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Es geht dienstags nach der Arbeit los. Die Strecke, die wir schon so oft nahmen: Zirler Berg, Innsbruck, Brenner bis Trento und dann über Land nach Sarche, den Berg hoch und weiter in Richtung Brescia bis irgendwann der Idrosee vorbeikommt. Wir haben das Auto voller Fliegeequipment. Genug, um im schlimmsten Fall auch nach einem etwaigen Retterabgang weiterfliegen zu können, unsere zwei neuen Gravelbikes fahren hinten auf der Wohnkabine mit und ein bisschen Futter und Getränke sind an Board, um die ersten zwei Tage nicht einkaufen gehen zu müssen. Ansonsten versuchten wir, es mit dem Gewicht im Rahmen zu halten, damit der Spritverbrauch nicht unnötig groß ist, denn so etwas wie Trinkwasser muss Frau zum Beispiel nicht in der Maximalmenge über den Brenner schleppen, wenn es am Zielort unbegrenzt zur Verfügung steht. 
Um den folgenden Mittwoch, an dem wir um 13 Uhr im Schulungsraum im Miralago sein sollen, entspannt angehen zu können, fahren wir die etwa 370km durch bis zum Landeplatz und übernachten dort legal auf den ausgewiesenen Camperstellplätzen. In der Nacht bricht wettertechnisch ziemlich die Hölle los. Sturm, Starkregen, so, wie es die Prognosen vorhersagten. Ich überlegte kurz, ob wir den Camper in den Wind stellen müssen, damit er im Sturm nicht umkippt, aber zum Glück war das nicht notwendig und es kam auch kein Hagel, der laut Wetterradar hätte kommen sollen. Puuhhhh…..
Im Laufe des Frühstückes beruhigt sich alles wieder, allerdings ist zu dem Zeitpunkt schon klar, dass wir heute nicht fliegen, auch nicht abends, denn es regnet weiter Bindfäden mit keiner Aussicht auf Veränderung. Also keine Eile. Finde ich persönlich gut, weil ich bisher bei allen Sicherheitstrainings, die wir schon gemacht haben, stets wegen der fremdgesteuerten Zeitplanung durch Flugschule und Wetter gestresst bin, was sich aber auch nicht anders gestalten lässt, wenn Fliegen Prio 1 hat. An diesem ersten Tag wird das nicht so sein. In gewisser Weise für mich ein guter Start, trotzdem steigt mit jeder Minute die Spannung, eine innere Unruhe macht sich breit. Ist aber bisher auch immer so gewesen. 
Auf der Homepage der Flugschule https://www.sicher-fliegen.de/ hatten wir immer mal wieder unseren Termin in den Tagen/Wochen vorher angeschaut und Werbung für die noch 2 offenen Plätze in unseren Kreisen gemacht, die dort angezeigt wurden, doch leider konnten wir keine Pilotin mehr gewinnen, die sich hätte anschließen können. Da die maximale Anzahl der Teilnehmerinnen in meinem Kopf auf 12 stand, rechnete ich damit, dass bei zwei freien Plätzen mindestens 10 Pilotinnen inklusive uns im Schulungsraum eintreffen müssten, wo pünktlich um 13 Uhr mit einleitenden Worten, der Vergabe von Schwimmweste, Funkgerät und der Vorstellungsrunde begonnen wurde. Diese Vorstellungsrunde dauerte nicht so besonders lange, denn tatsächlich gab’s zu meiner großen Überraschung nur 6 Teilnehmerinnen inklusive uns beiden. 3 der anderen 4, Steph, Pia und Hannah, kannten wir schon von diversen anderen Events und insbesondere vom letzten gemeinsamen Training. Nur Lisa war für uns neu und gehörte in gewisser Weise eigentlich zu Romans Team, denn Lisa wird nächstes Jahr mehrere besondere Trainings mit Roman zusammen gestalten, in denen das Sicherheitstraining mit Yoga verknüpft wird, der Teil, den Lisa übernehmen wird.
Voll witzig. Ich hatte fast ein schlechtes Gewissen, dass die Gruppe soooo klein ist, immerhin lebt Roman davon, solche Trainings anzubieten, doch für ihn ist alles fein. 
Er hat sich unabhängig davon dazu entschieden, alle seine Trainings in der Zukunft nur noch mit kleinen Gruppen bis maximal 8 Pilot:innen zu machen, hat sich entsprechend so eingerichtet, dass möglichst wenig Personal notwendig ist, denn wenn nur ein 9-Sitzer Bus benötigt wird, braucht’s keine zusätzlichen Fahrer:innen, der Mensch am Startplatz kann das mit erledigen, die Kamerafrau/der Kameramann wurde durch eine Kamera ersetzt, die selbständig dem Objekt der Begierde folgt und die Roman vom Boot aus per Mobiltelefon steuern kann, weswegen strenggenommen auch kein zusätzlicher Mensch notwendig ist, der die Flüge anleitet. Des Weiteren sind kleine Gruppen für alle viel entspannter. Die Videoanalysen dauern keine ganzen Nachmittage mehr, der logistische Aufwand ist kleiner, es bleibt mehr Raum, der mit besonderen Angeboten gefüllt werden kann, mit denen er sich von den anderen unterscheiden kann. Und wenn es nur einfach mal eine lange Mittagspause ist, die es sonst nie gab.
In fast familiärer Atmosphäre geht’s also los, weil sich praktisch alle schon kennen und Lisa ist so ein herzlicher, offener Mensch, dass sie sofort vollständig integriert gewesen ist. Johanna, genannt Jojo, unsere Trainerin, die ich voll gerne mag, startet mit ihrer Liste, welche Manöver im ersten Flug, wann auch immer der sein wird, von den Anwesenden geflogen werden möchten und bespricht diese Manöver im Detail mit uns. Alle machen mit ihren Gurtzeugen eine sogenannte K-Prüfung, K für Kompatibilität, damit bei allen sichergestellt ist, dass die Retter aktiviert werden können, falls das nötig wird. Anja, unsere Startplatz-Managerin und gleichzeitig Fahrerin für die nächsten Tage, unterstützt beim wieder Einbauen der Retter in die Gurtzeuge, womit sie den Raum für Jojo schafft, zum Beispiel Steph bei der Einstellung ihres neuen Liegegurtzeuges zur Hand zu gehen und ihren Retter aus ihrem Sitzgurtzeug ins Liegegurtzeug umzubauen. Wie üblich, braucht es dazu in Frauengruppen wenig bis keine Worte, es funktioniert einfach.
Am Wetter ändert sich leider nichts, es regnet weiter, fliegen oder groundhandeln findet definitiv nicht mehr statt an diesem ersten Tag, dafür ist Platz für ein gemeinsames nicht zu spätes Abendessen, worauf ich mich schon den ganzen Tag freue. Eine Landeplatzbesichtigung ist ebenfalls nicht notwendig, weil hier alle schonmal mehrere Flüge gemacht haben und die Spezialitäten kennen. Die Einweisung in den Landeplatz wird einfach mit einer schönen Präsentation von Roman theoretisch abgehalten. Nebenbei lernen wir, dass Johanna sich ein neues Rennrad gekauft hat, mit dem sie unbedingt diese Tage ihre erste Fahrt machen möchte, doch die Reifen wurden mit der Auslieferung auf tubeless umgerüstet und frisch hergerichtete schlauchlose Reifen haben hin und wieder die Eigenschaft, dass sie am Anfang gerne mal etwas Luft verlieren, bis sich die Dichtmilch wirklich überall hin verteilt hat und so ist’s auch bei ihrem Rad. Macht nix, Astrid und ich haben sowohl eine Standpumpe als auch eine elektrische Pumpe für unterwegs dabei, wir können aushelfen.

Am zweiten Tag treffen wir uns nicht so früh, denn es ist weiterhin etwas ungewiss, ob fliegen geht, 8 Uhr Schulungsraum genügt, aber alle bringen unaufgefordert ihre Flugzeuge mit, falls es doch noch ein Fenster geben sollte, in dem der erste Flug des Trainings passieren kann. Wieder so ein Ding, dass ich nur aus reinen Frauengruppen kenne: alle denken mit, niemand kommt zu spät, bezüglich Ausrüstung gibt es keine Ausfälle oder Unzulänglichkeiten, alle sind vollständig vorbereitet. Wir starten mit der Besprechung der Manöver, die in den ersten Flügen anstehen, soweit sie nicht bereits am Vortag ausreichend durchgegangen wurden, es ist Zeit für letzte Fragen, gerade auch, was die etwaigen Besonderheiten bei Liegegurtzeugen sind, mit denen Steph und wir beide fliegen werden. Für Steph ist’s besonders aufregend, denn sie hat sich ein Skywalk Range gebraucht von einer Pilotin gekauft, die die Woche vorher hier gewesen ist und das Gurtzeug bei Roman gelassen hat, und das Steph das erste Mal fliegen wird. Außerdem erwähne ich, dass ich wieder ein Öhrchen einziehen werde, wenn ich in einem der Trainingsflüge keine weiteren Manöver mehr fliegen möchte, so wie ich das im letzten Training bereits tat. Damit rufe ich das inzwischen sogenannte „Milla-Öhrchen“ wieder ins Gedächtnis der Teilnehmerinnen, ein kurzer Lacher, doch alle wissen, wie fein das ist, es braucht keine schnell missverständlichen Funksprüche oder sonstige Absprachen, das eingezogene Ohr ist eindeutig und unmissverständlich. Für alle, die nicht fliegen: was tue ich da? Ich ziehe einmal kurz aus der vordersten Leinenebene die äußerste Leine zu mir herunter, für gewöhnlich nehme ich die rechte Seite, die entsprechende Flügelspitze klappt gut sichtbar einmal kurz ein und geht sofort wieder auf, wenn ich die Leine zurück nach oben führe.
Kurze Zeit später kommt das Signal, dass wir rauffahren. Es gibt eine Lücke im Regen, es könnte sein, dass geflogen werden kann und weil alle startklar sind, dauert es nur wenige Minuten, bis alle im Bus sitzen und es losgehen kann. Johanna und Roman ziehen mit Kamera und Boot zum Strand am Landeplatz um, während uns Anja mit dem Bus nach oben befördert. Die Fahrt ist lang und hin und wieder herausfordernd, weil ab dem Ort Bondone die Straße sehr schmal, kurvig, sehr steil und teilweise nicht befestigt ist. Anja ist da souverän unterwegs. Von dort, wo der befahrbare Weg endet, steigen wir zu Fuß nochmal etwa 10 Minuten auf, bis wir am Startplatz Alpo eintreffen, wo sich auch alle anderen Flugschulen eingefunden haben und es entsprechend zugeht. Das Fenster ist klein, weswegen wir sofort damit beginnen, uns flugfertig zu machen. Astrid und ich haben unsere halbwegs wasserdichten Snozzle- bzw. Inflation-Bags dabei, wo alles reinkommt, was nicht nass werden darf, zusätzlich packen wir Vario und Telefon in einen großen Zip-Beutel und können so die Flüge aufzeichnen, ohne Gefahr zu laufen, dass die Gerätschaften Schaden nehmen. Das Cockpit am Gurtzeug ist ansonsten leer, die sonst dort eingebaute Powerbank ist raus. Das Funkgerät braucht beim ersten Flug etwas Aufmerksamkeit, es muss verstaut werden, der Ohrstöpsel muss so ins Ohr, dass er bis zur Landung dortbleibt und die etwas nervige Schwimmweste darf nicht fehlen und muss so getragen werden, dass sie hindernisfrei öffnen kann und sich nicht irgendwo im Gurtzeug verwurschtelt. Ich habe zwar nicht vor, gleich beim ersten Flug ins Wasser zu müssen, aber Teufel -> Eichhörnchen. Beim Fliegen über Wasser ist die Ausrüstung und die Vorbereitung für deren Einsatz alternativlos. 
Die Wolken hängen tief, doch es tropft nicht von oben, der Startplatz ist natürlich matschig und ich erschrecke jedes erste Mal dort, weil er so fürchterlich steil aussieht. Weil er sehr steil ist. 
Astrid startet heute vor mir und weil Johanna, wie beim letzten Training, darum bat, dass wir beide nicht unmittelbar hintereinander fliegen, weil wir in der Luft auf die Entfernung wegen unserer identischen Ausrüstung nicht zu unterscheiden sind, folge ich mit einer Pilotin Abstand. 
Nachdem ich von Anja die Freigabe zum Aufziehen erhalte, geht’s los, Impuls auf die A-Leinen, ich führe meinen Schirm nach oben, lehne mich in die Tragegurte, beschleunige ein paar Schritte und weil der Startplatz so steil ist, geht der Boden relativ schnell weg. Ich fliege. Die Zeit, die ich benötige, um vom Startplatz in die Trainingsbox über Wasser zu kommen, nutze ich für gewöhnlich dafür, erstmal alles loszulassen, wenn die Luft es zulässt, mal zum Retter zu greifen, mal in den Beschleuniger zu steigen, mal nach oben zu meinem Schirm zu schauen und mich gedanklich auf die bevorstehenden Manöver einzustellen. 
Für den ersten Flug entschied ich mich für die Steilspirale, Big Ears und Rollen. Dinge, die wir in der freien Wildbahn inzwischen sicher fliegen können, wobei ich bezüglich Steilspirale im Training höhere Rotations- und Sinkgeschwindigkeiten zulasse, als ich es für gewöhnlich bei nicht betreuten Flügen tue, wo ich nur so schnell werde, wie es nötig ist, um kein Steigen mehr zu haben. Unter Laborbedingungen lasse ich es aber gerne krachen, ziehe so weit in die Drehungen, bis meine Eintrittskante parallel zum Horizont steht und ich rotierend mit etwa 18m/s, was etwa 70km/h entspricht, nach unten in Richtung Wasser fliege. Ich selbst rotiere dabei mit fast 90km/h um meinen Schirm und es entstehen entsprechend starke G-Kräfte. Da geht die Post richtig ab. Die Kunst besteht darin, so ein Manöver, bei dem sich im Schirm eine enorme Dynamik und Energie sammelt, kontrolliert auszuleiten, ohne dass im Anschluss blöde Situationen entstehen. Das gelingt mir inzwischen ebenfalls ganz gut, heute allerdings passiert es mir, dass ich mit dem Wind aus dem Manöver fliege, was gerne dazu führt, durch die eigenen Windschleppe zu müssen und so kassiere ich einen kleinen Seitenklapper. Wenn man das weiß, ist es kein Problem, der Schirm wackelt kurz, fliegt aber entspannt. Als mir das am Anfang meiner Spiralkarriere das erste Mal passiert ist, erschrak ich jedoch, weil ich nicht wusste, ob ich nun sterben muss.
Als ich mein nächstes Manöver, die Big Ears, einleite, landet Astrid bereits, die ebenfalls eine kleine Auswahl bekannter Figuren geflogen ist, um ins Training zu finden. Sie hat allerdings eine sehr merkwürdige Erfahrung gemacht, denn nachdem sie die Ohren angelegt hatte, drehte ihr Liegegurtzeug 90° zur Seite und sie hing quer zur Flugrichtung, was für sie ein äußerst unangenehmes Gefühl verursachte. Wie das kommen konnte, war nicht so ganz klar, und das ist in freier Wildbahn auch noch nie in diesem Ausmaß passiert. Klärungsbedarf.

Big Ears. Nicht zu verwechseln mit dem Ohren anlegen, dass man aus der A-Schein-Ausbildung kennt, wo für gewöhnlich die äußersten A-Leinen eingezogen werden, was zu mehr oder weniger stark eingeklappten Flügelenden führt. Wenn ich Big Ears fliege, steige ich 100% in den Beschleuniger, greife auf jeder Seite meiner vordersten Leinenebene die zwei äußeren A-Leinen ein kleines Stück überm Leinenschloss und drehe nur meine Hände nach unten, damit ich die verbleibende A-Leine in der Mitte nicht versehentlich mit runterziehe, was zu einem kapitalen, vollbeschleunigten Frontklapper führen würde. Dadurch klappen die beiden Flügelenden fast bis zur Mitte ein, nur 2-4 Zellen bleiben unmittelbar bei der Einleitung offen, danach öffnen 2-4 weitere Zellen, wenn der Druck in der verbleibenden Kappenbreite groß genug geworden ist und ich hänge nur noch an den 6 mittleren Leinen unterm Schirm. Gibt ganz passable Sinkwerte von etwa 8-9 m/s, doch der Schirm kann natürlich leicht ins Rollen kommen, wenn die Luft nicht ruhig ist. In diesem Fall fliege ich stabil geradeaus, öffne kurze Zeit später wieder und alles ist fein. Im Video später sieht die Aktion sehr spektakulär aus und es scheint, dass meine Mitte beim Einleiten ganz kurz mit eingeklappt ist. Übrigens bitte nicht versuchen, das mit einem Schirm nach zu machen, der nur zwei A-Leinen auf jeder Seite hat. 
Am Ende rolle ich noch, doch mir wird bewusst, dass mir an der Stelle weiterhin jegliches Gefühl für Timing und Intensität fehlt. Schön rollen oder im weiteren Verlauf Wingover fliegen, ist anspruchsvoll. Eine dynamische Figur, bei der ständig mit allen verfügbaren Steuerungsmitteln zur richtigen Zeit die richtigen Dinge in der richtigen Dosis ausgeführt werden müssen über den gesamten Verlauf des Manövers, ohne dass die Flügelenden dabei einklappen. Eine Baustelle, an der ich in allen Trainingsflügen arbeite.
Das letzte, unausweichliche und anspruchsvolle Manöver in jedem Flug ist eine saubere Landung. An dieser Baustelle bin ich in den letzten Monaten sehr gut weitergekommen und kann gleich vorwegnehmen, dass alle meine Landungen in diesen Tagen stets Zucker waren. 

Astrid ist ziemlich konfus ob ihres komischen Verdrehers beim Ohren anlegen als ich sie am Landeplatz treffe, doch es bleibt erstmal keine Zeit, um darauf einzugehen, denn es hat inzwischen wieder begonnen zu regnen und Steph, die nach mir gestartet ist, landet mehr oder weniger auf den letzten Drücker. Pia konnte leider als einzige nicht mehr starten, weil es am Startplatz schon früher losging, und kam zusammen mit Anja im Bus runter. Sehr schade. 
Noch am Landeplatz ist für alle glasklar: beim nächsten möglichen Flug wird Pia als erste starten, damit das auf keinen Fall nochmal passiert und auch sie zu ihren Flügen kommt. Für heute ist damit zunächst wieder Schluss mit Fliegen, wir treffen uns nach einer langen Mittagspause zur Videoanalyse im Schulungsraum, alle geflogenen Manöver werden besprochen, Astrids Spirale ist eine 10/10, warum sich jedoch das Gurtzeug mit angelegten Ohren quer stellte, ist irgendwie nicht so einfach zu erklären. Sie wird das am nächsten Tag nochmal machen und schauen, was dann passiert. Weitere Manöver, die wir für den nächsten Tag besprechen sind Trudeln im Ansatz, wobei einseitig die Strömung am Flügel abgerissen wird, der beidseitige Strömungsabriss, bekannt als Stallpunkt ertasten, die Klapperspirale, die Holzmüller-Spirale, ein breites Spektrum an Möglichkeiten für alle Teilnehmerinnen, aus dem sich die Flüge füllen lassen, denn für den nächsten Tag sieht es sehr viel besser aus, es werden sich sicher mindestens zwei Flüge für jede ausgehen.
Ein neuer Vorschlag kommt auf den Tisch, nachdem klar ist, dass wir auch an diesem Abend keinen Flug machen können: Lisa ist ausgebildete Yoga-Lehrerin und bietet an, für alle, die möchten, dass wir nach einer kurzen Pause am Ende des fliegerischen Teils gemeinsam unter ihrer Anleitung Yoga machen. OK, Milla und ihre Angst, sich exponieren zu müssen, kommt ins Spiel. Als ich vor etwa 5 Jahren nach meinem Patellasehnenriss damit begonnen habe, regelmäßig zu yogieren, war mir das so unglaublich peinlich, dass nicht mal Astrid dabei sein durfte und es hat viele Monate gedauert, bis ich diese Hürde überspringen konnte und wir seitdem, wenn es die Zeit zulässt, gemeinsam die Matten ausrollen. Yoga im Kreis mit prinzipiell fremden Menschen zu machen, schied in meinem Kopf bis dahin auf jeden Fall aus. An diesem Tag kommt es anders. Ich ließ die Diskussion mit meinem Quatschi in der Birne gar nicht erst aufkommen, selbstverständlich mache ich zusammen mit all den anderen tollen Frauen einfach Yoga und werde mir überhaupt gar nichts dabei denken. Wie heißt es immer so schön, es kommt nicht auf das Außen an, sondern auf die innere Einstellung. 
Lisa bittet mich außerdem, meine Handpan mitzubringen, weil das in der Schlussentspannung bestimmt toll sein kann, von sanften Klängen begleitet zu werden. 
Die Mädels kramen alle verfügbaren Matten zusammen, wir haben unsere aus Gewichts- und Platzgründen leider zu Hause gelassen, bringen aber unsere Yoga-Kissen mit, und ausnahmslos alle sind dabei und schlossen sich Lisas Vorschlag an, die eine Reihe an Übungen anleitet, bei denen Frau keine fancy Verrenkungen machen muss, sondern einfach mit Rücksicht auf die eigenen Grenzen so mitmachen kann, wie es eben geht. Es gibt kein besser oder schlechter. Das hat voll viel Spaß gemacht und ich war auch ein klein wenig stolz darauf, mir keine meiner zementiert geglaubten Grenzen aufzuerlegen, sondern einfach entspannt mitgemacht habe. So, wie mit Lisa vereinbart, verkürzte ich mein Shavasana auf ihr Zeichen hin ein wenig, nahm meine Handpan auf und spielte sanfte Tonfolgen, die ich mir bar jeder Ahnung, was Frau spielen sollte, spontan aus den Fingern zog. Hat gar nicht so schlecht funktioniert, denn wenn niemand weiß, was genau wie genau gespielt wird, kann Frau im Prinzip nix falsch machen. Am Ende kamen „die Klänge der Welt“, wie es mal eine Passantin am Ledrosee vorletzten Winter bezeichnete, ganz gut an und als die Schlussentspannung fertig gewesen ist, redeten wir noch ein wenig über das Instrument und ich konnte es mir nicht verkneifen, noch einen Klassiker zum Besten zu geben: „Once Again“ von Hang Massive.
An diesem Abend seilen Astrid und ich uns in unsere Wohnkabine ab, statt mit zum Essen ins Restaurant zu gehen, denn wir hatten von zu Hause zwei Portionen Ragôut-Soße mitgebracht, die inzwischen aufgetaut waren und gegessen werden mussten. Ein paar Nudeln dazu und fertig. Pasta Ragôut geht immer.
Bevor wir ins Bettchen krabbeln kommt von Johanna die Info in die WhatsApp-Gruppe, dass wir am nächsten Tag um 7 Uhr im Schulungsraum sein sollen. Auffällig ist in diesen Tagen, dass die Prognose bei BurnAir extrem viel schlechter ist, als es tatsächlich wird. Das gilt auch für den folgenden Freitag.

Mit etwas kleinen Augen sitzen wir am nächsten Morgen vollständig und pünktlich im Schulungsraum, ich bin erneut begeistert, besprechen, wer was im ersten Flug fliegen möchte, wobei meine Wahl auf Trudeln im Ansatz auf beiden Seiten, die Klapperspirale, auch Hermann genannt, und wieder rollen fällt und auch Astrid packt den Hermann auf ihre Liste, denn den sind wir mit dem Liegegurtzeug bisher nicht geflogen. Wobei das nicht ganz stimmt, denn Astrid hatte zwei Wochen zuvor am Neunerköpfle eine Situation aus dem Nichts, die dem Hermann sehr nahe kam. Möglicherweise ist sie in einen Lee-Bereich eingeflogen, ihr Schirm klappte groß auf einer Seite und machte in Bruchteilen von Sekunden Anstalten, zügig über die geklappte Seite in eine Rotation zu gehen, ein Zustand, den Astrid dank des letzten Sicherheitstrainings sehr schnell erkannte und deswegen schnell und adäquat reagieren konnte, indem sie den Schirm auf der offenen Seite mit Gefühl zurückpfiff und ihn damit stabilisierte bis der Klapper wieder offen war. Genau dieser Fall ist Absturzursache Nummer 1 beim Gleitschirmfliegen und deswegen finde ich es wichtig, dass Frau so etwas mal geflogen ist.
Am Startplatz ist sehr viel Betrieb als unsere kleine Gruppe eintrifft. Zusätzlich zu den 4 Flugschulen aus Deutschland und Österreich gibt es eine sehr große Gruppe aus Tschechien, bestehend aus, keine Ahnung, knapp 20 männlich identifizierten Piloten, die durch ihre Lautstärke und ihre schlechte Startkompetenz auffallen. Ich versuche das auszublenden, wir sind wenige, der Start wird durch die betreuenden Fluglehrer:innen organisiert, kein Gedrängel, jede Gruppe hat ihren eigenen Slot auf dem Startplatz, es gibt keinen Grund, sich unter Druck gesetzt zu fühlen und die Abstände sind so groß, dass es auch beim Landen normalerweise nicht zu Ballungen kommt. Abgesehen davon, dass die Tschechen bei Südwind gegen die Regel per Rechtslandevolte landen und Frau unter Umständen im Queranflug auf Gegenverkehr trifft. Nicht gut, aber ich kann damit umgehen, falls es eintritt.
In unserer Gruppe sorgen wir zunächst dafür, dass Pia als erste rauskommt. Was genau sie fliegt, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr, aber sie fliegt. 
Um 8:23Uhr ziehe ich auf und mache mich auf den Weg in die Trainingsbox. 
Der Fahrtwind weht mir um die Nase, ich lasse alles los, strecke mich aus, schaue zu meinem Schirmi hoch und, wie so oft, kann ich es kaum fassen, welches Privileg ich in diesem Moment genießen darf. Die Hänge mit Bergwald, das Dorf Bondone mit seiner Burg, der Taleinschnitt huschen unter mir durch, ich kann bis ans Südende des Idrosees schauen, morgendliche Nebelfetzen hängen überm See, die Luft ist ansonsten relativ ruhig, ich höre nur das Rauschen, als ob ich den Kopf aus einem fahrenden Auto strecken würde. Vor mir überm See werden wilde Manöver geflogen, ich bin so hoch, dass ich allen gleichzeitig zuschauen kann. Meine rechte Hand greift ohne hinzuschauen 2-3 Mal an den Griff meines Rettungsschirmes, eine automatische Bewegung, die ich im Sicherheitstraining immer ausführe und in freier Wildbahn häufig. Denn wenn es drauf ankommt, ist keine Zeit, um lange zu suchen. 
Das Funkgerät spricht mit mir, Jojo ist dran und übernimmt mich für meine geplanten Manöver. Strömungsabrisse, egal ob bewusst oder unabsichtlich herbeigeführt, unterliegen immer einem besonderen Risiko für blöde Sachen, weswegen die größtmögliche Aufmerksamkeit gefordert ist und es sich anbietet, so etwas zu fliegen, wenn Frau noch frisch ist. Richtig ausgeführt, ist ein einseitiger Strömungsabriss sehr unspektakulär, weil vordergründig kaum etwas passiert, der Flügel wackelt ein bisschen, dreht ein paar Grad nach hinten, füllt sich wieder und fliegt. Im Detail betrachtet macht Frau eine Flügelseite flugunfähig, indem sie die Steuerleine gegen den steigenden Druck entschlossen so weit nach unten durchzieht, bis der Druck plötzlich komplett weg ist. Die Strömung am Obersegel ist abgerissen, der Schirm geht relativ schnell auf dieser Seite in eine Rückwärtsrotation, die Pilotin pendelt ein klein wenig nach vorne und wenn jetzt die Hand nicht sofort blitzschnell wieder bis zu den Leinenschlössern nach oben geht, bricht die Hölle los. Das Ziel dieser Übung ist es herauszufinden, wo genau dieser Punkt ist, an dem der Flügel nicht mehr fliegt und, noch wichtiger, zu wissen, wie es sich anfühlt und was dann zu tun ist und es auch entschlossen umsetzt. Laborbedingungen, wie über Wasser im Training, sind leider nicht die Realität, der Stallpunkt ist mitnichten immer an der gleichen Stelle, doch das Gefühl, wenn es passiert, ist immer gleich. Es hilft, wenn ich es bei Eintreten in der freien Wildbahn erkenne und mich dann richtig verhalten kann. 
Das mache ich auf beiden Seiten, mein Schirmi zappelt kurz rechts und links und fliegt dann wieder schön. Als nächstes kommt der Hermann dran, bei dem mir beim ersten Mal vergangenen Herbst fast das Herz in die Hose gerutscht ist, als die Fahrt so richtig los ging. Ich habe zwar noch keine Ahnung, wie sich das im Liegegurtzeug anfühlen wird und bin aufgeregt. Aber ich habe keine Angst davor, es ist eher so, dass ich mich mit gespannter Erwartung darauf freue, was passiert. Grünes Licht von Jojo, ich greife hoch in meine A-Leinen und ziehe die linke Seite komplett ab, der Schirm klappt über 60% ein, ich werfe mich im Gurtzeug auf die linke Seite und hänge mehr oder weniger links aus dem Gurtzeug. Ich halte entschlossen den riesigen Klapper fest und beuge mich noch weiter übers Gurtzeug, die Rotation lässt ein bisschen auf sich warten, als ob der Schirm mir sagen will „möchtest du das wirklich?“. Ja, ich will und im zweiten Kreis geht’s los, die offene Seite beschleunigt immer weiter, meine ausgestreckten Beine pendeln in der Gegend rum, der Schirm wehrt sich gegen den Klapper, kippt dann aber über den offenen Flügel in eine SAT-Rotation, der Drehpunkt wandert zwischen mich und meinen Schirm, ich fliege im Gurtzeug rückwärts. Eine wilde Fahrt. Das Liegegurtzeug macht’s auf jeden Fall sehr viel unruhiger, als ich es vom Sitzgurtzeug kenne. Jojo ist aus dem Häuschen, dass ich es in den Hermann geschafft habe, gibt nach 2-3 Rundfahrten dann die Anweisung über ein gefühlvolles Anbremsen des Außenflügels zurück in einen stabilen Geradeausflug zu kommen, was mir pendelfrei gelingt und ich damit die sehr dynamische und spektakuläre Rotation auf einfache Weise beende. Zuletzt gebe ich meine Leinen frei, helfe beim Öffnen ein wenig nach und fliege wieder mit offenem Schirm. Voll geil. Auf dem Weg zum Landeplatz rolle ich noch ein wenig. Je öfter ich das tue, desto mehr bekomme ich eine Idee und ein Gefühl für Timing, Intensität und Achse. Es wird. 
Jojo gibt mir noch einen Tipp, welche Windverhältnisse am Landeplatz herrschen, was mir das Leben leichter macht und wünscht noch eine schöne Landung. Leichter Nordwind, ich achtere am Seeufer ab, biege bei passender Höhe in den Endanflug ein, schaue weit und setze mit wenigen Schritten sanft auf. Landen hat für mich ein bisschen seinen Schrecken verloren, seit ich etwas früher abfange und nicht mehr nach unten schaue.

Astrids Hermann hat ihr einen Schrecken versetzt. Sie muss sich so weit ins Gurtzeug auf die Seite lehnen, dass sie fast schon Sorge hat, raus zu fallen. Ihre Rotation war extrem unrund, sie ist viel im Gurtzeug in alle möglichen Richtungen gependelt und als sie ausleitet, öffnet der Flügel nicht und es geht unbeabsichtigt und sehr schnell in einen zweiten Hermann. Achterbahn vom Feinsten. Sie bekommt es zwar in den Griff, stoppt die zweite Rotation und kann dann mit Nachhelfen über den Stabilo den Klapper öffnen, doch es ging ihr hinterher mental nicht mehr gut. Sie rollt noch ein bisschen, fühlt sich dabei aber so unsicher, dass das eigentlich mehr ein eckiges durch-die-Gegend-pendeln wird und klappt zum Schluss das „Milla-Öhrchen“ ein, um Jojo zu signalisieren, dass sie für diesen Flug fertig mit trainieren ist. Sicher Landen steht als einziges noch im Fokus. Am Ende des Tages zweifelt sie an allem: der Materialwahl, ihren Fähigkeiten und ihrem Mut. Stille Reflexion ist angesagt. Und damit verbunden die Erkenntnis, dass es hier nicht um den Wettbewerb mit anderen und auch nicht um einen Wettbewerb mit sich selbst geht. Und dass es eben Tage gibt, an denen Dinge besser funktionieren als an anderen Tagen. Und heute war für sie einfach mal kein guter Tag und es bleibt die vielleicht wichtigste Erkenntnis: Demut tut gut. Nur weil etwas schon mal ohne Probleme funktioniert hat, heißt das noch lange nicht, dass frau eine Spitzen-Pilotin ist… 

Nachdem alle Mädels schön gelandet sind, Pia hat an der Stelle noch etwas mit den deutlich besseren Gleiteigenschaften ihres neuen Epsilons im Vergleich zu ihrem alten Schirm zu tun, sodass bei ihren ersten Landungen das Feld etwas zu klein ist, geben wir bei Jojo an, was wir im nächsten Flug fliegen wollen. Ich fasse mir ein Herz und gebe an, dass ich ein Crazy Chicken fliegen möchte. Als ich mich so reden höre, bereue ich es fast, gleichzeitig ist da der Wunsch, dieses Ding endlich mal zu fliegen, weil es mir keine Ruhe mehr lässt seit ich davon im allerersten Sicherheitstraining hörte. Ich halte daran fest, auch wenn ich keinen blassen Schimmer davon hab‘, was auf mich zukommen wird. Aber hey, was ist das Schlimmste, das passieren kann: Ich werde nass. Das verkrafte ich. Hannah gibt an, dass sie versuchen möchte, in den Backfly per Spinstall zu kommen. Ich staune. Das ist mutig von ihr, wie ich finde und ich bin sehr gespannt, wie das wird. 

Eine kleine Überraschung: Roman fährt uns hoch, denn er mag auch fliegen, was bei so einer kleinen Gruppe entspannt reinpasst. Denn wenn er als erster startet, ist er auf jeden Fall rechtzeitig zurück im Boot, bis die erste Teilnehmerin in der Trainingsbox ankommt. Auf die neugierige Frage von uns, was er denn fliegen wolle, reagiert er recht verhalten. „Naja, er müsse da noch etwas an dem einen oder anderen Manöver feilen“,… es war nicht zu übersehen, dass er da gar nicht so gerne drüber redet. 
Am Startplatz haben sich nach dem ersten Flug die Reihen etwas gelichtet, weil das Feld sich etwas auseinandergezogen hat, Roman startet gefühlt nur wenige Sekunden nach Ankunft und fliegt raus zum See, während wir uns mehr oder weniger gemütlich fertig machen. Trödeln tun wir nicht, denn wir haben schon gespannt, dass sich ein dritter Flug heute ausgehen könnte, wenn der Südwind, die Ora, nicht so früh einsetzt. 
Vor mir startet Hannah, die den Fullstall Backfly fliegen möchte, was mich wirklich sehr beeindruckt. Wenn bei sowas eine Kleinigkeit schiefgeht, insbesondere bei der Ausleitung, steigt die Wahrscheinlichkeit, den Retter zu brauchen, schlagartig auf fast 100%. Coole Socke. 
Ich starte und fliege ihr mit Abstand nach, während ich mein Manöver im Geiste durchgehe, erneut mehrmals zum Rettergriff fasse, den sogar ein wenig nach außen biege, denn meine Wahrscheinlichkeit, ihn zu benötigen, ist beim allerersten Crazy Chicken ebenfalls nicht sooo klein. 
Was ist ein Crazy Chicken? Manche sagen auch Harz IV Heli dazu. Prinzipiell läuft das so ab, dass ich auf einer Seite einen moderat großen Klapper ziehe und festhalte und mit möglichst wenig Zeitverzug auf der anderen Seite einen Strömungsabriss verursache und auch diesen festhalte. Ist beides gelungen, beginnt eine stationäre Rotation, die mehr oder weniger zerstörte Kappe dreht solange in Richtung der gestallten Seite, solange ich die Störungen nicht loslasse und die beiden Flügelenden zeigen in jeweils unterschiedliche Richtungen. Die geklappte Seite zeigt relativ zum Schirm nach hinten und die abgerissene Seite zeigt relativ zum Schirm nach vorne. Wo das Hühnchen herkommt, weiß ich nicht, aber es ist definitiv crazy und ich bin extrem aufgeregt, aber zu 100% entschlossen, es umzusetzen. Bis es bei mir losgeht, habe ich Gelegenheit, Hannahs ersten Fullstall Backfly von oben zu beobachten. Ich bin wirklich beeindruckt von Hannah. 
Als sie zum Landeplatz aufbricht, kommt meine Zeit. Jojo funkt mich an, gibt mir erneut die einzelnen Schritte durch und ich bekomme die Freigabe, das Crazy Chicken einzuleiten. Mit links ziehe ich mit zwei A-Leinen einen vergleichsweise kleinen Klapper und sobald der im Fahrtwind flattert, ziehe ich entschlossen an der rechten Steuerleine, um auf der anderen Seite die Strömung abzureißen, wundere mich aber, wie unglaublich schwer das ist, denn beim vorher geflogenen einseitigen Strömungsabriss, das Trudeln im Ansatz, war das total einfach. Ich schaffe es mit rechts nur mit Mühe vom Ziehen ins Drücken, denn ich muss bis ganz runter an meinen Popo, bis der rechte Flügel aufgibt und die rückwärts gerichtete Rotation auf dieser Seite beginnt. Als die Strömung dann endlich abreißt, wird es leicht, einfach beide Störungen so zu halten, wie es ist und ich fliege im Crazy Chicken, so lange ich möchte und die Höhe reicht. Mit dem Beginn der Rotation schaue ich nach oben und staune, wie das von unten aussieht, ich habe in meinem Gurtzeug die gleiche Drehgeschwindigkeit, wie mein Schirm über mir. Eine Hand voll Umdrehungen später meldet sich Jojo, die ebenfalls völlig aus dem Häuschen ist, dass ich ins Crazy Chicken hineingekommen bin und weist mich an, die gestallte rechte Seite freizugeben, was ich per Hochführen der Steuerleine tue, weil ich mir denke, dass Schnalzen lassen keine gute Idee ist. Das plötzliche Stoppen der Rotation und das leichte Vorschießen des rechten Flügels, als der wieder anfährt und vorwärts fliegt, sorgt dafür, dass ich im Liegegurtzeug fast 180° weiterdrehe, kurz mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitze und vor Schreck den Klapper schnalzen lasse. Beim Zurückpendeln im Gurtzeug schaue ich kurz von der Seite in meine Kappe und sehe, wie die Leinen komplett entlasten, meine Nackenhaare stellen sich auf, doch es passiert nicht viel. Hände hoch, durchpendeln lassen, der Schirm fliegt wieder normal. Auf jeden Fall noch ein bisschen abgefahrener als einen Hermann zu fliegen. Eindeutig. 
Auf dem Weg zum Landeplatz rolle ich noch ein wenig, mein Puls kommt runter und ich kann sauber landen.

Für den nächsten Flug nehme ich mir vor, das Crazy Chicken nochmal zu fliegen, aber dieses Mal auf der linken Seite die Strömung abzureißen und in die andere Richtung zu rotieren. 
Kurz vor halb eins starte ich zum dritten Flug für heute und mache mich auf den Weg in die Trainingsbox, die sich inzwischen etwas weiter überm See befindet, denn wir haben Südwind und die Drift muss für einen möglichen Retterabgang beachtet werden, damit niemand vor dem Aufschlag vom Wind übers Land geschoben wird. 
Nach der Freigabe durch Jojo leite ich das erste Chicken ein, ziehe rechts einen Klapper, halte ihn und versuche dann mit der linken Hand auf der anderen Seite die Strömung abzureißen. Es gelingt mir nicht. Der Druck ist so groß, dass ich es nicht schaffe, mit links durchzudrücken, sondern irgendwo in Höhe des Karabiners, wo der Tragegurt eingehängt ist, ist Schluss. Aber weil ich diesen Zustand relativ lange halte und weiter versuche, nach unten zu kommen, kippt mein Flügel in die sogenannte Holzmüller-Spirale. Ich gehe einfach über die immer noch flugfähige offene linke Seite in eine kurze Spirale. OK, das ist nicht so schlimm. Mit dem Lösen der linken Hand und danach der rechten Hand mit dem Klapper, fliege ich wieder. Ich sortiere mich, drehe meinen Schirm etwas nach Süden und bekomme von Jojo das Go für den nächsten Versuch. Klapper rechts, das ist einfach, doch ich stoße links erneut an ein scheinbar unüberwindbares Hindernis. Ich bin zu schwach. Einen dritten Versuch mache ich noch, ziehe dieses Mal jedoch den Klapper wieder links und drücke die rechte Hand mit Gewalt runter, bis die Strömung abreißt und die Rotation beginnt. Das Hühnchen hüpft wild in der Gegend rum. Bei der Ausleitung durch Hochführen der rechten Hand, twiste ich das erste Mal richtig, d.h. es verdreht mich mit dem Gurtzeug so, dass die Leinen einmal komplett überkreuzen, ich rückwärts fliege und sehr genau schauen muss, welche Seite nun anzubremsen ist. Dazu kommt ein relativ großer Verhänger, der sich aber weitgehend während meiner Rotation im Gurtzeug öffnet. Der Schirm fliegt wieder. Mit den drei Versuchen ist meine Arbeitshöhe aufgebraucht, ich biege zum Landeplatz ab. 
Ich kaue ein wenig darauf rum, was das Stallen mit links verhindert? Vielleicht bin ich mit 3 Flügen und ein paar wilden Manövern auch einfach durch und brauche eine Pause. Die gibt es jetzt, denn Trainingsflüge finden heute keine mehr statt und es wird erst am fortgeschrittenen Nachmittag mit der Videoanalye im Schulungsraum weitergehen. Me-Time. Astrid und ich tanken ein bisschen Wasser in die Kabine, futtern eine Kleinigkeit und anschließend ziehe ich mit meiner Handpan an den Strand, wo inzwischen ein relativ starker Südwind ansteht. Genug, um einige Surfende anzulocken. Mit der Handpan auf dem Schoß blende ich alles um mich herum aus, nehme nicht mal wahr, dass Astrid zu mir kommt, und spiele eine gute halbe Stunde, doch weil der Wind so laut ist, höre nur ich mein Spiel und vielleicht Astrid direkt neben mir, es tut gut, ein paar Minuten nur noch meine eigene Musik und den Wind zu hören.

Die schön kurze Videoanalyse, zu der wir uns Kaffee/Cappuccino, Eis und Croissant mitnehmen, bringt ein paar Erkenntnisse für alle zu ihren Manövern, ich kläre auf, dass ich einfach nicht dazu in der Lage war, links die Strömung abzureißen, weil ich gegen den enormen Druck in der Kappe nicht angekommen bin, es aber morgen im ersten Flug wieder versuchen möchte, wenn ich frisch bin. Es kommt der Verdacht in der Gruppe auf, dass ich auf verrückte Hühnchen stehe, hihi. Gleichzeitig denke ich schon darüber nach, ob ich mich trauen würde, per Spinstall in den Backfly zu kommen, doch irgendetwas hindert mich daran, vielleicht bin ich im Kopf einfach noch nicht bereit dazu. 
Das Video von Romans Flug hat sich zwischen die Videos von uns Pilotinnen gemogelt. Wir können in Farbe bestaunen, was Roman in seiner Bescheidenheit vor dem Flug noch weggelächelt hat. Uns allen bleibt der Mund offen stehen. Helis und Infinitys vom Feinsten. Wild. Vogelwild. Und in uns keimt der Gedanke auf, dass der Firmenname „sicher-fliegen.de“ nicht von Ungefähr kommt. Der eh schon so nette, freundliche und liebenswerte Roman steigt auch als Pilot in unserer Anerkennung ein paar Stufen nach oben…

Heute gibt es im Anschluss die Chance auf einen Abendflug, die Bedingungen sind zwar bestenfalls mittelmäßig, also so etwas wie Thermik oder Hangwind wird es ziemlich sicher nicht geben, aber ein Flug ist ein Flug und wir haben alle Bock auf einen schönen, entspannten Freiflug, weswegen um 17:30 Uhr alle bis auf Jojo im Bus sitzen. Jojo wird die Gelegenheit nutzen, endlich eine erste Ausfahrt mit ihrem neuen Rennrad zu machen, wofür wir gemeinsam ihre Reifen auf den richtigen Druck bringen, bevor wir zum Fliegen gehen. Das ist übrigens bei den Trainings mit Roman bzw. in einer reinen Frauengruppe auch so ein tolles Ding, wenn Frau mal nicht nach fliegen ist, dann ist das genauso gut und dann macht Frau einfach etwas anderes, wonach ihr gerade ist und was ihr gut tut. Es gibt keinen Zwang zu irgendwas. I like.
Am Startplatz sind gar nicht so viele Menschen, was wahrscheinlich daran liegt, dass es nicht viel mehr als einen Gleitflug werden wird. Roman sitzt für diesen Flug trotzdem im Boot und ist auf Standby, falls irgendwas wäre, insbesondere auch bezüglich der Landung. Nicht alle sind vertraut mit Starkwindlandungen und nehmen gerne in Anspruch, dass Roman ihnen ein wenig Anleitung für eine sichere Landung gibt. Der Flug an sich ist überraschend rumpelig, denn es gibt mehrere Windscherungen auf dem Weg nach unten und der Wind aus Süd ist tatsächlich so stark, dass ich im Bereich des Landeplatzes nur sehr wenig Vorwärtsfahrt mache, d.h. der Wind muss irgendwo um die 25km/h gewesen sein, was ein paar Besonderheiten mit sich bringt, die beachtet werden müssen. Astrid und ich sind bei sowas relativ entspannt, weil wir das schon ein paar Mal hatten und wissen, wie man sich verhalten muss. Ich bleibe stets luv-seitig des Landeplatzes überm Wasser, lasse mich langsam auf die Queranflugslinie am nördlichen Rand zurückfallen, drifte seitwärts ins Landefeld als die Höhe passt und setze nach einem kurzen Endanflug sanft auf. Beim Killen des Schirmes laufe ich auf den Schirm zu und um ihn herum, weil ich damit alle Energie aus ihm herausbekomme, eine Tulpe zusammenziehen und entspannt auf die Seite gehen kann.
Als alle safe am Boden sind, lädt Roman alle ein, die möchten, dass er uns mit dem Boot zurück zum Campingplatz fährt, was wir voll gerne annehmen und weil unsere Gruppe so klein ist, passen alle gleichzeitig mit ihren Fliegesachen rein und wir haben eine lustige Fahrt im Abendlicht. 
Heute Abend sind Astrid und ich wieder im Restaurant dabei, denn so spät hat keine von uns mehr Lust, sich im Camper an den Herd zu stellen, es ist schon fast 20 Uhr. Jojo ist ebenfalls von ihrer ersten Ausfahrt zurück und hat ein breites Grinsen im Gesicht. Da hat sie schon ein außerordentlich schönes Radl geschossen. 

Samstags starten wir erneut um 7 Uhr im Schulungsraum, Jojo schreibt ihre Liste, wer welche Manöver fliegen möchte, die letzten offenen Fragen werden besprochen und auf geht’s zum Startplatz. Heute ist es etwas lichter, denn die große tschechische Gruppe ist abgereist und zwei der vier anderen Flugschulen sind durch und nur noch wir und die Flugschule Aufwind sind da, deren Gruppe ebenfalls relativ klein ist. Fragt nicht, wie das passieren konnte, doch ich bin zu meiner Überraschung heute die erste aus unserer Gruppe, die aufzieht und wegfliegt, voll motiviert, das Crazy Chicken mit Rotation nach links zu fliegen, was mir gestern nicht gelungen ist. Mein Retter hat auf dem Weg in die Trainingsbox heute morgen meine volle Aufmerksamkeit, denn rückblickend betrachtet hatte ich an diesem Morgen die ganze Zeit so ein Gefühl, dass er mir heute möglicherweise den Arsch retten wird. Nur ein Bauchgefühl. Streiche „nur“, denn der Bauch hat für gewöhnlich recht, wenngleich nie vorher klar ist, wie die Dinge am Ende laufen werden. Gleichzeitig mag ich selbstredend keine self-fullfilling prophecy draus machen und wische alles aus meinem Kopf, was ich in diesem Moment nicht gebrauchen kann. Konzentration und Fokus, wie Mady Morrisson immer so schön sagt. Jojo schickt mich noch ein kleines bisschen weiter auf den See hinaus und gibt mir dann grünes Licht für das links-gestallte Crazy Chicken. Ich klippe meine Steuerschlaufe rechts an den Tragegurt, greife mir zwei A-Leinen und ziehe sie runter zu mir. Der Schirm klappt rechts ein, ich ziehe kräftig links, um die Strömung abzureißen, doch ich komme wieder nicht über den Punkt drüber, an dem es vom Ziehen ins Drücken geht, es folgt eine Mini-Holzmüller-Spirale, ich leite aus. Bevor ich erneut ansetze, schaue ich mir genau meine Position im Gurtzeug an und merke, dass ich im Vergleich zu einem Sitzgurtzeug relativ weit nach hinten gelehnt sitze und meine Hand entsprechend weit vom Tragegurt entfernt ist. So habe ich mit meiner schwächeren Seite sicher keine Chance, gegen den Druck in der Kappe in den Strömungsabriss zu kommen. Ich setze mich etwas auf, so dass meine Hand und mein Arm mit wenig Abstand zum Gurt in der Verlängerung des Tragegurtes nach unten geführt werden können. Das sieht besser aus. Ich ziehe wieder den Klapper, allerdings denke ich im Nachhinein, dass ich durch die aufrechtere Sitzposition zu weit nach oben gegriffen habe und einen zu großen Klapper zog, der auch ein wenig verhängte. Hochgeschaut habe ich nicht, weil ein Klapper nichts mehr ist, was ich sehen muss, ich konzentriere mich nur noch darauf, die linke Hand bis zum Abriss der Strömung nach unten zu bekommen. Ich ziehe, gelange an die Wechselstelle vom Ziehen zum Drücken, kann mit einiger Anstrengung über den harten Punkt hinweg weiter durchdrücken und schaffe es bis dorthin zu kommen, wo der Druck plötzlich weg ist. Juhuu, im 4. Versuch gelingt mir das Crazy Chicken mit der Rotation nach links hinten, ich schaue hoch, genieße die Show, weil das schon ganz schön krass aussieht von unten, denn eigentlich ist der Schirm nur noch ein drehendes Knäuel mit zwei abstehenden Flügelenden. Dass die geklappte Seite sich ein wenig verhängt hat und der Klapper etwas zu groß ist, nehme ich ebenfalls wahr, mache mir aber keine großen Sorgen darum, weil bisher noch alles an Verhängern mehr oder weniger von selbst aufgegangen ist nach der Ausleitung. Chaka. 
Jojos Stimme in meinem Ohr sagt „gib die linke Seite wieder frei“, ich führe meine linke Hand hoch, die Rückwärtsrotation stoppt, die Flügelseite möchte wieder nach vorne fliegen, nur leider ich in meinem Gurtzeug nicht. Ich twiste das erste Mal, merke das aber erstmal gar nicht, und der Schirm kippt sofort in den Hermann als ich noch eingedreht bin. Im Ohr höre ich „linke Bremse, linke Bremse“ und versuche mit Gefühl links anzubremsen, viel hilft nicht viel, wie ich aus meinen zuvor geflogenen Klapperspiralen weiß, meine Füße zeigen zum Himmel, mein Kopf nach unten, ich sehe, wie die Eintrittskante aus meiner Perspektive nach hinten verschwindet, was ganz sicher nicht gut ist. Ich schaffe es, trotzdem ruhig zu bleiben, halte mit moderatem Zug die linke Bremse, und als ich unterm Schirm durchpendele, löst sich meine Verdrehung auf, und ich kann auch sehen, dass mein Schirm wieder vollständig offen ist, bloß bleibe ich als Schwungmasse dann nicht einfach stehen, sondern es geht mit Schwung in die andere Richtung. Die Kappe fliegt ohne mein Zutun eine Art Wingover in die andere Richtung und als der Flügel senkrecht steht, klappt natürlich der obere Flügel komplett ein und verhängt sich richtig fett von vorne in die Leinen. Der große Widerstand auf dieser Seite lässt die Drehrichtung erneut wechseln, ich stürze wieder in die Klapperspirale, „linke Bremse, linke Bremse“ schallt es in mein Öhrchen, ich schaue, was mein Schirm tut und ziehe wieder moderat links an der Steuerleine. Der Griff meiner rechten Steuerleine ist immer noch an den Tragegurt geklippt und ich überlege mir, dass ich mir den bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit mit der rechten Hand schnappen werde.  Frau weiß ja nie, was noch so passiert. Das nächste Problem tritt die Tür ein, einen Moment wird mein Anstellwinkel auf der linken Seite scheinbar ziemlich groß und der Zug auf der Steuerleine genügt, um erneut die Strömung abzureißen und ich gerate in die nächste Rotation nach links, die Drehrichtung ändert sich. Jojo am Funk „lass ihn fliegen“, meine linke Hand geht zum Leinenschloss hoch, die Rotation stoppt zunächst, doch der große Verhänger, der ja immer noch da ist, überlegt sich, nochmal das Kommando zu übernehmen und es geht ruckizucki in die dritte Klapperspirale, die mich dann jedoch nicht mehr aus dem Konzept bringt, weil ich wahrnehme, dass die Energie nun so langsam auf ein normales Maß zurückgeht. „linke Bremse, linke Bremse, weiter linke Bremse“ weißt mich Jojo an, das Karussell hört nach ein paar weiteren, sanfteren Drehungen endlich auf und auch das zornige Verdrehen im Gurtzeug, dass mich während der ganzen Aktion ständig begleitet und mir das Leben schwer gemacht hat, endet. Von dem großen Verhänger ist noch ein kleiner Rest übrig, den ich mit meinem Stabilo rechts auflöse. 
Puh, Alter, das war ein hartes Stück Arbeit. Noch bevor ich wieder klar denken kann, wird mir bewusst, dass ich den Landeplatz wohl nicht mehr erreichen werde und da meldet sich auch schon Jojo „Hände hoch, lass ihn fliegen, schau mer mal, ob der Theta das schafft.“. Meine Hände gehen hoch, ich brauche maximale Geschwindigkeit, was mich zu der Überlegung bringt, ob es Sinn hat, den Schirm noch schneller zu machen, um das Sinken vielleicht mit mehr Speed zu strecken. Der Gegenwind aus Nord ist nicht so stark, vielleicht 3-4 km/h, ich entscheide mich für 50% Beschleuniger, so, wie es jetzt läuft, wird es sicher nix mehr, d.h. ich kann die Lage nicht verschlimmbessern und im Augenwinkel nehme ich wahr, dass Roman sich bereits mit dem Boot auf den Weg gemacht hat. 
Jojo gibt mir noch durch, dass ich auch auf der kleinen Landzunge vor dem eigentlichen Landeplatz landen kann, nur damit das gesagt ist, falls ich nicht selbst auf die Idee gekommen wäre. Mein Schirm fliegt irgendwie nicht geradeaus. Woran das liegt, weiß ich nicht, doch ich muss leider die Richtung korrigieren, um auf die Landzunge zu zu fliegen, was den Schirm minimal aufrollt, und was leider auch Höhe kostet. Ich überlege, was ich noch tun kann, um die Fahrt zu strecken, mmhhh…., solange im geschlossenen Gurtzeug sitzen bleiben, wie es geht, denn sobald auch nur ein Fuß rausgeht, ist mein Widerstand und damit das Sinken größer. Beim Blick auf die Landzunge fällt mir der Landeplatz in Malcesine am Gardasee ein, wo es relativ viele Verletzungen gibt, weil die Leute mit ihren Haxen in die groben Ufersteine einschlagen, nur um eine Wasserlandung zu vermeiden, was ich auf keinen Fall möchte und als ich merke, dass ich das Ufer definitiv nicht erreichen werde, entscheide ich mich aktiv für eine sichere Landung im Wasser, was allemal besser ist, als in irgendwelche Uferbebauungen einzuschlagen. Über die Folgen denke ich in keiner Sekunde nach. Nasses Equipment trocknet, zerstörte Knochen sind Scheiße. Ich gehe mit den Füßen aus meinem Beinsack, bleibe jedoch sitzen, drehe meinen Schirm ein klein wenig nach links von der Landzunge weg hin zum Kiesstrand und bereite mich darauf vor, auf dem Popo im Wasser aufzusetzen, weil ich nach meiner Schätzung nur ganz, ganz knapp vor dem Ufer aufsetzen werde und ich nicht weiß, wie tief das Wasser sein wird. Hinterher habe ich zwar gedacht, Mist, wahrscheinlich wäre ich besser auf den Füßen gelandet, denn das Wasser war nur wenige Zentimeter tief, wo ich aufsetzte und dann wäre wahrscheinlich nicht so viel nass geworden und auch die Patrone in der Schwimmweste hätte nicht ausgelöst. Hätte, hätte. 
Klatsch, ich tauche kurz ins Wasser, bremse durch, im Funk höre ich Jojo „Nein, das war mega knapp.“ und dann flute ich leider beim Aufstehen für eine Sekunde meine Schwimmweste und, bong, knallt das Ding auf, obwohl ich nur knietief im Wasser stehe. Roman ist sofort da, lacht und lässt ein bisschen Luft raus, damit mich die Weste nicht erwürgt, und dann beginnen wir damit, mich von Schirm und Gurtzeug zu befreien und gemeinsam den vollgelaufenen Flügel behutsam leer laufen zu lassen und aus dem Wasser auf die angrenzende Wiese zu heben. Was ein Scheiß, da haben wirklich nur 2 Meter gefehlt, dann wäre ich mit den Füßen auf der Wiese gelandet. Aber, wie gesagt, macht nix, ich habe alles in diesem Flug unbeschadet überstanden, alles andere ist nicht so wichtig. Roman fährt mich mit dem Boot zum Campingplatz, wo ich mich trockenlegen, umziehen und meinen Pi3 schnappen kann, denn ich möchte unbedingt sofort wieder fliegen. Eine, wie ich finde, wichtige Maßnahme, um keine Ängste zu entwickeln. Weil mein Retter nasse Füße bekommen hat und ich keinen zweiten mehr besitze, bietet Roman mir an, dass ich einfach sein zweites Gurtzeug, ein Advance Success 5, für den nächsten Flug nehmen kann, das wird wahrscheinlich ganz gut passen, weil wir ähnliche Abmessungen haben. Das ist voll lieb von ihm. 

Rückwirkend betrachtet staune ich über mich selbst, denn ich bin zu keiner Zeit panisch geworden. Ich hatte stets ein klares Bild, was zu tun ist und Jojos Anweisungen haben sich immer mit meiner Wahrnehmung gedeckt. Bei der Umsetzung habe ich bewusst darauf geachtet, nicht über zu reagieren, sondern versuchte immer, die passende Dosis zu finden, was mir nur einmal nicht gelungen ist, als der Anstellwinkel zwischendurch mal groß wurde, die Strömung erneut abriss, obwohl ich an meiner Steuerleine nichts veränderte. Die Hand hochzuführen, kam einfach minimal zu spät. 
Auf dem Weg zum Trockenlegen kam mir dann die Erkenntnis, dass ich in freier Wildbahn, ohne Jojo im Ohr möglicherweise trotzdem jetzt tot wäre, denn zu keiner Zeit kam mir der Gedanke, dass der Retter da ist und eine valide Ausfahrt darstellt. Ich war so mit Kämpfen beschäftigt, dass ich alles andere ausnahmslos um mich herum vergaß. Jojo bestätigt in der Videoanalyse, dass ich nur noch 2 Sekunden vom Kommando „Retter raus“ entfernt war. Ich selbst hätte das aus eigenem Antrieb nicht getan. Ich schreibe mir das fett hinter die Ohren für die Zukunft, das ist meine persönliche Take-Home-Message aus diesem Flug.

Zurück am Landeplatz lerne ich, dass bei meiner Aktion der ganze Startplatz mitgefiebert hat, ob ich den Landeplatz noch erreiche, Anja hatte ihr Funkgerät auf laut und alle konnten hören, was in meinem Flug abging. Witzig.

Astrid: 
Als Milla ihr Crazy Chicken eingeleitet hat, war ich grad dabei, meinen Schirm am Startplatz aus zu legen. Den Funk hatte ich schon eingeschaltet und habe deshalb gut zuhören können, was Jojo an Milla funkt. Irgendwann habe ich mitten im Schirm-auslegen inne gehalten, weil ich gemerkt habe, dass sich etwas an Jojos Stimme verändert.  Mehr Vehemenz, schneller aufeinander folgende Kommandos. Ich drehe mich um, schaue über den See und sehe Millas Schirm gefühlt als kleines Knäuel zusammen gewickelt schnell Höhe verlieren. Lieber wieder wegschauen. Augen zu und auf Jojos Stimme am Funk hören. Und Milla wünschen, dass das alles gut geht. Dabei merke ich, dass es am Startplatz mucksmäuschenstill geworden ist. Circa 30 Pilot*innen lauschen auf die Stimme aus dem Funk, den Anja laut gestellt hat, und fiebern mit.  
Als klar wird, dass der Schirm wieder fliegt, es aber zum Landeplatz eng werden könnte, beginnen alle mit einem lautlosen Anfeuern. Und als Jojo funkt „oh nein, das war knapp, da hat ja nur ein Meter gefehlt!“, stöhnen alle gleichzeitig auf und lachen kurz darauf gemeinsam auf. Druck und Sorge fällt von mir ab. Milla ist unverletzt, das ist das Einzige was zählt. Nasse Ausrüstung lässt sich trocknen.
Ich lege meinen Schirm weiter aus, sortiere meine Leinen und nachdem vom See das Funkkommando kommt, dass Roman mit dem Boot wieder in Position ist, kriege ich von Anja die Freigabe, ziehe auf und starte raus. 
Millas crazy Flug blende ich aus. Denn ich habe selbst eine Baustelle, die mich sehr beschäftigt. Am Vortag hatte ich diesen völlig verkackten Hermann und bin große Ohren geflogen, bei denen sich mein Gurtzeug relativ zum Schirm um 90 Grad weggedreht hat. Das hat sich scheiße angefühlt und ich bin ehrlicherweise ziemlich erschrocken dabei. Denn die ganze Kiste wurde komplett instabil, was ich von großen Ohren bisher überhaupt nicht kannte.
Heute denke ich beim Rausfliegen nach und fühle in mich rein. Gesten hatte ich schon das Thema, dass mein Schirm ganz zart nach rechts geflogen ist, wenn ich die Bremsen losgelassen habe. Auch das kenne ich sonst nicht von meinem Schirm. Ich fühlte mich gestern zum Ende des Tages mit meinem gesamten Equipment, mit dem ich diesen Sommer ja viele, viele glückliche XC Kilometer geflogen bin, überhaupt nicht mehr wohl. Was ist da bloß los? Also ist Denken und Spüren angesagt. Was ist anders als sonst? 
Und dann trifft mich die Körper-Erkenntnis: ich hänge total schief, nach rechts verschoben, in meinem Gurtzeug. Mir fällt ein, dass ich am Vortag meinen Herrmann nach rechts geflogen bin und mich dazu so weit reinhängen musste, dass ich gefühlt gar nicht mehr auf dem Sitz des Gurtzeugs saß, sondern nur noch rechts im elastischen Tuch des Gurtzeugs (und natürlich in der mich vorm Rausfallen bewahrenden Beinschlaufe) hing. Dabei scheint sich an meinem minimalistisch gebauten Gurtzeug einfach alles irgendwie verschoben oder ausgedellt zu haben. Die Beinauflagen, das Rückenteil, einfach alles.
Also hab‘ ich beim Über-den-See-fliegen angefangen, mich mal zurück nach links in die Mitte meines Gurtzeugs zu wurschteln. Dazu musste ich mit dem Rücken allen Kram, der im Staufach hinterm Rücken verstaut war (Klamotten, Trinkflasche, Schnellpacksack, Futter etc) aktiv auf die andere Seite drücken und die linke Hälfte meiner Sitzfläche auch gefühlt etwas runter drücken um eine halbwegs zentrale Position einnehmen zu können. Aah! Fühlt sich gleich viel besser an. 
Und siehe da: Schirmi fliegt wieder geradeaus, das Sitzen ist plötzlich sehr viel angenehmer und ich traue mich, es nochmal mit den großen Ohren zu versuchen, als ich über dem See in der Trainingsbox ankomme. 
Dieses Mal zunächst nur mit einer Leine, in die ich vorbeschleunigt so hoch wie möglich rein greife. Das macht auch schon ganz ansehnlich große Ohren. Das Gurtzeug dreht sich nicht weg, Schirmi fliegt stabil geradeaus und ich kann über Gewichtsverlagerung einen Kreis in Richtung der Kamera fliegen. Na also, geht doch. Beim Öffnen der Ohren muss ich wie immer etwas wechselseitig nachhelfen, damit sie aufgehen. Aber das erschreckt mich mittlerweile nicht mehr. Das kennen wir schon von unseren Thetas.
Weil das so schön war, mag ich gar nix Wildes mehr Fliegen. Und weil gestern gefühlt nix geklappt hat und ich sehr mit mir und meinem Equipment haderte, brauche ich heute erst mal nur Manöver, die mir gut tun. Also noch bissl Rollen, Spiralen und Nicken. Und dann geht’s zum Landen. Denn so langsam dringt Milla wieder in mein Bewusstsein und ich will wissen, wie’s ihr geht.
Nach der Landung pack ich mein Geraffel superfix zusammen und starte zu Fuß Richtung Campingplatz. Auf dem halben Weg sehe ich in der WhatsApp Gruppe, dass sie reingeschrieben hat und wieder abgeholt werden könnte, wenn das Boot verfügbar wäre. Also ruf ich sie an, um mich mit ihr ab zu stimmen. Sie kommt zu Fuß zum Landeplatz, weil gerade noch Pilotinnen in der Luft sind und Roman mit dem Boot für diese bereit sein möchte. Ich kann wieder umdrehen. 
Kaum bin ich wieder am Landeplatz angekommen, schlendert Milla mit ihrer Zweitausrüstung bepackt und in trockene Klamotten gewandet, über den Uferweg heran. Sie lacht viel und ist ziemlich aufgekratzt. Und stolz. Und ich auch. Auf sie, weil sie so ne coole Socke ist. Und auf mich, weil ich auf meinen Körper gehört habe und diese beknackte Sitzposition wahrgenommen habe – trotz aller Anspannung und allem sportlichen Ehrgeiz, der mich fast verzweifeln ließ. Einfach mal auf den Körper hören. Auch ne wichtige Erkenntnis.

Milla: 
So, alle sind wieder zusammen, dadurch, dass ich als erste geflogen bin, gab es keine nennenswerte Verzögerung für die anderen Mädels, mir geht es gut, wir besprechen, was als nächstes geflogen wird, ich bekomme das Gurtzeug von Roman, der wieder mit rauffährt, und dann geht’s los zum zweiten Flug für heute. Roman startet wieder sehr zügig, damit er im Boot ist, bevor die erste von uns loslegt, ich lasse mir Zeit, es ist schönes Wetter, für heute hatte ich genug Puls und möchte mit den etwas zusammengewürfelten Ausrüstungsgegenständen keine Experimente machen, sondern einfach schön rollen, vielleicht eine Spirale, nix wildes jedenfalls, Hauptsache fliegen. Manche anderen Mädels haben anspruchsvollere Pläne und gehen alle vor mir raus, ich ziehe als letzte auf, brauche allerdings zwei Anläufe, denn der erste Versuch, rückwärtsaufzuziehen endet, als beim Ausdrehen eine ganze Leinenseite zwischen Gurtzeug und Schwimmweste einfädelt und hängen bleibt. Ich kullere den Hang kurz runter, aber tue mir nix. Anja hilft mir beim Auslegen und im zweiten Versuch starte ich einfach vorwärts, der Wind ist nur schwach. Das gelingt, ich fliege seit langer Zeit mal wieder meinen Pi3, das fremde Gurtzeug ist für mich gewöhnungsbedürftig, das erste Mal in meinem Leben sitze ich auf einem Sitzbrett. Im Vergleich zum Theta sieht der Pi3 von unten ziemlich klein und gedrungen aus, doch er fliegt schön, die geringere Streckung und die kürzeren Leinen machen, dass er relativ einfach zu rollen ist, ich genieße den Flug, die Spirale lasse ich einfach sein, weil es außerdem offensichtlich wird, dass der Pi3 bei weitem nicht so gut gleitet, wie der Theta und schon beim Erreichen der Trainingsbox ist fast die Hälfte der verfügbaren Höhe bereits aufgebraucht. Deswegen entscheide ich mich nach dem Rollen für das Milla-Öhrchen, damit auf gar keinen Fall die Höhe für eine saubere Landung ausgeht, die im zweiten Flug mit dem zwischenzeitlich eingesetzten Südwind eine ganze Landevolte benötigt. Passt, ich setze sanft auf, ich bin happy und dankbar, dass ich Romans Gurtzeug haben durfte. 

Weil bereits Mittag vorbei ist, findet kein weiterer Trainingsflug mehr statt, wir machen Pause und treffen uns nachmittags zur Videoanalyse, in der die Besprechung meines ersten Fluges naturgemäß relativ viel Raum einnimmt, aber auch die anderen Mädels sind wieder tolle Manöver geflogen, die mindestens die gleiche Aufmerksamkeit verdienen. Astrids Flüge interessieren mich dabei ganz besonders, denn seit ihrem quer geflogenen Ohren anlegen und dem äußerst unrunden, aber sehr dynamischen Hermann gestern hadert sie mit sich und ihrer Ausrüstung. Ein Zustand, den wir nach Möglichkeit auflösen müssen, denn mit diesen Gefühlen zu starten stelle ich mir ziemlich belastend vor. Zwischendurch kümmern wir uns immer wieder um meinen Theta, den wir auf der Terrasse vor dem Schulungsraum im Wind ausbreiteten und der zum Ende der Session komplett trocken geworden ist. Roman war so lieb, mir meinen Retter zu packen, den ich nun wieder ins Gurtzeug einbaue, als das Retterfach auch wieder trocken ist und damit ist mein Flugzeug wieder vollständig für den nächsten Tag.
Die Ora legt über den Nachmittag ziemlich zu und als die Frage nach einem möglichen Abendflug aufkommt, mit Aussicht auf keine Thermik und wenig bis kein Hangsoaren aber mit bumpy Luft, gibt es eine Mehrheit fürs Groundhandlen am Landeplatz. Astrid und ich nehmen unsere leichte Bergsteigeausrüstung, bestehend aus einem Neo String, dem Luftprotektor dazu, dem Kletterhelm und unseren Pi3s mit und wollen erstmal schauen, ob uns der Wind nicht sogar zu stark ist. Außerdem geht die Handpan mit, denn das ist mein Alternativprogramm, wenn ich nicht aufziehen mag. 
Am Landeplatz angekommen, dürfen wir miterleben, wie jemand mit einem Theta in meiner Größe im wahrsten Sinne des Wortes kämpft, denn es pfeift ganz ordentlich. Trotzdem packen wir mal aus, ich mache mich fertig und gehe aufs Landefeld, ziehe aber nur die Mitte meines Schirmes auseinander, damit ich ihn nach dem Sortieren der Leinen erst mit dem Wind ganz öffnen kann, was auch gelingt und als der Schirm so über mir ist, verstehe ich auch, was der Typ mit dem Theta falsch gemacht hat. Er hat zu viel an den Steuerleinen gezogen, damit den Widerstand vergrößert und wurde in der Folge mehrmals böse ausgehebelt. Tut Frau das nicht und lässt einfach ihren Schirm mit wenig bis keiner Bremse fliegen, passiert nix. Am Ende ist mir der Wind trotzdem zu stark und ich beschließe, eine Pause zu machen und abzuwarten, ob er sich mit dem fortschreitenden Abend beruhigt. Astrid wird’s ebenfalls zu viel und zusätzlich ist der Landeplatz schlagartig voll geworden, weil anscheinend alle Flugschulen statt zu fliegen hierhergekommen sind. 
Ich packe meine Handpan aus und beginne zu spielen, Astrid besorgt uns derweil zwei Aperol Sprizz vom Kiosk nebenan und ich finde, so kann Frau das Leben gut aushalten. Gelogen wäre, wenn ich mich nicht über wohlwollendes Publikum bei meinem Spiel freuen würde, weswegen ich mich etwas geschmeichelt fühle, als selbst äußerlich hart und standfest wirkende Pilot:innen, Fahrer, Fluglehrer, usw. mir eindeutig zu verstehen geben, dass ich sie gerade, naja, „verzaubere“ ist wahrscheinlich ein bisschen weit hergeholt, aber alle um mich herum finden mein Spiel total fein. Tut gut. Offensichtlich nicht nur mir, sondern auch allen anderen. Mein Aperol wird auf magische Weise immer leerer, gleichzeitig merke ich, dass mir die Windstärke jetzt wieder taugt, also Handpan ins Case, Gurtzeug an und wieder raus aufs Feld, Schirm in die Luft und ich achte darauf das im Take-Off-Seminar Gelernte anzuwenden, bis der Wind mit beginnender Dämmerung ganz einschläft. Hunger. 
Zum letzten gemeinsamen Essen im Restaurant sind alle dabei, ich hatte extra das kleine, ähm naja wahrscheinlich eher mindestens mittelgroße, Schwarze dabei, und was mir an der kleinen Gruppe ebenfalls supergut gefällt ist, dass es eine Chance gibt, sich mit allen ein bisschen zu unterhalten. Wir saßen bei allen Restaurantbesuchen stets mit anderen Menschen aus dem Kurs zusammen und es genügen 3 Abende für die komplette Runde. 

