bei mir sein und ich beschließe, dass es nicht klug ist, an materiellen Dingen zu hängen. Das Messer ist ersetzbar, kein Grund sich zu grämen. Vielleicht findet es jemand anderes und wird glücklich damit. 
Das Ding mit den Wangerstuben hat am Ende auch funktioniert, wir sind zu den gewöhnlichen Öffnungszeiten dort angekommen und mussten kein Cordon bleu telefonisch vorbestellen, wie zuletzt auf der Fahrt zurück aus dem Gsieser Tal. 

Eine voll schöne Woche vollgepackt mit lieben Menschen, tollen Erlebnissen am Boden und in der Luft und 3 neuen Fluggeländen geht zu Ende. Jetzt drücke ich uns für die nächsten 3-4 Monaten die Daumen, dass wir trotz Winter ein paar Gelegenheiten zum Fliegen bekommen. Im nächsten Jahr wartet im April zuerst ein weiteres Sicherheitstraining mit den neuen Schirmen auf uns und im Mai ein Thermikseminar für Frauen und spätestens dort würde ich mich freuen, wenn das mit unserem finalen Überprüfungsflug klappt und wir damit den unbeschränkten Luftfahrerschein bekommen können.

Fliegeurlaub in Slowenien, 27.10.-03.11.2024

Es ist Ende Oktober. Vergangenes Jahr um diese Zeit hatten wir am Idrosee unser erstes Sicherheitstraining bei äußerst durchwachsenem Wetter, was uns in 5 Tagen nur 3 Flüge bescherte. Deswegen lag dieses Jahr der Fokus auf „Wo scheint die Sonne“ und wenn wir solche Gegenden gefunden haben, in welchen kann geflogen werden? So ist Astrid ziemlich schnell auf Slowenien gekommen, genauer das Gebiet um Kobarid im Nordwesten des Landes herum, von dem uns schon bekannt ist, dass es tolle Flugberge, wie z.B. den Stol oder den Kobala gibt. Was es dort außerdem gibt, ist die Soča, die ich bereits mit dem Kajak kennenlernen durfte und als ich so darüber nachdachte, bemerkte ich, dass es inzwischen 34 Jahre her ist, als ich mit meinen Eltern dort paddelnd unterwegs war. Slowenien gehörte noch zu Jugoslawien und der Bürgerkrieg stand kurz bevor. Damals, 1990, wusste kaum jemand etwas vom Gleitschirmfliegen, man sah keine Himmel voller Schirme, wenn Frau in den Bergen unterwegs war. Heute ist das anders. Was geblieben ist, ist das leuchtend azurblaue Wasser der Soča und die sensationell netten Menschen, die dort wohnen.

Die Frage, ob wir nach Südtirol fahren, auch wenn das NOVA Hike&Fly Testival abgesagt wird, stellte sich irgendwie nicht. Die Ferienwohnung, die wir in St. Magdalena gebucht hatten als der Termin für die Veranstaltung feststand, war sowieso nicht mehr ohne volle Kosten stornierbar und nachdem die trockenen Fenster in der Prognose immer größer und der vorhergesagte Wind immer schwächer wurde, war uns klar, dass wir etwas finden werden, was wir an diesem langen Wochenende unternehmen können. Es hätte uns schon interessiert, mal einen Schirm eines anderen Herstellers zu fliegen, den Ion 7 light zum Beispiel, was wir uns im vergangenen Jahr noch nicht so richtig getraut hatten, doch unser Herz hängt nicht dran. Mit dem im Sommer neu erworbenen Advance Theta bleiben in Sachen B-Schirm keine Wünsche offen und auch unser Advance Pi3, auf dem wir gelernt haben, war mit im Gepäck, weil er einfach doch nochmal fast ein Kilo leichter ist als der Theta und uns sicher für die folgenden Bergabenteuer mit Schirm ein hervorragender Begleiter sein wird. Dann machen wir aus der großen Veranstaltung eben eine kleine private und im Gsieser Tal waren wir bis dahin auch noch nie. 
Die Anfahrt donnerstags gestaltet sich etwas nervig, denn die Brennerautobahn ist im Moment eine einzige Baustelle, in der es in beiden Richtungen mehrmals von drei auf eine Spur zusammengeht und dann ist bei Brixen irgendwann am Tag auch noch ein Lastwagenunfall passiert, was dazu führte, dass wir praktisch von der Mautstelle in Matrei bis hinter Sterzing im Stau standen, wobei richtig schlimm hat’s die LKW-Fahrer getroffen, die von ihrer Spur nicht runter dürfen und demzufolge solange stehen mussten, bis fertig geräumt war. Mehr als 30km Stillstand ohne zu wissen, wann es vielleicht mal weitergeht. Was über diesen Pass täglich drüber läuft, ist der absolute Wahnsinn. Eine sinnvolle Ausweichmöglichkeit existiert nicht, weder für den Schwerverkehr noch für die Massen an Touristen. Auch wir verbringen deutlich mehr stehend als fahrend einen großen Teil des Nachmittags auf dieser Straße, bis es hinter der Mautstelle in Sterzing dann endlich wieder anfing zu rollen. Wir hören zwei Podcast-Folgen von Ulligunde und haben den neuen Kluftinger als Hörbuch am Start, womit die Zeit wenigstens nicht ganz so zäh vergeht.

Doch am Ende des Tages erreichen wir unsere Unterkunft, lernen wieder mal supernette Menschen kennen und erfahren von unserem Vermieter, dass er früher auch geflogen ist und sein Bruder das immer noch tut. Schwupps, kommen wir ins Gespräch. 

Die kleine Ferienwohnung unterm Dach eines rund 500 Jahre alten Bauernhauses ist im Vergleich zu unseren bisherigen Erfahrungen ein Traum. Alles wirkt neu und hochwertig und es gibt sogar eine eigene Infrarotkabine. Wir zaubern uns etwas Leckeres zu futtern und dann gilt es natürlich herauszufinden, was am nächsten Tag geht. Am liebsten natürlich fliegen, denn dafür sind wir da, doch für den Freitag ist noch etwas Nordföhn vorhergesagt, der sich im Tagesverlauf jedoch abschwächen soll und den wir am nächsten Morgen nach den nächtlichen Wetterläufen nochmal prüfen müssen. Von der Windrichtung her wird’s im Gsieser Tal eher nix, da die Startplätze dort eher für südliche Richtungen taugen, zumindest die, die BurnAir kennt, weswegen wir uns relativ schnell einig sind, es am Kronplatz zu versuchen, den wir bereits im Januar schonmal „beflogen“ haben und uns ein wenig auskennen. Weil die relative Höhe am Kronplatz mit über 1300 Metern nicht unbedingt zum Hike&Fly, sondern eher zum Bahnfahren einlädt und die Bergfahrt mit der Seilbahn nach unserem Empfinden mit fast 30€ pro Nase nicht das günstigste Vergnügen ist, steht nach dem Fliegen ein bisschen Sightseeing in Bruneck auf der Ideenliste. 
Der nächste Morgen. Der Wind passt immer noch für einen der nördlichen Startplätze am Kronplatz und wir bleiben bei dem Plan, es dort zu versuchen, obwohl im Gsieser Tal die Sonne scheint, zeitgleich der Wind dort immer noch nicht zum Fliegen taugt. Eine halbe Stunde später erreichen wir den großen Parkplatz an der Seilbahn in Reischach, über uns eine dicke Nebeldecke, die den Eindruck erweckt, heute am Berg wohnen zu bleiben. Die Webcam oben am Gipfel zeigt herrlichen Sonnenschein oberhalb der Nebelschicht, die zwar über Bruneck ein größeres Loch aufweist, an den Berghängen jedoch ein sehr dichtes und düsteres Bild abgibt. Erstmal Landeplatz anschauen, der im Sommer direkt unterhalb des Parkplatzes reichlich Platz bietet, sich bei Bergwind allerdings im Lee der Baumreihe zwischen Park- und Landeplatz befindet. Alternativ kann wohl auch der Winterlandeplatz ein Stück neben der äußersten Talstation einer der Seilbahnen benutzt werden. Das ändert aber nix an der dicken Nebeldecke über uns. Es ist kalt. Wir setzen uns wieder ins Auto, um zu besprechen, was wir nun mit der Situation anfangen. Gleich nach Bruneck fahren? Wäre irgendwie schade. Trotz des Nebels rauffahren und oben bisschen rumlaufen? Das Ticket ist exorbitant teuer. Während wir so vor uns hindenken, reißt ein erstes Loch auf und es dauert keine Minute, da kommt bereits der erste Gleitschirm durchgehuscht. Kaum zu glauben. Alle Fragen sind beantwortet, Flugzeug unter den Arm geklemmt, Ticket gekauft und in die Bahn gehockt. Der Mensch an der Kasse weißt uns daraufhin, dass eine Tageskarte sich bereits ab der zweiten Fahrt lohnt, doch wir lehnen ab, bedanken uns, es soll nur ein Flug werden. Auf dem Weg nach oben kann Frau zuschauen, wie sich der Nebel immer weiter auflöst und immer mehr Schirme in der Luft auftauchen. Oben angekommen erwartet uns strahlender Sonnenschein und die nächste Aufgabe besteht lediglich darin, einen geeigneten Startplatz zu finden, denn der Wind ist etwas unentschlossen, ist mal mehr auf Nord, dann mal mehr auf West. Als erstes steuern wir den Nord-Startplatz an, denn von der Bahn aus haben wir bereits gesehen, dass dort ein paar Pilot:innen gestartet sind. Beim Eintreffen bemerken wir jedoch, dass der Wind ziemlich auf West steht, also sind wir zum Nordwest-Startplatz umgezogen, den wir bereits kennen, denn wir sind im Januar schonmal hier geflogen. Dort startet auch ein Pilot, doch als wir fertig umgezogen sind, die Schirme zum Auslegen unterm Arm klemmen haben, sieht die Welt schon wieder anders aus. Wieder zurück zum Nord-Startplatz. Hier ist der Wind inzwischen fast ganz eingeschlafen, aber das ist ja auch in Ordnung. Wir legen aus und starten ganz entspannt, wobei die einzige Herausforderung darin besteht, unmittelbar nach dem Abheben nicht in die tiefergelegene Schneekanone hineinzufliegen, doch die anfänglichen Bedenken sind unbegründet. 
Astrid: Naja, „unbegründet“ ist relativ. Als sich die Schneekanone in Kopfhöhe neben mir vorbei bewegt hat, hab‘ ich erst mal kurz drüber nachgedacht, wie breit mein Schirm eigentlich ist und dass ich grad froh bin, dass die Leinen sich nach unten zur Pilotin hin verjüngen. In der Luft wirkte es verdammt nah. Aber ist gut gegangen.

Aufgrund des großen relativen Höhenunterschieds von mehr als 1300 Höhenmeter dauert selbst ein Gleitflug mit dem Theta etwa 20 Minuten und der direkte Vergleich, den wir im vergangenen Januar mit dem Pi3 machen konnten, wo ein Gleitflug etwa 6 Minuten kürzer war, zeigt, dass die Entscheidung, auf einen B-Schirm umzusteigen, um überhaupt mal eine Chance zu haben, mehr Airtime auch bei wenig bis keinem Auftrieb zu generieren, genau richtig war. Die Luft ist ruhig, keine Thermik, keine Aufwinde an den Berghängen, ein Flug zum Entspannen. Das ist entgegen vieler Meinungen anderer Pilot:innen eine tolle Sache, ein Privileg, so einfach fliegen zu dürfen. Häufig werden ruhige Gleitflüge von anderen als nicht lohnend dargestellt, was ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen kann. Ich genieße solche Flüge, gerade wenn so große Höhenunterschiede zur Verfügung stehen, lasse alles los, schaue mit einem Blick nach oben gerne meinem Schirm zu, wie er da so einfach vor sich hinfliegt, sehe mir die Umgebung an, ganz ohne Fliegestress und freue mich jedes Mal, wie ein Schnitzel, dass ich bzw. wir das einfach so tun können. Traumhaft schön. Als die Höhe so langsam ausgeht und landen angesagt ist, fliege ich noch ein, zwei Mal vor und zurück, um zu wissen, wo der Wind herkommt, denn der Windsack, der zwischen den Bäumen hängt, ist kaum zu sehen und zeigt nicht zuverlässig an. Wir landen beide fein und irgendwie ist fliegen in meinem Kopf für heute abgeschlossen und ich bin in Gedanken beim Stadtbummel in Bruneck. Das geht nicht allen Teilnehmerinnen so. Zurück am Auto, mit Blick auf die Uhr und in die Luft, stellt Astrid die Frage, ob wir nochmal rauf wollen. Wir beobachten ein paar Schirme, die offensichtlich ein wenig Thermik erwischt haben, denn die Sonne scheint nun am frühen Nachmittag ganz ordentlich und obwohl mir die spontane Planänderung nicht so leicht fällt, hat Astrid selbstredend recht, dass wir so eine Gelegenheit so spät im Jahr keinesfalls verstreichen lassen sollten. Scheiß auf die teure Bahnfahrt. 

Der Mensch an der Kasse muss grinsen als er uns wieder vor sich hat und sein Rat sich bestätigt, bei mehr als einer Auffahrt lieber eine Tageskarte zu kaufen. Wir kommen ein wenig ins Gespräch und ja, natürlich lag er richtig, wir müssen selbst lachen. Am Ende lässt er im Rahmen seiner Möglichkeiten sogar noch ein wenig am Preis nach, was voll nett und nicht selbstverständlich ist, sodass wir etwa beim Preis einer Tageskarte pro Nase in Summe landen. Auch ein Grund, warum wir so gerne in Südtirol unterwegs sind: Die Menschen dort sind fast immer ausnehmend freundlich. 
Während der Fahrt nach oben stellen wir fest, dass die beobachteten Thermikflieger alle wieder mehrere Etagen tiefer unterwegs sind. Macht überhaupt nix. Den zweiten Flug starten wir am Nordwest-Startplatz, wo der Wind besser ansteht, kommen gut raus und es ist einfach wieder nur traumhaft. Übrigens müssen wir nirgendwo warten oder anstehen zum Starten, denn die Menge der fliegenden Menschen ist sehr überschaubar und die Startplätze so groß, dass immer mindestens 2-3 gleichzeitig auslegen können, ohne dass man sich behindert. Unterwegs gibt’s den einen oder anderen Meter steigen, weswegen der Flug etwas länger dauert und ich entscheide mich, mal etwas weiter in der Gegend herumzufliegen, was mein Gleitbereich so hergibt, und nicht wieder sofort dem Fokus Landeplatz zu verfallen. Das hat sich beim Fliegen mit dem Pi3 so ein bisschen eingeschlichen, weil dieser Schirm halt auch einfach nicht dafür gemacht ist, lange Strecken zu fliegen, sondern primär eine Abstiegshilfe beim Bergsteigen sein soll. Dafür haben wir ihn ja auch eingekauft. Mit dem Theta sieht die Welt anders aus. Er sinkt langsamer und fliegt schneller, beschleunigt in ruhiger Luft sind schnell 50km/h erreicht. 
Während unseres Fluges beobachten wir beide eine Gruppe, die mit sehr kleinen Schirmen à la Moustache offensichtlich am Trainieren sind. Sie schießen regelrecht in Bodennähe entlang der schwarzen Pisten zwischen den Bäumen hindurch nach unten, machen seitliche Loopings am laufenden Band, fliegen teilweise unter den Seilbahnen durch und gehen nach meinem Empfinden dabei hohe Risiken ein. Alles Jungs. Testosteron ist schon eine schlimme Sache. Jüngst ist bei so etwas wieder ein junger Mensch gestorben. Mit rund 100 Klamotten die Kurve nicht bekommen und in die Bäume geknallt. Tot. 
Ich mag’s da lieber, wenn etwas Luft unter meinem Popo und die Fahrt nicht ganz so schnell ist. Es gibt Menschen, die das als fade bezeichnen. Ich find’s toll und als meine Füße den Boden des Landeplatzes berühren, stellt sich eine tiefe Zufriedenheit und Gelassenheit ein und auch Astrid hat ein breites Grinsen im Gesicht als wir uns zum Zusammenlegen treffen. Der Tag hat bis dahin schon 100% mehr geboten, als wir uns morgens erhofft hatten. Was will Frau mehr.
Der Stadtbummel fällt aus, da haben wir beide keine Lust mehr dazu, stattdessen kaufen wir unterwegs noch ein, was wir an Futter brauchen und tuckern zurück ins Gsieser Tal zu unserer FeWo, wo wir es uns beim Landebier gemütlich machen, Pasta Ragôut kochen und ich noch ein wenig auf meiner Handpan klimpern kann. Das Ding hab‘ ich übrigens auch übers Fliegen kennengelernt und seit ich spiele, muss sie überall hin mit. Eine einfache D-Kurd 8+1, falls das jemanden interessiert.
Die Prognose für den nächsten Tag sagt, wir gehen zu Fuß an der FeWo mit unserem Flugzeug auf dem Rücken los und zum Startplatz oberhalb der Uwaldalm hoch. An diesem Abend lernen wir außerdem, dass samstags Almabtrieb ist, was uns jedoch nicht weiter berühren sollte. 

Am nächsten Morgen bestätigt unsere Fliege-App, dass wir unseren Plan umsetzen können und just als wir die Tür hinter uns zuziehen, sehen wir 2-3 Schirme in der Luft und nach einer Inspektion eines möglichen Landeplatzes auf dem Weg, treffen wir die kleine Gruppe Piloten, die alle neben dem aufgebauten Festplatz für den Almabtrieb auf einer handtuchgroßen Wiese gelandet sind. Wir schnacken kurz, der Wind oben passt und sollte erstmal auch so bleiben, nur wenn wir später landen, müssen wir schauen, dass wir nicht gerade zwischen den Kühen aufsetzen, weil die sich hier später sammeln werden, so einer der drei. Da wir uns bereits einen Landeplatz ohne Umzäunung etwas abseits ausgesucht hatten, sollte der Almabtrieb für uns keine Rolle spielen. Der Aufstieg erfolgt bis zur Uwaldalm komplett auf einem Forstweg, was etwas langatmig ist, da die Höhenmeter auf einem befahrbaren Weg nur sehr langsam purzeln, doch andererseits ist’s auch wurscht, denn außer runterfliegen haben wir nichts mehr vor für den Tag. Unterwegs kommen wir an einem Stück vorbei, wo aus Holzbohlen eine Art Bande am Wegesrand aufgebaut wurde, was sehr nach Rodelbahn im Winter aussieht. Wir werden später unseren Vermieter mal fragen, ob wir da richtig liegen. Ab der Alm setzen wir unseren Weg auf einem Trampelpfad fort, es sind von dort schon noch etwa 200 Höhenmeter, doch der Windsack am Startplatz ist bereits zu sehen und wir nehmen mit jedem Meter nach oben wahr, dass der Wind teilweise ganz ordentlich bläst, was mich sofort wieder zweifeln lässt, ob starten für mich möglich ist. Die letzte Wiese queren wir ein Stück, suchen uns einen Platz aus, wo wir auslegen können, doch nach kurzer Inspektion durch Astrid unmittelbar in der Nähe der Windfahne, entscheiden wir, zum Starten dorthin umzuziehen, denn die Wiese um die Fahne herum ist etwas flacher und mit weniger Gestrüpp angenehmer. Bevor wir uns für den Start fertigmachen, halten wir mal kurz inne, strecken die Beine aus, essen und trinken und beobachten, wie sich der Wind so verhält. Prinzipiell kommt der Wind den Hang vor uns hinauf und ist fürs Starten geeignet, die teilweise recht starken Böen wechseln sich immer auch wieder mit ruhigeren Phasen ab, wobei wir etwas aufpassen müssen, denn der Startplatz liegt auf etwa 2200m MSL und der überregionale Wind pfeift nur wenige hundert Meter über uns mit mehr als 35km/h aus West, also quer zur Startrichtung, allerdings gibt es um uns herum keine Kante in Form eines Grates oder so, was ein starkes Lee zur Folge hätte. Also erstmal alles gut.
Für diesen Flug griffen wir wieder auf unsere Pi3’s zurück, denn es war von vornherein nicht mit Thermik oder Hangsoaring zu rechnen, weswegen wir keinen Grund sahen, den schwereren Theta den Berg hinauf zu tragen. 