Der letzte Tag des Trainings bricht an, 7 Uhr Schulungsraum, Manöver durchgeben, rauffahren. Zwei Flüge stehen auf dem Programm, wobei letzterer für alle die wollen die Möglichkeit lässt, den Retter absichtlich auszulösen, wozu sich auch Astrid entschieden hat. Nach meinem Erlebnis am Vortag, wo schon mal alles nass geworden ist, bin ich aus der Nummer raus, fliege im ersten Flug noch einmal eine Klapperspirale, weil ich es einfach für außerordentlich nützlich halte, und ansonsten rolle ich nur noch, der eine oder andere Wingover ist dabei, zweimal klappt mir dabei nochmal mein Flügel ein, aber mit Störungen kenne ich mich ja jetzt aus und es hebt mich nicht sonderlich an. Die gute Nachricht: Ich beginne, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, ob und wann der Außenflügel gestützt werden muss, nur an dem „wieviel?“ hängt es noch, und mein letztes Manöver ist nochmal eine Vollgas-Spirale. Nach dem Landen beeile ich mich mit Zusammenpacken, denn ich mag auf keinen Fall den Retterabgang von Astrid verpassen, den ich dann auch in voller Länge live miterleben darf. Ich bin stolz auf sie, denn ich habe eine Ahnung davon, was es sie für eine Überwindung kostet, freiwillig in tiefes Wasser zu fallen. Hut ab. Außerdem bin ich sehr neugierig, wie das mit dem Frontcontainer so ist, denn sie entschied sich für unsere Leichtausrüstung in diesem Fall, d.h. Flugstrapse, Frontcontainer und Pi3, damit so wenig wie möglich nass wird. Frontcontainer gelten allgemein als eher ungünstig, weil sie mit den Tragegurten vom Schirm am gleichen Karabiner eingehängt werden, Frau nicht gerade nach unten hängt, wenn Zug auf den offenen Rettungsschirm kommt und die Annahme gilt, dass es schwer ist, sich vor dem Aufsetzen aufzurichten. Bei Gurtzeugen, bei denen der Retter an der Oberkante des Rückteils mit dem Gurtzeug verbunden ist, ist Frau automatisch gerade. Mit den Leichtgurtzeugen, wie wir sie fliegen, sagt Astrid allerdings, dass es kein Problem gewesen ist, sich vor dem Wasserkontakt gerade aufzurichten. Frau muss nur daran denken, es auch zu tun. Denn beim Kampf mit dem Gleitschirm, den frau irgendwie mit viel (!) Kraftanstrengung killen muss, weil sich sonst zwischen dem Gleitschirm (der mit aller Macht fliegen WILL) und dem Rettungsschirm eine Scherenstellung bildet, die die Sinkgeschwindigkeit signifikant erhöht, ist Astrid das Gleiche wie mir passiert: sie hat keine Sekunde über ihre Höhe nachgedacht. Hätte Jojo sie nicht über Funk auf den kurz bevorstehenden Wasseraufprall erinnert, wäre sie mit einer Arschbombe statt mit den Füßen voraus ins Wasser gegangen. Was bei einer Wasserlandung egal, bei einem ungeplanten Retterwurf über Land jedoch über heile oder gebrochene Knochen entscheiden kann. 
Sie erzählt hinterher, dass ihr die Millisekunde, bis die Schwimmweste aufging, wie eine Ewigkeit vorkam. Auf dem Video sieht man jedoch gut, dass sie sofort beim Wasserkontakt aufgeht. Auch eine spannende Erkenntnis: Angst überlagert jede Wahrnehmung der Wirklichkeit. Das Boot ist in 2 Sekunden nach der Wasserung bei ihr, Roman zieht sie an den Retterleinen superschnell auf die herabgelassene Bugplattform des Bootes und fast genauso schnell, wie sie ins Wasser gegangen ist, ist sie auch schon wieder draußen. Nass wie ein begossener Pudel, aber stolz und glücklich, es überstanden und gewagt zu haben.

Ihre Ausrüstung trocknet in der Sonne (danke an Lisa für’s Ausbreiten, sodass Astrid sich unter einer heißen Dusche aufwärmen konnte), während wir eine etwas abgekürzte Videoanalyse der letzten Flüge durchführen, die Schwimmwesten und Funkgeräte geben wir ab, die Abrechnung der Auffahrten und der Flycard folgt noch und dann sind wir fast am Ende des Kurses angelangt. Ein paar Worte noch von Roman und Jojo und noch ein gemeinsames Foto auf dem Steg, eine herzliche Verabschiedung und wir sind fertig. Ein bisschen Schade, die Zeit vergeht immer so schnell. 

Auf jeden Fall hat es gigantisch Spaß gemacht, mit den tollen Frauen zusammen eine so aufregende, teilweise herausfordernde Zeit zu haben, alle sind gewachsen, jede durfte dabei ihr eigenes Tempo gehen, kein schneller, höher, weiter, sondern echte Freude für andere, selbstverständliche Unterstützung durch alle anderen bei allen Themen, die aufkamen. Einfach nur schön. 

Mit Hannah essen Astrid und ich noch eine Kleinigkeit auf der Terrasse des Miralago, anschließend packen wir die immer noch relativ nassen Sachen ein, wozu wir uns auf der Herfahrt bereits große 240 Liter Schwerlastmüllsäcke besorgten, in die alles rein kann, egal in welchem Zustand, ohne dass Auto oder die Kabine anschließend geflutet werden. Hannah drückten wir auch zwei der Säcke in die Hände, damit auch sie ihr Auto nicht flutet, dann geht’s auf den Heimweg. In Farchant macht Astrid am Abend einen Gasthof ausfindig, in dem wir ein Schnitzel bekommen können und wo wir die Fahrt für eine Pause unterbrechen, denn auch wenn es eigentlich „nur“ 370km sind, mit der Wohnkabine braucht alles ein bisschen mehr Zeit.

Sicherheitstraining am Idrosee mit Sicher Fliegen, 09.09.-13.09.2026

Dieses Mal war unsere Teilnahme am women-only Sicherheitstraining von langer Hand geplant im Gegensatz zur Teilnahme im vergangenen Herbst. Die Geschichte zu unserem allerersten women-only Sicherheitstraining im September 2025 ist weiter unten zu finden ( https://www.millaschuetz.de/flugabenteuer/sicherheitstraining2_2025 ).
Von dem ersten women-only Sicherheitstraining sind wir so begeistert gewesen, dass wir uns sofort nach Veröffentlichung des Termins durch Roman auf seiner Seite https://www.sicher-fliegen.de/ ohne zu zögern anmeldeten und gleich dazu einen Stellplatz auf dem Campingplatz Miralago buchten. Roman ist so lieb, er hatte vor der Veröffentlichung bei allen potentiellen Teilnehmerinnen nachgefragt, ob es OK wäre, wenn er von 8 auf 12 Teilnehmerinnen erhöht, weil es sonst schwierig wird, am Preis nichts zu verändern. Alle, die sich angesprochen fühlten, stimmten zu, denn bei einer reinen Frauengruppe geht es auch mit mehr Menschen immer noch viel entspannter zu, als in einer gemischten Gruppe, in der für gewöhnlich das Testosteron überwiegt.
Obwohl es bei der Buchung des Kurses noch so weit weg erschien, war es plötzlich soweit, die Prognose sagte katastrophales Wetter vorher, doch Astrid und ich beschlossen, das locker zu nehmen, es ist in erster Linie auch Urlaub für uns und wir werden die freie Zeit genießen und solange der Kurs seitens der Flugschule nicht abgesagt wird, fahren wir hin, das eine oder andere Flüglein wird sich schon ausgehen.

Das Schönste am Arbeiten ist ja die Freizeit. Und weil wir uns die gerne so richtig schön gestalten und die Dinge, die wir in ihr tun, ausnahmslos Freude machen sollen, haben wir vor kurzem unser schweren Fully Mountainbikes gegen leichte, schlanke, wunderhübsche Gravelbikes eingetauscht. Auch das Radeln soll wieder Freude machen, was zuletzt mit den Fully nicht mehr der Fall war. 
Die neuen Fahrräder werden superpünktlich (also eher superknapp) vor unserem langen Wochenende fertig und Milla ist so lieb, sie im netten Fahrradladen unseres Vertrauens, dem Tretlager in Burggen ab zu holen, während ich mich dienstags und mittwochs bei einem Business Meeting in Köln aufhalte. Wir haben die Räder auf tubeless umrüsten lassen, was bedeutet, dass kein Schlauch im Mantel sitzt, sondern die Luftdichtigkeit mit einer Dichtmilch hergestellt wird, die direkt in den Mantel des Reifens eingefüllt wird. Der nette junge Mann vom Fahrradladen hatte schon angekündigt, dass die Reifen noch etwas Aufmerksamkeit benötigen würden, weil dieses Modell oft nicht gleich nach dem Befüllen dicht ist und immer wieder Luft entweicht. 
Milla bereitet mittwochs schon den Camper vor, während ich auf dem Heimweg vom Meeting in Köln im Zug sitze. Sie füllt Wasser ein, packt unsere Habseligkeiten und verstaut sie an den dafür vorgesehenen Plätzen, lädt die Räder auf den Radträger und bemerkt dabei, dass die Reifen Luft verloren haben. Also wieder aufpumpen und hoffen.
Ich komme Mittwochabend todmüde nach Hause und nach einem Bierchen und lecker Pasta Ragout, von der Milla rauhe Mengen vorgekocht hat damit wir uns auch was in Tupper abgefüllt mit auf Reise nehmen können, krabbeln wir ins Bettchen. Morgen beginnt der schöne Teil des Lebens: die Freizeit. 
Donnerstag Früh geht’s nach dem Frühstück los. 
An der Tanke im Nachbarort lassen wir den Dieseltank des Campers volllaufen und weil die Tanke praktischerweise auch ein Fahrradladen ist, kaufen wir für den Fall der Fälle auch noch Dichtmilch auf Vorrat und zwei Schläuche. Wenn das mit der Dichtmilch nämlich nix wird, dann können wir zumindest noch mit Schläuchen fahren. 
Die Fahrt führt uns über wohlbekannte Bundesstraßen. Wohlbekannt sind uns auch die zahlreichen Baustellen, die zu zahlreichen Umleitungen führen. Und so zockeln wir gen Osten, erreichen irgendwann am Irschenberg die A8 und kommen schließlich nach gefühlt endlosen Staukilometern in Ruhpolding an. Unser erstes Ziel für diesen Tag: Fliegen am Unternberg. Hier waren wir noch nie.

Wir stellen den Camper am Parkplatz neben dem Landeplatz ab und schauen uns selbigen erst mal in Ruhe an. Eine große Wiese, die einfach erscheint. Aber irgendwas kommt uns komisch vor. Der Wind am Startplatz müsste passen, das Wetter ist gut, und trotzdem sehen wir keinen einzigen Schirm in der Luft. Das gäb’s im Allgäu nicht. Also werden wir stutzig. Direkt neben dem Landeplatz befindet sich die örtliche Flugschule, die just in diesem Moment ihre Tore aufsperrt. Also wackeln wir erst mal da rein, grüßen freundlich und fragen einfach mal, ob wir die Bedingungen gerade richtig oder falsch einschätzen, was es sonst noch hier zu beachten gibt und welche Landemöglichkeiten es eventuell noch im Tal gibt. 
Das Besondere am fliegenden Volk ist, dass diese Menschen irgendwie immer alle supernett und freundlich sind. So auch hier. Wir erfahren, dass der benachbarte Landeplatz wohl thermisch recht aktiv ist und dass es daher nicht ratsam ist, zur heißesten Stunde des Tages dort zu landen. Und heiß ist es heute auf jeden Fall. Wie die Sau sogar. Die anderen Landemöglichkeiten im Tal haben wir uns nicht angeschaut. Die ein oder andere Wiese soll auch recht tricky sein, was den Talwind angeht und als der nette Mensch von der Flugschule erwähnt, dass der Unternberg eh am allerfeinsten zum Abendsoaren ist, treffen wir mal wieder eine Plan B Entscheidung. 
Wir pumpen erst unsere Räder auf, werfen uns in die Bike Klamotten und drehen eine ganz, ganze kurze Runde mit den Rädern. Denn ich saß tatsächlich noch nie auf meinem Fahrrad. Ich habe es blind gekauft, ohne jemals selbst drauf gesessen zu sein. Jetzt bietet sich die Gelegenheit und ich bin sofort schockverliebt. Die Sitzposition ist noch ungewohnt, die Schaltung direkt am Bremshebel auch, aber es fährt sich voll fein und sieht auch noch gut aus. 😊
Wir packen die Räder wieder auf den Radträger und werden dabei von einem Herrn angequatscht, der seinen eigenen PickUp neben uns geparkt hat. Er interessiert sich auch für die Anschaffung einer Wohnkabine und fragt nach unseren Erfahrungen mit der Tischer Kabine. Wir geben gerne Auskunft und ratschen ein wenig. Irgendwann werfe ich einen Blick auf die Uhr und würge das Gespräch freundlich ab. Sonst verpassen wir die Bahn-Öffnungszeiten und auf zu Fuß hochlaufen habe ich bei 36 Grad im Schatten heute wenig Lust. 
Wir schultern unsere Fliegerucksäcke und machen uns auf den Weg zu Fuß zur Bahn. Der Camper bleibt direkt neben dem Landeplatz stehen. 2km und 26 Minuten später kommen wir an der Bahn an, kaufen uns Tickets und eine furchtbar nette Dame hilft uns am Lift beim Einsteigen. Milla nimmt zuerst Platz und ich setze mich in den nächsten Sessel, stelle den großen Rucksack neben mich und warte auf ein Gefühl der Beschleunigung. 
Das bleibt jedoch aus. Und mit diesem ausbleibenden Gefühl sickert die Erkenntnis in mein Gehirn, dass wir den wahrscheinlich langsamsten Sessellift der Welt erwischt haben. Ich schaue mich um: neben dem Lift geht ein Wanderweg entlang. Das wandernde Volk bewegt sich schneller bergauf vorwärts als ich im Lift. Na priml. Ich dachte ja immer, langsamer als die Buchenbergbahn oder der alte Sessellift in Andelsbuch (falls den noch jemand kennt) kann kein Lift fahren. Weit gefehlt. Die Unternbergbahn schlägt alle Negativ-Rekorde. Aber hilft ja nix. Also: zurücklehnen, chillen, die Sonne und die Aussicht genießen. 
Gefühlte 45 Minuten später steigen wir oben aus dem Lift und marschieren einmal um die Bergstation rum zum Startplatz. 
Der ist eine fein geneigte Wiese, zwei andere Piloten sind noch da. Auf der Infotafel am Startplatz ist ein QR-Code, über den frau sich ein Ticket zur Zahlung der Start- und Landeplatzgebühr kaufen kann, bzw. könnte frau sich das kaufen, wenn es denn hier oben Handyempfang gäbe. Gibt es aber nicht. Also verschieben wir das auf nach der Landung. 
Wir befinden die Windverhältnisse zum Starten als gut. Noch wenige Wochen zuvor wäre uns der Wind viel zu stark gewesen, aber seit unserem Take Off Seminar mit Erika sind wir da jedoch sehr gelassen und selbstbewusst unterwegs. Perfekter Wind zum Rückwärts Aufziehen. Und genau das machen wir dann beide auch: entspannt rückwärts aufziehen. Frau kann die Matratze ja jederzeit wieder ablegen, falls irgendwas nicht passen sollte. Starten ist optional. Das war eines unserer wichtigsten Learnings aus dem Seminar. Und das gibt uns neuerdings eine wahnsinnige Gelassenheit am Startplatz und hat unser Selbstbewusstsein und unsere Selbstsicherheit enorm wachsen lassen. Ich beobachte die anderen Piloten und kriege wieder die Bestätigung, dass wir uns mit unseren Startkompetenzen überhaupt nicht zu verstecken brauchen. Gar kein kleines Bisschen. 
Milla zieht als erste auf, dreht sich aus und gleitet ganz entspannt davon. 
Ich lege als nächste aus, denke mir noch mit einem Lächeln: „so Jungs, jetzt schaut mal gut zu, wie frau das macht“, ziehe auf, handle den Schirm kurz über mir um ihn zu stabilisieren, drehe mich aus und verlasse nach nur einem Schritt elfengleich den Startplatz. 
Und dann atme ich erst mal darüber auf, dass ich den Mund in meinen Gedanken davor nicht zu voll genommen hatte und wirklich alles perfekt gelaufen ist. Manchmal komm ich einfach aus meiner großspurigen Angeberinnen-Haut nicht raus und muss hinterher immer über mich selbst lachen. Weil: hätte ja auch schief gehen können. 🤣
Der Wind steht aus Nordost an und wir finden nicht so richtig gut die Stelle, wo der Aufwind uns mit hochnimmt. Andere Piloten aber auch nicht, drum bin ich entspannt. Ich genieße einfach die Aussicht Richtung Chiemsee und in die umliegenden Berge. Das Chiemgau ist schon auch ein schöner Fleck Erde. 
Wir soaren ein wenig vor uns hin, ich versuche es mal etwas weiter östlich, nur um beim Umdrehen zu sehen, dass Milla und ein anderer Schirm im westlich des Startplatzes gelegenen Kessel etwas Aufwind gefunden zu haben scheinen. Also nix wie dort hin. Bis ich da bin ist Milla schon wieder weg und ich denk mir beim in-den-Kessel-fliegen noch: „flieg nicht zu weit da hinten rein, da könnte es turbulent s…“ und ZACK, klappt es mir eine Flügelseite ein, ich bin plötzlich in stark sinkenden Luftmassen und mache kaum noch Vorwärtsfahrt. Na priml. Ich hab‘ wieder mal das Astrid-Special hingekriegt: wenn’s irgendwo turbulent und unerwartet leeig ist, finde ich diesen Spot. Mit traumwandlerischer Sicherheit. Also rein ins Gas und nix wie weg da. Sekunden später beruhigt sich die Luft, nur leider hat mich diese Aktion einiges an Höhe gekostet. Milla ist weit über mir und ich versuche mein Glück an der nördlich gelegenen Rippe. Dort hatte ich kurz zuvor andere Schirme beobachtet. Vielleicht geht da ja was. Ein bissl was geht tatsächlich, aber ich finde keinen Aufwind der stärker als mein Sinken wäre. Also geht es zwar langsam, aber doch kontinuierlich nach unten und ich entschließe mich irgendwann, Richtung Landeplatz raus zu fliegen. 
Die ein oder andere Kurve geht sich überm Tal noch aus, bevor ich in die Landevolte einbiege. Im Endanflug, als ich die Füße schon aus dem Beinsack raus habe, sehe ich, dass fast die ganze Landewiese voller frischem Mist ist. Nur am entferntesten Ende scheint kein Mist gestreut zu sein. Also Hände hoch, dem Schirmi gut zureden und hoffen, dass sich das ausgeht. Ich führe Selbstgespräche während ich beim Versuch, noch das letzte aus meiner Gleitzahl raus zu holen, knapp über der Grasnarbe dahinflitze: „So ein Scheiß, so ein Scheiß, so ein Scheiß“, andere Pilot*innen, die in 5 Meter Entfernung gerade ihre Schirme zusammenlegen hören mich vor mich hinschimpfen und lachen sich tot: „Ja, im wahrsten Sinne des Wortes.“ 
Es gelingt mir tatsächlich ohne Mistkontakt zu landen und meinen Schirm ab zu legen und dann kann auch ich darüber lachen. Zur Sicherheit funke ich Milla an, um sie über den Mist aufzuklären und auch ihr gelingt es einigermaßen Mist-frei zu landen. 
Ein feiner Flug in einem neuen Fluggebiet. 
Wir packen unsere Ausrüstung zusammen, schlendern zum Camper und überlegen bei einer Erfrischungslimo aus dem Kühlschrank erst mal, was wir nun weiter tun wollen. Es ist schon spät geworden, wir haben beide einen Mordshunger und überhaupt keine Lust mehr, heute noch weit zu fahren. In unserer Camper-App finden wir einen Stellplatz in Ruhpolding auf einem Lama-Hof. Klingt nett. Man kann nicht reservieren, sondern „first come – first serve“. Es sind nur 3 Minuten dorthin und wir versuchen unser Glück. 
Und haben Glück. Ein ebener Platz im Schatten unter Bäumen, in der Nähe ein kleiner Bach, gegenüber der Lama-Hof, der von wahnsinnig netten Menschen betrieben wird und das Ganze für einen Zehner die Nacht. 30 Minuten später kommt noch ein anderes Wohnmobil an, sie zirkeln sich neben uns und wir verbringen eine herrlich ruhige Nacht an einem wunderbar kühlen Ort. 
Am nächsten Morgen, dem Freitagmorgen, überlegen wir beim Frühstück, wie und wo es nun für uns weiter gehen soll. Wir entscheiden uns dafür, in Richtung Wolfgangsee weiter zu fahren. Zunächst machen wir noch einen Stop im Supermarkt in Ruhpolding, weil am nächsten Tag, dem Samstag Feiertag ist und wir nicht sicher wissen, ob die Supermärkte in Österreich offen oder geschlossen sein werden. Also decken wir uns für ganze Wochenende mit Lebensmitteln und Getränken ein und bewundern in der Gemüseabteilung einen kleinen putzigen Putzroboter, der dort den Boden sauber hält und die Kund*innen freundlich anzwinkert. Über sowas könnte ich immer in allergrößte Verzückung geraten. Wenn ich mal alt und dement bin, braucht man mir nur einen putzigen, augenklimpernden Pflegeroboter hin zu stellen und ich werde glücklich sein, ich sag’s Euch. 🤣 
Wir nutzen die Gelegenheit der Kundentoilette im Supermarkt, um unsere Campertoilette etwas zu entlasten, und versuchen im Anschluss über die Asfinag App eine österreichische Vignette zu kaufen. 25 Minuten und ein Telefonat mit der Asfinag Service Hotline später ist das dann auch irgendwann mal geschafft und weiter geht die Reise über die A8 nach St.Gilgen am Wolfgangsee. Ziel ist das Zwölferhorn, ein berühmter Flugberg, an dem Freunde von uns ziemlich oft fliegen. Aktuell sind Lotte und Stefan leider im Urlaub, sodass wir uns ohne sie zu ihrem Hausberg aufmachen. 
Direkt am Landeplatz stellen wir den Camper ab und begutachten die riesige, jedoch zu einer Seite abfallende Wiese. Flugschüler*innen landen ein und wir beschließen, dass wir das dann auch hinkriegen müssten.
Also packen wir wieder unser Geraffel, schmieren uns mit Sonnencreme ein – denn heute soll es zu Fuß hoch gehen, und wackeln los.
Es ist mal wieder scheiße heiß und unser Gepäck noch etwas schwerer als sonst, weil uns klar ist, dass wir jede Menge Flüssigkeit brauchen werden. Nach einem kurzen Stück haben wir einen kleinen Weg-Verhauer, bemerken unseren Fehler jedoch schnell und ab den Almen auf halber Strecke gibt es dann kein Verlaufen mehr. Zu viele Menschen wimmeln für unseren Geschmack hier herum und wir sehen zu, dass wir zügig weiter kommen. Frau kann den Weiterweg bis zur Bergstation sehen und Tourist an Tourist quält sich den steilen Fahrweg in der Hitze des Mittags den Berg hinauf. Darauf haben wir überhaupt keine Lust, drum biegen wir kurz nach den Almen auf den steileren Weg durch den Wald ein. Die meisten Touristen lassen sich zum Glück von schwarzen Wegmarkierungen abschrecken, sodass es hier tatsächlich recht einsam und ein Weg ganz nach unserem Geschmack war. Kleiner Steig durch den Wald. Aber auch sausteil und der Hitze kann frau bei fast 40 Grad im Schatten auch im Wald nicht entfliehen. 
Das letztes Stück des Weges bis zur Bergstation wurde dann zum Glück wieder flacher, denn ehrlicherweise gingen mir nach gut 800 der ca.930 Höhenmeter langsam, aber sicher die Kräfte aus und nur wegen des flacheren Wegs brauchte ich keine Pause, sondern konnte den Rest auch noch bewältigen. Oben an der Bergstation wollten sie uns im Restaurant nur dann was zu Trinken verkaufen, wenn wir uns an einen Tisch setzen und auf den Kellner warten. Dass ich einfach nur in 2 Sekunden einen halben Liter Hollerschorle in mich hinein schütten und gleich wieder verduften wollte, war der unfreundlichen Bedienung an der Theke nicht klar zu machen. Also wurd’s der Getränkeautomat direkt neben dem Gipfelrestaurant. Auch gut und tut gut.
20 Höhenmeter später kommen wir am Startplatz an und setzen uns erst mal in den angenehm kühlenden Wind. Die Klamotten trocken in Wind und Sonne am Körper und wir schauen dem bunten Treiben zu. 
Ein Tandempilot nach dem nächsten bringt Touristen in die Luft und es sind nur wenige Einzelpiloten vor Ort. Der Wind kommt für unseren Geschmack etwas zu weit aus West, aber wir beschließen ab zu warten und weiter zu beobachten. 
Wir sitzen also ne Weile und entschließen uns dann, uns zum Starten fertig zu machen, als es den Ersten gelingt, das Gipfelkreuz zu überhöhen. Immer länger kommt der Wind aus der richtigen Richtung und Starten scheint uns safe. Die Basis ist heute recht niedrig, viel geht wohl nicht. Wir hatten uns eigentlich eine Flugroute zunächst nach Osten bis zum nächsten Berg, dann nach Norden über den Wolfgangsee zum Schafberg und von dort nach Möglichkeit wieder zurück nach St.Gilgen vorgenommen. Diese Route scheint uns beim heute vorherrschenden starken Wind jedoch eher unrealistisch, sodass wir uns nochmal absprechen und beschließen, einfach mal zu schauen, was so geht. 
Milla startet wieder als Erste, ich komme direkt hinter ihr auch gut raus. Wir soaren erst mal etwas am Gipfelgrat, es gelingt uns knapp übers Gipfelkreuz aufzudrehen, aber dann ist auch schon Schluss. Es geht im Moment nicht höher hinauf und der Wind zerreißt sowieso jeden Anflug einer Thermik sofort. 
Das Hangoaren wird uns irgendwann fad, Mila funkt mich an, dass sie raus fliegt und kurz drauf sehe ich sie etwas weiter draußen aufdrehen. Schau an, da steht wohl der Hausbart am Zwölferhorn. Ein Blick auf meine burnairGo App bestätigt mir das, also fliege ich auch dort hin. Die Thermik ist jedoch extrem ruppig und windzerrissen, sodass ich wenig Lust habe, mich hier sonderlich lang aufzuhalten. Wir können ein wenig aufdrehen und als das gefühlt drölfzigste Tandem mir quer durch meine Thermikkreise fliegt, verliere ich endgültig die Lust und fliege raus über den See. Ich habe die Hoffnung, dass die Luft dort ruhiger ist und ich mal ein bissle durchschnaufen kann. Meine Idee ist, über den See ans Nordufer zu fliegen dort vielleicht nochmal ein wenig Thermik zu finden und dann zum Landeplatz zu fliegen. Das müsste ein zwar kleines, aber ganz hübsches FAI Dreieck ergeben. Über dem See bin ich überrascht über die auch dort recht rumpelige Luft. Allzu lang will ich mich dort nicht aufhalten, denn über Wasser ohne Schwimmweste fühle ich mich auch nicht gerade wohl. Immerhin ist es ruhig genug, um mal das Handy vom Cockpit zu lösen und ein paar Fotos zu machen. Was für ein Ausblick! Der Wolfgangsee leuchtet türkis wie ein karibisches Meer, der Blick schweift Richtung SüdOst zum Dachstein, auf dem wir schon standen und Richtung SüdSüdWest ist der Alpenhauptkamm sichtbar. Schlagartig erinnere mich daran, warum genau mich das Fliegen so sehr gepackt hat.  
Weil es mir in rumpeliger Luft über Wasser nicht ganz geheuer ist, biege ich wieder nach Westen übers Land ab, Milla folgt mir und bald drauf finden wir uns wieder im Hausbart des Zwölferhorn wieder. Immer noch rumpelig wie die alte Drecksau. Nicht schön und wahnsinnig anstrengend. Mental und körperlich. Also fliege ich wieder dort weg- über Land nach Norden. Endlich mal sinkende Luft über’m Tal. Ich genieße es regelrecht. Milla verliere ich dabei aus den Augen – sie hält den Bedingungen im Hausbart wohl mental besser stand und unsere Funkleistung reicht nicht aus, um uns auf diese Distanz verständigen zu können. Ich muss mich jedes Mal, wenn wir nicht beieinander fliegen, aktiv daran erinnern, dass sie schon groß ist, dass sie eine Pilotinnenlizenz hat und mindestens genauso gut fliegt wie ich. Trotzdem mache ich mir immer Sorgen. Nennt sich wohl Liebe. 
Ich finde an der nördlich von St.Gilgen gelegenen Rippe steigende Luftmassen, die mir etwas entspannter erscheinen als der Hausbart am gegenüberliegenden Seeufer. Ich drehe auf und bin dann unschlüssig, was ich tun soll. Alleine weiter wegfliegen ist irgendwie doof. Also mache ich mich wieder auf den Weg nach Süden. Nur um auf halber Strecke und gleicher Höhe Milla zu begegnen, die mir entgegen kommt. Oh wie fein, ich drehe wieder um und fliege mit ihr zusammen zurück zu der feinen Rippe. Gemeinsam finden wir den Thermikeinstieg und als wir den Grat überhöhen, nimmt uns die mittlerweile überall flächig aufsteigende Luft mit nach oben. Wir drehen unsere Schirme Richtung Westen und fliegen oberhalb des Grates in steigenden Luftmassen ohne einen weiteren Thermikkreis Richtung Fuschlsee. Flügelspitze an Flügelspitze geht es dahin. Ein zauberhafter Moment mit meiner Wingwoman. 
Als wir den Ortsrand von Fuschl erreichen, wird es wieder etwas bumpy, wir setzen nach Süden zum nächsten Bergrücken über und drehen die Segel wieder nach Ost – zurück Richtung St.Gilgen.
Wie krass ist das denn bitte? Ich bin grad vom Wolfgangsee zum Fuschlsee geflogen und kann es kaum fassen. Genießen ist angesagt. An diesem Bergrücken ist das Steigen nicht ganz so stark, wir können einigermaßen entspannt dahinfliegen. Auf Höhe von St.Gilgen treffen wir wieder auf die Luftmassen, die den Hausbart speisen. Und da geht es wieder ganz schön krass aufwärts. Alle Skills, die wir bisher in XC Seminaren und Sicherheitstrainings gelernt und trainiert haben, sind gefragt, um das Schirmi offen und stabil zu halten. Ich schwanke zwischen (Ehr-)furcht und Stolz ob unseres Könnens, hier zu fliegen. 
Je länger der Flug dauert und je später der Nachmittag fortschreitet, umso mehr beruhigt sich die Thermik. Es geht zwar immer noch überall hoch, aber die Ruppigkeit der sich ablösenden Thermikblasen lässt langsam nach. Trotzdem steigt die Luft überall noch krass stark. Wir sind nun schon fast zwei Stunden in der Luft und ich will runter. Und da waren sie wieder, meine drei Probleme. 🤣 Zum Glück ist Runterkommen kein Problem für uns – wir haben die passenden Skills. Also: Schirmi leicht anbremsen, Gewicht auf eine Seite, die Hand auf der Außenseite freigeben und innen leicht dazu bremsen. Es dauert nur eine Umdrehung, dann befinde ich mich in einer wunderhübschen Spirale mit ca. 9m/sec Sinken. Fein. Ich dosiere die Sinkgeschwindigkeit etwas runter und zwei Kreise später sagt mir mein Vario plötzlich wieder Steigen an. In der Spirale. Na priml. Also wieder drauf auf die Innenbremse, außen freigeben. Und schon geht’s wieder abwärts. Irgendwann lässt das Steigen nach und ich kann in meine Landevolte übergehen. Der Wind kommt aus Nord und weil ich keinen Bock habe, hangabwärts zu landen, lasse ich mich seitlich bis zum Abbauplatz driften und setze genau am Abbauplatz gegen den Wind auf. Fein, so mag ich das. Ich raffe mein Zeug zusammen und werfe es neben die Ausrüstung eines anderen Piloten. Als der beginnt, seinen Schirm auszubreiten, um ihn zusammen zu legen, raffe ich erst, dass ich mich ihm im Grunde in den Weg gelegt habe. Ich entschuldige mich und wir kommen ins Gespräch. Ob ich es auch so krass ruppig empfunden habe? Ja, habe ich. Ich erzähle, dass ich abspiralen musste, um überhaupt runterzukommen und er erwähnt, dass er das gar nicht kann. Er fliegt sonst immer in ruhigerer Luft und hat noch nie ein Sicherheitstraining gemacht, obwohl er schon seit 5 Jahren fliegt. Ich rate ihm dringend dazu, das nachzuholen und denke mir: „Bro, was machst Du dann bei diesen Bedingungen an diesem Berg um diese Tageszeit???“ Über manche Piloten (gendern unnötig) kann ich mich echt nur wundern. Aber gut, ist nicht mein Leben.
Milla kommt derweil in Sichtweite und ich sehe, dass auch sie Mühe hat, Höhe abzubauen. Irgendwann gelingt es ihr und sie achtert genauso wie ich südlich des Landeplatzes gegen den Nordwind ab, bis sie fast mit den Füßen über den dort befindlichen Schlepplift kratzt (mir ging’s genauso) und dann in den Endanflug geht. Anders als bei mir ist der Wind jedoch nicht mehr so stark und sie kann deshalb nicht wirklich seitlich reindriften. Weil der Hang in ihrer Flugrichtung jedoch abfällt, verliert sie auch nicht wirklich Höhe über Grund. Zum Schluss bleibt ihr nix anderes übrig, als quer zum Wind aufzusetzen weil ihr die Länge des Landeplatzes ausgeht. Sieht nicht schön aus, aber sie schafft es safe auf den Boden. Auch das sind wichtige Skills: Entscheidungen treffen, sie umsetzen und dann sicher landen. 

Beide heile gelandet. Wir packen unser Geraffel zusammen, gehen zum Camper, der nur ein paar Meter entfernt steht und gönnen uns eine kalte Limo im Schatten der Wohnkabine. Es ist immer noch unglaublich heiß und uns raucht der Schädel. Wohin nun? Wir brauchen einen Schlafplatz. Nur wo? 
Campingplätze direkt am Wolfgangsee sind sauteuer, und außerdem sind sie in der Hochsaison alle voll. Wir checken den Wind und es gibt eine kleine Chance, dass es morgen Früh am Loser fliegbar sein könnte. Da wollte ich schon immer mal hin, seit Lotte und Stefan uns das erste Mal davon vorgeschwärmt haben. Also machen wir uns auf den Weg nach Bad Aussee, fahren die Mautstraße hoch und finden neben vielen anderen Campern einen Platz für die Nacht. Die Aussicht ist fein und auf 1600 Metern über Meereshöhe ist es zum ersten Mal seit Tagen angenehm kühl. Fast schon kalt. Brauchen wir heute Nacht eventuell sogar die Heizung? Wir schalten sie vorsorglich mal ein.  
Samstags morgens werden wir nach einer ruhigen Nacht vom einsetzenden Bergbahnbetrieb geweckt. Der Wettercheck sagt uns: der Wind kommt aus der falschen Richtung. Zwar fühlt es sich auf der Südseite mit der in der Morgensonne schon aufsteigenden Thermik gut an, aber die Wetterstation am Gipfel sagt 15 km aus Nord. No weather for this Startplatz. Mein Steißbein kann ein Lied von Starts im Lee singen. Das brauch ich nicht nochmal. Wir hauen ein Ei drüber, fahren die Mautstraße wieder runter und machen uns auf den Weg nach Obertraun am Hallstätter See. 

Die Fahrräder haben über Nacht die Luft aus den Reifen verloren. An Millas Vorderrad löst sich der Mantel sogar von der Felge. Na priml. Wir wollen auf dem Weg an einer Tankstelle halten, um mit viel Druck die Räder wieder aufpumpen zu können, nachdem wir mindestens in Millas Vorderrad von der prophylaktisch eingekauften Dichtmilch was nachfüllen wollen. Irgendwie verpassen wir es dann jedoch, an einer Tanke zu halten und dann kommt ganz lange keine mehr an den kleinen Passstraßen, die von hier aus zum Hallstätter See führen. Also sind wir schon in Obertraun, als wir am dortigen, geschlossenen, Wertstoffhof halten, ein Schattenplätzchen finden und uns um die Räder kümmern. Wir füllen Dichtmilch nach und Milla gelingt es, mit unserer Standpumpe so viel Druck aufzubringen, dass ihr Mantel sich wieder in sein Bett in der Felge einschmiegt. Respekt, das hätte ich nicht geschafft. Mein Quatschi sagt, dass es sinnvoll sein kann, die Räder jetzt mal ausgiebig zu fahren, damit die Dichtmilch sich gut verteilen kann und endlich mal alles abdichtet, wo Luft ausströmen kann. 
Also parken wir unser rollendes Schneckenhaus am Camperstellplatz am Strandbad in Obertraun. Ein paar Plätze sind frei, weil vormittags einige Camper abgereist sind. Wir haben Glück. Ist zwar nicht schön, Camper an Camper zu stehen. Aber es ist die einzig uns bekannte legale Möglichkeit, in Obertraun zu stehen. Und es ist nun mal Hochsaison. 2 Stunden später sind wieder alle Stellplätze voll, unser Timing war also ideal.
Das Wetter haben wir für diesen Tag irgendwie als „nicht fliegbar“ abgespeichert, also bereiten wir uns vor um mit den neuen Bikes eine Gravelrunde rund um den Hallstätter See zu drehen. Denn das kann ja auch helfen, die Dichtmilch zu verteilen. Und ich will endlich mal ein paar Kilometer auf diesem geilen neuen Rad zurück legen. Die Strecke führt uns zuerst am Ostufer nach Norden und wir stoßen auf die ein oder andere Herausforderung. Schmale Wege, grober Schotter, Stege über Wasser, die für meinen Mountainbike Lenker zu schmal gewesen wären. Wir meistern alle Herausforderungen und nach einer kleinen Futterpause am Nordende des Sees fahren wir auf der Westseite über sie Straße zurück nach Süden und lernen zum ersten Mal, wie schnell diese Bikes über den Asphalt flitzen können. Fein. 
In Hallstadt wird es nochmal spannend, weil Unmengen an Touristen unterwegs sind, aber wir lassen uns nicht aus der Ruhe bringen – im Gegensatz zu manch anderem testosterongesteuerten Rennradfahrer-  steigen zur Not auch mal ab und schieben unsere Schätzchen durch die Menschenmassen. 
Am Südende von Hallstatt geht es wieder auf den Asphalt und wir flitzen zurück nach Obertraun. Sehr fein. Das hat Spaß gemacht.
Es ist nur immer noch unsagbar heiß. Am und im Camper halten wir es nicht aus. Also beschließen wir, am Nachmittag die Landeplätze von Obertraun an zu schauen. Denn morgen Vormittag könnte sich noch ein Flug ausgehen, bevor das Wetter umschwingen soll. 
Wir radeln gemütlich durch den Ort zum Landeplatz für „Gastflieger“. Das sind in dem Fall alle Pilot*innen, die nicht im Rahmen eines Sicherheitstrainings der Flugschule Skyclub Austria am Hallstätter See fliegen. Also so Menschen wie wir. Am Landeplatz angekommen sind wir kurz still. Das Ding sieht sauklein aus, ist am Ostende von Häusern flankiert, auf der Nordseite stehen hohe Bäume, auf der Südseite fließt ein Bach und die Westseite wird durch den hohen Ballfangzaun des benachbarten Fußballplatzes begrenzt. Na priml. Genau das richtige für zwei Landenulpen wie uns. Während ich noch überlege, wie man in das Ding reinzirkeln könnte, spricht Milla aus, was sie denkt: sie mag hier nicht landen.
Also schwingen wir uns wieder auf die Räder und fahren zu dem Landeplatz, der von der Flugschule für Sicherheitstrainings genutzt wird. Als wir dort ankommen, verlässt gerade ein Tandempilot die Wiese, den wir ansprechen. Wir lernen, dass er für die Flugschule Tandem fliegt, dass am nächsten Tag kein Sicherheitstraining stattfindet und er druckst erst etwas rum, meint dann aber, dass wir schon dort landen könnten. Wir sollen halt keine der angrenzenden Wiesen treffen (denn der eigentliche Landeplatz ist auch nicht groß, aber zumindest von freien Wiesen ohne Hindernisse umgeben) und den Platz zügig nach der Landung verlassen. Wir bedanken uns für die Auskünfte und spazieren ein paar Meter weiter, um den Landeplatz genau in Augenschein nehmen zu können. Ja, das sieht feiner aus als der andere Platz.
Als wir wieder umdrehen und Richtung Straße schlendern steht ein zweiter Mensch bei dem Tandempilot und spricht uns an: wir sollen bitte nicht dort landen. Der Chef der Flugschule lebt davon, dass er diesen Platz nutzen kann, und die Bauern, denen die angrenzenden Wiesen drumherum gehören, machen eh schon Stress genug, weil ihnen die Paragleiter ein Dorn im Auge sind. Jede*r Pilot*in, die die Wiese außerhalb eines Trainings nutzt, setzt die generelle Nutzungserlaubnis für die Flugschule aufs Spiel.
Das verstehen wir und halten uns gerne dran. Ist wohl auch in manchen Gegenden Österreichs nicht anders als bei uns im Allgäu: wo’s zu viel wird, haben die Einheimischen keinen Bock mehr auf uns Outdoorsportfreaks.
Wir erzählen, dass uns der andere Landeplatz halt arg klein und eingebaut vorkommt. Ob er einen Tipp für uns hätte, wie frau da am besten reinfliegt, um safe nicht in irgendetwas Angrenzendem hängen zu bleiben. Er meint, dass der Platz größer ist als er aussieht und erklärt uns genau, wo frau wie Höhe abbaut, sich reindriften lässt und dann sicher landen kann. Das war sehr nett. Das fliegende Volk ist generell tatsächlich ein sehr freundliches.
Ok, wir radeln also nochmal zurück zum ersten Landeplatz, legen die Räder an der Seite ab und latschen mal auf die Wiese drauf. Und siehe da: sie ist tatsächlich sehr viel größer, als sie wirkt. Zumindest braucht es jede Menge Schritte, um sie halbwegs zu durchqueren. Wir kapieren, dass sie wahrscheinlich genauso groß ist wie der Landebereich bei uns am Buchenberg und den haben wir schon ewig nicht mehr verfehlt. 😉 Beim nach hinten laufen sehen wir dann auch, dass die nördliche Baumreihe am Ostende des Landeplatzes unterbrochen ist, was wir aus unserer vorherigen Perspektive nicht sehen konnten, und frau durch diese Lücke wunderbar den Queranflug fliegen kann. 
Wir kommen überein, dass das ein schaffbarer Landeplatz ist. 

Zurück am Camper ist es immer noch viel zu heiß, um darin oder davor Zeit zu verbringen. Bei unserer Gravelrunde hatten wir nicht weit entfernt schöne Wiesen am Seeufer gesehen. Wir werfen uns in unsere Badeklamotten, Milla packt sich die Handpan auf den Rücken und wir radeln das kurze Stück zur Wiese, auf der nur ganz wenige Menschen sind. Das steht in ganz angenehmen Kontrast zum Lärm, der vom Strandbad in Obertraun zu uns rüberweht. Milla packt die Handpan aus und wir genießen die Musik, das Geräusch der Wellen an den Ufersteinen und das Rauschen des Windes in den Bäumen. Einfach mal chillen. So schön.
Der Blick schweift zum gegenüberliegenden Krippenstein. Dort oben ist der Startplatz, an dem wir morgen fliegen wollen. Wir waren da schon mal – lange bevor unsere Fliegerkarriere begann. Die Krippensteinbahn war damals der Ausgangspunkt für unsere Dachsteinüberschreitung mit Alex und Manuel und ich stelle mit Erschrecken fest, dass ich so gut wie keine Erinnerung an den ersten Teil des Weges, eben mit der Krippensteinbahn, habe. An den Mittelteil auf dem Eis und an den Gipfel kann ich mich sehr gut erinnern. Das war ne saucoole Tour. Und auch der Abstieg ist mir in „bester“ Erinnerung geblieben. Denn der war lang (wir hatten aufgrund reinziehenden schlechten Wetters eine eigentlich geplante Hüttenübernachtung auf halbem Abstiegsweg ausgelassen und sind in einem Rutsch bis zum Gosausee abgestiegen), anstrengend und schmerzhaft. Das hat wohl alles, was vor dem schmerzhaften Teil kam, aus meinen Erinnerungen gelöscht. Naja, ich kann mir ja morgen nochmal anschauen, wie es da so aussieht.
Während ich so vor mich hin sinniere, sehe ich einen Gleitschirm oben am Gipfel auftauchen. Nanu? Ist es heute etwa doch fliegbar? Wir hatten in den Wetterprognosen einen Grundwind von mindestens 25km/h am Startplatz stehen, was uns gesagt hat: nö, da fliegen wir sicher nicht und deswegen das Alternativprogramm mit den Gravelbikes überlegt hatten. Ich suche mir die Wetterstation am Gipfel in meiner App und siehe da: perfekter Startwind. Schon den ganzen Tag. 
Währenddessen taucht ein anderer Schirm auf. Und dann noch einer. Sie drehen nicht so richtig auf aber scheinen sich ganz gut in der Höhe halten zu können. Na priml. Sofort habe ich schlechte Laune. Wieso bin ich nicht schon früher auf die Idee gekommen zu schauen, ob der Wind am Startplatz passen könnte? Morgen gibt es nur ein kleines Wetterfenster am Morgen und so richtig gut wird es nicht werden. Das wird morgen „nur“ ein Abgleiter. Hätte ich Doofi mal früher nachgedacht, hätten wir heute noch einen coolen Flug machen können. Hätte, hätte, Fahrradkette. Ich versuche mich nicht zu ärgern. Denn es ist jetzt schon kurz nach 17 Uhr. Die Plot*innen, die jetzt in der Luft sind, sind wahrscheinlich mit der letzten Bahn hochgefahren. Es sei ihnen gegönnt. Bemerkenswert finde ich, dass die Verhältnisse schon wieder sehr viel besser sind, als prognostiziert war. Das ist gefühlt schon den ganzen Sommer so. Die Klimaveränderungen scheinen es den Meteorologen wirklich schwer zu machen, ihre Vorhersagen so passgenau zu gestalten, wie wir es in den letzten Jahren gewöhnt waren.
Ich lausche Millas Musik und fühle in mich rein. Ich will mich in solchen Situationen eigentlich gar nicht ärgern. Ich hatte einen wunderschönen Tag, mit meiner Lieblingsmenschin in einer traumhaft schönen Umgebung, mit Dingen, die uns beiden Freude machen. Was kann es Schöneres geben? Und trotzdem nagt etwas in mir, wenn es fliegbar ist und ich am Boden stehe. Ich werde dran arbeiten… muss ich wohl oder übel, denn beim nächsten Blick nach oben sehe ich schon wieder Schirme starten. Es ist mittlerweile kurz vor 18 Uhr und ich wundere mich: sind die alle die unendlich vielen Höhenmeter da hochgelaufen? Die Locals sind wohl ganz schön zähe Hunde. Und dann trifft mich die Erkenntnis: ich weiß ja gar nicht, wie lang die Bahn fährt. Also checke ich das und lerne, dass die Krippensteinbahn bis 19 Uhr abends in Betrieb ist. Wie crazy ist das denn bitte??? In mir drin macht sich Hektik breit: würden wir’s noch schaffen, mit einer der letzten Bahnen hoch zu kommen? Ich kalkuliere das schnell durch: zurück zum Camper radeln, umziehen, Fliegesachen packen, zur Krippensteinbahn radeln. Würde ganz schön knapp werden, und eigentlich habe ich schon ganz schön Hunger. Und wer weiß, ob der Wind noch passt, wenn wir oben sind und falls nicht, müssten wir fast 1600 Höhenmeter zu Fuß wieder runter. Arrgghhh!!! Die Ehrgeizige in mir will sofort loshirschen, um das irgendwie noch möglich zu machen. Dann meldet sich jedoch zum Glück das Vernunftquatschi: alles viel zu stressig. Wir reflektieren das kurz in unserer Kleingruppe und Milla ist es auch zu stressig. Also hauen wir ein Ei drüber, ich strecke mal die Füße ins Wasser und wir genießen die langsam kühler werdende Abendluft.
Zurück am Camper gibt’s wie immer lecker Futter und wir machen einen Plan für den nächsten Morgen. Der neue Wetterlauf zeigt immer noch ein sehr kleines Zeitfenster am Vormittag an, in dem ein Start am Krippenstein klappen könnte. Also stellen wir uns früh den Wecker. 
Als der am nächsten Morgen klingelt, geht der erste Griff zum Handy und zur Fliege-App. Der nächtliche Wetterlauf spuckt nun eine nochmal schlechtere Prognose aus: das sieht nicht wirklich fliegbar aus. Es müsste jeden Moment anfangen zu regnen. Kurzer Austausch: das ist uns die Kosten für die Krippensteinbahn nicht wert. Also Augen wieder zu. 
Eine halbe Stunde später, wir liegen dösend rum, kommt die Erkenntnis: es sollte schon lang regnen. Tut es aber nicht. Ist am Ende die Wirklichkeit wieder mal besser als prognostiziert? Nochmal der Blick in die verschiedenen Wetter Apps. Und dann der Entschluss: es ist es uns doch wert, im blödsten Fall umsonst Tickets für die Krippensteinbahn gekauft zu haben.
Weil wir nun so viel Zeit vertrödelt haben, fällt das Frühstück erst mal aus. Wir packen in Rekordgeschwindigkeit zusammen, machen den Camper abfahrbereit und fahren zum Parkplatz der Krippenstein außerhalb des Ortes.
Dort lernen wir erst mal, dass man hier ganz offiziell mit dem Camper übernachten darf. Na priml. Das merken wir uns für’s nächste Mal. Parken, Sachen packen, los geht’s zur Bahn. An der steht schon eine Schlange an Touristen und wir sehen auch zwei andere Menschen mit Gleitschirm Rucksäcken auf dem Rücken. Ok, andere sind genauso bekloppt wie wir. Das beruhigt. 
Die erste Gondel ist ruckzuck voll und genau in dem Moment, in dem wir das Drehkreuz passieren wollen, springt die Restplatz-Anzeige auf „null“. So ein Kack. Denn laut Fahrplan fährt die nächste Gondel erst in 30 Minuten. Das war’s dann wohl mit dem Flug. Mein Stresspegel steigt. Dann sagt der nette Mensch von der Bergbahn jedoch: „keine Sorge, die nächste Gondel ist in 5 Minuten da“, und ich atme erleichtert auf. 5 Minuten später steigen wir dann tatsächlich in die Gondel ein, an der Mittelstation heißt es einmal umsteigen und wiederum ein paar Minuten später spuckt uns die Bergbahn am Gipfel aus. Unterwegs haben wir das Frühstück nachgeholt und uns die morgens noch fix geschmierten Semmeln reingezwirbelt. Also ich nur so halb, denn wenn ich aufgeregt bin, habe ich null Komma null Appetit. Aus Vernunftgründen zwinge ich mir dann ein paar Bissen rein, aber das ist echt immer wieder eine Qual. 
Ein kleiner Fußweg führt einmal um den Gipfel herum auf die Nordwest Seite des Berges zum Startplatz. Die beiden anderen Pilot*innen sind schon fast startklar und der eine begrüßt uns mit: „lasst Euch nicht zu lang Zeit, da hinten kommt die Regenfront!“ Sprachs, zieht auf und fliegt davon. 
Wir schauen uns an, nicken kurz und kommen stumm überein, dass wir uns jetzt so zügig wie möglich, jedoch ohne Hektik (denn da passieren zu viele Fehler) fertig machen. 
Keine 5 Minuten später sind wir fertig gecheckt mit ausgelegten Schirmen startklar. 
Milla startet als erste und ich warte keine 10 Sekunden, bis auch ich aufziehe und direkt hinter ihr in die Luft komme. Die zuschauenden Touristen klatschen.
Erst in der Luft schaue ich mich mal um: im Südwesten der Dachstein, wolkenverhangener Himmel, unter uns der heute graue Hallstätter See. Die anderen beiden Schirme sind schon sehr tief unter uns, sodass nur wie beide hier oben zusammen nebeneinander her schweben. Wie wundervoll! Es ist geglückt. Ich jauchze und freue mich und dann trifft mich die Erkenntnis: nicht so lang rumfackeln, am Nordende des Sees regnet’s schon. Milla scheint zur gleichen Erkenntnis zu kommen, denn wir fangen fast zeitgleich an, über schnelle Kreise und langsame Spiralen Höhe ab zu bauen. Zwischendurch gelingt es mal, das ein oder andere Foto zu machen und ich genieße die ungewohnt ruhige Luft. So ruhig hatten wir es schon monatelang nicht mehr. Fein. 
1600 Höhenmeter dauern auch beim Kreisefliegen einigermaßen lang, aber irgendwann wird es Zeit, sich auf die Landung vor zu bereiten. Ich realisiere, dass wir am Vortag ausschließlich über die Talwind Landevolte gesprochen hatten und heute Morgen der Wind jedoch noch als kalter Bergwind zum See hin fließt. Ok, das stellt uns jetzt auch nicht vor besonders große Herausforderungen, aber ich muss schon mal kurz nachdenken, wie ich das nun am besten fliege.
Über dem Fußballplatz, wo gerade Horden kleiner Menschen trainieren (an einem Sonntagmorgen? Wie krass sind die denn bitte drauf?), achtere ich ab und versuche so tief wie nur irgendwie möglich in den Landeplatz ein zu fliegen, damit ich nicht am Ostende auf den Terrassen der angrenzenden Häuser lande. Als ich aus dem Beinsack aussteigen will, bleibt mein stark profilierter Schuh mit einer Zacke der Sohle am Tuch hängen und ich kriege ihn da ums Verrecken nicht raus, während ich mit nur 20 Metern über Grund immer noch Höhe durch Abachtern abbaue. Ok, dann eben einbeinig landen. Ein Blick zum Windsack: nee, das ist ne Scheißidee. Einbeinig ginge bestimmt total gut, wenn der Wind mit 20km/h bliese. Tut er aber grad nicht. Der Windsack sagt: Nullwind. Und bei dem muss frau naturgemäß zumindest ein paar Schritte laufen. Also nochmal alle Energie darauf, den Fuß aus dem Sack zu kriegen, was dann tatsächlich genau in dem Moment, in dem ich aufsetze, gelingt. Vor lauter Konzentration auf den Fuß habe ich jedoch das Flaren irgendwie verkackt und komme ziemlich hart auf. Naja, was soll’s. Unverletzt, das ist das Wichtigste.
Ich drehe mich um und sehe Milla zu, wie sie ganz kurz hinter mir eine wahre Zuckerlandung hinlegt. Auf dem Landeplatz, vor dem sie gestern noch den größten Respekt ihres Lebens hatte. Ich bin stolz auf sie. 

Wir freuen uns wie kleine Kinder, als wir unsere Ausrüstung am Rand des Fußballplatzes zusammenlegen. Es ist geglückt: wir sind vom Krippenstein geflogen. Und kommen sicherlich bei thermischeren Bedingungen nochmal wieder, denn die Aussicht ist hier echt der Hammer. Über den Dachstein zu fliegen, wär ja schon mal ne Nummer…

Es folgt ein kleiner Fußmarsch zurück zu unserem Camper an der Krippensteinbahn und dann holen wir erst mal ausgiebig das Frühstück nach. Wie praktisch, wenn frau ihren gesamten Hausstand immer bei sich hat. 😊 Bei frischem Kaffee und Tee überlegen wir, wie es mit dem noch jungen Tag weiter gehen soll. Der Regen ist nämlich in die andere Richtung abgezogen und mal wieder ist das Wetter viel besser als prognostiziert. Wir haben Bock auf graveln. Diese Räder machen einfach so viel Spaß, das wollen wir heute nochmal auskosten, bevor nächste Nacht dann wirklich das Wetter komplett umschlagen wird. 
Ich werde größenwahnsinnig: wie wäre es denn, wenn wir vom Nordende des Hallstätter Sees zum Wolfgangsee radeln würden, dort ein Eis essen und wieder zurückfahren? Das müssten in Summe so circa 50 Kilometer sein. Das ist zwar keine Strecke, die wir nicht schon mal geradelt wären. Aber zu der Zeit sind wir deutlich mehr Rad gefahren und hatten fittere Oberschenkel. Aber was soll’s. Jetzt haben wir die schnelleren Räder. Und wer nicht wagt, die nicht gewinnt.
Also machen wir den Camper abfahrbereit, schwingen uns in die Sitze und los geht die Reise rund um den halben See ans Nordende, wo wir den Camper auf einem großen Kettenanlegeplatz parken können. Nochmal Luft auf die Räder und los geht die Graveltour zunächst über Bad Goisern nach Bad Ischl. Wir fahren entweder auf dem gut ausgebauten Radweg neben der Bundesstraße oder finden kleinere Parallelstraßen entlang der Ortschaften. In Bad Goisern ist der Ortskern komplett abgesperrt, weil ein Oldtimerrennen stattfindet und wir müssen die Bikes ein paar Meter schieben. Zerstört die Durchschnittsgeschwindigkeit, macht aber nix. Rund um Bad Ischl müssen wir ab und zu mal anhalten, um uns bei der Wegfindung zu orientieren und am Ortsausgang Richtung Westen fahren wir auf eine Steigung zu, bei der wir zweifeln, ob wir mit unserer Gravelübersetzung da überhaupt hoch kommen. Wir müssen ganz schön reintreten, aber im ersten Gang schaffen wir es hechelnd und schnaufend nach oben. Das schöne an Steigungen ist ja, dass es danach auch irgendwann wieder bergab geht, und so rollen wir auf der alten Bundesstraße, auf der außer uns nur andere Radfahrende und die Oldtimer unterwegs sind, Richtung Wolfgangsee. 
Als der Popo langsam nach einer Pause ruft sind wir auch schon am Seeufer angekommen, finden ein Kiosk, das uns zwei Eis verkauft und wir genießen die Sicht über den See. Am gegenüberliegenden Westufer sind wir vor 3 Tagen noch geflogen. Von hier aus ist die Aussicht auch ganz nett. 
Es ist wieder heiß, die Sonne brennt, vom angesagten Regen ist weit und breit nichts zu sehen. Also schwingen wir uns nach der erholsamen Pause wieder in den Sattel und auf der alten Bundesstraße will Milla augenscheinlich mal wissen, was das Radl so kann. Sie fliegt nahezu an ein paar E-Bikern vorbei, die uns bei Tempo 50 fast wie stehende Hindernisse vorkommen und ich bin froh, dass ich mich in den Windschatten hängen kann. Ob ich das vorneweg im Wind auch so treten könnte, bezweifle ich. Aber es macht riesigen Spaß.
Ehe wir uns versehen, kurven wir schon wieder um Bad Ischl rum, schieben die Räder durch die immer noch gesperrten Straßen in Bad Goisern, bewundern ein paar echte Oldtimer Schätzchen und rollen wieder zurück zum Hallstätter See zu unserem Camper. Der Popo hat nach 48,5 Kilometern und 340 Höhenmetern in 2 Stunden und 20 Minuten auch genug für heute und ein Blick in die Wetterprognosen sagt uns, dass es nun endgültig vorbei ist mit „es ist besser als prognostiziert“, denn was da jetzt aus Westen anrollt ist eine kapitale Kaltfront, die in wenigen Stunden heftigen Sturm und Niederschläge bringen wird. Also fackeln wir gar nicht lange, sondern machen uns abfahrbereit für den Weg nach Hause. Kurz überlegen wir, ob wir noch irgendwo einen Zwischenstopp einlegen sollen, um nochmal zu übernachten. Aber daheim ist es auch schön und wir freuen uns auf Ausschlafen am Montag und dann in Ruhe den Camper ausräumen und sauber machen. 

Die Fahrt über die A8 ist wie immer an Ferientagen semischön, es staut mal hier und mal da, aber alles in allem kommen wir ganz gut vorwärts. Irgendwann schlägt der Hunger zu und wir sind mittlerweile echte Profis darin, schöne Dorfgasthöfe zu finden. So landen wir im Gasthof Altwirt in Reichersbeuern, lassen uns lecker Schnitzel mit Pommes schmecken und fahren gut gestärkt noch die letzten 1,5 Stunden nach Hause. In denen zeigt Mutter Natur dann, was sie kann. Der Himmel öffnet seine Schleusen und der Regen, mit dem wir nun schon seit Tagen immer wieder mal gerechnet haben, trifft uns mit voller Wucht und sorgt jedoch auch endlich für ein wenig Abkühlung. Tatsächlich stimmt die Wetterprognose fast auf die Minute genau. Alles richtig gemacht. Home sweet home.

Fliegen im Salzkammergut 13. – 17.8.2026 „Besser als prognostiziert“
Ausnahmsweise von Astrid geschrieben

Eigentlich war ja an diesem Datum wieder mal was ganz anderes geplant. Ein ziemlich schöner Berg in der Schweiz, um genau zu sein. Und wieder mal ist daraus nix geworden. Nur böse sind wir dieses Jahr darum irgendwie nicht. Die Verhältnisse in den hohen Bergen sind in diesem heißen Jahrhundertsommer alles andere als safe. Wir verzichten dankend darauf, vom Steinschlag aus dem Hörnligrat gefegt zu werden und entschließen uns daher lieber zum Fliegen. Wo genau es hingehen soll, entscheiden wir super spontan erst am Tag vorher, an dem Astrid noch zu einem Business Meeting in Köln ist. Das Wetter sieht in den ganzen Alpen für das Wochenende recht gut aus und weil wir noch nie im Salzkammergut Fliegen waren, entschließen wir uns einfach mal der A8 Richtung Osten zu folgen und von Tag zu Tag zu schauen, wo der Wind und das Wetter uns hintreibt.

Bergsteigen fällt von vornherein aus, denn mit gesundheitlichen Einschränkungen ist das eine ziemlich blöde Idee, Fliegen allerdings lässt da ein wenig mehr Spielraum und nachdem wir für die ersten Tage die Wettersituation bewertet hatten, fiel die Wahl fürs erste Ziel aufs Stubai in Nordtirol. Ursprünglich hatten wir uns für diese Zeit um Bergführer fürs Matterhorn bemüht, die Bedingungen wären Mitte/Ende Juni perfekt gewesen, doch das hat leider nicht geklappt und somit entfiel die Notwendigkeit, Akklimatisationstouren machen zu müssen und so blieb am Ende der Infekt, den wir uns eingefangen hatten, ohne größere Auswirkung auf unsere Aktivitäten. Mit den Seilbahnen in Neustift und Fulpmes erreicht Frau ohne nennenswerte Mühe mehrere Startplätze an Elfer und in Schlick2000, wo mir vor sehr vielen Jahren mein Freund Paul versucht hat, das Skifahren beizubringen, und die Wetterprognose versprach für ein paar Tage anspruchsvolle aber für uns fliegbare Bedingungen, obwohl ich hinterher sagen kann, dass es grenzwertig und für mich mental sehr anstrengend gewesen ist. Als kleine Herausforderung stellte sich die Wahl für den Übernachtungsplatz heraus, denn es gibt im ganzen Tal nur zwei kleine Campingplätze, die mehr oder weniger voll waren und wild irgendwo stehen wird mit hohen Strafen belegt, mal abgesehen davon, dass das kaum möglich ist, wenn Frau nicht für jeden Meter das Auto bewegen möchte. 
Für die ersten 1-2 Nächte konnten wir auf dem CP in Neustift unterkommen, von dem aus fußläufig die Elferbahn erreichbar ist, mit der wir sonntags zu unserem ersten Flug im Urlaub aufbrachen, zu dem sich überraschend die liebe Gisa gesellte, die wir bei einem unserer Sicherheitstrainings am Idrosee das erste Mal trafen und die ganz frisch nach Innsbruck umgesiedelt ist und hier im Stubai öfter fliegt. Wir fahren gemeinsam hoch, quatschen schön, treffen am Startplatz noch eine Freundin von ihr und haben es nicht eilig, in die Luft zu kommen, denn es ist erst gegen 10 Uhr und von Thermik noch keine Spur. 
Astrid und ich sind vor 3 Jahren schonmal hier gewesen als wir am Nova Hike&Fly Testival das erste Mal teilnahmen und die Flugbedingungen am letzten Tag dieses Events ins Stubai schickten. Damals waren wir noch Newbies, aufgeregt ob des neuen Fluggebiets mit Schiss vor dem Talwind und hinterher stolz wie Bolle, mit unseren Pi3s beim Hangsoaren mal länger als 10 Minuten geflogen zu sein. Heute sitzen wir am gleichen Startplatz und warten, bis die Thermik so richtig angeht, denn obwohl wir keine Erwartungshaltung an diesen ersten Flug haben und auch nicht so ganz klar ist, wie sich der Infekt bei Astrid auswirkt, so stellen wir uns doch vor, ein bisschen Spazierenfliegen zu können, um mal einen groben Überblick von oben gewinnen zu können. 

Es ist relativ viel los, Flugschulen sind am unteren Ende des langen Starthangs zugange, unglaublich viele Tandems sind unterwegs, die meisten Freifliegenden verteilen sich zwischen Flugschulstartplatz und Elferhütte den Hang hoch, was die Lage etwas entspannt, wir haben uns irgendwo in der Mitte einen Platz zum Starten ausgesucht, machen uns fertig, als bei den ersten in der Luft Steigen zu beobachten ist und starten fein kurz nach Mittag. Das kleine Take-Off-Seminar bei Erika Mitte März zahlt sich wirklich aus. Obwohl es nur zwei Tage gewesen sind, so hatten wir doch exklusiv Zeit und Gelegenheit, tatsächlich die Startkompetenz zu verbessern und seitdem fühle ich mich auch beim Rückwärtsaufziehen deutlich sicherer, was in der Folge auch das Starten bei mehr Wind zulässt, der gerade an thermisch aktiven Tagen häufig durch Ablösungen verursacht wird.
Wir bleiben zunächst im Bereich des Startplatzes, finden Aufwind und Thermik, fliegen ein wenig in der Gegend rum, testen Wald- und Geländekanten auf Ablösungen, die Luft ist schon ganz schön bockig, doch so richtig geht’s für uns heute nicht nach oben und weil mir/uns dabei schnell langweilig wird, fliegen wir auf die andere Talseite, um uns dort mal ein wenig umzuschauen, doch dabei vernichten wir so viel Höhe, dass die Landung unausweichlich wird. Nach etwa einer dreiviertel Stunde in der Luft landen wir sicher in Neustift. Gisa und ihre Freundin sind bereits eine Weile vor uns gelandet und schon wieder auf dem Weg nach oben für einen zweiten Flug. Wir hingegen entscheiden, dass es uns für den ersten Tag genügt, das letzte, was wir brauchen, ist Stress und Druck. Nachdem die beiden ebenfalls wieder gelandet sind, ihre Flugzeuge zusammengepackt haben, machen wir uns auf die Suche nach Kaffee/Kuchen/Eis und wenige Minuten später läuft uns Jojo über den Weg, bei der wir letztes Jahr schon ein XC-Seminar und ein women-only Sicherheitstraining am Idrosee machten. Wir hatten uns vorab bei ihr gemeldet, dass wir ins Stubai kommen, weil wir uns sehr freuen würden sie zu treffen, doch im Gegensatz zu uns ist das Stubai ihr Arbeitsplatz als Fluglehrerin und Tandempilotin und dementsprechend eingespannt ist sie und deswegen freuen wir uns über einen kleinen Drücker aber wollen sie dann auch nicht länger belagern oder gar ihre Freizeit strapazieren. 