Astrid: Nach der kurzen Pause beschließen wir, dass es gut gehen könnte und wir die Schirmchen mal aufziehen. Also fertig machen, Partnerinnencheck und Schirme direkt nebeneinander auslegen. Ich lasse Milla den Vortritt. Mein Plan ist, direkt nach ihr rückwärts auf zu ziehen und fast parallel zu ihr raus zu starten. So können wir uns in der Luft auf ungefähr gleicher Höhe begegnen, was immer wunderschöne Momente sind. Milla zieht auf, stabilisiert ihren Schirm, dreht sich aus und hebt nach einem Schritt ab. Fein. Ich beobachte das aus dem Augenwinkel und im Moment ihres Abhebens ziehe auch ich den Schirm auf. Ich kriege ihn stabilisiert, drehe mich aus und just in dem Moment, in dem ich der Meinung bin, dass alles fein ist, zieht der kleine Pi plötzlich nach rechts weg. „Na gut, dann eben erst mal unterlaufen und neu stabilisieren“, denk ich beim seitwärts gehen noch so, doch da ist es auch schon zu spät. Eine Bö dreht mir den Schirm weg, er dreht sich einmal komplett um die eigene Achse und landet auf der Eintrittskante hinter mir auf dem Boden. Na priml. Sofort steigt der Puls und das Gedankenkarussell dreht sich… Milla ist schon gestartet, ich steh hier mutterseelenalleine auf über zweitausend Meter, der Wind wird immer stärker…das kann ja heiter werden… Seit mir mal ein Typ am Startplatz in genau so einer Situation das Gefühl gegeben hat, zu blöd zum Starten zu sein, macht mich sowas nervös. Doch da meldet sich zum Glück die Stimme in meinem Hinterkopf und sagt mir, dass ich jetzt erst mal durchschnaufen soll. Atmen. Atmen. Atmen. Also mach ich genau das. Ich atme erst mal. Und schau mal nach Milla. Die hält sich mit ihrem Schirm im Hangaufwind nur knapp unterhalb des Startplatzes und schaut zu mir her. Das beruhigt mich. Ich bin nicht alleine. Und ich kann das. Ich weiß das, ich kann das. Also den Schirm wieder umdrehen (Notiz an mich selbst: beim nächsten Groundhandeln so lang üben, bis ich ihn mit dem Wind gedreht kriege und ihn nicht wie so ein Newbie über den Startplatz zerren muss und mich dabei noch mit den Füßen in den Leinen verheddere…), wieder fein auslegen. Dann erst nochmal atmen. Konzentrieren. Und dann Aufziehen, Stabilisieren, Ausdrehen und: los. Ääh…nix geht los. Too much wind. Ich komme nicht vorwärts. Sofort denk ich an Fluglehrer Mops, der mir in einer ähnlichen Situation mal sagte: „mach halt die Bremse ganz auf, dann fliegt er auch vorwärts.“ Problem nur heute: ich hab‘ die Bremse schon ganz auf. Ich lehne mich in die Tragegurte. Und es tut sich: nix. Na priml. Fast zieht mich der Schirm rückwärts. Na mega priml. Komm ich hier heute doch nicht weg? Und genau in dem Moment, in dem ich das denke, lässt die Windstärke ein klitzekleines bisschen nach. Ich lehne mich nochmal nach vorne in die Tragegurte, vergewissere mich, dass ich die Bremse wirklich ganz, ganz offen hab und dann passiert tatsächlich was. Doch statt nach vorne, geht es nur nach oben. Na priml. Gefühlt hänge ich 5 Meter über dem brettebenen Startplatz und hab Sorge, dass mir gleich irgendwas in einer Bö einklappt und ich ungebremst wieder auf dem Startplatz einschlage. Großes Kino. Doch dann geht es endlich vorwärts über die Hangkante hinweg und der Aufwind trägt mich so hoch, dass ich weit genug von allem weg bin, was sich ungut anfühlt. Und zack ist der Schreck weg und der Spaß da. Hangsoaren. I like. Doch wo ist eigentlich Milla? Ich suche das Tal ab und sehe sie ein gutes Stück tiefer über das Tal hinaus fliegen. Ich statte den Kühen auf der Alm und der Almhütte noch einen kurzen Überflug-Besuch ab und mache mich dann auch Richtung Tal raus. Denn die Luft ist verdammt unruhig. Es ruckelt und zuckelt die ganze Zeit an meinem Gurtzeug und ich hab‘ gefühlt alle Hände und Hüften voll zu tun, um diese ganzen Luftbewegungen aus zu gleichen. Mit so unruhiger Luft hatte ich heute nicht gerechnet. Haben wir die Bedingungen etwa falsch eingeschätzt? „Naja, ist nicht weiter tragisch, wir können’s ja eh“, denke ich gerade, als meine Aufmerksamkeit von etwas anderem abgelenkt wird:  Im Tal bietet sich ein aus unserer Perspektive zauberhaftes Schauspiel. Auf allen Forstwegen des Talschlusses bewegen sich in diesem Moment die Kuhherden in Richtung des Ortes. Wie Perlen auf Schnüren aufgereiht trottet eine Kuh der anderen hinterher und ein kuhglockenbimmelnder Sternmarsch von hunderten Kühen durchzieht das ganze Tal. So einen Anblick hat frau auch nicht alle Tage. Und im nächsten Moment muss ich mich dann auch schon wieder auf etwas anderes konzentrieren: die Landung. Am Dorf-Schlepplift zeigt ein Windsack sehr deutlich Talwind an. Ich beobachte Milla, die ihre Landeeinteilung entsprechend fliegt und nehme wahr, dass die Landewiese noch anspruchsvoller ist, als ich es schon befürchtet hatte. Sie ist zwar riesig, aber sie ist in zwei Richtungen abschüssig: nach Süden und nach Osten. Und das müssen wir irgendwie einkalkulieren. Während ich also beim Abachtern hangseits schon fast das Gefühl habe, gleich in den Hang ein zu schlagen, bin ich bei der nächsten Kurve wieder 60 Meter über Grund und nun folgt der Endanflug parallel zur wieder abschüssigen Wiese. Die ist zum Glück lang genug und wir kommen beide heil runter. Immer wieder spannend. 
Fun fact: wenige Tage nach diesem Flug entsteht zufällig in unserer Allgäuer Pilotinnen WhatsApp Gruppe ein Erlebnis- und Informationsaustausch zu leichten Bergschirmen, so wie unseren Pi3. Mehrere Pilotinnen äußern, dass sie sich unter diesen unruhigen und kippeligen Leichtschirmen nicht wohl fühlen und eine Fluglehrerin schreibt sehr deutlich, dass das halt das Feature ist, dass frau aufgrund der kurzen Leinen bei dieser Schirmart in Kauf nehmen muss. Und da fiel es uns beiden wie Schuppen aus den Haaren: wir hatten die Bedingungen an der Uwaldalm nicht falsch eingeschätzt, sondern wir hatten nach dem Sommer, in dem wir ausschließlich mit dem Theta geflogen waren, schlichtweg vergessen, wie unruhig es unter dem Pi ist und schon immer war. Der Theta schluckt viel mehr Turbulenzen einfach weg. 

Nachdem wir die Schirme zusammen gepackt und uns gegen einen Besuch im Festzelt des Almabtriebs entschieden haben, wackeln wir gemütlich zurück zur FeWo. Es ist erst kurz nach Mittag und der Tag noch jung. Irgendwie fühle ich mich noch nicht ausgelastet. Bevor ich den Tag mit Handydaddeln vergeude, mag ich lieber nochmal raus. Also nötige ich Milla zu einem kleinen Trail-Erkundungslauf zum Talschluss. Einfach mal rein laufen und wenn wir keinen Bock mehr haben, dann drehen wir wieder um und laufen wieder raus. Gesagt, getan. Denn es könnte ja gut werden, Und es wurde gut. Anstrengend, aber gut. Das leckere Abendfutter will ja schließlich verdient sein, bevor wir uns die Infrarotkabine und eine heiße Dusche gönnen. 

Für den Sonntag sind die Windverhältnisse schwer ein zu schätzen. Gsieser Tal könnte gehen. Aber nochmal zur Uwaldalm rauf? Eher nein. Am Kronplatz soll er aus Süd kommen. Was zwar geht, aber suboptimal ist, wenn frau das Auto am nördlichen Landeplatz stehen hat. Also kommt eine ganz andere Idee zum Tragen: unsere Flugschule bietet regelmäßig Höhenkurse in Südtirol an. Ganz in der Nähe von Brixen, wo wir auf dem Heimweg an diesem Tag eh vorbei kommen. Also schauen wir mal, wo genau denn der vom Hörensagen bekannte Startplatz Rodeneck liegt und sehen: passt ideal. Liegt für uns auf dem Weg und der Wind wird perfekt werden. 
Also packen wir Samstagabend alles zusammen und richten uns für einen weiteren Hike&Fly am Sonntag auf dem Weg nach Hause.
Nach dem Frühstück verabschieden wir uns von den Vermietern und kommen dabei noch etwas ins Gespräch. Aus dem Gespräch wird dann gleich die nächste Reservierung der Wohnung für ein Winterabenteuer in Südtirol. Wir kommen wieder. Weil’s so schön war. 
Nach 45 Minuten Fahrt kommen wir am Landeplatz Rodeneck an. Der in der Karte ausgewiesene Parkplatz entpuppt sich als nicht park-geeignet, aber für ein kleines Trinkgeld lässt uns die Wirtin des Hotels neben dem Landeplatz auf deren Parkplatz parken. Die Südtiroler sind echt freundliche Menschen. Also die Rucksäcke schultern und rauf zum Startplatz. Mehrere Flugschulen sind da, die ihre Teilnehmer*innen mit Bussen shutteln, aber wir wollen zu Fuß gehen, auch wenn wir uns keinen allzu schönen Weg versprechen. Es soll wohl viel über die Fahrstraße gehen. 
Das tut es dann zu Beginn auch, doch bald schon geht es über einen richtig schönen Weg durch den Wald hoch. Wir begegnen nur einem Wanderer und sind schwuppdiwupp am Startplatz angekommen.
Es sind einige Flugschüler da, aber der Betrieb hält sich noch in Grenzen. Wir legen uns erst mal trocken und schauen uns das Treiben an. Essen und Trinken und dann langsam mal fertig machen. Denn wir wollen ja heute noch nach Hause und denken jetzt schon mit Sorge an dem unvermeidlichen Stau am Brenner. 
Also auslegen, aufziehen und los. Ein schöner ruhiger Flug mit den Thetas, wir geben uns keine sonderliche Mühe irgendwo am Hang aufsteigende Luft zu finden. Als wir schon in der Nähe des Landeplatzes sind, lässt sich das Steigen dann jedoch gar nicht mehr vermeiden. Über den sonnenbeschienenen dunklen Hausdächern des Dorfes geht es zart nach oben. Wir machen uns beide einen Spaß draus, hier noch eine ganze Weile ohne Höhenverlust oder Höhengewinn circa 150 Meter über Grund und 200 Meter neben dem Landeplatz zu kreisen, während ein Flugschüler nach dem nächsten zum Landeplatz geradeaus an uns vorbei fliegt. Als dann endlich mal keiner mehr angeflogen kommt, biege ich zum Landeplatz ab, fliege noch eine 90 Grad Kurve nach links in den Endanflug und setze schön vor den Augen der Flugschüler*innen wie eine Feder auf. Milla macht das Gleiche direkt hinter mir und wir sind recht happy, wie fein das lief. 
Zur Belohnung gönnen wir uns dann noch im Hotel, bei dem unser Auto steht, lecker Topfenstrudel und Kaffee (diese Südtiroler sind echt ein nettes Völkchen…) und dann beginnt die zähe Fahrt nach Hause. Die sehr zähe Fahrt. Die so zähe Fahrt, dass wir irgendwann Sorge haben, nicht mehr rechtzeitig zu den Öffnungszeiten in den Wangerstuben an zu kommen. Und was wäre ein langes Wochenende ohne Abschluss im Dorfgasthof? Als wir noch ca. 45 Minuten Fahrt vor uns haben, rufen wir im Gasthof an, um uns an zu kündigen und zu fragen, ob wir kurz nach 8 denn noch was zu essen kriegen würden? Klar. Kriegen wir. Zwei Cordon Bleu mit Pommes, ein kleiner gemischter Salat. Und zwei Bier. So wie immer. Lange sitzen wir an dem Abend noch mit dem Juniorwirt zusammen und quatschen. Diese Oberostendorfer Wirtsleut sind schon ein ganz schön nettes Völkchen. So gehen die voll schönen NOVA Hike&Flay Days mit nur zwei Advance fliegenden Teilnehmerinnen hübsch zu Ende.

Flugreise ins Gsieser Tal, 10.-13.10.2024

Es hätte eigentlich eine weitere Teilnahme an den NOVA Hike&Fly Days werden sollen, doch die wurden seitens der Veranstaltenden wegen der etwas vagen Wetterprognose mittwochsabends vorher abgesagt. Nun, die FeWo war schon lange gebucht, Zeit für einen Tapetenwechsel war auch und außerdem fanden Astrid und ich die Prognose nicht so schlecht, wie andere sie wohl interpretierten. Der zunächst vorhergesagte Dauerregen fürs ganze Wochenende änderte sich zu „es wird einigermaßen sicher trocken bleiben“ und der starke Nordföhn, der in Südtirol schnell zu einem großen Risiko für Gleitschirmfliegende werden kann, flaute freitags schon so weit ab, dass nichts mehr zu befürchten war. Natürlich kann Frau Mitte Oktober bei leicht wechselhaftem Wetter keine Top-Thermik-Verhältnisse erwarten und muss eher mit Gleitflügen rechnen, aber hey, das ist auch cool. Die oft vorherrschende Meinung „Für einen Abgleiter mache ich meinen Schirm nicht nass und trage ihn schon gar nicht stundenlang den Berg hoch“ teilen Astrid und ich nicht. Also los. Apropos teilen: In dieser Geschichte gibt es etwas Neues. Ich habe mir sogar das Schreiben mit Astrid geteilt.

Astrid und ich sitzen über der Jahresplanung 2024, tragen Kinderwochenenden in den Kalender, überlegen uns, wann wir meine Kinder in den Ferien haben wollen, planen eine Handvoll Bergtouren ein, insbesondere zu jenen Bergen, die dieses Jahr nicht geklappt haben und als alles soweit drin ist, fällt uns auf, dass wir das Fliegen ganz vergessen haben. Oh nein. Nochmal von vorne alle frei geplanten Zeiten durchforsten, wo passt da noch was gut rein und was wollen wir überhaupt. Das Thema Sicherheitstraining liegt plötzlich auf dem Tisch. Wäre schon gut, so etwas gemacht zu haben und einige wichtige Manöver, wie Spirale, Big Ears, B-Stall & Co schonmal geflogen zu sein. Bei unserer bisherigen Flugschule wollen wir das jedoch definitiv nicht machen. Die Fluglehrer, die mit dieser Aufgabe betraut sind, sind nicht unser Ding, die Flugschule ist auf dem „schneller, weiter, höher“-Trip, mit dem ich persönlich nichts anfangen kann und der Landeplatz in Malcesine am Gardasee taugt uns nicht. Wir recherchieren und landen sehr schnell bei der Flugschule Achensee, die solche Trainings unter anderem am Idrosee, dem kleinen Nachbarn des Gardasees, durchführt. Mit dem Namen Eki Maute verband ich zudem nur sehr gute Rückmeldungen und so klapperten wir deren gesamtes Jahr 2024 durch, um einen Termin zu finden, der nicht bereits ausgebucht war, der uns selbst in den Kram passte und nicht zuletzt vom Chef selbst, Eki, geleitet werden würde. Diese Suche war schnell zu ende. Gibt’s nicht in 2024. Spaßeshalber blätterte ich zurück nach 2023 und stellte fest, dass es Ende Oktober noch genau ein Training gibt, das Eki selbst betreut und wo noch reichlich Plätze frei waren. Ein Blick auf unsere Jahresplanung 23 verrät, wir haben das Wochenende und die Brückentage bis zum 1.11. frei. Zeit. Was kostet das? Egal, das letzte Hemd hat keine Taschen, klick, angemeldet. Dann lerne ich noch am gleichen Abend zufällig, dass Marina, die wir aus unserer Ausbildung kennen, und Clara, ihre Freundin, ebenfalls angemeldet sind. Fein, dann sind wir immerhin schonmal 4 Frauen und die Gruppe besteht nicht nur aus Testos. Entschuldigt diese Ausdrucksweise, doch beim Fliegen sind wir diesbezüglich gebrannte Kinder. Ich bin aufgeregt, glaube, dass ich für so ein Training noch nicht gut genug fliegen kann, gleichzeitig steht fest, dass es „den“ geeigneten Zeitpunkt wohl kaum gibt. Irgendwann muss Frau die Steilspirale lernen, wenn sie nicht ganz hilflos am Himmel rumeiern möchte. Das war Anfang September. 

Kurze Zeit danach stellen wir mehr oder weniger zufällig fest, dass es irgendwie clever wäre, vor dem Sicherheitstraining für den B-Schein angemeldet und idealerweise auch schon die vorgeschriebene Theorie samt Prüfung in der Tasche zu haben, denn dann können die Flüge im Sicherheitstraining beziehungsweise deren Inhalte für den B-Schein anerkannt werden. Der B-Schein ist die unbeschränkte Fluglizenz, die dazu berechtigt, das Startgelände bzw. den Luftraum um das Fluggebiet zu verlassen, um weitere Strecken fliegen zu können. Ende September buchten wir eines Abends ohne zu zucken einen Online-Theorie-Kurs für den B-Schein Anfang Oktober, der von einem, ich nenne es mal Kooperationspartner der Flugschule Achensee, Andreas Rieck, an vier Abenden nacheinander angeboten wurde. Diese vier Tage haben uns ganz schön geschlaucht. 10-11 Stunden normale Arbeit, dann nochmal 4-5 Stunden Unterricht bis teilweise fast 23 Uhr in Luftrecht, Meteorologie, besondere Flugsituationen und Navigation. Weil das darauffolgende Wochenende nix geplant und schlechtes Wetter vorhergesagt war, meldeten wir uns dann gleich auch für den nächstgelegenen Prüfungstermin am darauffolgenden Montag an, was bedeutete, wir haben das ganze Wochenende zum Lernen. Bei mir machen sich immer gleich Versagensängste breit, warum auch immer, weswegen ich die Zeit tatsächlich intensiv mit Lernen verbrachte. Alle Sorge war selbstredend umsonst. Die Prüfung machten wir beide mit links. Die einzige Hürde war der Aufbau der erforderlichen Technik, wie es der DHV bei online Prüfungen vorschreibt. Hat aber auch alles geklappt, wenn Frau ein kleines Bisschen vorbereitet ist und nicht erst beginnt, sich Gedanken zu machen, wenn die Prüfung starten soll, was ein Vogel leider geschafft hat und damit allen anderen Lebenszeit stahl bis er dann auch mal soweit war. Also, B-Theorie in der Tasche, das Sicherheitstraining kann kommen. 

Aus den Herbstferien der Kinder, eine Woche im Saarland, kamen wir am späten Freitagabend zurück nach Hause, räumten das Auto leer und packten es gleich wieder voll, zum Glück hatten wir eine Packliste geschrieben, was die Sache ziemlich abkürzte, denn am nächsten Tag sollten wir um 12 Uhr am Idrosee sein. So startete am nächsten Morgen der Motor gegen halbsechs und wir tuckerten in Richtung Italien los. Drei Tage vorher erhielten wir von der Flugschule Achensee die Info, dass das Training stattfinden soll, was mich in Anbetracht der Wettervorhersage stutzig machte und ich ernsthaft in Frage stellte, ob die Fahrt sich überhaupt lohne. Kurz schlechte Laune, doch die FeWo ist gebucht und bezahlt und wenn Schietwetter ist, dann haben wir immerhin einen Tapetenwechsel. Ich ermahne mich selbst dazu, keinerlei Erwartungshaltung zu entwickeln und mich nicht gleich wieder selbst grundlos unter Druck zu setzen. Egal, wie es wird, es wird gut. Wir treffen pünktlich ein.
Vorstellungsrunde, warum bin ich eigentlich hier. Wir verbringen den ganzen ersten Nachmittag mit solchen Dingen, lernen etwas über Eki und seinen Ansatz für ein solches Training. Ich finde diesen Menschen nach wenigen Minuten faszinierend und nach einer weiteren kurzen Zeit beschließe ich für mich, zu diesem Menschen bedingungsloses Vertrauen zu haben. Fliegen muss Spaß machen. Es spielt dabei keine Rolle, auf welchem Niveau du unterwegs bist. Frau ist als Anfängerin kein schlechterer Mensch als der, der vielleicht schon einen Fullstall beherrscht und wir werden erleben, dass Eki auf die ganz persönlichen Bedürfnisse jedes einzelnen mit ganzer Kraft eingeht. 
Ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der derart in sich ruht. Keine der Wünsche oder Ziele für dieses Sicherheitstraining, die in der Vorstellungsrunde genannt wurden, wurden bewertet. Kein „du musst aber dieses oder jenes trainieren“. Kein schneller, höher, weiter, sondern tue es in deiner Geschwindigkeit mit deinen Fähigkeiten, mit Spaß, ohne Angst. Es gibt kein besser oder schlechter.
Der Frauenanteil ist bei 50%. Darunter supertolle Pilotinnen, die echt schon was können, wie ich später erlebe. I like. An der Stelle muss ich jedoch auch eine Lanze für die männlich identifizierten Teilnehmenden brechen. Keine Testos on Board. Alles liebe und sympathische Menschen. 

Weiter im Programm. Was ist unserer Meinung nach die „Grundstellung“? Wir berichten von dem, was wir in den Flugschulen gelernt haben: Leerweg wegziehen, leicht angebremst.
Eki hört sich das geduldig an, um anschließend zu erörtern, warum er damit nicht einverstanden ist, zumindest nicht in ruhiger Luft. Grundstellung in ruhiger Luft und besonders vor dem Einleiten eines Manövers ist „Hände hoch bis zu den Leinenschlössern“ und natürlich dürfe man die hinteren Tragegurte in die Hände nehmen, um in erster Linie sicher ertastet zu haben, wo „ganz oben“ beim Kommando „Hände hoch“ ist und natürlich um die Arme zu entlasten. Warum nicht. Ich erinnere mich an meine Ausbildung, bei der es unter Strafe verboten war, die Tragegurte auch nur ansatzweise zu berühren.
Dann fragt er, ob schon mal jemand seine Griffschlaufen ganz losgelassen hat? Viele waren’s nicht. Ich kann von mir selbst sagen, dass ich mich das bisher noch nie getraut hab‘ außer einmal auf Anweisung in der Flugschule während der Ausbildung. Der Flug, bei dem ich mir beim Landen die Sehne abgerissen hatte. Wenn ich den Beschleuniger suchen oder sonst irgendetwas nach dem Starten richten muss, übergebe ich mir die Griffschlaufen immer in eine Hand und wurschtele einhändig in der Gegend rum. Alles Mumpitz. Mein Schirm weiß, wie fliegen geht. Wenn sonst nix ist, braucht er keine Aufmerksamkeit. Lass ihn fliegen.
Weil der Weg vom Startplatz Alpo bis in unsere Trainingsbox über dem See relativ weit ist, schätzungsweise 8-10 Minuten Flugzeit, möchte Eki von uns, dass wir nach dem Start erstmal eine Entspannungsphase einbauen, hang loose, wie er sagt, Bremsschlaufen loslassen, Arme und Hände hängen lassen, Beine baumeln lassen, mal an die Leinenschlösser hochgreifen, mal den Rettergriff in die Hand nehmen, mal den Beschleuniger treten und überprüfen, ob der Abstand der Rollen der Umlenkung zwischen A- und B-Ebene passt, usw. Genieße den Flug ist die Botschaft. Wenn wir in die gedachte Box überm See fliegen und uns fürs Training bei ihm anmelden, möchte er von allen wissen, ob sie das gemacht haben. 
Eki und Cordula erklären noch, was es mit dem Checkflug auf sich hat und Cordula weist uns ein, wie das mit der Schwimmweste funktioniert, die alle bei ihren Flügen tragen müssen und was es beim Funkgerät mit Gegensprechmöglichkeit zu beachten und durch uns zu prüfen gibt.

Erster Tag abends: Groundhandlen am Landeplatz, Einweisung zu den Besonderheiten hier bezüglich Berg- und Talwindsystemen. Eki und Cordula gehen rund, sehen sich alle geduldig an, geben Tipps. Am Ende die Rückmeldung: Eki ist beeindruckt, welche Fähigkeiten bereits alle am Boden gezeigt haben, obwohl einige nach eigenen Angaben wenig bis nie bis dahin am Boden geübt hatten.
Astrid bespricht mit Eki, ob wir mit unseren Flugstrapsen fliegen können. Er ist nicht begeistert und empfiehlt, wir sollen lieber mit unseren festeren Wendegurtzeugen starten, die richtige Schultergurte haben, denn da können wir definitiv nicht herausfallen, was beim Leichtgurtzeug niemand garantieren kann. Zum Glück haben wir unsere Easiness 3 beide dabei, der Frontcontainer passt da ja auch dran, auch wenn es nicht die beste Lösung ist. Als wir hier fertig sind, ist’s dunkel und wir beide müssen uns ein wenig sputen, um noch rechtzeitig zur Ferienwohnung zu kommen.

Wir beziehen die FeWo, die ganz neu eingerichtet und erstaunlich gut ausgestattet ist. Wir sind platt, zwirbeln uns ein paar Nudeln rein und fallen ins Bett. Treffen am nächsten Morgen ist um 7 Uhr. Eki ist felsenfest davon überzeugt, dass es ein kleines Loch im Schietwetter geben wird, welches wir zum Fliegen nutzen können. Zu Gute kommt uns lediglich, dass die Uhr in der Nacht auf die Winterzeit umgestellt wird und wir eine Stunde mehr Zeit haben.
Es kommt, wie Eki es vorhergesagt hat. Es gibt ein kleines Fenster bevor es für den Rest des Tages erneut komplett zuläuft. 
Die Auffahrt über die schmale, kurvige Straße mit den langen Flugschulbussen ist etwas abenteuerlich und dauert immer mindestens eine halbe Stunde. Astrid und ich nehmen   unsere festeren Gurtzeuge morgens gleich mit, wollen später oben alles herrichten, so dass wir mit ihnen fliegen können. Muss alles schnell gehen. Ich vergesse mein Vario in der Hektik im Rucksack, der im Bus geblieben ist und schon wieder runterfährt und ich hab zwei rote Griffschlaufen an mir, doch nur hinter einer verbirgt sich ein Rettungsschirm als ich fertig bin. Das ist wohl nicht optimal, muss aber reichen. Ich denke mir, auf dem ersten Flug werde ich wohl hoffentlich nicht in die Verlegenheit kommen, meinen Retter ziehen zu müssen.

Startplatz Alpo: Ich finde die Wiese ganz schön steil und löchrig. Scheint aber außer mir niemand so zu empfinden. Es weht ganz ordentlich und entgegen der Startplatzinformationen bei BurnAir ist ein Start ausschließlich in Richtung Süd-Südwest zu empfehlen. Hier muss rückwärts aufgezogen werden und ich bin heile froh, dass wir am Abend vorher Gelegenheit hatten, im laminaren Wind mit 20km/h beim Groundhandlen genau diese Situation üben zu können. Das gibt mir ein wenig Sicherheit, dass ich meinen Schirm kontrollieren kann, auch wenn es mal etwas windiger ist. Wenn ich allerdings alleine hier oben angekommen wäre, weiß ich nicht, ob ich mich fertig gemacht hätte. Ich hab‘ die Hosen voll. 
Kein Gedrängel am Startplatz, obwohl klar ist, dass das Fenster sehr klein sein wird. Es wird gegenseitig ungefragt geholfen und unterstützt, niemand wird hektisch, was mich außerordentlich überrascht und was ich als äußerst positiv bewerte. Cordula, die den Startplatz managed, kümmert sich rührend um alle Aspirant:innen, denen sie anschließend die Freigabe fürs Aufziehen erteilt. Astrid und ich halten uns zurück. Ich bin extrem aufgeregt, ob der Dinge, die mich in Kürze erwarten und ich staune, dass ausnahmslos alle Starts gelingen und echt gut aussehen. Ganz anders, als wir das sonst an den überfüllten Startplätzen bei uns zu Hause kennen. Macht mich noch nervöser. Der Wind nimmt weiter zu, ich zweifele, ob ein Start für mich hier immer noch passt. Am Ende sind nur noch Astrid, Lotte und ich oben. Lotte bekommt die Freigabe zum Aufziehen, sie kämpft mit den Böen, gibt ihr Bestes, doch das Ding will nicht. Vielleicht ist es auch der Stress, denn die Situation ist besonders, was mir selbst ebenfalls zu schaffen macht und mich an mir zweifeln lässt, warum gelingt es immer bei den anderen und bei mir nicht. Nach drei Abbrüchen entscheidet Cordula, ich solle erstmal aufziehen, damit sie sich mehr Zeit zur Unterstützung für Lotte nehmen kann. Die Zeit tickt. Es beginnt zu regnen. Mein Puls ist auf über 160, wie ich später in meiner Aufzeichnung sehe und ich habe keine Ahnung, ob das was ich da gleich tun werde zum Ziel führt. Ich spanne die A-Leinen, die Kappe ist sofort mit Wucht da und mit Entgegengehen beim Aufziehen, wie das bis dahin die anderen zeigten, ist’s nicht mehr getan bei uns, ich muss dem Schirm richtig entgegenlaufen, um ihm die Energie zu nehmen und ihn kontrollieren zu können, so stark ist der Wind inzwischen geworden. Doch es gelingt sofort beim ersten Mal, ich drehe aus, 1-2 Schritte, Milla ist in der Luft. Mir fällt ein kleiner Stein vom Herzen. Und auch Astrid gelingt sofort nach mir der erste Start, trotz der etwas herausfordernden Bedingungen.
Cordula hat bis dahin alles gegeben, damit alle wenigstens einmal heute in die Luft kommen. Hilft, wo sie kann, gibt Tipps zum Starten und für die anschließenden Flüge, keine Frage ist zu viel. Der Druck war groß, wie sie selbst später sagt, und nicht alle kommen damit klar, dass es ein wenig pressiert, doch ich fand das absolut bewundernswert, wie sie das gemanaged hat. 

Der erste Flug im Training ist der sogenannte Checkflug, in dem einfach ein Manöver geflogen werden soll, das wir können oder glauben zu können, damit Eki sich ein Bild davon machen kann, wie wir so drauf sind. Alle sollen sich dazu etwas ausdenken und es ist wirklich egal, was es ist. Ich entscheide mich fürs Rollen, das Pendeln um die Längsachse und vielleicht noch Nicken, wenn es sich noch ausgeht, aber erstmal habe ich Schwierigkeiten damit, das kleine rote Boot auf dem See zu sehen. Ich bin viel höher über dem Wasser als ich gedacht hätte, dass ich rauskomme. Der Weg ist weit vom Startplatz und weil mein Pi3 eher sinkt als gleitet, hatte ich Sorge, dass überhaupt noch Platz bleibt, um ein Manöver zu fliegen. Erst als ich über die Uferlinie fliege erkenne ich einen winzigen Punkt auf dem Wasser und weil sonst nichts in der Nähe ist, nehme ich an, dass das wohl das Boot sein muss. Nachdem ich mich bei Eki angemeldet und ihm verklickert habe, was es werden soll, entscheidet er anders. Es wäre ein schöner Zeitpunkt für einen B-Stall. Mein erstes Flugmanöver wird also ein B-Stall und als es grünes Licht von unten gibt, tue ich ohne nachzudenken das, was Eki mir ansagt. Den halben Schlag auf den Steuerleinen lasse ich los und greife die Griffschlaufen der Steuerleine am Steg damit ich nicht ungewollt anbremse, packe von außen die gesamte mittlere Leinenebene rechts und links, die B-Ebene, daher auch der Name des Manövers, Daumen nach unten und ziehe am Tragegurt entlang alle Leinen nach unten. Sofort beginnt mein Schirm zu zappeln und ich habe das Gefühl, er wehrt sich gegen mein Tun, ich schaukele einigermaßen wild in der Gegend rum, Eki weist an: „bleib so, alles ist gut, ziehe rechts noch ein bisschen tiefer, sehr gut, bleib so, noch für 5 Sekunden“. Es rumpelt weiter ordentlich im System. Beim B-Stall kürzt man quasi die Schirmtiefe durch das herunterziehen der gesamten mittleren Ebene, was dazu führt, dass die Vorwärtsfahrt praktisch auf 0 geht und nur das Sinken übrig bleibt, das jetzt mit etwa 7-8m/s stattfindet. Der Vorteil bei dieser Abstiegshilfe: Es gibt keine Orientierungsprobleme, keine G-Kräfte, es wird kein großer Raum in der Luft benötigt, Frau sinkt einfach am Platz nach unten. Dann leite ich auf Anweisung aus, indem ich die Leinen nach oben führe, die Kappe braucht einen kurzen Moment, um wieder anzufahren und in eine vorwärts gerichtete Flugbewegung zu kommen, ist aber alles vergleichsweise unspektakulär, doch ich entschuldige mich bei meinem Schirmchen für die Unannehmlichkeiten. Ich bin meinen ersten B-Stall geflogen. Sau geil. Eki verabschiedet mich zum Landeplatz. Hinter mir kommt Astrid angeflogen, die beim Anmelden über Funk Bedenken wegen des Regens und damit wegen der nassen Kappe äußert. Ois easy. Passiert nix, meint Eki und spielt mit ihr das gleiche Spiel, wie mit mir kurz zuvor. Das Manöver gelingt auch bei ihr einwandfrei und sie kommt mit einem breiten Grinsen zum Landen. Erfahrene Pilot:innen mögen vielleicht schmunzeln über so eine Sache, doch für uns beide war das schon der Hammer und wir sind ein wenig stolz, dass wir uns a) getraut haben, das ohne Vorwarnung zu tun und b) ein weiteres kleines Werkzeug in unserem Pilotinnenköfferchen zu haben, dass wir verwenden können, wenn wir es für hilfreich erachten. Deswegen sind wir ja da. Nebenbei bemerkt kann da jetzt für den B-Schein ein Haken dran. 

Später im Schulungsraum sehen wir uns die Videos an, die Sophia, unsere Kamerafrau von allen Fliegenden gemacht hat und als wir ganz zum Schluss zu unser beider B-Stalls kommen, erklärt Eki, dass unsere Pi3s dieses Flugmanöver so überhaupt nicht mögen und dass es deswegen sehr unruhig in der Luft wurde, ohne dass er allerdings zu irgendwelchen komischen Verrenkungen neigt. Es wackelt halt ordentlich. Schirme, die das besser können, beruhigen sich nach der Einleitung und schneiden, wie ein Messer nach unten. Da wackelt nix. Der Nieseltregen wird kurz angesprochen, weil Astrid bezüglich Manöver mit nasser Kappe Bedenken äußerte und Eki meint, er sei früher immer geflogen wenn es nicht gerade aus Eimern gegossen hätte, doch irgendwann beim Landen merkte er, dass mit nassem Flugzeug fliegen einfach Mist und echt gefährlich ist. Ein bisschen Niesel sei aber überhaupt kein Problem. In dem Moment geht meine Klappe auf und ich spreche aus, was mir durch den Kopf geht: Der Regen war nicht schlimm, ich hatte ja einen Schirm dabei.
Es geht weiter mit Theorie, weil es den Rest des Tages einfach nicht zum Fliegen ist. Einer der beiden häufigsten Sätze in all den Tagen: Du bist ein Gleitschirm.
Visualisierung der Bewegungen, die für ein bestimmtes Flugmanöver durchgeführt werden müssen, ist für mich neu, kannte ich bisher nur aus der Ausbildung, als wir die Leitlinien-Acht tanzten. Aber gerade für die Spirale, die wir im Kurs später fliegen werden, hat das unglaublich viel geholfen, denn ich musste im Flug nicht mehr groß darüber nachdenken, was zu tun ist. Gleichzeitig fühlt es sich für mich bei den ersten Malen sehr komisch an, in der Gruppe ein Manöver zu „tanzen“. Mein Gehirn wehrt sich dagegen, dass ich mich derart exponiere, weil das einfach nicht meine Art ist. Zusammenreißen, immer, immer, immer engagiert mitmachen sage ich. Es ist mein Kurs und selbst, wenn es mit Fliegen nicht so prall ist, so ist doch exklusiv Gelegenheit dazu, so viel wie möglich mit zu nehmen und ich staune, mit welcher Energie und Motivation Eki dranbleibt und auch alle anderen dranbleiben, niemand gähnt, niemand fehlt, alle saugen auf, was an Input kommt. Und das ist nicht wenig. Er sagt unmissverständlich, was er über das Wetter denkt, es kotzt ihn an, er findet’s Scheiße, gleichzeitig gibt er Vollgas beim Erklären, sprüht vor Begeisterung, greift auch Themen auf, wie Starten und Landen, die normalerweise bei einem Sicherheitstraining nicht thematisiert werden. Lernen hört auch bei diesen Basics nie auf.
Cordula hat alle Starts am Morgen aufgenommen und auf alle wird intensiv eingegangen. Ich habe Gelegenheit, mein eigenes Gehopse analysieren zu können. 
Überraschend kommt am späten Nachmittag das Kommando zum Rauffahren. Es könnte sein, dass sich ein Flug ausgeht. Zeit ist wenig, denn nach der Umstellung auf die Winterzeit ist bereits gegen viertel nach fünf Sonnenuntergang. Es fehlt niemand. Alle sind dabei.
Auch Eki selbst, der den Vorflieger macht, um die Bedingungen abzuklopfen und damit Cordula am Startplatz die Entscheidung leichter macht, ob gestartet werden kann. Es ist krass windig, die Luft ist bockig und es ziehen permanent Wolkenfetzen über den See, den Landeplatz und die Umgebung. Astrid und ich machen uns fertig, wenngleich mein Bauch nicht einverstanden ist. Doch ob ich starte kann ich entscheiden, wenn die Kappe nach dem Aufziehen über mir ist. Die Bedingungen sind nicht statisch und es könnte sich tatsächlich was ausgehen. Eki gibt grünes Licht, landet, gibt aber klar zu verstehen, dass es keine Bedingungen für ein Sicherheitstraining sind. 
Eine der leichtesten und defensivsten Teilnehmerinnen, Maia, startet und wird sofort in Richtung Wolken nahezu hochkatapultiert. Upsi. Am Startplatz kehrt stille ein. Ihrem Flugverhalten nach zu urteilen weiß sie nicht, wie sie damit umgehen soll, was auch Cordula erkennt und sich sofort per Funkgerät bei ihr meldet und sie anleitet, wie sie aus dieser Situation herauskommt. Ich bin erneut beeindruckt, mit welcher Ruhe und Bestimmtheit Cordula ihre Anweisungen erteilt und ich staune auch über Maia, die alles akkurat ohne zu zögern sofort umsetzt. Klasse. Leider beginnt nach der Aktion mein Bauch zu schreien, dass das hier keine Flugbedingungen mehr für Milla sind. Ich schaue zu Astrid herüber, die ebenfalls startbereit mit Tulpe in der Hand in der nächsten Reihe steht. Unsere Blicke treffen sich, wir wissen beide sofort, dass wir hier nicht starten wollen. Cut. Nach ein paar gewechselten Worten ist die Entscheidung da zusammen zu packen. 