Nach Kaffee/Kuchen löst sich unsere kleine Runde, zu der sich eine weitere Pilotin mit zwei Kumpels gesellte, auf und auf dem Weg zurück zum Campingplatz laufen uns Katrin und René über den Weg. Die nächste Überraschung. Katrin haben wir das erste Mal auf dem Frauenfliegenfest in Lenk vor einigen Jahren getroffen und seitdem begegnen wir uns immer wieder mal. Die beiden sind supernett und so verabreden wir uns für den nächsten Tag zu einem gemeinsamen Flug. 
Astrid und ich kramen abends ein ältere Flugplanung aus, die wir mal als Überprüfungsflug für den B-Schein erstellt hatten und irgendwie lag die Idee nahe, den mal zu versuchen zu fliegen. Damals haben wir die Planung nicht umgesetzt, weil es nicht nötig war und weil es uns auch in eine andere Gegend verschlug. Jetzt wäre eine gute Gelegenheit, das mal zu versuchen. Katrin und René hatten für den nächsten Tag geplant, mit dem Bus nach Fulpmes zu fahren und dort die Seilbahn zum Startplatz Kreuzjoch zu nehmen, wo man aufgrund der Ausrichtung nach Osten, d.h. dort scheint in der Früh bereits die Sonne auf den Hang, früher starten kann und gute Chancen auf Thermik vor Mittag hat, was auf Nachfrage auch von Jojo bestätigt wurde, man könne sehr gut von dort in Richtung Süden bis zum Gletscher fliegen und auf der anderen Talseite zurück, was locker einen 40km-XC-Flug zaubert. OK, wir backen, glaube ich, erstmal kleinere Brötchen, wären schon froh, einen nächsten Talsprung nach Süden zu schaffen und danach die Karten neu zu mischen, doch prinzipiell ist das eine super Idee und wir schließen uns Katrin und René an.
Die Bushaltestelle ist nur wenige Minuten vom Campingplatz entfernt, mit der Übernachtung auf dem Campingplatz sind die öffentlichen Nahverkehrsmittel inklusive und so liegt es nahe, das Auto stehen zu lassen, zumal die geplante Landung unter der Prämisse, dass keine Außenlandung nötig wird, wieder in Neustift sein soll und wir auf diese Weise praktisch mit dem Gleitschirm zu unserem Ausgangspunkt zurückkommen. 
Es ist heiß, der Bus ist übervoll, ein oder zwei Haltestellen nach unserem Einstieg quetschen sich Katrin und René noch rein, es ist Urlaubszeit, alle wollen in die Höhe, um der Hitze zu entfliehen und als wir nach einer gefühlten Ewigkeit endlich an der Talstation der Seilbahn aussteigen können, geht ein Raunen der Erleichterung durch die Reihen. 
Mit der Seilbahn hochgefahren, wartet ein neuer Startplatz auf uns. Katrin und René kennen ihn schon und geben ein paar Infos dazu, aber alles in allem gibt es keine nennenswerten Besonderheiten. Der Wind passt, er ist lang genug, hat genug Gefälle, so dass Frau über das niedrige Gestrüpp am unteren Ende gut drüber kommt, und ansonsten gilt’s halt, sich fertig zu machen und in die Schlange zu stellen, denn natürlich haben andere Pilot:innen auch gespannt, dass es hier heute gut funktionieren wird. 

Unsere Starts gegen 11:30Uhr sind Zucker und dann geht’s nach sehr kurzer Suche auch sofort aufwärts, erst über die Bergstation, dann über den ersten kleinen Gipfel und dann schlägt der leichte Nordwind zu als ich über die Kante komme, wo sich die thermischen Ablösungen auf der Ostseite mit eben diesem schicken Wind aus nördlichen Richtungen treffen. Innerhalb weniger Sekunden wird es richtig sportlich in meinem Cockpit, die Turbulenzen sind heftig, ich werde gut durchgerüttelt und meine Hände arbeiten, wie eine Nähmaschine daran, den Druck in den Steuerleinen zu behalten. Ich hab‘ Puls und denke kurz darüber nach, ob ich rausfliegen und landen gehen soll, weil mich das mental gerade überfordert. Ich entscheide mich anders, denn ich bin in wenigen Minuten etwa 800m überm Grat und kann den turbulenten Bereich nach Süden verlassen, folge dem Grat, wo es ein klein wenig ruhiger wird und steige dabei auf über 3000m. Astrid ist auf dem gleichen Weg, allerdings hat sie irgendwo oder irgendwie viel Höhe verloren und kämpft unter mir im Gipfelbereich des Hohen Burgstalls um jeden Meter, während ich knapp unter 3100m in eine Art Warteposition gehe, mich nicht in die Wolken ziehen lasse, und weiter beobachte, ob sie’s schafft, genug Höhe für den Talsprung  rüber in Richtung Seblasspitze zu machen. Leider erwischt sie dabei eine etwas merkwürdige und für uns kaum zu erklärende Situation, denn aus gefühlt heiterem Himmel fällt sie für eine kurze Zeit plötzlich senkrecht nach unten. Ich hab’s leider von oben nicht gesehen, doch wir vermuten, dass ein großer Frontklapper für den Stopp der Vorwärtsfahrt gesorgt hat, der sich aber sehr schnell wieder öffnete, wie Astrid berichtete, die beim Hochschauen nur noch sehen konnte, wie sich die letzten Zellen wieder füllten. Sie behält die Nerven, findet anschließend genug Steigen und als sie die Entscheidung für den Sprung nach Süden über den Taleinschnitt trifft, folge ich einfach. Überm Tal ist die Luft deutlich ruhiger, aber natürlich auch ohne nennenswertes Steigen, ich höre das Schaf in meinem Vaio, mööööhhhhh…., und trete halb in den Beschleuniger, unter anderem auch, um Astrid hinterher zu kommen. Ich fliege mit weniger Flächenbelastung und lerne zwei Wochen später, als mein Schirm zum Check ging, dass meine gesamte C-Ebene verkürzt war. Beim Fliegen habe ich davon weder vor noch nach der Korrektur etwas bemerkt, außer eben, dass ich ein klitzekleines Bisschen langsamer flog als Astrid.

Wir erreichen den gegenüberliegenden Hang und ich habe den Vorteil, mit etwas mehr Höhe den Grat vor mir ansteuern zu können, wohingegen Astrid weiter in die Ostflanke ausweichen muss. Es beginnt erneut, bockig zu werden, doch wir schaffen es beide, aus diesen Positionen heraus wieder genug Höhe zu generieren, um über den weiteren Flug eine Entscheidung zu treffen. Für einen Weiterflug über die nächsten Gipfel nach Süden bis zum Gletscher hängt eindeutig die Hose zu weit unten, deswegen biegen wir rüber zum Elfer und Zwölfer ab, d.h. es geht übers Stubaital quer drüber auf die andere Seite. Bisschen witzig, ich muss bei der Aktion an die Pilotin denken, der im Pinzgau neulich eine Cessna den Schirm über ihr weggerissen hat, und schaue, als ob ich über die Straße will, erst links und rechts ob frei ist, bevor ich wieder halb in den Beschleuniger trete, um das Tal auf etwa 3000m halbwegs zügig zu überqueren. Als ob das was nützen würde. Gleitschirmfliegende sind für praktisch alle anderen Luftfahrtteilnehmenden stehende Hindernisse. Aber egal. Ich habe erneut etwas mehr Glück mit der Höhe als Astrid und halte genau auf den Westgrat des Zwölfers zu, wo ich mir bei Ankunft den Anschluss in neues Steigen erhoffe. Astrid steuert derweil über den darunterliegenden Wald, wo an diversen Kanten auch gerne die Thermik abreißt und nach oben steigt, doch der Plan geht leider nicht ganz so gut auf. Aus den Augenwinkeln beobachte ich beim Thermikkreisen am Zwölfer, wie sie weiter in Richtung Startplätze am Elfer fliegt, denn dort geht’s auf jeden Fall wieder rauf und als ich den Gipfel überhöhe, drehe ich in ihre Richtung und fliege ihr über den Elfer hinweg, wo ich nochmal etwas Höhe generiere, nach, während ich noch schnell ein paar Wandernden beim Überfliegen winke. Die Bedingungen sind nach meinem Empfinden auf dieser Seite nicht mehr ganz so bockig, ich kann mich zwischendurch auch mal kurz entspannen. Die Startplätze am Elfer überfliege ich wieder auf fast 3000m und beginne mich zu fragen, wo es noch hingehen soll, mit so viel Höhe gäbe es mehrere Optionen, allerdings bin ich nach etwa einer Stunde in so anspruchsvoller Luft einigermaßen durch in der Birne und beschließe, es nicht übertreiben zu wollen. Ich möchte an der Kesselspitze, die nach einem kleinen Talsprung nördlich vorbeikommt, nochmal versuchen, den Gipfel zu überfliegen und dann schau mer mal. Mir fällt auf, dass dort niemand fliegt, was eher ein schlechtes Zeichen ist, doch ich verstehe nicht, warum das so ist, denn die Sonne bescheint auch diese Seite, etwaige offensichtliche Lee-Situationen kann ich beim aktuellen Wind nicht ausmachen, also gibt es keinen Grund, nicht dorthin zu fliegen. Am ersten Grat, den ich erreiche, geht’s auch wieder rauf, allerdings nicht ganz so, wie ich mir das erhoffte und es genügt nicht, um über Gipfelhöhe zu kommen. Nach mehreren erfolglosen Anläufen lasse ich das dann und suche unter den anderen Schirmen nach Astrid, die ich aber nicht erkennen kann. Inzwischen sagt mir mein Vario, dass ich bei fast 20km XC-Strecke angekommen bin, was ich vorher noch nie erreicht hatte und dann kommt mir die grandiose Idee, wenn ich nun wieder übers Tal in Richtung Startplatz am Kreuzjoch fliege, habe ich vielleicht die Chance, ein FAI Dreieck zusammen zu bekommen. Nicht, dass ich jetzt irgendwie scharf wäre auf möglichst viele XC-Punkte, es ist eher die Erkenntnis, beim Fliegen über so etwas nachdenken zu können und dann auch noch zu tun, was durch meine Synapsen flitzt. Ich biege nach Nordwesten ab, steige in den Beschleuniger als die Luft das Blubbern aufhört und fliege schnurstracks auf die Bergstation am Kreuzjoch zu. Meine Höhe reicht auf jeden Fall locker, um Hin- und dann den Rückweg zum Landeplatz zu schaffen, wobei ich lediglich den Hang auf der anderen Seite erreichen und nicht bis zum Grat hochfliegen möchte. Unterwegs entdecke ich Astrid wieder, die lustiger Weise offensichtlich ähnliche Gedankengänge hatte und schon am Hang auf der anderen Seite rumkurvt. Dort angekommen ist es jedoch so bockig, dass ich endgültig keine Lust mehr auf Rumpelei hab‘ und, wie Astrid, ebenfalls zum Landeplatz abbiege und nach etwas Höhe abbauen sanft aufsetze. Kurz darauf merke ich, dass das meiner und Astrids bisher längster XC-Flug war mit der bisher größten je beim Fliegen erreichten Höhe. Das hat uns ein klein wenig stolz gemacht, denn das war alles andere als einfach und ich hätte mich schon am Anfang fast zum Aufgeben hinreißen lassen. Ein kleiner Meilenstein. Außerdem haben wir dafür nur etwa 1,5 Stunden benötigt, d.h. wir flogen sogar für unsere Verhältnisse effizient, haben nicht so viel Zeit mit Thermikkreisen verdaddelt und mit dem Beschleuniger auch was aus der Höhe gemacht, indem wir schneller mehr Strecke zurücklegten. Merken.

Am Landeplatz treffen wir Katrin und René wieder, die auch gerade zusammengepackt haben und machen uns mit ihnen gemeinsam auf die Suche nach einer Eisdiele. Das haben wir uns verdient und es läuft bei der Hitze im Tal richtig gut rein. Nach der Verabschiedung, wackeln wir erst zur Apotheke, Nachschub an Medikamenten besorgen, dann zum Camper, den wir nach erneuter Verlängerung auf dem Campingplatz auf einen neuen Stellplatz rücken müssen und dann bin ich platt. Nach zwei Tagen im Gurtzeug durchgeschüttelt zu werden, nehmen wir uns für den nächsten Tag etwas anderes vor. Fliegen in ruhiger Luft. Das geht zu dieser Zeit nur, wenn wir deutlich vor Mittag starten. 
Astrid fühlt sich am nächsten Morgen fit genug, um mit der leichten Ausrüstung zu Fuß zum Elfer-Startplatz hoch zu gehen und so starten wir schon kurz vor 9 Uhr mit einem spürbar leichteren Rucksack mit Flugstrapse drin und Bergsteigeschirm durch den schattigen Wald nach oben. Unsere leichten Schirme sind wir lange nicht geflogen, ich freue mich ein bisschen darauf. Der Weg zieht sich bloß ziemlich, gerade das letzte Stück von der Autenalm ist lang, wo man mit nur wenig Höhengewinn mehrere Kilometer den Hang bis zur Bergstation der Bahn queren muss, und man kann es drehen und wenden, wie man will, am Ende sind fast 1000 Höhenmeter zu erklimmen, bis der Startplatz erreicht ist. Oben angekommen, machen wir uns nach einer kurzen Verschauf- und Futterpause für den Flug fertig, ziehen um 12 Uhr unsere Schirme auf und starten fein, heute sind wir das Pi3-Pärchen. Obwohl ich schon ein klitzekleines Bisschen den einen oder anderen Flecken mit steigender Luft finde und nutze, so dauert der Flug mit dem Bergschirm mit einer relativen Höhe von etwa 900 Metern kaum eine Viertelstunde, doch das macht überhaupt nix, denn die Luft war tatsächlich noch ruhig und wir genossen es einfach, mal nicht von der ersten bis zur letzten Sekunde in Aktion sein zu müssen. Die Landung wird kurz spannend, denn der Talwind ist kurz nach Mittag schon so stark, dass ich mit dem Pi3 im Endanflug fast stehenbleibe und gleichzeitig sind unmittelbar im Landebereich noch zwei andere Freifliegende und ein Tandem um mich herum. Alle sind jedoch aufmerksam, wir halten genügend Abstand, niemand kommt so nah überm Boden in irgendeine Bredouille. 
Weil es auch an diesem Tag wieder um die 40°C heiß ist, schwingen wir uns nach dem Fliegen und einer kurzen Pause aufs Fahrrad und fahren zum Badesee in Kampl, von dem Gisa bereits zwei Tage zuvor erzählte und den wir aus der Luft schon gesehen haben und springen rein. Frau muss es mögen, es gibt viele Pflanzen im Wasser und natürlich die Hinterlassenschaften diverser Vögel, doch es tut auch gut, etwas abkühlen zu können. 

Wir bleiben noch einen Tag hier zum Fliegen bevor wir nach Südtirol umsiedeln wollen, checken am Campingplatz aus, parken unser Riesenbaby um und nehmen die Bahn rauf, heute wieder mit unserem Streckenflugzeug. Der Plan ist, dass wir heute beide den Elfer überfliegen und vielleicht auch die Kesselspitze, was mir vor zwei Tagen nicht gelungen ist, aber ansonsten haben wir keine großen Erwartungshaltungen an den Flug. Unsere Starts sind wieder Zucker, ich schaue immer noch jedes Mal zu meinem Schirm rauf, wenn der Boden unter mir weggegangen ist und empfinde unglaublich viel Freude, dieses Privileg zu haben, in so einer Kulisse fliegen zu dürfen. Das ist wirklich irre. Weil wir heute schon ein paar Minuten vor Mittag starteten, müssen wir ein wenig suchen, bis wir die notwendigen Thermikbärte finden, die uns schön weit nach oben tragen, allerdings muss ich mich heute wieder mental überwinden, das Geschaukel in meinem Kopf zuzulassen, denn an den Bedingungen hat sich nach wie vor nichts geändert, es ist bockig, die integrierten Steigwerte erreichen fast 5m/s, die momentanen „Anreiß“-Beschleunigungen liegen in manchen Fällen bei über 10m/s. Das ist sehr sportlich, weil es über die gesamte Flugzeit von etwa 1 Stunde 20 Minuten keine Pause gibt und jede Sekunde Flug 100% meiner Aufmerksamkeit benötigt. Der Windversatz in einer der ersten Thermiken schiebt uns beim Aufdrehen bereits in Richtung des Gipfels der Elferspitze, über der es dann nochmal richtig nach oben abgeht und was uns beide auf unsere bisher höchste, mit dem Gleitschirm je erreichte Höhe von über 3200m bringt. Das ist echt abgefahren, alles wird winzig, gleichzeitig ist es für mich spooky, so weit oben allein in meinem Gurtzeug zu sitzen, der Wind, das ständige Durchrütteln, das konstante Fühlen und unablässige Korrigieren des Steuerdruckes und obwohl ich manchmal stark zweifele, ob ich das überhaupt unter Kontrolle habe oder es einfach nur Glück ist, dass bisher kaum etwas beim Fliegen passiert ist, scheint es doch so zu sein, dass ich nicht alles falsch mache. Astrid und ich reflektieren solche Situationen oft untereinander, denn auch sie hegt Zweifel, ob wir tatsächlich so coole Socken sind, oder uns pure Naivität alle Risiken vergessen lässt.
Mit dieser unglaublichen Höhe, die wir über der Elferspitze erreicht haben, fliegen wir wieder in Richtung Norden, überqueren das Startgelände und halten auf die gegenüberliegende Kesselspitze zu, wo wir nach Ankunft erneut Anschluss nach oben suchen und finden, doch so der letzte Schwung, der nötig wäre, um sicher den Gipfel überfliegen zu können, kommt irgendwie nicht zusammen, ich schaffe es nur auf Augenhöhe zum Gipfelkreuz. Das schöne hier ist, es fliegt niemand um uns herum, wir sind praktisch allein, was bei der Menge an Gleitschirmen in der Luft ein wenig merkwürdig erscheint, doch die allermeisten Pilot:innen verlassen generell das Startgelände, in dem sie Aufgezogen haben nicht wirklich, sondern bleiben sozusagen immer im Safespace um den Landeplatz herum, so, wie Astrid und ich das auch immer getan haben.
Ich versuche noch ein letztes Mal, mit 2-3 Kreisen die letzten Meter zusammenzubekommen, steige dabei jedoch einfach nicht mehr und als ich sehe, dass Astrid bereits zum Talsprung in Richtung Kreuzjoch auf der anderen Talseite gestartet ist, drehe ich in ihre Richtung und folge ihr mit ein klein wenig mehr Höhe und trete 50% in meinen Beschleuniger als es etwas ruhiger wird, um ihr überhaupt nachzukommen. Die Idee dahinter ist es, wieder ein kleines FAI Dreieck zu fliegen, wie zwei Tage zuvor auch, d.h. zusätzlich zum Start- und Landepunkt 3 weitere Umdrehpunkte auf der Flugstrecke zu haben, die zusammen ein mehr oder weniger gleichschenkliges Dreieck bilden. Mit dem Flug auf die andere Talseite, könnte das wieder passen. Astrid kommt etwa auf halber Hanghöhe an, doch ihr ist es deutlich zu turbulent, sie verlässt diese Stelle sofort, fliegt etwas weiter zurück ins Tal und dreht nach Süden mit der Absicht, den Landeplatz anzufliegen. Bei mir schaut’s etwas anders aus, ich komme nur wenig unterhalb des Startplatzes am Kreuzjoch an, finde sofort wieder Steigen und denke mir, das nehme ich jetzt noch mit. Es ist schon rumpelig wie Sau, doch das Fell wird dicker mit der Zeit, ich drehe weiter auf, übersteige die Bergstation und kurz darauf den Grat und dann geht die Luzi richtig ab. In ganz kurzer Folge wird mein Schirm zweimal hintereinander von den Turbulenzen überm Grat, die aus ostseitig aufsteigender Thermik und überregionalem Nordwind entstehen, zusammengefaltet und mein Fluchtversuch den Grat entlang, wie vor zwei Tagen, bringt keine Verbesserung. Danke an meine letzten Sicherheitstrainings, aber jetzt reicht’s mir ebenfalls, ich möchte nicht mehr in der Luft sein, weg hier, ins Tal raus und als es endlich wieder ruhiger wird, merke ich, dass ich ganz schön Puls hab‘. Das war knapp. Hätte auch schiefgehen können. 
Mit meiner vielen Höhe überquere ich zunächst das Tal erneut auf die Elferseite, wo ich knapp unter der Bergstation ankomme, kratze dort noch ein wenig am Hang rum und entscheide mich dann dazu, auf dem Weg zum Landen noch zu rollen und zwei Steilspiralen zu fliegen. Übung macht die Meisterin und bevor ich meine Höhe irgendwie „verdaddele“ nutze ich sie lieber, bevor ich luvseitig in meinen Gegenanflug gehe. Wind macht das Landen irgendwie einfacher. Ich liebe es, am Ende des Gegenanflugs meinen Schirm in den Wind zu drehen und dann über die Dosis meiner Körperlage und der Bremse auf der Gegenseite im Queranflug in den Landeplatz hinein zu driften, womit ich die Vorwärtsfahrt im Gegenwind und die Höhe super einschätzen kann und noch nie eine Landung daneben ging. Selbst bei über 20km/h Talwind nicht.
Die Rechnung, ein FAI Dreieck zu fliegen ging auf, fast 20km XC Strecke kommen in 1 Stunde 16 zusammen und ich merke erneut, dass es beim Wunsch nach längeren Strecken sehr auf effizientes Fliegen ankommt. Einen Teil dieser Effizienz erreicht Frau schon, bevor sie den Schirm aufzieht, indem sie sich vorher Gedanken über die Strecke mit mehreren Optionen gemacht hat, und nach dem Start in die Umsetzung gehen kann. Spazierenfliegen ist zwar auch schön, doch ein Ziel zu haben hilft, es auch zu erreichen. 
An diesem Nachmittag fragt unsere liebe Freundin Janina nach dem Campingplatz in Sand in Taufers, von dem wir so schwärmten, wie der heißt und wo genau der zu finden ist. Ich gebe gerne Auskunft und hänge an, dass wir dort für den übernächsten Tag einen Stellplatz für eine Nacht ergattern konnten und wenn sie dorthin käme, könnten wir zusammen fliegen. Das wäre voll schön.

Unsere Reise geht weiter, wir verlassen das Stubaital, hüpfen über den Brenner, biegen in Brixen ins Pustertal auf die Straße nach Bruneck ab, viel Verkehr, wie immer, und erreichen bald darauf Sand in Taufers. Wir sind einen Tag früher als geplant, fragen im Såndgøld Alpine Glamping nach, ob wir bereits für heute einen Platz bekommen können, doch da sind nur noch die großen und ehrlich gesagt für uns zu teuren Plätze frei. Wir ratschen schön mit dem Menschen an der Rezeption, der uns sofort wiedererkannt hat, Daniele mit der etwas schrägen Brille, nehmen noch einen Kaffee und verabschieden uns bis zum nächsten Tag. Der Plan B für die Nacht ist der offizielle Camperstellplatz gegenüber der Talstation Speikboden, nur wenige Fahrminuten entfernt, wo außer uns nur noch ein einziger Camper steht. Dort führt leider unmittelbar die Hauptstraße ins Ahrtal vorbei und weil wir werktags übernachteten, ging schon sehr früh morgens der Verkehrslärm los. Für eine Nacht war es OK, länger möchte ich hier nicht stehen. Es geht am nächsten Morgen gemütlich los, denn wir überlegten uns abends schon, dass wir heute von Ahornach aus fliegen wollen, denn irgendwie hat’s dort mit dem Wind besser gepasst als am Speikboden, doch wir nehmen den Bus von Sand nach Ahornach, weil es uns schlicht zu heiß für einen Aufstieg zu Fuß ist und Astrid nach der Erfahrung mit dem Hike & Fly im Stubai sich immer noch nicht fit genug fühlt. By the way, auf dem Weg über den Brenner bemerkte ich mit beginnenden Halsschmerzen, die von da an fast noch 3 Wochen anhielten, dass der Infekt nun auch mich erreicht hat, aber wenigstens fühlte ich mich körperlich ganz gut und hatte keine nennenswerten Einschränkungen. 
Wir parken unser Riesenbaby direkt am Landeplatz beim Schwimmbad, wo es tatsächlich immer noch kostenfrei ist, schultern unsere Flugzeuge, machen uns zu Fuß auf den Weg zur Bushaltestelle, von wo aus der Bus zur Kirche nach Ahornach rauffährt. Daniele vom Campingplatz hatte uns freundlicherweise bereits die Gästekarten geschickt, sodass die Benutzung der Öffis inbegriffen ist. Von der letzten Haltestelle im Ort sind es etwa 15 Minuten über die Straße per pedes zum Startplatz, die Sonne brennt schon wieder ganz ordentlich und wir sind froh, nicht den ganzen Weg durch den Südhang hinauf zu müssen. Unter normalen Umständen wäre das kein Problem, wir haben das im Winter, als wir hier waren, mehrmals gemacht, doch mit Infekt und 40°C im Schatten ist es schlau, sich nicht ganz tot zu machen. 
Am Startplatz ist eine deutsche Flugschule zugange, denen wir ein wenig zuschauen und deren Schüler:innen bemerkenswert gut starteten und als der Platz sich größtenteils geleert hat, machen wir uns fertig, legen aus und starten, bevor der Flugschulbus die nächste Ladung Menschen ausspuckt. Astrid startet als erste, biegt sofort nach rechts ab, denn in der Thermikkarte ist dort ein kleiner Grat eingezeichnet, an dem gewöhnlich Steigen zu finden ist und genauso finden wir das auch vor. Es geht rauf und zwar ganz ordentlich mit bis zu 4m/s. Uns ist zu diesem Zeitpunkt bewusst, dass Starten hier nur möglich war, weil der überregionale Nordwind von den thermischen Ablösungen am Südhang überlagert wird und dass diese Ablösungen als wir kurz vor 13 Uhr aufziehen recht heftig sein werden. Worüber ich mir wieder mal keine Gedanken gemacht hatte, ist der Umstand, dass diese beiden „Strömungen“ sich irgendwo über mir treffen müssen. Ich halte mich zwar von den offensichtlichen Kanten fern, die nach meinem Empfinden für Turbulenzen sorgen könnten, doch es erwischt mich dann doch irgendwann in meinen euphorischen Bemühungen, schön viel Höhe zu machen, obwohl ich mich mental nicht wirklich wohl fühle, weil ich schon wieder seit dem Start in meinem Gurtzeug hin und her geworfen werde. Eine Flügelseite klappt kurz ein, öffnet aber sofort wieder, für meinen Kopf wächst daraus der Wunsch nach Kaffee und Kuchen, weswegen ich nach Süden in Richtung Landeplatz abbiege und mir davon verspreche, in ruhigere Luft zu kommen und mich auf eine saubere Landung vorzubereiten. Der Plan geht nicht auf, ich steige im Geradeausflug überm Talboden auf über 2000m und erst als ich fast die nächste Ortschaft erreicht habe, beginne ich endlich zu sinken, drehe zurück zum Landeplatz, fliege mehrere kurze Spiralen und nachdem der etwas konfuse Wind am Boden mir eine Richtung für den Endanflug vorgibt, setze ich sanft auf.
Am Landeplatz berichten uns die Flugschüler:innen, die wir dort antreffen, dass das Fliegen eingestellt wurde, nachdem der Fluglehrer uns beiden zugeschaut hatte, wie wir aus seiner Perspektive katapultmäßig nach oben wegschossen, was ihm für seine Schützlinge eindeutig zu anspruchsvoll erschien. Möglicherweise eine gute Entscheidung.

Es ist Zeit, auf den Campingplatz umzuziehen, wo wir für die nächste Nacht einen Platz haben und der sich quasi direkt neben dem Landeplatz befindet. Wir richten uns am Stellplatz ein, hängen Strom an, füllen unsere Wasservorräte ein klein wenig auf, nehmen eine Dusche und dann gibt’s endlich Kaffee und Kuchen, diesen Nachmittag haben wir sonst nichts mehr vor, außer chillen, ich spiele Handpan am Teich, Astrid streckt die Füße ins Wasser und, wie wir das schon öfter hatten, kommen Menschen auf mich zu, die wissen wollen, was das für ein Instrument ist, dessen Klänge sie so berühren. 
Zwischenzeitlich haben wir Kontakt mit Janina und verabreden uns mit ihr und ihrem Begleiter für den nächsten Tag zum Fliegen am Speikboden. Da freuen wir uns drauf, denn wir mögen Janina sehr gerne. Nur mit der prognostizierten Windsituation bin ich nicht so richtig einig, denn der soll aus Nord kommen und ich kenne dort nur Startplätze in südliche Richtungen, außer einem stiefmütterlich ausgewiesenen Fleck nach Norden, und meine Sorge ist nach der Erfahrung vom Fliegen ab Ahornach, dass wir mit den Ablösungen der Südhänge und dem Nordwind sehr turbulente Verhältnisse überm Grat haben werden, in dessen unmittelbarer Nähe die Startplätze liegen. Aber wer weiß schon, ob das alles so kommt. 

Am nächsten Morgen müssen wir vom Campingplatz runter, verlängern geht nicht, und stellen unser Schneckenhaus wieder auf den Parkplatz beim Landeplatz, von wo aus wir zu Fuß zum Busterminal in Sand wackeln. Denn wir reisen heute alle mit Öffis zur Talstation Speikboden an, wo wir lernen, dass die Seilbahn mit einer Gästekarte im Mai und Juni kostenfrei benutzt werden kann, eine tolle Sache, denn als wir im Winter hier gewesen sind, kostete eine einzige Bergfahrt pro Nase bereits 37€, unsere bisher teuerste Seilbahnfahrt, wenn Frau mal von den Bahnen in der Schweiz auf oder von den hohen Bergen absieht. Der Transport kostet also in beide Richtungen schonmal nix, falls ich mich gegen einen Start entscheide. Das nimmt mir komplett den Druck raus, ob es nun Sinn hat, überhaupt raufzufahren, es herrscht vollständige Entscheidungsfreiheit. Wir steigen in die Gondel, an deren Ende an der Bergstation sich ein kleiner Fußmarsch zur Sesselbahn Sonnklar anschließt, den wir im Winter teilweise über einen langen Zauberteppich zurücklegen konnten. Oben aus der Sesselbahn gefallen, gehen wir in Richtung der Sommerstartplätze nach rechts, wo sich an den Startplätzen nach Süden jede Menge weiterer Pilot:innen eingefunden haben, obwohl der Wind wirklich von Nord kam, zwar relativ schwach aber eindeutig. Nach kurzem Einwirken lassen der Szenerie und der Inspektion des Startgeländes für Nordwind bin ich mit meinem Bauch einig, dass Starten nach Nord entspannt funktioniert. Als dann noch ein oder zwei aufziehen und ohne Probleme wegfliegen, sehe ich meinen Eindruck bestätigt und wir beginnen damit, uns fertig zu machen. Janinas Begleiter startet als erster, er hat heute vor, eine etwas weitere Strecke zu fliegen, und dann ist er auch schon weg mit seiner Rennsemmel. Während wir drei auslegen und starten, kommen alle Pilot:innen vom Südstartplatz zu uns rüber und starten ebenfalls nach Norden raus. 
So einen richtigen Plan, wohin ich fliegen möchte, habe ich eigentlich nicht. Astrid und ich hatten als Idee, einfach nur mal den Grat nach Westen weiterzufliegen, doch die erste Challenge besteht darin, von der Nord- auf die Südseite zu kommen und den Grat mit soviel Höhe zu überfliegen, dass etwaige Turbulenzen keine Rolle spielen. Ich biege nach Osten ab, überfliege den Sessellift und suche in Richtung Ahrtal auf der Nordseite eine Stelle, wo es steigt, und finde sie auch. Ein Tandem kommt mir noch hinterher, bei Astrid dauert es noch, sie ist nicht so schnell hinter mir rausgekommen. Als meine Höhe gut ist, hüpfe ich über den Grat, allerdings merke ich schnell, dass die Basis nicht so arg hoch ist heute, denn ab etwa 2900m muss ich aufpassen, dass mich keine Wolken verschlucken, was es etwas schwieriger Macht, in eine Art Warteposition zu gehen, bis Astrid da ist. Aber ich bekomme es irgendwie hin, muss immer mal wieder schauen, dass ich der einen oder anderen Wolke aus dem Weg gehe, und lerne dabei, wie scheiße bockig schon wieder alles ist, ein richtiges Rodeo. Astrid kommt derweil über den Grat und versucht, Höhe zu generieren, aber auch sie ist nicht begeistert von den Bedingungen. Ich reiße mich zusammen und starte einfach mal in Richtung Westen mit dem Ziel, wenigstens den nächsten nennenswerten Gipfel zu überfliegen, dort angekommen, drehe ich um und fliege Astrid nach, die sich bereits auf den Weg raus übers Tal gemacht hat. Über Funk verabreden wir, nach Ahornach zu fliegen, dort noch ein bisschen am Hang nach steigender Luft zu suchen und je nach dem dann landen zu gehen. Nach einer schönen Landung ist tatsächlich in fast einer Stunde Flug ein flaches Dreieck zusammengekommen, ich bin fein, Janina ist ebenfalls bereits gelandet, der Camper steht auf der anderen Seite der Straße auf dem Parkplatz, wo wir uns mit Markise, Kaffee/Kuchen, Handpan und Kaltgetränken ein wenig einrichten und auf Janinas Begleitung warten. Michi ist noch in der Luft, wie uns das Live Tracking verrät, und das wird auch noch ne Weile so bleiben. Er landet nach etwa 4 Stunden und einer XC Strecke von rund 90km und bestätigt, dass es ganz schön anspruchsvoll war, er konnte nicht mal sein Brot zwischendurch essen, weil Steuerleinen loslassen keine Option gewesen ist. Es beruhigt mich ein bisschen, dass andere das auch so fühlen, wie ich bzw. wie Astrid, denn auch sie fand es heute in der Luft nicht wirklich fein.
Als Janina und Michi nach einem voll schönen Nachmittag den Rückweg zu ihrem Camper per Öffis antreten, entscheiden Astrid und ich, dass wir Südtirol verlassen und nach Osttirol weiterfahren, nach Golzentipp im Lesachtal, um genau zu sein, denn dort soll es die nächsten zwei Tage zum Fliegen sein und zwar mit Bedingungen, die es möglicherweise erlauben, unseren für den B-Schein theoretisch geplanten Flug dort zu fliegen. Den Auftrag, einen B-Schein-Überprüfungsflug für dieses Gebiet zu planen, hatten wir letztes Jahr von unserem betreuenden Fluglehrer bekommen, doch wir sind ihn nie geflogen. Das wollen wir jetzt versuchen.

Für die nächsten zwei Tage stehen wir auf einem kleinen schnuckeligen privaten Campingplatz in Maria Luggau etwa 10km das Tal runter von der Talstation Golzentipp, der zu einem alten Gasthof dort gehört und wo sie eigentlich nur noch für die Gäste auf dem Platz kochen. Einfach, aber sauber und die Leute unglaublich lieb. Wir genießen den Sonnenuntergang an der oberen Gail, wie der Fluss unten heißt und ich erinnere mich, dass ich diesen Fluss weiter unten in Richtung Birnbaum schonmal mit dem Wildwasserkajak gepaddelt bin. 1989.
Die Prognose am nächsten Morgen ist immer noch gut, wir fahren das Tal wieder ein Stück hoch, den etwas speziell anmutenden Landeplatz hatten wir uns abends beim Vorbeifahren kurz angeschaut, er liegt auf den Feldern unterhalb Obertilliach, wie der Ort heißt, hängt etwas nach unten, hat aber bei einer Tal- oder Bergwind-Landevolte auch ein einigermaßen ebenes Stück und der Windsack beim Abbauplatz ist ebenfalls nicht zu übersehen. Wir parken an der Talstation der Golzentipp-Bahn, schnacken noch kurz mit einem Mountainbiker, der sich mit seinem sehr feinen M301 von Liteville, das letzte aus der Baureihe, die nicht fortgesetzt wird, auf den Weg macht, kaufen zwei Bergfahrten und steigen in die Gondel. Den geplanten Flug haben wir uns abends erneut angeschaut, um die Route in etwa im Kopf zu haben und um uns einig zu sein, in welcher Richtung wir ab welcher Höhe abfliegen. Wir haben zwar Funk dabei, doch die Geräte, mit denen Frau legal im PMR446 unterwegs sein darf, senden so schwach, dass selbst ohne Hindernisse im freien Raum meistens nicht mal 500m Reichweite erreicht werden, die Marketingfolien zu diesen Geräten, sorry, aber die lügen alle und diese Entfernung ist beim Fliegen selbst mit langsamen Fluggeräten mini. 
Oben aus der Bahn gefallen, steht uns ein kleiner Fußmarsch zum Startplatz Scheibe bevor, an dem wir bei Eintreffen eine Gruppe Fliegender aus einem XC-Seminar vorfinden, die offensichtlich auf Thermik bzw. auf Thermik-Dummies, wie uns warten. Weil wir hier noch nie gewesen sind, legen wir zunächst die Rucksäcke ab und sehen uns den Startplatz etwas genauer an, der rechts und links von Bäumen gesäumt und auf dem eine Schneekanone am Rand installiert ist. Ansonsten gibt’s nichts Spezielles, die Neigung ist super, nicht zu steil aber auch nicht flach, eine eindeutige Windfahne ist vorhanden, nur leider ist er nicht abgemäht, d.h. beim Sortieren der Leinen muss Frau ein wenig darauf achten, dass keine Leine an irgendeinem Gestrüpp hängen bleibt und sich beim Aufziehen alle vom Boden lösen können. Der Wind passt und ansonsten sind keine Fragen mehr offen, also beginnen wir damit, uns fürs Fliegen vorzubereiten, Schirm raus, Gurtzeug herrichten, Elektronik auf dem Cockpit installieren, alles, was nicht zum Fliegen benötigt wird, kommt in die Staufächer im Gurtzeug. Beim Einsteigen in die Gurtzeuge haben wir uns angewöhnt, uns gegenseitig zu checken, wie beim Klettern, dass alles am Gurtzeug korrekt geschlossen ist, der Helmverschluss zu ist, der Bändel für die Fußplatte am Schuh ist und die Schnürl für die Beschleuniger frei sind. Dann legen wir als erste aus, sortieren die Leinen, hängen uns ein, ziehen auf und starten. Wenn es Thermik gibt, findet Frau sie dort normalerweise unmittelbar im Bereich des Startplatzes und wenige Kurven und Kreise genügen, den windversetzten Bart ausfindig zu machen und das erste Mal die 2700m zu übersteigen, die genügen, um die Hügel in West-Nordwest anzufliegen bis noch einen Muggel westlich vom Pfannegg. Dort, wo ich beim Durchfliegen Steigen finde, drehe ich ein paar Kreise, um die Höhe mitzunehmen, kehre an besagtem Hügel um, fliege zurück in Richtung Startplatz, kreise auf dem Weg und am Startplatz erneut zwei Thermiken aus und als ich denke, dass es hoch genug ist, fliege ich nach Osten ab, wo zunächst ein Talsprung gemacht werden muss, um zum Steinrastl zu gelangen. Das läuft nicht so wahnsinnig günstig für mich, was möglicherweise am Gegenwind liegt, jedenfalls komme ich dort nicht hoch genug an, um die Oberkanten zweier Rippen zu erreichen, an denen es normalerweise wieder steigen würde. Ich muss in den Hang auf der Talseite ausweichen, habe nur wenig Höhe, um zu suchen und entscheide deswegen, wieder zum Startplatz zurück zu fliegen, was aber leider auch nicht aufgeht. Ich vernichte ein weiteres Mal so viel Höhe, dass ich im Bereich einer Waldlichtung unterhalb des Startplatzes ankomme und nur mit viel Mühe nicht ganz abkachele. Astrid ist irgendwie die ganze Zeit weit über mir. Sie folgt mir zwar, aber ich habe fast ein schlechtes Gewissen, weil sie so den geplanten Flug, für den sie eigentlich genug Höhe hätte, nicht fertig machen kann. 
Ich rette ein paar Meter Höhe, genug, um nun quer übers Lesachtal auf die andere Seite zu kommen, ein paar Runden dort am bewaldeten Hang zu drehen, wobei es insgesamt leider ebenfalls nicht rauf geht und ich mich für die Landung am Landeplatz entscheiden muss. Astrid, die mich die ganze Zeit über mir begleitet hat, geht sogar noch vor mir landen. Der starke Talwind lässt keine Zweifel aufkommen, wie der Endanflug aussehen muss und wir kommen beide gut zurück auf den Boden. Am Ende ergeben unsere Aufzeichnungen, dass die freie Strecke mehr als 15km XC gewesen sind, doch die Plattformen wählen wegen der höheren Punktzahl für gewöhnlich Dreiecke und mein FAI Dreieck auf der geflogenen Route ist „nur“ 14.1km groß gewesen. Trotzdem ein toller Flug und unter der Prämisse, dass wir das allererste Mal hier geflogen sind, ein sehr gutes Ergebnis für unsere bescheidenen Verhältnisse.
Vom Landeplatz aus ist ein kleiner Fußmarsch rauf zur Talstation nötig, der Weg ist kurzweilig, weil wir beide so voller neuer Eindrücke und Erlebnisse sind, dass alles raus muss. Auf jeden Fall haben wir uns heute was Leckeres im Gasthof verdient und als wir zurück am Campingplatz sind, uns frisch gemacht haben, ist das der Plan für den Abend. Wir lernen, dass der Chef selbst auch viele Jahre geflogen ist, doch das ließ sich irgendwann nicht mehr mit dem Gasthof zusammen vereinbaren, weswegen er das Fliegen aufgegeben hatte.

Der nächste Tag. Es soll eine Front reinkommen mit Gewittern, was bei etwaigen Überlegungen, ob wir fliegen gehen, niemals außer Acht gelassen werden darf. Der Vormittag sieht aber noch gut aus, wir räumen den Platz, fahren wieder zum Parkplatz an der Talstation, nehmen die Seilbahn rauf und gehen zum Startplatz Scheibe. Von hier aus sind die ersten Überentwicklungen weit in der Ferne bereits zu sehen, weswegen wir nicht lange fackeln, der Wind passt zum Starten, fertigmachen und raus. Keine Erwartungshaltungen an den Flug. Der Wetterumschwung ist deutlich zu spüren in der Luft, es fühlt sich sofort wie Rodeo an und es dauert nicht lange, bis die Erkenntnis da ist, hier ist’s nicht cool. Wir biegen ab ins Tal, überfliegen es einmal, drehen um und landen. In der kurzen Zeit, in der wir fliegen, bilden die Wolken Finger nach oben aus. Da müssen alle Alarmglocken angehen. Auf dem Fußweg zurück zum Camper fängt es zu donnern an, immer noch starten Pilot:innen, was ich nicht verstehen kann. Das ist lebensgefährlich. Aber, alle sind groß, haben hoffentlich eine Lizenz und wir sind nicht die Mama. Als wir mit dem Camper das Tal oben raus in Richtung Silian verlassen, schaukeln uns die Kaltluftausflüsse durch und es beginnt zu regnen. Kaum zu glauben, aber es sind immer noch Schirme in der Luft. 
Nicht unser Problem. 
Das Ziel für heute ist es, auf dem Campingplatz in Silian zwei Stellplätze nebeneinander zu bekommen, denn in den vergangenen Tagen hatten wir Kontakt mit Andrea und Frank, die zu einem Start-/Landeseminar im Enns-Tal gewesen sind und nun in Silian zu uns stoßen wollen. Die nächsten zwei lieben Menschen, deren Weg sich zufällig mit unserem kreuzt. Der Plan ist, zwei Tage zu bleiben und mit Hilfe der Thurntaler Seilbahn von den Startplätzen ganz oben herunter zu fliegen, was so leider nicht stattfinden wird, wie wir später erfahren, als neben uns ein weiterer Camper eintrifft, ebenfalls ein Pilot, und uns mitteilt, dass er selbst mit Argwohn feststellen musste, dass die Seilbahn außer Betrieb ist. Hä? Mitten in der Hochsaison? Ja, die Auskunft auf deren Webseite ist eindeutig, die Bahn hat (wohl wegen Reichtum) geschlossen und wird erst Ende der darauffolgenden Woche wieder öffnen. Blöd.
Andrea und Frank treffen zwischenzeitlich ein, doch sie haben mit der ortsansässigen Flugschule bereits eine Absprache, denn sie wollen deren Shuttles und deren Schulstartplätze nutzen, um Starten und Landen in erster Linie weiter zu verbessern. Bei Astrid und mir hingegen stehen große Fragezeichen im Gesicht, was wir dann hier wollen, wenn fliegen nicht geht. Mal abgesehen davon, dass unser Gesundheitszustand sich in den vorangegangenen Tagen nicht verbessert, sondern eher verschlechtert hat. 
Zunächst werfen wir aber alles an Lebensmitteln in den Ring, machen gemeinsam ein leckeres Abendessen und dann schmieden wir Pläne für den nächsten Tag, denn so einfach werden wir uns nicht geschlagen geben. 

Astrid und ich haben uns überlegt, dass wir nach dem Frühstück mit den Fahrrädern zum Landeplatz fahren, die dort stehen lassen und zu Fuß mit dem Streckenflugzeug auf dem Rücken zum Startplatz Stalpe hochgehen wollen. Das sind etwa 500 Höhenmeter, was normalerweise kein großes Ding ist, und dann hoffen wir auf mindestens Hangwind oder im besten Fall sogar Thermik und schauen, was wir von diesem relativ niedrigen Startplatz aus so erreichen können. Beim Frühstück spricht uns der Pilot neben uns an und wir stellen fest, dass wir uns kennen, bzw. er mich kennt, denn wir haben zusammen den Kurs  im Juni 2021 bei der Paragliding Academy gemacht, in dem ich mir am ersten Tag beim Landen in Tannheim die Patellasehne abgerissen hatte. Die Welt ist klein. 
Gesagt getan, Andrea und Frank kommen ebenfalls mit dem Rad zum Landeplatz, von wo aus sie das Flugschulshuttle mitnimmt. Am Landeplatz selbst, der der Flugschule „Blue Sky“ gehört, hängen bereits ein paar Leute ab, unter anderem jemand, der durch seine schlechte Laune und seine mürrischen Kommentare à la „Heute müssen wir mal kontrollieren, ob auch alle eine Landekarte gekauft haben“ auffällt, die pauschal unterstellt, dass hier nur Betrüger unterwegs sind. Es handelt sich um Ralph, der Chef der Flugschule. Dann weiß ich schon, wo wir niemals irgendetwas an Ausbildung buchen werden.
Eine Möglichkeit, die Landekarte auf irgendeine Weise online am Start- oder Landeplatz einzukaufen, so wie es in so etwa allen anderen Fluggeländen dieses Planeten möglich ist, gibt es nicht, die 5€ pro Tag und Nase müssen in der Flugschule entrichtet werden, wo Frau selbstverständlich dreimal am Tag vorbeikommt und wo auch immer jemand anzutreffen ist, nicht. 
Andrea und Frank werden das später nach Rücksprache mit ihnen übernehmen, weil sie später sowieso dorthin müssen, um die Auffahrten zu zahlen. Astrid und ich gehen los. Es ist ein Südhang, die Sonne brennt rein, das erste Stück führt uns über einen Fahrweg zu einer Skipiste, auf der wir weiter steil aufsteigen, bis wir einen kleinen Ort erreichen, in dem wir zwischen den Häusern hindurch einen steilen Pfad nehmen, bis wir auf eine Fahrstraße treffen, auf der wir bleiben müssen, bis wir am Startplatz Stalpe sind. Mit Infekt, 12 kg Flugzeug auf dem Rücken, bei 40°C  in der prallen Sonne 300 Höhenmeter über eine Asphaltstraße sind wirklich nicht fein zum Gehen, der Weg zieht sich wegen der geringen Steigung der Straße unter diesen Bedingungen endlos hin. Aber wir kommen an, triefnass, aber oben.
Eine kurze Pause auf der Bank am Startplatz, essen, trinken, verschnaufen, trockenlegen und die Windfahnen beobachten. Rechter Hand grenzt ein Wald an den Startplatz, der bei westlichen Lagen sicher den ganzen Platz ins Lee zaubert, doch heute sieht es gut aus, wir haben Südost und es kommen immer mal wieder Ablösungen hoch, die etwas stärkeren Wind verursachen. Ansonsten ist der Startplatz super mit einer guten Neigung, die dafür sorgen wird, dass wir relativ schnell nach dem Aufziehen fliegen werden, wenn sonst nix dazwischen kommt. Ob’s steigt, können wir nur ahnen, denn es ist sonst niemand in der Luft, der oder die das anzeigen würde. Wir wünschen es uns, aber das werden wir erst nach dem Start erfahren. Wir legen unsere Schirme nebeneinander aus, nachdem wir die Gurtzeuge vorbereitet und angelegt haben, hängen uns nach dem obligatorischen Check ein, stimmen ab, wer zuerst aufzieht, die Wahl fällt auf mich und sobald der Wind für mich passt, geht’s los. Ich lupfe die A-Leinen mit wenig Impuls, denn der Wind bläst schon ein wenig, die Eintrittskante bekommt Luft, der Schirm steigt langsam über mich, ich bremse an, drehe mich in Startrichtung um, lehne mich in die Tragegurte und schon fliegt die Kiste. Ich muss wirklich zugeben, das Take-Off-Seminar, das wir im Frühjahr zwei Tage gemacht haben, verbesserte unsere Startkompetenz eindeutig, insbesondere beim Rückwärtsaufziehen. So, jetzt ist die Frage, wo geht’s rauf? Ich fliege den Hang ab, eigentlich müsste der anstehende Wind schon dafür sorgen, das Sinken in ein Steigen zu verwandeln, doch alle Baum- und Geländekanten, die ich ansteuere, wo normalerweise Wind und Thermik nach oben abreißen müssten, lassen meinen Schirmi kalt, es geht nur nach unten. 
Astrid hat derweil ein bisschen Zirkus am Startplatz, denn sie zieht genau in eine kleine Ablösung hinein auf, was ihr die Tüte komplett verwurschtelt, sie muss aushängen und neu auslegen, weil immer noch niemand sonst am Startplatz da ist, der oder die helfen könnte. Deswegen dauert das noch ein bisschen, während ich einen letzten Versuch über dem kleinen Dorf unternehme, ob sich dort irgendwo warme Luft ablöst, was über Straßen und Dächern schon auch mal in einem nennenswerten Umfang passieren kann. Ein Strohhalm. Es funktioniert aber nicht und als ich sehen kann, dass Astrid gestartet ist und fliegt, bin ich bereits so tief, dass ich übers Landen nachdenken muss, 500 Höhenmeter ohne Steigen machen kurze Flüge. Der Landeplatz ist groß und eben, die Windfahne, die ich beim Überfliegen beobachte, lässt keine Zweifel aufkommen, in welche Richtung der Endanflug gehen muss, also fliege ich eine Linkslandevolte, lasse mich im Queranflug gegen den Wind in den Endanflug driften und setze sanft auf. Die beiden Gamechanger bei meinen Landungen, die in den letzten Wochen immer besser wurden, waren im Endanflug nicht nach unten sehen, entgegen aller Anweisungen in der Ausbildung, habe ich mir das dummerweise angewöhnt, sondern nach vorne und mit dem Flairen, dem Anbremsen kurz vorm Aufsetzen, nicht so lange warten. Lieber eine Sekunde früher als eine Sekunde zu spät, damit der Schirm Zeit hat, langsamer zu werden, denn sonst bin ich häufig, gerade bei Nullwind, mehr oder weniger ungebremst aufgeschlagen. 
Astrid hat einen sehr ähnlichen Flug, sie kommt ebenfalls nach wenigen Minuten in den Endanflug und landet schön. Kurzer Flug hin oder her, er ist besser als kein Flug und außerdem checken wir, dass wir bis zu diesem Zeitpunkt jeden Tag, seit wir unterwegs sind, einen Flug gemacht haben, 9 Tage hintereinander. Das ist neu. 
Hinter uns kommen Andrea und Frank zum Landen, die bereits ihren zweiten Flug heute gemacht haben, einer von jeweils einem der Schulstartplätze, zu denen auch Stalpe gehört. Leider merken wir, dass wir uns mit dem Aufstieg in der Hitze in Kombination mit unserem Gesundheitszustand keinen Gefallen getan haben. Wir gehen abends noch mit Pizza essen, wo sich zwei Bekannte von Andrea und Frank hinzugesellen, doch der Umstand, dass weitere Flüge hier ohne extrem lange und mühselige Aufstiege nicht gehen und wir uns auch einfach nicht mehr gut fühlen, packen wir am nächsten Morgen nach dem Frühstück zusammen und treten die Heimreise an. Über Lienz verlassen wir das Tal, fahren durch den Fellberntauerntunnel nach Norden, überqueren den Pass Thurn, kommen über Kitzbühel auf die letzte Autobahnauffahrt vor der Deutschen Grenze, wo wir uns dafür entscheiden, keine Nacht mehr irgendwo zu stehen, sondern mit häufigeren Wechseln bis nach Hause zu fahren. 

Ein kleiner Fliegeurlaub geht damit zu Ende mit ein paar neuen persönlichen Rekorden: längste, bisher geflogene Strecke, höchste bisher erreichte Höhe und die bisher längste ununterbrochenen Serie an Flugtagen. 
Es geht uns allerdings am nächsten Tag so schlecht, dass wir uns dazu entschließen, mal die Hausärztin aufzusuchen und uns ein paar Tage Ruhe zu gönnen, bevor wir ins Saarland fahren und meine Mädels für zwei Wochen Bayern abzuholen, was dann wieder knapp 1000km Autofahrt bedeutete.

Nord-, Süd- und Osttirol, 20.06.-30.06.2026

Die Überschrift könnte bei diesem kleinen Urlaub wohl auch lauten „randomly and completely unexpected met some very nice people“, denn egal, wo wir angekommen sind, treffen wir ganz liebe Menschen, die wir von diversen anderen Fliegespots oder Events kennen, ohne dass wir auf irgendeine Weise verabredet gewesen wären.
Pünktlich zum Start zu unserem Fliegetrip fängt sich Astrid leider einen Infekt ein, doch wir fahren trotzdem los, stecken die Ziele so, dass es auch angeschlagen einigermaßen funktioniert, das Matterhorn ist sowieso Geschichte für dieses Jahr, und dann erwischt es ein paar Tage später natürlich auch mich als wir von Nordtirol nach Südtirol umsetzen.
Wir machen das Beste draus, schaffen unsere bisher längste XC-Strecke, stellen einen neuen persönlichen Höhenrekord auf und fliegen in uns bisher unbekannten Fluggebieten in einsamen aber wunderschönen Tälern.

Für den Samstag, den 9. Mai, hat der Verein um Heiko herum erneut das sogenannte XC Königswinkel Fliegeevent organisiert, an dem ich, Milla, und meine Frau Astrid das erste Mal teilnahmen. Bisher kollidierten praktisch alle Veranstaltungen, die im Verein so angeboten werden, immer mit unseren familiären Verpflichtungen und so freuten wir uns sehr, dass es dieses Mal terminlich für uns passte. 

Beim Thema Streckenfliegen stecken wir beide auf jeden Fall noch in den Kinderschuhen und waren erst nicht sicher, ob so eine Veranstaltung der richtige Ort für uns ist. Diese Frage hat wohl noch mehr Menschen beschäftigt und Heiko gab in der WhatsApp Gruppe die klare Antwort, dass alle eingeladen sind, egal ob Anfänger*in oder Profi, sich anzuschließen und einen schönen Flugtag rund um den Breitenberg in Pfronten gemeinsam zu erleben. Denn genau für diejenigen, die etwas dazu lernen wollen, veranstaltet der Verein solche Events.

Bereits beim vorabendlichen Briefing per Teams spitzen wir die Öhrchen und saugen alles auf, was an Input zu den möglichen Flugrouten, dem Wetter, den Start- und Landeplätzen und diversen Besonderheiten, die es durchaus zu beachten gibt, auf uns einprasselt.  Wenngleich wir bereits ein paar Mal am Breitenberg geflogen sind, so lernten wir doch bereits zu dem Zeitpunkt schon wieder irre viel neues Zeug. 
Die Wetterprognose für den darauffolgenden Tag sah zunächst etwas bescheiden aus. In der Nacht begann es zu regnen und hörte erst in der Früh wieder auf, erste Zweifel kamen auf, ob’s unter diesen Bedingungen überhaupt Sinn ergibt, mit so vielen Menschen so ein Event stattfinden zu lassen, doch der Optimismus lohnte sich für die meisten Pilot*innen. 

Gegen 9 Uhr fanden sich fast alle Teilnehmenden an der Talstation der Breitenbergbahn ein, manche Gesichter kamen mir bekannt vor, manche sind mir bereits vertraut, doch die meisten habe ich noch nie gesehen. Für jene, die bisher noch nicht am Breitenberg geflogen sind, wurde eine Landeplatzbesichtigung angeboten, denn der ist schon ein wenig speziell, wie ich selbst schon erfahren musste. Alle anderen stiegen nach erneutem kurzem Briefing durch Heiko in die Bahn, um zum Startplatz Brandplatz zu gelangen. Parawaiting war zunächst mal angesagt, das für Austausch in der Gruppe und wieder jede Menge interessanten Input von Heiko und anderen erfahrenen Pilot*innen genutzt wurde. Währenddessen wurde die Sonneneinstrahlung stärker und sorgte so für thermische Ablösungen aus Ost, die immer wieder mal den leichten Wind aus Nord überlagerten. Natürlich stand es jedem Piloten und jeder Pilotin frei, wo er oder sie starten möchte. Besser stand der Wind an Stütze 9 oder Kesselmoos, bloß war es von dort möglicherweise schwieriger, eine der halbwegs sicheren Thermiken zu erreichen. 
Allgemein war wohl zu erwarten, dass der nächtliche Regen für eher schwächere Thermik Bedingungen sorgen würde, als mal gedacht war und frühes Starten nicht sinnvoll erschien. Gleichzeitig war das fliegbare Fenster nach hinten begrenzt, weil es im Verlauf des Nachmittags ab etwa 14 Uhr zu lokalen Gewittern kommen könnte und Heiko bat alle darum, die Umgebung bezüglich Überentwicklungen gut im Auge zu behalten und im Zweifel rechtzeitig landen zu gehen. 

Erwartungshaltungen hatten wir ehrlicherweise keine an den Flugtag. Dazu sah das Wetter einfach nicht ideal genug aus. In der Vergangenheit haben wir jedoch auch schon gelernt, dass Gelassenheit die besseren Ergebnisse erzielt und so war unser einzig ausgesprochenes Ziel für diesen Tag: erstmal den Schirm schön aufziehen. Dann eine Startentscheidung treffen und vom Starthang wegfliegen, und dann mal schauen. 
Trotz der schwierigen Prognosen fanden sich mindestens 40 Pilot*innen aus dem Verein am Startplatz ein und es war eine bunte Mischung aus erfahrenen Vereinsflieger*innen und Newbies, die beim Rudelfliegen erste XC Erfahrung schnuppern wollten. Heiko hat immer wieder betont, dass wir uns an den vor uns fliegenden orientieren können und sollen: wo geht’s rauf? Wo geht’s runter? Einfach mal hinterher fliegen und das imaginäre Gummiband zum Landeplatz durchschneiden. Klingt ganz einfach. War es aber nicht. ;-)
Nachdem der erste Pilot gestartet war und deutlich aufgedreht hatte, ging am Startplatz das Vorbereitungsgewusel los, doch es kam keine Hektik auf, niemand hat es eilig, man bereitet sich einfach vor, einige wechselten den Startplatz und gingen zur Stütze 9 rüber, die meisten jedoch blieben am Brandplatz, wo es inzwischen immer längere Nullwindphasen gab. 
Wir stellen uns mit unseren Tulpen in die Schlange, nette Menschen helfen beim Auslegen und so kann trotz der recht großen Gruppe relativ zügig gestartet werden und Astrid geht auf diese Weise vor mir auf die Reise. Der flache Startplatz und der fehlende Wind, bzw. im ungünstigen Fall, der leichte Rückenwind, machen das Starten einigermaßen anspruchsvoll und genau diese Bedingungen sorgen dafür, dass ich meinen ersten Versuch nach eingeklappter Front aktiv abbrechen und mich nochmal in die Schlange einreihen muss. Als ich wieder auslegen kann, kommt mir Miriam zu Hilfe, was es für mich deutlich einfacher macht und beim zweiten Versuch, etwa eine Viertelstunde nach Astrid, geht’s auch für mich in die Luft. 
Mit Heikos Tipps im Ohr suche ich als erstes an der Rippe unterhalb der Mittelstation und eiere dort eine ganze Weile rum. Astrid fliegt derweil direkt vorm Breitenberg und berichtet mir über Funk, dass es dort ganz ordentlich rauf geht und als ich genug Höhe habe, um die Seilbahn zu überfliegen und die Rippen zum Breitenberg hoch zu erreichen, fliege ich ab, finde am Ziel die Aufwinde und schraube mich über die Ostlerhütte und den Gipfel. Das ist schon ein abgefahrenes Gefühl, solche Orte einfach überfliegen zu können, an denen man schonmal zu Fuß gewesen ist. 
Vor dem Start hatten Astrid und ich uns überlegt, dass wir die kleinste der von Heiko vorgestellten Routen mit dem Vilser Kogel im Osten und der Alpspitze bei Nesselwang im Westen versuchen wollen, sofern die Situation in der Luft es zulässt. Andere Vereinskolleg*innen möchten den Sprung zum Tegelberg angehen und wieder andere haben sich zum Ziel gesetzt, die Runde um den Forggensee an zu gehen. 
Nach dem Start sind am ganzen Breitenberg verteilt so viele Schirme in der Luft, dass ich natürlich überhaupt nicht checke, wer wo hin will und wem ich also schlauerweise nachfliege. Macht aber nix. Wir haben ja alle eine Lizenz und theoretisch weiß ich, was ich zu tun habe. Irgendwann merke ich nämlich, dass meine Höhe nun reichen würde, um in Richtung Osten abzufliegen und tue das dann auch, wobei ich die etwas ruhigeren Abschnitte, in denen es eher Sinken gibt, beschleunigt durchfliege, bis die nächste Rippe erreicht ist und meine Suche nach Aufwind von vorne beginnt. Astrid muss noch ein paar Minuten länger am Breitenberg kurbeln, kommt dann aber auch rübergehüpft. Gleich nach Ankunft vor dem Roten Stein geht’s bei mir schon wieder rauf, ich drehe ein, versuche, so gut es geht zu zentrieren und merke bald, dass der Gipfel des Roskopf in greifbare Nähe rückt. Um das Gipfelkreuz überfliegen zu können, brauche ich zwei Anläufe, weil ich beim ersten Versuch nicht geduldig genug gewesen bin. Aber als das dann geklappt hat, lasse ich mich am Grat entlang zum Brentenjoch hochziehen, das ich kurze Zeit später ebenfalls überfliegen und den Wandernden unter mir zuwinken kann. 
Mit so viel Höhe im Gepäck springe ich rüber zum Vilser Kogel, den ich tatsächlich ohne weitere Höhe generieren zu können erreiche und sogar das Gipfelkreuz überfliegen kann. Mein Blick schweift weiter Richtung Osten zum Tegelberg. Ich habe so viel Höhe, dass es schon klappen müsste, da rüber zu fliegen. Allerdings tropft es genau in dem Moment auf meinen Schirm. Eine kleine Wolke regnet aus und erinnert mich daran, dass ich das Wetter im Blick behalten muss. Und leider habe ich an der Stelle auch Astrid aus den Augen verloren, was für mich stets ein ungutes Gefühl bedeutet. Bevor wir Pilotinnen wurden, waren wir sehr aktiv im Bergsteigen. Und aus dieser Zeit stammt unser Bedürfnis, immer als Seilschaft zusammen zu bleiben. Beim Fliegen ist das nur gar nicht so leicht. 
Deswegen halte ich mich gar nicht lange hier auf und trete den Rückweg in Richtung Breitenberg an. Dabei überfliege ich den kleinen Steinbruch, den Heiko erwähnte, wo ich einen anderen Schirm tief unter mir durchfliegen sehe. Ich wünsche ihm Glück bei seiner Suche und achte selbst penibel darauf, nirgendwo ins Lee zu fliegen, gerade am Roten Stein ist das beim vorherrschenden Nordwestwind auf meiner Flugrichtung schnell passiert. Auf meiner Route merke ich ziemlich schnell, dass der Wind, gegen den ich nun anfliege, meine Vorwärtsfahrt ordentlich bremst und mein Sinken beschleunigt. Kurz hinter dem Roten Stein wird mir bewusst, dass ich so möglicherweise den Landeplatz nicht erreiche und schaue mal ein wenig genauer um mich herum, wo es etwaige Landewiesen gibt. Ich erinnere mich an Heikos Worte, der im Vorfeld sehr ausführlich über die geeigneten Landemöglichkeiten gesprochen hat. Den Gedanken hatte ich noch nicht ganz zu Ende gedacht, als sich mein Vario meldet. Es geht wieder rauf. Langsam, aber rauf. Als ich da so rumdoktere und bald wieder über die Baumwipfel schauen kann, überfliegt mich Astrid und wir sind wieder gemeinsam am Kreisen. Das ist das Schönste überhaupt. Das freut mich und es spornt mich an, bis mindestens zu ihr hinauf aufzuschließen und den Weg gemeinsam fortzusetzen. Nun, das gelingt relativ zügig, wir setzen über in die Hänge des Breitenbergs, finden Thermik, drehen ein und genießen den Lift direkt über der Seilbahn, der zunächst mit rund 2m/s nach oben fährt. Dabei achte ich stets auf den Abstand zur Bahn, korrigiere auch mal, falls mich der Wind zu weit zum Hang schiebt, aber im Wesentlichen geht’s entspannt rauf. Astrid fliegt irgendwann ab, lässt sich vom Wind weiter in Richtung Ostlerhütte hinaufziehen, während ich, naiv begeistert von meinen Zentrierfähigkeiten, schön weiterdrehe und mich freue, als aus den 2 Metern Steigen 3 werden, dann 4, dann 5 und mir die Sache erst komisch vorkommt, als mich die Wolke über mir schnappt, in die ich dann mit über 7 Meter Steigen eingesaugt wurde. Zefix. Das ging irre schnell und ich hab’s überhaupt kein kleines Bisschen gecheckt. 
Ich zögere nicht, ziehe die Ohren ein, beschleunige und fliege nach Norden wieder aus der Wolke heraus. Upsi, das war nicht gut. Erst als die Sicht wieder ganz klar ist, lasse ich die Öhrchen raus, schaue um mich herum, und habe keine Ahnung, wo plötzlich diese Wolke hergekommen ist, die genauso schnell, wie sie mich schnappte, auch schon wieder wegzog. Auf jeden Fall ein Zeichen, hier nicht mehr so viel Zeit in der Luft zu verbringen, es könnte blöd werden. Naja, jetzt war erstmal der Blick auf den Aggenstein wieder frei und ich beschloss, den Zipfel in meiner Route auch noch mitzunehmen. Das Sinken zwischen Breitenberg und Aggenstein war jedoch so groß, dass ich mich bald für den Rückzug entschied, weil ich sonst nicht mehr im Bereich der Startplätze Kesselmoos und Stütze 9 über die Kante gekommen wäre und außen um die Mittelstation hätte kurven müssen. Als ich über die Kante komme sehe ich Astrid, die gerade dabei ist, ihre Höhe mit Spiralen zu vernichten, weil es überall nur noch hoch geht. Ihren letzten Funkspruch hatte ich nicht richtig verstanden, doch jetzt weiß ich Bescheid: sie geht landen, weil es in Anbetracht der Wetterentwicklung Zeit wird. 
Das ist auf jeden Fall eine gute Entscheidung und ich entschließe mich dazu, die Höhe mit einem kleinen Abstecher zum Vorderen Kienberg bei Pfronten, wo die Straße ins Tannheimer Tal verläuft, zu vernichten, bevor auch ich landen gehe. 

Ein tolles Flugerlebnis, bei dem wir beide wahnsinnig viel gelernt und unsere Komfortzone wieder ein klein wenig gedehnt haben, geht zu Ende. Am Landeplatz lernen wir, dass manche Pilot*innen, die früher als wir gestartet waren, leider nicht aufdrehen konnten und deshalb zum Buchenberg umgezogen waren, um dort noch schöne Flüge zu erleben. Auch wir packen zusammen und fahren nach Buching, denn der Vereinsvorstand hat dankenswerter Weise Tische im Casa Maria reserviert, um einen gemeinsamen Tagesausklang beim spontanen Stammtisch erleben zu können. Dort lernen wir dann, dass manchen Piloten tatsächlich der geplante Flug um den Forggensee geglückt ist, mancher ist bis weit ins Flachland raus geflogen und insgesamt berichten alle von einem tollen Tag – der definitiv sehr viel besser funktioniert hat, als die Prognosen ahnen ließen. Das Wetter wird eben doch immer erst am Berg gemacht. 

Es war uns eine Freude, beim XC Königswinkel dabei sein zu dürfen und unser herzlicher Dank geht an unseren Vorstand und vor allem an Heiko, der diesen Tag sehr professionell vorbereitet und durchgeführt hat. Uns ist an diesem Tag ehrlicherweise erst so richtig bewusst geworden, was für einen tollen Verein wir haben und wieviel Benefit wir Vereinsmitglieder aus den durchgeführten Veranstaltungen ziehen können.
Sofern unsere Lebenspläne es zeitlich zulassen, wollen wir künftig häufiger bei Vereinsaktivitäten dabei sein. Denn die Ostallgäuer Pilot*innen sind schon ein nettes Völkchen. 
…Und das Leben ist bei den ersten Streckenflügen, auch wenn sie wie heute bei uns im Vergleich zu anderen eher kurz ausgefallen sind, leichter, wenn frau in der Gruppe fliegen kann.

XC Königswinkel – Ostallgäuer Gleitschirmflieger e.V., 09.05.2026

Bereits einige Jahre in Folge hat der Verein Ostallgäuer Gleitschirmflieger e.V., in den wir beide eingetreten sind, ein Event namens XC Königswinkel auf die Beine gestellt, um insbesondere Einsteiger:innen ins Streckenfliegen eine Möglichkeit zu bieten, erste Erfahrungen in Sachen Routenplanung, Wetter sowie Besonderheiten im Fluggebiet zu sammeln, und das in einer größeren Gruppe, denn Rudelfliegen macht’s für alle einfacher, die besprochenen Dinge dann auch umzusetzen.
In der Regel war es die letzten Jahre leider auch so, dass die Vereinstermine und -veranstaltungen so gut wie immer mit unseren Saarlandwochenenden kollidierten und wir nicht teilnehmen konnten. Dieses Jahr war das anders und obwohl die Prognose für diesen Samstag eher ungünstig aussah, schlossen wir uns an und ja, das hat sich absolut gelohnt.

Endlich ein paar Tage Urlaub. Er schließt sich direkt an ein Wochenende mit meinen Mädels im Saarland an und bedeutet, 7 Tage am Stück frei zu haben, was wir länger nicht mehr hatten, wenngleich manche Menschen glauben, wir müssten nicht arbeiten, weil ständig neue Bilder und Videos unserer Freizeitgestaltung in Social Media auftauchen, doch dem ist natürlich nicht so. Irgendwie müssen all diese Privilegien schließlich finanziert werden. Glücklicherweise hat sich die Wetterprognose dahingehend für diese Woche verbessert, dass es zumindest in den nordwestlichen Alpen nicht regnen soll, der Wind jedoch an den meisten Tagen in der ersten Hälfte der Woche gegen fliegen spricht. Andere Klassiker, wie Speikboden, Bassano, Meduno, Greifenburg, scheiden aufgrund von Föhn und Südstaulage sofort aus, worüber ich nicht traurig bin, denn mindestens die letzten drei der genannten sind stets massiv überfüllt, weswegen wir beide uns nur noch den Weg dorthin antun wollen, wenn gute thermische Bedingungen vorhergesagt sind. Alles andere führt nämlich dazu, dass sich mehrere hundert Pilot:innen kleinräumig auf wenigen Höhenmetern an den gleichen Hängen im Aufwind tummeln, von denen die meisten die Hangflugregeln nicht zu kennen scheinen. So haben wir das bisher bei 3 Besuchen insbesondere in Bassano erlebt, wo es aus diesen Gründen regelmäßig schwere Unfälle gibt. Das möchten wir nicht.
Außerdem sprechen die momentan explodierenden Spritpreise gegen lange Reisen mit dem Camper. Ein völlig durchgeknallter, uralter weißer Mann und die unfähigste deutsche Regierung seit der Gründung der Bundesrepublik werden bis auf Weiteres dafür sorgen, dass das so bleibt. Die gute Nachricht: Wir haben noch genug Diesel im Tank, um die österreichische Grenze zu erreichen und dort tanken zu können. Natürlich muss hier niemand in Frage stellen, warum ausgerechnet ein Verbrenner angeschafft wird, um mit der Wohnkabine darauf eine Art Freiheits- und Flexibilitätsgefühl aufkommen zu lassen, doch bis es so etwas elektrisch gibt, wackeln mir schon lange keine Zähne mehr. Diesen Zug hat man in diesem Land schon vor langer Zeit verpasst.

Pfänder

Nachdem wir montagsmorgens startklar sind, fällt die Entscheidung, zunächst in Richtung Bodensee zum Pfänder aufzubrechen, wo sich, wenn es einigermaßen läuft, noch ein Flug am Nachmittag ausgehen könnte. Einen Stellplatz für die erste Nacht gibt es dort auch und der Landeplatz mitten in Lochau ist sogar in wenigen Minuten mit dem Fahrrad zu erreichen. Am Pfänder sind wir bisher noch nicht geflogen und um’s vorweg zu nehmen, es wird mit einer guten Wahrscheinlichkeit auch mein letzter Flug dort gewesen sein. Am Stellplatz der Brennerei Prinz in Lochau angekommen, wackeln wir einmal kurz der Neugier wegen durch deren Hofladen, der einige Köstlichkeiten zu bieten hat, doch spontan fällt uns nichts in die Hände, was wir unbedingt mitnehmen wollen. Um die Zeit nicht weiter zu strapazieren, packen wir unsere Fliegesachen und machen uns mit dem Fahrrad auf den kurzen Weg zum Landeplatz, wo wir die Räder stehen lassen und mit dem öffentlichen Nahverkehr auf den Pfänder rauffahren. Am Landeplatz angekommen, dürfen wir einer Landung eines einheimischen Piloten beiwohnen, der nach eigener Aussage hier ziemlich oft fliegt. Die Art und Weise, wie er sich auf die Wiese herunterarbeitet, sagt mir, dass er irgendetwas an der Physik des Fliegens nicht verstanden hat, denn mit „Runterpumpen“, was er möglicherweise anwenden wollte, hatte das nichts zu tun. Sah eher aus, wie ein hektisches, mitunter gefährliches, aber wirkungsloses mit den Steuerleinen Wedeln, aber das geht mich nichts an. Wir lernen, dass er ebenfalls nochmal rauf möchte, im Gegensatz zu uns aber den Bus zur Seilbahn nimmt und wir auf der gegenüberliegenden Straßenseite in den Bus zur Haltestelle Pfänder hinauf einsteigen. Witzigerweise steigt mit uns ein Kumpel von besagtem Piloten ein, der sich mit ihm fürs gemeinsame Fliegen verabredet hatte und wir haben Gelegenheit, uns ein paar Infos zum Fluggelände abzuholen. Es gibt ein paar Dinge, auf die Frau achten sollte. Zum Beispiel ist der Landeplatz, der von zwei Hauptstraßen, mehreren hohen Gebäuden, einer Eisenbahnlinie und dem Bodensee begrenzt ist, die einzige sinnvolle Landemöglichkeit vom relativ weit entfernten Startplatz aus. Das Ostufer des Bodensees ist derart stark bebaut und mit Überlandleitungen zugepflastert, dass die einzige andere Landemöglichkeit, die vor dem eigentlichen Landeplatz erreichbar ist, aus einem kurzen, schmalen Uferstreifen besteht auf dem eine Landung sicher mit einem hohen Risiko behaftet ist. 
Von einem Spezl, den wir in der Sache kontaktierten und der hier bereits selbst geflogen ist, erfahren wir immerhin, dass man auch mit einem ungünstigen Gleiten den Landeplatz erreicht, wenn Frau keine Sperenzchen unternimmt. Dürfte also mit unseren Thetas kein Problem darstellen.

Oben aus dem Bus gestiegen, gehen wir gemeinsam zum Startplatz, kommen dabei an der Bergstation der Seilbahn vorbei, wo sich auch der „Landespezialist“ hinzugesellt und wir lernen im Gespräch, dass jener den Tandemschein machen möchte. Ich kommentiere das nicht, doch das ist ein Mensch bei dem ich sicher nicht mitfliegen würde. Die Hoffnung wäre allerdings, dass sie ihm in der Tandemschule das Starten, Fliegen und Landen beibringen, denn auch sein Start ist die nackte Hektik, von den Vorbereitungen bis zum Abheben, bei dem er schon wieder so wild mit den Armen rudert. 
Aber Achtung: Ich reiße an der Stelle mal lieber nicht so die Klappe auf. 
Der Startplatz. Ist mir genauso unsympathisch, wie der Landeplatz. Flach, von Bäumen umsäumt, d.h. je nach Wind gibt’s schnell Lee-Situationen, mit großer Mulde in Startrichtung und praktisch Nullwind, was so nicht vorhergesagt war. Das Sahnehäubchen: Wenige Minuten vor unserem Eintreffen hat der Bauer den Startplatz bis auf den oberen Rand, wo wir die Schirme auslegen, frisch geodelt (bayerisch für Kuhscheiße auf der Wiese verteilen). Die anderen beiden Piloten bestehen darauf, dass wir alle gemeinsam kurz hintereinander starten und warten deswegen extra auf Astrid und mich. Für 4 Schirme ist jedoch an der günstigsten Startstelle nicht genügend Platz, weswegen ich weiter in den flachen Teil ausweiche. Wenn ich allein am Startplatz gewesen wäre, hätte ich dort im Leben nicht meinen Schirm ausgelegt. Zu unserem Grüppchen stößt ein Wanderer, der den beiden anderen offensichtlich bekannt ist und der anscheinend auch etwas mit Gleitschirmfliegen zu tun hat. Als wir alle startklar sind, zieht unser Busmate als erster auf, rückwärts bei Nullwind auf einer flachen Wiese. Ich verstehe es nicht, doch er hebt tatsächlich ab, flitzt super nah über die nicht steiler werdende Wiese, kommt gerade so über die Mulde und die hintere Baumreihe drüber. Boah…. Ich rede mir ein, dass ich starten kann und dass das bei mir anders aussehen wird. Ihm folgt unser angehender Tandempilot, der sich fürs Vorwärtsaufziehen und -starten entscheidet. Auch er kommt fast nicht vom Boden weg. Dann bin ich dran. Das Aufziehen der Kappe gelingt mir super gut, der Schirm ist offen und stabil über mir, ich beginne zu beschleunigen und dabei die Steuerleinen freizugeben, doch der Schirm trägt mich nicht. Wahrscheinlich hätte ich einfach noch schneller weiterlaufen müssen, doch als ich ganz kurz mit den Füßen vom Boden wegkomme, gewinnt die Illusion, dass ich ins Fliegen komme. Ähm, nein. Fail. Beim nächsten Bodenkontakt geht der Druck aus dem Schirm, er fällt zusammen und ich kullere mit meinem neuen Liegegurtzeug durch die Kuhscheiße, die den Weg in alle Ritzen und auf die gesamte Kleidung und natürlich das Gurtzeug findet. Genau das braucht Frau als Start in eine Urlaubswoche. Ich habe Mühe meine Wut zu unterdrücken, packe meinen völlig verdrehten Schirm zur Tulpe und stapfe durch die Scheiße wieder die Wiese hoch. Während Astrid immer noch startbereit da steht und ich nicht möchte, dass sie sich wegen mir aushängt, kommt der Wanderer mir beim Schirmauslegen zu Hilfe, was mich dann doch freut, wenngleich mir der im wahrsten Sinne des Wortes verkackte Startversuch ultrapeinlich ist. Mit seiner Hilfe muss ich mich nicht aushängen und die ganze Routine von vorne beginnen und nachdem alles sortiert und korrekt ausgelegt ist, besteht Astrid darauf, dass ich vor ihr raus soll, nachdem sie mir über Funk geschildert hat, woran der letzte Versuch möglicherweise gescheitert ist. 
Also dann. Bereit, etwas mehr zu laufen, ziehe ich mit etwas mehr Impuls auf, stabilisiere und laufe, laufe, laufe, quatsch, quatsch, quatsch, durch die Scheiße den flachen Hang hinunter und habe im Prinzip das gleiche Problem, wie im ersten Versuch, der Schirm kommt nicht richtig ins Fliegen, weil er schneller sinkt als der Boden nach unten geneigt ist. Als er dann endlich trägt, bin ich mit dem Kopf so dermaßen in diesem blöden Startlauf gefangen, dass ich fast nach links in die Bäume geflogen wäre, nur wenige Meter überm Boden. Mir der Gefahr in Bodennähe bewusst, korrigiere ich mit so viel Gefühl, wie möglich, um keine dynamische Kurve einzuleiten und schaffe es so, mit nur wenigen Zentimetern über die Mulde zu kommen und in der Folge über die untere Baumreihe. Ich hab‘ Puls. Was für ein Scheiß. Apropos Scheiß, der Fahrtwind weht mir den Duft meines Gurtzeuges ins Gesicht. Ich werde heute noch Putztag haben. 

Astrid zieht hinter mir auf, kämpft mit den gleichen Problemen und schafft es ebenfalls nur gerade so, die Wiese nicht nochmal zu berühren und über die untere Baumreihe zu fliegen. Wenigstens sind wir in der Luft und ich muss nicht stinkend in den Bus nach unten einsteigen. Genießen kann ich den Flug jedoch nicht, denn ich bin von den Ereignissen zu sehr aufgewühlt und muss mich wirklich aktiv ermahnen, jetzt nicht unkonzentriert oder gar fahrig zu werden. Das Gelände lässt keine Fehler zu. Aufgabe Nummer eins besteht nun darin, so nah an den Landeplatz zu fliegen, dass auf jeden Fall eine sichere Landung möglich ist und im günstigsten Fall ein paar Höhenmeter mitzunehmen, wenn’s steigt. Das tut es tatsächlich. Und weil unser Busmate im Gegensatz zum angehenden Tandempiloten noch in der Luft ist, zeigt er uns, an welchen Geländekanten ein klein wenig Steigen zu finden ist, wodurch sich unsere Flüge überraschend verlängern lassen. Ganz kurz gönne ich mir einen Blick über den Bodensee, weil es schließlich nicht alltäglich ist, aus dieser Perspektive das Panorama zu genießen und außerdem merke ich erneut, was für einen tollen Schirm ich fliege. Den Landeplatz zu erreichen ist damit überhaupt kein Problem, selbst wenn wir kein Steigen gefunden hätten. Aufgabe Nummer zwei: Wer startet, muss landen. Weil ich offensichtlich etwas mehr Höhe gewinnen konnte als Astrid, obwohl sie nach mir gestartet ist, beginnt sie als erste damit, ihre Landung einzuleiten, der Wind weht relativ stark aber laminar vom See her, was auf jeden Fall eingeplant werden muss. Eine klassische Landevolte ist unter diesen Umständen nicht günstig. Sie baut durch Abachtern angemessen Höhe ab, driftet anschließend gegen den Wind seitlich ins Landefeld, dreht dann genau in den Wind und lässt sich sanft auf der Wiese absetzen. Unter diesen Bedingungen ergibt es überhaupt keinen Sinn, so rumzuflattern, wie wir es bei dem ersten Piloten gesehen haben. Schönere Landebedingungen gibt’s kaum.
Im Wesentlichen tue ich es ihr gleich und auch mich setzt der Wind sanft in der Wiese ab. Der Fahrtwind im Flug hat die Kacke soweit trocknen lassen, dass ich mein Zeug, so wie es ist, einpacken kann und wir mit den Rädern zurück zum Camper fahren können. Beim Landebier hilft Astrid mir, mein Gurtzeug und mich wieder einigermaßen zu säubern, so gut es eben geht. Ein kleiner Trost ist, dass das Gurtzeug keinen Schaden davongetragen hat, was bei dem filigranen Material schnell hätte passieren können, Evgeniy hat mich extra beim Kauf vor etwaigen Bruchlandungen gewarnt, weil schnell was kaputt gehen kann. Mit einem verkackten Start hätte ich zu dem Zeitpunkt ehrlich gesagt nicht gerechnet.
So geht der erste Tag mit einem Geschmäckle für mich zu Ende. Aber keine Sorge, das ist nicht das Ende der Fahnenstange.

Karren und Staufenspitze

Weil am nächsten Tag keine guten Flugbedingungen herrschen, folgen wir dem Rat von Beatrix und Roger von den Kilometerhelden, eine Wanderung auf den Karren und die Staufenspitze zu unternehmen, bevor wir uns mit den beiden, die in der Gegend wohnen, zum Abendessen treffen wollen. Viel Gepäck brauchen wir für die Runde nicht, denn es soll trocken und einigermaßen sonnig bleiben, ob’s allerdings noch irgendwo Schnee hat, wissen wir nicht. Annahme ist nein, denn es handelt ich lediglich um zwei relativ niedrige Gipfelchen. Weil gefrorener Schnee mit Trailrunningschuhen schnell zum Showstopper werden kann, nehmen wir trotzdem die Grödel mit, die jedoch neben Windjacke, Futter und Trinken ebenfalls noch in die Trailrunningweste passen. Der erste Teil bis zum Karren führt über eine steile Forststraße, von der wir auf einen steilen Steig zur Staufenspitze hoch abbiegen. In Summe etwas mehr als 1000 Höhenmeter bei nur etwa 4km Strecke und obwohl sich insbesondere die Forststraße ganz schön in die Länge zog, standen wir, ohne uns zu schrotten, in nur 1:45h am Gipfelkreuz der Staufenspitze. Finde ich für zwei alte Truten gar nicht so schlecht. Für den Abstieg benötigen wir fast die gleiche Zeit, weil wir dafür die etwas längere Variante wählen, damit es wenigstens für die Hälfte des Weges ein klein wenig Abwechslung gibt und ich zwischendurch beim Runtergehen mit Onkel Tommy telefoniere. Zurück am Camper checken wir die Windsituation für den nächsten Tag und stellen fest, dass es auf der anderen Rheinseite im Appenzeller Land an der Ebenalp zum Fliegen funktionieren könnte. Von diesem Fluggebiet haben wir schon relativ viel gehört, waren aber noch nie dort und deswegen wollen wir die Chance nutzen. Die Verabredung mit Beatrix und Roger können wir netter Weise auf den nächsten Abend verlegen und so machen wir uns auf den Weg über die Grenze nach Appenzell und von dort zum Talschluss nach Wasserauen, wo sich der Landeplatz befindet, um diesen schon mal gesehen zu haben. Taugen tut er uns nicht. Das Tal verengt sich hier dermaßen, dass ein Queranflug wegen der ansteigenden Seiten, einem Hotel und mehreren Bäumen kaum möglich ist. Ansonsten ist der relativ kleine Landeplatz durch Zäune, Bauernhöfe, die Endhaltestelle der Eisenbahn mit Oberleitungen, einem Parkplatz und der Talstation der Seilbahn begrenzt. Fehler sind hier nicht erlaubt, es gibt nur sehr begrenzte Möglichkeiten, eine ungünstige Landeeinteilung irgendwie zu korrigieren. Womit ich jedoch fest rechne, ist ein laminarer Talwind, der bei den vorherrschenden Bedingungen sicher an sein müsste, wenn wir zum Landen kommen und der uns ähnlich dem Landeplatz in Lochau helfen wird, sauber und sanft die Landewiese zu treffen. Übernachten auf den Parkplätzen ist, wie immer, streng verboten, auch wenn sich manche nicht dran halten, weswegen wir uns dazu entschließen, einen offiziellen Stellplatz in einem Weiler beim letzten Dorf aufzusuchen. Der ist auch voll fein, vergleichsweise günstig, weil Strom und Wasser inklusive sind, wir außerordentlich schön und ruhig stehen können und uns keine Sorgen über einen Überraschungsbesuch der Polizei machen müssen.

Ebenalp, Appenzeller Land

Am nächsten Morgen, ein Mittwoch, tuckern wir wieder zurück zum Landeplatz, lassen den Camper dort stehen und machen uns zu Fuß an den Aufstieg zum Startplatz Ebenalp, weil die Bahn in Revision ist. Nicht überraschend haben wir beide von der Tour tags zuvor einen ordentlichen Muskelkater in den Beinen, denn die letzten Monate sind wir nach einem Aufstieg fast immer runtergeflogen und nur sehr wenig bergab gegangen, was die Beine nun quittieren. Auf den ersten hundert Höhenmetern kommen Zweifel auf, ob wir den Weg überhaupt schaffen können, weil die Hax’n so schmerzen, aber natürlich ist das nicht ganz ernst gemeint, auch wenn wir unser Flugzeug hochschleppen müssen. Darüber hinaus gibt es nichts zu gewinnen, wir können uns Zeit lassen, die Startbedingungen sollen im Tagesverlauf eher besser als schlechter werden. 
Normalerweise ist in diesem Fluggebiet sicherlich immer viel los, denn es dient einigen als Ausgangspunkt für große Strecken, mit der Bahn sind repetitive Flüge möglich und eine lokale Flugschule rundet das Bild ab. Heute jedoch sind wir völlig allein als wir am Startplatz ankommen. Etwas merkwürdig finde ich, doch es ist ein Vormittag mitten in der Woche, die Bahn fährt nicht und die Startbedingungen sind auf jeden Fall nicht optimal, da der Wind sehr weit aus Ost kommt. Mit der Sonneneinstrahlung ändert sich die Windrichtung zwar immer wieder mal weiter in Richtung Nordost, aber es weht schon ordentlich. Deswegen warten wir nach dem Trockenlegen weiter ab, wo sich das ganze hin entwickelt und erst als wir längere startbare Phasen erkennen und die Böen etwas nachlassen, entscheiden wir uns dazu, uns startbereit zu machen und wenn wir dann immer noch der Meinung sind, dass wir starten können, entscheiden wir neu. Mehr als eine Stunde verbringen wir so am Startplatz, beobachten die sichtbaren Windanzeiger und eine Wetterstation, die online Daten liefert, bis wir uns einig sind, dass es für uns beide passt. 
Gegen Viertel nach Zwölf ziehe ich als erste auf und komme gut raus, werde dann bloß derart schnell hochkatapultiert, dass ich es fast bereue, gestartet zu sein. Innerhalb weniger Sekunden habe ich den Startplatz um gute 200m überhöht, dann wird es etwas ruhiger und ich gehe in eine Warteposition, von der aus ich Astrid im Auge hab‘, die etwas kämpfen muss. Die Bedingungen sind weder am Startplatz noch in der Luft einfach. Beim ersten Aufziehen dreht der Wind so weit auf Ost, dass es ihr den Schirm entgegen ihrer Ausdrehrichtung in den Wind verbiegt, sie eintwistet und aktiv über die C-Ebene abbrechen muss, um nicht ungewollt rückwärts abzuheben, weil die Steuerleinen mit der Drehung blockiert sind. Danach muss sie aushängen, neu sortieren und neu auslegen, um eine saubere Ausgangsposition zu schaffen, die ihr hilft, beim nächsten Aufziehen sauber rauszukommen. Sie schafft’s und fliegt und ist sofort genauso, wie ich, am Kämpfen, um den Schirm offen zu halten, weil es so turbulent und stark steigt. Das ging tatsächlich so weit, dass ich kurz darüber nachdachte, wo genau ich meinen Retter finde, falls es nötig wird. Lange fliegen ist unter diesen Bedingungen keine Option für uns, denn auch dieses Fluggebiet, so schön die Kulisse sein mag, ist es nicht wert, ein zu großes Risiko einzugehen, ein Grund, warum ich mich sehr schnell nach Astrids Start dazu entscheide, vom Berg weg ins Tal zu fliegen, wo es etwas ruhiger ist und dort runter zu spiralen, um möglichst zügig zum Landeplatz zu kommen. Ich bin heile froh, dass unsere Werkzeugkoffer nach mehreren Sicherheitstrainings und einem Streckenflugseminar so gefüllt sind, dass wir mit diesen schwierigen Bedingungen umgehen können und uns nicht hilflos den Elementen ausliefern müssen. Der Puls ist hoch, ich mache unter dem Schirm Riesensätze rauf und runter, aber ich habe zu keiner Zeit das Gefühl, nichts mehr tun zu können. Als ich eine große Wiese überfliege leite ich eine Spirale ein, nicht zu heftig, es gibt keinen Grund für eine Überreaktion, sondern moderat, so dass ich die Umgebung um mich herum weiter wahrnehmen und meine Höhe im Blick behalten kann, denn ich brauche nach dem Ausleiten genug Höhe, um die Windsituation für meine Landeeinteilung einschätzen zu können. Etwa 250m überm Boden leite ich aus und fliege in Richtung Landeplatz, um mir die beiden Windsäcke darauf anschauen zu können. Nach wie vor ist außer uns niemand in der Luft, weswegen ich mir die Freiheit nehme, auf eine klassische Landevolte zu verzichten und mich eher aufs Abachtern einzustellen, weil ich mit Talwind rechne. Tja, bisschen blöd ist, dass die Windsäcke in sehr kurzen Abständen ständig wechselnde Winde anzeigen und der erhoffte Talwind nur ab und zu mal dabei ist. Höhe ist leider endlich und irgendwann muss ich eine Entscheidung für den Endanflug treffen. Sie fällt für eine Landung gegen den Talwind, der zu diesem Zeitpunkt angezeigt wird. Tiefes Einfliegen wegen der kurzen Wiese ist schwierig, weil, wie gesagt, nur sehr begrenzt quer zum Endanflug geflogen werden kann. Ein kleines Bisschen arbeite ich über Runterbremsen, doch spätestens beim Einbiegen in den Endanflug gebe ich langsam wieder frei, um Arbeitsweg fürs Flairen zu bekommen. 25m überm Boden drehen die Windsäcke dann leider wieder auf Seitenwind aus zwei Richtungen, bringen dadurch Steigen mit und zack, wird der Landeplatz in Bruchteilen von Sekunden ganz schön kurz. Über den Landeplatz hinaus zu fliegen ist mit meiner Höhe keine Option mehr, da sich unmittelbar zwei Zäune anschließen und Beine hochheben keine Lösung mehr ist. Mit dem fehlenden Gegenwind werde ich bei meiner letzten Option, mich einfach runter zu bremsen, ohne dabei die Strömung abzureißen, leider nicht ernsthaft langsamer bis zum Aufschlag, den ich durch eine Rolle seitwärts dämpfe. Weh getan habe ich mir nicht, weil die Energie anscheinend doch raus war, dafür verbrachte ich anschließend eine halbe Stunde am nahegelegenen Bach, um meine Ausrüstung und mich wieder von Erde zu befreien. Immerhin hat mein Gurtzeug auch das schadenfrei überstanden, wie ich nach eingehender Inspektion feststellte. Aber ehrlich gesagt, habe ich jetzt genug von verkackten Starts und Landungen, wenngleich der Flug etwas kathartisches an sich hatte. 
Astrid kommt unmittelbar nach mir in den Endanflug, doch sie hat das Glück, dass gerade wieder eindeutig Talwind herrscht. Sie hatte mit dem überraschenden Steigen auf dem Weg in den Endanflug zu tun, was für sie den Landeplatz ebenfalls hat kurz werden lassen, doch sie landet sanft auf ihren Füßen. 
Fazit: Das Fluggebiet Ebenalp ist uns nun neben dem Pfänder auch bekannt, beides brauche ich nicht mehr, wenn die Bedingungen nicht deutlich besser sind, als wir sie vorfanden.

Paragliding Academy, Oberstaufen

An diesem Tag erreicht uns die Meldung von der Paragliding Academy in Oberstaufen, dass nun auch Astrids neues Weightless dort eingetroffen sei und ob sie es schicken sollen, oder wir es abholen können? Planänderung, natürlich holen wir es am nächsten Tag in Oberstaufen ab, weil wir dort die Gelegenheit gerne nutzen, ein erstes Setup der Einstellungen mit geeigneten Aufhängemöglichkeiten vorzunehmen, bevor sie das erste Mal damit fliegt. 
Die Planänderung besteht nun daraus, dass wir einen Platz für die Nacht suchen, idealerweise einen, von dem aus wir zu Fuß zum Treffen mit Beatrix und Roger gehen können und finden das in Form des Waldcampingplatzes in Feldkirch, der uns die Möglichkeit bietet, vor der Abfahrt nach Oberstaufen am nächsten Morgen erneut zu entsorgen und Frischwasser in einer Menge nachzutanken, mit der wir den Rest der Woche auskommen können. Also wieder zurück über die Grenze nach Österreich. Das Abendessen mit Beatrix und Roger findet in einer nahegelegenen Pizzeria statt, die die beiden auch schon kennen und wir verbringen einen voll feinen Abend mit tollen Gesprächen mit den beiden und das Essen ist auch noch fantastisch. Ein aufregender Tag neigt sich dem Ende zu und damit wächst die Vorfreude auf Astrids neues Gurtzeug und es wird noch besser, denn in der Luft verpassen wir am nächsten Tag auch nix, weil viel zu viel Wind ist, um irgendwo abzuheben.

Nach Frühstück, Dusche, Abwasch und Entsorgung brechen wir auf, quer durch den Bregenzer Wald am Fluggebiet Andelsbuch vorbei zu fahren, um Oberstaufen etwa 2 Stunden später zu erreichen. Unterwegs kommt eine Tankstelle vorbei, an der wir ebenfalls nochmal etwas günstiger nachfüllen, als es in Deutschland gerade möglich ist, und auch AdBlue gibt’s an der Zapfsäule, also machen wir Nägel mit Köpfen und nehmen alles mit, damit wir bis zum Ende des Urlaubs nicht nochmal zur Tankstelle müssen, denn wir haben schon gespannt, dass es zum kommenden Wochenende hin am Buchenberg und Tegelberg richtig gut zum Fliegen werden soll, was bedeutet, die Wege werden nicht mehr so lang sein. Außerdem kommt es uns entgegen, dass Astrid mit dem neuen Ding den ersten Flug in einem uns bekannten Gebiet machen kann, was die damit verbundene Aufregung wenigstens ein bisschen dämpft. 
An der Talstation der Hündlebahn fallen wir bei der Paragliding Academy ein, wo wir bereits erwartet werden. Nils, der an Krücken rumhumpelt, wird uns zur Seite stehen, um das Basissetup vorzunehmen, wozu es sinnvoll ist, sich die nötige Zeit zu gönnen, denn ein schlecht eingestelltes Liegegurtzeug kann das Fliegeerlebnis stark beeinträchtigen. Und so verbringen wir einige Stunden bei netten Gesprächen, viel Ausprobieren und Nachstellen an allen möglichen Leinen im Innenleben des Pods bis wir der Meinung sind, dass es für den ersten Flug damit passt. Die Falten sind aus dem Beinsack raus, Astrid sitzt entspannt, übt das Ein- und Aussteigen mit den Füßen und dank einer neu installierten kleinen Seilwinde kann sie sogar ausprobieren, wie es sich beim Start direkt nach dem Abheben anfühlen wird, im dem minimalistischen Gurtzeug zu hängen und aus der Position einzusteigen und sich mit Druck gegen die Fußplatte auf den Sitz zu schieben. Am fortgeschrittenen Nachmittag verabschieden wir uns aus der Flugschule, aber weil es grad gut mit dem Wind passt und niemand fliegt, gehen wir noch eine Stunde auf den Landeplatz, um zu groundeln, d.h. mit dem Schirm am Boden das Aufziehen zu üben und diverse andere Übungen zur Verbesserung der Schirmkontrolle durchzuspielen.

Buchenberg und Tegelberg

Die Wahl aufs Fluggebiet für den nächsten Tag ist einfach. Für den Freitag ist die Prognose um Füssen/Schwangau immer noch perfekt und zwar gleich so, dass wir den von uns schonmal geplanten kleinen Streckenflug wieder aufgreifen wollen. Für die Nacht steuern wir einen Stellplatz auf einem Bauernhof in Rückholz an, sodass wir am nächsten Morgen nicht mehr so weit zum Parkplatz an der Buchenbergbahn zu fahren brauchen. Der Stellplatz ist toll, es gibt einen fantastischen Blick auf die Berge, die Frau vom Hof ist superlieb, der Platz ist vergleichsweise günstig und Strom für ein kleines Geld können wir auch bekommen, damit uns die Gasheizung in der Nacht nicht ständig weckt, denn kalt ist es nachts immer noch. Nur ein anderer Camper ist noch da. Die Nacht ist bis auf das Hufgetrappel der Pferde und der Glocken der Walliser Schafe sehr ruhig. Als wir am nächsten Tag aufbrechen, trainiert die liebe Frau per e-Bike auf einem Rundkurs um eine Weide zwei Haflinger Pferde, die das offensichtlich sehr genießen. Witzig.

Natürlich haben auch sehr viele andere mitbekommen, dass es an diesem Freitag gute Bedingungen am Bube gibt und entsprechend voll wird’s und dazu gesellen sich dann noch ein oder zwei Flugschulen, die das Gewusel abrunden. Schon bei Ankunft am Parkplatz treffen wir auf Norman, der Tandempilot, mit dem meine Mädels schon mehrfach geflogen sind. Er ist heute von einer Flugschule beauftragt, Bilder zu machen. Die erste Runde vormittags starten Astrid und ich per Pedes, gehen mit unseren vollen Rucksäcken zu Fuß die etwa 350 Höhenmeter zum Startplatz rauf, unter anderem auch deswegen, damit Astrid ausprobieren kann, ob der mit dem Gurtzeug mitgelieferte 70 Liter Rucksack für sie taugt, oder ob wir an der Stelle eine andere Lösung brauchen, denn im Flugsport wird so gut wie nichts für Frauen hergestellt, und so ist auch das Tragesystem dieses Rucksacks eigentlich viel zu lang für ihren Rücken. Gut, bei dem 350 Höhenmeter Spaziergang ist das erstmal kein Problem, doch für längere Anstiege muss Frau sehen, ob’s geht. Oben angekommen, fackeln wir nicht lange rum, denn der erste Flug soll einfach ein Gleitflug sein, damit Astrid einen ersten Eindruck von Start, Flug, Landung mit dem neuen Gurtzeug bekommt und wir feststellen können, ob irgendetwas nachjustiert werden muss. Beim Fertigmachen biegt Hakan um die Ecke, der ebenfalls im Ostallgäuer Gleitschirmverein ist und den wir vor wenigen Wochen am Neunerköpfle das erste Mal getroffen haben. Ein sehr angenehmer Mensch. Wir schnacken kurz. Er möchte auch erst einen Gleitflug machen, aber dann im zweiten Gang am Überprüfungsflug für seinen B-Schein basteln, indem er zum Tegelberg und zurück fliegt. Das ist auch genau unser Plan für heute. 
Astrids erster Start mit dem Liegegurtzeug wird von Norman gefilmt. Nach etwas Anstehen in der Schlange, zieht sie vorwärts auf, weil der Wind noch schwach ist, und zeigt einen perfekten Abheber, sehr ruhig, sehr beherrscht, einfach schön. Ich lege an der Seite neben dem Startplatz aus und ziehe von dort auf, nachdem ich mir vom Fluglehrer der Flugschule grünes Licht geholt hatte, damit ich die Schule nicht behindere. Auch meinen Start filmt Norman und schickt mir später das Video, auf dem eindeutig Verbesserungspotential zu erkennen ist, insbesondere für die Beschleunigungsphase, nachdem der Schirm sauber über mir ist, ich ihn stabilisiert und angeschaut habe, zu laufen beginne, die Bremsen langsam mit der wachsenden Geschwindigkeit freigebe, dann aber einen ungünstigen sehr großen Schritt mache, mit dem ich zwar zu fliegen beginne, aber noch sehr nah am Boden bin. Aus der Perspektive von Norman sieht es so aus, als würde ich im letzten Moment mit dem Protektor auf der Unterkante des Startplatzes aufsetzen, was ziemlich blöd gewesen wäre. Aus meiner Perspektive war ich jedoch bereits über den letzten Punkt hinaus, bevor ich damit begann, meine Füße in den Beinsack zu sortieren. Trotzdem ein guter Hinweis für die Zukunft, dass ich besser Acht gebe beim Startlauf. 
Astrids allererster Flug mit Liegegurtzeug ist für sie tatsächlich einigermaßen unaufgeregt. Sie kommt nach dem Start gut rein, lernt im Flug, wie sich das Gurtzeug anfühlt und welche Rückmeldungen es vom Schirm gibt und hat kein Problem, ihre Füße wieder aus dem Sack zu bekommen, bevor sie eine Zuckerlandung abliefert. Insgesamt auf jeden Fall Begeisterung, sie kommt super zurecht. Wir packen zusammen, fahren mit der Seilbahn rauf und wollen das erste Mal versuchen, im nächsten Flug rüber zum Tegel und zurück zu fliegen. Die wesentlichen Punkte, so glauben wir, sind klar, aber natürlich kommt es etwas anders beim ersten Versuch.
Pünktlich um 14 Uhr heben wir ab, dieses Mal ziehen wir rückwärts auf, weil der Wind etwas zugelegt hat, und wieder kommt das Gefühl auf, dass sich das Take-Off-Seminar im März so richtig gelohnt hat, weil ich mit dem Aufziehimpuls auf die mittleren A-Leinen nicht den kleinsten Zweifel entwickele, ob das jetzt funktioniert oder nicht. Nur so viel, wie nötig ist, um den Schirm über mich steigen und dort stehen lassen zu können, bis ich ganz in Ruhe meine optische Kontrolle fertig hab, ob alles passt, dann ausdrehen, zwei Schritte und wegfliegen. Sehr geil. 
Die geplante Flugroute sieht vor, vom Startplatz Buchenberg mit mindestens 1800m Höhe in Richtung Jagdberg zu fliegen, dort wieder in der Thermik Höhe zu generieren, um den etwas längeren Sprung zur Rohrkopfhütte zu schaffen, wo es wahrscheinlich wieder raufgeht, den Startplatz Tegelberg zu überhöhen und weiter zum Schloss Neuschwanstein zu fliegen. Abhängig von der erzielbaren Höhe ist es optional weiter zum Säuling zu fliegen, dessen Gipfel jedoch über 2000m liegt und alternativ am vorgelagerten Pilgerschrofen bereits umzudrehen und das Spiel von dort aus quasi rückwärts ablaufen zu lassen, bis wir wieder den Buchenberg erreichen. Der Rückweg ist normalerweise einfacher, weil wir mit dem überregionalen Nordwest nicht gegen den Wind fliegen müssen und Frau normalerweise vom Tegelberg mit viel mehr Höhe zurückfliegen kann.
Tja, was tue ich stattdessen, ich fliege bereits zu tief vom Buchenberg weg zum Jagdberg, wo ich mir einen rauswürgen muss, um wenigstens eine Minimalhöhe zur erreichen, mit der ich immerhin den kleinen Hügel, genannt Hornburg, in der Nähe des Landeplatzes Tegelberg ansteuern kann, in der naiven Annahme, dass es dort schon irgendwie wieder raufgeht. Ähm, nein. Astrid hat deutlich mehr Höhe und wahrscheinlich hätte sie die Runde sogar fliegen können, doch weil wir eine Seilschaft sind, bleibt sie auf ihren Wunsch bei mir, obwohl ich über Funk mitteilte, sie solle fliegen, wenn’s bei ihr passt. Derweil saufe ich in der extrem turbulenten Luft um die Hornburg herum ab, habe Sinkwerte von teilweise 6m/s, und als ich die Höhe von 1000m unterschreite, ist’s eigentlich Zeit, landen zu gehen, doch Astrid kreist weit über mir und gibt mir den Tipp, vom Berg wegzufliegen und einen Versuch in der Ebene zu unternehmen, denn dort scheint es Steigen zu geben. Zu verlieren habe ich nichts, selbst wenn ich dort kein Steigen finde, reicht die Höhe immer noch, wenn auch knapp, den Landeplatz zu erreichen. Ich fliege luvseitig am Landeplatz vorbei zu einer kleinen Kiesfläche an einem Bach und plötzlich meldet sich mein Vario. Es geht rauf. Zentimeter nur, aber es geht rauf. Ich drehe ein, versuche, flache Kreise zu fliegen, um das winzige Steigen nicht mit meinem Sinken kaputt zu machen und drehe und drehe und drehe, der erste Meter ist geschafft, der zweite, der dritte und mit jedem Meter, den ich gutmache, geht es etwas schneller. Mein lowester Lowsafe ever. Mit der Höhe, in der Frau normalerweise in den Endanflug zum Landen geht, beginne ich meine Reise nach oben und schaffe es mit gefühlten 100 Kreisen bis auf etwas über 1400m rauf. OK, dann ist natürlich die nächste Frage, wo muss ich hin, damit ich weiter raufkomme, das Ziel sind mindestens 1800m? Ich fliege wieder zur Hornburg, komme überm Gipfel dort an, die Luft ist immer noch superturbulent, und obwohl ich kurzzeitig heftiges Steigen hab‘, schließt sich wenige Sekunden später wieder das extrem starke Sinken an. Mist. Also wieder zurück zur Kiesbank, Höhe generieren und währenddessen einen anderen Plan schmieden, wie ich wohl aus diesem Kessel herauskomme. In dieser ganzen Zeit hat Astrid leider ihre Höhe auch nicht halten können und wir eiern mitunter auf dem gleichen Niveau rum. Über den Kanten hinterm Schloss, wo es sonst gerne mal steigt, fliegt niemand, was ein schlechtes Zeichen ist. Nur im Bereich des Gipfels des Brandnerschrofens ist eine größere Traube an Fliegenden zu sehen, was mir aber nichts nützt, weil ich dort offensichtlich nicht hingelangen kann. Ich versuche es entgegen der eher schlechten Prognose an der Kante hinterm Schloss, als ich wieder knapp über 1400m bin, doch ich erkenne bereits auf dem Weg dorthin, dass mir Pilot:innen aus Richtung Säuling entgegenkommen, die die Kante ohne Steigen überfliegen und so ist’s dann auch. Ich drehe um und fliege zurück in die Bereiche, wo ich vorher Steigen hatte, um mir wieder etwas Zeit zu verschaffen. So kämpfen wir beide über eine halbe Stunde auf der Suche nach einem Ausweg, den wir letztendlich nicht finden und am Ende bleibt nur die Landung am Tegelberglandeplatz. Astrid berichtet mir dort, dass ihr schon seit einiger Zeit kotzschlecht ist und sie gar nicht traurig darüber ist, wieder mit den Füßen auf dem Boden zu stehen, etwas essen und trinken kann. Etwa 1,5 Stunden waren wir in der Luft und die letzte halbe Stunde war für den Kopf ganz schön anstrengend. Pause. Als sie sich wieder besser fühlt, packen wir unser Zeug zusammen und dann ist die Frage, wie kommen wir zurück? Eine Option ist es, den öffentlichen Bus nach Buching zu nehmen, der an der Talstation abfährt, oder sich unter den anderen Pilot:innen umzuhören, ob jemand zurückfährt und zufällig Kapazität für zwei Gestrandete hat, oder aber wir nehmen die Bahn auf den Berg und starten wieder. Wir entscheiden uns für Letztgenanntes, denn Astrid geht es mit etwas Energie über die Systemgrenze wieder so gut, dass sie sich fit für noch einen Flug fühlt, der auf jeden Fall nicht mehr so anstrengend wird, weil Frau ab Startplatz Tegelberg den Landeplatz in Buching mehr oder weniger per Gleitflug erreichen kann, zumindest mit unserer Art Schirme. Mit einer der letzten Gondeln fahren wir rauf, es sind nur noch wenige am Startplatz, es geht entspannt zu und der nicht ganz so schwache Wind aus Nordwest macht, dass immer nur ein Mensch vom entsprechenden Startplatz abhebt und der Nordost-Startplatz fürs Vorbereiten genutzt werden kann, was sonst ein absolutes No-Go ist. Nachdem zwei Tandems und ein paar wenige andere gestartet sind, lege ich als erste aus, bekomme sogar Hilfe von einem älteren Piloten, der uns zudem noch ein paar Tipps für den Rückflug gegeben hat, was sich im Nachhinein als wirklich sinnvoll herausstellte. Danke an der Stelle dafür. Ich ziehe rückwärts ganz ruhig auf, drehe mich aus und noch bevor ich die Kante erreiche, fliege ich kurz vor 17 Uhr wieder und steuere sofort die erste Felsnase an, an der es tatsächlich richtig gut und entspannt nach oben geht und ich mir auf diese Weise eine Warteposition schaffe, bis auch Astrid abgehoben hat und wir gemeinsam weiterfliegen können. Nur einer der zuvor gestarteten Tandems durchkreuzt mehrfach meinen Plan, weil er meine Thermikkreise schamlos per Durchfliegen und andersrum Einfliegen kapert. Blödmann. Astrid braucht aus verschiedenen Gründen 3 Anläufe, bis sie fliegt, aber dann schließt sie auf und es beginnt ein Traum an gemeinsamem Thermikdrehen bis auf fast 2300m, womit ich überhaupt nicht gerechnet hätte und ich kann sogar das Gipfelkreuz des Brandnerschrofens überfliegen, ehe wir abdrehen und, wie uns der Pilot am Startplatz empfohlen hat, erst zum Schönleitenschrofen rüberzumachen, statt direkt den Jagdberg anzufliegen. Es ist nach wie vor einigermaßen turbulent, doch wir kommen ganz gut zurecht. Die schroffen Felskanten des kleinen Gipfelaufbaus des Schönleitenschrofens, auf dem wir natürlich auch schon zu Fuß gewesen sind, lassen die warme, aufsteigende Luft erneut abreißen und wir drehen erneut weit über 2000m hoch. Und wir sind ganz allein, brauchen auf keine anderen Fliegenden Acht zu geben und können einfach durch den Abendhimmel fliegen, wie wir wollen. Mit so viel Höhe brauchen wir nicht sofort landen zu gehen, sondern überfliegen mit sehr viel Abstand den Startplatz am Bube und schließen einen kleinen Talsprung rüber zum Mühlschartenkopf an. Auf dem Weg zurück zum Buchenberg erwischen wir in der Senke erneut eine fantastische Thermik, aus der wir wieder mit fast 2000m oben rauspurzeln und so unseren Flug weiter verlängern können. Aber irgendwann ist’s dann mal gut, an die Entscheidung zum Landen hänge ich noch ein paar Manöver an, nicke bis mir fast der Schirm einklappt, rolle ein wenig und fliege zwei Spiralen bevor die Höhe für eine saubere Landung gegen den deutlich spürbaren Talwind erreicht ist und wir beide Zuckerlandungen hinlegen. Von Hakan, der sich uns eigentlich anschließen wollte, erfahren wir später, dass er zwar Hin- und Rückweg geschafft, aber die erforderlichen 15 XC-km leider nicht ganz zusammenbekommen hat. Wir drücken ihm weiter die Daumen.

Rechtschaffen müde nach diesen weiteren etwa 1,5 Stunden Flugzeit ist es bereits nach halb sieben am Abend, der Parkplatz ist fast ganz leer, doch hier für die Nacht stehen zu bleiben, ist wohl keine gute Idee. Auf Kochen hat keine von uns beiden Lust, der Magen hängt jedoch auf den Knien und so beschließen wir, es uns im Casa Maria, einem italienischen Restaurant gegenüber der Talstation, gut gehen zu lassen und anschließend nach Steingaden zur Schönegger Käse-Alm auf den Stellplatz zu fahren. Der liegt zwar direkt an der Ortsdurchgangsstraße, soll aber trotzdem nachts ruhig sein, was sich auch bestätigt. Gegen eine überschaubare Stellplatzgebühr sind sogar Strom und Wasser inklusive. 
Am nächsten Morgen merken wir beide, dass uns die beinahe 4 Stunden Flugzeit insgesamt von gestern etwas in den Knochen stecken, denn obwohl Frau dabei eigentlich die ganze Zeit sitzt, so ist doch konstant von der ersten Sekunde an immer etwas zu tun, wozu offensichtlich sehr viele kleine Muskeln benötigt werden, die sich heute Morgen alle melden. Laut Prognose soll der Tag, ein Samstag, nicht so gut fürs Fliegen sein, wie gestern und wahrscheinlich morgen und so ist die Vorgabe für den Tag, dass wir ein Flügelchen mit Rauflaufen machen wollen, ansonsten aber Urlaub ist, mit Kaffee&Kuchen und den Liegestühlen in der Sonne und ich würde gerne ein wenig mit meiner Handpan in der Sonne spielen. Bezahlt und zusammengepackt finden wir uns kurze Zeit später wieder am Parkplatz der Buchenbergbahn ein, richten unsere Flugzeuge her, schultern die Rucksäcke und latschen rauf zum Startplatz, wo etwas überraschend vergleichsweise wenig los ist. Oben treffen wir Kiki vom Ostallgäuer Verein, die wir aus Greifenburg kennen, tauschen uns kurz zu unseren Plänen für den Tag aus und wir verabreden uns locker zu einer Handpan-Session, denn auch sie spielt inzwischen, nachdem ich sie angefixt hatte. 
Gegen halb eins ziehen wir auf, ich starte als erste, habe bereits auf dem Startplatz Steigen, lasse mich von der Thermik mit nach links oben ziehen, doch als Astrid hinter mir rausfliegt und erst nach rechts abbiegt, hat sie nicht so viel Glück. Während ich relativ schnell über die Buchenbergalm aufdrehe, hat sie Mühe, nah am Boden im Lee hinter einer Senke überhaupt noch über die Bäume in die freie Luft zu kommen. Sie erzählt später, dass sie praktisch keine Vorwärtsfahrt mehr gemacht hat und unglaublich stark sank, fast so, als ob der Wind von oben auf den Schirm drücke und um der Situation zu entfliehen, musste sie ins Vollgas steigen, damit der Schirm wieder in Fahrt kommt und steuerbar wird. Ganz strange und bisher noch nicht erlebt. Bedeutet für sie leider, dass sie anschließend nach wenigen Minuten landen gehen musste, weil es eh schon knapp wurde, den Landeplatz überhaupt noch zu erreichen. Das war schade, denn ich drehte zur gleichen Zeit mit nur einem anderen Piloten zusammen in einer weiträumigen Thermik gemütlich rauf und beobachtete sie von weit oben. Schöner wäre es gewesen, sie oben um mich herum zu haben. Aber so ist Gleitschirmfliegen. In der einen Minute steigen alle, in der anderen geht’s runter, mal erwischt Frau es perfekt und manchmal auch gar nicht. Es hängt viel vom Moment ab, richtiger Ort, richtige Zeit, Windrichtung und -stärke und manchmal auch einfach ein bisschen Glück. Heute war es auf meiner Seite, morgen sieht die Welt anders aus. Nachdem Astrid gut gelandet ist, meldet sie sich über Funk ich solle ruhig weiterfliegen, wenn’s bei mir passt, sie bleibt erstmal am Landeplatz und überlegt, ob sie nochmal mit der Bahn rauffahren möchte. Bei der Funkerei kommt mehr oder weniger nebenbei was Gutes raus, denn seit kurzer Zeit haben wir den Ohrhörer mit Sprechbügel und Finger-PTT gegen einen Tonabnehmer am Kehlkopf mit Finger-PTT und einem Ohrstöpsel eingetauscht, weil der Bügel mit dem Ohrhörer unterm Helm bei längeren Flügen sehr unangenehm wurde. Das neue Setup ist da angenehmer, wenngleich ich mit dem kleinen Silikonböppel im Ohr nicht so gut zurechtkomme, weil ich nichts mehr höre, sobald der sich auch nur minimal irgendwo anders hinbewegt und ich ihn unterm Helm nicht im Flug richten kann. Und wir hatten die Schwierigkeit, dass die Tonabnahme an meinem Hals gut funktionierte, bei Astrid jedoch nicht, weil, wie ich vermute, einfach die Physiognomie eine andere ist. Dann aber hat Astrid zufällig den Bügel mal mit einer Seite genau auf ihren Kehlkopf geschoben und zack, habe ich sie einigermaßen gut verstanden. Ich denke, damit können wir weitermachen.
Also ich fliege, ein anderer Pilot, der gerade seine A-Lizenz bekommen hat, wie ich später verstehe, weil er uns am Landeplatz später angesprochen hatte, versucht, mit seinem A-Schirm an mir dran zu bleiben und sich bei mir was zum Thermikfliegen abzugucken. Witzig. Ich bin doch selbst noch Anfängerin in diesen Dingen, aber unter den Blinden ist die Einäugige die Königin. Nachdem ich auf knapp 2200m bin, entscheide ich, zum Jagdberg abzubiegen und mal zu schauen, wie hoch ich ankomme, und wie hoch ich dort wieder aufdrehen müsste, um am Tegelberg über der Rohrkopfhütte ankommen zu können, was meiner Meinung nach die Chancen deutlich erhöhen würde, den von uns geplanten Flug irgendwann fertigfliegen zu können. Am Jagdberg angekommen, drehe ich wieder etwa 150m auf, stelle meine Überlegungen an, wie es theoretisch weitergehen würde, doch ich möchte die Zeit nicht strapazieren und Astrid, die sich inzwischen gegen einen weiteren Flug entschieden hatte, zu lange warten lassen. Eine grandiose Idee kommt mir in den Sinn: Wenn ich jetzt vom Berg in die Ebene, vielleicht ein Stück über den Bannwaldsee, fliege, den Landeplatz in Flugrichtung links passiere, bis an Buching heranfliege und dann zum Landen gehe, könnte ein FAI Dreieck herauskommen, was am Ende tatsächlich so ist. Nicht, dass ich jetzt irgendwie XC Punkte sammeln würde, aber es ist schön, dass ich mir solche Gedanken im Flug machen kann und eine kleine Herausforderung, es dann auch genau so zu fliegen. Profis lachen sich über sowas wahrscheinlich scheckig, ein 8,5 XC-km FAI Dreieck, aber hey, haben nicht alle mal klein angefangen? Über den Feldern wird’s dann nochmal richtig bockig und als ich vom letzten Turnpoint zum Landeplatz komme, stabilisiere ich per Steilspirale, weil ich kann. Ein gutes Gefühl. 
Nach knapp 50 Minuten Flug lande ich fein, wir schnacken mit der kleinen Gruppe um mein Thermik-Mate herum, sie haben alle erst seit wenigen Tagen ihren Schein und ich bin ein bisschen beeindruckt, dass sie sich in die Nachmittagsthermik werfen. Nette Menschen auf jeden Fall. Kiki landet zwischenzeitlich ebenfalls, macht sich aber nochmal auf nach oben, während wir beide unseren Urlaubsplan mit Kaffee&Kuchen im Liegestuhl in der Sonne mit Handpan umsetzen, zu der sich Kiki und KuBa später hinzugesellen und wir tatsächlich eine kleine Jam-Session veranstalten. Mich beeindruckt immer wieder, was Frau aus so einfachen Instrumenten herausholen kann, selbst wenn wir mit Menschen das erste Mal zusammenspielen. Das war damals mit Eki am Idrosee so und auch mit Luc am Kronplatz, der mit seiner Violine einstimmte. So verbringen wir einige Stunden, trinken Kaffee, futtern Kuchen und Kekse, haben gute Gespräche und dazwischen entstehen immer wieder spontane Handpan-Einlagen. Ein Traumtagerl. Danke an Kiki und KuBa an der Stelle, es hat mich sehr gefreut und inspiriert. 

Die letzte Nacht unseres Urlaubes verbringen wir im nächsten Dorf auf einem Bauernhof, wo erst seit etwa 2 Wochen Stellplätze eingerichtet sind. Wir hatten den Hof bereits in Park4Night gesehen, doch wir entschieden uns zunächst dagegen, weil Strom dort nicht angeboten wurde, was, wie wir von Kiki lernen, gar nicht so ist, wenn Frau nett fragt. Natürlich hat uns die liebe Frau vom Hof die Kabeltrommel rausgelegt und wir haben selbstredend was bezahlt dafür. Von diesem Stellplatz aus können wir sogar den Startplatz am Bube sehen. 

Der nächste Tag soll laut Prognose ein „Hammer-Thermik-Tag“ werden und wir sprechen abends nochmal genau den Fliegeplan für die Route Bube-Tegel durch und denken vorsichtig sogar schon drüber nach, ob sich vielleicht ein Flug über den Gipfel des Säuling ausgeht. Das wäre wirklich der Hammer. 
Sonntags schließen sich weitere Menschen an: Michl vom Bodensee, den wir von unserer Ausbildung kennen, sowie Katrin, die wir vom Frauenfliegen Fest in Lenk vor 4 Jahren kennen, und ihr Mann René. Gegen 11 Uhr starten wir gemeinsam den Aufstieg über den Bachweg, denn wir sind uns einig, dass zu früh starten keinen Sinn ergibt für unser Vorhaben. Oben angekommen, ist recht viel los, doch wir nehmen wahr, dass niemand ernsthaft nach oben davonfliegt, für uns das Signal, dass es noch zu früh ist und Geduld zur Tugend wird, meine Stärke. Parawaiting. 
Erst ab etwa 12:30 Uhr sind einzelne Fliegende zu erkennen, die immerhin nicht gleich absaufen, weswegen wir mit unseren Vorbereitungen beginnen und als wir soweit sind, hat sich der Betrieb am Startplatz etwas gelichtet und mein erster Start für den Tag ist etwa um 13 Uhr. „mein erster Start“ sagt bereits etwas über das Ergebnis aus. Die einzige, die sich ein paar Minuten länger halten kann, ist Astrid. Michl und ich sind nach rund 20 Minuten nach einem ewigen Rumgekratze am Hang wieder am Boden, Katrin und René ebenfalls. Astrid landet ein paar Minuten nach uns, obwohl sie zunächst aufdrehen konnte, dann aber keinen Anschluss mehr fand, weil anscheinend irgendjemand den Ausschalter für die Thermik gedrückt haben muss. Wir sind auf jeden Fall Lichtjahre von der Prognose entfernt und wenn es nach 13 Uhr nicht funktioniert, ist die Chance auf einen längeren Flug an diesem Tag eher klein. Aber, Flinte und Korn, der Tag ist noch jung, Astrid und ich nehmen die Seilbahn, während die anderen drei sich für einen erneuten Fußmarsch entscheiden. Wir wollen alle nochmal starten. 
Als wir oben aus der Bahn fallen, machen wir uns gleich fertig, denn wir wollen auf keinen Fall ein gutes Fenster vertrödeln, sofern es eines gibt, wonach es zu der Zeit zwar nicht ganz aussieht, doch einige Schirme drehen schon weit oben über der Buchenbergalm. Kurz bevor wir fertig sind, kommen die anderen drei aus dem Wald, Michl schließt sich uns an, die anderen beiden wollen erst noch was im Gasthaus futtern. Am Startplatz erlebe ich wieder was, was leider in die Ecke passt: Es ist IMMER ein Mann. Wir stehen in der kurzen Schlange der Startwilligen, es ist so wenig los, dass zu der Zeit immer nur ein Mensch den Schirm fertig eingehängt auf den Startplatz wirft, 1-2 umstehende Leute ziehen die Kappe auseinander, während die Leinen sortiert werden können und so dauert ein Start jeweils nur sehr wenige Minuten und es geht relativ zügig. Astrid ist dran, bekommt auch den Schirm auseinandergezogen und macht raus, als ich bereits einen älteren Herrn beobachte, der die ganze Schlange ohne ein Wort bis vorne hin überholt hat und just, als Astrid weg ist, drängelt er sich vor mich. Nicht nur mir, sondern auch den Helfenden ist das aufgefallen, doch er tat nur etwas überrascht, aber im Grunde war ihm das offensichtlich völlig egal. Er wirft seine Tulpe auf den Startplatz, wie ein markierender Gorilla. Passt. 
Wenigstens ist es so, dass mein Schirm als erstes auseinandergezogen wird und ich vor dem A…loch starte. 
Ich suche Astrid, finde sie weit über mir im Bereich des Startplatzes und beginne damit, Steigen zu suchen, was sich schwierig gestaltet. Ich suche lange, bis ich den ersten richtigen Lift erwische, bloß ist das alles weit davon entfernt, was die Thermikprognose versprochen und natürlich eine gewisse Erwartungshaltung ins Leben gerufen hat. Knapp über 1600m schaffe ich es, bevor die Thermik wieder vollständig aus zu sein scheint und ich mich wenige Minuten später wieder unterhalb des Startplatzes wiederfinde, wo ich erneut mit der Suche begann. Den Wunsch, hier irgendwo auf über 2000m aufzudrehen, begrub ich zu dem Zeitpunkt, kämpfte vielmehr um jeden Meter, der ein frühzeitiges Landen verhinderte. Hinterher sahen wir, dass Astrid im Grunde genau das gleiche Höhenprofil geflogen ist und sie das gleiche Auf und Ab hatte, bloß immer ein paar Meter über mir. Michl ist zwischenzeitlich gestartet, gut zu erkennen an seinem schon fast neonfarbenem, gelbgrünen Liegegurtzeug, das sonst niemand hier fliegt. Er schließt zu uns auf, als wir gerade den zweiten Bart für heute erwischen, der mich wenigstens knapp über 1700m und Astrid knapp über 1800m mitnimmt und weil es anscheinend nicht höher geht, stirbt der Plan, zum Tegel zu fliegen und wir entscheiden, einfach wieder bis zum Jagdberg vorzufliegen und vielleicht wieder ein kleines Dreieck zusammenzubekommen. Die Schwierigkeit heute: Der Nordwind ist in der Höhe so stark, dass wir auf dem Rückweg nur noch wenig Vorwärtsfahrt machen, die Gleitzahl schlecht ist und ich sogar in den Beschleuniger muss, um nicht ganz stehen zu bleiben. Lange Rede, kurzer Sinn, zurück am Buchenberg kratzen wir noch ein wenig am Hang rum, bevor ich in die Ebene rausfliege, um vor dem Landen mit einem einigermaßen abgelegenen Turnpoint immerhin noch ein flaches Dreieck schließen kann. Bei der Landung schaffe ich sogar fast eine Landung auf dem Peilpunkt, was mir ehrlich gesagt nicht so oft gelingt. 
Ein Urlaub „zu Hause“ neigt sich mit der letzten Landung dem Ende zu. Wir haben viel erlebt, liebe Menschen getroffen und neu kennengelernt, Astrid hat endlich ihr neues Liegegurtzeug und ist happy damit und in den letzten drei Tagen hatten wir insgesamt mehr als 5 Stunden Airtime. Tolle Sache. Und natürlich haben wir für die Kilometerhelden superviele Flugkilometer über Grund gesammelt.

Fliegetage im April, 20.-26.04.2026

Ein richtiges Ziel hatten wir nicht für die freie Woche im April, außer dass fliegen ganz oben auf der Wunschliste steht und am liebsten mal wieder ein bisschen längere Flüge und nicht nur die winterlichen Minihüpfer, wohlwissend, dass Thermikflüge im Frühjahr nicht immer ein Genuss sind, sondern eher harte Arbeit mit viel Adrenalin.
Auf Schnee, kalt und nervige Berghütten, wie in den vergangenen Jahren, wo wir um diese Zeit eher Skihochtouren unternahmen, hatten wir beide irgendwie keine Lust und schauten erst gar nicht nach passenden Bergen. Die anfängliche Wetterprognose für diese Woche sah allerdings alles andere als nach fliegen aus, egal wo in den Bergen. Im Süden viel Regen und Föhn, im Norden zwar mehr Sonne aber starker Wind und natürlich nur mäßig warm. So ließen wir erst noch das Kinderwochenende davor verstreichen, bevor wir uns montagsmorgens praktisch im gepackten Camper sitzend dazu entschlossen, mal mit dem Pfänder am Bodensee zu beginnen. Ein neues Fluggebiet für uns.

Seit wir eine Lizenz zum Gleitschirmfliegen haben, hoffe ich darauf, mal an meinem Purzeltag einen Flug machen zu können. Bisher hat das nie geklappt. Ob Frau überhaupt im Dezember fliegen kann, ist immer schon irgendwie wie würfeln, wenngleich ich sagen muss, dass wir unsere kleine interne Challenge, jeden Monat im Jahr mindestens einen Flug zu machen, seit Erwerb der Lizenz immer schafften, auch in den Dezembermonaten. Die Schneelage ist im gesamten Alpenbereich dieses Jahr ziemlich dürftig. Nach dem kurzen Wintereinbruch im November, der die Skigebietsbetreiber möglicherweise euphorisch hatte werden lassen, kam so gut wie nichts mehr runter, womit Skifahren bei uns generell schon eher in den Hintergrund rückte und als wir dann noch erkannten, dass es während der geplanten freien Tage so gut wie überall sonnig und vergleichsweise warm werden soll, war Fliegen sofort auf Platz 1. Zum ersten Mal seit drei Jahren sah es so aus als ob sich an meinem Purzeltag tatsächlich ein Flug ausgehen könnte und die Herausforderung bestand nur noch darin herauszufinden, wo das sein soll, denn sehr viele Campingplätze in den in Frage kommenden Fluggebieten haben geschlossen oder verfügen nicht über eine Infrastruktur, die wir uns für unser erstes Wintercamping vorstellten.
So wurde der Kreis schnell klein und hängen geblieben sind wir am Campingplatz Såndgøld Alpine Glamping, auf dem wir im Oktober diesen Jahres schon mal im wahrsten Sinne des Wortes gestrandet waren, als ein Marder dafür sorgte, dass unser Auto in die Werkstatt musste. Fliegen konnten wir dort damals nicht, weil die Wetterlage es nicht zuließ, aber dieses Mal sah das anders aus. Anhaltender mäßiger Südwind, kein Föhn, zwei Startplätze fußläufig oder mit dem Bus und der Seilbahn erreichbar, der Landeplatz 5 Minuten zu Fuß vom Stellplatz entfernt, für einen Campingplatz traumhafte, warme und zugfreie Sanitäranlagen, Strom inklusive, ein Trockenraum mit Platz, um die Gleitschirme zu trocknen, und, was ich noch zu schätzen lernen werde, Waschmaschinen, die einfach mit dem Zugangschip verwendet werden können. 
Einen Unsicherheitsfaktor gab es noch: Astrid hatte zwei Tage vor der geplanten Abfahrt eine Zahn-OP und ob das dann immer gut wird oder zwingend Aufmerksamkeit benötigt, weiß niemand, weswegen wir den Platz erstmal nur übers Wochenende buchten, falls es notwendig wird, doch nochmal die Zahnärztin zu bemühen. Gleich vorweg, das war nicht nötig und wir verlängerten die beiden Tage bis Heiligabend vor Ort.
Donnerstagsnachmittags, einen Tag vor der Abfahrt, holten wir die Wohnkabine aus dem Stall heraus, sie musste aus dem Winterschlaf geweckt und für die Abfahrt am nächsten Tag vorbereitet werden. Das Aufladen ging dieses Mal relativ zügig und komplikationslos von statten, nachdem wir ein paar neue Dinge gelernt und berücksichtigt hatten, so zum Beispiel der Umstand, dass der hintere Unterbau exakt zwischen den Einrastpinöppeln der Heckklappe platziert werden muss, denn die stehen auf beiden Seiten in den Ladeweg hinein und es bleiben nur wenige Millimeter rechts und links, wo die Kabine durch muss. Beachtet Frau das, sitzt die Kabine automatisch exakt mittig und wenn Frau vorher noch überprüft hat, dass die Kabine in der Waage steht, ist das gleichmäßige Absenken auf die Ladefläche ein Kinderspiel. 

Bis kurz vor Abfahrt checkten wir nach jedem Wetterlauf, ob die Prognosen fürs Fliegen noch passen, was sie taten, doch es schadet nicht, für Alternativprogramme gerüstet zu sein, weswegen das leichte Hike&Fly Equipment, die Skitourenausrüstung und die Schnee- und Trailrunningschuhe ebenfalls eingepackt wurden und dann ging’s auch schon los. On the Road again. Brennermaut und österreichische Vignette kauften wir online unterwegs ein, für das Durchfahren der italienischen Mautstellen, ohne anhalten zu müssen, kam die kleine Bip&Go-Box in die Frontscheibe, was wirklich hervorragend funktioniert, in Italien. In Frankreich, wo die Box bzw. das System herkommt, funktioniert es leider nicht zuverlässig, was zu teuren Überraschungen führen kann. Den Weg kennen wir im Schlaf, so oft sind wir dieses Jahr bereits über den Brenner gefahren, wo uns noch ein paar Jahre der Brückenneubau bei Lueg begleiten wird, wo es häufig Stau gibt, den wir dieses Mal über die Passstraße umfahren, ohne wissen zu können, ob das wirklich schneller ist. Aber es gibt ein besseres Gefühl, wenn Frau nicht auf der Autobahn steht. Über den Buckel drüber sind wir im Nu in Sterzing und von dort ist es nur ein Katzensprung bis Brixen, wo die Straße ins Pustertal abzweigt. Auf der Landstraße ist freitagsnachmittags relativ viel Verkehr bis Bruneck, doch es läuft überall durch und mit beginnender Dämmerung biegen wir für die letzten Kilometer nach Norden ins Ahrntal ab, wo wir kurze Zeit später die riesige Pride-Fahne und die Schranke auf den Campingplatz passieren. 

Daniele vom Empfang hatte uns bereits telefonisch kontaktiert, wann wir denn wohl eintreffen werden, und da fiel uns auf, dass wir vergessen hatten, Bescheid zu sagen und annahmen, es werde schon jemand da sein. Macht aber nix. Wir haben die Zeit nicht strapaziert, werden überaus freundlich empfangen und mit den Zugangschips für Sanitär und alle anderen gemeinschaftlich nutzbaren Räume ausgestattet, was toll ist, denn es steht ein geräumiger Trockenraum zur Verfügung, den wir in den nächsten Tagen brauchen werden. Unser erstes Wintercamping beginnt mit dem Bezug unseres zugewiesenen Stellplatzes, Kabel dran getüddelt, Strom ist inklusive, ein nicht ganz unwichtiger Punkt, wenn wir nachts Temperaturen von deutlich unter Null erwarten dürfen, und selbst wenn Frau es mit Heizen nicht übertreibt, so braucht die Kabine trotzdem relativ viel Strom, um wenigstens um die 15-16°C im Inneren halten zu können. Viel gedämmt ist die Hülle wenig. Mit Gas heizen ist bei diesen Temperaturen keine Option. Ich schätze, dass jede Nacht eine 5kg-Flasche durchlaufen würde. Mit Stromanschluss ist das alles viel einfacher. Bevor wir Futter machen, gehen wir noch eine Runde zu Fuß über den Eingang zu den Rheinbachfällen durch den Ort, ein bisschen Bewegung nach der Fahrt tut gut und während wir uns anschließend mit der zu Hause vorbereiteten Nudelsoße eine leckere Pasta Ragôut zubereiten, besteht der wichtigste Punkt an diesem Abend darin, ob und wo wir am nächsten Tag fliegen können, mein Purzeltag, und es sieht tatsächlich perfekt für den Speikboden aus. Viel Sonne, wenig Wind, die Basis wird bei BurnAir bei etwa 2700m angegeben, kein Föhn, der Winterstartplatz befindet sich in der Nähe der Sonnklar Alm und müsste mit der oder den Seilbahnen erreichbar sein, wenngleich uns nicht ganz klar ist, wie wir ein Stück in der Mitte mit einem Schlepplift fahren sollen, ohne Ski an den Füßen. Weil wir bereits beim ersten Besuch hier im Herbst lernten, dass der öffentliche Nahverkehr sehr pünktlich in vergleichsweise kurzer Taktung zuverlässig fährt, wir mit den Übernachtungen eine Südtirol-Card mit Öffis inklusive bekamen und der offizielle Landeplatz nur 5 Minuten zu Fuß vom Campingplatz entfernt ist, beschließen wir, das Auto stehen zu lassen und den Bus zur Talstation Speikboden zu nehmen. 
Mit dicken Duvets und unserer Fußbodenheizung überleben wir die erste Nacht ganz gut, wobei es am Morgen ein bisschen schwerfällt, unter der warmen Decke herauszukrabbeln, doch die Aussicht auf einen wahrscheinlich ruhigen Flug mit über 1500 Höhenmetern motiviert mich aufzustehen. Eile haben wir keine, es genügt, wenn wir den Bus gegen 11 Uhr ab dem Busbahnhof in Sand bekommen, der von dort ohne Zwischenhalt in 3 Minuten an der Bahn ist und den Weg vom Campingplatz zum Busbahnhof schaffen wir mit dem Flugzeug auf dem Rücken zu Fuß entspannt in weniger als 20 Minuten und vor 13Uhr ist ein Start nicht sinnvoll. Erstmal richte ich mich für den Tag her, die Sanitäreinrichtungen sind ein Traum, es gibt ausschließlich abgetrennte Kabinen, jede mit Dusche/WC/Waschbecken ausgestattet, und warm. Bei der Zubereitung des Frühstücks sind wir nach fast 10 Ausfahrten dieses Jahr mit der Wohnkabine ein eingespieltes Team und was ich besonders schätze, das Ding ist so geräumig, dass wir beide gleichzeitig Aufgaben erledigen können, ohne uns auf den Füßen herumstehen zu müssen. Mit fortschreitender Zeit werde ich immer aufgeregter. Ein neues Fluggebiet, ein unbekannter Startplatz, unbekannte Bedingungen am Startplatz im Sinne von, wie steil ist er, gibt es genug Platz zum Laufen, wie hoch liegt der Schnee, können wir gleichzeitig auslegen, erkenne ich den Landeplatz aus der Luft, usw. Der Umstand, dass er in unserer App gelb gekennzeichnet ist und nicht grün lässt mich vorsichtig werden, denn es wird nicht der einfachste Startplatz sein. Gleichzeitig ist es so, dass wir inzwischen über 200 Flüge in über 50 unterschiedlichen Fluggebieten auf der Uhr haben und wir auf unsere Fähigkeiten vertrauen dürfen. Auch in Bezug auf den Landeplatz, von dem wir mindestens vom Boden aus wissen, wo er ist, welche markanten Erkennungsmerkmale es gibt und dass er riesengroß ist, auch wenn das aus der Luft von weit oben oft anders aussieht. Bin trotzdem nervös. Wir packen für den Flug heute und weil wir die Bahn nehmen werden, kommen unsere Thetas mit den Easiness Gurtzeugen mit, womit die Ausrüstung etwas schwerer ist, als mit dem Leichtzeug, aber dafür auch ein besseres Gleiten und etwas mehr Sicherheit bietet. Heute ganz wichtig: Die Heizhandschuhe mit geladenen Akkus, eine zusätzliche Primalofthose für unter die Hardshell, wenn wir am Startplatz ankommen, sowie 1-2 zusätzliche Lagen plus Hardshelljacke für oben rum, je nach dem, was wir an Bedingungen bezüglich Lufttemperatur und Wind vorfinden, denn immerhin liegt der Startplatz auf fast 2400m AMSL. Gut bepackt wackeln wir zu Fuß zum Busbahnhof, erwischen dort noch einen Bus früher, steigen wenige Minuten später am Speikboden aus, im Bus befinden sich zwei andere Pilot:innen, die ich nach dem Aussteigen nicht aus den Augen lasse, um zu sehen, was sie tun und kaufen uns je eine Bergfahrt bis ganz rauf ein. Ich zucke kurz als ich höre, was das kostet. Das wird mein bisher teuerster Flug ever, doch nicht zu fliegen, ist keine Alternative heute, wenn sich die Gelegenheit bietet. Wir steigen in die Gondel, zu den anderen beiden Fliegenden aus dem Bus gesellte sich ein dritter Mensch, sie sind kurz vor uns eingestiegen und ich versuche, diese Gruppe nach dem Aussteigen oben weiter zu beobachten, denn zwischen der Bergstation und dem Sessellift, der uns bis ganz rauf bringt, gibt es eine Lücke, von der wir nicht wissen, wie sie geschlossen wird. Während Astrid losgeht, um auszukundschaften, wie es von hier weitergeht, stelle ich mich einfach nah an das Grüppchen ran, das nach dem Aussteigen aus der Gondel kurz stehenbleibt, werde als Fliegende erkannt und erfahre so, dass die drei Einheimische sind und mir gerne Auskunft geben, wie es von hier weiter hinaufgeht. Als Astrid zu mir zurückkommt, hab‘ ich den Plan, was zu tun ist. Erst quer zu Fuß über die Piste, die vor uns liegt, scheinbar wichtig, wir sollen oberhalb eines einzelnen Baumes queren, und dann bei einer kleinen Hütte sollen wir auf den, dort startenden Zauberteppich drauf, der uns in einem Tunnel ziemlich lang den Hügel hinauf mitnimmt. Wenn wir oben ausgestiegen sind, geht’s wieder ein kleines Stück zu Fuß quer über eine Piste zum erwähnten Sessellift, der uns zur Sonnklar Alm hinaufbringt. Die Alm liegt ein klein wenig unterhalb der Bergstation, an ihr vorbei die Piste runter und später einer Spur durchs Gelände folgend, erreichen wir in etwa 10-15 Minuten das Gelände wo im Grunde nach Belieben gestartet werden kann. Eine weitere, etwas größere Gruppe Pilot:innen stapft an uns vorbei, während wir noch einen Pipistopp an der Alm einlegen. Alles in allem sind etwas mehr als 10 Menschen mit Schirm plus uns beide am Startplatz. Mir fällt auf, dass wir entgegen der Prognose mitnichten Nullwind haben und wir identifizieren die teilweise ziemlich starken Windböen als thermische Ablösungen, die den Starthang hinaufziehen, denn die Sonne scheint schon den ganzen Vormittag am wolkenlosen Himmel und hat den Südhang entsprechend erwärmt als wir gegen Mittag dort eintreffen. Während wir uns wärmer einpacken und unser Flugequipment herrichten, beobachten wir die Böen und stellen fest, dass immer auch mal kurze ruhigere Phasen vorbeikommen. Wenn Frau allerdings versucht, in eine thermische Ablösung zu starten, kann’s blöd werden, wie wir bei den vor uns Startenden erkennen, von denen ein paar während des Aufziehens so eine Ablösung erwischen und ziemlich Arbeit und meistens mehrere Versuche mit Hilfe ihrer Gruppe haben, bis sie rausfliegen. Als alle anderen weg sind, hilft Astrid mir bei meinen Startversuchen, derer ich mindestens 3 brauche, bis ich die Kappe stabilisiert bekomme und mit wenigen Schritten abhebe. Der Schnee liegt zwar nicht hoch, doch es ist gerade genug, um nicht vernünftig Unterlaufen zu können. Dazu schauen noch ein paar Büsche aus dem Schnee heraus, wo sich die Leinen gerne verheddern, und die Böen kommen gefühlt aus allen Richtungen als ich in mehreren Anläufen rückwärts aufziehe, alles in Allem sehr mühselig, wenn der erste Versuch schief geht und ich habe ernsthaft Sorgen als ich wegfliege, ob Astrid das allein schafft, bei diesen ziemlich ruppigen Verhältnissen zu starten. Immerhin haben wir die Funken dabei, sodass wir uns über den Fortgang verständigen können, auch wenn ich aus der Luft nix tun kann. 
Die gute Nachricht: Die starken thermischen Ablösungen sorgen dafür, dass ich direkt überm Startplatz aufdrehen und in einer Art Parkposition bleiben kann und zu meiner Überraschung startet Astrid völlig problemlos wenige Minuten nach mir. Sie erzählt später, dass der Wind unmittelbar nach mir so eingeschlafen ist, dass sie kaum mit dem Wind auslegen konnte und schon überlegte vorwärts zu starten als eine ganz sanfte, laminare Brise ihr praktisch von allein den Schirm aufzog, sie sich nur noch ausdrehen musste und mit 1-2 Schritten abhob. So kann’s auch gehen und ich freue mich für sie, dass das so smooth funktioniert hat. 