Am Ende sitzen Astrid und ich bei Cordula im Bus und fahren hinunter. Außer uns beiden sind auch Stefan und Lotte nicht mehr gestartet. Cordula war ein wenig überrascht, dass wir beide uns gegen das Starten entschieden hatten, denn was sie bisher von uns gesehen hat, stimmte sie sehr zuversichtlich, dass wir keine Probleme gehabt hätten. Und der Heber von Maia wäre uns schon allein deswegen nicht passiert, weil wir einfach ein gutes Stück schwerer sind und unser Flug daher deutlich stabiler gewesen wäre. Gleichzeitig bewertet sie unsere Entscheidung nicht. Wir haben sie getroffen und umgesetzt, so wie wir das auch getan hätten, wenn wir allein am Startplatz gewesen wären und so, wie wir das ebenso bisher beim Bergsteigen hielten. Es geht sogar so weit, dass wir beide nicht starten, wenn es nur einer nicht passt. Eine Seilschaft eben. Unsere Art, unsere Leidenschaften gemeinsam noch möglichst lange leben zu können.
Auf der Fahrt nach unten fragt Cordula ganz zurückhaltend und respektvoll, ob sie mehr über mich und meine Transidentität erfahren darf. Volle lieb. Klar darf sie, denn ich bin immer froh, wenn sich jemand ernsthaft dafür interessiert, weil ich solche Gelegenheiten gerne benutze, um zu zeigen, dass das alles gar nicht so besonders ist und es eigentlich niemanden aufregen sollte, wenn sich Menschen dazu entscheiden, mit ihrer wahren Identität nach außen zu gehen. Dadurch hat niemand einen Nachteil, auch wenn das gerne propagiert wird. Insbesondere von den Faschisten, die leider europaweit auf dem Vormarsch sind. Die haben immer schon polarisiert, indem sie Unwahrheiten über Minderheiten verbreiten, um selbst besser da zu stehen und die Dummen, die den Quatsch glauben, auf ihre Seite zu ziehen. Eine gefährliche Sache mit enormer Tragweite. Das hört ich vielleicht übertrieben an, doch so geht es immer los, wenn das rechte Pack an die Macht will. Wir sind erneut auf dem besten Weg dahin, weil es leider genug Menschen gibt, die auf diese anklagende aber gleichzeitig lösungsfreie Polemik abfahren. Anderes Thema.
Wir babbeln jedenfalls schön auf der Fahrt zurück zum Schulungsraum und es tut mir selbst gut, nach langer Zeit mal wieder ein bisschen was über mich zu erzählen, was ich sonst nicht ungefragt tue, weil ich nicht der Messias bin und niemanden bekehren möchte. 

Sonntagabend Pizza im Restaurant am Campingplatz mit allen Teilnehmenden. Hier erfahren wir, dass manche ein Thema mit der Erdsicht hatten. Als ob er hellseherische Fähigkeiten hätte, bereitete Eki uns tagsüber bereits auf diese Situation vor, indem wir ausführlich darüber sprachen, was Erdsicht bedeutet und dass in Wolken hineinfliegen ein No-Go ist und wie sich Frau in solchen Situationen verhalten kann. Ist der Landeplatz zum Beispiel nicht ansteuerbar, weil er nicht zu sehen ist, so ist auf jeden Fall eine Außenlandung vorzuziehen und zwar dort, wo Erdsicht vorhanden ist und wenn es sich dabei nur um ein kleines Loch zum Durchschlüpfen handelt.
Astrid und ich bleiben mit ein paar Teilnehmenden an diesem Abend kleben. Es ist einfach eine feine Runde und wir nehmen in Kauf, dass die Nacht kurz wird.

Weil Eki fest davon überzeugt ist, dass wir montags in der Früh ein winziges Fensterchen haben werden, treffen wir uns erneut sehr früh, um die Lage zu bewerten. Tatsächlich sitzt die gesamte Mannschaft morgens in den beiden Bussen nach oben. Grenzenlose Zuversicht. Auf dem Weg nach oben schauen wir uns die tiefergelegenen Startplätze an den Casali-Wiesen an, bekommen von Eki und Cordula die Besonderheiten hier erklärt, womit sich eine weitere Option zum Starten öffnet, ohne dass erneut später eine Einweisung nötig ist. Die beiden Plätze, die sehr nah aneinander liegen, könnten unterschiedlicher kaum sein. 
Eki erklärt die notwendigen Starttechniken, um hier sicher, auch bei Nullwind, starten zu können. Der eine kurz und steil, der andere flach und lang und einer Baumreihe am Ende. Bei Nullwind ist es am steilen Startplatz notwendig, dass die Eintrittskante des Schirmes, der soweit wie möglich oben, d.h. auf dem Fahrweg, ausgelegt werden sollte, von anderen hochgehalten wird. Denn sonst reicht dem oder der Startenden der Weg nicht, um abzuheben. Gruselig. Auf dem nebenan befindlichen flachen Startplatz muss bei Nullwind der Schirm ebenfalls so weit wie möglich oben ausgelegt werden, am besten auch mit gehaltener Eintrittskante, und dann ist es unbedingt notwendig die Abhebegeschwindigkeit mit offener Bremse zügig zu erlaufen, denn sonst ist ein Kontakt mit der Baumreihe ziemlich wahrscheinlich. Nochmal Gruselig. Der Begriff „Entscheidungslinie“ taucht auf, den ich nach der Ausbildung schon wieder völlig vergessen hatte, und der mit 100%iger Sicherheit meinen Fehlstart mit Baumkontakt am Neunerköpfle verhindert hätte, wenn ich mich wenigstens Ansatzweise daran erinnert und den Gebrauch in Erwägung gezogen hätte. Hätte, hätte, Fahrradkette. 
Der Wind kommt hier und jetzt allerdings spürbar von hinten, was auf jeden Fall nicht zum Starten taugt, was mich irgendwie erleichtert. Ich finde beide Startplätze nicht sexy.
Gerade als wir zum oberen Startplatz, Alpo, aufbrechen wollen, beginnt es zu regnen. Tja, damit ist Fliegen erstmal gestrichen. Das einzige Fensterchen für heute hat sich geschlossen. Was mich aber fast von den Socken haut ist, dass der ultimativ positive Geist erhalten bleibt. Auf der Fahrt nach unten ist der ganze Bus am Witze machen und es wird von Herzen gelacht. Niemand lässt sich wegen ein bisschen Wasser von oben herunterreißen. Sehr geil. Und es kommt noch besser, denn in Bondone hat eine Bar geöffnet, die Eki und Cordula wohlbekannt ist. Zwei Busse mit knapp 20 Leuten an Bord stoppen, fallen in der Bar ein, richten Tische und Stühle so her, dass alle zusammensitzen können und bestellen Espresso und Aperol. So kommt es, dass Astrid und Milla bei strömendem Regen montagsmorgens um 9 Uhr in einer italienischen Bar erstmal einen Aperol reinlaufen lassen. Die Stimmung ist nahezu ausgelassen. Viel Zeit für gute Gespräche.

Tja, und dann wieder Theorie. Ein Manöver, das Eki am Herzen liegt: Stallpunkt ertasten. In einigen Trockenübungen, die wir in der Gruppe bzw. jeweils zu zweit durchführen, leitet uns Eki an, wie wir den Stützreflex nach hinten abtrainieren können, der normalerweise bei jedem Menschen ganz fest eingebaut ist, bei diesem Manöver jedoch verheerende Folgen hätte. Wir setzen uns auf einen Stuhl, lassen uns von der Partnerin/dem Partner in eine ausbalancierte Stellung nach hinten kippen und in dem Moment, wo der Stuhl weiter nach hinten kippen gelassen wird, müssen die Hände in Bruchteilen von Sekunden hoch und eben genau nicht nach hinten unten, wie wir das sonst tun würden. Merken. Ich werde das Manöver fliegen.
Der Tag zieht sich. Es fällt trotzdem niemand aus. Ganz viele Manöver werden im Detail durchgesprochen und getanzt. Der häufigste Satz heute: Wir sind in der Grundstellung, wir wissen, wo der Landeplatz ist und wie hoch wir sind, los geht’s.
Rollen + Wingover, Nicken, Spirale, asymmetrische Spirale, SAT, Helikopter, Hermann, einseitiger Stall (Spin to Stall), Kappenstörungen/Deformationen (Seitenklapper, Frontklapper, Verhänger), Flyback, Sackflug, beschleunigtes Fliegen, Retterabgang, usw. werden besprochen, getanzt, erfühlt. Keine Frage ist zu viel. 
Als Eki am Ende des Tages zum Fullstall kommt, klinken Astrid und ich uns aus. Für so ein krasses Manöver sind wir noch lange nicht bereit und außerdem müssen wir Futter ranschaffen, sonst gibt’s kein Frühstück am nächsten Morgen. Der startet nicht ganz so früh, denn es ist klar, dass morgens definitiv nix geht. Die Schlechtwetterfront erreicht in der Nacht ihren Höhepunkt, was zu überfluteten Wegen führt und den Landeplatz von der Außenwelt für kurze Zeit abschneidet, um dann später in Nordföhn überzugehen.
 
Demzufolge wird am nächsten Morgen mit der Wetterlage und dem angekündigten Nordföhn gestartet, der mit gut 6hPa bis Mittag einschlagen soll und mit einer großen Wahrscheinlichkeit das Fliegen heute trotz mal keinem Regen vereiteln wird. Eki sieht das anders. Seine volle Überzeugung: Wir werden heute fliegen. Also gerade der Nordföhn auf der Alpensüdseite ist wirklich eine äußerst heikle Sache und darf niemals unterschätzt werden. Was sind die Gefahren, woran erkenne ich sie, wie gehe ich damit um? Während Eki im Schulungsraum alles aus sich herausholt, sind alle anderen im Team der Flugschule permanent damit beschäftigt herauszufinden, wo das Wetter sich hin entwickelt, was die Wolken und der Wind tun, welche Startplätze gehen könnten und ob der Landeplatz wieder erreichbar ist. 
Wegen der reichlich vorhandenen Zeit bietet Eki an, bei Fragen zum Gurtzeug, Einstellung des Speedsystems, etc. zur Seite zu stehen. Manche sind mit ihrem Liegegurtzeug da und haben offene Punkte. Ob schon mal jemand seinen Retter selbst aus- und wieder eingepackt hätte? Nö, nicht wirklich. Die heilige Kuh. Eki findet, man solle sich mit seiner Lebensversicherung beschäftigen und wissen, was das Ding kann, wenn’s drauf ankommt. Ob wir wissen, mit welcher Sinkgeschwindigkeit wir bei unseren Rettern rechnen müssten? Dabei zielt die Frage nicht auf den theoretischen Wert aus irgendeiner Marketingtabelle ab, sondern was wirklich passiert, wenn z.B. noch ein halboffener Gleitschirm mit dran hängt. Ähm, ich kenne nur die Marketingfolie und vertraute darauf, was mir in der Flugschule als passend verkauft wurde. Ich lerne, dass das nicht die beste Lösung ist, was ich da mit mir herumtrage. Es ist leicht. Aber ob ich da im Ernstfall dranhängen und mit fast 5m/s in Richtung Boden unterwegs sein will? Keine Ahnung. 5m/s ist viel. Aus einer Höhe von 2m auf den Boden Springen ist etwa vergleichbar. Unter 4m/s ist so, dass Frau sich nicht mit 100%iger Sicherheit wehtut. 
Astrid hängt sich mit ihrem Easiness in den Simulator, weil die Frage offen ist, ob das mit dem Speedsystem so passt. Dabei hat sie den Frontcontainer mit dem Rettungsschirm mit eingehängt und als Eki das sieht, rollt er mit den Augen. Zu labbrig und kann sich in kritischen Situationen im Gurtzeug einfädeln. Er rät dringend dazu, die Rettungsschirme wieder ins Gurtzeug unter den Sitz einzubauen. Außerdem, nach Rückfrage was Astrid nackig wiegt, rät er zu der nächst größeren Variante, wegen der zu erwartenden Sinkwerte nach dem Auslösen, denn mit den erwähnten etwa 5m/s will niemand auf dem Boden aufschlagen. Seiner Meinung nach wurden wir hier nicht optimal beraten. Wenn Frau das weiterdenkt, gilt das auch für meinen Rettungsschirm, weil die Verhältnisse zu Fläche und Startgewicht bei mir die gleichen sind. Damit müssen wir jetzt erstmal leben, bauen jedoch den Rettungsschirm aus dem Frontcontainer aus und ins Gurtzeug unter den Sitz wieder ein.
Wir lernen noch etwas Neues. Eki zieht seinen Retter aus dem Gurtzeug, packt ihn komplett aus und lässt alle mal anfassen. Das Tuch ist anders als beim Gleitschirm, denn es lässt Luft durch und es ist irre dünn und leicht. Ob schon mal jemand seinen eigenen Retter selbst gepackt hätte? Ähm, nein. Bisher war ich der Annahme, dass das einem Profi überlassen sein sollte, obwohl es schon etwas nervig ist, den Retter zum jährlichen Neupacken weggeben zu müssen. Bei den Intervallen fürs Lüften und Packen sollten wir kürzer werden, so alle halbe Jahr wäre besser und außerdem ist Retterpacken keine Raketentechnologie und Eki rät allen dazu, das zu lernen und selbst zu tun. Weil sein Retter sowieso ausgepackt ist, kann Eki unsere Fahrer Flo und Dirk dazu gewinnen, uns zu zeigen, wie Retterpacken funktioniert. Astrid und ich sehen uns das an und kapieren sofort, dass wir das selbst können und als ich zudem noch das vom Hersteller veröffentlichte Video zu unseren Rettern sehe, gibt es keinen Zweifel mehr, dass das zukünftig durch uns selbst erledigt werden wird.

Als wir am fortgeschrittenen Nachmittag nochmal draußen stehen, ein Flugmanöver tanzen und uns mit dem beschäftigen, was wir gerade in der Atmosphäre beobachten, kommt von Cordula das Kommando, in 15 Minuten starten die Busse in Richtung Startplatz. Es könnte sich was ausgehen. Es sei jedoch absolut freiwillig. Eine Garantie, dass es geht, gibt es nicht. Ohne zu zögern springen ausnahmslos alle Teilnehmenden mit ihren Flugzeugen in die zwei Busse. Nach der Zeitumstellung zur Winterzeit bleiben etwa 2 Stunden bis die Sonne untergeht. Ein neuer Grundsatz kommt zum Tragen: Wenn du es eilig hast, mach langsam. Unterwegs halten wir am Helilandeplatz, der an der Straße auf halber Strecke liegt, steigen alle aus und bewerten gemeinsam die Lage und unsere Beobachtungen. Der Nordföhn lässt zwar nach, doch gerade in der Beziehung ist Eile, im Sinne von zum Startplatz hetzen, weil die Zeit drängt, ein ziemlich schlechter Berater. Auf dieser Höhe ist der Wind sehr moderat, die Sicht ist sehr gut, kaum Bewölkung und wenn, dann weit oben. Gleichzeitig ist in der Höhe gut zu erkennen, dass zwar die Nordströmung scheinbar weg ist, doch sie hat einer ausgeprägten Westlage Platz gemacht, was die Situation jetzt nicht verbessert. An der Stelle sei erwähnt, dass die Prognosen in der BurnAir App in den letzten Tagen stets exakt eingetreten sind und ich erwarte auch für diesen späten Nachmittag, dass Bernie Recht hat und wir das Fenster in Bezug auf eine startbare Windrichtung bereits verpasst haben. Ich behalte das für mich, denn es macht keinen Unterschied und ich bin gespannt, wie es sich tatsächlich am Startplatz Alpo anfühlen wird. Im Bus wird, wie die letzten Tage auch schon, angeregt gequatscht, gescherzt und gelacht als wir weiterfahren. So etwas habe ich wirklich noch nicht erlebt. Ich steige am Ende der Straße, die kurz vor dem Startplatz eine Sackgasse bildet aus dem Bus und spüre sofort den Wind aus West im Gesicht. Muss erstmal noch nix heißen, denke ich, schau mer mal, was am Startplatz los ist, auf dem auch nach Südwest gestartet werden kann. 

In den Böen muss Frau echt fast die Mütze festhalten, doch es kommen immer auch längere Phasen vorbei, in denen der Wind tatsächlich zum Starten taugt. Unter normalen Umständen hätten sich nun die meisten wahrscheinlich sofort fertiggemacht, doch Eki bremst erstmal alle ein. Wir versammeln uns um ihn herum und er möchte von jedem und jeder einzelnen wissen, was genau wir jetzt in dieser Situation tun würden, wenn wir unter den vorgefundenen Bedingungen ganz allein hier oben stünden. Ihm ist extrem wichtig, dass sich niemand von der Gruppendynamik mitreißen lässt, sondern eigene Entscheidungen trifft und umsetzt. Nahezu alle geben an, auch ich, dass sie bei den aktuell empfundenen Böen nicht starten und eine angemessene Zeit warten würden, um zu sehen, ob sich der Wind bzw. die Böen beruhigen oder nicht. Später weißt Cordula noch daraufhin, dass ihrer Beobachtung der westlich an einer Kuppe hängenden kleinen Windfahne nach, die Möglichkeit eines horizontalen Rotors besteht, da dort immer wieder ein Nordwestwind angezeigt wird. 

Eki und Cordula stimmen sich ab, er wird als erster rausfliegen und ihr Rückmeldung zu den Bedingungen draußen geben, bevor irgendjemand hier aufzieht. Alle beobachten ihn, wie er in einem weiten Rechtsbogen die Startwiese verlässt und Cordula erklärt sofort, warum er das genau so macht und nicht anders, denn die Windbedingungen sind, wie sich herausstellt, tatsächlich relativ anspruchsvoll, was auf den ersten Blick anders aussah. Der zum Startzeitpunkt noch dominierende Südwestwind wird gestört, der überregionale Wind hat inzwischen eindeutig auf West gedreht, mein Bauch hat entschieden, dass ich hier und jetzt nicht mehr starten werde. Es dauert nicht lange als Eki sich über Funk meldet und anweist, dass hier niemand starten soll, denn die Föhnkomponente ist wohl noch vorhanden und macht fliegen hier gefährlich. Wir gehen gemeinsam mit Cordula zu der Windfahne an der westlichen Kuppe und besprechen, wie sie darauf kommt, dass hier ein horizontaler Rotor sein kann. Über dem See wird indes eine Inversion deutlich sichtbar, der Nachmittag schreitet voran, die Sonneneinstrahlung lässt nach, die Luft über dem See kühlt ab, Kondensat fällt aus, die Luft über der Inversion aus West-Nordwest ist wärmer, aber auch sehr turbulent. 

Alle wieder zurück zum Bus, einsteigen, runterfahren. Unterwegs knistert es aus dem Funkgerät, wir sollen mal zu den Casali-Wiesen fahren, denn weiter unten, spätestens in der Inversion, sei die Luft ruhig, so Eki, der gerade in die dunstige Luft überm See eingeflogen ist. Da könne sich was ausgehen. Bei dem Wort Casali bekomme ich Gänsehaut, denn nach der Startplatzeinweisung dort sind das sicher nicht meine Favoriten für einen Start. Mal abgesehen davon, dass bei einem Start so weit unten meiner Meinung nach keine Höhe mehr für etwaige Manöver vorhanden ist bis ich über dem See bin, der von da immer noch einige Kilometer entfernt ist. Der Pi3 von Advance, den ich fliege, ist nicht bekannt dafür, dass er gut gleitet. Dafür ist er ja auch nicht gemacht. 

Cordula wundert sich wohl auch etwas, doch die Startplätze liegen eh auf dem Weg und selbst wenn sich „nur“ ein Abgleiter ausgeht, ist das 100% mehr als nicht fliegen. Als wir uns die Bedingungen an den Startplätzen anschauen wird klar, dass Starten auf beiden Plätzen geht. Flo, einer unserer Fahrer, fährt die Straße zum Wenden des Busses sowieso noch ein Stück weiter, wo er aussteigt und überprüft, dass auf dieser Höhe wirklich kein Wind mehr aus Nord oder Nordwest von hinten lauert. Ist nicht so, grünes Licht fürs Aufziehen, was einigermaßen schnell gehen muss, denn die Dämmerung hat bereits eingesetzt. Cordulas Anspruch ist, dass alle, die fliegen wollen, auch noch starten können, wozu es allerdings nötig ist, etwas aufs Gaspedal zu steigen. Ich bin zögerlich, weil mir die Startplätze nicht taugen und ich nicht einschätzen kann, ob ich umsetzen kann, was Eki einen Tag vorher für einen Start ohne Wind erklärt hat. Ich bespreche das kurz mit Astrid, die sehr zuversichtlich ist, dass wir das schaffen. 1:0 gegen den Schweinehund. Ich suche mir den flachen Startplatz aus, obwohl das Gras und etwas Gestrüpp ziemlich hochstehen, denn hier rechne ich mir bessere Chancen aus, falls ich abbrechen muss und mir dabei nicht wehtun will. Während sich die meisten fertigmachen, organisiert Cordula noch eine Heckenschere beim angrenzenden Haus, deren Bewohner sie gut kennt, um auf der Startbahn ein wenig aufräumen zu können, bevor der/die erste aufzieht. 
Dass Starten hier nicht so einfach ist, wird schnell klar. Es geht nicht bei allen sofort geschmeidig raus, einige Abbrüche sind notwendig. Mein Herz klopft erneut bis zum Hals als ich fertig gecheckt dastehe und über den Funk mitbekomme, dass Eki im Boot sitzt und Manöver fliegen lässt. Dann bekomme ich von Cordula die Freigabe zum Aufziehen. Nicht nachdenken, fühlen, ich ziehe mit viel Impuls auf, versuche mich mit Anbremsen zurückzuhalten, Geschwindigkeit ist wichtig, der Kontrollblick nach oben muss ausfallen, dafür ist keine Zeit, laufen, laufen, laufen, Bremse freigeben, laufen, laufen, die Bäume kommen näher und kurz bevor ich denke, das passt nicht mehr, hebe ich ab. Nach ein ganz mini Bisschen gehe ich auf die Bremse, um maßvoll Steigen zu generieren und fliege mit noch entspanntem Abstand über die Bäume. Also es ist bestimmt noch ein guter Meter Platz. Puuuhhh… geschafft. 

Mit Sonnenbrille gegen den Wind sehe ich kaum noch die Anzeige im Vario so dunkel ist’s inzwischen geworden. Ich melde mich bei Eki an, als ich die Wasserlinie überflogen hab‘ und das Boot sehen kann. Unterwegs habe ich mitbekommen, dass die Manöver alle sehr kurz sind, aber doch einige geflogen werden können. Meine Wahl ist auf meine allererste Spirale gefallen, denn überraschenderweise habe ich noch eine gute Höhe als ich den See erreiche. 
Die Bewegungen haben wir am Boden über mehrere „Spiraltänze“ visualisiert, deswegen weiß ich prinzipiell, was zu tun ist, habe aber keinen blassen Schimmer davon, wie sich das anfühlen wird, wie weit ich die Bremse(n) anziehen muss und was dann passiert. Beim Anflug sprach ich auf jeden Fall mit meinen Händen und wies ihnen ihre Rolle fest zu. Rechte Hand ist außen, linke Hand ist innen, rechte Hand ist außen, linke Hand ist innen. Und nochmal: rechte Hand ist außen, linke Hand ist innen. Warum genau ich entschied, dass ich eine Linksspirale beim ersten Mal fliegen will, weiß ich gar nicht. Aber das ist auch egal. Wichtig ist, dass es keine Zweifel über innen und außen gibt. Wie heftig die Luzi abgeht, weiß ich ja nicht, doch ich möchte im Manöver nicht darüber nachdenken müssen, welche Hand jetzt für was zuständig ist. Eki gibt grünes Licht, es geht los. Gehirn aus, rechte Hand ganz nach oben ans Leinenschloss, Blick nach links, Gewicht nach links, dann ziehe ich die innere Bremse mit links entschlossen und bestimmt und weil ich keine Ahnung hab‘, wie weit, entscheide ich, dass der Karabiner, der Gurtzeug und Schirm verbindet, eine gute Wahl ist. Tiefer habe ich eine Bremse im Flug noch nie gezogen, weil es immer hieß, das sei wegen eines möglichen Strömungsabriss gefährlich. 

Und dann bricht der Sturm los. Mein Schirm zieht mit noch nie dagewesener Dynamik in eine Linkskurve, bereits nach einer halben Umdrehung explodiert die Geräuschkulisse, ich werde ins Gurtzeug gepresst, die Nase kippt in Richtung See und dann geht mein Gehirn sprichwörtlich wirklich aus. Durch meinen Kopf geht nur noch, links ist innen, rechts ist außen und das Außen hat die Macht. Mehr ist in diesem Zustand nicht wichtig. Der erste Impuls: Das ist mir zu krass, ich will hier raus. Wie viele Umdrehungen ich geflogen bin, weiß ich gar nicht so genau, doch ich weiß, ich sollte wegen der Höhe nicht lange rumeiern. Der Winkel zwischen meiner Eintrittskante und dem Horizont sollte im Idealfall so 40-45° haben, was einem Sinken von 8-10m/s entspricht. Ich bekomme absolut nichts davon mit, weiß weder in welchem Winkel meine Front steht, noch wo der Landeplatz ist, noch in welcher Richtung ich unterwegs bin, exit. Ich ziehe außen an, gebe innen ein klein wenig frei und warte auf eine Reaktion meiner Kappe, die völlig überraschend sofort kommt. So dynamisch und voller Energie die Luzi losging, so schnell geht es jetzt raus, doch ich verpasse den Punkt, an dem ich innen hätte nachziehen müssen, die enorme Energie, die jetzt im System steckt, muss in kurzer Zeit irgendwo hin und weil das jetzt mit flacher werdenden Kreisen nicht mehr geht, kann meine Kappe nicht anders als mit Schmackes zu steigen. Fühlt sich wie eine Vollbremsung an und ist nicht gut, denn gefühlt bin ich nahe dran, dass mein System nicht mehr fliegt. Noch bevor ich in Panik verfallen kann, flüstert mir Ekis Stimme in unendlicher Ruhe ins Öhrchen „Hände hoch, oben lassen, oben lassen, nix tun, es ist alles in Ordnung, lass den Schirm einfach fliegen“. 
Mein Flugzeug beruhigt sich sofort, ich komme wieder zu mir. Alter Falter. Dass die Fahrt so krass schnell und heftig wird, hätte ich im Leben nicht erwartet. Eki ist indes von meiner ersten Spirale voll begeistert. Toll gemacht und danke, was für mich das Zeichen ist, landen zu gehen. Ist auch besser so, denn Höhe ist jetzt keine mehr da. 
Wo der Landeplatz geblieben ist, hab‘ ich dann auch sofort wieder im Blick, achtere ab, ein leichter Bergwind aus Nord, ich setze sanft auf. Mein Körper ist noch voller Adrenalin und ich kann noch gar nicht richtig fassen, was da grad in der Luft passiert ist. Astrid tut’s mir gleich und kommt kurze Zeit später ebenfalls am Landeplatz an, wir fallen uns in die Arme. Völlig geflasht babbeln wir wild los, um unsere Eindrücke mit einem Glänzen in den Augen loszuwerden. Noch ein bisschen intensiver als wir das nach unserem ersten B-Stall taten. Astrid hatte zusätzlich zu berichten, dass sie ihren Start fast verkackt hätte und die Füße hochheben musste, damit „nur“ der Protektor Kontakt mit der Baumreihe hat. Die Ursachen bespricht sie später mit Cordula, die sie grinsend ob des doch noch geglückten Starts beim Treffen im Schulungsraum empfängt.

Als alle, die geflogen sind, heile den Landeplatz erreicht und zusammengepackt haben, treffen wir uns, wie gesagt, wieder im Schulungsraum. Bis das Restaurant öffnet möchte Eki die Zeit nutzen, um mit uns unsere Manöver ganz kurz durchzusprechen bevor wir eine Etage höher zum Essen einfallen. 
Als mein Flug dran ist, staune ich Bauklötze und lerne, dass mein kleiner Pi3 ein richtiges Spiralmonster ist. Bereits unmittelbar zum Ende des ersten Vollkreises liegt mein Schirm auf der Nase, ein Winkel von 0° zum Horizont, nix 40 oder 45°, es geht mit Maximalgeschwindigkeit nach unten mit Maximalbelastung auf meiner Flugbahn um meinen Schirm herum. Mir wird klar, warum sich das so heftig angefühlt hat, aber gleichzeitig habe ich gelernt, dass mein Schirmchen trotz dieser ultimativen Dynamik sehr genau auf meine Steuerimpulse reagiert und ich bestimmen kann, was passiert. Meine Aufgabe für den nächsten Flug, die ich mir selbst stelle: Kontrolliere deinen Spiralflug, behalte deine Eintrittskante im Blick und steuere aktiv Neigung und Geschwindigkeit. Der Kopf muss an bleiben. Astrids Flug ist nahezu identisch mit meinem, allerdings mit dem feinen Unterschied, dass sie ihre Ausleitung kontrolliert und über flacher werdende Kreise aus dem Manöver herauskommt, statt schlagartig zu steigen, wie mir das passiert ist. Sehr fein. Super gemacht. 

Der nächste und leider letzte Tag verspricht ein richtig guter Flugtag zu werden. In der BurnAir App wird allerdings ab Mittag wieder Regen angezeigt und der Wind soll im Verlauf des Vormittags deutlich zulegen und als Eki als Uhrzeit fürs Treffen am nächsten Morgen 7 oder 7:30 Uhr vorschlägt, geht Astrids Klappe sofort los, das sei zu spät. So viel wie möglich fliegen geht nur, wenn wir zum Sonnenaufgang am Startplatz stehen. 6 Uhr in der Früh am Treffpunkt wäre besser, denn die Auffahrt dauert etwa eine halbe Stunde, bis alles besprochen ist und die Ersten Starten können, geht nochmal eine halbe Stunde ins Land und dann geht die Sonne auf. Ein kurzes Raunen geht durch die Reihen, doch es widerspricht niemand. Eki stimmt zu, lässt aber jedem und jeder die Wahl. Wer die erste Fahrt dabei sein will, solle um 6 da sein, wem die zweite Auffahrt genügt, entsprechend später. Astrid und ich committen uns dazu, morgens frischen, heißen Kaffee in Thermoskannen dabei zu haben, denn es wird ziemlich frisch sein und möglicherweise hilft das Heißgetränk, um die Augen offen zu halten. Mir geht durch den Kopf, dass wir die FeWo ja auch noch räumen müssen. Upsi. Das wird früh. Es wird sich jedoch herausstellen, dass wir genau die richtige Entscheidung getroffen haben, so früh dran zu sein, denn Wetter ist Wetter und das ist alles andere als planbar.

Jetzt Pizza und Landebier. Hunger, Durst. Mein Emotionstopf kocht immer noch vom letzten Flug und den Ereignissen. Heute Abend ist die Pizza lecker. Die, die wir beim ersten Besuch hier bekommen haben, war auf dem Niveau eines deutschen Pizzaservice und wenn ich nicht so einen Hunger gehabt hätte, hätte ich mir das nicht angetan. Das Leben ist zu kurz für schlechtes Essen. Aber die können auch anders und ich genieße jeden Happen. Ich sitze zwischen neuen Menschen, mit denen ich bisher nicht so viel geredet habe, was mir ebenfalls gut gefällt, denn ich bin immer noch sprachlos, dass die Leute im Kurs so nett sind. Alt wird heute niemand, soweit ich das erkennen kann, wollen am nächsten Morgen alle im ersten Bus sitzen und auch Astrid und ich bleiben nicht kleben, wie am zweiten Tag, sondern brechen zeitig auf, um alles Notwendige erledigen zu können, bevor es ins Bettchen geht. Der Wecker wird um halb fünf klingeln.

Mit zwei Thermoskannen Kaffee im Gepäck und gepacktem Auto schlagen Astrid und ich am nächsten Morgen, es ist noch stockfinster, am Treffpunkt vor dem Campingplatz auf. Dirk und Flo haben die Shuttlebusse abends schon vom umzäunten und mit Tor versehenem Campingplatzgelände runtergefahren. So, wie die Leute eintrudeln, teilen Astrid und ich Kaffee aus. Die Stimmung ist wieder super, alle sind motiviert, das frühe Aufstehen haben alle scheinbar gerne in Kauf genommen, um wenigstens heute, am letzten Tag, noch was reißen zu können. Während der Auffahrt wird es langsam hell, die Jäger sind unterwegs, es knallt immer wieder mehrfach, wenn Schüsse abgegeben werden. Die Vogeljagd hat Tradition hier. Eki ist ebenfalls mit nach oben gekommen und wird wieder als Erster starten, nachdem erneut ausgiebig über die vorgefundenen Bedingungen gesprochen wurde. Dabei wird klar, dass das fliegbare Fenster nicht so groß sein wird, wie es gestern noch den Anschein hatte und Eki rechnet nicht damit, dass wir häufiger als 2-3 mal fliegen können, weil der Wind zu stark wird. 

Ich bin krass aufgeregt, denn mein Plan für den ersten Flug wird sein, nur die Spirale zu fliegen und die aber ganz mitzubekommen, nicht so wie gestern. Über mehr habe ich mir keine Gedanken gemacht. Auch Astrid hat sonst erstmal nix vor. Wir machen uns zügig fertig, wollen nicht wieder bis zum Schluss warten, und so starte ich noch in der ersten Hälfte der Teilnehmenden. Auf dem Weg in meine Trainingsbox lasse ich wieder los, lasse alles hängen, klopfe mir auf die Schenkel, um die Kälte ein wenig auszutreiben, greife zum Retter, ertaste meine Leinenschlösser und -ganz wichtig- spreche wieder laut mit meinen Händen. Um einer etwaigen Schokoladenseite entgegenzuwirken, sage ich dieses Mal meiner rechten Hand „du bist innen“. Drehe mich zur linken Hand „du bist außen“. Und nochmal. Du, rechte Hand, bist innen, und du, linke Hand, bist dieses Mal außen. Speichern. Als Jette, die vor mir in die Trainingsbox geflogen ist, ihre abgefahrene Aktion abgeschlossen hat, melde ich mich bei Eki an, bekomme die Freigabe, selbständig einzuleiten und los geht das Karussell. Um zu vermeiden, dass es gleich wieder Vollgas losgeht, ziehe ich die innere Bremse erstmal nur bis knapp oberhalb des Karabiners und warte ab, was passiert. Auch damit kippt der Schirm zügig in die Spirale, aber nicht ganz so heftig, wie am Vortag. Als die Windgeräusche mir unverkennbar mitteilen, dass ich jetzt in der Spirale bin, versuche ich die Fahrt aktiv über die Innenbremse zu steuern, ziehe etwas nach, es wird schneller, der Winkel zum Horizont wird kleiner, ich sehe meiner Kappe dabei zu. Dann lasse ich etwas nach, die Kappe kommt ein klein wenig hoch, die Bahngeschwindigkeit nimmt etwas ab. Und wieder mehr und ich merke, wie meine Innenbremse praktisch das Gaspedal ist und unmittelbar auf meine Impulse reagiert. Das gefällt mir und gibt mir ein einigermaßen sicheres Gefühl. Meine Außenhand ist dabei die ganze Zeit ganz oben und erst als ich mich dazu entscheide, dass es jetzt gut ist, so nach bald 10 Umdrehungen, ziehe ich außen leicht an und merke sofort, dass mein Schirm die Spirale verlassen will. Dummerweise verpasse ich erneut den Punkt, an dem ich nachdrücken sollte, d.h. die Innenbremse müsste nachgezogen werden, um den Schirm daran zu hindern, zu schnell die Rotation zu verlassen und steige erneut so, dass mir fast Angst wird. Aber da ist Eki schon da, der mich im Gegensatz zu manch anderem Fluglehrer während meiner Ausbildung zu keiner Zeit aus den Augen verloren hat und mir klare Anweisungen gibt, einfach nichts zu tun, Hände hoch, oben lassen, warten bis das System sich beruhigt hat und nur beim Vorschießen einzugreifen, was aber nicht passiert. Einfach nur geil. Natürlich habe ich noch viel Arbeit vor mir, bis dieses fürs Thermikfliegen wichtige Manöver einigermaßen von mir beherrscht wird, insbesondere das Timing beim Ausleiten ist echt grottig, doch ich habe die nötige Sicherheit bekommen, dass ich mein Karussell nicht sich selbst überlassen muss. Und das Beste: Egal, was passiert und was vielleicht alles nicht passt, Eki schließt stets mit einem Wort des Lobes und der Anerkennung. Vordergründig eine Kleinigkeit, doch es sind die wichtigsten Worte bei jedem Flug. Das hast du gut gemacht, das war super, das hast du perfekt geflogen. Alles andere wird später im Schulungsraum besprochen und braucht in der aktuellen Situation keinen Platz. 

Nach meiner Landung sind sofort zwei Leute da, die meinen Schnellpacksack aus meinem Gurtzeug ziehen, ihn aufhalten und ich sofort meine Tulpe hineinstopfen kann. Eigentlich mag ich auf Astrid warten, die leider nicht direkt hinter mir gestartet ist, weswegen sich ihre Ankunft verzögert, doch wenn ich gleich einsteige ist der Bus voll und wir können gleich wieder nach oben starten. Ohne Astrid zum nächsten Flug aufzubrechen, fühlt sich komisch an und ist normalerweise nicht unsere Praxis. Gleichzeitig ist mir aber klar, dass es klug ist, nicht lange zu warten, gleich wieder raufzufahren, denn lange werden die Bedingungen zum Starten nicht mehr gut sein. Astrid wird den nächsten Bus erwischen. Ich steige ein und falle eine halbe Stunde später oben wieder raus, gehe ein paar Minuten zum Startplatz, mache mich gleich fertig, esse und trinke noch was bevor das nächste Karussell losgeht. Meine große Sorge war, dass mir kotzübel wird, so wie damals im G-Force-Training und ich das schnelle Drehen nicht aushalte und mich noch im Flug übergeben muss. Ist aber alles nicht so gekommen. Trotzdem ist es klug, nicht mit leerem Magen zu starten. 
Cordula empfängt mich wieder am Startplatz und hilft mir ein wenig mit meinem Schirm, denn ich stehe in etwas buckligem Gelände und beim Versuch, die Kappe ordentlich mit Hilfe des Windes auszulegen, erreiche ich leider das Gegenteil. Just in dem Moment springt auch Astrid hinzu, um zu helfen, denn sie ist, wie erhofft, gleich mit dem nächsten Bus raufgekommen. Mit Cordula bespreche ich kurz vorm Aufziehen, was ich dieses Mal fliegen möchte und ich entscheide, dass ich vor der nächsten Spirale erst meinen Stallpunkt im stationären Geradeausflug ertasten möchte, ein Manöver, das Eki am Herzen liegt, weil er es für wichtig hält und uns entsprechend darauf vorbereitet hat. Cordula gibt mir nochmal die Dinge mit auf den Weg, die dabei wichtig sind. Anschließend möchte ich kurze Spiralen fliegen, um die Ausleitung zu üben. Je nachdem, wie es mit der Höhe ausgeht. Eine super Idee findet Cordula und gibt mir grünes Licht fürs Aufziehen.