Geschafft. Wir sind beide in der Luft. Von allen anderen Menschen, die vor uns starteten, sind nur noch zwei da, die sich jedoch ebenfalls irgendwo hin verkrümelten, wo ich sie nicht mehr wahrnehme, die Luft ist einigermaßen bockig, aber das ist jetzt keine Überraschung und zum Glück macht es mir heute nicht so viel aus. Der Boden ist kalt, die von der Sonne erwärmte Luft löst sich mit entsprechender Heftigkeit und blubbert ganz ordentlich nach oben und es hat Flüge unter ähnlichen Bedingungen gegeben, wo mich das sehr gestresst hat und ich zügig Landen gegangen bin. Einen kurzen Aufreger gibt’s als Astrid sich ziemlich bald nach ihrem Start 50m über Grund, wobei Grund in dem Fall sehr steiler, felsiger Bergwald bedeutet, einen Frontklapper einfängt, doch sie bleibt cool, der Schirm ist nicht beschleunigt, Hände hoch, sie weiß, dass die Kappe relativ schnell wieder von allein öffnet, und fliegt einfach weiter durch die Blubber-Thermik-Blasen, die ihr Höhe verschaffen. Eine tolle Entwicklung, die wir dank unserer 3 Sicherheitstrainings im Laufe der Zeit machen durften und die uns bei Kappenstörungen, die in thermischen Bedingungen immer auftreten können, erstmal gelassen bleiben lassen und keine Panikreaktionen folgen, die die Situation normalerweise nur verschlimmern. So nah überm Boden ist’s natürlich trotzdem ziemlich unkommod und erfordert eine Extraportion Drahtseilnerven. Ich hab‘ ne tolle Frau mit der ich nun im Anschluss fast eine Stunde in der Gegend rumfliegen darf. Es ist zunächst niemand mehr sonst in der Luft, wir steigen bis an die prognostizierte Höhe der Basis auf etwas über 2600m, fliegen den Grat ein bisschen ab, überfliegen das Gipfelkreuz auf einer kleinen Kuppe in der Nähe des Startplatzes, machen Fotos und Videos, denn das Telefon, dass inzwischen einen festen Platz auf dem Cockpit hat, ist leicht zu erreichen und die winterliche Kulisse einzigartig. Der einzige Pferdefuß ist die Kälte, die den Weg durch alle Lagen findet und wir entscheiden über Funk irgendwann, dass wir ins Tal rausfliegen, was über kurz oder lang zur Landung führen wird. In dem Fall eher lang, denn wir sind zu dem Zeitpunkt noch etwa 1,5km überm Landeplatz und machen zuerst noch einen Abstecher über Ahornach auf der gegenüberliegenden Talseite, wo sich ein Startplatz befindet, den wir vom Campingplatz aus zu Fuß erreichen können und erkennen diesen auch aus der Luft. Obwohl dieser Hang mit dem Dorf drauf ebenfalls schon den ganzen Tag von der Sonne beschienen wurde, trägt es hier nicht und der Wind ist zu schwach zum Soaren. Der überregionale Südwind wird weiter unten irgendwann durch den kälteren Bergwind abgelöst, der in bodennähe genau aus der anderen Richtung fließt, was wir beim Durchfliegen der unterschiedlichen Luftmassen deutlich spüren und was definitiv zu den nötigen Überlegungen für die Landeeinteilung führt. Noch ein bisschen Rollen und Nicken, das Pendeln um die Längs- und Querachse, um die Zeit bis zur Landung sinnvoll zu nutzen, die Windfahne am Landeplatz checken, die restliche Höhe bis zum Endanflug gegen den Wind mit längeren Gegen- und Queranflügen und vielleicht mit Abachtern abbauen und auf den Füßen aufsetzen. Was für ein geiler Flug. Mitten im Dezember auf über 2600m aufgedreht, fast eine Stunde bei eisiger Kälte in der Luft, das Universum hat mir ein fantastisches Geburtstagsgeschenk gemacht. Astrid landet ebenfalls fein, wir fallen uns in die Arme. Das kam so unerwartet, dass wir gar nicht fertig werden, uns zu freuen, dass wir so lange fliegen konnten. 
Die nächste Herausforderung besteht darin, unsere weißen Schirme auf dem grasigen, mit Schneeplacken und von der Sonne aufgeweichten Maulwurfshügeln bedeckten Landeplatz so zusammenzupacken, dass sie nicht völlig durchweichen und mit braunem Schlamm besprenkelt sind. Nicht so einfach und es lässt sich auch nicht ganz vermeiden, die Schirme nicht nass und dreckig zu machen, doch da fällt uns der Trockenraum ein, in dem wir sie ein klein wenig ausbreiten und zumindest trocknen können. Noch ein wenig von diesem Erlebnis geflasht, machen wir uns auf den kurzen Weg zum Campingplatz, wo wir leckeren Kuchen bekommen und bei einer Tasse Kaffee in der Kabine genießen dürfen. Ein Blick auf die Prognosen sagt, dass wir die nächsten Tage bis Weihnachten fliegen können, allerdings schließt mein Quatschi im Kopf zunächst aus, dass wir wieder so viel Geld an eine Bergfahrt hängen. Aber eins nach dem anderen. Heute steht nur noch ein nettes Abendessen auf dem Programm, bloß der favorisierte Plan, im Bistro des Campingplatzes lecker zu speisen, geht nicht auf, denn das ist noch geschlossen und soll erst am nächsten Tag öffnen. Andere Restaurants im Ort machen mich nicht so richtig an, es gibt zwar schon eine gewisse Auswahl, doch es wirkt entweder überteuert im Sinne Preis und Leistung passen nicht zusammen oder altbacken, weswegen wir uns kurzerhand dazu entschließen, die Pizzeria überm Cascade-Bad gegenüber des Landeplatzes aufzusuchen, von der wir auf jeden Fall wissen, dass die Pizzen sehr lecker sind, auch wenn das Ambiente eben eher an ein dämmrig beleuchtetes Schwimmbad erinnert. Dort machen wir für den nächsten Tag den Plan, zu Fuß zum Startplatz Ahornach zu gehen, weil uns auch ein wenig Bewegung gut täte und die Sonne wieder scheinen soll, allerdings mit etwas mehr Bewölkung, was einen thermischen Flug eher unwahrscheinlich macht. 

Der nächste Morgen. Es ist kalt, die Prognose ist aber nach wie vor gut für Ahornach, und so brechen wir zu Fuß nach dem Frühstück auf, um den Weg zu erkunden und hoffentlich den Startplatz vom Boden aus zu finden. Der Bewegung zu liebe, wie schon erwähnt, entscheiden wir uns gegen den Bus, den wir hätten bis Zentrum Ahornach nehmen können, obwohl es zu Beginn des Aufstiegs schon echt zapfig war, doch die Sonne schien, wir steigen südseitig auf und müssen sehr bald schon was ausziehen, weil es uns zu warm wurde. Den Weg kennen wir nicht, die Angaben in verschiedenen Karten-Apps waren teilweise widersprüchlich, am Ende trifft es unsere Fliege-App am besten. Das kostet ein bisschen Zeit, doch von der haben wir heute reichlich, weswegen wir es mit dem Tempo nicht übertreiben und außerdem überlegten wir, dass es keinen Sinn hat, zu früh zu starten, lieber soll die Sonne den Hang so lange es geht aufwärmen, mit der Hoffnung, dadurch etwas Steigen bzw. weniger Sinken zu haben. Knapp 600 Höhenmeter später treffen wir kurz vor 13 Uhr am Startplatz ein. Der sieht auf den ersten Blick sehr lieb aus, ist groß genug und wenig steil, dass wir gleichzeitig auslegen können, eine große Windfahne in der Mitte sagt, dass es hier vom Wind her immer noch passt und zunächst ist sonst niemand da als wir uns auf der geräumigen Bank ausbreiten und uns trockenlegen. Der Startplatz wird gerne und häufig von Flugschulen genutzt, doch die angeschlagenen Regeln sagen mir, dass das hier im Ort nicht alle toll finden, wenn geflogen wird. Des Weiteren gibt’s einen QR Code, über den wir die Gebühren fürs Fliegen heute bezahlen, was wir normalerweise immer tun, denn irgendwer hat Arbeit damit, dass das Fluggebiet nutzbar ist, wenngleich ich an manchen Orten, so zum Beispiel Rodeneck, die Höhe der Gebühren für extrem überzogen halte. Aber hier sind wir mit nem Fünfer pro Nase dabei, was in Ordnung ist. Wir sitzen noch ein wenig in der Sonne, futtern und trinken was, als weitere Pilot:innen eintreffen, ein Tandem ist auch dabei, wir lassen alle vor und schauen uns so mal an, wie sich das mit Starten verhält. 
Als alle weg sind, legen wir aus und Astrid zieht gegen 14 Uhr als erste auf. Der schwache Wind und die geringe Neigung lassen erkennen, dass Frau ein wenig die Füße in die Hand nehmen muss, um sauber abzuheben und über die sich unten anschließende Baumreihe drüber zu kommen. Es erinnert ein wenig an den Startplatz Stella in Bassano. Bei den anderen Pilot:innen und dem Tandem konnten wir schon beobachten, dass mit viel Steigen nix ist und alle sehr zügig zum Landen gegangen sind, der Landeplatz ist ohne Laub an den Bäumen geradeso zu erkennen, und so habe ich keine Erwartungshaltung, außer einen schönen Gleitflug machen zu dürfen. Mit etwas Abstand zu Astrid ziehe ich ebenfalls auf, muss ein bisschen laufen und bin in der Luft. Wir suchen trotzdem an den markanten Stellen im Hang, ob es nicht doch irgendwo ein klitzekleines Bisschen rauf geht, aber da tut sich nix, selbst mit unseren Thetas geht’s nur runter. Knappe 8 Minuten später biege ich in meinen Endanflug ein, um zu landen, allerdings treffe ich schon wieder nicht den richtigen Zeitpunkt zum Abfangen, bremse den Schirm zu spät und gebe ihm so keine Gelegenheit, vor meinem Aufsetzen langsamer zu werden und klatsche entsprechend auf. Ich ärgere mich, weil es die letzten Flüge eigentlich ganz gut geklappt hat, aber es ändert nix. Ich muss da weiter an mir arbeiten. Immerhin habe ich mir auf dem gefrorenen Boden nix getan, außer mir einen dreckigen Handschuh geholt. 
Zeit für Kaffee&Kuchen. Wir packen unsere Schirme ein, die wir wieder in den Trockenraum verfrachten, wo inzwischen andere ein paar Ski deponiert hatten, worüber wir uns leider keine Gedanken machten als wir die Schirme auf dem Boden auseinanderfalteten, denn, wie wir am nächsten Tag merkten, war Astrids Schirm überraschender Weise tropfnass auf der Seite, wo er auf dem Boden lag, weil sich unter den Ski eine Pfütze in der Fließenfuge bildete, wo der Schirm lag. Das war ein bisschen doof und wir hatten Mühe den Schirm bis zum nächsten Flug trocken zu bekommen. 
Mangels Lust, uns selbst was zu kochen und dem Umstand, dass das Bistro am Campingplatz heute ab 18 Uhr öffnet, hatte ich bereits am Morgen ein Tisch für 2 reserviert. Es gab wieder Pizza, denn der wenige Betrieb auf dem Platz veranlasste die Betreiber dazu, nur eine etwas eingeschränkte Auswahl anzubieten. Das machte aber nix, denn auch dort ist die Pizza sehr, sehr lecker. Dazu gab’s ein Landebier und wir sind mit den beiden Chefs ein wenig ins Gespräch gekommen, die den Platz erst dieses Jahr eröffneten und damit ein etwas anderes Angebot schafften als das, was die anderen Plätze in der Gegend so bieten. Die beiden sehr netten jungen Männer haben außerdem erst kürzlich geheiratet, was mich erneut daran erinnerte, was es für ein Privileg ist, dass so etwas gegen viel und lange anhaltenden Widerstand mit viel Leid für die Betroffenen endlich möglich ist. Drücken wir uns die Daumen, dass die anrückenden Faschisten keine Gelegenheit bekommen, diesen Fortschritt rückgängig zu machen und die Gesellschaft damit wieder ins Mittelalter zu katapultieren. Jedenfalls verbringen wir auf diese Weise einen außerordentlich netten Abend und entscheiden dabei nebenbei auch, was wir am nächsten Tag tun wollen. Der Schmerz über den Preis der Bergfahrt am Speikboden sitzt (noch) so tief, dass wir lieber erneut nach Ahornach hochgehen, denn der Wind könnte dort am nächsten Tag immer noch passen, wenngleich uns bewusst ist, dass er sehr schwach sein könnte und thermisch sicher nix gehen wird. Dass der schwache Wind noch ein anderes Problem macht, lerne ich dann.  

Astrids Theta ist am nächsten Morgen immer noch so nass, dass fliegen damit keine Option ist, doch glücklicherweise hat jede ja ein weiteres Flugzeug dabei, unsere Pi3s, die im Grunde die perfekte Wahl für einen Hike&Fly mit einem wahrscheinlich kurzen Gleitflug sind, weil das nämlich genau der Zweck ist, warum wir sie zu unserer Ausbildung eingekauft haben. Also hängen wir den Theta nochmal auf die Leine und packen unsere Leichtausrüstung für den Tag ein, wackeln rauf nach Ahornach zum Startplatz, wo heute zunächst weniger Menschen sind und weil es heute mit Bewölkung und wenig Sonne nicht so fein ist, lange rumzusitzen, legen wir uns zügig trocken und machen uns Startbereit. Auf irgendwelche Thermiken brauchen wir sicher nicht zu warten. Die Windanzeiger wirken zu diesem Zeitpunkt alle etwas unentschlossen, Wind von vorne gibt es praktisch keinen, gleichzeitig ist eine ganz schwache bodennahe, kalte Strömung vom Berg kommend zu spüren. Ich denke mir nichts dabei, denn unsere Leichtschirme lassen sich auch bei minimalem Rückenwind starten und den haben wir eigentlich nicht, es ist eher wankelmütiger Nullwind, und Platz zum Laufen gibt’s genug. Als wir auslegen treffen zwei weitere Fliegende ein, die beginnen, sich fertig zu machen. Astrid zieht als erste auf und bei ihrem Startlauf ist bereits gut zu erkennen, dass es heute anspruchsvoll ist zu starten. Die Luft ist kälter, der Schirm tut sich mit fliegen schwer, sie muss weit laufen bis sie abhebt und weil sich unten am Startplatz eine schwache Mulde befindet, bis zu der sie laufen muss, berührt sie nach dem Abheben fast nochmal mit den Füßen den talseitigen Muldenrand, kommt aber ohne weiteren Kontakt raus. Mmmhhhh….. war ein bisschen knapp. Mein Gehirn schaltet sich nach diesem Ereignis leider nicht ein, ich bin völlig entspannt und selbstsicher, rückblickend betrachtet schon fast arrogant, dass ich hier ohne Probleme starten kann. Ist ja ein einfacher Startplatz. Dass ich aufs Anbremsen Acht geben muss oder vielleicht mit deutlich mehr Impuls aufziehen muss oder vielleicht noch ein bisschen schneller rennen muss und die Bremsen dabei ganz offen haben muss, fällt mir nicht ein. Ich ziehe auf, als stünde ich mit 5km/h von vorne am Buchenberg. Der Schirm kommt relativ langsam hoch, ich drücke ihn regelrecht über mich, was meine Hände tun, weiß ich gar nicht so genau, ich beginne zu beschleunigen, merke aber gleichzeitig, dass mein Schirm zwar offen über mir ist, er aber nur wenig Druck aufbaut und nicht so richtig fliegen will. Also laufe ich schneller, die Startwiese ist eigentlich schon zu ende, es beginnt Kuhwiese, zwar ohne Kühe, aber mit deren Hinterlassenschaften. Mein nächster Fehler: Ich bremse die Kappe an, um den Widerstand kurzzeitig zu vergrößern und so vielleicht abzuheben. Das passiert zwar, doch ich komme sofort wieder auf den Boden zurück, weil der Hang zu flach ist für solche Späße, stolpere, lande mit offenem Schirm über mir auf meinem Popo und ziehe mit den Füßen voran zwei Furchen durch den Acker, weil laufen jetzt nicht mehr möglich ist und ich sitzend auch den Schirm nicht durchbremsen kann, um abzubrechen. So rutsche ich auf meinem Allerwertesten weitere 15-20m den Hang runter bis die Energie aus der Kappe ist und sie vor mir mit der Nase voran einschlägt. Priml. Ab Daunenjacke abwärts sehe ich aus als hätte ich im Schlamm gebadet. Hose, Schuhe, Überhose, Gurtzeug, Protektor, alles voll mit Matsch und Grasbüschel. Wenigstens habe ich mir nicht weh getan, ich stehe auf, raffe mein Zeug zusammen und steige den Hang hinauf. Inzwischen sind weitere Pilot:innen eingetroffen, ich würde am liebsten vor Scham im Boden versinken, doch von denen kommt absolut nix. Noch nicht mal die Frage, ob alles gut ist, geschweige denn, dass jemand sich bequemen würde, mir mit dem erneuten Auslegen zu helfen. Alles Männer. 
Weil wir bei diesem kurzen Flug auf die Funken verzichteten, kann ich Astrid nicht Bescheid geben, was natürlich gut gewesen wäre, denn sie hat meinen Fehlstart aus der Luft gesehen und machte sich Sorgen. Sie kann nichts tun, außer sich auf ihren Flug und ihre Landung zu konzentrieren. Ich gebe mir 10 Sekunden zum Schnaufen, als ich wieder am Platz zum Auslegen bin und um wieder runterzukommen, in mich zu gehen, mich zur Ruhe zu ermahnen und den Schlamm und das schlechte Gefühl auszublenden, denn das hilft mir jetzt nicht. Dann hänge ich mich aus den Tragegurten aus, als klar ist, dass von den Anwesenden keine Unterstützung zu erwarten ist, weil sauberes Auslegen, was bei Null- oder Rückenwind, sehr wichtig ist, eingehängt nicht funktioniert. Ich beginne bewusst meine komplette Startvorbereitungsroutine von vorne, lege pedantisch die Kappe zurecht, sortiere pedantisch die Leinen, hänge mich für einen Vorwärtsstart ein, verbinde die Brummelhaken für den Beschleuniger und sage mir jeden einzelnen Schritt vor, der sich auf meiner inneren Checkliste befindet. Es ist absolut kein Raum für Fehler oder Nachlässigkeiten. Wieder startbereit, halte ich kurz inne, um auch den folgenden Startablauf zu visualisieren. Mehr Aufziehimpuls, wenig Bremse, zügig beschleunigen, wenn die Kappe stabil über mir ist und wenn’s nicht fliegt, aktiv rechtzeitig abbrechen. Tja, und dann setze ich diese Dinge genauso in die Tat um und komme dieses Mal ähnlich in die Luft, wie Astrid vorher. Meine Füße hätten am anderen Ende der Mulde fast nochmal den Boden berührt, aber ich bin drüber gekommen und fliege aus dem Hang. Astrid ist schon lange gelandet, als ich endlich heranschwebe, innerlich zerrüttet ob meiner Startfähigkeiten, voll Selbstzweifel, andere, wie Astrid zum Beispiel würden über sich selbst lachen, vorausgesetzt, es ist sonst nichts passiert, was ja der Fall ist, doch ich schleppe da ein paar Pakete aus meiner Kindheit mit mir herum, die in solchen Momenten ins Bewusstsein rücken und mich mit mir selbst bis ins Mark hadern lassen. Für diese Gedanken bleibt zunächst jedoch nur wenig Zeit, denn die Flugzeit wird nicht länger, ich rolle ein kurzes Stück, um mich abzulenken und den Flug wenigstens für ein Minitraining zu nutzen und dann braucht’s auch schon eine Idee davon, wie der Wind am Landeplatz ist, um eine Chance auf eine gute Landung zu haben. Ich fliege zwar ein kleines Bisschen zu weit, doch ich setze noch im regulären Landefeld auf meinen Füßen auf. Immerhin hat das funktioniert. Ziemlich deprimiert treffe ich mit Astrid zusammen, erzähle kurz, was passiert ist und schmolle schön weiter vor mich hin, während sie bereits Pläne im Kopf hat, wie wir das mit den dreckigen Klamotten und dem dreckigen Gurtzeug hinbekommen, denn auf dem Campingplatz können wir mit unseren Zugangschips auch die Waschmaschinen nutzen. So gesehen ein Glück, dass ich mit meiner Bergsteige-Flug-Strapse geflogen bin, denn die kann Frau einfach waschen, was mit dem Wendegurtzeug nicht so einfach gewesen wäre. So packen wir zusammen, der Schirm hat bei der Aktion nix abbekommen und muss nur trocknen, und wackeln rüber zum Campingplatz, wo ich einfach alles ausziehe, was gewaschen werden muss, und nachdem ich den Protektor vom Sitzgurt getrennt hatte, ging alles mit Schonwaschprogramm, ganz wenig normalem Waschmittel und nur wenigen Schleuderumdrehungen in die Trommel. Die Schirme hängten wir dann grad noch auf und während meine Sachen ihre Runden drehten, gab’s Kaffee&Kuchen. Eine Stunde später war die Maschine fertig, meine Sachen konnten zum Trocknen auf die Leine und der äußerliche Spuk war vorbei. Leider gibt es niemanden, mit dem ich reflektieren hätte können, was ich da alles für Fehler gemacht habe, doch, wie oben schon erwähnt, halte ich eine gewisse arrogante Selbstüberschätzung auf so einem vermeintlich einfachen Startplatz für eine der Hauptursachen. Des Weiteren wäre es klug gewesen, nicht auf Biegen und Brechen weiterzulaufen, sondern sich vorm Aufziehen schon zu überlegen, wann spätestens ein guter Zeitpunkt zum aktiven Abrechen ist und man Chancen hat, das Dilemma kontrolliert auf den eigenen Füßen zu stoppen, statt den Schirm die Kontrolle übernehmen zu lassen und sich der Physik auszuliefern. Sagt sich aber immer auch leicht, ist es aber nicht, wenn Frau mittendrin steckt und es zunächst nicht erkennbar ist, dass es nötig wäre, sich über so etwas Gedanken zu machen. 
Als wir mal auf einem Gletscher starten wollten, haben wir diese Punkte berücksichtigt und uns in die selbstgetrampelte Anlaufspur sogar eine Abbruchmarke „eingraviert“, weil die Gefahr offensichtlich war, wenn’s nicht fliegt. 
Ich drücke mir die Daumen, dass ich was gelernt habe. 
An jenem Abend gehen wir nochmal los in den Ort, wir brauchen Semmeln, denn, das muss ich leider sagen, die aufgebackenen, die Frau über den Brötchenservice des Campingplatzes morgens bekommen kann, sind teuer und bockhart. In der Bäckerei gibt’s auch Feinkost, wie unangenehm, und es wandert mehr in die Einkaufstasche, als geplant. Ein altes Leiden: Gutes Essen. 

Unseren Aufenthalt auf dem Campingplatz verlängerten wir bis zum 24.12. und schufen uns so einen weiteren Tag, an dem wir fliegen können, denn die Südlage hält unvermindert an und wird erst an Heiligabend mit dem angekündigten Schneefall zu Ende gehen. Auf einen Hüpfer von Ahornach haben wir nach zweimal Rauflaufen und Runterfliegen hintereinander jedoch keine Lust mehr, am Kronplatz wäre es noch gut, doch dann müssten wir entweder mit dem Bus eine kleine Weltreise machen, oder unser Auto mit der Kabine bewegen und sie natürlich vorher abfahrbereit machen, wozu wir auch keine Lust hatten. Wir sind wohl faule Hühner. Die Prognose sagt für alle in Frage kommenden Startplätze inklusive des Speikbodens gute Bedingungen mit wenig bis kein Wind für den 23.12. voraus, allerdings nimmt die Bewölkung zu, womit es ziemlich sicher weder Thermik noch Hangaufwind geben wird. Egal, wo wir fliegen wollen. Am Ende entschließen wir uns dazu, trotz des enormen Preises für die Bergfahrt, nochmal zum Startplatz an der Sonnklar Alm am Speikboden hinaufzufahren, denn dort haben wir selbst bei einem Gleitflug mit fast 1500m Höhenunterschied das längste Flugerlebnis, das wir mit wenig Aufwand an diesem Tag realisieren können und wenn es keine thermischen Ablösungen gibt, dürfte das Starten dort ein kleines bisschen entspannter sein. Wir packen unsere Thetas mit den Wendegurtzeugen, ziehen uns warm an, ich muss noch ein kleines Problemchen mit meiner Finger PTT Freisprecheinrichtung des Funkgerätes lösen und dann machen wir uns auf den Weg zu Fuß zum Busbahnhof in Sand. Wie wir den Startplatz erreichen, wissen wir ja nun und dementsprechend zügig stehen wir oben im Schnee, dieses Mal ganz allein. Es sind keine anderen Pilot:innen hier. Der Wind kommt schwach aus Süd, alle Windfähnchen sagen das gleiche, der Himmel ist bewölkt, keine Sonne, es ist exakt so, wie vorhergesagt und natürlich arschkalt, aber ansonsten passt das für uns zum Starten. Wir zögern nicht, machen uns zügig fertig, wegen des sehr wenigen Windes können wir gleichzeitig auslegen, nur beim Leinensortieren ist’s blöd, weil unsere „Zahnseide“, die wir als Leinen an unseren Leichtschirmen haben, sich ständig in den kleinen Eiskrusten am Boden verheddert. Solange es nur wenige Leinen sind und der Schirm beim Aufziehen nicht hängen bleibt, macht das erstmal nix, weil der erste Impuls beim Aufziehen normalerweise das Problem löst. Wie gesagt, wenn Frau sich Mühe gegeben hat und nur sehr wenige Leinen sich doch irgendwo reingewurschtelt haben. Als wir beide startbereit da stehen, lässt Astrid mir den Vortritt, weil ich am Tag zuvor so einen Zirkus beim Starten hatte und sie vermeiden mag, dass ich allein oben stehe. Ich ziehe vorwärts auf, alle Leinen sind frei, der Schirm kommt hoch, ist offen, ich stabilisiere, beschleunige, muss minimal nach rechts unterlaufen, zwei Schritte und merke bald, dass mein Schirm mich trägt, der Boden unter mir weg geht und ich fliege. Ein feiner Start. Gibt nix zu meckern. Sofort beginne ich damit, am Hang entlang zu schleichen, auf der Suche nach Steigen, um nicht zu schnell zu verschwinden bis Astrid auch in der Luft ist. Leider habe ich Gelegenheit, ihren Startversuch aus den Augenwinkeln mitzubekommen und sehe, dass ihr Schirm beim Aufziehen schräg aufsteigt und wieder einseitig auf den Boden sinkt und sie nicht rauskommt. Z’fix. Ein Flügelende hat sich beim Aufziehen am Boden in den Eispinöppeln verhakt, wie sie mir später über Funk sagt, dann verdrehte er sich beim Absinken, sie stand bis zu den Knien im Schnee und die einzige Möglichkeit, sich zu befreien und neu auszulegen war, alles wieder auszuhängen, sich aus dem Schnee zu befreien und von vorne zu beginnen. Im weichen Schnee und allein ist das ziemlich mühselig und braucht Zeit und obwohl ich tatsächlich ein paar Mal das Sinken für kurze Zeit stoppen konnte, so musste ich doch irgendwann in Richtung Tal abbiegen und konnte nicht länger in einer Warteposition bleiben. Der zweite Anlauf hat bei Astrid dann jedoch geklappt, wenngleich sie wieder Zirkus hatte, es aber irgendwie hinbekommen hat, den Schirm über sich zu halten, viel Druck in die Tragegurte zu geben und per halbem Pinguinstart mit Entschlossenheit ins Fliegen zu kommen. Als sie sich per Funk meldet, dass sie in der Luft ist, bin ich wirklich erleichtert, drehe einmal eine Kurve und kann ihren Schirm weit oben sehen. Meine weiteren Versuche, irgendwo Hangwind zu finden, der das Sinken zumindest verlangsamt, bleiben alle erfolglos und auch Astrid findet nichts und folgt mir ins Tal raus. Um die Zeit bis zur Landung sinnvoll zu nutzen, rolle ich erneut ein wenig, wobei ich mir Mühe gebe, auf Achse zu bleiben und einen guten Rhythmus zu finden. Vom sogenannten Wingovern bin ich noch Lichtjahre entfernt und solange die Basics dazu nicht passen und nicht automatisiert geflogen werden können, brauche ich die Baustelle „Außenflügel“ in freier Wildbahn nicht. Pendelt Frau nämlich zu weit nach oben oder sogar über die Mittelachse hinaus, wird es notwendig, den Außenflügel vorm Einklappen zu bewahren und dabei ist es wichtig, die richtige Dosis beim Anbremsen zu finden, weil dieser Flugzustand sonst unrund wird und vielleicht sogar stoppt, was Frau ja nicht will. Tut Frau nix, das habe ich schonmal unfreiwillig ausprobiert, klappt der Flügel am oberen Totpunkt ein, weil der Druck rausgeht und dann kann es blöd werden. Mich hat’s dabei in einer halben Sekunde über die geklappte Seite in eine Steilspirale katapultiert und ich hatte kurz Probleme zu erkennen, wo überhaupt innen und wo außen ist. Deswegen bin ich da etwas vorsichtig. Aber ich bleibe dran. Gelingt dieses Mal auch gut, was in der Garmin Aufzeichnung schön zu sehen ist, und nachdem ich die Pendelbewegung ausleitete, entschließe ich mich dazu, noch eine kurze Spirale zu fliegen, denn die ist wirklich wichtig und muss ebenfalls regelmäßig geübt werden. Ich entscheide mich für eine Drehrichtung, lege für meine Hände an den Steuerleinen fest, welche Hand innen und welche außen ist, und leite das Manöver durch einen entschlossenen, gleichmäßigen Zug an der Innenseite mit Gewichtsverlagerung ein. Mein Schirm braucht kaum eine ganze Umdrehung bis ich merke, dass er sich in die Kurve beißt, die Geräuschkulisse explodiert und die Eintrittskante sich in Richtung Boden dreht. Auf geht’s, mit über 80km/h rotiere ich außen um den Schirm, sinke mit etwa 14m/s und werde dabei ordentlich in mein Gurtzeug gepresst. Die Kunst besteht nach dem Einleiten daraus, die Flugbewegung unter Kontrolle und die Orientierung zu behalten und einen Sinkwert mit entsprechender Rotation zu stabilisieren, den Frau gut aushalten kann, d.h. während des Manövers bin ich permanent mit dem Wechselspiel von Innen- und Außenbremse beschäftigt, um die Neigung der Kappe zum Horizont und damit die Sinkgeschwindigkeit und die auftretenden G-Kräfte in einer guten Balance zu halten. Mir und auch Astrid gelingt das inzwischen gut und wir fliegen das Manöver zuverlässig in freier Wildbahn, doch es hat 1-2 Sicherheitstrainings gebraucht, bis das so war. 
Der schwierigste Teil kommt mit der Ausleitung, denn das System hat eine enorme Energie, die beim Stoppen der Drehung irgendwo hin muss. Die meiste Zeit im Sicherheitstraining war ich tatsächlich damit beschäftigt, die Ausleitung zu üben, denn, wie so oft, ist Timing, Intensität der Bewegungen und das Spiel zwischen Innen und Außen der Schlüssel. Prinzipiell sage ich meinem Schirm über die Außenbremse, dass wir jetzt wieder normal weiterfliegen wollen, sie hat die Macht über das Manöver, aber gleichzeitig soll das Drehen so sanft, idealerweise gegen den Wind, so ausgeleitet werden, dass die Energie nicht über ein starkes Steigen, sondern über flache Kreise abgebaut wird, weil unter Umständen beim starken Steigen die Strömung abreißen könnte. Das wollen wir nicht. Also brauchen wir stets auch wieder die Innenbremse, um so lange in der Kreisbewegung zu bleiben, bis die Triebwerke aus sind. Fun Fact: Leitet man mit dem Wind aus, kann es den lustigen Effekt geben, dass Frau durch ihre eigene Windschleppe fliegt, was üblicherweise am Schirm zu einem kleinen Seitenklapper führt. 
Astrid fliegt ebenfalls ein paar Manöver zur Übung, ihre Baustelle ist das Abfangen nach dem Nicken, sie ist sehr weit über mir als meine Höhe ausgeht und ich per schöner Landung den Flug beende. Astrid filmt meine Landung und die Perspektive ist spannend, weil sie dabei etwa 500 Höhenmeter über mir ist. Ich schaue ihr von unten bei ihren Manövern zu und bin schon ein klein wenig stolz, dass wir uns inzwischen selbständig beim Fliegen mit Dingen beschäftigen, bei denen ich mir am Anfang fast in die Hose gemacht habe, ohne dass jemand per Funk am Ohr hängt und notfalls eingreift. Das Gelernte beim freien Fliegen umzusetzen, ist eine Hürde oder kann eine Hürde sein, über die Frau erstmal drüber muss. Ich bin mit meinem Flug jedenfalls mehr als zufrieden, denn es hat vom Start bis zur Landung endlich mal alles einwandfrei funktioniert und als Astrid ihren Flug mit einer superfeinen Landung beendet, hat auch sie ein breites Grinsen im Gesicht. Schon irre, dass wir so etwas Abgefahrenes tun. Das Wissen um diesen Umstand lässt die meisten Unzulänglichkeiten, wie den verkackten Start tags zuvor, dann bald auch wieder verblassen, denn im Grunde haben wir einen Plan, was wir tun, haben eine irre Freude daran, ja, und manchmal geht eben mal was schief. Solange wir auf zwei eigenen Beinen den Landeplatz verlassen können und verstehen, was schiefgelaufen ist, ist alles kein Drama.
Im Tal ist die Sonne bereits weg, es ist kalt im Schatten, weswegen wir das Freuen auf die Kaffee/Kuchen-Zeit in der Kabine verschieben und zusehen, dass wir die Schirme in den Trockenraum schaffen. Für diesen Aufenthalt war das der letzte Flug, aber ich gehe davon aus, dass wir es erneut hier versuchen, wenn es vielleicht etwas thermischer ist, denn die Gegend ist fantastisch und bei guten Bedingungen sind hier, glaube ich, auch für uns schöne, kleine Streckenflüge möglich. 

Die letzte eiskalte Nacht geht vorüber, nach einem gemütlichen Frühstück checken wir aus, verabschieden uns von den lieben Menschen vom Campingplatz und müssen anschließend für die ganzen sich anschließenden Feiertage und das Wochenende mit meinen Mädels einkaufen, bevor wir bei einsetzendem Schneefall über den Brenner zurück nach Hause machen. 
Glücklicherweise fällt nicht so viel Schnee, wie befürchtet und wir kommen ohne Probleme mit überraschend wenig Verkehr über den Buckel und durch die Brückenbaustelle. Nur um Seefeld in Tirol herum sind die Straßen auf einem kurzen Stück verschneit, eine neue Erfahrung mit dem 3,5 Tonnen Gefährt auf All Terrain Reifen, aber es ging alles gut. Heiligabend waren wir zu Hause, haben uns was Leckeres aus der heidnischen Küche zubereitet, hatten Zeit, die Kabine am nächsten Tag winterfest zu machen, damit sie übers folgende Wochenende vor der Tür stehenbleiben kann und sind dann ins Saarland zu meinen Mädels abgedampft mit 4 Flügen an 4 Tagen hintereinander in Südtirol im Dezember im Gepäck. Ich finde das schon außergewöhnlich.

Fliegen in Südtirol, 19.-24.12.2025

Viele Jahre sind wir die Tage vor Weihnachten selbstverständlich ins Kaunertal gefahren, hatten eine mehr oder weniger teure Ferienwohnung, fuhren 2-3 Tage Ski, um für die Skitourensaison ein wenig gerüstet zu sein und verbrachten meistens auch meinen Geburtstag und manchmal sogar Weihnachten mit meinen Mädels dort. Doch seit 2-3 Jahren macht uns das irgendwie nicht mehr an, ein kleines Skigebiet, immer die gleichen Pisten, denn die letzten Jahre war selten genug Schnee da, um durchs Gelände abzufahren, und dann die explodierenden Preise für die Tageskarten, die sich in den letzten 10 Jahren verdoppelt haben. Seit das Fliegen in unser Leben getreten ist, haben sich auch diese Dinge verändert. Ich suche lieber um diese Zeit nach einem Ort, wo wir fliegen als einen, wo wir Skifahren können. Hinzu kommt dieses Jahr der Gamechanger in Sachen Flexibilität: unsere rollende Ferienwohnung, mit Hilfe derer wir uns von völlig überteuerten Absteigen endgültig verabschiedeten und bei Schlechtwetter nicht mehr festsitzen. So fiel die Wahl dieses Mal auf Sand in Taufers mit dem fantastischen Campingplatz Såndgøld Alpine Glamping, auf dem wir im Oktober schon mal standen, und wo wir bis dahin noch nicht geflogen sind.

Eine Woche im Oktober verbrachten wir mit meinen Kindern im Saarland, fuhren dort donnerstags hin, blieben eine Woche, fuhren freitags in der Woche danach zurück nach Bayern, holten samstags unseren Pickup aus der Werkstatt, der wegen einer Rückrufaktion die Woche dort verbrachte und wo er bei der Gelegenheit noch einen Marderschreck verpasst bekam, nachdem uns auf der letzten Ausfahrt nach Südtirol so ein kleines pelziges Tier in die Suppe gespuckt hatte, und fuhren noch am gleichen Abend los in Richtung Alpensüdseite, denn für unsere Urlaubswoche war im ganzen Alpenland bis auf Bassano richtig mieses Wetter vorhergesagt, mit Schnee, Sturm und viel Regen. Nix, wie weg. Dass wir nach Bassano aufbrachen war tatsächlich von mir ausgegangen, obwohl ich dieses Fluggebiet so überhaupt nicht mag. Es ist immer viel los, Startplätze immer brechend voll, Luft immer brechend voll, Landeplätze immer brechend voll und leider gibt es sehr viele Fliegende dort, die weder Hangflugregeln zu kennen scheinen noch wissen, wie in Thermiken gekreist wird. Teufel -> Fliegen, wenn wir fliegen wollen, dann geht’s in dieser Woche nur dort. Slowenien war nicht gut vorhergesagt, Meduno ebenfalls nicht und diese beiden Gebiete sind von uns aus für 3-4 Tage auch echt zu weit zu fahren mit unserem Schneckenhaus, mit dem wir lange nicht so zügig unterwegs sein können, wie mit dem PKW. Derweil rede ich mir ein, dass es eigentlich nicht so voll werden dürfte in Bassano, wo die ganze Woche Sonne mit einer hohen Vorhersagewahrscheinlichkeit angekündigt war, denn die Ferien gehen überall zu Ende, es ist Herbst und damit kalt, und, und, und, ich hab’s mir versucht, schön zu reden. Und wenn’s nur ist, um nochmal die Sonne zu sehen, bevor es erst Ende März wieder heller wird. 
Es geht wieder über den Brenner, dieses Mal bis nach Trento runter, wo wir nach Osten abbiegen und uns an einem der Seen, dem Lago di Caldonazzo, die am Weg liegen, einen Ort für die erste Nacht suchten und fanden. Meine Theorie, dass hoffentlich nicht mehr soviel Betrieb in Bassano ist, wurde dadurch gestützt, dass dieser erste Stellplatz völlig leer war und wir die einzigen blieben, die dort übernachteten, und es sogar nix kostete, weil außerhalb der Saison. Sonntagsmorgens fuhren wir noch etwa 1,5 Stunden weiter bis nach Semonzo del Grappa zum Landeplatz am Hotel Garden Relais, in der Annahme, wir bekommen von dort ein Shuttle zu den Startplätzen, fliegen dort einmal schön und richten uns dann am Camping Santafelicita für die kommenden Tage ein. Ähm, nein. Als erstes lernen wir, dass das Hotel anscheinend die Parkplätze für die Fliegenden gesperrt hat, um den eigenen Gästen genügend Parkfläche zur Verfügung stellen zu können, was dazu führte, dass die gesamte Straße am Landeplatz vorbei bis weit in die Pampa komplett vollgestellt war und wir nur ganz am Ende hinter einem kleinen Weinanbaufeld am Straßenrand noch was fanden. Ansonsten überall Himmel und Menschen mit großen Rucksäcken. Bassano ist wirklich schlimm, aber sowas habe ich noch nicht erlebt. Wir packen unsere Sackerl mit den Flugzeugen und gehen vor zum Garden Relais, Astrid hat auf dem Weg bei Regis per WhatsApp nach zwei Plätzen im Shuttle gefragt, damit wir möglichst bald raufkommen, doch der hat relativ schnell geantwortet, wir können versuchen, am Abend Plätze für den nächsten Tag zu bekommen, es täte ihm leid, aber er sei für heute komplett voll. Das nächste Shuttle, Enrico, hat sich erst gar nicht gemeldet. So standen wir am Garden Relais blöd rum, Shuttles waren nicht zu bekommen, die Schlange derer, die wahrscheinlich schon Tage im Voraus gebucht hatten, war endlos lange. Glücklicherweise hängt am Landeplatz eine Informationstafel mit Hike&Fly Touren, auf der wir lernten, dass es zu Fuß von hier zum Startplatz Bepi etwa 1,5 Stunden Aufstieg sind und nicht mehr als 700 Höhenmeter. Das ist für uns eigentlich nix und bevor wir hier bis zum Nimmerleinstag auf ein Shuttle warten, das nicht kommen wird bzw. das keinen Platz für uns haben wird, schlug ich vor, dass wir zurück zum Camper gehen, uns für den Fußweg richten und eben zu Fuß zum Startplatz gehen. Es war zu dem Zeitpunkt noch keine 11 Uhr und starten vor 13 Uhr hätte mit Blick auf die Thermikprognose sowieso keinen Sinn ergeben. So machen wir das und ganz ehrlich, der Weg hinauf ist wunderschön und praktisch niemand geht hier zu Fuß, weswegen wir nur sehr, sehr wenige Menschen trafen. Erst als wir am Startplatz ankommen, gibt’s auch hier das Ausmaß der überbordenden Menge an Menschen zu erleben und sich die üblichen Dramen bei den Startversuchen abspielen. Bereits auf dem Weg hinauf sind wir uns einig, dass wir hier kein Shuttle versuchen zu buchen, sondern alle Flüge in den nächsten Tagen per pedes beginnen wollen. Ganz oben auf meiner Wunschliste, wenn wir schonmal hier sind, stand ein Start am Panettone, einem der höchstgelegenen Startplätze der Gegend, nahe am Gipfel des Monte Grappa, was zu Fuß vom Campingplatz aus jedoch gute 11km Strecke und etwa 1400 Höhenmeter bedeutet, doch das schreckt uns jetzt auch nicht wirklich ab, weil wir das gehen können. Ebenfalls auf dem Weg nach oben stellten wir uns die Frage, wen wir wohl dieses Mal hier treffen werden, denn bei dieser gigantischen Menge an Pilot:innen ist es fast 100%ig sicher, dass jemand dabei ist, den oder die wir kennen. So war es bisher immer, wenn wir hier gewesen sind.

Am Startplatz angekommen, legen wir uns zunächst trocken, denn es ist überraschend warm, also viel wärmer als die letzten Wochen, egal wo wir gewesen sind, und dementsprechend habe ich geölt. Währenddessen bieten manche bei ihren Starts eine richtige Show und der Strom an Pilot:innen reißt nicht ab, ständig kommen Shuttles und Flugschulen mit eigenen Bussen an, werfen 8-10 Menschen ab und holen sofort Nachschub, fast alle Sprachen Europas sind zu hören. Wir haben sogar kurz überlegt, einfach bis zum Sonnenuntergang hier zu warten, weil es dann wahrscheinlich ruhiger wird, doch dann riss der Strom plötzlich kurz ab und es taten sich auf dem Startplatz ganz unerwartet Lücken auf. Wir beschließen zu starten, Astrid macht sich als erste fertig, ich helfe beim Auslegen und nachdem der Pilot vor ihr es dann beim dritten Versuch mit unserer Hilfe auch endlich geschafft hat zu starten, ist sie sofort in der Luft. Mein Versuch, den gleichen Fleck zum Starten zu okkupieren, wird durch einen Tandempiloten mit seinem Gast vereitelt, der hat gemäß gelebter Üblichkeit Vorfahrt. Damit mir danach niemand den Platz wegschnappt, zog ich wenigstens schonmal eine Seite meines Flügels auseinander, sortierte die Leinen auf jener Seite und hoffe, der Vogel mit seinem Tandem ist bald weg. Ist er nicht, denn auch er produziert erstmal einen Fehlstart, wohlgemerkt, keinen Startabbruch. Statt meine andere Seite meines Flügel nun auseinander zu ziehen, helfe ich ihm beim erneuten Auslegen seines gigantisch großen und schweren Tandemschirms, denn über ihn hinweg kann ich eh nicht starten. Währenddessen faltet der immer wieder auftretende Ostwind meinen Schirm wieder zusammen, aber wenigstens kommt der Tandem im zweiten Anlauf raus. Ich beginne meine Auslege- und Sortierarbeiten von vorne, und wie üblich hier, kommt von den ausschließlich männlich identifizierten und nicht eingehängten Piloten keine alte Sau auf die Idee, mal mit Hand anzulegen, damit es für alle schneller und einfacher geht. Das ist, nebenbei bemerkt, einer der Gründe, warum ich nie wieder ein gemischtes Fliegetraining in irgendwas buchen würde. In Frauengruppen passiert sowas nicht. Frauen helfen sich gegenseitig und vergeuden ihre Zeit nicht mit Platzhirschgehabe. 
Als ich endlich soweit bin, die Tragegurte in mein Gurtzeug einzuhängen, faltet mir der Ostwind noch einmal meine Kappe zusammen und ich versuche erst gar nicht, jemanden nach Hilfe anzusprechen, da aussichtslos, sondern ziehe meinen Schirm erneut neu auseinander. Lustigerweise ist zum Zeitpunkt meines Starts dann gar kein Wind mehr, was mir die Gelegenheit gibt, vorwärts aufzuziehen, worin ich deutlich mehr Routine hab und der Start sofort gelingt. 
Ein neues Thema ereilt mich. Kaum haben die Füße den Boden verlassen, merke ich, wie ruppig die Luft ist. Vom Start weg bin ich permanent damit beschäftigt, meine Kappe offen zu halten und ich empfinde diese Situation als extrem unangenehm. Astrid ist zu diesem Zeitpunkt schon bald zwanzig Minuten in der Luft und von ihr erfahre ich, wo es Steigen gibt und fliege diese Stellen sofort an und beginne zu kreisen, doch mit jedem Meter, den es rauf geht, wird es schlimmer. Ich werde in meinem Gurtzeug hin- und hergeworfen, bewege mich zwischen 5m/s Steigen und 9m/s Sinken, die Thermiken sind relativ kleinräumig, sodass ständig mindestens eine Flügelseite rein- oder rausfällt, obwohl ich relativ eng drehe, was zu einem extrem unruhigen Flug führt. Ich beginne mich zu fürchten, habe das Gefühl, keine Kontrolle zu haben, und -ganz neu für mich- die Höhe macht mir was aus. Das kannte ich bis dahin überhaupt nicht und ich war auch weit davon entfernt wirklich hoch über dem Boden zu sein, im Vergleich zu anderen Flügen, bei denen es mich eher amüsierte, 1-2 km über Grund auf über 3000m MSL zu fliegen. Es gibt schon komische Tage. Rückblickend versuchte ich mir ein Bild davon zu verschaffen, was diese Unsicherheit und dieses extreme „Ich-will-hier-nicht-sein“-Gefühl ausgelöst hat, doch das ist nicht so einfach zu beantworten. Die arme Astrid, die sich mein Geschimpfe und meine Angstgefühle im Funk anhören musste. Ich kam zu dem Schluss, dass mich so ziemlich alles an diesem Tag und insbesondere die wahnsinnige Menge der anderen Menschen sowohl am Startplatz als auch in der Luft schon stressten. Zu wenig gegessen, zu wenig getrunken, Stress beim Starten, Stress ganz besonders in der ersten Thermik, wo ich mit gefühlt 100 anderen gleichzeitig eindrehte und weder Augen noch Ohren ausreichten, um alles zu erfassen plus die an sich schon sehr unruhigen Verhältnisse in Kombination dazu führten, dass es mir von der ersten Sekunde in der Luft an nicht gut ging. Immerhin habe ich mich so 3-4 Thermiken hochgewürgt, wobei es nicht wirklich hoch ging, denn auf etwa 1200m MSL war für alle Schluss. Ebenfalls ein Grund, warum es so unsagbar voll war, denn es verteilte sich nicht. Mir reicht’s, ich biege in die Ebene Richtung Landeplatz ab. Raus aus dem Pulk und viel Sinken ließen mich irgendwann ein klein wenig entspannen, weil ich plötzlich allein war und ich mich einfach auf eine schöne Landung konzentrieren konnte, die mir auch gelungen ist. By the way, seit dem letzten Sicherheitstraining, wo ich mein Timingproblem beim Landen erkannte und sukzessive korrigierte, bin ich stets auf meinen Füßen gelandet und habe mit einer unkritischen Ausnahme immer das Landefeld getroffen. Astrid bleibt in diesem Ameisenhaufen irgendwie gelassener, was mich sehr für sie freut, wenngleich sie ebenfalls einige Begegnungen der dritten Art auf ihren Flügen hatte. Nach bald einer Dreiviertelstunde landet auch sie am Garden Relais, wo es nach wie vor zugeht, wie auf einem anderen Planeten. Mit Fliegen bin ich für heute fertig. Wir genießen das warme Wetter, packen in aller Ruhe unser Zeug ein, quatschen über das Erlebte und dann brumselt Astrids Telefon, ein Bild von unserem Camper, wie er weit hinten am Straßenrand steht, kommt rein, gemacht von Vreni, die wir vom letzten Sicherheitstraining kennen. Da schau her. Die Frage, wen wir wohl dieses Mal treffen, ist beantwortet und kaum haben wir’s geschnallt, steht die liebe Vreni auch schon vor mir. Ihrem Papa gehört die Flugschule Oase im Oberallgäu und sie sind diese Tage ebenfalls hier zum Fliegen, gerade angekommen und versuchen, ein Shuttle zu bekommen. Witzig. Leider sehen wir uns danach nicht mehr, aber wen wundert’s bei hunderten Pilot:innen. 
Astrid und ich siedeln um, wollen auf den Camping Santafelicitas in Semonzo, doch dort ist im regulären Areal kein Platz mehr für uns und es wird auch keiner frei in den nächsten Tagen. Einzige Alternative ist der Aussenlandeplatz, der zum Campingplatz gehört und an dessen Rändern die Leute mit ihren Campern stehen und der ebenfalls kaum noch Lücken aufweist, in die wir uns quetschen können. Strom und Wasser gibt’s da nicht, wir können lediglich die Sanitärräume des Campingplatzes, sowie Ver- und Entsorgung nutzen und bekommen zu dem Zweck auch zwei Zugangschips beim Anmelden. Die Wiese hängt überall, in der ersten Nacht stehen wir blöd, ein Baum kratzt die ganze Nacht mit seinen Ästen über unsere Kabine, die Nachbarn auf einer Seite sind bis spät in die Nacht sehr laut und unsere Gasheizung nervt mit ihrem Gezündel in den frühen Morgenstunden, das uns alle paar Minuten aufschrecken lässt. Sehr durchwachsen geht so die erste Nacht dahin. Letzte Aktion am Abend: Ich reserviere uns zwei Plätze im L’Antica Abbazia für den Montagabend.

Der erste Blick am nächsten Morgen gilt der Prognose fürs Flugwetter, die konstant schlechter wird und uns ist klar, dass etwaige Streckenflüge hier nur noch Glücksache sein werden und auch mein kleiner Wunsch, vom Startplatz Panettone starten zu können, ist erstmal geplatzt. Für heute soll es bedeckt bleiben, der überregionale West-Nordwest kommt bis auf 1500m runter, Föhn isses keiner, doch er wird sicher wieder zu sehr unruhigen und zerrissenen Verhältnissen beitragen. Unser erster Plan, einfach „nur“ eine Wanderung zu machen, weicht relativ schnell der Idee, dass wir unser ganz leichtes Zeug mit dem Pi3 doch mitnehmen und zu Fuß zum Startplatz Casette aufsteigen, wo die Bedingungen für mindestens einen Gleitflug noch ganz gut zu passen scheinen, um uns den mindestens mal anzusehen und vielleicht sogar zu starten. Weil uns jedoch der Kratzebaum so genervt hat in der Nacht, ist Maßnahme #1 nach dem Frühstück und vor dem Losgehen: Auto umstellen. Es haben sich seit gestern ein paar Lücken gebildet, wo wir besser stehen würden und wo wir sogar am Nachmittag noch ein wenig Sonne abbekommen könnten, also tun wir das schnell. 
Der Startplatz Casette liegt auf ziemlich genau 1000m MSL, was netto für den Aufstieg etwa 750 Höhenmeter bedeutet, allerdings ist die Wegstrecke mit etwa 6,5 km etwas länger als vom Garden Relais zum Startplatz Bepi, wo wir gestern unser „schweres“ Flugzeug hochtrugen. Die leichte Ausrüstung mit dem Pi3, dem Bergsteigegurtzeug, dem kleineren Retter, dem Kletterhelm, usw. ist mit dem deutlich bequemeren Rucksack von Neo beinahe nicht auf dem Rücken zu spüren, ich schätze, er ist mindestens 5kg leichter. Gegen 10Uhr gehen wir los, es ist noch relativ kühl, ein Großteil des sehr schönen Weges verläuft im Wald und teilweise nordseitig, weswegen wir lange gehen, bis uns die ersten Sonnenstrahlen erreichen und die dann auch guttun. Wie erwartet sind so gut wie keinen anderen Menschen hier unterwegs und wenn ich mich recht erinnere überholt uns nur genau ein Pilot, der ein wenig zügiger unterwegs ist als wir. Als wir uns in einem Bogen unter der Startwiese hindurch vorbei an einem Agritourismo und einem kleinen Eselgehege dem Startplatz nähern, ist unschwer zu erkennen, dass auch hier der Papst im Kettenhemd boxt. Mehrere Flugschulen sind da, die auch konstant Nachschub liefern, was dafürspricht, dass die Startbedingungen hier nicht so schlecht sein können, die Windfahne zeigt das mit kleinen Abweichungen auch so an. Auf dem Weg rauf hatten Astrid und ich besprochen, dass wir relativ schnell eine Entscheidung treffen wollen, ob wir starten oder nicht, denn wenn nicht, legen wir uns gar nicht erst trocken, sondern gehen möglichst bald nach der Inspektion des Startgeländes wieder runter. Ich bin wankelmütig. So viele Menschen machen mich am Startplatz nervös, wenngleich ich schon wahrnehme, dass der Startplatz im Vergleich zu Bepi oder Stella sehr viel feiner zum Starten ist, nur im Abflug muss Frau ein wenig sehen, dass sie zügig nach links kommt, wenn sie kein Steigen hat, was heute sicher der Fall ist. Knapp wird’s nur bei Pilot:innen, die nicht sauber starten, den Schirm beim Aufziehen zu wenig anbremsen und/oder zu früh freigeben, denn dann sackt der Schirm beim Fahrtaufnehmen logischer Weise durch. Das ist Physik.
Trotz des mir sehr unangenehmen Trubels habe ich Bock auf Fliegen und wir entscheiden uns für diese Option, ziehen uns um, essen und trinken was und während wir uns so langsam in Richtung Startbereitschaft entwickeln, fallen uns ein Papa und seine Tochter auf, die wenig routiniert und etwas planlos wirken, diskutieren unter anderem, wie die Tragegurte nun eingehängt werden müssen und als die junge Frau als erstes ihren Schirm auseinanderzieht, kann Astrid nicht mehr anders als hinzugehen und mit den beiden lieb und respektvoll zu sprechen, damit nix Blödes passiert. Rebecca und Rüdiger, wie wir später lernen, sind das erste Mal nach einem ganzen Jahr an einem Startplatz, fliegen generell nicht viel häufiger als einmal im Jahr und sind ein klein wenig froh, dass jemand einspringt und sie bei ihren Startvorbereitungen unterstützt, ohne dabei aufdringlich oder übergriffig zu werden. Umso mehr freut es mich zu sehen, dass die beiden sehr souverän und sicher starten und ihren Weg in die Luft finden und überraschender Weise fliegt Rebecca eine gute Stunde anschließend in den Thermiken rum, was wir am nächsten Tag erfahren. Wirklich toll. 

So, dann jetzt wir. Weil ich vom Vortag noch mit meinen schlechten Erfahrungen belastet bin und ein wenig mit Wasser in den Ohren über den Startplatz wackele auf der Suche nach einer Lücke, schiebt Astrid mich auf den besten Platz nach vorne, wo gerade ein Pilot abhebt und das Fleckerl für mich frei macht. Von allein wäre ich dort nicht hin, denn in meiner Wahrnehmung okkupierten die Flugschulen diese Ecke und alle anderen drapierten sich außen herum, doch tatsächlich bin ich niemandem in den Weg gesprungen. Astrid zieht meinen Schirm auseinander, sie besteht darauf, dass ich als erste starte, ich sortiere meine Leinen, checke mich, den Wind und meine Startrichtung und in sehr kurzer Zeit bin ich soweit, ziehe auf und fliege gegen 13Uhr weg. Astrid kommt relativ schnell hinter mir her, denn sie bekommt völlig unerwartet Hilfe als zwei Jungs beispringen und ihr den Schirm auseinanderziehen, was in Bassano wirklich Seltenheitswert hat. Ziemlich schnell merke ich, dass es arschkalt ist, ich nicht ausreichend warm angezogen bin und schon nach wenigen Minuten zu zittern beginne. Es pfeift besonders in meine leichten Halbschuhe rein und die Beine hoch, ich hatte mir gespart, die Softshellhose raufzutragen und die unterste Schicht war zudem noch angeschwitzelt, über die ich nur meine Fliegeleggings drüberzog und die Akkus in den Heizehandschuhen hatte ich auch vergessen anzustecken. Sollte ja nur ein Gleitflug mit dem Pi werden. Kommt aber alles anders, denn wir finden eine Ecke, wo es steigt und beginnen damit, in die Thermiken einzudrehen und raufzufliegen, während ich mit meinen Zähnen so vor mich hinklappere. Ja, mit dem Pi kann Frau auch Thermik fliegen, sie, die Thermik, muss nur stark genug sein, damit sie das überdurchschnittliche Sinken dieses Schirmmodells kompensieren kann und dann geht’s rauf. Es taugt mir etwas besser als am Vortag, die Luft ist ein klein wenig ruhiger, weil generell weniger Wind ist und wir deutlich unter dem überregionalen West fliegen und auch nicht soweit rauf kommen, dass es eine signifikante Rolle spielen würde. Die Wolkendecke hängt tief, Sonne kommt nur wenig durch, umso erstaunlicher, dass es überhaupt Steigen hat. Leider geht es allen anderen auch so und ich sehe mich nach wenigen Minuten in meinen Thermikkreisen umzingelt von krass vielen Schirmen, denn Steigen ist magnetisch, von denen offensichtlich nicht alle wissen, wie sie sich zu verhalten haben, oder es einfach ignorieren, um ihre eigene Flugroute durchzusetzen. Ich bleibe defensiv, mache Platz, finde andere Wege, kein Bock auf toxische Männlichkeit, freue und wundere mich zugleich, dass der Pi so gut fliegt und zittere weiter vor mich hin, während ich zwischendurch die Thermik wechsele und mich immer wieder mit Astrid über Funk austausche. Nach der dritten Thermik weicht so langsam das Gefühl aus Händen, Füßen und Beinen, ich melde mich bei Astrid, dass ich zum Landeplatz Paradiso fliege und landen gehe, bevor ich tiefgefroren bin. Landen zu gehen braucht dann auch nochmal Zeit, denn selbst um den Landeplatz herum gibt’s so viel Steigen, dass sogar der Pi weiterfliegen möchte. Netto geht’s aber dann doch runter und weil ich allein im Luftraum unmittelbar am Landeplatz bin, achtere ich weiter ab, statt eine Landevolte zu fliegen, biege bei passender Höhe in einen langen, geraden Endanflug ein und mache fast eine Punktlandung, denn jemand hat einen Peilpunkt auf die Landewiese gelegt. Das Timing beim Flairen hat gepasst, ich setze auf meinen Füßen auf, ich freue mich, dass wir gestartet sind. Astrid ist ein paar Minuten hinter mir und weil es außer uns keine Pi’s in der Luft gibt und sie dann auch noch anfängt, Spiralen zu fliegen, ist sie nicht schwer auszumachen. Ich filme ihre Landung, während ich am Boden langsam wieder auftaue und wir anschließend gemeinsam einpacken und zu Fuß zum Camper wackeln. 
Einkaufen ist ein Thema, denn unsere spärlichen Reserven an mitgebrachtem Futter gehen zur Neige. Nach einer Tasse Kaffee und einem Stückchen Schokolade schwingen wir uns auf die Räder und machen uns auf den Weg zum kleinen Alimentari im Ort, wo die nette Dame aus der Schweiz hinter der Wurst- und Käsetheke steht und bei der wir uns jedes Mal entschuldigen, dass ich kein und Astrid nur wenig italienisch spricht und ob wir freundlicherweise in Deutsch bestellen dürfen. Dann lacht sie jedes Mal und ja, natürlich können wir auf Deutsch weitermachen. Volle lieb. 
Die Prognose für den nächsten Tag sagt, dass wir wieder zum Startplatz Casette gehen werden, aber dieses Mal wegen der besser vorhergesagten thermischen Verhältnisse, unsere Thetas mit der etwas schwereren Ausrüstung mitnehmen und packen die notwendige Ausrüstung auch gleich zusammen, damit wir am nächsten Morgen etwas früher losgehen können.
Am Abend finden wir uns zum Essen im L’Antica Abbazia, dem Restaurant direkt neben dem Campingplatz, ein, in dem wir das letzte Mal superlecker gegessen hatten und äußerst zuvorkommend und nett bedient wurden. Dieses Mal war das leider nicht so. Der junge Mann, der die Bestellung aufnahm, war zwar sehr nett, aber gestresst und der ganze Ablauf erinnerte eher an eine Massenabfertigung, denn das Lokal war natürlich ebenfalls brechend voll, wie alles andere in diesen Tagen. 

Ein neuer Tag, ein Dienstag, der letzte, an dem Fliegen hier noch Sinn ergibt. Wind- und Wettervorhersagen passen immer noch für Casette und weil wir praktisch direkt nach dem Frühstück loskönnen, sind wir bald zwei Stunden früher dran als gestern, doch das war auch der Plan, so dass wir mit dem deutlich schwereren Gepäck nicht hetzen müssen. Gefühlt gehen wir tatsächlich deutlich langsamer und die ersten Meter bringt mich der schwere Rucksack fast zum Zweifeln, ob ich so überhaupt oben ankomme, doch dieser Eindruck hat sich überraschender Weise bald verflüchtigt, der Weg ist schön, die Sonne scheint und es ist etwas wärmer als tags zuvor, ich fühle mich gut, jeder Meter nach oben scheint mir mehr Kraft zu geben. Zwei männlich identifizierte Tschechen hören wir sehr lange im Voraus laut im Wald miteinander reden und wir fragen uns, warum manche Menschen so laut sein müssen? Hören die zwei nicht gut, oder was? Sie gehen schneller als wir, weswegen sie uns bald eingeholt haben, wir lassen sie vorbei und danach wird’s wieder etwas stiller. Wir reden generell vergleichsweise wenig miteinander, wenn wir so vor uns hingehen und ich stelle die Frage, wie Astrid das empfindet? Haben wir uns nix zu sagen, sollten wir das ändern, wie gehen wir damit um, müssen wir überhaupt damit umgehen? Wir sind uns einig, dass das kein Problem ist, ganz im Gegenteil, ich hänge gerne meinen Gedanken nach oder denke einfach gar nicht, manchmal sprechen wir über die Dinge, die in unseren Köpfen kreisen, manchmal nicht und das ist völlig in Ordnung. Einfach mal nix sagen zu müssen ist Teil der Gehtherapie. 
Das Schneckentempo, von dem wir annahmen, dass wir es gehen, bringt uns lustigerweise in fast der gleichen Zeit nach oben, wir brauchen keine 10 Minuten länger als mit dem leichteren Gepäck, allerdings mussten wir auch nicht mehr nach dem Weg schauen, weil uns der natürlich bekannt war. Am Startplatz ist weniger los, wofür es mehrere Erklärungen gibt. Auf Platz 1 ist die Inversion deren Grenze genau auf Startplatzniveau hängt und die Thermikflüge verhindert, denn wer nach dem Start nicht über der Inversion fliegt, der geht landen, dementsprechend leer ist der gesamte Luftraum, weil auch von den beiden tiefer gelegenen Startplätzen Bepi und Stella niemand raufgeflogen kommt. Auf Platz 2 ist der Wind am Startplatz, der entgegen der Vorhersage meist aus südlichen Richtungen kommt und nicht selten für spürbaren Rückenwind sorgt, was wir nicht erwartet hatten und den wir ernst nehmen nach einer etwas unglücklichen Erfahrung vor einigen Wochen an der Sausteige im Pinzgau. Parawaiting. Wir ziehen uns fürs Fliegen an, essen und trinken, wie üblich, und warten einfach mal ab, wie es sich entwickelt. Gleitschirmfliegen hat an der Stelle nicht selten etwas mit Geduld zu tun. Die beiden von gestern, Rebecca und Rüdiger sind zusammen mit Rüdigers Frau Heike ebenfalls wieder da, schnell sind wir im Gespräch und kurz darauf erscheinen Andi und Markus aus dem Pinzgau hier oben, die wir von Hike&Fly Touren mit Alex und Manuel kennen und quatschen auch mit ihnen über die aktuelle Situation. So vergeht mehr als eine Stunde, der eine oder die andere Pilot:in startet in den wenigen Momenten, an denen es geht, die Inversion bleibt jedoch dort, wo sie schon die ganze Zeit hing. Was wir immer wieder wahrnehmen, sind Gleitschirmfliegende, die von weiter oben kommen und ziemlich sicher am Startplatz Panettone gestartet sind. Den hatten wir am Morgen wegen des starken Windes ausgeschlossen, der Startplatz liegt mit etwa 1550m MSL zu diesem Zeitpunkt ziemlich genau auf der Grenze, wo sich der überregionale West mit dem lokalen Südost trifft und die Windstation hatte die ganze Zeit mehr als 15km/h mit Böen über 30km/h gemeldet, was mir zum Starten zu viel ist. Derweil haben Andi und Markus in ihrer Gruppe besprochen, dass sie jetzt zu Fuß zum Panettone weiter aufsteigen wollen, denn hier sieht es nicht so aus, als würde sich so schnell etwas ändern. Astrid checkt die Windstation oben und siehe da der Wind ist weniger geworden. Perfekte Startbedingungen am Panettone. Etwas überraschend, doch die Messinstrumente lügen normalerweise nicht, wenn sie Daten liefern und noch während wir die Pinzgautruppe verabschieden, äußern Rüdiger und Rebecca, dass wir ebenfalls zum Panettone hochfahren könnten, sie sind ja mit dem Auto da. Plötzlich kommt die Gelegenheit um die Ecke, doch noch vom Panettone starten zu können, womit ich für diese Tage überhaupt nicht mehr gerechnet hatte und als die drei bekräftigen, uns selbstverständlich gerne mit hoch zu nehmen, zögern wir nicht, packen unsere Sachen zusammen und steigen ein. Ob’s mit Starten dann dort geht, ist natürlich offen, doch wir haben eine Chance, es herauszufinden. Unterwegs fahren wir an Andi und Markus vorbei, die den Daumen heraushalten. Von Casette aus bleibt eigentlich nur die Fahrstraße, um zu Fuß zum Panettone zu kommen, was wegen der endlos erscheinenden Strecke ganz schön mühselig ist. Zu fünft im Auto haben wir nur leider keinen Platz mehr für noch 4 Menschen, doch als wir oben am Parkplatz ankommen und ausgestiegen sind, setzt sich Heike wieder ins Auto und macht sich auf den Weg, die anderen einzusammeln, die wir haben stehen lassen müssen. Das ist ganz schön nett von ihr, wenngleich es vergebens ist, denn sie konnten zwischenzeitlich anderweitig eine Mitfahrgelegenheit ergattern.