Mein Start gelingt, ich bin wieder in der Luft und steuere ziemlich direkt auf meine imaginäre Trainingsbox zu. Es ist deutlich unruhiger als beim ersten Flug. Eine gute Gelegenheit anzuwenden, was wir in den Tagen davor dazu besprochen hatten und von Eki vorgeführt bekamen, um unsere Kappe ruhiger zu bekommen. Ich mache den John Wayne in meinem Gurtzeug, drücke meine Beine fest nach außen ins Gurtzeug, greife oben in die hinteren Tragegurte und lege meine Ellbogen fest gegen die Aufhängekarabiner, bisschen Körperspannung. Zack, Ruhe. Kleine Dinge machen einen großen Unterschied. Dann nochmal alles hängen lassen und darüber nachdenken, was ich in wenigen Minuten fliegen will, Konzentration, Zeit nutzen, Griff zum Rettungsgerät. 
Stallpunkt ertasten, d.h. den Moment herbeiführen, ab dem ein vollständiger Strömungsabriss die Folge ist, wenn Frau falsch reagiert, hatte ich so gar nicht auf dem Radar, doch ich möchte wissen, wie sich der Punkt anfühlt, bei dem die Steuerleinen plötzlich in Butter tauchen. Bei Ankunft in meiner Trainingsbox melde ich mich über Funk bei Eki an, teile ihm mit, was ich fliegen will und dann geht’s auch schon los. Nach der Freigabe ziehe ich konsequent mit einem halben Schlag in den Steuerleinen jene zügig nach unten, 21, 22, 23, ich wundere mich, wie weit ich ziehen bzw. dann drücken muss, bis irgendetwas passiert. In dem Bruchteil einer Sekunde, als ich merke, der Druck lässt nach, schießen meine Hände bereits nach oben. Es ist nicht wirklich was passiert. Eki möchte genau deswegen, dass ich das nochmal mache. Als die Kappe sich beruhigt hat, kommt der nächste Versuch, 21, 22, 23, ich habe etwas fester durchgedrückt und nun ist die Reaktion sehr deutlich, meine Hände gehen sofort ganz nach oben bis über die Leinenschlösser, mein Schirm zuckt, fällt kurz ein wenig zusammen, kommt über einen kurzen Sackflug wieder in eine stabile Lage, während ich zunächst nach vorne pendele und mich dann die Kappe über mir überholt als sie Geschwindigkeit aufnimmt. Nichts tun, Hände oben lassen, warten, warten, System fliegt wieder. Ein bisschen gefährlich aber sehr eindrücklich. Ich fliege das noch einmal erfolgreich und dann folgen zwei kurze Spiralen, wie ich Eki angekündigt hatte, um deren Ausleitung zu üben. Nun ja, beim ersten Mal verpasse ich wieder den Zeitpunkt zum Nachdrücken, steige dadurch stark und pendele aus dem Manöver, bei der zweiten, die ich anders herum fliege, gelingt es etwas besser, doch ich verlasse dabei meine Achse in Richtung Landeplatz. Gibt also noch viel Luft nach oben, bis das einigermaßen passt. Die Funke knackt „flieg so, dass du in Richtung Landeplatz rauskommst, war superschön“. Ich gehe landen. 

Die Landung ist etwas speziell, denn mir geht der Platz aus und es gibt nur eine ziemlich kleine Ausweichmöglichkeit, die zwischen Straßenschildern hindurch auf ein kleines Stück Wiese führt, an die unmittelbar der hochwasserführende Bach angrenzt. Der Nordwind ist nicht sehr ausgeprägt und so bin ich schlicht zu hoch eingeflogen. Ging aber gut, die kleine Wiese war meine, wenngleich es sich um eine einzige große Pfütze handelte und danach mein Zeug komplett nass war. Erneut sind sofort Menschen zur Stelle, um mir beim Einpacken zu helfen, denn es soll sofort wieder rauf gehen, wobei jetzt bereits nicht mehr klar ist, ob wir überhaupt nochmal starten können, aber das weiß Frau erst, wenn sie auf der Startwiese steht. Astrid kommt zu lange nach mir erst rausgeflogen, weswegen warten auf sie keine Option ist. Schnell noch ne Semmel aus dem Gurtzeug gefummelt und los.
Witzigerweise, so lerne ich später, passiert Astrid beim Landen genau das gleiche. Geht gut aus, doch auch ihr Zeug ist volle Kanne nass.
Ich sitze erneut im Bus nach oben, dieses Mal in der letzten Reihe, unterhalte mich mit Andi, einem supernetten Piloten und merke leider nicht, wir mir Übel wird, bis es fast zu spät ist. Die ganze Zeit achtete ich bei den Auffahrten darauf, immer schön nach vorne zu schauen, doch jetzt ging das irgendwie unter. Blöd. Die letzten Kurven bis zum höchsten Punkt kämpfe ich ein wenig, doch ich bekomme es hin, dass nix passiert. Die frische Luft beim Aussteigen tut gut und es geht relativ schnell wieder, wenngleich ich überlegen muss, ob Spirale fliegen in dem Zustand eine clevere Idee ist. Für den wahrscheinlich letzten Flug heute nahm ich mir jedoch keine krassen Sachen mehr vor, denn ich möchte das sensationell gute Gefühl, dass sich eingestellt hat, bewahren und damit den Kurs enorm positiv in mir aufbewahren. Kommt aber alles anders. Kaum bekomme ich von einer Teilnehmenden meinen Schnellpacksack in die Hand gedrückt, kommt Cordula schon vom Startplatz mit samt ihren Sachen zurück und verkündet, dass Starten jetzt nicht mehr gut ist, weil die Böen zu stark werden und insgesamt die Luft unruhig geworden ist. Damit ist die Frage, was ich noch fliegen möchte, beantwortet. Ziemlich zeitgleich bekomme ich eine Kurznachricht von Astrid, die bereits im Café am Campingplatz sitzt, dass bei ihr alles gut ist.

Fürs Runterfahren muss ich unbedingt vorne sitzen, sonst könnte es mit der Übelkeit echt ernst werden und weil es noch ein paar andere Kandidatinnen gibt, sitzen wir zu viert vorne, die Stimmung ist trotz des Abbruchs super, wir unterhalten uns auf der ganzen Fahrt, während ich schön nach vorne schaue. Wir sind uns einig, dass es die beste Idee des Tages von Astrid gewesen ist, heute bei Sonnenaufgang oben zu sein, sonst wäre der zweite Flug schon nicht mehr ausgegangen. Tipptopp. Eigentlich wäre der Kurs am letzten Tag nur bis 12 Uhr mittags gegangen, doch unter diesen Umständen haben Cordula und Eki auf unbestimmte Zeit verlängert. Im Schulungsraum angekommen, wird jeder Einzelne Flug nochmal mit Engelsgeduld unter die Lupe genommen und bis ins Detail besprochen und ich sehe zum ersten Mal, was manch Teilnehmer:in geflogen ist. Mir bleibt fast die Luft weg. Ein beinahe Retterabgang war auch dabei, wie Pilot Moritz erklärt, als er dran ist. Ich weiß gar nicht mehr, was er eigentlich fliegen wollte, hat dabei jedoch völlig die Kontrolle verloren und wenn sein Schirm sich innerhalb einer halben Sekunde nicht doch fürs Fliegen entschieden hätte, wäre es soweit gewesen. 
Was da wohl noch alles drin gewesen wäre, wenn wir in den Tagen davor hätten fliegen können? Spannende Vorstellung, die auch auf mich selbst zutrifft, denn ich hätte wahrscheinlich nicht ausschließlich die Spirale geübt. Spekulation. Als alle durch sind, geht’s in die Abschlussrunde. Eki macht den Anfang und ich merke, dass es ihm nicht leicht fällt. Natürlich hätte es ihn gefreut, wenn wir mehr hätten fliegen können, doch da war noch etwas anderes. Er rückt mit der Sprache heraus, dass dieses Sicherheitstraining das letzte war, dass er als Chef der Flugschule Achensee durchführt. Deswegen fand es auch trotz der miserabelsten Prognosen statt und er hat wirklich alles aus sich herausgeholt damit es gut wird. Und by the way es war sensationell. Es wäre Zeit, dass alles in neue, jüngere Hände käme, er jedoch schon noch Trainings machen wird, aber eben nicht mehr als Chef und eher so nach seinen Vorstellungen. Mit der Pilot:innenbrille betrachtet haben Astrid und ich somit an einem historischen Ereignis teilgenommen, denn Eki ist eine absolute Instanz in Fliegendenkreisen. Ich bin sehr, sehr froh, das erlebt haben zu dürfen. Die Runde geht weiter. Die meisten Dinge, die ich zur Sprache bringen wollte, sind gesagt, als ich an der Reihe bin. Doch eines ist noch offen, dass ich gerne allen mit auf den Weg geben möchte: Ich wurde behandelt, wie ein ganz normaler Mensch. Niemand hat in den 5 Tagen auch nur ansatzsweise irgendein Thema mit meiner Transidentität gehabt und ihr könnt mir glauben, ich merke so etwas sehr schnell, weil Transidentität ein ziemlich guter Arschlochfilter ist. Aber es hat einfach keine Rolle gespielt. Das ist das beste Ergebnis, das ich erzielen kann und das gelingt nur mit in diesen Dingen völlig gechillten Menschen. Ungewöhnlich bei einer so großen Gruppe und ich bedanke mich bei allen dafür, denn das ist bei Weitem nicht selbstverständlich, wie ich fast täglich erlebe. Als Astrid an der Reihe ist und davon berichtet, wie sehr Eki und Cordula sie in ihrer Seele berührten, kämpfen wir beide ein wenig mit den Tränen, denn das ist wirklich so. Danke, dass es solche Menschen gibt. 
Der ultimative Lacher am Schluß als Carla die Runde beschließt: Mit einem Zweileiner kann Frau keinen B-Stall fliegen.

Ein ganz besonderer Dank geht natürlich auch an unsere Shuttlebunnies Flo und Dirk, denen kein Zirkus zu viel war und die wirklich reichlich zu tun hatten mit den immer übervollen Bussen auf dem abenteuerlichen Weg zum Startplatz. Ich glaube, wir werden mit beiden weiterhin zu tun haben, denn Flo wohnt in der Nähe von Marktoberdorf, was ja quasi zum gemeinsamen Fliegen einlädt und Dirk hat, wie ich lerne, seit vielen Jahren als Bergführer eine eigene Bergschule in Bolsterlang. Ich sage nur, Rubihorn Nordwand und es muss sehr, sehr kalt sein. 

Nach nun 4 selbst beidseitig geflogenen Spiralen habe ich für mich die Sicherheit gewonnen, dass ich das allein über Grund üben kann. Eki stimmte dem zu und gab zusätzlich den Tipp, vorher abhängig von der Höhe festzulegen, wie viele Umdrehungen es werden sollen, so dass ein ungewolltes Runterdrehen bis in Bodennähe nicht passieren kann. Und natürlich sollte ich nicht zu dynamisch an die Sache rangehen, sondern eher ein wenig defensiv fliegen. Dann wird das gut.

Als ich mit Zweifel ins Auto gestiegen bin und wir dem Dauerregen gen Süden entgegenfuhren, hätte ich im Leben nicht gedacht, was bei diesen 5 Tagen rauskommt. So viel gelernt und mitgenommen, so wahnsinnig coole Menschen kennengelernt, so viel auch über mich selbst gelernt. Tiefe Dankbarkeit, dass wir das einfach tun dürfen. Manchmal geht das in der Hektik und meinem Pessimismus unter, doch es ist wichtig, sich dessen bewusst zu sein. Wir haben ein Dach überm Kopf, genug zu essen, müssen nicht frieren, niemand schießt auf uns und wenn uns danach ist, dürfen wir fliegen, wie die Vögel.

Hinweis: Die meisten Bilder und Videos im Beitrag wurden von der Flugschule Achensee zur Verfügung gestellt und stammen nicht von mir.

Kleiner Nachtrag: Astrid und ich haben inzwischen unsere Retter selbst gepackt und nach einem erfolgreichen und störungsfreien Auslösetest die Sicherheit, dass wir das richtig und gut gemacht haben. Die Dokumentation des regelmäßigen Lüftens und Packens kann auf der Herstellerseite nach Registrierung erledigt werden. Wieder einen Schritt weiter.

Sicherheitstraining mit der Flugschule Achensee am Idrosee, 28.10.-01.11.2023

Kleine Geschichte zu unserem ersten Sicherheitstraining mit dem Gleitschirm. Obwohl es mehr oder weniger durchregnete und nur sehr wenige Möglichkeiten zum Fliegen blieben, so waren die Tage doch voller neuer Erfahrungen, voller neuer toller Menschen und voller grenzenlosem Optimismus, dass sich doch noch was ausgeht. Auch wenn wir wenig geflogen sind, so haben wir trotzdem enorm viel mitgenommen und es hat sich wirklich gelohnt, trotz der schlechten Prognosen an diesem Training teilgenommen zu haben.
Hinweis: Die meisten Bilder und Videos im Beitrag wurden von der Flugschule Achensee zur Verfügung gestellt und stammen nicht von mir.

Vera lernten wir beim Frauenfliegenfest in Lenk vergangenen Herbst kennen. Dass sie auch im Nova Testpiloten-Team ist, war mir gar nicht bewusst und ich habe erstmal gar nicht verstanden, warum sie so viel mit der Organisation der Veranstaltung zu tun hat. Tut der Sache aber keinen Abbruch, dass ich mich sehr über ihre Nachricht freute, dass dieses Testival stattfindet, denn das bedeutete gleichzeitig, wir werden Vera wiedersehen. Es gibt außer dem Fliegen noch ein paar mehr Parallelen zwischen uns, wie z.B. das Bergsteigen, und es steht nach wie vor im Raum, dass wir da was zusammen unternehmen wollen. Vielleicht sogar in Kombination mit dem Fliegen. Das wär‘ echt ein Ding.
Aber von vorne. 
Nachdem wir innerhalb von Minuten entschieden hatten, dass wir an dieser Veranstaltung teilnehmen wollen, ging unmittelbar anschließend die Suche nach einer passenden Unterkunft los, denn wir werden da ja nicht alleine sein, first come first serve, und wir begannen mit dem Hotel direkt am Landeplatz. Es dauerte nicht lange bis wir uns wunderten, dass so gar nichts verfügbar ist, weder in besagtem Hotel, noch Ferienwohnungen, die wir sonst bevorzugt nehmen, noch irgendetwas anderes. Selbst der direkte Kontakt mit der Touristinfo änderte daran nichts, doch dort lernten wir, warum das so ist. Ein scheinbar sehr attraktives Radrennen soll zum gleichen Zeitraum im Gsieser Tal stattfinden, was dafür sorgte, dass das gesamte Tal ausgebucht ist. Blöd. Weiter draußen suchen ist nicht sexy, denn jeden Tag ewig weit ins Tal hinter fahren zu müssen, schied für uns aus. Das ist umständlich und raubt kostbare Zeit. Wir geben die Info bezüglich des Radrennens an Vera weiter, denn das gleiche Problem, wie wir, werden andere auch haben.
Kurze Zeit später wird die Veröffentlichung der Veranstaltung geändert, statt ins Gsieser Tal geht’s nun zur Plose, einem feinen Berg und dem gleichnamigen Fluggebiet unmittelbar östlich von Brixen. 
Hier werden wir relativ schnell fündig, es wird eine nette kleine FeWo Luftlinie vielleicht 200m vom Landeplatz entfernt, allerdings ohne direkte Verbindung dorthin, da der Hang dazwischen zu steil ist. Macht nix. Ich freue mich drauf, wenngleich das bei diesen Veranstaltungen immer so eine Sache ist. A) weiß Frau nicht, welche Sorten Menschen bei sowas teilnehmen und B) wie viele es werden. In unseren Ausbildungswochen zur A-Lizenz haben wir da sehr häufig ziemlich schlechte Erfahrungen gemacht, doch es gibt einen Unterschied: Wenn’s nicht passt, müssen wir unsere Zeit nicht dort verbringen. Ganz einfach. Ein offener Punkt an so einem festen Termin ist immer auch das Wetter. Wie wir später lernen, ist das schon ein paar Mal vorgekommen, dass abgesagt werden musste, da nicht fliegbar. Wir bleiben optimistisch. Es wird gut.
In der Woche vorher kommt die Meldung von Vera, dass die Veranstaltung stattfindet, was unsere eigene Einschätzung bestätigt, denn all unsere Quellen, insbesondere die BurnAir-App, sagen, dass mindestens freitags und samstags Flugwetter in Südtirol ist. Sonntag muss frau sehen. Yippiieeehhhh… es geht zum Hike&Fly-Testival.

Donnerstags nach der Arbeit starten wir. Unser Vermieter ist informiert, dass es später werden könnte bis wir aufschlagen, was von seiner Seite jedoch kein Thema ist. Wir sollen uns einfach melden, wenn wir die Abfahrt Brixen runter sind, dann ist er pünktlich für die Übergabe an der Wohnung. Es geht die für uns häufig genutzte Route runter über Scharnitz, Seefeld, Zirler Berg, dann auf die Autobahn und den Abzweig zum Brenner hinauf. Weit ist es eigentlich nicht, doch ein großer Teil der Fahrt führt über Land und braucht etwas Zeit. Wir hüpfen über den Brennerpass, im Nu ist die Mautstelle Sterzing da und dann ist Brixen nur noch einen Katzensprung entfernt. Auf der Abfahrt meldet sich Astrid beim Vermieter, der sich total nett anhört. Unser Ziel liegt am nördlichen Ortsrand von St. Andrä am Hang östlich von Brixen, wo wir nach etlichen Kehren etwa 20 Minuten später eintreffen und vom Vermieter super freundlich empfangen werden. Er ist von einem Fest im Dorf schnell rüber gekommen, macht den Papierkram mit uns fertig, zeigt uns die Wohnung und meint, dass wir so ziemlich alles im und am Haus mitbenutzen dürfen, von den Liegestühlen bis zum Pool und dem Bierkühlschrank im Keller. Er gibt uns noch die Info, dass von der Wohnung aus ein Pfad zur Talstation der Seilbahn führt und wir nicht über den etwas umständlichen Weg über die Straßen gehen müssten, sofern wir zu Fuß gehen wollen. Wir tüten noch einen Brötchenservice für die nächsten beiden Tage ein und sind ab da glücklich darüber, ins Bettchen fallen zu dürfen. Der Treffpunkt und die Uhrzeit für den nächsten Morgen sind bereits durchgegeben worden, trödeln is nich. 

Am nächsten Morgen steht pünktlich eine Tüte mit Semmeln auf der Terrasse. Hat schonmal funktioniert. Sehr fein. Wir sind früh dran, denn bevor wir zur Talstation aufbrechen, wollen wir uns den Landeplatz erst noch anschauen, so, wie wir das in unserer Ausbildung gelernt haben. Ob wir dort vor dem Starten nochmal vorbeikommen, wissen wir nicht, und so gibt es für uns keine Alternative, um herauszufinden, wo genau er ist, wie er aus der Luft erkannt werden kann und welche Landeregeln und etwaige andere Besonderheiten eventuell gelten. Dass es dort praktisch keine Parkplätze gibt, haben wir bereits herausgefunden und nehmen an, dass wir unser Auto später zu Fuß zurückholen müssen. Bis dahin gehen wir nämlich davon aus, dass wir auf dem offiziellen Landeplatz, den uns auch BurnAir nennt, landen werden. Bisschen sehr hügelig, schmal und nicht besonders lang für meinen Geschmack mit ein paar Bäumen und einem Stück Oberleitung ausgestattet. Mmhhh… taugt mir jetzt nicht so, doch wird schon gehen. Die Straße macht eine ganz markante Kurve, die aus der Luft gut zu sehen sein wird und als Orientierung dient. Gerade als wir uns wieder ins Auto setzen wollen, um zur Talstation aufzubrechen, kommt ein Bauer mit einem kleinen Frontlader mit großem Rundballen darauf ums Eck, biegt quasi in den Landeplatz ein, an den ein kleines Lager für seine Ballen angrenzt und winkt mich zu sich. Wenn wir zum Testival gehören, sollen wir ihm gleich hinterherfahren, wenn er seinen Ballen abgeladen hat, wir würden woanders landen. Er hätte da was vorbereitet und er hieße übrigens Joe. Joe ist nicht nur Bauer, er fliegt auch seit über 30 Jahren Gäste mit seinem Tandem. Witzig. Im Schneckentempo krabbeln wir hinter ihm her ein Stück zurück ins Dorf, biegen in eine kleine Häuseransammlung mit großem Hof ein, nehmen einen kleinen Stich zwischen den Häusern hoch und stehen auf einer riesengroßen, frisch gemähten ebenen Wiese ohne jegliche Hindernisse etwas nördlich der Kirche im Dorf und aus der Luft wohl kaum zu verfehlen, denn sie leuchtet regelrecht. Ja, er hätte extra gestern gemäht, schafft jetzt bloß noch die Ballen weg und dann gehöre der ganze Platz uns. Wohnmobil und Zelten sind erlaubt. Ein paar Bierbänke stehen auch schon da und ein riesiger Windsack zeigt die Landerichtung an. In D oder Ö völlig undenkbar. Ein Bauer gibt freiwillig seine Wiese für 3 Tage her, damit’s die Pilot:innen a bisserl einfacher haben. Und total nett ist Joe auch noch. Er würde später auch noch zum Fliegen gehen. Ich bin beeindruckt.