Am Startplatz Panettone nach wenigen Gehminuten vom Parkplatz angekommen, fühle ich zunächst fast gar keinen Wind mehr und der erste Eindruck vom Startgelände wirft die Frage auf, warum an einem Hügel gestartet wird, der weitere vorgelagerte Hügel hat, an denen Frau auch aufziehen könnte? Astrid schaut sich extra einen der Hügel, die unmittelbar an der vorderen Kante der Bergkette liegen, an und bestätigt, dass Frau dort ebenfalls starten könnte. Tut aber niemand. Es sind jedoch auch nicht so wahnsinnig viele Menschen hier, die starten wollen, es ist viel, viel weniger Betrieb als an allen anderen Startplätzen, die wir in den letzten Tagen besucht haben. Liegt wahrscheinlich an dem weiten Weg, den die Shuttles gegen einen Aufpreis nur machen, wenn genug Menschen zusammenkommen, die da rauf wollen. Mir taugt’s so jedenfalls und freue mich, wie ein Schnitzel, dass das geklappt hat. Als wir den ersten beiden Piloten zuschauen können, wie sie starten und rausfliegen, erkenne ich, dass es kein Problem ist, über die vorderen Hügel zu kommen oder im Zweifel zwischen ihnen hindurchzufliegen, solange der Wind passt und Frau keine groben Fehler beim Starten macht, passt es gut. Kurz Rücksprache mit Astrid, wir starten hier und ich gehe als erste raus. Rebecca hat noch ein Thema, weil sie ihr Vario vermisst, das allerdings auch nach Rückkehr ihrer Mama nirgendwo zu finden ist, was deren Start verzögert. Eigentlich war der Plan, dass Astrid und ich den beiden etwas weniger Erfahrenen beim Starten helfen, doch als nicht klar ist, wie lange sich deren Vorbereitungen verzögern, müssen wir ein klein wenig egoistisch werden, denn wie lange die Bedingungen perfekt zum Starten sind, weiß niemand und ich möchte die Gelegenheit auf keinen Fall leichtfertig verstreichen lassen. Für die beiden ist’s nach Abstimmung jedoch völlig in Ordnung, wenn Astrid und ich schonmal starten. Der Wind hat ein klein wenig zugelegt, wahrscheinlich so auf 10km/h, ich hab’s nicht geprüft, doch vom Gefühl her perfekt, um rückwärts aufzuziehen, womit wir uns für gewöhnlich nicht so wohl fühlen, weil einfach die Routine fehlt, weil wir es so selten tun, doch ich, mein Bauchi und mein Quatschi im Kopf sind uns einig, dass es heute keine Zweifel gibt, es wird auf Anhieb funktionieren. Fertig für den Flug angezogen, lege ich meinen Theta auf den Boden, Astrid und Rüdiger ziehen ihn ein kleines Stück auseinander, auf Anweisung von Astrid gerade soweit, dass die A-Leinen frei sind und ich über Zug an den Steuerleinen sehen kann, dass sie auch frei sind, dann hänge ich mich ein, befestige den Beschleuniger rechts und links über die Brummelhaken und im nächsten Schritt lege ich den Schirm mit dem Wind aus. Die Kappe öffnet sich symmetrisch, was mir sagt, ich stehe perfekt zum Wind und ich kann erkennen, dass auch alle anderen Leinen frei sind und sich nichts verhängt hat. Bauchi erteilt die Startfreigabe, über einen leichten Zug an den mittleren 4 A-Leinen steigt mein Schirm über mich, ich bremse an, halte ihn für einen Bruchteil von Sekunden über mir, drehe mich aus, lehne mich in die Tragegurte, um den Druck im Flügel beizubehalten, mache noch zwei lange Schritte und fliege. Beim Ausdrehen merke ich, dass irgendetwas in meiner Jacke gerumpelt hat, was aber für den Start nicht relevant war, es gibt keine Beeinträchtigung, also denke ich mir nix dabei.
Direkt nach dem Start hatte ich sogar ein klein wenig Steigen, wodurch ich ganz entspannt über die vorderen Hügel drüber gekommen bin und als ich bemerke, dass der erste Teil der Bergkette, an der ich entlangfliegen werde, komplett im Schatten liegt, stellt sich mir die Frage, ob es klug ist, nahe am Hang bzw. der Kante zu fliegen? Ich halte das für problematisch, denn der Wind, der am Startplatz perfekt gepasst hat, macht nahe der Kante wahrscheinlich ein Lee und ohne Sonne wird es keine Kompensation durch Thermik oder Hangwind geben, weswegen ich nicht versuche, zu nahe am Hang Steigen zu finden, sondern bleibe auf Abstand. Das bedeutet zwar, dass es nur runter geht, aber es ist mit weniger unliebsamen Überraschungen verbunden. Astrid startet hinter mir ebenfalls per Rückwärtsaufziehen, Rüdiger hat auch ihr beim Auslegen geholfen, doch sie berichtet später von einem starken Sinken direkt nach dem Start und sie musste schauen, dass sie über die Kante kommt, wobei sie schon nach Landemöglichkeiten Ausschau hielt. Am Ende hat’s aber doch geklappt. Per Funk versuche ich, mich nach ihrem Start zu erkundigen, doch es bleibt still in der Leitung. Gut, denke ich, vielleicht ist sie beschäftigt und wird sich später melden. Das tut sie auch, allerdings bemerke ich das daran, dass meine Daunenjacke zu sprechen anfängt und nichts in meinem Headset ankommt und da dämmert mir, was das beim Starten für ein Gerumpel in meiner Jacke war. Ich hab‘ beim Ausdrehen das Headsetkabel aus der Funke gezogen. Weil es einigermaßen ruhig in der Luft ist und ich es vertreten kann, die Steuerleinen loszulassen, beginne ich damit, mit den dicken Handschuhen eine Lage an Jacken nach der anderen von unten aufzumachen, bis ich an die natürlich verschlossene Innentasche rechts unten komme, in der das Funkgerät steckt. Das Kabel des Headsets ist irgendwo in meinem Ärmel verschwunden und es dauert ein wenig, bis ich es mit den dicken Handschuhen gefunden habe. Die Handschuhe wollte ich auf keinen Fall ausziehen, weil sie nirgendwo festgemacht waren und die Gefahr, sie zu verlieren, mir als zu groß erschien. Also muss alles mit Handschuhen passieren. Es wird zwar ein bisschen kalt unten rum, doch ich schaffe es, das Kabel mit dem Stecker zu finden, die Innentasche zu öffnen, das Kabel ans Funkgerät zu stecken und alles wieder so gut es geht zu verschließen und kann am Ende wieder mit Astrid über den Finger-PTT-Knopf quatschen. Warum ist das passiert? Ich habe gegen die erste Regel verstoßen: tue Dinge immer gleich. Bedeutet in diesem Fall, ich hatte sonst immer eine ärmellose Windweste unter der Daune, an der links oben eine Brusttasche ist, in die das Funkgerät passt und so der Weg zwischen Funkgerät und Finger-PTT kurz ist und kein Zug auf dem Kabel war. Ich hatte mir angewöhnt, den Sprechknopf links zu haben, damit rechts auf keinen Fall etwas zwischen Hand und Rettergriff im Weg ist, was stören könnte. Aber nun ist alles wieder in Ordnung. 
Als ich endlich wieder ein paar Sonnenstrahlen im Gesicht spüre und auf meinem Cockpit erkennen kann, dass es möglicherweise eine Thermik vor mir gibt, auf die Astrid mich ebenfalls bereits hinwies, steuerte ich genau dort hinein und versuchte, ein wenig Höhe zu machen. Um mich herum waren noch 4-5 andere Schirme, die das gleiche versuchten, doch die Thermiken, die es tatsächlich gab, waren sehr kleinräumig und zerrissen und selbst mit sehr engen Kreisen flog ich ständig raus, was ich auch bei den anderen beobachtete. Es hielt sich niemand. Ich konnte nur das Sinken soweit bremsen, um mich lange genug zu halten, bis Astrid an der gleichen Rippe eintraf und über mir das gleiche Spiel begann. Ich nehme an, die Inversion ist immer noch da und verhindert, dass die Sonne den Berghang genügend aufwärmen kann, damit sich irgendetwas tut. Inzwischen im Bereich der Startplätze Stella und Bepi angekommen, ist dort der Himmel auf kleinem Raum voll mit gefühlt hunderten Gleitschirmen, die alle um jeden Meter kämpfen, und ich verspüre wenig Lust, mich dort hinein zu stürzen. Mit den Gedanken schon beim Landen, fliege ich trotzdem ein paar Mal am Hang hin und her, für den Fall das vielleicht doch was geht, was mich jedoch gleichzeitig von unten in den Pulk hieven würde. Astrid kommt mit ein klein wenig mehr Höhe dort an, findet einen kleinen Bart, beginnt mit einem weiteren Schirm auf gleicher Höhe kleine Thermikkreise zu drehen, doch kaum sind beide soweit, dass es nach oben geht, kommt ein Depp daher, der in die andere Richtung eindreht und den Ring zwangsläufig zerschlägt, damit es zu keiner Kollision kommt. Das ist Bassano live. Der Vogel bekommt von allem nix mit, doch die Fahrt der anderen beiden nach oben ist damit sofort beendet und Astrid meldet sich über Funk zu dem Erlebten und dass sie jetzt auch zum Landen kommt. 

Wie tags zuvor bin ich sofort alleine auf meiner Höhe als ich aus dem Hang hinaus in Richtung Landeplatz fliege und achtere erneut ab, bis ich die richtige Höhe für einen langen, geraden Endanflug habe und schaffe so wieder fast eine Punktlandung als ich einen Schritt hinterm Peilpunkt auf meinen Füßen aufsetze. Ich freue mich darüber, denn, wie schon geschildert, werden meine Landungen immer besser und dass so etwas gelingt, war bis vor kurzem keine Selbstverständlichkeit. Astrid kommt wenige Minuten später ebenfalls rein, ist allerdings etwas zu hoch und hat überm Landeplatz dann auch noch Steigen. Sie muss ein wenig zaubern, damit ihr das Landefeld genügt, denn einen Nachteil hat der Landeplatz Paradiso in Semonzo, es gibt keine Möglichkeiten, gegen den Wind zu verlängern, wenn Frau zu hoch ist. Die zwar große Fläche ist ringsum von Bäumen, Zäunen, Straßen, Oberleitungen und Gebäuden umstellt und bei Südost-Wind, der eigentlich perfekt ist, hängen immer wieder Gleitschirme in der Oberleitung am Ende des Landefeldes. Aber sie macht das super, fliegt nochmal eine kleine Auslage mit ganz flachen Kurven, damit sie in den Kurven nicht schlagartig soviel Höhe verliert, dass sie einbombt, sondern driftet ganz smooth über den Platz und findet ihren Weg, elfengleich mit genügend Abstand zu allen Rändern auf ihren Füßen aufzukommen. Also Anfängerinnen sind wir definitiv nicht mehr. Noch vor einem Jahr hätte es hier Puls und wahrscheinlich einen Einschlag gegeben. Hat sie toll gelöst.
Obwohl es jetzt nicht wirklich ein Thermikflug gewesen ist, so hat die große relative Höhe zwischen Start- und Landeplatz doch für einen über halbstündigen Flug gesorgt und ich bin sehr glücklich, dass wir so überraschend und unerwartet am höchsten Punkt im Fluggebiet starten konnten. Per Kurznachricht geben wir Rebecca und Rüdiger durch, dass wir gut gelandet sind und auch sie bestätigen, dass ihre Starts funktionierten und sie ebenfalls wohlbehalten am Landeplatz Garden Relais angekommen sind.

Einpacken, Kaffee/Kuchen und Pläne machen, wie es mit unserem Urlaub weitergeht, steht als nächstes auf dem Programm. Wetterdienste und BurnAir App sind sich einig, dass es am nächsten Tag, dem Mittwoch, bestenfalls ein Gleitflug von Stella oder Bepi geben wird, wenn Frau früh dran ist, und für den darauffolgenden Donnerstag ist Dauerregen vorhergesagt, was uns dazu veranlasst, bezüglich Fliegen einen Pflock reinzuhauen und am nächsten Tag nicht mehr hochzulaufen. Wir hatten 3 gute Flüge von 3 verschiedenen Startplätzen und freuen uns, die meisten Höhenmeter zu Fuß erklommen zu haben, womit es für uns passt. Mittwochsmorgens ist es tatsächlich ziemlich bewölkt, hier und da ist mal ein Schirm am Himmel zu sehen, doch es hält sich niemand. Nach dem Frühstück fahren wir vor dem Bezahlen erst noch über die Entsorgung, damit wir nichts unnötig über den Brenner schleppen und dann ist das erste Ziel für den Tag der Feinkostladen Hofer in Sterzing, wo wir schon sehr lange nicht mehr gewesen sind und wo es ziemlich leckere Sachen zu kaufen gibt. Bisschen Coppa, bisschen Salami, bisschen Käse, ein Panettone, Schokolade, Marmelade und eine Flasche Grappa für Astrids Papa wandern ins Körbchen, dann machen wir uns auf den Weg zum nächsten Ziel: Kaffee/Kuchen bei Bergführer Jürgen in Mittenwald, wo wir uns tags zuvor bereits anmeldeten, weil es einfach auf dem Weg liegt, wir uns schon zwei Jahre nicht mehr gesehen haben und es viel zu erzählen gab mit einem Ausblick aufs nächste Jahr. Vielleicht unternehmen wir nochmal was mit ihm.
Mit relativ wenig Stau und Aufenthalten an den neuralgischen Punkten, liegen wir so gut in der Zeit, dass wir entspannt unseren Lieblingsgasthof zu Hause zu normalen Zeiten erreichen und am nächsten Tag, bevor es wieder ins Saarland zu den Kindern geht, die Kabine aufräumen, sauber machen und so an den Strom hängen können, dass uns nix einfriert falls es Frost gibt. 
So gehen die Tage mit Fliegen in Bassano zu Ende. Ob ich das sobald wieder brauche, glaube ich nicht. Drücken wir uns die Daumen, dass auf der nächsten Ausfahrt noch woanders Fliege- oder Bergwetter ist.

Herbstfliegen in Bassano by fair means, 25.10.-29.10.2025

Fragt nicht, wie ich auf die unsinnige Vorstellung kommen konnte, dass es möglicherweise Ende Oktober in Bassano nicht ganz so schlimm sein könnte, was die Menge der Fliegenden angeht. Aber es war gleichzeitig der einzige Ort in den Alpen, wo Fliegen mit einer guten Wahrscheinlichkeit gehen könnte und wo es nicht den ganzen Tag regnet oder stürmt, sondern sich überwiegend die Sonne zeigte. Wohlgemerkt, der Vorschlag, unsere wenigen freien Tage dort zu verbringen, kam tatsächlich von mir, die schon das letzte Mal sagte, das war das letzte Mal, dass ich dorthin fahre. Doch die Prognose in Meteoblue und, soweit möglich, in BurnAir und AustroControl sprachen eindeutig dafür: Sonne, wenig Wind, wenig Bewölkung, kein Föhn, usw., also machten wir uns auf den Weg, verbrachten die erste Nacht am Lago die Caldonazzo kurz hinter Trento, von wo aus wir sonntags nach einer guten Stunde Fahrt am Garden Relais eintrafen, wo gegen 10Uhr bereits alle Parkmöglichkeiten aufgebraucht gewesen sind und kein Shuttle mehr für den ganzen Tag zu bekommen war und auf dem Camping Santafelicita war auch nix mehr frei. Völlige Fehleinschätzung der Situation, aber jetzt waren wir nun mal da…

Kinder werden groß und beginnen, ihre eigenen Pläne zu machen. Auf der einen Seite macht mich das etwas traurig, weil es die letzten 17 Jahre nur wenig bis keine ungeplanten Ausfälle der Kinderwochenenden im Saarland gab, auf der anderen Seite freut es mich, zusehen zu dürfen, wie meine Mädels immer selbständiger werden. Nach meinem Verständnis ist das oberste Ziel von Erziehung der Kinder, sie dazu zu befähigen, ein selbständiges und selbstbestimmtes Leben zu führen und dieses Leben nach den eigenen Wünschen gestalten zu können. Und so wie ich das sehe, sind sie dabei nicht auf dem schlechtesten Weg, auch wenn das für mich bzw. für uns bedeutet, sie im Laufe der nächsten Jahre weniger zu sehen. Das Wochenende um den 3. Oktober 2025 ist wieder eins, an dem wir entgegen des Jahresplanes nicht ins Saarland fahren und uns mit unseren Dingen beschäftigen können. Deswegen starten wir donnerstags nach der Arbeit etwas von dieser abgekämpft in Richtung Südtirol und merken schnell, dass wir an diesem Tag dort nicht ankommen werden, weil uns beiden bald die Augen zu fallen. Nach kurzer Rücksprache mit Bergführer Jürgen an dessen Haustür wir in Mittenwald vorbeifahren und der leider schon anderweitig eingespannt ist und keine Zeit für ein Treffen hat, landen wir in Scharnitz auf einem Camperstellplatz im Ort. Jürgen hatte uns noch den Tipp gegeben, dass in Mittenwald am Sportplatz immer wieder mal Camper geduldet werden, doch als wir dort eintreffen, startet gerade das Training der Ü20-60, vor dem sich alle Herren erst noch am Zaun um den Platz entleeren müssen. Das Rudelverhalten mancher männlich identifizierten Menschen wirft in mir schon manchmal Fragen auf. Wie dem auch sei, das griechische Restaurant nebenan ist auch gut besucht, es ist viel los auf dem beparkbaren Bereich und wahrscheinlich wird es die nächsten Stunden nicht gerade still sein. Also weiter nach Scharnitz. Eine dort erhobene kleine Gebühr sorgt außerdem dafür, dass wir nachts nicht weggejagt werden. 

Beim Abendessen in der sich mit der Fußbodenheizung langsam aufwärmenden Wohnkabine checken wir das Flugwetter für den nächsten Tag und lernen, dass wir uns eine andere Beschäftigung für den nächsten Tag suchen müssen, fliegen ist nicht fein. Astrid findet heraus, dass wir da, wo wir gerade stehen, eine schöne Rundwanderung über den Zäunlkopf und die Oberbrunnalm starten können, wozu wir uns entscheiden, denn am Ende des Tages kommt es nur darauf an, zusammen eine gute Zeit zu haben. Bei was ist eigentlich wurscht. Für die Nacht ist Frost gemeldet, wir lassen die Einstellungen für den Nachtbetrieb der Heizung so stehen, wie sie sind, weil wir mangels Erfahrung keine Vorstellung davon haben, wo wir sie sonst hinstellen sollten. Dass die in meinem Gehirn existierende Vorstellung, die aktuell angeklemmte Gasflasche müsse noch frisch sein, Unsinn ist, lerne ich dann in den frühen Morgenstunden als gegen 4 Uhr die Heizung lautstark verkündet, dass das Gas alle ist. Bis zum Tagesanbruch werden wir es überleben, wenn wir einfach Heizung und Kühlschrank ausschalten. Knopf drücken und weiterschlafen. Astrid springt vorm Frühstück nach draußen und wechselt die Flasche. Neue Task für den Tag: Gasflasche besorgen. Die eine volle könnte zwar fürs Wochenende reichen, aber wir wissen nicht, wieviel Gas die Heizung bei den kalten Temperaturen nachts wirklich verbraucht. 
Nach dem Frühstück springen wir in Trailrunningklamotten und packen unsere kleinen Radlrucksäcke, denn für die Wanderung brauchen wir nicht viel, es bleibt trocken, es wird wenig bis kein Wind wehen, es werden nicht mehr als 1000 Höhenmeter und etwa 14km Strecke sein. Das ist überschaubar viel, bloß kalt ist’s weswegen wir mal die Daune einstecken, die nicht in die Trailrunningweste passt. Auf dem Weg zum höchsten Punkt treffen wir keine anderen Menschen, es ist einsam, nur einem Specht schauen wir zu, wie er ohne sich stören zu lassen an einem Baum per Probehämmern versucht festzustellen, wo eine gute Stelle für ein Nest ist. Oben angekommen packen wir die LGBTIQ+ Fahne aus, die ich seit neuestem immer im Gepäck hab‘, um Bilder zu machen und vielleicht so für mehr Sichtbarkeit von queeren Menschen zu sorgen. Es ist gerade sehr besorgniserregend, wie die Faschisten und Kirchen in sehr vielen Ländern gegen marginalisierte Gruppen systematisch mit Hass und Hetze vorgehen und noch schlimmer ist, wie das Stimmvieh ihnen hinterherläuft und alles nachgrölt, obwohl die meisten ziemlich sicher noch nie einen Transmenschen aus der Nähe gesehen haben. Aber das ist ja auch nicht notwendig, um Angst zu verbreiten, Kirchen tun das schon so, seit sie existieren und die Nazis haben das vor hundert Jahren ebenfalls erfolgreich umgesetzt. Das Ergebnis dürfte hinreichend bekannt sein. 
Astrid packt zusätzlich noch die Fahne der Kilometerhelden aus, denn die muss auch aufs Bild, um mal von guten Dingen zu berichten. Es folgt ein kleiner Abstieg zur Alm, der Weg durch den Kreidengraben zur oberen Isar und über den Isarsteig zurück nach Scharnitz. Eine feine Runde. Nach Trockenlegen und Kaffee/Kuchen an der Kabine, starten wir zu einem Camperladen in der Nähe von Innsbruck, um unsere leere Gasflasche gegen eine volle zu tauschen, bevor wir uns auf den Weg über den Brenner zu machen. Für die kommende Nacht suchten wir uns einen kleinen Parkplatz in der Nähe eines Sportplatzes in der Gemeinde Rodeneck bei Brixen aus, denn dort stehen die Chancen gut, am nächsten Tag fliegen zu können. Es dämmert bereits als wir dort eintreffen und zunächst allein sind. Insgesamt macht der Parkplatz, auf dem die Übernachtungen geduldet werden, einen seltsamen Eindruck. Ein Schrottauto steht rum, ein offensichtlich selbstgebautes Vehikel mit einer Rücksitzbank aus einem Auto obendrauf, zwei abgeranzte Viehanhänger, ein riesiger Holzstapel, der wohl schon ein paar Jahre dort ist, überall Müll und Fäkalien vor den Holz. Wir entscheiden uns dazu, nicht ganz so weit reinzufahren und eher vorne an der Straße im Randbereich stehen zu bleiben. Später gesellt sich ein asiatisch anmutendes Paar in einem Mietkombi hinzu. Ich denke mir erstmal nix dabei. Wir essen und gehen früh zu Bett. In der Nacht plötzlich Lärm. Es ist etwa 23 Uhr als ein Wohnwagengespann und ein Camper dazu kommen, gefolgt von ein paar einheimischen Halbstarken, die dem Gespann gefolgt sind und denen offenbar die selbstgebastelten Vehikel gehören, die sie nun anwerfen und mit denen sie eine nahezu unerträgliche und einschüchternde Geräuschkulisse produzieren. Räder drehen durch, Kies spritzt überall rum, männliches Gejohle und irgendwelche Kraftausdrücke nehmen kein Ende. Mein Eindruck: das sind die lokalen Nazis, die nicht wollen, dass hier irgendwer übernachtet. Dem spontanen Wunsch hier wegzufahren, können wir nicht nachgeben, denn sobald wir die Kabine verlassen, sind wir in Lebensgefahr, so mein Eindruck. Ein Scheißgefühl. Frau weiß ja nicht, was diesen Idioten noch so einfällt. Also verhalten wir uns ruhig, warten ab und unternehmen nichts. Eine knappe Stunde später geben die Nazis auf, stellen ihre komischen Geräte ab und verpissen sich. Dass es tatsächlich rechtsextreme Faschisten waren, sehen wir am nächsten Morgen, denn betrachtet man ihre Gerätschaften genauer, findet Frau überall Aufkleber mit faschistischen Parolen, wie „Achtung: Hier gilt Rechts vor Links“ und „FCK Antifa“. 

Eigentlich möchte ich unsere rollende FeWo nicht an so einem Ort stehen lassen, doch woanders gibt’s keinen Platz und schon gar nicht unmittelbar am Landeplatz. Wir gehen nach dem Frühstück von dort los zum Startplatz Rodeneck und hohlen nach der Landung das Auto wieder zu Fuß ab. So der Plan. Den Aufstieg kennen wir größtenteils schon vom letzten Jahr, als wir hier geflogen sind und auch der Landeplatz ist uns bekannt, weswegen wir den nicht nochmal extra anschauen. Eine gute Stunde später erreichen wir die Startwiese, auf der sich ein neues Schild präsentiert, auf dem ein paar Hinweise zum Fluggebiet zu finden sind und ein QR Code, um die nun offensichtlich zu entrichtende Startgebühr zahlen zu können. Weil wir so ticken, dass wir solche Regeln üblicherweise einhalten, sofern sie uns bekannt sind, um zu vermeiden, dass immer mehr Fluggebiete gesperrt werden, scannen wir den Code, werden auf die Bezahlseite weitergeleitet und sind etwas überrascht, als wir die Höhe der Gebühr sehen. 15€ werden ohne Gästekarte fällig, was etwa doppelt bis dreifach so viel ist, wie in einem richtigen Fluggebiet, wie z.B. Bassano oder unserem heimischen Tegelberg und das für diesen Minihüpfer von kaum 400 Höhenmetern. Das ist Wucher, doch wir zahlen, sind uns aber einig, dass wir hier nicht mehr hinkommen. 
Ansonsten ist es ganz nett, der Wind passt, die Wiese ist perfekt zum Starten, wir sind allein, was schon ungewöhnlich ist an einem fliegbaren Samstag, weil hier sonst immer auch Flugschulen unterwegs sind. Wir richten uns her, legen die Schirme aus, Astrid startet als erste, ich folge ihr und so sind wir ganz allein in der Luft. Beim Wegfliegen sehe ich noch aus den Augenwinkeln, dass ein weiterer Mensch auf den Startplatz kommt, ein Tandempilot mit seiner Begleiterin, die wir später am Landeplatz treffen und mit denen wir ein wenig schnacken. Es ist warm, die Wiese ist trocken als wir einpacken und uns auf den Weg machen, unser Auto zu holen, wozu wir wieder etwa 150 Höhenmeter aufsteigen müssen. Bevor wir in Richtung Kronplatz weiterfahren, wollen wir noch was mit Kaffee/Kuchen und finden einen netten Hof, der so etwas anbietet. Leider gibt’s bei der Fahrt dorthin ein neues Problem: Die Motorkontrollleuchte geht an, der Motor hat keine Leistung mehr, weil er in den Notlauf gewechselt ist. Samstagnachmittag. Priml.
Bei Kaffee/Kuchen überlegen wir, wie wir damit umgehen wollen. Der Motor springt an, läuft rund und das Auto fährt erstmal noch, wenngleich es mit 3,5to im Notbetrieb ziemlich mühselig ist, irgendwo hinzukommen. Wir schaffen es bis nach Bruneck zur VW Niederlassung, doch dort ist niemand mehr. Im nächsten Schritt melden wir uns beim VW Mobilitätsservice, doch auch die ändern nichts daran, dass vor Montag sicher nix geht und auch der italienische VW Service winkt ab, als der deutsche Service dort anfragt. Wir sind zunächst auf uns allein gestellt, entscheiden, in Bruneck auf den Camperstellplatz in der Stadt zu fahren, weil wir dort besser stehen mit Dusche/WC/Strom/Ver- und Entsorgung als im Industriegebiet und ich habe auch keine Bedenken, dass das Auto das nicht schafft. Im Netz finden wir jede Menge Hints und Tipps, was das sein könnte, ganz weit vorne mit dabei bei unserem Modell ist das Abgasrückführungsventil, das Frau allerdings nicht fürs Fahren braucht. Das ist eher so ein CO2-Ding. Technisch nicht notwendig. Aber egal, wir sind in Bruneck gestrandet, vor Montag wird nix passieren, zurück über den Brenner kommen wir so auch nicht und die Erkenntnis wächst, dass es Glück war, die Arbeitssachen dabei zu haben, denn wir werden hier irgendwo ausharren müssen, bis das Auto wieder fährt. Meine Sorge ist, dass die Ursache irgendetwas Ford-spezifisches ist und Teile vielleicht nicht oder nur schwer zu beschaffen sind, denn technisch ist unser Amarok II mit den neuen Ford Ranger identisch. An diesem Samstagabend werden wir das nicht herausfinden, Umzug auf den Camperstelltplatz, Strom an die Kabine, damit entfällt das laute Zünden der Heizung in der Nacht, von dem wir immer wach werden, es gibt warme Duschen und wir können in Ruhe überlegen, was wir am nächsten Tag weiter tun wollen, heiße Dusche inklusive. 
Am nächsten Morgen komme ich beim Spülen mit der Besitzerin des Stellplatzes ins Gespräch, die hier selbst putzt und alles tippi toppi in Ordnung hält. Ich wundere mich, dass bei 7 oder 8 Spülbecken nur ein Verschluss verfügbar ist und sie entgegnet, dass die Dinger genauso, wie Seife, Papier, Spüli, Föhne, Abzieher etc. ständig geklaut werden und sie nicht mit Nachkaufen nachkommen. Wirklich unglaublich, was es für Leute gibt, die sicher vom Campervolk stammen müssen, denn ohne vorher am Automat gezogene Chipkarte, kommt Frau nicht in den Sanitärbereich.

Nachdem wir soweit alles erledigt haben, was es zu tun gab, entscheiden Astrid und ich, dass wir noch die 14-15km nach Sand in Taufers weiterfahren, die Straße dorthin hat keine nennenswerten Steigungen und es gibt dort einen ziemlich feinen Campingplatz, Såndgold, der Coworkingspaces anbietet, wo wir die Kabine vom Auto abladen und autark stehen lassen können und das Auto allein in die Werkstatt kann. Nochmal alles entleeren, möglichst kein unnötiges Gewicht mit rumfahren und dann machen wir uns in Schleichfahrt auf den Weg, was kein Problem ist, denn es gibt praktisch auf der ganzen Strecke Geschwindigkeitsbeschränkungen, so dass wir nicht ernsthaft ein Hindernis sind. Und selbst wenn, auch egal. Weil wir die nächsten Tage eh nicht wirklich aus Südtirol wegkönnen und sich Ende der Woche das NOVA Hike&Fly Testival im Gsieser Tal anschließt, buchen wir den Platz für die ganze Woche, bekommen dadurch noch ein Upgrade, was die Parzelle angeht und können so bequem Kabine und Auto nebeneinander abstellen. Astrid organisiert sich für ihre Meetings ein Büro für sich allein in der Tourist-Info in Sand in Taufers, die das aktiv bewerben, und damit stellen wir 100%ige Arbeitsfähigkeit für die nächsten Tage bis das Auto repariert ist her. Wir melden unseren Standortwechsel beim VW Mobilitätsservice, der inzwischen einen Abschlepper organisiert hat und wir einigen uns darauf, dass es genügt, wenn der das Auto am Montagmorgen wieder zurück nach Bruneck bringt. Zu dem Zeitpunkt gehen wir immer noch davon aus, dass es sich um einen Garantiefall handelt und nachdem nun alles für den nächsten Tag geklärt ist, wackeln wir in die Pizzeria, die sich beim sehr nahegelegenen Schwimmbad Cascade befindet, lassen es uns dort schmecken und den Tag damit ausklingen.
Montagsmorgens meldet sich der Abschleppdienst, dem wir signalisieren, dass wir unser Auto selbst vom Campingplatz runterfahren, damit er nicht durch die Schranke muss und es zum Aufladen nicht so schwierig ist, denn der Parkplatz vor der Pizzeria, wo wir futtern gewesen sind, ist leer, liegt auf dem Weg und bietet allen Platz der Welt, um unser Auto Huckepack zu nehmen.
Der Fahrer bereitet alles vor, fährt unser Auto auf den Lastwagen und meint, der sei ja noch neu. Nun, ja, ist er. Deswegen finden wir das auch grad nicht so lustig. Astrid und ich steigen ebenfalls in den Lastwagen ein und fahren mit zur Werkstatt, um die Formalitäten erledigen zu können, was ganz schön lange dauert, denn es ist viel los im Autohaus, dass uns am Ende darüber hinaus keinen Ersatzwagen anbieten kann oder will. Wir nehmen den Bus zurück nach Sand in Taufers, was an der Stelle nicht so schlecht ist, wie sich später herausstellt, denn der öffentliche Nahverkehr ist in der Südtirol-Card inkludiert, die wir für den Aufenthalt auf dem Campingplatz bekommen haben und dann beginnen wir erstmal zu arbeiten. Am fortgeschrittenen Nachmittag ruft uns das Autohaus an, man hätte die Ursache gefunden und bereits repariert, ein kleines pelziges Tier hatte sich an diversen Kabeln zu schaffen gemacht, was zum Notlauf des Motors geführt hatte, das Auto könne am nächsten Tag abgeholt werden. Bei der Meldung fällt mir ehrlich gesagt ein Stein vom Herzen, denn alles andere hätte mein Vertrauen in die Kiste auf 0 gesenkt. All die Informationen, die wir im Internet fanden, weswegen neue Ford und VW Pickups mit dem 3-Liter-Motor liegen bleiben, die Sprüche, die uns ein paar Mansplainer in einem Wohnkabinenforum unaufgefordert an den Kopf geworfen haben, die Vorahnungen, die sich in meinem Hirn breit machten, alles das trat nicht ein. Wir waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort, wahrscheinlich ist es in Rodeneck auf dem Platz, auf dem wir übernachteten passiert, und die Reparatur war simpel. 

Astrid arbeitet am nächsten Tag in einem Büro in der Tourist-Info, die man dort für ein kleines Geld zum Arbeiten anbietet, um dem Bedarf an ruhigen Arbeitsplätzen für die Touristen nachzukommen, die im Urlaub auch mal arbeiten müssen oder wollen. Finde ich ein cooles Konzept und habe ich so noch nicht gesehen. Am Ende des Arbeitstages setzen wir uns erneut in den Bus nach Bruneck, um unser Auto abzuholen und nachdem klar ist, dass es sich hier nicht um einen Garantie- sondern um einen Versicherungsfall handelt, bin ich ein wenig froh, dass wir keinen Ersatzwagen bekommen haben, den wir jetzt erstmal hätten selbst zahlen müssen. So ist die Rechnung sehr überschaubar, wobei wir uns wundern, dass das Abschleppen nicht mit drauf ist, denn der Fahrer hatte uns gesagt, er gebe das alles an VW, wir müssen bei ihm nichts zahlen, weswegen ich davon ausging, dass es auf der Rechnung des Autohauses erscheint. Ist aber nicht so und auch die nette Dame vom Empfang weiß dazu nichts zu sagen. Allerdings weist man uns im Autohaus darauf hin, dass es für unser Modell eine Rückrufaktion gibt, von der wir bis dahin nichts wussten und wir mussten dafür unterschreiben, dass sie uns darüber informiert haben, bevor wir vom Hof rollen. Ich mache gleich am nächsten Morgen einen Termin in der uns betreuenden Werkstatt in Kaufbeuren und wir lassen bei der Gelegenheit grad noch einen Marderschreck einbauen. 

Wir haben unser Auto wieder, die Last der Ungewissheit fällt ab, es kehrt Entspannung ein, wir finden ein wenig Raum für die Freizeitgestaltung außerhalb der Arbeitszeiten, besichtigen die Rheinbachfälle, schaffen es, uns für wenigstens ein Trainingsläufchen zu motivieren und schlemmen einen Abend im Restaurant des Campingplatzes, was wirklich sehr, sehr lecker war. Meine einzige Herausforderung in den nächsten Tagen ist das leider ungesicherte WLAN, dass zwar überall in guter Stärke verfügbar ist, in das ich mich mit meinem Arbeitsrechner aber nicht einwählen kann und mir mit Hotspots über meine Mobiltelefone behelfen muss. Hat am Ende aber funktioniert, ich konnte meiner Arbeit nachgehen und auch Astrid konnte in der Tourist-Info zuverlässig ihre Termine wahrnehmen und so blieb nur noch die Frage offen, ob die Hike&Fly Days stattfinden. Eigentlich sollte uns zwecks Testschirmen eine eMail erreichen, in der wir hätten angeben können, welche Schirme wir probeweise hätten fliegen wollen, doch als Vera mitteilte, dass die Veranstaltung stattfindet, gab sie auch die Info raus, dass die Wunschliste aus organisatorischen Gründen ausfällt und man solle sich einfach samstags morgens bei Toni am Bus einfinden, er hätte reichlich Schirme dabei. Außerdem startet die Veranstaltung wegen der etwas unsicheren Föhnlage auch erst samstags und nicht schon freitags. Donnerstagsnachmittags nach der Arbeit haben wir zunächst die Herausforderung, unsere Wohnkabine in der freien Wildbahn wieder auf die Ladefläche zu bekommen. Wir doktern über eine Stunde rum, um die Kabine auf ihren dünnen Stelzen erst wieder auf eine ausreichende Höhe zu hieven, um sie unterfahren zu können, was sich als nicht so einfach entpuppt, denn ohne die durch den Futtertisch im Stall vorgegebene Richtung, die wir sonst zur Verfügung haben, das Auto wirklich gerade unter die Kabine zu fahren, ist nicht so einfach. Kleine Abweichungen von wenigen Millimetern sorgen dafür, dass die Füße nicht in die Rillen auf der Ladefläche finden und die Kabine nicht parallel zum Auto aufsitzt. Die nächste Herausforderung besteht darin, soweit unter die Kabine zu fahren, dass der Moosgummi NACH dem Ablassen sauber rundum an das Fahrerinnenhaus dicht anschließt. Dadurch, dass Frau nicht alle 4 Stützen gleichzeitig rauf- oder runterdrehen kann, sondern wir zu zweit immer nur entweder vorne oder hinten gleichzeitig heben oder senken können, macht die Kabine jedes Mal eine relative Bewegung zum Fahrzeug, selbst, wenn die Füße vorne oder hinten schon auf der Ladefläche stehen. Das im Herstellervideo dargestellte „Schieben“ der Box auf dem Auto funktioniert dann nicht, wenn die Ladefläche, so wie bei uns, beschichtet ist und außerdem ist die Box immer mindestens 800kg schwer. Es bleibt nur, sauber drunterfahren und sehr koordiniert an den Stützen drehen. Aber, wie gesagt, nach über einer Stunde Gewurschtel mit rauf, runter, vor, zurück, war der Moosgummi auf einer Seite immer noch einen guten halben Zentimeter von der Karosserie weg und wir beschlossen, wie Gott am siebten Tag, scheiß drauf, wir lassen das jetzt so. Wenn die Kabine tatsächlich beim Fahren „schlagen“ sollte, müssen wir eben nochmal ran, jetzt haben wir keine Nerven mehr dafür. Schauen wir lieber, ob wir am nächsten Tag, freitags, am Kronplatz fliegen können. Dazu ist es nötig, sich die Druckdifferenzen genau anzusehen, denn Vera hatte ja schon darauf hingewiesen, dass Föhn ein Thema ist und wir stellen fest, dass die Prognose an der Stelle eher moderat ist und es am fortgeschrittenen Nachmittag bis etwa 3hPa geben kann. Das ist nach der Definition eigentlich noch kein Föhn, doch auf der Südseite agieren wir in diesen Dingen sehr vorsichtig, zumal der Kronplatz am südlichen Ende einer Talschneise liegt, durch die so ein Nordföhn auch mal schnell bis auf den Boden durchbrechen kann. Das möchten wir unterm Schirm hängend nicht erleben. Wir werden das am nächsten Morgen nochmal überprüfen, doch im Moment schaut es so aus, dass ab etwa Mittag Thermik da sein könnte und wenn wir bis spätestens 15 Uhr gelandet sind, müssten wir in Sachen Föhn save sein. Wir kontaktieren Steph, die ebenfalls zum Hike&Fly Testival kommen möchte und sie ist mit Flo und Luc auch bereits auf dem Weg, wir werden sie am nächsten Tag am Kronplatz treffen, denn sie haben sich ebenfalls überlegt, dort zu fliegen.

Freitag, wir haben keine Eile, frühstücken in Ruhe, machen uns abfahrbereit, füllen unseren Wassertank auf, leeren die Toilette und den Grauwassertank, denn wir werden die nächsten 3 Tage wieder autark stehen, bevor wir den Platz bezahlen und uns auf den Weg zum Parkplatz Reischach am Kronplatz machen, wo wir Steph und ihre Leute treffen und wo auch gleich der Landeplatz ist. Ich freue mich auf Steph, die wir vom XC Seminar im Mai und vom women-only Sicherheitstraining Anfang September kennen und ich bin sehr gespannt auf Flo, ihren Partner, und auf ihren gemeinsamen Freund Luc.
Eine kleine Überraschung bei der Einfahrt auf den Parkplatz: Telepass wird unterstützt und unsere Bip&Go Box gibt Laut zum Zeichen, dass wir einfach einfahren und später ausfahren können, die Abrechnung läuft über die hinterlegte Zahlmethode bei Bip&Go. Wie praktisch. Der Platz ist fast leer, am Rand entlang zum Landeplatz hin haben offensichtlich ein paar Camper für die Nacht gehalten, so auch Steph und Flo, die am späten Abend angekommen sind. Herzliche Begrüßung, kleine Vorstellungsrunde und dann richten wir auch schon unsere Flugzeuge her, denn wir wollen schließlich gemeinsam fliegen. Luc ist noch nicht da, doch er wird etwas später zu uns stoßen. 
Während wir uns fertig machen, taucht Ingo aus Berlin auf, der noch einen Spezl Christian dabei hat. Wir kennen ihn von den letzten Nova Hike&Fly Days Anfang September 23 (die Geschichte ist hier zu finden) und sie wollen hier heute auch ein paar Flüge machen. Witzig.
An der Kasse der Seilbahn stutze ich zunächst, denn die Preise explodieren weiter. 30€ für eine einfache Auffahrt empfinde ich als sehr teuer und ich glaube mich zu erinnern, dass es im Januar als wir das letzte Mal hier gewesen sind, ein paar Euro weniger gewesen sind. Ab zwei Auffahrten würde sich die Tageskarte lohnen, doch in mir wehrt sich mein innerer Monk, diesen Wucher zu unterstützen und außerdem wissen wir gar nicht, ob eine zweite Fahrt wegen des Föhns und der uns nicht bekannten Flugzeit im ersten Flug überhaupt Sinn ergibt. Kurze Besprechung, wir sind uns einig, dass wir mit einer Auffahrt erstmal genug haben. Sollte es ein zweiter Flug werden, dann fallen die paar Euro, die es im Vergleich zur Tageskarte mit Einzelfahrten mehr kostet, ehrlich gesagt auch nicht mehr ins Gewicht. Und ein dritter Flug wird es sicher nicht werden. Einsteigen, die Fahrt genießen, die Pilot:innen in der Luft beobachten, wie es ums Steigen so steht, damit wir einen Eindruck gewinnen, ob sofort starten eine Option ist, oder ob wir noch etwas warten können. Oben aus der Gondel gefallen, gehen wir zum Nordwest-Startplatz, um einen Eindruck vom Wind zu bekommen, der dort tatsächlich sehr gut passt. Andere haben wir beobachtet, die auf Nord starten, doch der Startplatz hat die Eigenschaft, dass mitten im Abflug eine Schneekanone steht, und wenn ich dort nicht starten muss, weil der Wind sonst nirgendwo passt, tue ich es nicht. 
Aber Nordwest ist super, dort ist Platz, es gibt eine ordentliche Windfahne, wir können mehrere Schirme nebeneinander auslegen. Ein weiterer Teilnehmer der Nova Hike&Fly Days, Michael, spricht uns an, denn er hat uns von der letzten Veranstaltung an der Plose wiedererkannt und hat sich ebenfalls dazu entschlossen, das Wochenende hier zu starten. Allerdings war er etwas fleißiger als wir und ist die gut 1300 Höhenmeter zu Fuß hochgekommen. Sind ja schließlich Hike&Fly Days, meint er. 
Als erstes unterstützt Astrid Christian als Ingo uns darüber informiert, dass Christian noch nie an so einem hohen Startplatz gestartet ist. Naja, ich frage mich, was das für einen Unterschied macht, ob ich am 300m Grashügel starte oder am 1300m Grashügel. Wenn der Wind passt, und das tut er hier, ist Starten Starten. Ingo macht sich derweil selbst fertig, er hat einen neuen Niviuk-Schirm dabei, und so sind die beiden dann schonmal weg. 

Astrid und ich stimmen uns kurz ab, wir machen uns nun ebenfalls fertig, mit Funkgerät, ich hatte es in der letzten Geschichte erwähnt, ein echter Gamechanger mit dem Finger-PTT. Gegen 12:30Uhr ziehe ich auf und fliege raus. Die Luft ist nicht ruhig, das merke ich sofort, sehr kleinräumiges Steigen, bisschen blubberig, doch so richtig hoch geht’s nicht, weswegen ich nach dem Starten gar nicht lange rumsuche, sondern zunächst nach Norden über die vorgelagerte Rippe steuere, um dann an dieser Kante, bei deren Überquerung ich schonmal auf der Seite bin, von wo aus ich den Landeplatz entspannt erreichen kann, nochmal ein wenig suche. Dabei kommt jedoch nix raus, ganz im Gegenteil, obwohl ich auf der Luv-Seite der Rippe fliege, habe ich starkes Sinken von bis zu 5m/s. Das ist nicht fein. Ich biege dorthin ab, wo die Sonne besser auf die Hänge kommt, doch auch dort geht (noch) nichts. Wird demnach ein Gleitflug. Der große relative Höhenunterschied sorgt trotzdem für eine relativ lange Airtime. Ich fliege in die Ebene hinaus und überlege kurz, ob ich über den freien Flächen zwischen den Ortschaften ein wenig trainieren soll, Spirale, Ohren anlegen, Rollen oder sowas, ich entscheide mich jedoch dagegen, weil ich damit schnell viel Höhe verliere und eigentlich möchte ich einfach den Flug genießen. Zwischendurch funke ich meine Erlebnisse auf meinem Flugweg an Astrid, die mit etwas Verzögerung hinter mir herkommt, vielleicht hilft es ihr bei ihren Entscheidungen. Als ich mich über Reischach befinde, mich bereits mit meiner Landeeinteilung beschäftige und gar nicht mehr so viel Höhe hab‘, erwische ich doch noch ein wenig Thermik und beginne zu kreisen. Noch ein Novum bei diesem Flug: Astrid und ich haben nun ein kleines Cockpit vor uns installiert, das ins Gurtzeug eingehängt ist und neben dem Vario Platz für weitere Gerätschaften bietet. So kommt’s, dass ich das erste Mal mit der BurnAir Go App fliege, die mir über Farben anzeigt, wo ich Steigen oder Sinken hab‘ auf meiner Spur. Das macht das Zentrieren von Thermiken etwas einfacher, weil es eine optische Unterstützung bietet, die ich vorher so nicht hatte, denn für den Thermikassistenten, den mein Skytraxx bietet, steigt es zu wenig, weswegen er sich nicht anschaltet. Tolle Sache. 
Astrid hat derweil an anderes sehr amüsantes Erlebnis mit ihrem neuen Setup, denn auch sie hat ihr Smartphone per Klett aufs Cockpit gepinnt und bekommt auf dem Flug einen WhatsApp-Anruf von ihrer Schwester. Klick, angenommen. Kurz Verwirrung bei ihrer Schwester, die von unten in den Schirm hineinschaut und erst als Astrid sich übers Cockpit beugt und so ins Bild rückt, löst sich das auf und sie quatschen ein wenig. 
In der Zwischenzeit hab‘ ich ein paar Kreise gemacht, konnte mich ein paar Minuten halten, wirklich hoch ging’s dabei jedoch nicht und ich entscheide mich fürs Landen. Am Boden ist es praktisch windstill und im Prinzip egal, von welcher Seite aus Frau in den Endanflug geht, ein Pilot vor mir, er ist tatsächlich ein Pilot und keine Pilotin, gibt mir dann aber irgendwie die Richtung vor, denn es ergibt keinen Sinn, gegen seinen Endanflug reinzukommen, also fliege ich ihm hinterher und -was soll ich sagen- seit ich beim Sicherheitstraining in meiner Landung ein Timingproblem entdeckte und aktiv daran arbeitete, gelingen meine Landungen deutlich besser und ich bin seither nicht mehr auf dem Popo gelandet, sondern setze meist sanft, so wie jetzt, auf. Freut mich sehr, denn eine verkackte Landung lässt in meiner Wahrnehmung immer auch ein G’schmäckle für den ganzen Flug zurück. Kurz hinter mir landet Flo und wir suchen ein Sonnenfleckchen, wo die Wiese trocken ist, um unser Zeug abzulegen und es dauert nicht lange, als auch Astrid und Steph eintrudeln. Ihr Freund Luc ist ebenfalls in der Luft, wie ich lerne, aber es könnte noch dauern, bis er unten ist. Wir schnacken derweil, tauschen uns zum Flug aus, packen zusammen und beobachten dabei, was sich so am Himmel bezüglich der Wolken tut. Es gibt einen bestimmten Wolkentyp, der eindeutig auf Föhnaktivität hindeutet, sogenannte Lenticularis, und siehe da, es sind vereinzelt welche zu erkennen. Für mich ist das ein klares Zeichen, nicht nochmal zu starten, wenngleich der Himmel sich weiter mit Gleitschirmen füllt und wir (leider) auch erkennen, dass die Luft nun besser trägt und die ersten richtig weit aufdrehen. Eine zweischneidige Sache, denn von unten ist nicht so ohne Weiteres zu erkennen, ob die Menschen oben Spaß oder Stress haben. Ingo, der inzwischen ebenfalls gelandet ist, unterhält sich kurz mit einem lokalen Tandempiloten, der ganz entspannt meint, Föhn sei heute kein Thema, man könne in Ruhe bis am späten Nachmittag fliegen. Für Ingo und Christian das Signal mindestens noch einmal hochzufahren, was sie auch tun. 

Wir hingegen entscheiden uns für Kaffee und Kekse in der Sonne, wozu sich auch Luc hinzugesellt als er gelandet ist. Eine gute Zeit, um ein wenig auf der Handpan zu spielen, nachdem ich mich versichert hatte, dass das für alle in Ordnung ist. Luc springt daraufhin von seinem Stühlchen hoch, verschwindet kurz an seinem Auto und kommt mit einer Violine zurück. Oh, was für eine Überraschung. Handpan und Violine, da bin ich gespannt. Ich meine, ich kann ja eigentlich nicht viel spielen und bin auch im Tonumfang mit 9 Böppeln ziemlich eingeschränkt, doch die Violine hat prinzipiell ein sehr großes Spektrum von etwa G3 bis E7 im gestimmten Zustand, was etwa 4 ganzen Oktaven entspricht. Für so ein kleines Instrument ist das eine Menge. Ich klimpere mein erstes Muster vor mich hin, Luc improvisiert hinein und was soll ich sagen, mir haut’s das Blech raus, so fantastisch klingt das zusammen und ich habe Mühe, meine Begeisterung soweit unter Kontrolle zu bringen, dass ich weiterspielen kann. Hätte ich nie gedacht, einfach wunderschön, selbst wenn es so spontan geflickschustert ist. 
Ob fliegen unter den Bedingungen gut ist, besprechen wir ein paar Mal an diesem Nachmittag, es sind einige Schirme in der Luft, manche sind recht hoch, die meisten halten sich jedoch nach wie vor nicht, die Lenticularis Wolken verziehen sich praktisch ganz und ja, wahrscheinlich wäre sich ein zweiter Flug ausgegangen, ohne sich in Gefahr zu bringen. Hinterher wissen das immer alle. Ich bin mit der Entscheidung, es nach dem ersten Flug gut sein zu lassen, nach wie vor konform und bereue nichts. Das Gsieser Tal ruft. Flo ist noch etwas unterbelastet und möchte vom Kronplatz aus mit dem Gravelbike fahren, wohingegen wir alle das Auto nehmen und unterwegs noch die für die nächsten Tage nötigen Besorgungen machen, denn im Gsieser Tal ist’s mit Einkaufen nicht so weit her. Laut Park4Night App soll Frau auf dem Parkplatz am Talschluss gegen die übliche Tagesparkgebühr mit dem Camper stehen dürfen, doch als wir dort eintreffen, erkenne ich den Fehler sofort. An diesem Wochenende ist schon wieder Almabtrieb, den wir vergangenes Jahr bereits erleben mussten. Der eigentlich fürs Übernachten gut geeignete Schotterplatz ist mit einem riesigen Festzelt belegt, die Wege sind mit Gittern abgetrennt, damit die Kühe am nächsten Tag in der Spur bleiben und Platz ist eigentlich nur noch auf einem kleinen PKW Parkplatz mit ordentlicher Schräglage und viel zu kurzen Buchten. Ich ahne Böses. 
Mangels Alternative stellen wir uns rein, rücken unseren Pickup so, dass wir mit zwei Keilen unterm rechten Hinterrad wenigstens so weit nach oben kommen, dass die Liegefläche keine Rutschbahn ist. Mit unserem Heck hängen wir allerdings deutlich in die Fahrspur rein. Man kommt nur an uns vorbei, weil die Parkplätze gegenüber alle leer sind. Taugt mir überhaupt nicht und auch nicht, dass wir so ultimativ nah am Festzelt stehen müssen, wo am nächsten Tag 100%ig die angesoffenen Typen rausfallen, um ihre Blasen auf den umliegenden Wiesen zu entleeren, denn so etwas, wie Toiletten in ausreichender Zahl gibt’s nicht. Ganz zu schweigen von dem zu erwartenden Lärmpegel. Nach der Erfahrung, die wir ein paar Tage vorher in Rodeneck machen mussten, halte ich es auch nicht für unwahrscheinlich, dass diese Veranstaltung eine Naziparade wird. Ich habe zu diesem Zeitpunkt für mich bereits beschlossen, dass ich nicht nochmal an den Nova Hike&Fly Days teilnehme, wenn das erneut an so einem Wochenende stattfinden sollte. Aber für den Moment können wir nichts an der Situation verändern. Heute hat keine von uns mehr Lust, sich an den Herd zu stellen und so ziehen wir mit den anderen dreien los, uns etwas zu futtern zu suchen und landen in der Moosalm, deren Bedienung mich zunächst anmacht, ob wir denn reserviert hätten, normalerweise ginge es nicht ohne. Ich stutze, der Laden ist praktisch leer, und verneine, wir haben keine Reservation, dafür aber Hunger. Ausnahmsweise dürfen wir bleiben, wie großzügig, und werden von ihr an einen Tisch im fast leeren Nebenraum geführt. Nur ein einziges Paar sitzt ansonsten in diesem Raum beim Essen. Diese Dreistigkeit ist irgendwie erstaunlich und wenn es eine Chance gegeben hätte, ohne fahren zu müssen woanders was zu bekommen, wäre ich grad wieder gegangen. Wenigstens hat die Gutste dann im Verlauf des Abends die Kurve gekriegt, wurde etwas freundlicher und das Essen war überraschend gut.

Samstagmorgen um 8Uhr starten die Nova Hike&Fly Days am Gasthof Hofmann mit Schirmausgabe durch Vera und Toni, zu der wir uns zu Fuß auf den Weg machen. Entgegen unserer ersten Teilnahme vor zwei Jahren, hatte ich mir dieses Mal überlegt, tatsächlich mal einen Schirm eines anderen Herstellers zu fliegen, was ich mich damals ehrlich gesagt nicht traute. Mit dem Nova Modell ION 7 light hatten wir uns im Vorfeld schon beschäftigt, da er als Low-B eine Alternative für den Epsilon von Advance gewesen wäre bevor uns der Theta über den Weg lief. In meiner Gewichtsklasse sind jedoch nur zwei Schirme da gewesen und weil ich nicht vor hatte, einen neuen Schirm zu kaufen, überlies ich die zwei anderen Menschen, die wirklich Interesse an einem Kauf signalisierten und verzichtete auf einen Testflug. Astrid hingegen hat einen ION 7 light in ihrer Größe bekommen und wird ihn heute fliegen. Das erste Ziel ist der Startplatz am Fellhorn. Ein Mensch vom lokalen Club, ich glaube Tobias, hat darauf hingewiesen, dass heute ab etwa 14 Uhr Almabtrieb ist und wir auf keinen Fall die Kuhherden nah überfliegen sollen. Zum Landen solle nicht der reguläre Landeplatz benutzt werden, sondern die lange Wiese zwischen Moosalm und dem Hotel am Talschluss. Fand ich gut, denn die reguläre Landewiese hängt in zwei Richtungen schief, was das Landen in egal welche Richtung nicht angenehm macht. Während wir fünf erst wieder zu unseren Campern müssen, um unsere Fliegesachen zu holen, gute 20 Minuten zu Fuß, geht die Gruppe um die Menschen vom lokalen Club direkt am Gasthof los. Um nicht wieder bis runter ins Dorf latschen zu müssen, um zum Fellhorn zu kommen, wählen wir später einen anderen Weg und kommen von Norden zum Gipfel hoch, wohingegen die Hauptgruppe von Süden raufkommt. Ich habe meine „schwere“ Ausrüstung mit Easiness 4 und Theta dabei, denn es könnte laut Prognose tragen. Ein längerer Flug ist nicht unwahrscheinlich, die Osthänge des Fellhorns, die ins Tal hineinzeigen, sind seit Stunden von der Sonne beschienen, doch da rauf zu kommen, gestaltet sich ein klein wenig zäh mit dem schweren Rucksack, den selbstredend auch alle anderen zu tragen haben. Mit kleineren Pausen dazwischen brauchen wir gute drei Stunden für die knapp 1100 Höhenmeter, was am Ende des Tages unter diesen Bedingungen gar nicht so schlecht ist, uns aber ein wenig geschafft hat. Das Erste, was ich oben höre, als wir eintreffen und die große Gruppe schon da ist, die ersten schon gestartet sind, ist, dass wir uns nicht mehr so lange Zeit lassen sollen, weil der überregionale Nordwind ziemlich unangenehm werden könne, so Tobias vom Club. Ich behalte es im Hinterkopf, lasse mich aber deswegen nicht aus der Ruhe bringen, wir brauchen ein Gipfelfoto mit der Kilometerhelden- und Regenbogenfahne und Manni. Anschließend inspizieren wir die verschiedenen Startplätze, um herauszufinden, wo es uns am besten taugt nachher aufzuziehen, dann schnacken wir mal in Ruhe ein wenig mit Vera und beginnen dann damit, uns fürs Fliegen herzurichten. Einer Pilotin sehe ich dabei die ganze Zeit zu, wie sie unter Anleitung einer zweiten Person versucht, ihren Schirm über sich zu bekommen und zu starten. Ob sie zum Testival gehört, weiß ich gar nicht, aber es war ein rechtes Schauspiel, denn es machte den Eindruck, als hinge sie das erste Mal an so einem Ding. Es hat viele, viele Versuche gebraucht, bis sie tatsächlich bald eine halbe Stunde später abgehoben ist und ich fragte mich sofort, ob sie überhaupt weiß, wo sie hinfliegen soll und wie landen geht. Aber not my business. 
Mir fällt auf, dass der Startplatz am Fellhorn mit etwa 2519m wahrscheinlich unser bisher höchstgelegener Startplatz ist. Nur so nebenbei bemerkt und mit Vera sprachen wir kurz über eine Idee für eine Doku, denn sie findet, die Geschichte von Astrid und mir sei erzählenswert. Wir müssen mal drüber nachdenken, welches Format sich eignet, wie der Inhalt gestaltet werden kann und wie wir für mehr queere Sichtbarkeit sorgen, ohne Aufdringlich zu wirken. 

Nachdem Flo und Luc gestartet sind, legen Astrid und ich an deren Plätzen aus. Mein erster Versuch rückwärts zu starten, ging schief, weil sich mein Schirm auf dem ziemlich steinigen Untergrund beim Aufziehen mit einem Ohr festgehängt hat. Der zweite Versuch war dann perfekt. Ich fliege raus, suche Steigen. Astrid hat ein paar Themen mit dem ION 7, denn der muss zum Starten fast überredet werden, was wir von unseren Advance Schirmen nicht kennen. Deswegen geht auch ihr erster Versuch schief. Beim zweiten Anlauf führt sie die Kappe wie einen Traktor konsequent hoch und dann klappt’s, sie kommt ebenfalls raus. 
Insgesamt beschreibt sie später das Fliegen mit dem ION 7 light als etwas schwerfällig im Vergleich zum Theta, doch ansonsten ist’s ein solider Schirm mit einer hohen passiven Sicherheit und wenn wir den Theta nicht kennen würden, hätten wir uns vielleicht sogar damals für den ION entschieden, der überdies von den zugelassenen Bereichen bezüglich Startgewicht besser zu mir passen würde. Viel Thermik und Soaren ist ansonsten wenig. An der einen oder anderen Stelle auf dem Weg zum Landeplatz gelingt es mir, mich kurz zu halten, netto geht’s aber nur runter. Wir sind eindeutig zu früh gestartet und nach etwas mehr als zwanzig Minuten setze ich auf der Wiese vor der Moosalm sanft auf. Die Landung auf dem langen Wiesenstück war super und weil sich in meinem Kopf irgendwie breitgemacht hat, dass ein zweiter Flug selbstredend nicht geht, weil ich nicht nochmal soweit hochlaufen kann, schloss ich innerlich mit Fliegen für den Tag ab. Zusammenpacken, chillen und quatschen auf dem Landeplatz mit noch mehr Menschen, die wir von vorangegangenen Testivals kennen, lassen den Nachmittag dahingleiten. Wir ziehen mit ein paar Leuten zu den Campern um, denn dort gibt’s Kaffee und Kekse, als ich lerne, dass vom lokalen Club Auffahrten zur Uwaldalm organisiert werden und wer möchte, kann eventuell einen zweiten Flug machen. Als Taxi für die Auffahrten dient ein alter Geländewagen mit Gitterbox fürs Gepäck auf dem Dach. Zunächst ist die Rede von maximal zwei Fahrten, was die Menge der Teilnehmenden einschränkt und weswegen Vera darum bittet, dass jenen der Vortritt gelassen wird, die tatsächlich Schirme testen wollen. 
Astrid und ich wollen zwar auch nochmal fliegen, doch im Kontext der eigentlichen Veranstaltung lassen wir natürlich den Menschen den Vortritt, die es betrifft und sich in einer Findungsphase für eine Kaufentscheidung befinden. Wenig verwunderlich gibt es allerdings auch jene, alle männlich identifiziert, denen das egal ist, die die wenigen Plätze okkupieren, auch wenn sie mit ihren eigenen Niviuk und Advance Flügeln fliegen. Nicht alle Männer aber immer ein Mann. 
Ganz am Schluss tut sich dank Vera doch noch eine Mitfahrgelegenheit nach oben auf und -wundert mich wieder nicht- im letzten Auto sitzen nur noch Frauen. Bis auf Tobias natürlich, der fährt und damit selbst auf einen Flug verzichtet. Von der Uwaldalm geht’s nochmal etwa 200 Höhenmeter zu Fuß zum Startplatz rauf, womit wir für heute fast die 1400 Höhenmeter erreichen, der Wind steht super und die letzten 4 Frauen legen aus, die Sonne nähert sich bereits den Bergflanken. Steph fliegt als erste weg, dann ziehe ich rückwärts auf, bremse allerdings zu spät zu wenig an, der Schirm kommt zu weit nach vorne und beim Ausdrehen stolpere ich dann auch noch über irgendetwas und im Umfallen breche ich in der Folge aktiv den Start ab, bevor der startbereite Schirm blöde Dinge tut. So ist erstmal nix passiert, ich raffe meinen Schirm zusammen, steige wieder ein paar Meter rauf, lege mit dem Wind neu aus und beim zweiten Versuch mache ich es dann besser und fliege raus. Steph ist relativ schnell weg, während ich versuche, mich so gut es geht am Starthang zu halten, bis Vera und Astrid auch gestartet sind. Astrids erster Versuch, rückwärts aufzuziehen geht ebenfalls in die Hose. Wir haben da eine Baustelle, weil die Routine fehlt. Beim zweiten Versuch startet sie sauber vorwärts. Der Flug ist ganz schön rumpelig, später im Föhndiagramm ist zu erkennen, warum das so war, denn die Druckdifferenzen lagen um die -3hPa, doch wir konnten uns etwa eine halbe Stunde oben halten. Hinzu kam, dass die Schattengrenze während des Fluges immer weiter den Berg hinauf wanderte und unten der Talwind durch den abendlichen Bergwind abgelöst wurde, so dass ich meine Landeeinteilung im Vergleich zum ersten Flug vom Fellhorn anpassen musste. Dabei lernte ich, dass quer über die Landewiese ein Zaun verläuft, der mir bis dahin gar nicht aufgefallen war. Aus der Luft zu erkennen nur an winzigen weißen Kunststoffpfosten. So musste ich im Endanflug nochmal kurz die Füße hochheben bevor ich sanft im Gras zum Stehen kam. 

Für den Abend ist ein gemeinsames Abendessen im Gasthof Hofmann geplant, doch Vera erklärt, dass die eigentlich schon im Wintermodus sind, die Küche zu ist und sie „nur“ Nudeln mit Soße für alle anbieten können. Das macht mich jetzt nicht so an und damit bin ich nicht allein, denn Steph und Flo organisierten, ohne uns zu fragen, für uns fünf einen Tisch in den Reia Stubm, weil auch sie zum einen wenig Lust auf Nudeln mit Soße hatten und zum anderen auf die Gesellschaft mancher Piloten und ich verwende hier absichtlich das Maskulinum. Wir starten den Abend mit einem Bier im Stehen am Festzelt, in dessen Innerem noch moderat laute Volksmusik zu hören ist, bevor wir zu Fuß gute 20 Minuten an den Anfang des Dorfs runtergehen, wo sich der sehr schöne Gasthof befindet und wo wir sehr, sehr lecker Essen und die Servicekraft äußerst aufmerksam und zuvorkommend ist.  
Auf dem Heimweg folgt uns der Hund des Restaurants bis fast zu unseren Campern und es ist nicht zu überhören, dass die Lautstärke der Musik deutlich zugelegt hat. Vom Hund ist irgendwann nix mehr zu sehen, ich schätze, er geht häufiger alleine Gassi und wir krabbeln ins Bettchen, doch an Schlaf ist überhaupt nicht zu denken, die Kabine wirkt wie ein Resonanzkörper. Als die Blaskapelle gegen 23 Uhr einstellt, schließt sich ein DJ an und die bis dahin einfach nur laute Musik wird durch unglaublich lauten und durchdringenden Bass mit Beats jenseits der 180 ersetzt. Er wummert durch die ganze Kabine, dass sie vibriert, was uns bis nach 2 Uhr in der Nacht grausam wach hält. Das Ganze ist schlicht unerträglich. Ich denke darüber nach wegzufahren, doch die Schranken sind mit Absperrgittern verstellt, die zur Not gerückt werden könnten, das Ticket zum Ausfahren müsste gezahlt werden, es friert draußen und dann ist die Frage, wohin fahren? Es gibt im ganzen Tal keinen Platz, an dem wir legal stehen könnten. Ungewiss, wie lang der Scheiß andauert, harren wir aus. An der Stelle beschließe ich, nicht mehr hierher zu fahren, wenn irgendwelche Feste angekündigt sind, was für die nächsten Nova Hike&Fly Days ziemlich wahrscheinlich zutrifft. Letztes Jahr waren wir am gleichen Wochenende in einer FeWo in der Nähe des Talschlusses, wo der Lärm nicht ganz so aufgefallen ist. Direkt daneben war es unerträglich und, ehrlich gesagt, wartete ich darauf, dass die Masse in irgendwelche rechtsextremen Beiträge abgleitet und wartete gespannt, was passiert, wenn die Musik zu Ende ist. Nicht unwahrscheinlich, dass angesoffene Faschistengruppen sich noch ein wenig Luft verschaffen müssen und auf die ausländischen Camper losgehen, so, wie wir das in Rodeneck erleben mussten. Zum Glück blieben wir wenigstens davor verschont. 

Nach einer sehr kurzen Nacht bringt Astrid ihren geliehenen ION 7 light morgens zurück, sie möchte heute lieber wieder ihren Theta fliegen. Taugt ihr eindeutig mehr und leichter als der ION ist er auch, denn heute wollen wir zum Startplatz Durra aufsteigen, was wieder etwa 950 Höhenmeter mit dem schweren Gepäck bedeutet. Als Astrid zurück ist und unsere Flugzeuge für den Abmarsch gepackt sind, entscheiden wir uns noch dazu, den Camper umzuparken, denn die Parkplätze, wo wir standen, werden heute wieder für PKWs freigegeben, sind für uns zu klein und wir somit ziemlich wahrscheinlich ein Hindernis. Ein Teil des Platzes, auf dem das Festzelt steht, ist leer und wir können mit dem Heck über Wiese fahren und stehen so nicht über. Warum auch immer sind alle Schranken an den Ein- und Ausfahrten offen und ich komme vom Parkplatz ohne zu zahlen runter und auf den anderen ohne neues Ticket drauf. Wir überlegen noch, ob das ein Problem ist und Astrid versucht sogar, ein neues Ticket zu bekommen, doch die Automaten scheinen alle ausgeschaltet zu sein. Na dann, nicht. Wenn sie die Leute ohne Ticket drauflassen, können sie später nicht die Hand aufhalten und wir beobachten zusätzlich, dass es auch den Wandernden so geht, die eintrudeln. Im Festzelt geht der Frühschoppen los als wir uns auf den Weg machen. Auch Steph hat ihren Camper umgestellt, weil der ebenfalls recht lang ist. 
Die Gruppe um die Locals ist bereits losgegangen, wir werden wieder einen etwas anderen Weg nehmen und gerade als wir am Kreisverkehr im Talschluss entlang wackeln, hält ein weiterer Pilot des Clubs mit seinem Auto neben uns und möchte unbedingt, dass wir alle einsteigen und er uns soweit es geht, also bis zum oberen Ende des kleinen Dorflifts, mit dem Auto mitnimmt. Im kleinen Kombi sitzen sie schon zu zweit und wir sind fünf plus natürlich 5 große Rucksäcke. Der etwas herausfordernde Plan, dass wir alle mitfahren, geht nicht auf, doch wir arrangieren uns so, dass zwei von uns mitfahren und wenigstens alle Rucksäcke mitgenommen werden, was immerhin fast 300 Höhenmeter weniger tragen bedeutet. Die Geste und die Entschlossenheit und Zuversicht, dass sein Plan aufgeht, ist auf jeden Fall witzig. Ohne Gepäck bergauf gehen zu können, ist ein gewaltiger Unterschied, so schaffen Astrid, Flo und ich die Strecke zu unseren Rucksäcken in weniger als einer halben Stunde, sind fast doppelt so schnell, wie mit dem Flugzeug auf dem Rücken, doch ab der kleinen Skilifthütte, wo wir unser Gepäck aufnehmen, machen wir dann wieder ein bisschen gemütlicher. Die Höhenmeter vom Vortag stecken noch in meinen Beinchen und es gibt überdies keinen Grund, sich über die Maßen zu beeilen, die Windverhältnisse sind moderater, Chancen auf Thermik wird es erst ab Mittag geben und ich wäre nicht traurig, wenn bereits welche gestartet wären, wenn wir oben ankommen und wir besser einschätzen können, ab wann starten sinnvoll ist. Durra ist ein toller Startplatz, wir erreichen ihn mit allen kurzen Pausen nach rund 900 Höhenmetern in etwas mehr als zwei Stunden, was mich ob unseres Tempos ein wenig überrascht. Gar nicht soooo schlecht. Auch dieser Startplatz liegt mit fast 2400m deutlich über der Baumgrenze, es gibt nur noch Gräser und vereinzelt ein paar niedrige Sträucher und bis vor kurzem haben hier auch Kühe gewohnt, wie unschwer zu erkennen ist. Trockenlegen, was essen und trinken, dann schauen wir uns die Startwiese etwas genauer an, wo Auslegen sinnvoll ist, ob es sonst irgendetwas gibt, worauf wir achten müssen, aber die Wiese ist lieb, es gibt nur wenige Felsen und fein zum Starten. 

Zurück am Rucksack höre ich von einem der TeilnehmER den Spruch: „Frauen dürfen ja eh alles.“ Den ganzen Kontext habe ich leider verpasst, doch egal wie, dieser Spruch ist dämlich und spiegelt typischerweise eine Täter-Opfer-Umkehr wider, so ähnlich wie „Man darf ja nichts mehr sagen.“ Ich drehe mich zu dem Kerl um und gebe zur Antwort: „ja, solange es dem weißen Patriarchat in den Kram passt.“ und wende mich ab und meinen Startvorbereitungen wieder zu. Mit dieser Sorte Männer möchte ich meine Zeit nicht verplempern. Sie sind der Grund dafür, warum ich im Leben keinen Kurs und kein Sicherheitstraining mehr in gemischten Gruppen machen möchte. 
Das Wichtige heute ist, dass wir noch einen schönen Flug machen, bevor wir nach Hause müssen und das gelingt auch, obwohl ich es als einigermaßen herausfordernd empfinde. Mein Rückwärtsstart läuft super, ich komme gut raus, anschließend wird’s dann allerdings ganz schön bumpy, ich habe gut zu tun, die Kappe offen zu halten. Astrid kommt ebenfalls gut raus, wir haben Funk dabei und quatschen wieder recht viel. Sie trifft es irgendwie besser als ich, fliegt weit über mir, während ich unten an den Bäumen entlang kratze und sehr nahe am Aufgeben bin. Doch dann geht’s einmal auch bei mir soweit hoch, dass ich sogar den Startplatz überhöhe und wir uns dazu entscheiden, über das Tal rüber zur Uwaldalm zu fliegen und dort nochmal zu schauen, ob was geht. Tut’s nicht. Wir landen danach, waren aber etwa 45 Minuten in der Luft und sind ein feines FAI Dreieck geflogen. Landung war wieder super. Ich habe das Gefühl, dass meine Landungen nun konstant besser funktionieren, auch bei wenig bis Null Wind, was wir hier auch hatten. Keine Arschlandungen mehr, immer auf den Füßen aufgekommen.

Beim Überfliegen des Parkplatzes kurz vorher sehe ich, dass wir wahrscheinlich zugeparkt sind. Die Durchfahrt, die wir morgens nehmen konnten, ist von Autos blockiert. Da bin ich mal gespannt.
Auch Vera und Flo landen etwa gleichzeitig mit uns und der unerwartet lange Flug macht uns ein wenig Druck in den Socken, denn wir haben verstanden, dass es eine kleine Chance auf unseren Stammgasthof am Abend gibt. Wir verabschieden uns von den beiden herzlich, Steph und Luc sind noch in der Luft, dann wackeln wir zum Parkplatz, wo wir feststellen, dass wir schon runterfahren können, aber nur mit Gezirkel, weil die Durchfahrten größtenteils zugestellt sind. Gibt schon schlimme Hornorchsen. Die gute Nachricht: Die Schranken waren immer noch offen und so beschlossen Astrid und ich, hier nix zu bezahlen, dafür, dass wir um fast die ganze Nacht gebracht wurden, eingesperrt waren, hielten wir das für vertretbar. 
Den eigentlichen Plan, auf der Rückfahrt vor der Brennerautobahn nochmal zu entsorgen, verwarfen wir, denn das waren kostbare Minuten, die uns im schlimmsten Fall um das Cordon Bleu im Gasthaus zu Hause hätten bringen können. Nur tanken war notwendig und der einzige Stopp auf der Fahrt nach Hause und als wir Garmisch durch gewesen sind, bestellte Astrid telefonisch schonmal unser Essen in den Wangerstuben, wo wir den Tag ausklingen lassen konnten. 
Eine aufregende Woche geht zu Ende, viele neue spannende Menschen, wie Flo und Luc, durften wir kennenlernen und wir durften ein paar Erfahrungen machen, die unsere weiteren Ausfahrten beziehungsweise die Entscheidungen auf so einem Trip hoffentlich positiv beeinflussen werden und der Einbau eines Marderschrecks ist beauftragt.

Fliegen, wandern, Trailrunning, arbeiten in Südtirol, 2.10.-12.10.2025

Der Tag der Deutschen Einheit steht an, meine Mädels erklären, wir bräuchten an dem Wochenende nicht ins Saarland zu kommen, sie seien eh die meiste Zeit mit den Festlichkeiten in Saarbrücken zu Gange. So gibt’s ein ungeplantes freies langes Wochenende. Die Wetterprognose sagt, wir fahren auf die Südseite der Alpen, wo wir möglicherweise fliegen können, denn auf der Nordseite wurde das für Samstag geplante Testival am Buchenberg wegen der erwarteten Front mit viel Wind bereits im Vorfeld abgesagt. Da Astrid donnerstags noch dienstlich unterwegs ist, fährt zufällig auch ihr Arbeitsgerät mit als sie von einem Auto ins andere springt. Und auch ich packe einem Bauchgefühl folgend meinen Arbeitsrechner ein, was ich sonst nicht tue. Ist irgendwie schon merkwürdig, wie dann alles kommt….

Nachdem wir meine Mädels, die im August zwei Wochen bei uns gewesen sind, zurück ins Saarland gebracht hatten, noch am gleichen Abend zurückfuhren, um bereits am nächsten Tag mit unserer mobilen Ferienwohnung in das Abenteuer Matterhornbesteigung starten zu können, verbrachten wir die erste Nacht der Reise am Oberalppass. Bereits zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich ein massiver Wetterwechsel ab Mitte der Woche ab, was uns dazu veranlasste, unsere Akklimatisationstour einen Tag vorziehen zu müssen. Die Zeit musste etwas gerafft werden, die geplante Wanderung am Oberalppass ließen wir sein, unternahmen stattdessen eine kleine Tour auf das etwa 3000m hohe kleine Furkahorn, verbrachten die folgende Nacht am Furkapass, fuhren von dort durch bis nach Saas-Fee und starteten den Hüttenzustieg zur Mischabelhütte, wo wir unseren lieben Freund und Nachbarn Thomas trafen. Er hatte sich spontan zum Nadelhorn angeschlossen und war so schnell unterwegs, dass er vor uns an der Hütte eintraf. Teilweise auch dadurch verursacht, dass Astrid und ich uns ob der missachteten Öffnungszeiten der Tourist-Info in Saas-Fee etwa zwei Stunden die Zeit vertreiben mussten, bis wir die Saas-Tal-Card ausgestellt bekamen, womit wir die Hannig-Bahn kostenfrei benutzen konnten. Die ist inzwischen so teuer geworden, dass wir das Warten in Kauf nahmen.
Eigentlich wollten wir zwei Nächte auf der Mischabelhütte bleiben, um unsere Akklimatisierung an die Höhe zu unterstützen, doch nachdem wir im eisigen Wind etwa 100 Höhenmeter unterm Gipfel des Nadelhorns aus Vernunftgründen unseren Besteigungsversuch zu dritt abgebrochen hatten und an der Hütte zurückgewesen sind, hatten Astrid und ich so einen Durchhänger, dass wir sehr in Zweifel gerieten, ob das Matterhorn so überhaupt Sinn macht. Dort würde sehr sicher zu den eisigen Temperaturen und dem Wind auf jeden Fall noch eine nicht unerhebliche Menge Neuschnee hinzukommen. So beschlossen wir, ebenfalls von der Hütte abzusteigen, keine zweite Nacht zu bleiben und hatten innerlich irgendwie mit dem Horu abgeschlossen. Bis wir zurück am Camper waren und Robert, unser Bergführer sich meldete. Er war relativ zuversichtlich, dass wir die Tour machen können, ein bisschen Schnee sei kein großes Problem, es sei ja auch noch eine Woche, bis wir Gipfeltag hätten, da könne viel passieren und wir warten einfach mal ab, wo sich das Wetter wirklich hin entwickelt. Meistens ist es dann doch nicht so schlimm, wie prognostiziert. Das war Mittwochnachmittag. Astrid und ich setzten aus dem Saas-Tal heraus erstmal um auf einen kleinen privaten Stellplatz in Brig-Ried, der bezahlbar war, um den nächsten Tag, der mit Dauerregen vorhergesagt war, auszusitzen. Auch schön. Einfach mal ausschlafen und nicht irgendwo hinmüssen. Tja, der am Vortag noch so zuversichtliche Robert klingelte uns donnerstagsmorgens aus dem Bettchen mit der Botschaft, dass alles doch anders kommt, denn die Ausläufer des Hurrikans Erin ziehen über den Alpenhauptkamm, teilweise das Wallis, das Tessin, Nord- und Südtirol, Trentino, usw. werden in den nächsten Tagen kleine Weltuntergänge erleben, die Schneefallgrenze sinkt unter 3000m, am Matterhorn wird es wahrscheinlich fast einen Meter Neuschnee geben, die Tageshöchsttemperaturen werden sich um die -15°C bewegen, wenn der Wind moderat bleibt. Viel zu schlechte Bedingungen, um an dem Berg ein wenig rum zu probieren, dafür ist die Unternehmung deutlich zu teuer. Wenn wir in Summe fast 6k € dranhängen, dann sollte es auch eine gute und realistische Chance auf den Gipfel geben und das war zu diesem Zeitpunkt sicher nicht gegeben, also war die Konsequenz, dass wir einvernehmlich Roberts Vorschlag folgten, die Tour abzusagen und, wenn wir neu planen, einen Zeitpunkt früher im Jahr zu wählen.

Die in mir aufgekeimte neue Motivation fürs Bergsteigen erlosch in wenigen Sekunden, als ich da lag und gar nicht so richtig einschätzen konnte, ob ich jetzt traurig oder erleichtert sein soll und vor allem beschäftigte mich sofort der Gedanke, was wir denn jetzt mit dem restlichen Urlaub anfangen sollen? Mein Bauch sagte, wir können auch zu Hause im Regen sitzen, dafür wäre es nicht nötig, unsere Knete für Stell- und Campingplätze in der Schweiz auszugeben, doch, wie üblich, formten sich bei meinem besseren sieben Achtel bereits ganz andere Pläne. Während die Pessimilla in mir sich mit einer kompletten Exitstrategie beschäftigt, stellt Astrid fest, dass wir erstmal hier, wo wir sind, morgen einen Flug machen könnten und dass uns ein kleines Stück südwärts die nächsten Tage möglicherweise doch die Sonne begegnen könnte, wogegen sich mein Quatschi im Kopf zunächst wehrte. Warum noch weiter wegfahren, das Wetter ist überall blöd? Sogar das Mittelmeer war kurz im Gespräch. OK, Mittelmeer war für mich entschieden übertrieben, allerdings kann ich mich mit dem Gedanken anfreunden, zunächst in kleinen Schritten zu denken und mal zu schauen, ob sich in der Gegend um Brig ein Flügchen ausgehen könnte. Auf dem Weg zu Fuß zum kleinen Volg-Markt besichtigten wir den offiziell gesperrten Landeplatz mitten im Ortsteil Ried und trafen dort auch auf den Besitzer der unmittelbar angrenzenden Flugschule, der uns eröffnete, dass er selbst die Sperrung veranlasste, weil es ziemlich Stress mit dem Landwirt gibt, dem die Wiese gehört. Da wir jedoch nur zu zweit seien, sprach er uns die Erlaubnis aus, ausnahmsweise hier landen zu dürfen, damit sich unsere logistischen Probleme in Grenzen halten, wenn wir am Startplatz Rosswald losfliegen, denn der alternative reguläre Landeplatz in Bitsch wäre für einen Fußmarsch deutlich zu weit weg. Wir behalten das mal im Kopf, doch die unteren Startplätze, die mit der Rosswaldbahn erreichbar sind, machen einen schwierigen Eindruck, da beide schmale, steile Waldschneisen sind und der Wind 100%ig passen muss. Weiter oben soll es wohl auch Startmöglichkeiten in einem geeigneteren Gelände geben, doch dazu hätten wir unser Zeug ziemlich weit bergauf schleppen müssen, wozu wir beide keine Lust hatten, unter anderem deswegen, weil die Wahrscheinlichkeit, starten zu können, nicht besonders groß war. Auf der Suche nach Alternativen stießen wir auf den Startplatz Riederalp auf der gegenüberliegenden Talseite, für den die Bedingungen besser vorhergesagt waren, der mit der Seilbahn gut erreichbar ist und zudem der Landeplatz Bitsch gehört, der auf jeden Fall nicht gesperrt ist und wir nicht Gefahr laufen, für irgendwelche Auseinandersetzungen der Zündfunke zu sein.
So geht’s am nächsten Morgen nach Ver- und Entsorgung der Kabine zur Landeplatzbesichtigung, die mich gleich wieder zweifeln lässt, ob’s eine gute Idee ist, hier zu fliegen. Bauchi findet den Landeplatz, der von einem Fluss, einer Eisenbahn, mehreren Stromleitungen, einem Photovoltaikpark und Wald umzingelt ist, ziemlich spooky. Es ist die einzige Landemöglichkeit im Gleitwinkelbereich, es gibt keine Fluchtmöglichkeiten, dafür aber jede Menge Talwind, wenn’s blöd läuft. Glücklicherweise landen zwei Mädels gerade als wir dastehen und uns nicht sicher sind, und wir erkennen beide, dass die Wiese nicht so klein ist, wie sie scheint. Bezüglich Talwind gibt uns eine der beiden den Tipp, die Windstation in Visp zu checken, denn wenn dort die Windgeschwindigkeiten beginnen, größer zu werden, dauert es etwa 20 Minuten bis der Talwind den Landeplatz erreicht, was für eine sichere Landung in Bitsch ab Riederalp genügt.
Mit dieser Information relativieren sich die Zweifel und wir entscheiden raufzufahren, wobei ich klar sagen muss, dass ich beim Thema Wind die Bremse bin. Astrid ist da etwas toleranter und zuckt im Gegensatz zu mir nicht gleich zusammen, wenn die Bäume rauschen. Das Auto lassen wir stehen, wo es ist, wir nehmen die Eisenbahn, um zur Talstation der Seilbahn zu kommen, denn die ist nur eine Haltestelle weiter und, in Deutschland völlig undenkbar, Astrid kann über die SBB-App für uns beide sowohl die Fahrt mit der Eisenbahn einkaufen als auch mit der Seilbahn und beides ist so getaktet, dass man nahtlos von einem Transportmittel ins andere umsteigen kann und der Preis ist überraschend niedrig. Oben angekommen, sind es nur wenige Meter zum Traumstartplatz Riederalp (Achtung: Es gibt auch Riederalp West, dort waren wir nicht), der geradeso aus den Wolken ist, was mich wundert, denn von unten sah es so aus, als läge alles noch unter einem Wolkenband, das sich am ganzen Grat entlang zieht. Der Wind ist perfekt, wir fackeln nicht lange, machen uns fertig und starten zügig, nachdem wir den Live-Wind an der Wetterstation Visp gecheckt und für gut befunden haben. Viel Thermik ist wenig, der Höhengewinn hält sich in Grenzen, doch wir hatten im Voraus schon besprochen, dass der Fokus darauf liegt, überhaupt zu fliegen und es gab keine Erwartungshaltung an die Dauer, wobei die relative Höhe von etwa 1200 Höhenmeter selbst einen Gleitflug strecken können. Leider habe ich die Landung wieder mal ziemlich verkackt, überraschender Weise war am frühen Nachmittag immer noch Bergwind, und bombte ein, aber wenigstens mitten im vorgesehenen Landefeld und ich konnte auf meinen eigenen Füßen vom Platz gehen. 

Nach einer kurzen Mittagspause starten wir von dort in Richtung Simplonpass. Wir haben uns dazu entschieden, nach Italien zu fahren, weil es dort die nächsten 2-3 Tage schön sein soll, und übernachteten am Pass, wo es Stellplätze gibt. War allerdings nicht der ruhigste Ort, aber ich konnte am Simplon-Adler, einer riesigen Steinfigur, noch Handpan spielen, bevor Regen reinzog. Am nächsten Morgen tuckerten wir den Berg wieder runter nach Italien, bogen kurz vor Domodossola ins Valle di Vigezzo ab und erreichten noch am Vormittag den Ort Santa Maria Maggiore. Bis dahin dachte ich, dass dieser Name nur mit einer Kirche in Rom verknüpft ist, jetzt weiß ich es besser und außerdem lerne ich, dass dieser Ort fast alle Schornsteinfeger Norditaliens ausbildet. Wir checken in einem kleinen Camperstellplatz hinterm Landeplatz ein und machen uns später auf den Weg zu Fuß quer durch den Ort zur Seilbahn, um vielleicht noch einen Flug machen zu können. Die Windprognose sah gut aus. Oben angekommen, kommt Astrid mit einer Gruppe Schweizer Pilot:innen ins Gespräch, die bereits einige Stunden am Startplatz trotz vordergründig guter Bedingungen abwarteten. Sie sind wankelmütig geworden, weil das einheimische Fliegevolk geschlossen wieder mit der Bahn runtergefahren ist statt zu starten und sie waren gerade dabei, es den Einheimischen gleich zu tun. Die Ursache, die wir selbst ebenfalls übersehen hatten, war ein Nordföhn mit über 6 hPa vor dem die Locals warnten, weil es durchaus vorkommt, dass der kalte, starke Wind vom Simplonpass her durchbrechen kann und mindestens für extrem schwierige und gefährliche Landesituationen sorgt. Upsi. Wir gehen trotzdem weiter zum oberen Startplatz, Piana di Vigezzo 1 bei BurnAir, wozu etwa 100 Höhenmeter aufgestiegen werden müssen, um uns wenigstens den mal angeschaut zu haben. Es gibt einen Startplatz direkt unterhalb der Bergstation, Santa Maria SO, doch der taugt uns nicht so gut, weil wieder durch eine Waldschneise gestartet werden muss. Die Startbedingungen oben erscheinen perfekt zu sein, etwa 10km/h von vorne, ein paar Thermikwolken, Sonne, der Landeplatz ist zu sehen und ohne den Hinweis auf den Nordföhn, den wir in unseren Apps tatsächlich bestätigt fanden, wären wir ziemlich sicher gestartet, doch das lassen wir schön, denn ob’s funktioniert hätte, wüsste Frau erst hinterher, wenn sie noch lebt.
Eine kleine Pause in der Sonne am Starthang gönnen wir uns bevor wir zurück zu Bahn gehen und runterfahren und zu Fuß zurück zum Stellplatz wackeln mit einem kleinen Stopp im Supermarkt. An diesem Nachmittag packe ich meine Handpan aus, wir sitzen in der Sonne, ich spiele ein wenig, Astrid besorgt uns von der Bar am angrenzenden Golfplatz zwei Aperol Sprizz. Es könnte eine schlimmer treffen. Der nächste Tag soll super werden zum Fliegen und so brechen wir an einem schönen, sonnigen Sonntagmorgen erneut auf zum Startplatz und sehen in unseren Apps, dass es tatsächlich gute Chancen auf einen schönen Flug gibt. An der Bergstation angekommen, ist der dortige Startplatz gut besucht, wir beobachten einige Starts, befinden allerdings, dass wir uns nicht in die Menge stellen wollen, sondern wieder die 20 Minuten weitergehen zum oberen Platz, wo wir nach Eintreffen ganz allein sind. Sehr gut. Wir sind früh dran und warten daher noch ein wenig, denn es könnten sich passable Thermiken bilden und als wir immer mehr Schirme sehen, die unten gestartet sind und sich halten können, entscheiden wir zu starten. Direkt nach dem Abheben merke ich jedoch, dass sich bestätigt, was ich bei den anderen Pilot:innen in der Luft bereits beobachtete, die Luft ist ziemlich bockig und ich fühle mich von der ersten Sekunde an nicht wohl. Jedes Steigen schüttelt mich gut durch, die Kappe raschelt permanent, ständig ändert sich der Druck auf den Steuerleinen, ich funke Astrid, wie es mir geht und dass meine Ambitionen, hier lange zu fliegen, gerade auf Null gegangen sind. Apropos funken. Wir haben unsere Motorola T82, für die es keine geeigneten Headsets mit Finger PTT gibt, gegen sehr günstige Retevis R24, das Stück für kaum 15€, mit Finger PTT gewechselt und obwohl diese Funken technologisch uralt sind, ist die Sprachqualität um Lichtjahre besser als mit dem Motorola und der Sprechknopf am Finger ist ein echter Gamechanger, weil nichts mehr losgelassen werden muss, um sich mitzuteilen. Ich biege in Richtung Landeplatz ab, mir reicht’s, und nach etwa 20 Minuten in der Luft setze ich im Landefeld auf. Im Bereich des Landeplatzes gab’s eine Konvergenz aus den beiden Talwinden, die den Anflug etwas ruppig werden ließ, doch ein ordentlicher Gegenwind etwas tiefer erleichtert mir das seitliche Hineindriften, verlangsamt den Endanflug so, dass ich kurz vor Mittag relativ sanft auf den Boden zurückkomme, wo sich bald auch Astrid einfindet. Der Wind macht uns das Einpacken schwer, er nimmt seit unserer Landung konstant zu und die nach uns Landenden haben gut zu tun, sich nicht den Hals zu brechen. Für mich steht fest, dass ich nicht nochmal rauf möchte. In wenigen Minuten zu Fuß zurück am Stellplatz stellt sich die Frage, was wir nun weiter unternehmen wollen? Der nächste Tag soll wieder ein Regentag werden und auch die Tage danach ist mit viel Fliegen hier wenig, was in meinem Kopf schon wieder für nach-Hause-fahren-Phantasien sorgt. Umso weniger populär ist in der Folge Astrids Vorschlag, einmal quer fast 400km durch Norditalien nach Bassano umzusetzen, weil es dort am nächsten Tag super zum Fliegen aussieht. Bassano taugt mir nicht zum Fliegen, weil es dort immer brechend voll mit vielen Pilot:innen ist, von denen viele weder starten können, noch Hangflugregeln kennen, und dann auch noch eine so lange Fahrt, unter 5-6 Stunden mit dem Pickup geht sich das nicht aus, und alles ergibt nur Sinn, sagt mein Quatschi, wenn wir sofort aufbrechen und nicht bis zum nächsten Tag warten. Z’fix. Ich komme erst recht in eine Zwickmühle als Astrid darauf besteht. Ich könne ja heimfahren, sie nimmt dann den Zug nach Bassano, weil sie auf keinen Fall nach Hause will, wo wir tun, was wir immer tun. Na dann, ich lenke ein, getrennte Wege zu gehen ist keine Option für mich, also handele ich gegen meine Intuition, bestehe darauf, dass wir sofort einpacken und aufbrechen, damit wir nicht erst mitten in der Nacht dort ankommen und versuche, mich innerlich auf eine mindestens 6 Stunden Fahrt vorzubereiten, die es dann auch braucht. Es geht aus dem Tal hinaus zurück nach Domodossola, einmal volltanken, Stau, Mailand, Stau, Brescia, Stau, Verona, Vicenza, Bassano del Grappa und in Semonzo auf den Camper-Stellplaz am Garden Relais, wo wir am nächsten Tag, ein Montag, der erste September, unmittelbar in ein Fliegetaxi steigen können. Wir kennen uns ein wenig aus, weil wir schon zweimal hier gewesen sind, Astrid organisiert per WhatsApp zwei Sitzplätze im Regis-Taxi am nächsten Morgen um 10Uhr, gegen halb elf sind wir am Startplatz Bepi und starten ziemlich genau um 12Uhr. Meine Vorurteile sehe ich alle wieder bestätigt, viele haben Schwierigkeiten zu starten, brauchen 2,3,4,5 und mehr Anläufe bis sie mit Glück rauskommen, wir helfen ein wenig, wo wir können, doch wir sind nicht die Mamas und wollen selbst auch irgendwann mal in der Luft sein. Ich starte als erste, bin sofort in der Luft, finde Thermik und Hangwind, steige schnell gute 500 Höhenmeter und gehe in einer Thermik in eine Warteposition, von wo aus ich sehen kann, wann Astrid in der Luft ist und zeige ihr gleichzeitig an, wo es hoch geht. Wir sind die einzigen weißen Thetas, ich bin nicht zu übersehen. Über mir ist niemand mehr. Sie hilft einem Piloten, der es so gar nicht gebacken bekommt, noch zweimal und kommt dann endlich selbst beim ersten Aufziehen sauber raus und beginnt, sich nach oben zu schrauben. In der Zwischenzeit bin ich beinahe auf 1500m, habe den Startplatz um fast 700m überhöht, und muss vor ein paar Wolken flüchten bis ich mit Astrid zusammen kreisen kann. Die Funke kommt wieder ins Spiel, es ist so unglaublich angenehm, wenn wir uns während des Fluges austauschen können und so versuchen wir, ein klein wenig Strecke zu machen. Ich bin bis dahin bloß schon soviel mit leerem Magen gekreist, dass es mir nach einer guten halben Stunde so übel wurde, dass ich Sorge hatte, abladen zu müssen, weswegen ich nach Besprechung mit Astrid ins Flachland zum Landeplatz abbog. Dort gab’s zwar auch ein flächiges Steigen in großen Teilen, doch das konnte ich ohne Abstiegshilfen benutzen zu müssen per Langsam-machen des Schirmes gegen den Wind überwinden und setzte endlich mal wieder mit einer schönen Landung etwa eine weitere halbe Stunde später am Garden Relais auf, wo Astrid kurze Zeit später ebenfalls einlandete. Bis auf die Übelkeit war’s ein toller Flug und weil es ein wenig thermisch ist, verteilte sich der Pulk über eine größere Höhe und es gab keine Probleme mit plan- und regellosen Pilot:innen. Vom lauten Stellplatz am Garden Relais ziehen wir um zum kleinen Campingplatz Santafelicita auf der gegenüberliegenden Seite des Ortes, wo es deutlich stiller und entspannter zuging und weil wir uns nach dem Regentag dienstags, der folgte, nochmal zwei schöne Fliegetage Mittwoch und Donnerstag mit Streckenpotential ausmalten, checkten wir gleich für den bis dahin geplanten Rest des Urlaubes ein, bezahlten im Voraus und ließen es uns am Abend im L’Antica Abbazia, einem sehr guten Restaurant direkt am Campingplatz, gut gehen und feierten ein bisschen den schönen Flug. Ich muss zugeben, die Strapaze mit der weiten Fahrt auf die andere Seite Italiens hat sich in dieser Hinsicht auf jeden Fall gelohnt.

Wie wir einigermaßen spontan zum Sicherheitstraining kamen, das diesem Beitrag den Titel verliehen hat.

 In der Nacht beginnt es zu regnen und das bleibt mit wenigen Lücken bis zum Nachmittag des nächsten Tages so. Eine Lücke nutzen wir, um ein paar Besorgungen im Alimentari zu machen, ansonsten hocken wir in der Kabine, vertreiben uns die Zeit mit Daddeln und Flugplanungen bis Astrid auf irgendeinem Kanal die Info reingespült bekommt, dass am nächsten Tag am Idrosee ein Women-only Sicherheitstraining der Flugschule Sicher Fliegen mit Jojo startet. Jojo ist toll. Sie hat mit Zylle zusammen das XC Seminar im Mai gemacht, an dem wir teilnahmen und das für uns der Schlüssel zum B-Schein gewesen ist. Wir checken den Termin auf der Homepage der Flugschule, tatsächlich, ein kleiner Kurs, maximal 8 Teilnehmerinnen….    und  …..es sind noch zwei Plätze frei. Das ist Karma. 
Zu diesem Zeitpunkt verknüpfen wir Langleitungstussies auch die Übernachtung von Ines bei uns zu Hause letztes Wochenende, die sich auf dem Weg zu einem Sicherheitstraining am Idrosee befand und wegen der superlangen Anreise aus dem Rheinland eine Zwischenübernachtung benötigte, wozu wir ihr unser Häuschen zur Verfügung stellten. 

Boahh… eine neue Zwickmühle. Eigentlich müssen wir freitags um 18Uhr meine Mädels im Saarland abholen, weil Kinderwochenende ist, doch der Kurs geht über 5 Tage von Mittwoch bis Sonntag. Geld ist kein Problem, denn wir fahren seit zwei Wochen wie ein Geldtransporter mit den Honoraren der Bergführer fürs Matterhorn durch die Gegend, aber das Kinderwochenende ist ein Thema. Doch dann überlege ich, dass meine Mädels ehrlich gesagt schon groß sind. Ich frage sie einfach nach ihrer Meinung, erkläre unsere Situation und höre, was sie dazu zu sagen haben, denn sie sind die wichtigen Menschen, um die es in der Sache geht. Nach kurzer Abstimmung höre ich von beiden, dass sie fein damit sind, wenn wir fliegen gehen und wünschen uns viel Freude dabei. So einfach kann es sein. Jetzt ist nur die Frage offen, ob wir zwei Tage Streckenfliegen in Bassano gegen 5 Tage Sicherheitstraining mit Nervenkitzel tauschen wollen? Astrid telefoniert erst mit Jojo, die sich schlimm freuen würde, wenn wir dabei wären, und mit Roman, dem die Flugschule gehört, ob die zwei Plätze wirklich noch frei sind und ja, sind sie, Start des Kurses sei am nächsten Tag um 13Uhr am Miralago im Schulungsraum. Fertig mit Überlegen, wir fahren zum Sicherheitstraining, auch wenn ich keine Ahnung habe, was ich dort fliegen soll und der Gedanke an zerstörte Flugzustände mich im Moment mental überfordert, doch wir könnten auch einfach eine schöne Zeit haben. Wir dürfen fliegen, müssen aber nicht, wenn uns nicht nach Action zumute ist. Women-only bedeutet nämlich auch, dass alles erlaubt ist und wenn das mal nicht fliegen ist, ist’s genauso gut. Naja, ein bisschen naiv, rückblickend betrachtet, denn in Wahrheit, hat keine einzige der starken Frauen auch nur einen einzigen Flug nicht gemacht.

Am nächsten Morgen packen wir in Bassano zusammen, machen uns auf den Weg zum Idrosee, sind pünktlich zu Beginn des Kurses im Schulungsraum und, Überraschung, Hannah und Steph, die ebenfalls schon am XC Seminar im Mai teilnahmen, sind auch da, d.h. 5 von 8 kennen sich schon. Das ist witzig. Die Wetterprognose sieht so gut aus, dass wir annehmen dürfen, jeden Tag fliegen zu können, was wir bisher in unseren beiden anderen Trainings hier ganz anders erlebten. Es ist warm, die Sonne scheint, es gibt sehr guten Kaffee, superleckeres Eis und die weltbesten Pistaziencroissants. Bloß der Campingplatz ist proppevoll und hat keine Ecke mehr für uns, doch das ist einfach zu lösen, weil wir bereits von Bassano aus gecheckt hatten, dass wir am Camperstellplatz am Landeplatz bleiben müssen und in weiser Voraussicht in Bassano bereits ver- und entsorgt hatten und insbesondere den Wassertank fast ganz füllten, um 4-5 Tage autark sein zu können. 
Zunächst gibt es ein wenig Bürokratie, Zettel sind auszufüllen, zu Schwimmweste und Funk gibt’s eine kurze Einweisung, für den größeren Teil der Teilnehmerinnen ist’s das erste Sicherheitstraining, es folgt eine K-Prüfung für alle Gurtzeuge, womit sichergestellt wird, dass alle ihren Retter finden und ziehen können, ein paar Menschen stellen sich vor: Anja ist am Startplatz, Leonie fährt den Bus, Roman fährt das Boot, Robert ist an der Kamera und natürlich Jojo, die uns am Funk bei unseren Manövern begleitet. Die Teilnehmerinnen stellen sich vor, erzählen etwas über ihre Ziele und Erwartungen zum Training und ich gewinne zu diesem Zeitpunkt den Eindruck, dass wir alle gar nicht so weit auseinanderliegen bezüglich unserer fliegerischen Fähigkeiten, es gibt keine Überflieger und keine bloody beginners. In unseren anderen Kursen war das anders, wo manche noch vor dem ersten Flug von Strömungsabrissen faselten und andere Mühe hatten, überhaupt zu starten. Gefällt mir gut. Allerdings bin ich seit unserer Entscheidung zur Teilnahme fürchterlich aufgeregt, weil ich immer ein wenig Panik vorm Manöverfliegen habe. Es kann so viel schiefgehen und die Ursache ist immer die Pilotin. Erstmal folgt die Landeplatzbesichtigung, zu der wir unsere mobile FeWo schonmal mitnehmen, weil wir später sowieso dort stehenbleiben werden. So, wie es mir am Anfang ging, als ich den Landeplatz noch nicht kannte, ging es auch einigen anderen, weil er zunächst relativ klein erscheint, von Bäumen und See begrenzt wird, es keine Ausweichmöglichkeit gibt, Berg- und Talwind sehr stark werden können, Thermik und/oder Konvergenzen manchmal noch dazu kommen. Trotz dieser Eigenschaften habe ich ihn jedoch stets getroffen, auch wenn es manchmal herausfordernd war. Jojo bietet an, auch bei der Landung zu unterstützen, für jene, die das wollen, um die Schwelle ein wenig zu senken. Fand ich toll. In der Vorstellungsrunde habe ich nämlich auch meine Landeprobleme angesprochen und fand mich damit nicht alleine. Bei mir ist’s nicht die Landeplatzgröße, sondern das Timing im Endanflug, das nicht passt und mir sehr häufig harte Aufschläge auf dem Popo beschert. 
Als der Landeplatz abgehakt ist, ist der Nachmittag bereits so weit fortgeschritten, dass wir im Anschluss für den Abendflug auffahren, den Startplatz besprechen und dann auch alle zum ersten Flug starten, der jedoch noch kein Training ist. Der Südost steht gut an, wir schaffen es, ein wenig am Starthang zu soaren und zaubern so einen superschönen ersten Flug in den Sonnenuntergang hin. Den ersten Abend beschließen wir mit einem gemeinsamen Abendessen im Restaurant Miralago.

Donnerstagsmorgens fliegen wir die ersten Trainingsflüge, bei denen Astrid und ich zunächst uns bekannte Manöver wählen, B-Stall, Big Ears (also wirklich große Ohren mit jeweils zwei A-Leinen auf jeder Seite), Spirale, Rollen und Nicken, denn es ist immer gut, diese zu festigen und sich Tipps für Verbesserungen geben zu lassen, weil gerade das Rollen bei mir bis dahin negativ besetzt gewesen ist. Zum einen wird mir beim Rollen so schnell schlecht, wie bei keinem anderen Manöver, das ich bisher geflogen bin und ich hatte im letzten Training die Erfahrung machen müssen, wie schnell das Manöver blöd werden kann, wenn man den jeweiligen Außenflügel nicht stützt, was mich damals in Bruchteilen von Sekunden in einen Spiralsturz katapultierte. Deswegen stand dieses vermeintlich einfache Manöver die ganzen Tage in diesem Training auf der ToDo Liste und ich glaube, ich bin an der Baustelle ein ganzes Stück weitergekommen. Astrid fliegt dabei bereits richtige Wingover, d.h. sie kommt mit ihrem Körper bei der Pendelbewegung über die Schirmmitte hinaus, und die Richtungswechsel schauen bei ihr richtig rund aus. 
Andere Mädels aus der Gruppe haben natürlich auch so ihre Baustellen, an denen sie zu feilen beginnen, angefangen von sich zu trauen, mal richtig an den Leinen zu ziehen bis hin zu den ersten Gehversuchen in Sachen Spirale, einem sauberen B-Stall oder wirklich großen Ohren. Alle sind da ganz mutig unterwegs und es ist eine Freude zuzusehen, wie vom ersten Flug an Wachstum einsetzt und eigene Grenzen verschoben werden. Im Gegensatz zu Männergruppen freut Frau sich hier für jede andere, die mit Mut und Spaß die eigene Komfortzone dehnt, ohne mit Angst fliegen zu müssen. Es finden keine Schwanzvergleiche statt, um es mal plump aber für alle verständlich auszudrücken. Es kommt nicht darauf an, ob Frau einen Fullstall fliegt oder nickt, was ehrlich gesagt, gar nicht so einfach ist, wie es sich anhört. Das ist keine pauschale Verurteilung der Männer, wir haben tolle männlich identifizierte Menschen, mit denen wir gerne fliegen, doch in Haufen mit genügend Testosteron wird es schnell unerträglich für mich. 
Mit den ersten beiden Flügen haben Astrid und ich unsere bisherige Grenze erreicht und der nächste logische Schritt sind etwas anspruchsvollere Manöver, zu denen es nach der Videoanalyse am Nachmittag die erste Theorie gibt, wie Stallpunkt ertasten, zuerst einseitig dann beidseitig mit Blick auf das Trudeln im Ansatz, was in unserem vorangegangenen Training „Verhänger-Öffnungs-Tool, oder kurz VÖT“ genannt wurde. Was dabei passieren kann, wenn Frau es übertreibt, haben Astrid und ich mit Michis anschließendem Retterabgang damals gelernt, entsprechend groß ist mein Respekt davor. Außerdem besprechen wir die Klapperspirale, im landläufigen Gebrauch auch „Hermann“ genannt, die Astrid und ich schon seit dem letzten Training im Kopf haben, uns damals aber nicht trauten zu fliegen. Jetzt ist das anders. Nach Videoanalyse und Theorie ist dann auch schon wieder Zeit für den Abendflug, zu dem ausnahmslos alle mit rauffahren, der allerdings nicht ganz so lange dauert, wie am Vortag, weil weder nennenswerte Thermik vorhanden ist, noch steht der Wind fürs Hangsoaren gut genug an. Macht aber nix, ist trotzdem ein Traum, an den sich erneut ein gemeinsames Abendessen anschließt. 

Freitagsmorgens starten wir schon um 6:30Uhr, weil nicht sicher ist, wie lange heute fliegen möglich ist. Die prognostizierten Druckdifferenzen mahnen zur Vorsicht, es wird im Tagesverlauf Nordföhn geben, der über Nacht anhält und der auf keinen Fall unterschätzt werden darf. Ein großer Tag ansonsten. Zwei Flüge gehen sich vormittags aus, Astrid und ich sind mutig, beginnen den ersten Flug damit herauszufinden, wo der Punkt ist, an dem bei unseren Schirmen die Strömung abreißt, indem wir erst auf einer Seite, dann auf der anderen und zum Schluss beidseitig die Bremsen entschlossen soweit herunterziehen bzw. drücken bis der immer größer werdende Steuerdruck abrupt endet, dieser butterweich wird und der Schirm aufhört zu fliegen. Reißt Frau in dem Moment entgegen aller Reflexe die Hände hoch bis hinauf an die Leinenschlösser und dem Schirm damit sagt, er soll wieder anfahren, passiert relativ wenig. Die Kappe entlastet kurz, entleert sich dabei auf der gestallten Seite oder auch ganz und füllt sich im Idealfall ohne nennenswerte Deformation beim Anfahren sofort und fliegt wieder. Tut Frau das nicht, bricht ziemlich schnell die Hölle los. Bei uns geht so weit alles gut, wir sind fürs Trudeln im Ansatz gerüstet. Es folgt der zweite Flug. Ich habe nur den Hermann auf’m Zettel, weil mir das ziemlich sicher reichen wird. Mit Jojo am Funk verabredete ich, dass ich mich nach dem Manöver entscheide, ob noch was geht, und wenn nix mehr geht, klappe ich das rechte Öhrchen als Zeichen für sie einmal kurz ein. Vor mir fliegt Teresa dieses Manöver, dessen Ablauf ich über Funk mitbekomme. Lief super. Keine unvorhergesehenen Schwierigkeiten. Ob mir das hilft, kann ich nicht sagen, jedenfalls hängt die Hose zwischen den Knöcheln als ich starte und mich auf den Weg in die Trainingsbox über Wasser mache. Jojo meldet sich, meine Position sei gut für die Klapperspirale, ich können loslegen. Eigentlich wollte ich zuerst die rechte Seite klappen und mich dorthin fallen lassen, weil ich im letzten Flug zum Schluss eine Spirale nach rechts flog und die linke Hand auf jeden Fall noch wissen müsste, dass sie außen ist, doch auf dem Weg in die Box kam mir ein anderer Gedanke. Wenn es die Bedingungen zulassen, lasse ich nach dem Start gerne die Steuerleinen los, Hang loose hat Eki das genannt, versuche mich kurz zu entspannen bevor es losgeht und greife dabei immer 2-3 Mal zur Griffschlaufe des Retters, der sich auf der rechten Seite meines Gurtzeugs unter meinem Popo befindet. Da kam mir die Idee, dass es klug sein könnte, die Klapperspirale genau anders herum einzuleiten, denn dann wäre mein Retter auf der Seite des Systems, das nach außen rotiert und ich stellte mir vor, dass der Retter auf der offenen Seite tendenziell besser aufgehen müsste, wenn der worst case eintritt. Also schwenke ich um, klippe meine linke Steuerschlaufe an den Tragegurt, spanne meinen ganzen Körper an, mache mich im Gurtzeug fest und ziehe beherzt die gesamte linke Eintrittskante über 3 A-Leinen zu mir runter, lehne mich auf die geklappte Seite und halte fest, die rechte Hand ist ganz oben. Dann warte ich auf die Reaktion, doch es passiert erstmal nix, mein Schirm fliegt trotz der sehr großen Deformation weiter geradeaus. Ja, ist ein toller Schirm, doch das war jetzt nicht Ziel der Übung. Jojo weist mich an, den Klapper nochmal zu öffnen und es nochmal von vorne zu versuchen. Ich führe die gehaltenen Leinen wieder hoch, der Flügel öffnet sofort, anscheinend muss ich noch etwas entschlossener handeln und so beginne ich von vorne, strecke mich so weit nach oben, wie es geht, greife mit links alle 3 A-Leinen dieser Seite, ziehe sie mit viel Schwung zu mir nach unten, fast 70% der gesamten Schirmfläche klappt ein, ich lasse mich in das Gurtzeug zurückfallen und dann bemerke ich, dass der Schirm in eine Rotation über die deformierte Seite startet. Zuerst ganz langsam, so als ob der Schirm nachfragen würde „bist du sicher, dass du das willst?“, doch ab einem gewissen Punkt, so nach 1-2 Runden, geht die Luzi ab, die Rotation wird so schnell, wie in einer Spirale, allerdings ist der Drehpunkt zwischen mir und meinem Schirm, d.h. ich als Pilotin werde in eine Rückwärtsrotation gezwungen, so, wie wenn ich einen SAT fliegen würde. In dem Moment, in dem meine Rückwärtsfahrt beginnt, rutscht mir das Herz in die Hose, weil ich dieses Gefühl bisher nicht kannte und es sich zunächst ziemlich unangenehm anfühlte. Mein Gehirn geht aus, ich starre auf die rotierende Kappe, verliere völlig die Orientierung, vergesse aber nicht, dass meine rechte Bremse die Ausfahrt ist. Jojo am Funk findet’s klasse, dass ich es geschafft habe, die Klapperspirale einzuleiten und sagt mir an, dass ich nun die rechte Bremse mit Gefühl dazunehmen soll. Ich beginne zu ziehen und staune, wie schnell dieser Zustand sich dadurch verlangsamt, der Drehpunkt in die Kappe wandert, ich wieder vorwärts fliege und erst als der Schirm beginnt, in eine neue Rotation über die offene Schirmseite zu kippen, verstehe ich, dass ich die rechte Bremse wieder nachgeben kann und das Höllenkarussell ist zu ende. Als ich wieder stabil geradeaus fliege, lasse ich den gehaltenen Klapper los, der Schirm öffnet und die Show ist vorbei. Das war das Abgefahrenste, was ich bisher mit meinem Schirmchen veranstaltet habe. Sehr geil. Ich hab‘ allerdings ganz schön Puls und als Jojo sich für das nächste Manöver meldet, ziehe ich das rechte Öhrchen kurz ein, sie lacht und wünscht mir einen schönen Flug und eine gute Landung. 
Die übernächste Pilotin hinter mir ist Astrid. Jojo hatte sich gewünscht, dass wir mit unseren weißen Thetas bei den Trainingsflügen nicht direkt hintereinander starten sollen, weil wir ihr sonst das Leben schwerer machen würden, weswegen wir immer darauf achteten, dass mindestens eine andere Pilotin zwischen uns fliegt. Astrid hat ebenfalls den Plan, ihre erste Klapperspirale zu fliegen, was sie auch tut und auch sie ist völlig geflashed ob des krassen Gefühls der Rückwärtsrotation und wie schnell und relativ einfach dieses Manöver unter Kontrolle gebracht werden kann. Übrigens entschieden wir uns für diese wild erscheinende Figur wegen des praktischen Nutzens, es zu kennen, denn ein sehr großer Anteil der unkontrollierten Abstürze von Gleitschirmfliegenden startet mit einem großen Verhänger in freier Wildbahn, besonders in thermischer Luft kommt das nicht so selten vor. Diesen Verhänger simulieren wir mit dem großen Klapper, den wir bewusst ziehen und halten. Wird in freier Wildbahn nicht oder zu spät auf so eine Störung reagiert, beginnt der Schirm nicht selten mit so einer Rotation, wie wir sie erlebt haben und wenn dieser Fall eintritt, sind die Chancen, die Situation in den Griff zu bekommen, deutlich größer, wenn Frau erkennt, was passiert und in der Folge aktiv und kontrolliert ausleiten kann. Zumindest ist das die Theorie. 
Die Sinkwerte sind allerdings extrem hoch, bei unseren Manövern zwischen 18 und 23 m/s, d.h. bei fehlender Höhe kann es auch schlau sein, nicht zu experimentieren, sondern gleich den Retter zu ziehen. Erleben wollen wir das nicht, doch jetzt ist ein Werkzeug mehr im Koffer und Spaß macht’s ehrlich gesagt auch.

Es macht so viel Spaß, dass ich dieses Manöver nun jeden Tag einmal fliege und dabei beginne, die Orientierung zu behalten, die Menge der Rundfahrten zu kontrollieren und beim letzten Mal sonntags sogar völlig pendelfrei gezielt ausleite, ohne über die offene Seite einzudrehen. Auch Astrid und zwei weitere Pilotinnen machen das so und bei allen verschwand der erste Schreck und verwandelte sich in ein „wie geil ist das denn bitte“ Manöver. 
Freitagsnachmittags wird der Wind ziemlich stark, einen Abendflug können wir nicht machen, doch für alle, die möchten, und das tun alle, treffen wir uns für eine Groundhandling-Session am Landeplatz, nachdem die Videoanalyse und die Theorie abgehalten sind. Einen anderen Menschen treffen wir dort, der mit seinem Flügel regelrechte Kämpfchen im Wind führt, denn der Wind ist nicht laminar, wie sonst, sondern rauscht mit teilweise ziemlich krassen Böen durchs Gelände, wahrscheinlich mitverursacht durch etwaige Föhndurchbrüche. Nix für mich. Auch die anderen Pilotinnen lassen ihr Zeug verpackt und so sitzen wir in der Sonne, genießen die Pause, ich packe meine Handpan aus und spiele ein wenig, bis mein Repertoire erschöpft ist. Leider hat sich die Windsituation bis dahin nicht verändert, die Schirme bleiben im Packsack. Stattdessen nehmen wir ein Bier am Kiosk, der sich zwischen Landeplatz und Strand befindet und quatschen schön. Ich muss das an der Stelle loswerden: Ich bin so froh, in dieser Gruppe sein zu dürfen, es tut unendlich gut als Frau akzeptiert zu werden, denn das ist keineswegs selbstverständlich in der heutigen Zeit. Balsam für meine lange geplagte Seele. Menschen, die diese innerliche Diskrepanz nicht kennen, und das sind die meisten, werden das vielleicht nicht verstehen. Doch es gibt auch nix zu verstehen, es genügt, es zu akzeptieren und mich als Mensch zu behandeln und zu respektieren. Niemand hat auch nur den kleinsten Nachteil dadurch, mich einfach sein zu lassen.

Der Samstag. Es könnte der beste Flugtag der Woche werden, wenngleich der Nordföhn noch in meinem Gedächtnis hängt und ich das auch äußere als wir uns morgens zum Briefing treffen. Jojo hat das auf dem Schirm, wir werden das beobachten, doch sie denkt, das ist für den Idrosee mit seinem eigenen „Klima“ kein Problem heute. Wir fahren rauf. Für Astrid und mich steht heute im ersten Flug trudeln im Ansatz auf dem Programm, d.h. der Ablauf ist erstmal mit dem Ertasten des Stallpunktes gleich, allerdings bleibt Frau für einen kurzen Moment im Strömungsabriss, bis der Schirm etwa 90° rückwärts weggedreht hat und führt dann erst die Hände sehr zügig nach oben. Die Gefahr dabei ist, dass der Schirm beim Wiederanfahren ziemlich schnell vorschießen kann, wenn der Strömungsabriss über 90° hinaus gehalten wird und dann passieren ziemlich sicher Dinge, die wir nicht wollen. Es bleibt also aufregend, denn wir reden über Bruchteile von Sekunden, die über ein cooles Manöver oder einen Retterabgang entscheiden. Vorsorglich packe ich, wie bereits am Vortag vor dem ersten Hermann, alles, was nicht nass werden darf einschließlich meines Varios, in meinen Snozzle-Bag, in dem ich sonst den Schirm hab‘, denn der ist wasserdicht. Und dann geht’s los. Nach Erreichen der Trainingsposition über Wasser und meiner vorangegangenen mentalen Vorbereitung auf das, was kommt, zögere ich nicht, bremse leicht beidseitig an, drücke eine Seite über den Bremswiderstand hinaus bis die Strömung abreißt, behalte dabei meinen Schirm im Auge und als er beginnt zu entleeren und abzudrehen, reiße ich beide Hände wieder hoch und lasse sie oben. Der Schirm kommt nach der einseitigen 90° Rückwärtsfahrt zügig nach vorne, doch er fliegt dann auch einfach wieder. 
Jojo meldet sich und schlägt vor, wenn es mir gut geht, könne ich das gleiche auf der anderen Seite nochmal tun. Das mache ich. Dieses Mal bleibe ich jedoch einen winzigen Tick länger im Strömungsabriss, der Schirm dreht einseitig fast 180° rückwärts und schon ist Zirkus als er vorschießt. Ich fange nicht ab, weil ich so schnell überhaupt nicht blicke, was Phase ist, und außerdem würde eine zu schnelle Reaktion die Situation eher verschlimmern als verbessern, also lasse ich die Hände oben, schaue fast waagerecht in meine entlastende Kappe, bei der anschließend die Front komplett einklappt. Upsi. Nicht gut. Der Schreck hält nicht lange an, denn ich habe einen tollen Schirm, der genauso schnell wieder öffnet und nachdem ich durchgependelt bin, fliegt er einfach wieder. Alter, das hätte schiefgehen können. Neues Trainingspotential. Ich beruhige mich wieder, bringe mich zurück auf Achse und höre Jojo, die als nächstes Manöver eine weitere Klapperspirale vorschlägt, sofern ich bereit dazu bin. Bin ich und entscheide mich für die gleiche Seite, wie gestern, ziehe links einen großen Klapper, lasse mich auf die geklappte Seite fallen und los geht die Fahrt. Wenn Frau weiß, was passiert und wie es sich anfühlt, ist’s gar nicht mehr so schlimm. Ich behalte die Orientierung und leite etwas kontrollierter als beim ersten Mal aus. Fein. Danach ziehe ich mein Öhrchen ein, denn das war für einen Flug genug Spannung. Jojo wünscht mir eine schöne Landung. 
Apropos Landung. Dabei habe ich ebenfalls Fortschritte gemacht, denn ich glaube nun zu wissen, warum ich gerade bei Nullwind so häufig einschlage: Ich fange den Schirm zu spät ab und lasse ihm damit keine Zeit, die Fahrt vor dem Aufsetzen zu verlangsamen. Wenn die Füße schon fast das Gras berühren, ist’s zu spät und der Kopf ruft, das ist zu schnell, heb die Beine hoch und dann geht’s fast ungebremst in den Boden. Ziehe ich jedoch aus einem ungebremsten Endanflug zwei Sekunden früher an den Steuerleinen, hat der Schirm die nötige Zeit, langsamer zu werden, die Energie in einem leichten Steigen abzubauen und ich komme fast, wie eine Feder auch bei Nullwind auf meinen Füßen auf. Timing ist das Schlüsselwort. Danach habe ich nur noch die allerletzte Landung im ganzen Training verkackt, wobei ich jedoch die Ursache kenne.

Astrid, Vreni und Teresa fliegen an diesem Morgen ebenfalls die Manöver Trudeln im Ansatz und nochmal den Hermann. Auch sie machen die Erfahrung, dass der Schreck beim Hermann sich in Spaß verwandelt hat und kommen mit breitem Grinsen zum Landen. Ein Fest. Die anderen Mädels fliegen tolle Spiralen, ertasten die Stallpunkte ihrer Schirme, rollen und nicken, wie die Wahnsinnigen, ziehen B-Stalls und üben sich in den Big Ears. Das ist fantastisch. Immerhin ist es so, dass manche aufgrund diverser Umstände vergleichsweise wenig zum Fliegen kommen und unter dieser Prämisse machen alle enorme Fortschritte, überwinden ihre Hürden und wachsen an ihren Manövern. Das freut mich außerordentlich für alle. 
In meinem zweiten Flug belasse ich es beim Nicken, denn das hatte ich bis dahin in diesem Training überhaupt noch nicht geflogen, danach ziehe ich das Öhrchen wieder ein, weil es mir vom Kopf her genügt und Jojo verabschiedet mich in einen schönen Restflug. Auf dem Weg in meine Landeeinteilung teste ich, wie es um meine Leitlinienacht bestellt ist. Auch so ein Manöver, das häufig unterschätzt wird, denn es ist nicht so einfach, zügig hintereinander auf Achse zwei Kreise in jeweils unterschiedliche Richtungen zu fliegen und beim Übergang nicht bis Timbuktu zu pendeln. 
Die Bedingungen sind so gut an diesem Vormittag, dass wir ein drittes Mal rauffahren, allerdings entscheiden Astrid und ich uns für einen Freiflug ohne Training. Astrid findet auch, dass es mit Training für heute reicht, immerhin haben wir Urlaub und es darf auch mal ein gechillter Flug sein. Absolute Zustimmung von Anja, die den Startplatz managed, und Jojo unten am Strand. Finde ich toll, dass Frau sich für so eine Entscheidung nicht rechtfertigen muss, sondern es einfach tun kann, ohne dass jemand was dazu zu sagen hat. 
Beim darauffolgenden Start erkenne ich eine weitere Lücke in meinen Fähigkeiten: rückwärts aufziehen. Das mache ich sehr selten und entsprechend wenig routiniert bin ich darin, gerade mit dem neuen Schirm, der sich zwar prinzipiell leicht starten lässt, aber wegen seiner Streckung und der fast doppelten Anzahl an Zellen im Vergleich zum Pi3 doch anders verhält. Noch eine kleine Seitenwindkomponente und es geht viel schief, aber ich komme mit Gewürge raus auch wenn’s nicht schön und unkontrolliert ist.
Es ist bereits halb eins am Nachmittag, die Luft ist nicht mehr ruhig, Thermik setzt so langsam ein, auch ein Grund, warum ich mich für einen Freiflug entschieden hatte. Es bietet die Möglichkeit zu versuchen, ein wenig länger zu fliegen. Richtig gut geht’s nicht, doch es genügt, um die Airtime im Vergleich zu den Trainingsflügen fast zu verdoppeln und auf dem Weg in meine Landeeinteilung, die ich über Land mache, um die Trainierenden überm See nicht zu stören, baue ich weitere Achten ein, die in der Aufzeichnung mit der Garmin-Uhr tatsächlich fast perfekt ausschauen. Saubere Kreise, einmal rechts der gedachten Achse, einmal links mit identischem Durchmesser und einem sehr kleinen Übergang und pendelfrei. Hab‘ ich in der A-Schein-Prüfung nicht geschafft.

Nach einer Pause treffen wir uns, wie jeden Tag nach den Flügen, im Schulungsraum, schauen gemeinsam die geflogenen Manöver an, besprechen diese ausführlich und sind uns einig, dass wir am nächsten Morgen, dem letzten Tag, keine neuen Manöver mehr probieren, sondern stattdessen alle bis dahin geflogenen festigen wollen. Manche haben sich inzwischen des Öhrchens bedient, um zu signalisieren, dass es genügt, doch die gewählte Seite sorgte für einen Lacher, denn ich hatte immer das rechte Öhrchen als „ich bin fertig“ verwendet, eine andere Pilotin zog das linke ein und wir einigten uns darauf, dass links bedeutet „mmmhhh… naja, vielleicht möchte ich zu einem weiteren Manöver überredet werden.“.
Für heute steht noch ein Abendflug und ein gemeinsames Essen auf dem Programm, zu dem sich jeweils alle anschließen. Heute Abend neben der Flugschule Freiflug mit am Startplatz ist eine slowenische Flugschule mit zwei Bussen voller Pilot:innen, die den Startbereich okkupierten, den wir sonst benutzten, was einen ganz schön wuseligen Eindruck am Startplatz schafft als wir eintreffen. Im Gegensatz zu den Trainingsflügen, bei denen einzeln in größeren Abständen gestartet wird, sind die Abendflüge durch einen vollen Startplatz und einen vollen Himmel geprägt, bei dem ich immer hoffe, mit möglichst wenig anderen gleichzeitig am Landeplatz einzutreffen. Mit einem gefüllten Werkzeugkoffer kann Frau das natürlich auch ein Stück weit beeinflussen. Ein großer Teil der anderen Flugschulen ist bereits in der Luft und es zieht sich dann doch etwas auseinander und am Ende ist es sogar so, dass wir Mädels fast allein in den Thermiken in Startplatznähe rumfliegen und aufdrehen, weil die meisten Pilot:innen sich auf den Weg über den See zum Landen gemacht hatten. Wieder mal ein Traum mit dem Theta in dieser herrlichen Kulisse zu fliegen. Kleinstes Steigen genügt, um wenigstens nicht zu sinken und verschafft Zeit, sich die Spots herauszusuchen, an denen es richtig nach oben geht. Astrid trifft es anfangs nicht so gut, doch ich sehe ihr von weit oben zu, wie sie sich zurückkämpft und es bis ganz nach oben schafft. Sensationell. Vor unserem XC Seminar im Mai mit Jojo wäre das nahezu undenkbar gewesen. 
Die Landung wird ein wenig speziell, denn es hat an diesem Abend immer noch viel Wind aus Süd. Ein Grund, warum wir mit Starten relativ lange warteten und erst als Roman von unten rückmeldete, dass es sich so langsam in Richtung 20km/h beruhigt, zogen wir auf. Beim Thermikfliegen um den Startplatz herum war der Wind kein Thema, doch als ich über den See raus bin, blies es schon ganz ordentlich, sodass ich teilweise mit dem Segel im Wind nur noch einstellig Vorwärtsfahrt machte, was gleichzeitig eine hervorragende Gelegenheit bietet, driften zu üben, denn genau so bin ich am Ende von der Seite in den Landeplatz und in meinen Endanflug eingebogen und supersoft aufgesetzt. Landen mit mehr Wind hat mir noch nie Probleme gemacht, ganz im Gegensatz zu Nullwind. Nach der Landung kommt Roman auf Astrid und mich zu, wir wären die ganzen Tage noch nie mit dem Boot zurück zum Miralago gefahren, er würde das gerne ändern und sich freuen, wenn wir das heute schaffen. Oh ja, da hab‘ ich Lust drauf. Wir bitten ihn zu warten, bringen unsere Flugzeuge zum Camper, richten uns ein klein wenig fürs letzte gemeinsame Abendessen her, kommen dann zurück zum Landeplatz und steigen mit den übrigen Pilotinnen ins Boot und lassen uns im Sonnenuntergang von Roman zum Restaurant fahren. Schon toll, irgendwie. Er ist voll ein netter Mensch, hatte sich die ganzen Tage nur selten blicken lassen, um unsere Frauenrunde nicht zu stören, stand jedoch gleichzeitig permanent im Boot zur Verfügung, falls es nötig wird, eine von uns aus dem Wasser zu fischen. 
Als wir alle zusammen im Restaurant saßen, gab es noch eine kleine Überraschung für Roman uns sein Team. Wir hatten ein wenig Geld gesammelt und, ich glaube, Teresa hat es in einen Gutschein zum Essen im Miralago umgewandelt, den sie nun mit ein paar Worten des Dankes und der Anerkennung zusammen mit einem Glas Honig von Ines‘ Bienen überreichte. Eine kleine Geste, um zu zeigen, was sie alle für einen tollen Job machen. 

Am letzten Tag starten wir erneut sehr früh, um 6:30Uhr sollen wir alle im Schulungsraum sein, damit wir den Vormittag so gut es geht ausnutzen und fliegen können und es hinten raus nicht so spät wird, da die meisten danach eine mehr oder weniger lange Heimreise vor sich haben, so wie wir auch. Zwei sehr feine Flüge gehen sich für alle aus, ich fliege erneut die Klapperspirale, dieses Mal auf die andere Seite, ziehe mit Freude die halbe A-Ebene runter, halte fest und starte damit das Karussell und die Rückwärtsfahrt, während ich jede Sekunde genieße. Es gelingt mir sogar, das Manöver pendelfrei zu beenden, ganz kontrolliert. Eine kleine Sensation. Auch Astrid fliegt das Manöver nochmal perfekt und hat großen Spaß daran. An diesem Morgen sehe ich nur Grinsekatzen am Landeplatz und es ist fast schon schade, dass diese Zeit zu Ende geht. Im letzten Flug beenden wir die Trainingstage mit Rollen und Spiralen und ich glaube, dass bei mir so langsam der Groschen beim Rollen rutscht und es allmählich runder wird und ich die Pendelbewegungen kontrollieren kann, was vor dem Training sicher nicht der Fall war. Astrid zaubert letzte Wingover in den Himmel, lernt, dass der Außenflügel so langsam mehr Unterstützung braucht, damit er nicht einklappt und landet fein. Wer hätte das Anfang der Woche gedacht, dass unser kleiner Lebenszug uns zu diesem Sicherheitstraining führt, das ist wirklich irre. 
Drei von uns acht ziehen am Ende des letzten Fluges den Retter, um auch dieses Gefühl erlebt zu haben und herauszufinden, was danach zu tun ist. Astrid und ich lassen das, denn wir haben keine Möglichkeit, die Woche drauf unsere Sachen wieder trocken zu bekommen. Die Aufnahmen dazu sehen wir uns nochmal gemeinsam an bevor es in die Verabschiedungsrunde geht, bei der jede gerne loswerden kann, was sie beitragen möchte. Viel Dank und Lob höre ich, dem ich mich ohne Einschränkung anschließen kann und als ich dran bin, bedanke ich mich bei der ganzen Gruppe, dass ich als eine etwas andere Frau an diesem Training für women-only teilnehmen durfte und mich äußerst wohl und respektiert fühlte. Solche Begegnungen geben mir Kraft, die es manchmal schon benötigt, um so zu leben, wie ich es tue. Genug davon. Die wichtige Botschaft an die Flugschule von Roman ist, dass wir alle nächstes Jahr wieder am gleichen Format teilnehmen wollen, wenn er es denn wieder anbietet, denn das ist auf jeden Fall etwas ganz Besonderes und unterscheidet sich von gemischten Teilnehmenden, wie Astrid und ich bereits erlebt haben. 
Noch ein Bild am Steg mit dem See und der Windfahne im Hintergrund und dann machen wir uns an die Heimreise über den Brenner. Dummerweise müssen wir wieder arbeiten, um uns diese Abenteuer leisten zu können, wenngleich ich für mich sagen kann, ich würde es noch viel länger mit Astrid in der Wohnkabine aushalten. Mir hat in den letzten zwei Wochen nichts gefehlt.

Vielen Dank an der Stelle an meine Kinder, ohne deren Zustimmung keine Teilnahme am Sicherheitstraining stattgefunden hätte.

Und vielen Dank an die Flugschule Sicher Fliegen, die alle Bilder und Videos zum Kurs zur Verfügung stellten.

Zweites Sicherheitstraining 2025, 03.09.-07.09.25

Wie die Dinge immer so laufen im Leben, es lohnt sich, flexibel zu sein und nicht nur Plan B zu haben. Für unseren Jahresurlaub dieses Jahr hatten wir den großen Plan A, mit den beiden Bergführern Robert und Gerald, die uns vergangenes Jahr aufs Zinalrothorn führten und uns bestätigten, dass mehr geht, das Matterhorn über den Hörnligrat zu machen. Alles Notwendige war in die Wege geleitet, Plätze auf der Hörnlihütte konnten wir ergattern, die nicht unerhebliche Knete konnten wir zusammenkratzen, eine Akklimatisationstour eine Woche vorher aufs Nadelhorn mit unserem lieben Thomas bei eisigem Wind schafften wir, wobei wir kurz unterhalb des Gipfels aus verschiedenen Gründen vernünftiger Weise umdrehten, und dann kam ein Wintereinbruch. Mehrere Telefonate mit Bergführer Robert über mehrere Tage später, bei denen wir die Bedingungen reflektierten, hatten zum Ergebnis, dass es keinen Sinn hat, die Tour „zu versuchen“. Dafür ist der Spaß zu teuer. Absage. Das hat uns beide ziemlich geknickt und dummerweise wurde es mit dem Wetter immer schlimmer und im Wallis für die ganze folgende Woche so schlecht vorhergesagt, dass wir händeringend nach ein paar Sonnenfleckchen suchten. Wenn Bergsteigen schon nicht geht, wäre es schön, wenn wenigstens der eine oder andere Flug sich irgendwo ausgehen würde. So sind wir per Plan B aus dem Walllis, wo wir einen Hüpfer von Riederalp nach Bitsch machen konnten, über den Simplonpass nach Italien geflüchtet. Ins Valle di Vigezzo östlich von Domodossola. Auch hier konnten wir einen kleinen Hüpfer machen, bei dem ich mich jedoch in superbockiger Luft so überhaupt nicht wohl fühlte und dann war schon wieder Dauerregen gemeldet. Plan C greift. Und auch wenn ich so überhaupt keinen Bock auf eine 400km-Fahrt mit der Wohnkabine quer durch Norditalien hatte, in Bassano standen die Chancen gut, schöne Flüge machen zu können. Gleich am ersten Tag nach Ankunft war das auch so, doch dann saßen wir erneut im Dauerregen mit einer kleinen Chance, zum Ende unseres Urlaubs hin zwei einigermaßen passable Streckenflugtage ergattern zu können. Womit wir nicht rechneten war, dass Karma einen Plan D für uns bereit hielt…

Angefixt von den Erfahrungen im Frauenpower Camp zum Streckenfliegen, ließ uns die Kiste „Überprüfungsflug“ nicht mehr los, denn wir wollten endlich einen Haken an den B-Schein oder auf Deutsch den unbeschränkten Luftfahrerschein bekommen. Verstärkt wurde das zusätzlich durch einen unerwartet langen Flug vorher in Andelsbuch an der Vorderen Niederen, bei dem wir etwa 3,5 Stunden in der Luft gewesen sind, mehrmals die Grate rechts und links des Startplatzes mit jeweils einem kleinen Sprung östlich zum nächsten Berg abgeflogen sind und so auf die erforderliche XC-Strecke kamen, allerdings vorher keine Planung bei Andi, unserem in der Sache uns betreuenden Fluglehrer, abgegeben haben, womit nach unserem Verständnis der Flug nicht als Überprüfungsflug gewertet werden konnte. 
Als das Fronleichnamswochenende nahte, sich abzeichnete, dass es an mehreren Locations fliegbar werden würde, stellten wir eines Abends eine Auswahl an Flugplanungen für jeweils 5 oder 6 Fluggebiete zusammen, die wir Andi schickten, in der Erwartung, dafür jeweils die Flugaufträge zu erhalten, die uns offiziell erlauben würden, trotz A-Lizenz den Gleitwinkelbereich unserer Schirme in Bezug auf den jeweiligen Landeplatz verlassen zu dürfen. Andi antwortete auch sehr zügig und eröffnete uns, dass sich die Regeln des DHV zum Erwerb der unbeschränkten Lizenz verändert hätten und es sogar einfacher wird für uns, denn wir müssten lediglich eine theoretische Planung für ein Gebiet, dass er uns vorgibt, erstellen, ohne dort fliegen zu müssen und den Überprüfungsflug gibt es so auch nicht mehr, folglich brauchen wir keine Flugaufträge. Bezüglich unserer Flüge würde er nur noch 1-2 solcher Flüge sehen wollen, wie wir sie in Andelsbuch gemacht haben, aus denen hervorgeht, dass wir Höhengewinn aus Thermikdrehen generieren und mit der dadurch jeweils gewonnenen Höhe eine gewissen Strecke zurücklegen können, idealerweise sollte dabei ein FAI-Dreieck herauskommen und der reguläre Landeplatz erreicht werden. Das ist alles. Seine Vorgabe, oder wie er es nannte, die Hausaufgabe, bestand aus der Planung eines FAI-Dreiecks im Fluggebiet Golzentipp, die etwas über die Strecke verrät, über die Höhen, die erreicht werden müssen, um zum nächsten Turnpoint gelangen zu können, etwaige Gefahren oder Besonderheiten in Sachen Talwind, Hindernisse, etc. sowie ein paar Zeilen zu Außenlandemöglichkeiten. Hört sich machbar an. 