Dann ist Landen ja geklärt. Auf zur Talstation der Plose-Seilbahn, wo wir die weiteren Teilnehmenden treffen werden und hoffentlich auch Vera. Am Parkplatz angekommen, sind die ersten fliegenden Menschen nicht zu verfehlen mit ihren riesigen Schneckenhäusern an Rucksäcken, doch es sind gar nicht so viele, wie ich befürchtete. In dem Moment, wo wir den Motor abstellen, kommt Vera auch schon vorgefahren und kurz darauf biegt Toni Bender auf den Parkplatz ein. Er hat den Bus voller Testschirme, die die Teilnehmenden vorab für Testflüge bestellten. Falls das jemand der Lesenden noch nicht gesehen hat, Toni war einer der ersten, wenn nicht gar der erste, der die Alpen mit dem Gleitschirm überquerte, worüber es sogar einen Film gibt: Glücklicher Ikarus. Sehenswert, wie ich finde.
Wir begrüßen Vera, ein Jahr haben wir uns nicht gesehen und es gibt ein bisschen was zu besprechen, denn wir wollen zusammen auf Bergtour gehen, doch das ist was für den Abend in der Pizzeria. An diesem Morgen hat sie genug andere Dinge zu erledigen. Die Schirme müssen ausgegeben werden, die Möglichkeiten für den heutigen Tag werden besprochen. Es wurde sogar ein einheimischer Pilot aus dem ortsansässigen Verein gewonnen, der ein wenig den Guide heute macht und der natürlich auch Vorschläge unterbreitet. Am Ende entscheiden sich alle dafür, auf den höchsten Punkt der Plose zu steigen, um nahe der dort befindlichen Berghütte, der Plosehütte auf fast 2500m, zu starten. Und ebenso alle entscheiden sich dazu, nicht direkt die Seilbahn zu nehmen, sondern mit dem öffentlichen Bus, der unmittelbar an diesem Parkplatz startet, bis zum sogenannten Palmschloss zu fahren, von wo aus der Aufstieg etwa 850 Höhenmeter beträgt. 
Und so bildet sich eine ganze Traube mit Menschen mit merkwürdigem Gepäck an der Bushaltestelle. Ein kleiner Albtraum für den Busfahrer. Wegen der Übernachtungen im Ort haben Astrid und ich die Fahrt mit dem Bus frei, lieb finde ich aber, dass die Fahrt eh nur 1,20€ kostet, obwohl sie gar nicht so kurz ist. Es dauert eine Weile, bis die etwa 25 Pilot:innen zwischen den anderen Touristen ein Plätzchen im Bus gefunden haben und dann geht die Fahrt los. Unsere Rucksäcke mit dem Flugzeug drin sind auffallend klein im Gegensatz zu allen anderen, worüber ich grad nicht traurig bin. Seit wir auf Leichtgurtzeuge umgestiegen sind und sogar mein größerer Flügel in einen normalen Hochtourenruckrack zusammen mit allem anderen passt, sind wir immer wieder mal auf staunende Augen gestoßen, wenn aus dem kleinen Sackerl plötzlich was zum Fliegen rauskommt. Zumindest bei warmen Temperaturen, geht diese Rechnung auf, wenn nicht zu viel Kleidung zusätzlich eingepackt werden muss.
Wir hatten tatsächlich überlegt, ob wir bei diesem Testival auch mal einen anderen Schirm fliegen wollen, denn es böte sich z.B. die Gelegenheit, einen aus der nächsthöheren Klasse Probe zu fliegen. Der wiegt allerdings in meiner Gewichtsklasse fast das doppelte wie mein Pi3. Und so war ich gleich fertig mit Probefliegen. Klar, ist das ein völlig anderes Ding, dass nicht einfach nur fürs Runterfliegen gemacht ist und wahrscheinlich besser gleitet, doch ich vermisse nichts an meinem jetzigen Modell bei meinem Könnensstand. Damit sind Astrid und ich zwar die Exoten bei dieser Veranstaltung, weil alle anderen natürlich Nova fliegen, aber das ist ja keine Voraussetzung für die Teilnahme und es stört sich auch niemand dran. 

Haltestelle Palmschloss. Der bunte Fliegezirkus steigt aus dem Bus aus. Unser ganz lieber Guide für heute, Klaus, ist mit dabei und geht voran, damit alle den richtigen Einstieg in den Anstieg finden. Es ist ein schöner Tag fürs zu Fuß gehen, nicht zu heiß, nicht zu kalt, der Hochtourenrucksack mit dem Flugzeug drin ist um einiges leichter als auf Hochtour, weil das Zeug zwar Volumen hat, aber vergleichsweise wenig Gewicht im Gegensatz zu Seil, Steigeisen, Pickel und Klettermetall. Astrid und ich drängen uns nicht nach vorne, sondern schlendern gemütlich ganz am Ende hinterher, es ist kein Wettrennen und im Moment ist’s noch ziemlich bewölkt weiter oben. Mit dem einen oder der anderen kommen wir ein wenig ins Gespräch, bald bildet sich eine Gruppe heraus, die etwas schneller rauf will und davonzieht. Wir bleiben, wo wir sind, es gibt keinen Grund, sich zu beeilen und es kommen noch zwei Tage, an denen wir höchstwahrscheinlich ebenfalls zu Fuß raufgehen werden. An der Bergstation der Plose-Seilbahn pausieren wir kurz, schnacken mit Ingo, einem Piloten aus Berlin, bevor es weiter bergan hinauf zur Plosehütte geht. Unterwegs machen wir Bekanntschaft mit Harald, Martin, Matthias und Lena, eine der sehr wenigen Frauen in der Gruppe. Es zieht sich etwas, an der Bergstation der Plosebahn hatten wir nicht mal die Hälfte der Höhenmeter, doch Astrid und ich sind zwar nicht die Schnellsten, aber durch die vielen Hochtouren mit deutlich mehr Höhenmetern gut im Training. Gegen Mittag schlagen wir an der Hütte auf, um die herum immer wieder ausgedehnte Wolkenfelder ziehen, was einen sofortigen Start verhindert. Die schnelle Gruppe sah das auch so, denn die haben sich bereits einen großen Tisch auf der Terrasse geschnappt, Essen und Trinken bestellt und sich für das berühmte Parawaiting eingerichtet. 
Solange keine Sicht in Flugrichtung gegeben ist, um sicher über alle Seilbahnen zu kommen, bleiben wir, wo wir sind, legen uns trocken, bestellen Kaffee/Cappuccino, schnacken mit Hajo aus dem Ländle, lassen uns von unserem local Guide Klaus erklären, wo wir in welche Richtung starten, wo mit Thermik oder Aufwind gerechnet werden kann und dass es kein Problem ist, über die Bergstation der Plosebahn zu kommen, denn der Landeplatz ist auf der anderen Seite des Berges. Mit dem letzten Schluck Kaffee reißen die Wolken auseinander, der Wind passt einigermaßen, die ganze Gruppe wechselt schlagartig in den Fliegen-wollen-Modus und macht sich auf zum Startplatz. Sehr witzig finde ich, dass sich genau zu dem Zeitpunkt weiter unten plötzlich ein blauer Schirm in der Luft befindet, der wohl in der Nähe der Bergstation gestartet sein muss. Toni Bender. An ihm sind wir vorbeigeschlappt, um zur Plosehütte zu kommen, er hat derweil die Bahn rauf genommen, geht aber nicht gerne zu Fuß. Also ist er dort gestartet, wo wir ihn getroffen hatten. Am Ende des Tages ist es so, dass er derjenige aus der Gruppe ist, der mit viel Abstand am längsten in der Luft blieb, sogar bis zur Plosehütte aufdrehte, dort Top landete und erst sehr spät zum Landeplatz kam und das bei Bedingungen, bei denen fast allen anderen mehr oder weniger „nur“ runterfliegen übrig blieb.
Astrid und ich halten uns am Startplatz erneut im Hintergrund, denn die meisten anderen, das spüre ich deutlich, sind im Flugfieber und wollen endlich raus. Solche Menschen im Nacken zu haben, stresst mich beim Starten. Als fast alle bereits in der Luft sind, zieht Astrid auf, danach mache ich mich auf den Weg. Wie bei anderen bereits beobachtet, geht’s direkt nach dem Abheben ein Stück nach oben, weil es unmittelbar in Startrichtung einige thermische Ablösungen gibt, die von einigen auch ganz gut genutzt werden können. Mir gelingt das noch nicht so gut, besonders, wenn sie klein sind. Bis ich bemerke, was los ist, und mir dann überlege, wie ich drinbleiben kann, falle ich bereits hinten raus. Da braucht’s einfach noch ein bisschen mehr Gespür und Flugerfahrung. Für den Moment bin ich erstmal zufrieden, dass mein Start geklappt hat, denn der Wind war dann doch nicht mehr so optimal, wechselte immer wieder Richtung und Stärke, was meine Startkompetenz einigermaßen forderte. Ab nun liegt mein Augenmerk darauf, dass ich die Bergseite vernünftig wechsele, denn ich bin noch nicht entspannt, wenn Start- und Landeplatz so weit auseinanderliegen und ich möchte auf keinen Fall das Risiko eingehen, den Landeplatz nicht zu erreichen. Ausweichmöglichkeiten gibt es für mich zumindest keine also mache ich keine Experimente. Ich fliege den Grat entlang in Richtung Bergstation der Seilbahn, wo ich den Hüpfer auf die andere Seite machen mag. Auf dem Weg gibt’s einmal ordentlich Aufwind, der aber so krass ist und die Kiste richtig zum Schaukeln bringt, dass ich beschließe, dass ich das nicht möchte und ihm aus dem Weg gehe. Wie Klaus gesagt hat, reicht die Höhe ganz entspannt, um über die Seilbahn zu kommen, ich bin auf der Landeplatzseite des Berges und kann nach ganz kurzer Orientierung diesen auch erkennen. Ab jetzt bin ich etwas entspannter und beginne den Flug zu genießen. Der wird jetzt zwar nicht so lang werden, weil der Hangwind auf dieser Seite nicht so ausgeprägt ist, doch das ist mir völlig Wumpe. Es ist einfach grandios hier zu fliegen. Im Eissack-Tal. Ein erstes Mal. 
Wenige Minuten später beginne ich damit, mir Gedanken über meine Landeeinteilung zu machen, denn die Landung kommt unausweichlich näher. Vorgeschrieben ist hier nix, weil es kein offizieller Landeplatz ist, doch die vorherrschenden Bedingungen geben trotzdem ein paar Grundsätze vor, die ich in meiner Unwissenheit ob dessen Vorhandensein leider verpasse und stur den Ideen folge, die ich mir beim Besichtigen gemacht habe und gegen die aus der Luft betrachtet auch erstmal nichts spricht. Dass das ganz und gar nicht so ist, merke ich kurze Zeit später. Ein Stichwort ist der Talwind, der inzwischen ganz gut bläst. Ich weiß zwar, wo der gerade herkommt, aber ich weiß nicht, was er auf Landeplatzniveau bewirkt. Erster Kardinalfehler: Ich komme zu tief aus meinen bergseitigen Positionskreisen. Das ist mir schon häufiger passiert und macht landen wirklich schwierig. Höhe ist endlich. Nächster Fehler: Statt sofort in den Queranflug zu gehen aus Angst die verbleibende Länge der Wiese würde mir nicht reichen, fliege ich mit dem Wind in meinen Gegenanflug. Der Talwind beschleunigt mich auf rund 50km/h und als ich bemerke, dass ich schlagartig weiter an Höhe verliere, ist es bereits zu spät, über eine 180° Kurve direkt in den Endanflug gegen den Talwind zu gehen. Beim Einbiegen 90° in meinen Queranflug schlage ich auf der frisch gemähten Wiese nahezu ungebremst auf. Bongs. Aua. Blöd. Wenigstens hat sich nur meine Seele bei der Aktion weh getan. Der Protektor an meinem Leichtgurtzeug hat seine Arbeit gut getan, das Dyneema-weiße Gurtzeug ist jetzt allerdings grün. 
Immerhin ist mir bewusst, was ich alles hätte anders machen müssen und die Beobachtung der anderen Pilot:innen bei ihren Landungen zeigt mir, wie es richtig oder zumindest deutlich besser geht, denn eigentlich ist Landen bei einem laminaren Talwind von etwa 15-20km/h eine wirklich äußerst softe Sache. Wenn Frau sich nicht doof anstellt. Astrid kommt entsprechend gut runter und nutzt diesen Umstand.
Landeplatz. Joe hat weitere Bänke aufgestellt, nach und nach trudeln alle ein, unser Guide Klaus schafft eine Kiste Landebier herbei, Astrid und ich lauschen in der fantastischen Sonne den sehr lehrreichen Gesprächen, lernen weiter neue Menschen kennen. Ein Traum. Unter anderem lerne ich, dass hier eine bergseitige Landevolte nicht geflogen werden sollte, sondern man hält sich genau auf der anderen Seite. Da müsse man zwar mit thermischen Ablösungen rechnen, doch es ist mehr Platz für neue Entscheidungen. Merken. Und Abachtern plus in die Landefläche reindriften statt Landevolte ist bei dem Talwind abgesehen davon eh die bessere Wahl. Astrid und ich beschließen, dass wir heute nicht nochmal fliegen wollen. Wir müssen uns noch was zu futtern besorgen und als sich die Runde am Landeplatz langsam beginnt aufzulösen, gehen wir zu Fuß los zurück zur Talstation, wo das Auto steht, kaufen unterwegs im kleinen Laden im Ort noch was ein und machen es uns in der FeWo gemütlich. Treffpunkt am nächsten Morgen um 8 Uhr soll wieder die Talstation der Seilbahn sein.

Unser Brötchenservice versorgt uns am nächsten Tag wieder pünktlich und weil wir den Landeplatz nicht nochmal besichtigen müssen, bleibt ein kleines Bisschen mehr Zeit fürs gemütliche Frühstück bevor wir uns auf den Weg machen. Es sind heute ein paar mehr Menschen da, aber immer noch moderat. Toni und Vera geben wieder Leihschirme aus. Astrid und ich bleiben bei unserer Entscheidung, weiterhin mit den eigenen Schirmen fliegen zu wollen. Für heute stehen uns Stefan und sein Sohn als einheimische Flieger des örtlichen Vereins zur Verfügung, auch ein ganz liebe Menschen. Die Idee heute lautet, wir steigen auf der gegenüberliegenden Talseite des Eisack auf die Königsangerspitze und fliegen von dort mittels Talsprung zurück nach St. Andrä.
Ui. Das ist weit, denke ich und sofort kommt die Frage, ob Frau das auch mit einem „nicht-streckentauglichen“ Schirm schaffen kann. Die Antwort: Ja, geht entspannt. Mmhh… ich bleibe skeptisch. Start- und Landeplatz liegen etwa 10km auseinander. Ich glaube, die theoretische Gleitzahl meines Pi3 zu kennen, nehme 8 an, ohne es genau zu wissen, was bedeutet, dass es theoretisch möglich ist, mit einem Kilometer Höhe etwa 8km Strecke fliegen zu können, wenn es kein Steigen gibt und keine nennenswerten Irritationen durch andere Phänomene. Also eine relative Höhe von 1000 Höhenmetern genügt nicht, um rüber zu kommen, doch da wir praktisch am Gipfel auf etwas mehr als 2400m starten und der Landeplatz etwas unter 1000m Seehöhe liegt, dürfte es sich gerade so ausgehen. Es sind zwei kleine Shuttlebusse organisiert, so dass wir mit nicht zu vielen PKWs auf die andere Seite fahren müssen. Die Fahrt zieht sich etwas, da wir bis runter nach Brixen, über den Eisack drüber und hinten wieder bis auf knapp 1400m hoch müssen zum Perlunger Hof, an dem wir mit etwa 25 Pilot:innen den Aufstieg starten. Ziel Nummer 1 ist die Radlseehütte auf 2284m, wo eine Einkehr zur Mittagspause möglich ist, bevor es weiter zum Gipfel geht. Für einige Teilnehmende ist diese Tour mit insgesamt etwa 1000 Höhenmetern eine echte Herausforderung, denn nicht wenige sind noch platt vom Aufstieg auf die Plose tags zuvor und/oder schleppen um die 20kg an Gurtzeug, Schirm, Flugelektronik, etc. den Berg rauf oder sind sowieso nicht so die Fußgänger unter den Fliegenden. Dazu scheint schön die Sonne, wenn es nicht gerade durch den Wald geht. So sind die meisten ziemlich froh, an der Radlseehütte erstmal alles abwerfen und sich setzen zu können und ich staune über ein paar Menschen, die sich echt quälen mussten, dass sie durchgehalten haben. Die Aussicht auf einen super Flug motiviert wohl. Unterwegs hat Astrid einem Piloten ein bisschen von seinem Krempel abgenommen und einen ihrer Wanderstöcke weitergereicht, weil gerade mit so viel Gewicht ist was zum Abstützen sehr hilfreich. 
Nach einer ausgedehnten Mittagsrast macht sich unser Grüppchen geschlossen auf den Weiterweg über den über der Hütte gelegenen Grat zum Gipfel, der bereits zu sehen ist und wo für die Veranstaltung reichlich Gipfelfotos mit allen Teilnehmenden geschossen werden. Der aus unserer Perspektive bisher sehr steile, felsige Gipfelaufbau, von ich mich schon fragte, wo genau Frau da starten soll, fällt nach Süden über mehrere etwas flacher geneigte Wiesen ab, so wie unser Guide Stefan das bereits erläuterte. Es gibt reichlich Platz zum Fertigmachen und Auslegen. Auf dem Weg nach oben kam erneut die Frage auf, ab welcher Höhe es spätestens ratsam ist, sich auf den Weg zurück zu machen und Stefan meinte, ab 2000m sei es ganz entspannt. Till, ein Nova Teampilot, warf daraufhin ein, wer den Doubleskin von Nova fliegt, solle sich bereits ab 2200m auf den Rückweg begeben und weil dieses Modell am ehesten mit unseren Pi3 vergleichbar ist, war für mich klar, dass ich quasi direkt nach dem Start gar keine Faxen machen darf, sondern schnurstracks in Richtung Landeplatz abbiegen muss, der vom Startplatz aus nicht zu sehen war. Es gab allerdings mit der Ploseseilbahn und ein paar anderen markanten Punkten genügend Orientierungsmöglichkeiten. Astrid sah das genauso. Die meisten Pilot:innen sind zwar unmittelbar nach dem Start in Thermiken weiter aufgedreht und auch mich hat’s kurz nach dem Start gehoben, doch ich wollte kein Risiko eingehen. Stefan hatte 2-3 Außenlandungsmöglichkeiten weiter unten im Tal genannt, doch auf meinem ersten echten Streckenflug gab es für mich keine Alternative als am richtigen Landeplatz anzukommen. Mit klopfendem Herzen zog ich auf, startete ganz fein, wurde nach dem erwähnten Heber kurz wankelmütig, ob ich nicht doch versuchen soll, weiter hoch zu kommen, aber dann war der Verstand sofort wieder da, der mich daran erinnerte, wie knapp die Kiste werden könnte. Also bog ich wie geplant sofort in Richtung Landeplatz ab. Hinter mir kam Astrid ebenfalls super raus, wurde von der ersten Thermik etwas angehoben, hängte sich dann aber an meine Fersen und als wir am Grat vorbei waren, der uns die Sicht auf die gegenüberliegende Seite versperrte, gab es zumindest darüber keine Zweifel mehr, wo ich hin muss. Orientierung: Check.
Ich fliege von meinem Startberg weg, die relative Höhe zum Boden nimmt zu, leider bemerke ich schnell, dass meine Annahme bezüglich der Gleitfähigkeiten meines Pi3 ziemlich falsch war. Mein Variometer zeigt Werte zwischen 6,3 und maximal 7,5 an, je nach dem, durch welche Windschichten ich so fliege, was wesentlich weniger ist, als ich von wo auch immer bis dahin abgespeichert hatte. Das macht mich nervös, wo sind die Außenlandemöglichkeiten, von denen Stefan erzählte? Ich kann keine der genannten von oben erkennen. Es gibt einen Zustand beim Gleitschirmfliegen, der sich geringstes Sinken nennt. Ihn erreicht Frau durch ganz leichtes, gleichseitiges Anbremsen, was ich sofort versuche, bewusst umzusetzen, das Variometer im Auge behaltend, ob sich an meiner Gleitzahl irgendetwas verändert. Ähm…. Nein, tut es nicht. Den tiefsten Punkt, den ich überfliegen muss, den Eisack, habe ich noch lange nicht erreicht, während ich zusehen muss, wie meine absolute Höhe stetig weiter abnimmt. Erneut halte ich Ausschau nach den alternativen Landemöglichkeiten, um für den schlimmsten Fall Plan B bereit zu haben, finde aber weiterhin nix. Naja, noch ist alles gut. Ich erreiche die Brennerautobahn, überfliege endlich den Fluss an den sich die Stadt Brixen anschließt, über die ich mit mehr als einem Kilometer Höhe drüber fliege. Als ich so das Zentrum überquerte, wusste mein Bauch plötzlich, dass die verbleibende Höhe ganz gut genügen wird, um sicher den geplanten Landeplatz zu erreichen. Wie auch immer er das herausgefunden hat. Ab da konnte ich mich dann tatsächlich etwas entspannen und schön den Kurs haltend auch mal um mich herumschauen, in was für einer wahnsinns Umgebung ich gerade unterwegs bin. Geradeaus über den Landeplatz hinweg, wie gestern, die Dolomiten mit Pleitlerkofel, den Geißlerspitzen, dem Langkofel, nach Norden gab’s einen etwas diesigen Blick auf den Alpenhauptkamm, von dem die Brennerstraße herunterzog, in Richtung Süden konnte Frau den Gardasee erahnen. Dazu die Erkenntnis, dass ich meinen ersten echten Talsprung mit der Plastiktüte über mir schaffen werde. Das ist abgefahren. Eine neue persönliche Maximalhöhe über Grund wurde es zwar nicht, doch ich werde mich ab jetzt jedes Mal spätestens dann daran erinnern, wenn ich auf der Brennerautobahn unterwegs bin. Da bin ich schonmal drüber geflogen. 
Der Boden unter mir kommt schon bald näher, ich erreiche die Ortsgrenzen von St. Andrä. Ich hatte gehofft, dass dort noch ein wenig Hangwindfliegen gehen könnte, doch das war leider nicht so und damit war klar, dass ich unmittelbar landen gehen muss. Quatschi schaltet sich ein: Denk an deine Erfahrungen von gestern, gibt es Talwind, wie stark ist er und wenn du es nicht weißt, finde es heraus, indem du mal mit und mal gegen den Wind fliegst und aufpasst, wann du schneller bis. Alles klar. Hab‘ ich. So, jetzt, aufgepasst, ich erinnere mich an gestern, Landevolte ist keine gute Idee, der Talwind weht mit mindestens 15km/h aus Süd. Ich bin noch hoch genug, um über den Bäumen am Nordrand des Landeplatzes eine Acht zu fliegen bevor ich mich in einer weiteren Acht über die Wiese bringe und relativ schnell in den Endanflug übergehe, weil ich noch viel Platz nach vorne hab und deutlich spüre, wie mich der Gegenwind jetzt bremst und ich irgendwann quasi ohne große Vorwärtsfahrt auf den Boden sinke. Es ist etwas thermisch über dem Landeplatz, es hebt mich ein-, zweimal an, Nerven behalten, keine Überreaktionen, einfach mit mehr oder weniger offener Bremse gleiten lassen, damit Spielraum fürs sanfte Abfangen bleibt. Der Moment kommt und ich setze als erste butterweich auf, gehe noch ein, zwei Schritte und lege die Kappe ab. Meine Birne platzt fast vor Glück und ein bisschen Stolz, diese kleine fliegerische Herausforderung geschafft zu haben. Erfahrene Streckenpiloten werden möglicherweise mindestens etwas schmunzeln, doch für mich war das eine Herkulesaufgabe mit reichlich Bauchkribbeln, weil ich nicht bzw. erst sehr spät wusste, wie es enden wird.
Direkt hinter mir kommt Astrid eingeflogen und landet ebenfalls bilderbuchmäßig mit einem Grinsen im Gesicht von einem Ohr zum anderen. Wir fallen uns ganz hibbelig in die Arme und sind uns einig, dass dies einer der krassesten Flüge bisher gewesen ist. Objektiv betrachtet ist nicht viel passiert. Wir sind gestartet, flogen knapp 10km geradeaus und sind gelandet. C’est tout. Aber was das mit uns gemacht hat, ist der absolute Wahnsinn. Für Astrid war es gleichzeitig der Flug mit der größten Höhe bisher über Grund, was schon erwähnenswert ist, wenn Frau mit etwa 1,2 Kilometer Höhe über Brixen fliegt und nichts außer einem superdünnen Dyneemagewebe dazwischen ist. Wir sind jedenfalls völlig geflasht. Und ganz alleine auf dem Landeplatz. Bis der/die nächste zum Landen kommt, vergeht einige Zeit und wir beschließen, dass es genau richtig passt, um ein wenig mit dem Schirm am Boden zu üben, Groundhandling. Insbesondere ist uns über den Sommer die Routine und die Sicherheit fürs Rückwärtsaufziehen Abhanden gekommen, weil wir es nicht brauchten und nicht so wahnsinnig viel geflogen sind. Eine gute Gelegenheit, sie wieder einzufangen. 

Für diesen Samstagabend steht auf dem Programm, dass sich die Teilnehmenden in der Pizzeria direkt an der Talstation der Seilbahn für gemeinsames Essen und Quatschen treffen. Dazwischen entscheiden einige, nachdem sie den Talsprung geschafft hatten (bis auf einen, der sogar noch auf der anderen Seite landen „musste“), nochmal mit der Bahn zur Plose raufzufahren, um noch einen Flug heute zu machen. Darunter waren leider auch Leute, die ihr Auto noch auf der anderen Seite stehen hatten, wo heute Vormittag der Aufstieg zur Königsangerspitze begann. Astrid hatte sich morgens schon bereit erklärt, zum Zurückholen der Autos zu shuttlen. Schwierig nur, wenn sich das Feld so auseinandergezogen hat. Als wir fertig gekämmt und gestriegelt zum vereinbarten Zeitpunkt in der Pizzeria aufschlugen, waren andere, besagte Menschen noch in der Luft. Sie werden sich schon melden. Wir brauchen was zu essen. Hier haben wir endlich auch Gelegenheit, einigermaßen in Ruhe mit Vera zu babbeln, die bereits mit einigen anderen am reservierten Tisch sitzt. Gerade als wir bestellt hatten, bricht Astrid nach einer Nachricht vom Landeplatz nochmal auf, sammelt 4 Typen ein und auch jenen, der sein Auto noch auf der anderen Talseite stehen hat, aber wenigstens hat er es nicht eilig und ist d’accord damit, dass das auch später noch geht, bevor Astrids Pizza, die zwischenzeitlich den Weg an ihren Platz gefunden hat, ganz kalt werden muss. Energie tut gut, die Pizzen sind wirklich lecker, die Lebensgeister kommen zurück. Die Gespräche am Tisch sind etwas gemischt, ist eben auch ein recht gemischtes Volk, doch wenn man so ist wie ich, die sich sehr schwer damit tut, sich mit Menschen zu unterhalten, deren Themen mich entweder nicht interessieren oder so weit entfernt von meiner Realität sind, dass ich eigentlich gar nicht mitreden kann, wird’s a bisserl zäh. Als dann Astrid auch noch aufbrechen muss, um das fehlende Auto zurück zu holen und für mindestens eine Stunde weg sein wird, stirbt meine Kommunikationsfähigkeit nahezu vollständig. Ein paar Dinge haben wir mit Vera besprochen, doch sie ist natürlich ein wenig eingespannt und muss sich überall mal zeigen. Momente in denen ich mich frage, was ich an solchen Orten soll? Insbesondere, wenn mir wildfremde Menschen von ihren psychischen und physischen Problemen erzählen und ich alle Blutwerte aufgezählt bekomme, bei denen irgendetwas nicht zu stimmen scheint. Also ja, ich bin ebenfalls nicht mehr ganz neu und es quietscht und zwickt überall und ich kämpfe seit Jahren mit Habgier und Rachsucht manch anderer Menschen, aber hey, damit mag ich mir den Abend nicht versauen nach diesem sensationellen Flug über das Eisacktal. Immerhin gibt es noch ein Thema, dass mich interessieren muss: Was machen wir am nächsten Tag? Ab spätestens Mittag soll in Südtirol Nordföhn einsetzen, was fürs Fliegen dort eher das K.O. ist. Es gäbe zwar schon einige Startplätze weiter südlich, die möglicherweise gingen, so manch vermeintlich erfahrene Piloten, doch das ist mir zu vage und meine schnelle Recherche in der BurnairApp sagt mir, dass das für mich keine Option ist. Zu weit weg, zu beschwerlich hinzukommen, zu unsicher, ob fliegen wirklich geht, denn Föhn ist einfach lebensgefährlich, zumal die meisten genannten Alternativen um die 2000m hoch liegen.
Irgendjemand wirft in den Ring, dass es schlau wäre, bei Nordföhn in Südtirol einfach auf die Nordseite des Alpenhauptkammes überzusetzen. Leuchtet ein. In Neustift Im Stubaital am Elfer sei ein Gleitschirm-Event. Mist, ich wusste, dass ein Haken an der Sache ist. Doch die Wahrscheinlichkeit, dort fliegen zu können, ist hoch, es liegt für uns auf dem Heimweg und wir müssen nicht um 5Uhr morgens starten, um dorthin zu kommen. Als Astrid nach einer gefühlten Ewigkeit zurück ist, committen wir uns fürs Stubaital am nächsten Tag und dann schauen wir einfach, wie es ist. Jetzt möchte ich einfach nur noch ins Bettchen.

Der Brötchenservice am nächsten Morgen funktioniert, wir können einigermaßen entspannt in den Tag starten, die meisten Sachen sind bereits zusammengepackt. Wir zahlen und verabschieden uns bei unserem Vermieter, dann geht’s auf die Straße. Schon fast im Tal angekommen, klingelt das Telefon. Der Vermieter ist dran, ob wir vielleicht ein Kopfkissen vergessen hätten? Z’fix, ja. Haben wir. Das muss seit einiger Zeit mit, weil wir so viel schlechte Erfahrungen mit FeWos gemacht haben und ein Kopfkissen über Stress oder Erholung entscheiden kann. Umdrehen, zurück die Serpentine rauf, Kissen holen. Aber jetzt. Ab über den Brenner zurück nach Österreich. Es ist Rückreiseverkehr und ich bekomme schon wieder die Krise, weil es die Italiener, die Franzosen und einige andere Bananenrepubliken im 21. Jahrhundert nicht schaffen, sich endlich von den blöden Mautstellen zu verabschieden. Nein, wir stellen uns für 1,50€ eine halbe Stunde in den Stau in Sterzing. Ist mir absolut unbegreiflich. Im Sommer als wir zum Barre des Écrins gefahren sind, ist mir das bereits schlimm auf die Nerven gegangen. Durchschnittlich alle 15km in eine Schlange stellen, 1,20€ zahlen, dann erst geht’s wieder für eine Hand voll Kilometer weiter. Naja, wenigstens haben wir die Brenner-Maut via Videokontrolle gebucht. Wird aber noch lustiger, denn die Abfahrt ins Stubaital ist vom Pass kommend gesperrt und weil die Umleitung so gut ausgeschildert ist, nehmen wir irgendeine der nächsten Ausfahrten, um umzudrehen. Was folgt beim Versuch, wieder nach Süden auf die Autobahn drauf zu fahren: eine Mautstelle, bei der wir davon ausgehen müssen, dass die Brenner-Maut erneut fällig wird. Glücklicherweise müssen wir das nicht tun, die Schranke öffnet sich für uns, ohne dass wir schon wieder was berappen müssen. Immerhin. Zurück über die Europabrücke nehmen wir die Abfahrt nach Neustift und was kommt dann, richtig, eine Mautstelle, bevor es ins Stubaital geht. Ist irgendwie schon irre. Früher dachte ich immer, die Schweizer Autobahnvignette sei teuer. Aber hey, im Vergleich zum Aufwand, den die Schweizer in ihre Autobahnen stecken müssen, ist das wohl das Günstigste, was Frau in der Schweiz kaufen kann. Und da kosten die Tunnel, Brücken und jede Pumpelhuberabfahrt nichts extra im Gegensatz zu Österreich. Wo ich grad dabei bin, und die Frage kam auch im Auto auf, warum die Bananenrepublik Deutschland es als nahezu einziges europäisches Land, nicht schafft, eine PKW-Maut einzuführen und stattdessen auch noch Strafe zahlen muss, weil der Versuch, jene auf die Beine zu bringen, sensationell schief geht? Genug aufgeregt.
Neue Zweifel machen sich breit, als wir uns Neustift nähern und sich am Himmel gefühlt hunderte Gleitschirme zeigen. Der Ort platzt aus allen Nähten, Parkplätze gibt’s nur noch außerhalb mit Glück auf Supermarktparkplätzen. Eigentlich hab‘ ich schon gar keine Lust mehr auszusteigen, doch jetzt sind wir schonmal da, also wackeln wir mal vor zur Bahn und schauen, wer es noch bis hierher geschafft hat. Ein kleines Grüppchen des Testivals ist übrig. Einige wenige wollen den Aufstieg zu Fuß bewältigen, was für Astrid und mich jedoch ausscheidet. Wenn wir nochmal fliegen wollen, machen wir das mit Bahnunterstützung, damit es hinten raus nicht so spät wird und bevor es nach oben geht, was ich für mich noch nicht beantwortet habe, sehen wir uns auf jeden Fall erst den Landeplatz an. Es gibt eine kleine Einweisung von einem Teilnehmer, der sich hier auskennt und die Info, wenn wir bis zum allerobersten Startplatz gehen, wird es zumindest zum Starten nicht so voll sein, weil das nur wenige tun. Also gut. Dann Ticket kaufen und rauf. Ab der Bergstation steigen wir nochmal etwa eine dreiviertel Stunde auf bis wir die Elferhütte erreichen. Ein Großes Plakat wirbt: Das Hüttenpaar macht den Job seit 50 Jahren. Unsere beiden Begleiter wollen hier was trinken, ok, kurze Pause, doch als Astrid und ich unsere Trinkflaschen aus dem Rucksack ziehen, kommt sofort der giftspeiende Hüttenwart angeschossen, dass wir das hier nicht tun dürfen. Ach, doch so freundlich. Ich verzehre hier heute und im Rest meines Lebens nichts mehr. Ob’s hier doch noch ein Kaffee werden soll, hat der nette Herr beantwortet. Danke.
Irgendwie steht dieser Tag unter keinem guten Stern, denke ich. Der Himmel füllt sich weiter. In der Tat ist es so, dass fast alle Pilot:innen den nächstmöglichen Startplatz ab der Bergstation ansteuern und etwas oberhalb der Hütte nur wenige starten. Nachdem der Verzehr abgeschlossen ist, geht’s weiter. In wenigen Minuten erreichen wir unseren Startplatz. Eine steile aber langgezogene Wiese, es weht etwas von vorne, sieht nicht so schlecht aus. Aufgeregt bin ich trotzdem, weil es etwas böig ist und eigentlich rückwärtsaufziehen angesagt wäre, doch ich blende das zunächst aus. Bis ich fertig bin mit meinen Startvorbereitungen, kann es schon wieder anders aussehen. Wir treffen Hajo aus der Gruppe, der sich den Weg hinauf gemacht hat. Der ist nett. Hilft nochmal beim Auslegen. Als ich dann los kann, entscheide ich mich für einen Vorwärtsstart, weil der Wind gerade etwas nachgelassen hat. Läuft auch gut, ich fliege raus. Ganz so voll, wie befürchtet, ist die Luft dann doch nicht, weil es sich im dreidimensionalen Raum einigermaßen verteilt. Ich merke, dass die Luft an einigen Stellen trägt und ich nicht so schnell sinke. Über der Bergstation, wo nicht ganz so viel Betrieb ist, kann ich mich trotz einiger Versuche nicht halten, doch etwas weiter unten schon. Der Aufwind am Hang hält mich und ich schaffe es sogar, wieder zu steigen. Auch Astrid gelingt das und wir begegnen uns beim Hin- und Herfliegen im Hang immer wieder. Mal ist sie über mir, mal bin ich über ihr. Die vielen anderen um uns herum stressen mich nicht so, wie ich befürchtet hatte, denn es geht einigermaßen diszipliniert zu, geltende Regeln fürs Hangfliegen werden ganz gut eingehalten und dann funktioniert es auch. Macht dann schon Spaß und ich bin froh, dass ich mich fürs Fliegen entschieden habe. Als ich merke, dass ich mich nicht mehr halten kann und der Raum überm Landeplatz einigermaßen leer ist, entscheide ich mich dazu, landen zu gehen, biege aus dem Hang ab, fliege ins freie Tal über Neustift und behalte mir im Gedächtnis, nicht taleinwärts über den Ort zu fliegen, denn dann habe ich mit meinem langsamen Schirm ein Problem, zurück zum Landeplatz zu kommen. Also schön am Ortseingang bleiben, bisschen Kurven fliegen, die Zeit genießen und langsam Höhe abbauen bis ich seitlich in den Landeplatz direkt in den Endanflug driften kann. Landen mit etwas Gegenwind ist, wie weiter oben schon geschrieben, im Prinzip ganz was Feines und der Aufsetzpunkt besser zu steuern als bei Nullwind. Als ich den Fuß ins Gras setze, habe ich meinen bis dahin drittlängsten Flug ever mit fast 40 Minuten gehabt, was ich so überhaupt nicht geplant bzw. erwartet hatte und mich überaus freut, weil es trotz ein paar Widrigkeiten einfach ein superschöner Flug gewesen ist, bei dem alles gepasst hat. Astrid kommt kurz nach mir ebenfalls eingeflogen. Sie war noch ein bisschen länger in der Luft. Die anderen aus der Gruppe, die mit uns vom oberen Startplatz losgemacht haben, trudeln auch alle ein, wir quatschen noch ein wenig während wir einpacken, tauschen noch die eine oder andere Telefonnummer aus bevor wir uns verabschieden und uns auf den Heimweg machen. 

Damit geht ein sehr spannendes, lehrreiches und superschönes Flugwochenende zu Ende, bei dem wir 3 neue Startgelände kennenlernen durften, einen gigantischen Talsprung gemacht haben und am Ende einen der längsten Flüge in unserer bisherigen Karriere schafften, sowohl was die Distanz als auch die Zeit angeht. Mit Vera werden wir weiter in Kontakt bleiben und dann sehen wir, ob sich eine gemeinsame Hochtour, vielleicht mit Runterfliegen, ausgeht. Das wäre das i-Tüpfelchen.


Einige der hier veröffentlichten Bilder stammen von Till Gottbrath oder Vera Polaschegg, NOVA Teampilot:in. Sie sind entsprechend markiert.

NOVA Hike&Fly Days 2023, 01.-03.09.2023, Brixen, Plose und Umgebung

Als die Einladung zu dieser Veranstaltung über Facebook eintrudelte, stellten Astrid und ich fest, dass es tatsächlich Wochenenden in 2023 gibt, die wir noch gar nicht verplant hatten. Also nicht lang fackeln, wir sagen zu, dass wir an den NOVA Hike&Fly Days dabei sein werden und freuen uns darauf, wieder völlig neue Fluggebiete kennenlernen und vielleicht auch die eine oder andere neue, interessante Bekanntschaft machen zu dürfen. Ursprünglich sollte es in Südtirol ins Gsieser Tal gehen, doch weil dort zur gleichen Zeit ein scheinbar sehr attraktives Radrennen ist, wie wir beim Versuch lernten, eine Unterkunft zu bekommen, wurde die Veranstaltung rechtzeitig auf einen anderen Ort umverlegt, nämlich nach Brixen. Passt uns noch besser, weil Anfahrt sehr viel kürzer und ebenfalls völlig neu. Passt.

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