Mit der Hausaufgabe im Gepäck und der Anforderung, dass 1-2 kleine Streckenflüge genügen, brachen wir mittwochsabends mit unserem mobilen Häuschen nach Greifenburg an der Drau in Kärnten auf. Die Fahrt zieht sich ein wenig, alles Landstraße bis auf wenige Kilometer Autobahn in Deutschland, was zwar für den Spritverbrauch unserer rollenden FeWo günstig ist, sich aber in Form einer niedrigen Durchschnittsgeschwindigkeit zeigt, was uns dazu veranlasst, nicht, wie geplant, an einem Stück durchzufahren, sondern unterwegs zu übernachten. Der große Vorteil mit so einem Ding. So bleiben wir die erste Nacht hinter Kitzbühel auf dem Weg zum Pass Thurn etwas abgelegen für die Nacht stehen, was uns am nächsten Tag trotzdem erlaubt, ganz entspannt nach Greifenburg ins Fliegercamp, so heißt der Campingplatz, zu kommen, einzuchecken, einen Platz auszusuchen und noch einen Bus zum Startplatz zu bekommen.
Unterwegs melden wir uns noch bei Vera, die wir auf dem Frauenfliegenfest kennenlernten und die auch regelmäßig das Nova Hike&Fly Event organisiert, an dem wir schonmal teilnahmen, weil uns eingefallen ist, dass diese Ecke Österreichs quasi vor ihrer Haustür liegt und es wäre ein bisschen blöd, uns nicht zu melden, wenn wir schonmal da sind. Vera antwortet ziemlich schnell, sie sei ebenfalls heute in Greifenburg zum Fliegen und sie säße bereits im ersten Bus zum Startplatz, die Bedingungen wären heute super für das Mölltaldreieck. Wir vereinbaren, dass wir uns zwischendurch melden, wo wir sind und vielleicht geht sich am Nachmittag ein Treffen aus, das wäre fein. 
Astrid und ich schaffen es ohne Stress in den zweiten Bus des Tages, ein ausrangierter 50-sitziger Postbus mit Anhänger, was mich zunächst irritiert, weil ich so etwas noch nicht gesehen hatte. Aus Bassano und anderen Fluggebieten ohne Seilbahn kennen wir es, dass 2-3 9-Sitzer-Busse den ganzen Tag pendeln und bei Bedarf auch telefonisch angefordert werden können. Hier gibt es 4 feste Abfahrtszeiten pro Tag und wie ich am nächsten Tag lerne, fahren zwei solcher Busse pro Termin, wenn’s nötig ist. D.h. es kommen bis zu 100 Piloten gleichzeitig im Startplatz an. Digga. Da sind unsere völlig überfüllten Startplätze im Allgäu ja Kindergeburtstag dagegen, denke ich. Hinzu kommt, dass zusätzlich zu den Gleichschirmfliegenden sehr viele Delta-/Drachenpilot:innen vor Ort sind, weil es die Woche drauf wohl einen Wettkampf gibt und das Gebiet allgemein bei den Drachenfliegenden beliebt ist. Das hier obligatorische Startticket hatten wir uns bereits am Campingplatz eingekauft, 6 Euro pro Tag pro Nase, und als alles Material im Bus und auf dem Hänger verladen ist, steigen wir ein, die Auffahrt kostet nochmal 10 Euro pro Fahrt und Nase, und wir merken schnell, dass die Klimaanlage nicht richtig funktioniert und der Bus völlig überfüllt ist. Ich schätze, mal mindestens 60 Personen werden eingestiegen sein. Der Typ neben mir stinkt, als hätte er sich eine Woche nicht gewaschen und es sind 35°C im Bus bei einer tropischen Luftfeuchte. Super lecker. 
Die Fahrt dauert gefühlt ewig über kleinste Bergstraßen und -pfade, es sind etwa 1100 Höhenmeter zu überwinden, doch immerhin kommt etwas Luft in den Innenraum, als wir in Bewegung kommen, was es ein kleinwenig erträglicher macht. Ein zweites Mal brauche ich das heute jedoch definitiv nicht. Das steht für mich fest, für den Fall, dass ich doch frühzeitig landen muss. Rund 45 Minuten später kommen wir an der Emberger Alm an, an der sich der untere der beiden Startplätze befindet und die gleichzeitig das Ende der Busfahrt markiert. Der Startplatz steht voll mit Drachen und im Bus befindet sich der nächste Schub solcher Fluggeräte und wir sind uns schnell einig, dass wir hier nicht starten wollen, weil einfach viel zu viel Betrieb ist und so machen wir uns zu Fuß auf den Weg zum oberen Startplatz, dauert etwa 20 Minuten, wenn Frau nicht rennt. An der Emberger Alm wird übrigens penibel darauf geachtet, dass alle ein Ticket haben, auch jene, die sich zu Fuß auf den Weg nach oben machen. Naja, so sind eben die Regeln. Insgesamt ein teurer Spaß, aber es steht natürlich jedem und jeder frei, ob er oder sie hier fliegen möchte. Dafür ist der Landeplatz ordentlich gemäht und eben mit einer funktionierenden Windfahne und es gibt ToiTois bzw. Toiletten an den Startplätzen, was ich auf jeden Fall begrüße, weil es verhindert, dass bei dieser Menge Menschen, die alle nochmal vor dem Starten müssen, das umliegende Gelände vollgekackt und -gepisst ist, wie man es anderen Orts kennt. 
Am oberen Startplatz läuft Astrid Kiki über den Weg, die uns bekannt vorkommt. Wir haben sie schonmal irgendwo getroffen. Es stellt sich heraus, dass sie im Vorstand des Ostallgäuer Gleitschirmflieger Verein ist und wir sie sicher schonmal am Buchenberg trafen. Was für ein witziger Zufall. Da wir aber alle ein wenig aufgeregt sind und irgendwann starten wollen, sprechen wir nicht so viel, sondern machen uns an die notwendigen Vorbereitungen fürs Abheben. Dank unserer Flugplanungen, die wir jetzt doch nicht abgeben mussten, haben wir eine Vorstellung davon, glauben wir zumindest, wie wir uns nach dem Starten verhalten wollen und wohin wir abbiegen, wenn wir es schaffen, Höhe zu machen. Astrid und ich sprechen das nochmal durch, wir haben zwar auch Funk dabei, doch im Flug wird es sehr wahrscheinlich so sein, dass wir die Hände nicht von den Steuerleinen lassen können, um den PTT Knopf zu drücken, denn es ist nicht zu erwarten, dass es ein ruhiger Flug wird. Für gewöhnlich versuchen wir, uns im Auge zu behalten und zusammenzubleiben, so, wie wir das in den Bergen auch tun, was uns in gewisser Weise mental unterstützt, weil dann keine das Gefühl hat, allein zu sein. Außerdem können wir uns so gegenseitig beim Finden von Thermik unterstützen, wie wir es von Jojo und Zylle im Streckenflugseminar gelernt haben. Natürlich ist das hier ein bisschen anders, weil hunderte Fliegende in der Luft sind und es reichlich Thermikanzeiger gibt, doch am Ende des Tages sitze ich allein in meinem Gurtzeug und mich persönlich beruhigt es zu wissen, dass ich mich darauf verlassen kann, dass noch jemand da ist, den ich kenne und zu dem ich Vertrauen habe. Das weiß ich von allen anderen um mich herum nicht.
Der erste Start in Greifenburg klappt bei uns beiden und los geht die Suche nach dem Steigen. Glücklicherweise ist zu dem Zeitpunkt kein anderer weißer Theta in der Luft und es fällt mir leicht, Astrid zu erkennen. Die ersten Kurven und Kreise sind ein Stochern im Heuhaufen, selbst dort, wo andere bereits weit über uns sind, denn das bedeutet nicht, dass es unter ihnen nach oben geht. Es ist eher andersherum. Ich suche nach anderen Pilot:innen, die auf meiner Höhe oder sogar unter mir Steigen haben, was bei Tieferfliegenden gar nicht so einfach ist, und steuere diese Bereiche an, denn dann sind die Chancen größer, tatsächlich deren Blase zu erwischen und mit nach oben genommen zu werden. Wie großräumig so eine Thermik ist, sieht Frau natürlich auch nicht, und es ist nötig, sich heranzutasten, wobei zum einen das Variometer hilft, weil es Steigen und Sinken durch Pieptöne in unterschiedlichen Tonlagen und Frequenzen bekannt gibt, aber auch der Popo ist ein guter Sensor, weil er sofort merkt, wenn das Anfahren des Fahrstuhls beginnt. Die Kunst besteht darin, Thermikkreise im weiteren Verlauf so zu gestalten, dass möglichst der ganze Flügel drinbleibt und man das Steigen gut zentriert hat, um das Maximum herauszuholen. Ständiges Hinein- und Hinausfliegen macht den ganzen Flug sehr unangenehm, je nach dem, wie stark die Luft steigt, bis hin zu „ich wäre jetzt lieber mit meinen Füßen am Boden“, was selbstredend kein Vergnügen ist. Schafft Frau es hingegen, ganz in der Thermik zu bleiben, wird es überraschend ruhig, selbst bei mehr als 5 m/s Steigen. Und so erwischen wir beide nach etwa 5 Minuten Flug den Bart, der uns in nicht mal weiteren 5 Minuten mehr als 1000 Höhenmeter bis auf fast 3000m bringt, was ich so auch noch nicht erlebt habe. Total abgefahren, das Steigen hatte in Spitzen fast 7m/s, doch es war absolut gechilled, wenn Frau sich einfach gleichmäßig weiter nach oben dreht und dabei keinen Rand touchiert, an dem es natürlich Turbulenzen gibt. Unruhig wurde es zwar schon, je weiter ich nach oben gekommen bin, denn der überregionale Wind kam eher aus nördlichen Richtungen, doch als das Steigen dann nachgelassen hat, bogen wir beide nach Westen ab und eigentlich war der Plan, den nächsten Gipfel in dieser Richtung anzufliegen. Astrid ist ein klein wenig unter mir, fliegt aber voraus und ich folge ihr, so wie das besprochen war, doch sie hält nicht auf den nächstgelegenen Gipfel zu, sondern steuert bereits den übernächsten an, der ganz schön weit weg ist. Unterwegs denke ich schon, dass die Höhe nicht mehr so üppig ist, immer mit dem Gedanken im Kopf, dass wir gegen den Talwind später zurück zum Landeplatz fliegen müssen, was mich dazu veranlasst, immer wieder einzudrehen, wenn auf dem Geradeausflug Steigen vorbeikommt, doch mehr als ein oder zwei Kreise mache ich nicht, denn sonst besteht die Gefahr, dass ich Astrid nicht wiederfinde. Aus der Luft in bewölkter Umgebung ist ein weißer Gleitschirm fast unsichtbar. So erreichen wir dann den übernächsten Berg relativ tief etwa in dessen Mitte, wo ich sofort damit beginne, den Hang nach Thermik abzusuchen, was mir aber einfach nicht gelingen will. Astrid, die noch tiefer ankam als ich, hat da etwas mehr Glück, ist irgendwann weit über mir, doch bei mir tut sich nix, auch dann nicht, als ich dorthin fliege, wo sie Steigen hatte. Mein Bauch weiß zu diesem Zeitpunkt bereits, dass ich landen gehen muss und dass ich sicher nicht den regulären Landeplatz erreichen werde. Etwa eine viertel Stunde kratze ich noch an dem Hang rum, bevor ich die Entscheidung treffe, in Richtung Landeplatz abzubiegen und soweit, wie es irgendwie geht, auf ihn zu zu fliegen, bevor ich eine Außenlandemöglichkeit brauche. Ich konnte mit dieser Entscheidung nicht ewig warten, denn zwischen mir und der nächsten Landemöglichkeit ist noch ein Stück bewaldeter Berghang, ein ganzes Dorf, ein paar Stromleitungen, eine Hauptstraße und Gegenwind, der zum Boden hin immer stärker wurde und meine Vorwärtsfahrt kurz vorm Aufsetzen fast auf Null bremste. Als ich abbiege, folgt Astrid ein paar Etagen höher, wie vereinbart, doch egal wie, bei ihr hätte die Höhe auch zu einem günstigen Zeitpunkt nicht gereicht, um sicher zurückfliegen zu können. Immerhin, der gewählte Platz für die Außenlandung ist safe, eine abgemähte Wiese ohne Stromleitungen, Zäune oder andere Hindernisse nahe der Hauptstraße und die Landung selbst ist Zucker dank des relativ starken Windes. So, da stehen wir nun. Erstmal ziehen wir nach der Landung in den Schatten um, denn es ist fürchterlich heiß am Boden, pellen uns aus den Fliegeklamotten und dann kommt mir die Idee, wir könnten Vera anrufen, ob sie uns vielleicht einsammeln kann, falls sie schon gelandet ist. Bis zum Campingplatz sind es von hier etwas mehr als 5km. Das ist überschaubar. Astrid greift zum Telefon und sieht, dass zwischenzeitlich eine Sprachnachricht von Vera eingegangen ist. Vera ist in der Wildnis auf der Mölltalrunde am Retter runter, nachdem es ihr den Schirm zerlegt hatte und sie mehrfach eingetwistet war. Upsi. Astrid ruft sie zurück und erfährt, dass Vera sich nichts Ernstes getan hat bei der Aktion. Das ist ja schonmal gut und tun können wir beide auch erstmal nix, die Rettung ist alarmiert worden und nun muss sie schauen, wie’s weitergeht. 
OK, also Vera holt uns sicher nicht ab. Nachdem alles zusammengepackt und im Rucksack verstaut ist, entscheiden wir uns dazu, es mit dem Daumen an der Hauptstraße zu versuchen, immerhin sind in der Gegend unzählige andere Fliegende unterwegs, da wird ja eine Mitfahrgelegenheit dabei sein. Eine gute Viertelstunde harren wir zwei Mädels so an der einigermaßen stark befahrenen Straße aus, doch es hält niemand. Auf das Glück warten bringt wohl nix, wir entscheiden, das sein zu lassen, suchen auf unseren mobilen Endgeräten nach dem kürzesten Fußweg zurück und machen uns auf den Weg, der uns mit einer kleinen Maisfeldeinlage in einer guten Stunde zum Landeplatz und zum direkt angrenzenden Campingplatz bringt. Vera meldet sich nochmal, ob wir sie abholen können? Der Polizeihubschrauber hat sie in der Nähe von Spittal abgesetzt und musste sofort zum nächsten Einsatz, weswegen kein Spielraum für Wunschorte blieb und weil wir selbst auch froh wären, wenn uns jemand in so einer Situation abholen kommen kann, denken wir gar nicht lange nach, setzen uns mit der rollenden FeWo in Bewegung und sammeln Vera 25 Minuten später auf einem Supermarktparkplatz ein. Der mentale Stress, dem sie ohne Frage ausgesetzt war, steht ihr ins Gesicht geschrieben, also erstmal zweimal feste drücken, bevor sie etwas erzählen kann und dann gibt’s ein paar Details zu den Ereignissen. Ich trete das hier jetzt nicht breit, doch Astrid und ich spitzen die Ohren, denn so etwas kann auf fast jedem Flug passieren und es hilft, den Respekt vorm Fliegen nicht zu verlieren. 
Zurück am Campingplatz bereiten Astrid und ich ein Plätzchen für Kaffee&Kuchen her, wir steuern den Kaffee bei, Vera den Kuchen und sprechen nochmal über das Geschehene. Anschließend kümmern wir uns zu dritt um den völlig verwurschtelten Gleitschirm von Vera, bis die Leinen alle wieder entwirrt sind und sie den Schirm einpacken kann, eine Aufgabe, die allein fast nicht zu bewältigen ist. Dann muss sie auch schon los, denn eigentlich hat sie am nächsten Tag einen Dreh an einem ganz anderen Ort und ist dort am gleichen Abend mit einer Freundin verabredet, die schon wartet. Ein Tag voller spannender Ereignisse neigt sich dem Ende zu. 
Bevor die Sonne verschwindet, packe ich meine Handpan aus und spiele noch ein wenig, immer die Nachbarn im Auge, falls sich jemand gestört fühlt, denn dann würde ich einpacken oder mir einen abgelegeneren Ort suchen, wo ich niemandem auf die Nerven gehe. Aber es passiert etwas anderes, unsere Nachbarn, besonders der weibliche Anteil, kommt ganz neugierig nachsehen, wo diese Klänge herkommen, denn sie sind alle begeistert von dem Spiel und dem Instrument, dass noch niemand von ihnen vorher je gesehen hat. Zack, ist Gespräch da, eine Fraktion kommt sogar aus dem Saarland, Merziger Kennzeichen, und die Session zieht sich etwas in die Länge. 

Der nächste Morgen. Astrid und ich haben unseren Flug vom Vortag reflektiert und analysiert, damit wir beim nächsten Versuch nicht die gleichen Fehler machen. Jojo hat uns eingebläut, Höhe mitzunehmen, wo auch immer möglich und diesen Grundsatz haben wir nicht berücksichtigt, weswegen dieser Flug ins Blaue nicht am Landeplatz endete. Wir werden das anders machen, haben uns angeschaut, wo genau die benachbarten Gipfel rechts und links vom Startplatz sind, und nur diese fliegen wir an, wenn wir genug Höhe haben. Damit wird die Entfernung zum Landeplatz nie so groß, dass wir ihn nicht erreichen würden, egal an welcher Stelle etwas am Plan schiefgeht. Wir steigen in den ersten Bus um 10 Uhr, nehmen lieber in Kauf, oben länger warten zu müssen, als im schlimmsten Fall vielleicht das beste Fenster zu verpassen, erwischen damit ein etwas neueres Modell an Bus, bei dem auch die Klimaanlage funktioniert. Nach dem anschließenden kleinen Fußmarsch zum oberen Startplatz erreichen wir kurz vor 11 Uhr die Wiese, von der wir gestern auch schon gestartet sind. Das Wetter ist nicht so, wie prognostiziert, es ist relativ stark bewölkt, die Sonne kommt zunächst nicht richtig durch, was fürs Thermikfliegen zunächst Warten bedeutet. Ist aber nicht so schlimm, denn auch Kiki ist bereits raufgefahren gefolgt von Stefan, der ebenfalls, wie wir, im Ostallgäuer Verein ist und, wie sich herausstellt, nur einen Ort von uns zu Hause weiter wohnt. Wie klein die Welt doch ist. Wir beginnen schön zu plaudern, weitere Menschen die mit irgendwem aus dem Grüppchen irgendwie bekannt sind, kommen hinzu und plötzlich steht auch Heinz vor mir, den wir vom Fliegen mit Klaus am Buchenberg kennen. Er ist mit einem XC Seminar unterwegs, der von Lucian Haas veranstaltet wird, dessen Podcast einige kennen werden. Mehr als zwei Stunden gehen so ins Land, die zweite Busladung ist inzwischen eingetroffen, bis wir wahrnehmen, dass die Bewölkung sich lichtet und als der erste nach dem Start Steigen hat, setzt allgemeine Aufbruchstimmung ein. Kiki ist bald darauf in der Luft und fliegt weg, wir sind eher im letzten Drittel und als wir starten, geht’s schon auf 14 Uhr los. Rückblickend betrachtet können wir beide sagen, dass die Erlebnisse von Vera am Vortag unsere Startentscheidung nicht beeinflusst haben. Hätte ja passieren können, ist aber nicht passiert.
Die erste Viertelstunde des Fluges kämpfe ich am Starthang um jeden Meter, denn so richtig erwische ich nichts, bleibe aber hartnäckig dran und kurz bevor ich das Handtuch werfen will, geht dann doch die Post ab, die mich auf fast 2600m katapultiert, von wo aus ich nach Westen zum nächsten Berg starte, gefolgt von Astrid. Wenn Frau so hoch überm Boden fliegt und keinen Bezug zur Geschwindigkeit hat, zieht sich so ein Hüpfer ganz schön hin, doch meine Höhe ist so, dass ich mit reichlich Abstand einmal ums Gipfelkreuz fliegen kann bevor ich mich sofort auf den Rückweg in die Thermik nahe des Startplatzes mache. Astrid hat zunächst etwas weniger Höhe, kann die Route aber auch entspannt abfliegen und als wir beide den Bereich um den Startplatz herum erreichen, wo wir Steigen erwarten, erwischt sie es deutlich besser als ich und zieht über mich. Ich kämpfe erneut ein wenig, erreiche jedoch fast 3000m Höhe, genug, um zum nächsten Berg in der anderen Richtung nach Osten hin gelangen zu können. Astrid fliegt vor mir und um uns herum ist irgendwo auch Stefan, der uns, wie sich später herausstellte, einfach mal nachgeflogen ist und sich wunderte, wie gut die Thetas gleiten und wie schnell sie sind. Er als erfahrener Pilot hatte Mühe, an uns bloody thermic beginners dran zu bleiben. Im nächsten Moment kann ich Astrid nicht mehr sehen, sie ist, wie vom Himmel verschluckt. Genau das ist tatsächlich passiert. Sie flog da so vor sich hin, hatte die Wolkenbasis über ihr im Blick und noch gedacht, passt, sind weit weg und zack, war sie in der Wolke verschwunden. Das Nächste, was wir sehen konnten, war ein Schirm mit angelegten Ohren, der quasi aus der Wolke herausgesunken kam und zwar mit richtig viel Sinken. Sie hat bei der Aktion bestimmt 100m verloren, die ihr bei Ankommen an der gegenüberliegenden Bergflanke ein bisschen das Leben schwer machten. Dieses Mal musste sie um jeden Meter kämpfen, um in einigermaßen ruppiger Luft wieder soviel Höhe zu erreichen, dass wir umdrehen und wieder zurück zum Starthang fliegen konnten. Eigentlich wäre ich tatsächlich lieber den Grat in Richtung Osten weiter abgeflogen und dann vom dessen äußerstem Ende zum Landeplatz abgebogen, doch es war so unruhig, dass ich mich nicht traute, eine Hand von der Steuerleine loszulassen, um zu funken. Aber dann dachte ich, ist auch egal, fliegen wir einfach zurück, die Strecke wird so oder so genügen. 
Übrigens hat die Strecke auch am Vortag gereicht, obwohl wir den Landeplatz nicht erreichten, denn es kam trotzdem ein FAI Dreieck mit mehr als 15 XC km zusammen. Zurück am Starthang hatte ich erneut das Problem, wie zu Beginn dieses Fluges, ich fand kein Steigen mehr. Astrid flog ein gutes Stück über mir, bog wieder nach Osten ab, weil auch sie nix fand und ich folgte ihr, wobei ich mir die Häuser am Gegenüberliegenden Hang bereits von der Seite ansehen musste, was aber kein Problem darstellte, denn ich war auf der Höhe des Landeplatzes und egal von wo aus ich aus dem Hang herausflog, wäre ich immer dorthin gekommen. Ich fliege das Dorf ab in der Hoffnung, dass sich Straßen und Dächer so aufgeheizt haben, dass es ein wenig Steigen gibt, was tatsächlich auch funktioniert, aber natürlich nur gerade so, dass ich insgesamt mein Sinken etwas bremsen konnte, drehe am Ende um und pendele so noch einige Male hin und her bis ich auf einmal doch noch eine richtige Thermik erwische und beginne, von etwa 1200m MSL bis auf fast 1800m MSL aufzudrehen. Wer hätte es gedacht. Diese Höhe genügt, um noch einen kleinen Ausflug auf die andere Talseite zu machen von wo aus ich dann auch den Landeplatz ansteuerte und landen ging. Astrid war unmittelbar vor mir dort angekommen. Die Landung mit ein wenig Gegenwind war supersoft, doch nachdem ich meinen Schirm zur Tulpe zusammengezogen hatte und mich auf den Weg zum Faltplatz machte, hatte ich auf halber Strecke plötzlich einen recht heftigen Schmerz im linken Fuß, konnte nicht abrollen, musste zum Faltplatz humpeln. Was ist das schon wieder für eine Scheiße…..? Ich werd‘ wahnsinnig. Also vom Landen war das nicht, sondern vom Geradeaus-über-eine-flache-Wiese-gehen. Ich hatte so etwas vor ein paar Jahren schonmal, hat sich nach ein paar Wochen von selbst geregelt und als Auslöser nahm ich damals die Verknöcherung am Os pereneum an, die möglicherweise gebrochen war.
Wir packen erstmal ein, huschen durch die Hecke auf den Campingplatz, von außen ist dem Fuß nix anzusehen und ich habe auch nichts knacken gehört bevor es los ging, so wie beim letzten Mal. Wir werden sehen. 
Am Abend sind wir mit Kiki und Stefan auf ein Bier/Rotwein verabredet, ich nehme meine Handpan mit und muss unseren Nachbarn für den Abend das Konzert leider absagen, auf das sie sich schon gefreut haben, versprach jedoch, am nächsten Tag alles wieder gut zu machen. Kiki ist völlig aus dem Häuschen, als ich später nach ein paar guten Gesprächen beginne, auf dem Ding zu spielen und ich überlasse ihr das Instrument später gerne, weil sie unbedingt mal probieren will, wie das geht. Sie ist, fürchte ich, genauso schockverliebt, wie ich es gewesen bin. Damit geht ein wirklich sehr schöner Abend mit tollen Menschen zu Ende.

Für den nächsten Tag haben Astrid und ich beschlossen, uns die ziemlich nervige Busfahrt zu ersparen und stattdessen mit einer kleinen Schleife über einen Geldautomaten im Ort zu Fuß zum Startplatz der Flugschule zu gehen. Das sind nur etwa 500 Höhenmeter, tags zuvor sind wir bereits über ihn hinweggeflogen, und wollen einen etwas ruhigeren Tag machen. Wir nutzen die Gelegenheit, um mal wieder Pi3 zu fliegen, die wir in der Woche davor grad zum Check hatten und für einen entspannten Gleitflug mit Aufstieg zu Fuß ist der genau richtig. Mein Fuß meckert komischerweise auch überhaupt nicht als wir in Trailrunningschuhen den Berg rauflatschen. Der Weg ist nicht der schönste. Anfangs gibt’s noch schöne Waldpfade, doch das hört ziemlich schnell auf und wir müssen auf der Fahrstraße weitergehen bis wir die Startwiese erreichen, die ziemlich cool aussieht und vor allem wo sonst niemand ist. Das ist fein. Wir setzen uns kurz hin, beobachten ein bisschen den Wind, der die meiste Zeit aus Ost kommt und nicht ganz optimal für die Startrichtung ist, doch wir erkennen auch, dass immer wieder ausreichend lange Fenster vorbeikommen, an denen sich ablösende Thermikblasen perfekte Startbedingungen zaubern und den Wind ein paar Grad nach Süd drehen. Es gibt keine Erwartungshaltung an den Flug, einfach schön starten, schön fliegen, schön landen. 
Und genauso machen wir das dann, ich starte als erste, Astrid kommt sofort hinter mir super raus und wir gleiten fast ganz ruhig einfach auf direktem Weg zum Landeplatz, landen fein, packen ein und gehen nahtlos zu Kaffee&Kuchen über. Der Plan für heute Nachmittag ist, dass wir zusammen die von unserem B-Schein-Fluglehrer Andi angeforderte theoretische Flugplanung für Golzentipp erstellen, damit wir das Ding von der Backe haben. Am Ende soll eine kleine Präsentation herauskommen, in der alle Teile der „Hausaufgabe“ bearbeitet und dargestellt sind. Und so sitzen wir beide mit jeweils einem Notebook auf dem Schoß in der Sonne und werkeln an den Bestandteilen herum, als sich Stefan hinzugesellt, wir ihm auf seine Frage hin erklären, was wir da gerade machen und er sehr interessiert am Ergebnis ist. Natürlich verbabbeln wir uns und es dauert alles ein bisschen länger, ist aber wurscht. Wir haben Urlaub. Kurz darauf verabschiedet er sich auch schon wieder, denn er möchte heute noch nach Slowenien aufbrechen, um sich anderen Fliegenden aus dem Ostallgäuer Verein dort zu treffen und die kommende Woche zu fliegen. 
Astrid und ich überlegen, ob wir am nächsten Tag überhaupt hier fliegen wollen oder ob wir uns schon ein wenig in Richtung Heimat bewegen, um mit Alex und Manuel im Gasteiner Tal zusammen zu fliegen, wo die Bedingungen laut BurnAir besser sein könnten als in Greifenburg. Just in dem Moment kommt Kiki vorbei, der wir von unseren Überlegungen erzählen, was bei ihr auf Interesse stößt, denn sie muss sonntagsabends ebenfalls wieder zu Hause sein, was vom Gasteiner Tal deutlich weniger Fahrstrecke bedeutet. Die anfängliche Idee, noch am gleichen Tag loszufahren, verwerfen wir, denn es sind nur etwa 2 Stunden Fahrt und vor Mittag brauchen wir auf keinem Startplatz zu stehen, wenn wir Thermikfliegen wollen. Außerdem sind Alex und Manuel an dem Abend mit den Sonnwendfeuern im Steinernen Meer beschäftigt, steigen erst sonntags in der Früh von den Bergen ab und werden auch nicht so zeitig in Dorfgastein sein können. Also verbringen wir den Abend mit Kiki zusammen vor unserer Kabine, ich packe die Handpan aus und schwupps gibt’s Publikum als die Nachbarschaft endlich zu ihrem „Konzert“ kommt. Den Platz bezahlen wir noch am Abend und entgehen so dem Bezahlstau am nächsten Morgen, nachdem wir an der Entsorgungsstelle allen Ballast in der Kabine losgeworden sind, um kein unnötiges Gewicht mitzuschleppen. 

In Dorfgastein angekommen, inspizieren wir den äußerst merkwürdigen Landeplatz, eine längere Wiese mitten zwischen Häusern, Bahn, niedrigen Stromleitungen und einem kleinen Schwimmbad, rundum bebaut und mit einem nicht unerheblichen Gefälle, gegen das man üblicherweise einlandet. Also noch vor einem Jahr wäre ich hier sicher nicht gelandet und ich habe auch an diesem Tag kein gutes Gefühl, ob ich das hinbekomme. Hinzu kommt, dass mein Fuß mir an diesem Tag richtige Probleme macht. Auftreten geht nicht wirklich, Abrollen und Fuß anheben auch nicht gut und vor allem geht nichts ohne Schmerzen. Ich entscheide mich deswegen für etwas festere Schuhe fürs Fliegen, damit ich überhaupt ein paar Schritte laufen kann. Alex und Manuel melden sich, dass sie sich ein klein wenig verspäten und so nehmen wir drei schonmal die Bahn rauf, nachdem wir nicht schlecht staunten, was hier eine Bergfahrt kostet. In der Schlange vor der Kasse stand eine Familie, die Tickets für rauf und runter kaufte, wozu Frau fast einen kleinen Bausparer kündigen muss. Irre. Einen zweiten Flug, falls Thermikfliegen nicht gleich funktioniert, gibt es hier auf keinen Fall. 
Der Startplatz ist direkt neben der Bergstation auf etwa 2000m und es sind auch schon ein paar Fliegende beim Herrichten, trotzdem staune ich, dass die Menge der Startwilligen vergleichsweise klein ist mit vielleicht 15, obwohl die Prognose inzwischen eindeutig perfekte Bedingungen verspricht. Ein Zustand, den es im Allgäu nicht geben würde. Schön für uns. Wir setzen uns erstmal, schauen den ersten Starts zu, essen und trinken mal was, und -ganz wichtig- tun ordentlich Sonnencreme drauf, denn fast alle, die aufgezogen haben, steigen sofort in den Himmel und es darf erwartet werden, dass unser Flug ne Weile dauern könnte. Alex und Manuel kommen als bald raufgefahren und wir sprechen nochmal kurz über den Landeplatz, der auf jeden Fall anspruchsvoll ist, weil zu den ganzen Bebauungen und dem Neigungswinkel noch relativ starke thermische Verhältnisse hinzukommen, auf die Manuel explizit hinweist. Sie sind hier schon häufiger geflogen, nutzten aber während ihrer Ausbildung den Landeplatz der Flugschule, der deutlich einfacher ist, dafür aber etwas entfernt liegt. Alex erklärt uns aber trotzdem, wo wir diesen finden können, falls es nötig wird, woanders runterzugehen. Dann sprechen wir über eine mögliche Flugroute für einen kleinen Streckenflug, wie wir gelernt haben, wurde in Dorfgastein der allererste Flug mit mehr als 200km XC gemacht, aber so lang soll’s bei uns nicht werden. Als sich am Startplatz die Reihen lichten, was ziemlich schnell von statten geht, startet Manuel als erster und ist im Nu kaum noch zu sehen. Kiki ist auch sofort weg. Dann starten erst Astrid, dann ich, wir biegen beide über die Bahn dorthin hab, wo der Hausbart vermutet wird und ab geht die Post nach oben. Mit Spitzen um 7m/s steigen wir in ganz kurzer Zeit auf etwa 2800m, eine ausreichende Höhe, um von dort nach Norden zum nächsten Gipfel abzubiegen und gleich wieder nach Thermik zu suchen. Die finden wir auch unmittelbar um den Gipfelbereich herum und steigen auf eine neue persönliche Rekordhöhe von etwa 3100m, fliegen von dort in west-nordwestlicher Richtung weiter, wo wir in die Nähe des Taleingangs ins Gasteiner Tal kommen, was sich jedoch als sehr unangenehm, da ziemlich turbulent, herausstellt, weswegen wir dort nicht lange verweilen und nach Südwest auf die gegenüberliegende Talseite abbiegen. Der Talsprung dauert gefühlt wieder ewig, weil jeglicher Bezug zur Geschwindigkeit fehlt, wir erreichen aber doch irgendwann einen markanten Grat, von dem ich annahm, dass es dort wieder nach oben gehen kann. Das tut’s allerdings nicht so richtig, wir müssen suchen und ein wenig kämpfen und auf etwaige Lee-Situationen aufpassen, denn der überregionale Wind kommt tendenziell aus Nord, weswegen wir immer möglichst über dem Grat bleiben und nicht auf einer Seite unter die Schneide fliegen dürfen. Nach einigen Kreisen und Kurven mit ein bisschen rauf aber meistens runter entscheide ich mich dazu, mich auf den Weg zurück übers Tal in Richtung Landeplatz zu machen. Astrid hat’s mit der Höhe besser erwischt, biegt aber mit mir ab als meine Flugrichtung eindeutig angibt, was ich vorhabe. So tuckern wir wieder zurück, die Höhe ist komfortabel und reicht aus, auf der Talseite, wo die Bahn fährt, noch ein wenig im Hangaufwind zu fliegen. Das bringt für die XC Kilometer nix, aber wenn’s sowieso nicht runtergeht, können wir auch weiterfliegen. Aber so nach weiteren zwanzig Minuten wird’s mir fad und ich möchte mich dem gruseligen Landeplatz widmen. Während ich im Hang hin- und herflog konnte ich einen anderen Fliegenden beobachten, wie er den Landeplatz anfliegt und beschloss, das genauso zu machen. Ich biege ins Tal ab, um dem Hangwind zu entgehen, baue über eine Spirale etwas Höhe ab und bewege mich in Achten auf den Landeplatz zu, behalte die Stromleitungen und meine Höhe über Grund im Auge, dazwischen immer wieder Steigen, was alle paar Sekunden eine Planänderung erfordert. Immer noch zu hoch, noch eine Kurve, Kurs korrigieren, Häuser und Stromleitungen checken, sinken, steigen, sinken, steigen, 210° Kurve, nochmal checken, jetzt könnte es passen, ich überfliege den tiefsten Zipfel der Landewiese und habe wieder Steigen. So’n Kack, das Gras kommt erstmal nicht näher, doch als plötzlich das Steigen schlagartig aufhört, ist leider in Bruchteilen einer Sekunde der Boden da. Aufschlag. Ich stürze auf meine Knie, der Schirm knallt mit der Eintrittskante in die Wiese, Durchbremsen hatte keinen Effekt. Was für ein Scheiß, ich hab’s geahnt. Ich muss tatsächlich kurz innehalten und fühlen, ob irgendetwas an mir kaputt gegangen ist als auch schon mein Telefon klingelt. Manuel ist dran und will wissen, ob ich mir weh getan habe. Er und Alex sitzen im Café beim Schwimmbad und konnten von der Terrasse aus meine verkackte Landung beobachten. Priml. Ich fühle mich wieder mal so, als könne ich gar nix. Dieser sensationelle Flug, ein fast 17 XC Kilometer großes FAI Dreieck, endet mit der schlechtesten Landung seit Monaten. Immerhin tut nur das weh, was vorher schon weh tat, mein Fuß. Ist also nix weiter passiert. Kurze Zeit später landet auch Astrid, die zwar mit den gleichen Schwierigkeiten zu tun hat, diese aber beherrscht und auf ihren Füßen aufsetzt. Wir packen zusammen, ich fluche dabei leise vor mich hin und humpele in der Gegend rum bis alles verstaut und im Auto ist. Als wir uns auf den Weg ins Café machen, kommt Kiki angeflogen und landet, wie eine Elfe. Sie hatte ebenfalls einen tollen Flug, möchte aber nicht mehr mit ins Café, weil ihr die Zeit etwas im Nacken sitzt und sie möglichst bald auf den Heimweg will. Wir verabschieden uns von ihr, wohl wissend, dass wir uns ziemlich sicher an unseren Hausbergen bald wieder über den Weg laufen werden. Dann Kaffee&Kuchen und eine große Schorle mit Alex und Manuel. Die zwei berichten ein wenig von der letzten Nacht am Berg, was für die beiden ein besonderes Erlebnis war und was sie schon lange vorhatten, zu tun. Manuel hatte zusätzlich den Auftrag eines Angehörigen einer abgestürzten Bergsteigerin, ein Marterl auf dem Steig zur Schönfeldspitze zu montieren, ein Auftrag, der Demut lehrt. Leider trug sich im weiteren Verlauf der Nacht in einer anderen Gruppe fast noch eine Schlägerei in der Berghütte zu. Was soll ich sagen. Angesoffene Testosteron-Heinis mal wieder. Unausgeglichene Gorilla-Männchen. 
Als das kleine Sit-In sich dem Ende zuneigt, beschließen Astrid und ich, doch noch bis nach Hause zu fahren. Wir hatten noch überlegt, montags von unterwegs zu arbeiten, doch die Zeit und der Straßenverkehr am späten Nachmittag waren noch so, dass wir ganz gut durchkommen können. Unterwegs hielten wir an der Moosmühle in Huglfing, die wir bereits von früheren Ausflügen kannten und bekamen trotz später Uhrzeit und eigentlich schon geschlossener Küche noch ein leckeres Schnitzel mit Pommes, mit dem wir die letzte Stunde Fahrt schaffen konnten.

So, jetzt kennen wir auch das berühmte Fluggebiet Greifenburg, haben alle Flüge für den B-Schein im Sack und unsere Flugplanung für Golzentipp konnten wir ebenfalls noch samstagsabends bei Andi einreichen. In der Woche drauf meldete er sich mit der guten Nachricht, dass er alle erforderlichen Unterlagen an den DHV weitergegeben hat und wir nur noch auf Post warten müssen, die unsere neue Lizenz und die IPPI-Cart Stage 5 enthält. Chaka.

Fliegen in Greifenburg und Gastein, 18.-22.06.2025, B-Schein-Aktionswochenende

Von Greifenburg hatten wir das erste Mal gehört, als wir im Oktober 2023 in den Theoriestunden zum B-Schein saßen und einige Beispiele im Kontext Navigation und Streckenplanung dieses Fluggebiet als Grundlage hatten. Weil der Plan, unseren B-Schein-Überprüfungsflug während des Frauenpower Camps im Mai zu absolvieren, leider fehlschlug, so lieferte dieser Kurs doch alle notwendigen Eingangsvoraussetzungen, dass wir diesen Flug woanders eigenständig schaffen können. Und weil wir Fronleichnam den Brückentag freigemacht hatten, supermotiviert waren, diese Aufgabe anzupacken und das prognostizierte Wetter zum Fliegen in Greifenburg taugte, brachen wir auf. Weil unser letzter Stand zur B-Schein-Ausbildung zu diesem Zeitpunkt beinhaltete, dass wir für den Überprüfungsflug vorher beim betreuenden Fluglehrer eine Planung abgeben müssen, um einen Flugauftrag dafür zu erhalten, bombardierten wir den lieben Andreas mit Planungen für gleich mehrere Gebiete, um in der Folge zu lernen, dass das so gar nicht mehr nötig ist, weil sich inzwischen die Regeln des DHV änderten.

Eigentlich sollte der Kurs entweder in Greifenburg oder in Bassano stattfinden. Je nachdem, wo die Flugbedingungen besser wären. Tagelang beobachten wir die Wettervorhersagen und gingen fast schon davon aus, dass der Kurs komplett abgesagt werden würde. Denn das Wetter war weder am einen noch am anderen Ort fliegbar prognostiziert. Freitags kommt dann die erlösende Email von der Flugschule: der Kurs findet statt. Im selben Moment ist uns beiden jedoch regelrecht die Kinnlade runtergefallen. Der Kursort wird wetterbedingt ins Tannheimer Tal verlegt. Also direkt vor unsere Haustür an unsere Hausberge Neunerköpfle, Tegelberg, Buchenberg und Breitenberg. Na priml. So hatten wir uns das irgendwie nicht vorgestellt. Wir haben ja ein großes Faible dafür, neue Fluggebiete kennen zu lernen und hatten uns darauf gefreut, Greifenburg kennen zu lernen. Enttäuschung macht sich breit. Doch im Laufe des Tages sprechen wir viel drüber und merken: es wird für irgendwas gut sein, dass wir unseren B-Schein Flug an heimischen Bergen versuchen dürfen und dass wir die Chance haben, an den heimischen Bergen durch Fluglehrerinnen unterstützt, in der Thermik auf zu drehen. Vorfreude verdrängt die Enttäuschung und Astrid will unbedingt gerne schon am nächsten Tag in den Urlaub starten, auch wenn der Kurs erst montags beginnt.
Also rollen wir bereits samstags mit unserer neuen mobilen FeWo in die Urlaubswoche, die wir mit einem kleinen Hike&Fly an unserem Hausberg, dem Buchenberg, eröffneten. Nach Ankunft auf dem Parkplatz der Bahn machen wir als Erstes Mittag, unser Freund Klaus kommt vorbei und schaut sich unseren roten Blitz mit der Wohnkabine an und ist völlig von den Socken, was das für ein cooles Teil ist. Ein Getränk später muss er aber los, denn er hat einen Testschirm, den er heute ausgiebig fliegen möchte und wir sehen uns ja dann eh entweder in der Luft oder irgendwo zwischen Landeplatz und Startplatz wieder. Am Startplatz treffen wir nach dem Aufstieg zu Fuß ganz überraschend Andrea und Frank, die bereits einen Flug gemacht hatten und von einigermaßen bockigen Verhältnissen sprachen und dass sie überlegen ob’s noch ein Flug werden soll, denn auf rumpelige Flüge haben beide keine große Lust. Weil wir uns bereits einige Zeit nicht gesehen hatten, das letzte Mal war’s wohl ein Hike&Fly im Januar am Spiesser, gab’s erstmal reichlich zu erzählen und so vergingen die Minuten, die ich nicht gezählt hatte, denn wir beide haben es nicht eilig, wollen eh nur einen Flug machen. Es ist schön, ein paar Freunde zu treffen, die genauso entspannt sind. Irgendwann später, es ist bereits Kaffee&Kuchen Zeit, packen wir unsere Schirmis aus, machen uns fertig und starten in den Nachmittagshimmel, in dem sich auch irgendwo unser Freund Klaus mit seinem Testschirm rumtreibt, doch wir haben ihn aus den Augen verloren, unter anderem weil die Kombi aus neuem Schirm und Klaus nicht im Gehirn präsent ist. Mein Start gelingt gut, ich beginne zu suchen, wo es mich hinaufträgt, doch so richtig gut geht’s nirgendwo, obwohl der Bayerische Wind, verstärkt durch eine Nordostlage, was die bockigen Verhältnisse auslöst, eigentlich ganz gut unterwegs ist. Mit meinem Pi3 wäre ich wohl nach 4 Minuten am Landeplatz gestanden, mit dem Theta werden’s fast 20 Minuten. Immerhin. Und ja, es war schon etwas bockig, aber noch gut zu meistern. Andrea und Frank hatten sich dazu entschlossen, ebenfalls noch einen Flug zu machen, starteten kurz hinter uns und so trafen wir mehr oder weniger Zeitgleich am Landeplatz ein, wo wir uns auf Kaffee&Kuchen an der Wohnkabine verabredeten, denn die beiden haben sich gerade einen leeren Ford Bus eingekauft und waren sehr interessiert, mit was wir da jetzt unterwegs sind. Später gesellt sich auch Klaus zu der kleinen Gruppe hinzu und es wird eine nette kleine Kaffeerunde mit guten Gesprächen.

Ein paar Regentropfen beenden die Session, während derer wir herausfanden, dass es am nächsten Tag mit der Nordostlage in Bolsterlang am Weiherkopf fliegbar sein könnte und dass es sich zeitlich problemlos ausginge, auch dort komplett zu Fuß zum Startplatz hochzugehen. Da Andrea und Frank in Sonthofen wohnen, wäre deren Anfahrt recht überschaubar und auch Klaus meldet Interesse an, würde jedoch die Bahn bevorzugen. Passt, die finale Entscheidung verschieben wir auf den Sonntagmorgen. Mit der mobilen FeWo wollen wir die Nacht auf dem kleinen Camper-Stellplatz in Bad Hindelang verbringen, denn wenn fliegen doch nicht ginge, könnten wir in der Gegend einfach eine kleine Bergtour machen und wären nicht so weit vom Tannheimer Tal entfernt, wo montags unser Frauenpower Camp startet. Bei mir macht sich das erste Mal die Erkenntnis breit, wie grandios es ist, sich einfach frei entscheiden zu können, wo es hingeht, wir keine feste Ferienwohnung brauchen und damit praktisch alle nennenswerten Einschränkungen los sind. Es ist nicht die ultimative Freiheit, die die Hersteller von Campern gerne mit ihren Marketingfolien suggerieren, doch es ist eine Art Unabhängigkeit, die in Kombination mit der wachsenden Infrastruktur für Reisende, wie uns, trotzdem einen gewissen Komfort bietet und in der Regel relativ günstig ist.
Der Platz in Bad Hindelang ist wirklich toll, insbesondere über die beheizten Sanitärräume freue ich mich, denn es ist ganz schön zapfig in der Nacht und auch tagsüber, wenn der kalte Nordost durch die Bäume pfeift. Am nächsten Morgen sieht es am Weiherkopf immer noch fliegbar aus, allerdings ist wegen der kalten Nacht mit feuchter Luft und der Sonneneinstrahlung morgens erneut mit nicht so ganz ruhigen Verhältnissen zu rechnen. Andrea und Frank sind vor uns dort und beginnen schonmal den Aufstieg, Klaus sagt später ab, denn er möchte sich die Fahrt sparen und lieber die Zeit für Flüge mit dem Testschirm am Tegel nutzen. Das verstehe ich. Astrid und ich parken unsere Rakete am Landeplatz und starten den Aufstieg von dort. Unterwegs holen wir die beiden anderen ein und gehen ab da gemeinsam hinauf. Wir beide wollen nicht ganz so früh starten, denn es könnte am frühen Nachmittag tatsächlich thermisch werden und für einen längeren Flug taugen. Am Ende des Tages starten wir jedoch mehr oder weniger unmittelbar nach Andrea und Frank, allerdings verkacke ich meinen Rückwärtsstart auf eine nahezu dramatische Art und Weise, was mir bis dahin in 170 Flügen nicht passiert ist. In dem Moment, wo mein Schirm über mich kommt und ich die C-Ebene freigebe, fährt eine Böe von der Seite in mein Segel, dass mich anschließend mitschleift, bevor ich kapiere, was das Problem ist, ich stolpere, drehe mich in die falsche Richtung, doch der Schirm fliegt bereits. Was für eine Scheiße. Im letzten Moment schaffe ich es, mich 180° umzudrehen, um nicht verdreht gegen die Flugrichtung hinaus zu fliegen, doch dabei verpasst mir der Boden am Startplatz ein paar ordentliche Schläge, es kostet Stoff und Tapete, und irgendwie habe ich kurz darauf als ich etwas aus dem Hang raus bin das Gefühl, heute besser nicht gestartet zu sein. Zu spät. Ich fliege. Spaß macht es nicht, es ist richtig bockig, ich scheine von vielen kleinen Thermik-Bubbles umzingelt und habe Mühe, den Schirm über mir zu halten, zum Aufdrehen taugen die Blasen für mich leider auch nicht. Mit ein wenig Geeiere kann ich ein paar Meter Höhe machen, Bestand hat das jedoch nicht und netto geht’s nur runter, mit viel Gezappel und der permanenten Gefahr, sich Klapper einzufangen, was ich überraschender Weise auf dem gesamten Flug verhindern kann. Astrid eiert genauso durch die Gegend, sucht noch am letzten Hang vorm Startplatz Steigen, findet aber nix und so drehen wir beide praktisch gleichzeitig ab in Richtung Landeplatz. Erst jetzt bemerke ich den starken Talwind, denn ich muss seitlich driften und sehr darauf achten, im Luv zu bleiben, was ich dummerweise mit dem Gegenanflug in meiner Landevolte aufgebe und mich damit in ernste Schwierigkeiten manövriere, denn als ich aus dem Gegenanflug direkt in den Endanflug gehe, habe ich mich zu weit hinter den Landeplatz treiben lassen, mache keine Vorwärtsfahrt mehr mit meinem Theta, fliege sogar kurzzeitig rückwärts und der Wind schiebt mich ausgerechnet über den Spielplatz mit Bäumen, Klettergerüsten und Rutschen, der unmittelbar an den Landeplatz grenzt, und der auf keinen Fall überflogen werden soll. Ich versuche, einen Fuß in den Beschleuniger zu bekommen, um irgendwie Vorwärtsfahrt zu generieren, was mir bei dem labbrigen Schnürl am Leichtgurtzeug nicht auf Anhieb gelingt und sinke praktisch am Platz auf ein Klettergerüst zu. Der Landeplatz, zum Greifen nah, ist so nicht mehr erreichbar und bevor ich riskiere, auf dem Spielplatz einzuschlagen, ziehe ich meinen Schirm in zwei dynamischen Kurven auf die angrenzende Wiese und schlage dort ungebremst ein. Aua. Mein Popo wird mich die ganze nächste Woche daran erinnern, meinen Kopf zum Landen einzuschalten (es wird mir allerdings nicht immer gelingen, der Schmerz im Arsch ist für falsch verkabelte Synapsen nicht stark genug). So geht ein Flug zu Ende, den ich besser nicht gemacht hätte. Mit einer Erfahrung mehr im Gepäck und zum Glück auf meinen eigenen Füßen raffe ich mein Gelumpe zusammen und sehe zu, dass ich von der nicht abgemähten Wiese runter und zum eigentlichen Landeplatz komme. Astrid hat zwar die Landewiese auch nicht getroffen, doch sie hat es immerhin geschafft, ihr Flugzeug zu fliegen und von vornherein über der Wiese zu bleiben, wo sie aufsetzte. Ich bin deprimiert. Das Gefühl macht sich schon wieder breit, dass ich es einfach nicht kann und in der Luft im Prinzip nichts verloren habe. Adlerauge Astrid erkennt das sofort, wir sprechen über den Mist, den ich zusammengeflogen habe, doch sie sieht das anders. Die Bedingungen zum Landen waren für unsere Verhältnisse in dem Moment haarsträubend und kaum beherrschbar und Höhe ist endlich. Eigentlich habe ich die Situation ganz passabel gerettet, indem ich nicht auf dem Spielplatz einschlug und trotzdem keine nennenswerten Schäden an mir verursachte. Wäre ich passiv geblieben, was ich nicht getan habe, wäre es zu einer Katastrophe gekommen. Trotzdem bleibt bei mir ein G’schmäckle hängen, auch wenn ich in der Folge bei praktisch allen Pilot:innen solche Probleme und deren nicht bessere Lösungen beobachte, während wir uns am Landeplatz aufhalten und unsere Schirme zusammenpacken. Einer Pilotin muss ich regelrecht aus dem Weg springen, damit sie mich nicht „umlandet“. 
Diesen etwas fragwürdigen Flug beschließen wir gemeinsam mit Andrea und Frank, die übrigens einige Minuten vor uns am Landeplatz diesen krassen Talwind nicht hatten, bei Kaffee&Kuchen. Nochmal rauffahren ist für mich keine Option und auch die anderen lehnen dankbar ab. 
Als wir die Runde beschließen, brechen wir mit unserer rollenden FeWo ins Tannheimer Tal auf, wo wir in Untergschwend, einem Ortsteil von Tannheim, auf dem kleinen aber feinen Camping Alpenwelt angemeldet sind und sehr herzlich empfangen werden, einen Stellplatz zugewiesen bekommen und uns so einrichten, dass wir im Zweifel die Kabine absetzen könnten, weil es sich abzeichnet, dass wir nicht die ganze Woche hier fliegen können. Abends sind wir dann schon mit ein paar Mädels aus dem Kurs zum Essen in Tannheim verabredet, was wir schnell und einfach mit dem Radl erreichen können. Auf dem Weg treffen wir Ines, die wir bei unserem kleinen Flugliebe Allgäu-Event im vergangenen Jahr kennenlernen durften. Ein bekanntes Gesicht zu treffen, ist irgendwie beruhigend und der erste Eindruck in der Runde ist total gut, ich glaube, dass wir Spaß haben werden.

Der Start des Frauenpower Camps ist um 9 Uhr montags morgens am Landeplatz in Tannheim und wie üblich beginnen wir mit der Vorstellungsrunde, in der ich von meinen aktuellen Ängsten nach dem Erlebnis am Kronplatz erzähle und davon, dass das Ziel für den Kurs der B-Schein-Überprüfungsflug ist. Unsere Fluglehrerin Jojo war da sehr zuversichtlich, dass wir das diese Woche hinbekommen. So geht’s die ganze Runde durch, wir erfahren, dass mehr oder weniger alle ein Thema mit bockiger Luft haben, dass ebenfalls so gut wie alle sich nur in der Nähe des Landeplatzes wohl fühlen und sich mehr oder weniger noch nie getraut haben, diesen safe space zu verlassen, wie Astrid und ich auch. Einige aus der Gruppe fliegen wenig oder sind zumindest in den letzten Monaten wenig bis gar nicht geflogen. So auch Ines, die einen funkelnagelneuen Schirm dabei hat, den sie aber bei ihrem letzten Flug vergangenes Jahr im September noch nicht hatte. Spannende Voraussetzungen. Nach der Landeplatzeinweisung machen wir uns auf zur Bahn, wo eine Menge Bürokratiegeschisse auf uns wartet, was mich teilweise auch ganz unerwartet traf. Man braucht neuerdings eine Art Flugberechtigungskarte, um fliegen zu dürfen. Nie gehört und wir waren schon oft am Neunerköpfle. Park- und Landeplatzgebühren und verwirrende Konzepte mit Punktekarten für die Bahn runden das unmögliche Bild ab. Was für eine Bürokratie und es sollte in den anderen Fluggebieten noch schlimmer werden. Warum überlegt sich niemand ein einheitliches Konzept, das für alle Gebiete in der Gegend passt? An jeder Bahn werden eigene Suppen gekocht. Mit einiger Verzögerung sitzen dann aber alle irgendwann in den Gondeln und es geht hinauf in Richtung Startplatz, der völlig überraschend leer ist. Niemand da. Das habe ich hier noch nicht erlebt, wo sich sonst bei allen möglichen Bedingungen die Pilot:innen auf den Füßen rumstehen.
Jojo hat uns zum Startplatz hinaufbegleitet, Zylle wird die Flüge vom Landeplatz aus unterstützen und so startet eine nach der anderen zu ihrem erstem Flug des Kurses, zu dem vorher ein paar Manöver besprochen wurden, die alle geflogen sein sollten, bevor wir über Thermik reden, wie z.B. das Ohren anlegen, die Leitlinien-Acht, Nicken und vielleicht auch Rollen.
Als erstes fällt mir auf, dass die Startkompetenz in der Gruppe relativ hoch ist, selbst bei jenen, deren letzter Flug teilweise schon Monate zurückliegt. Alle kommen gut raus, so auch wir beide, die kurz vor 12 Uhr als letztes aufziehen. Ich trete nach dem Abflug als erstes in den Beschleuniger, um herauszufinden, ob bei 100% meine Umlenkrollen aufeinander stehen, was sie definitiv nicht tun und was ich unbedingt korrigieren muss, denn sonst kann ich den gesamten Steuerweg des Beschleunigers nicht ausnutzen. Ein Thema, dass ich seit vielen Monaten vernachlässigte, weil wir überwiegend mit unserem Bergsteigegurtzeug geflogen sind, wo die Einstellungen passen. Anschließend ziehe ich kleine Ohren, die nicht von alleine öffnen, nachdem ich die äußeren beiden A-Leinen freigegeben hatte und es spielt keine Rolle, ob ich noch im Beschleuniger bin oder nicht. Das ist ein Unterschied zu den großen Ohren, bei denen ich jeweils zwei äußere A-Leinen verwende, denn die öffnen beschleunigt von allein, aber wahrscheinlich nur deswegen, weil bei dem Manöver der Druck in der Kappe deutlich größer ist. Zwischendurch setzt mein Funkgerät immer wieder aus, ich höre Zylle vom Landeplatz nur sehr abgehackt und verstehe das meiste nicht, doch das kann ich dann später klären. Meine anschließende Leitlinien-Acht ist dürftig und sieht eher nach zwei verkorksten Eiern aus. Da sollte ich dran arbeiten, denn es ist eine gute Übung, um das Prinzip des Thermikkreisens zu festigen, neben der Spirale natürlich.
Der erste Flug ist kurz und ich bin etwas überrascht als Zylle allen Anweisungen zur Landevolte gibt, was ich so nicht erwartet hatte, denn wir hatten über die möglichen Landeeinteilungen gesprochen und auch darüber, was bei mehr Wind zu tun ist und alle Teilnehmerinnen haben eine gültige Lizenz und sollten dazu in der Lage sein, mehr oder weniger das umzusetzen, was besprochen wurde. Nun gut. Mein Schmerz dabei ist, dass mich die Anweisungen völlig aus meinem eigenen, vorher überlegten Konzept bringen und ich fast auf Karabinerhöhe angebremst im Endanflug bin und kein Steuerweg mehr fürs Flairen zur Verfügung steht, was ich sonst niemals tun würde. So klatsche ich schon wieder ganz zu Beginn des Landefeldes in die Wiese. Fail. 

Wir fahren nochmal rauf und auf halbem Weg in der Bahn informiert Zylle in der WhatsApp-Gruppe, dass diejenigen, die auf ruhige Flüge stehen, sich überlegen sollten, ob sie nochmal starten wollen, denn die Bedingungen würden zunehmend anspruchsvoll. Am Startplatz bei Jojo angekommen, beginnt zunächst das Parawaiting, denn der Wind ist unentschlossen und pendelt zwischen Nordwest, Nord und Nordost mit teilweise ganz ordentlichen Geschwindigkeiten. Gegen halb zwei nachmittags scheint es sich wieder etwas zu stabilisieren und wie zuvor vereinbart, werden Astrid und ich die Dummies sein und als erste starten, um zu testen, wie die Luft so ist. Astrid versemmelt ihren Start, weil ihr eine Böe aus Nord nach dem Aufziehen den Flügel grad wieder einklappt. Na dann, ich stehe als nächste in der Reihe, warte noch einen kurzen Moment, bis alle sichtbaren Windanzeiger wirklich Westnordwest anzeigen und ziehe vorwärts auf, denn auch die Windstärke hat nachgelassen. Mein Start ist fein, ich laufe nur ganz wenige Schritte, nachdem ich meinen Schirm über mir stabilisiert habe und hebe ab. Astrid kommt nach mir auch gut raus und so startet der Zirkusflug, wie ich sehr schnell feststelle. Es ist wirklich sehr unruhig, ich versuche bald nach dem Start eine erste Thermik zu nutzen, doch nach 3-4 Kreisen in äußerst bockiger Luft gebe ich mein Vorhaben auf, weil ich mich nicht wohl fühle dabei. Steph kommt wohl direkt nach Astrid raus, denn die beiden beginnen, richtig aufzudrehen. Während meines Fluges habe ich dafür allerdings kein Ohr. Abgesehen davon, dass meine Funke wieder nur bruchstückweise Laute von sich gibt und ich nichts verstehe, möchte mein Schirm meine exklusive Aufmerksamkeit, damit er keine blöden Sachen veranstaltet. Über weite Strecken in Richtung Landeplatz sinke ich nicht und als ich mitten im Tannheimer Tal bin, drehe ich die Nase in den Wind und fliege eine Leitlinien-Acht, so, wie es Zylle am Boden nochmal erklärt hat und siehe da, macht Frau den Schirm erstmal langsam, ist genügend Steuerweg da, um die beiden Kreise dynamisch komplett über die Außenbremse zu fliegen und am Übergang nicht zu pendeln. Merken.
Kurz darauf erreichen meine Schaukeleien in den thermischen Bedingungen in Landeplatznähe neue Dimensionen und ich beginne, mich wirklich nicht mehr wohl zu fühlen, doch egal, wo ich hinfliege, es steigt und steigt, ich entferne mich immer weiter vom Boden, auf dem ich jetzt mit meinen Füßen lieber stehen würde. Ich weiß, dass es für mein Problem eine Lösung gibt, doch ich zögere noch, sie anzuwenden, weil ich dann doch gar nicht mehr so viel Platz nach unten habe: die Spirale als Abstiegshilfe.
Ein großer Schritt, dieses Manöver, dass wir im Sicherheitstraining mehrmals geflogen sind, jetzt in freier Wildbahn genau dafür einzusetzen, wozu wir es gelernt haben, doch alles andere hilft jetzt nicht mehr. Ich spreche mit meinen Händen, damit für alle Anwesenden klar ist, wo innen und wo außen ist und außen hat die Macht, egal, wie schnell sich das Karussell dreht. Ich leite ein, halte mich aber sehr zurück, was die Schräglage und damit das Sinken angeht, denn es muss gar nicht so krass sein, um das moderate Steigen zu überwinden. Ich kreise so lieb, dass ich Zeit habe, währenddessen meine Höhe auf dem Vario zu beobachten, die mir eindeutig sagt, es geht jetzt nach unten und ich kann gleichzeitig den Landeplatz im Auge behalten, denn die Windrichtungen wechseln ständig und ich brauche ab einer gewissen Höhe eine klare Idee davon, wie ich in den Endanflug gehe. Eine ganze Volte spare ich mir, weil es in Bodennähe Ostwind hat und ich dadurch eh schon Lee-seitig bin und sowohl Höhe als auch Geschwindigkeit brauche, um sicher reinzukommen. Ich sehe Zylle in der Nähe des Peilpunktes, wie sie auf sich aufmerksam macht, denn meine Funke hat unterwegs ganz den Dienst eingestellt und so möchte sie mir signalisieren, wohin ich peilen soll. Passt gut. Das Sinken ist zwar kurz vor dem Aufsetzen gegen den Wind so groß, dass ich einigermaßen hart aufsetze, doch immerhin bleibe ich auf meinen Füßen. Alter, was für ein Ritt. Ich blicke in den Himmel und suche ihn nach Astrid ab, die leicht zu finden ist, da wir die einzigen Theta-Pilotinnen an dem Tag sind. Zylle nennt uns auch die Theta-Mädels, was ich sehr witzig finde. Im Sicherheitstraining wurden wir das Theta-Pärchen genannt. Sie ist jedenfalls auch auf dem Weg zum Landeplatz und wie ich später nach ihrer super Landung erfahre, hatten sie und Steph einen noch heißeren Ritt direkt unter den Wolken und auch ihr blieb nichts anderes mehr übrig, als die Spirale aus ihrem Fliegewerkzeugkoffer auszupacken und ordentlich nach unten zu kreisen. Mit dem A-Schirm, den Steph noch fliegt, ist es, glaube ich, nicht ganz so krass, weil er bauartbedingt eh schon stärker sinkt, aber soweit ich das in Erinnerung habe, musste auch sie zumindest die Ohren anlegen, um von der Wolke wegzukommen. Haben beide absolut fein und richtig gemacht. Tipptopp. 
Für den Tag ist’s dann mit fliegen vorbei, denn besser wird’s nicht mehr und wir treffen uns zum Analysieren der Starts und Landungen im Gemeinschaftsraum des Campingplatzes, um danach nahtlos gemeinsam essen zu gehen.

Der nächste Tag. Wir hatten überlegt, die Kabine abzusetzen, um 5 Sitzplätze und reichlich Platz für alle Flugzeuge zu haben, doch unsere Bohrmaschine zum Kurbeln der Stützen hatte beim Hinstellen schon die Hufe hochgerissen und von Hand kurbeln geht zwar, ist aber eher was für Leute, die Mama und Papa erschlagen haben. Die Untersetzung ist so klein, dass Frau viele Minuten braucht, um eine einzige Stütze ganz rein oder ganz raus zu kurbeln. Und weil alles andere im Tannheimer Tal ganz entspannt mit dem Radl erledigt werden konnte, haben wir nicht abgeladen.
Als Fluggebiet für heute wurde der Breitenberg in Pfronten auserkoren, was mit etwas Anfahrt verbunden ist, doch das Neunerköpfle geht an diesem Tag definitiv nicht. Die liebe Maggie, die eine kleine Ferienwohnung auf dem Campinggelände für die Woche bezogen hatte, lässt uns bei sich einsteigen, zusammen mit Jojo und Zylle und es geht zeitig los zur Talstation in Steinach bei Pfronten.
Aufgabe Nummer 1: Die Landeplatzeinweisung, die etwas Zeit frisst, denn er wurde verlegt und man läuft nun 10 Minuten dorthin, doch er ist wegen der Talwindsysteme etwas speziell und sollte besprochen werden. Zurück an der Talstation gibt es erstmal neues Geschisse mit einer Flugberechtigungskarte, von der ich bis dahin noch nie gehört hatte, und natürlich wieder mit den Fahrkarten.
Eigentlich war der Plan, mit Jojo zusammen vom Breitenberg aus in Richtung Tegelberg zu fliegen, doch die Bedingungen waren nicht wirklich danach, wie sich relativ schnell herausstellte. Bockige Luft und in der Höhe zu viel Wind. 
Zylle startet als erste, zeigt an, wie man hier aufdrehen kann und macht dann in Richtung Landeplatz, damit sie da ist, wenn die ersten landen gehen. Wir zogen als vorletzte Starterinnen beide Rückwärts auf, was auch erstmal funktionierte, doch bei mir sieht das jedes Mal sehr hektisch aus, wenn ich ans Ausdrehen komme. Ich muss das wieder öfter auf der Wiese üben. Gefällt mir so überhaupt nicht. 
Direkt nach dem Start überfiel mich die bockige Luft und klappte mir links den Schirm ein, obwohl ich Steuerdruck auf beiden Seiten hatte. Später meinte Jojo dazu, die sich das Ganze von Startplatz aus angesehen hatte, beim Thermikfliegen kann man nie ausschließen, dass mal ein Flügel klappt, auch wenn Frau ansonsten viel richtig macht. Es gehört einfach dazu. Die Kunst ist so zu fliegen, dass die Wahrscheinlichkeit möglichst klein ist und etwaige Deformationen, die sich normalerweise ankündigen, so rechtzeitig zu erkennen, dass man sie verhindern kann. 
Aber das war noch nicht das Ende. Nachdem ich den Taleinschnitt über der Bahn nach dem Starten verlassen hatte, wurde es zunächst ruhiger. Ich hielt Ausschau nach Astrid, fand sie, wie sie überm Landeplatz in der Thermik aufdreht und machte mich auf den Weg dorthin. Und tatsächlich ging’s unmittelbar überm Landeplatz nach oben. Für eine Weile wechselten Astrid und ich uns mit oben und unten ab, flogen sogar ein paar Kreise synchron am jeweils gegenüberliegenden Ende der Kreisbahn, doch dann zog Astrid wie von Geisterhand nach oben davon, während ich weiter um jeden Meter oder zumindest kein Sinken kämpfte. Es musste immer auch gegen den Wind vorgehalten werden, um nicht leeseits des Landeplatzes abgetrieben zu werden, und dabei ist mir dann in freier Wildbahn mit vielleicht 200m Höhe überm Landeplatz aus heiterem Himmel ein Frontklapper beim stationären Geradeausflug in den Weg gesprungen. Wie gut, dass wir nur wenige Wochen zuvor beim Sicherheitstraining gewesen sind und alle Arten von Deformationen mit dem Theta geflogen sind. Meine Hände schießen sofort nach oben, ich beobachte, wie die eingeklappte Front zügig wieder von alleine öffnet und höre Zylle im Funk, wie sie mir genau dazu Anweisung gibt und vorschlägt, nun zu landen. Mmmmhhhh…. Nachdem der Schirm so schnell wieder offen war, ich praktisch keine Höhe verlor, sondern sofort wieder Steigen hatte, entschied ich mich dazu, weiter in der Thermik zu kreisen, was ich ohne Sicherheitstraining zuvor niemals getan hätte. Ich glaube, damit ich habe ich manche in der Gruppe beeindruckt, doch meine Entscheidung, weiter zu fliegen, fiel sehr schnell nachdem die Störung überstanden war und ich für mich wusste, dass es mir keine Angst gemacht hatte. 
Als Ursache für den Frontklapper auf geradem Flug kommt für mich die bekannte Konvergenz in dieser Gegend in Frage, die sich je nach Talwindverhältnissen genau über dem Landeplatz befinden kann, was eben diesen zu einem eher anspruchsvollen Landeplatz macht. Astrid erzählte später, dass sie weiter oben in der Thermik ebenfalls auf unerwartet bockige Verhältnisse stieß, was möglicherweise auch damit zu tun hatte. 
Nochmal rauffahren ist für keine Pilotin eine Option, denn für uns passt irgendwie nichts mehr hier. Ein neuer Plan biegt um die Ecke, denn es könnte vielleicht sein, dass an dem etwas niedrigeren Buchenberg etwas später am Nachmittag startbare Bedingungen herrschen könnten.
Dort angekommen ist jedoch der Grundwind schon so stark, dass wir die Auffahrt zugunsten von Kaffee&Kuchen verschieben und uns so die Wartezeit versüßen. Der Wind hält allerdings weiter an und uns alle vom Fliegen ab, weswegen wir zunächst zum Landeplatz wackeln, machen dort eine Einweisung für alle, die hier noch nicht geflogen sind und Jojo zeigt uns eine sensationelle Starttechnik, die sie bei stärkerem Wind am Startplatz an Stelle des Kobrastarts anwendet, da sie dafür keine fremde Hilfe benötigt, die ihr die Flügelspitze vorbereitet und beim Hochziehen entsprechend unterstützt. Sehr beeindruckend. 
Als wir alle den Eindruck gewannen, dass der Wind etwas nachgelassen hat, fuhr, glaube ich, die Bahn schon nicht mehr, doch fast alle packen nun ihre Schirme aus und üben am Boden alles Mögliche, denn es ist sonst niemand da bis auf einen Groundhandler und auch niemand in der Luft. Mich hebelt es bei einer Böe, die immer wieder ziemlich stark sind, einmal ordentlich aus und auf geht’s quer über die Wiese, auf der der Bauer gerade damit begonnen hat, sie zu mähen, was bei mir die Lust weiter zu üben sofort auf Null fährt. Ich packe ein. Die Mähaktion lässt nach und nach auch alle anderen zusammenpacken, wir beenden den Fliegetag und brechen wieder auf zurück nach Tannheim, wo wir abends zusammen beim Dorfwirt essen und wir die Gelegenheit nutzen, für den nächsten Tag, der von den Flugbedingungen her der beste Tag der Woche werden soll, bei allen das LiveTracking anzuschalten, sodass Jojo und Zylle immer sehen können, wo wir gerade sind und niemand verloren geht. Für Astrid und mich soll es der Tag werden, an dem unser B-Schein-Flug möglich sein könnte und wir besprechen mit Jojo, die mit uns fliegen und uns aus der Luft per Funk unterstützen wird, die Flugroute und die Alternativen, wenn Planänderungen nötig werden, was man vorher nie wissen kann und in der Luft entscheiden muss. Steph schließt sich dem Vorhaben an und möchte mit uns zusammen ebenfalls auf Strecke gehen. Ich bin aufgeregt, ob das alles so funktioniert und was alles auf mich wartet und ob ich überhaupt irgendetwas des Gesagten umsetzen kann.

Der große Tag. Wir sind früh dran, wollen zuerst einen ruhigen Gleitflug in der Morgenluft mit vielleicht dem einen oder anderen Manöver fliegen, bevor die Thermik einsetzt und wir auf unseren B-Schein-Überprüfungsflug mit der Unterstützung aus der Luft durch Jojo gehen. Wie beschrieben, hatten wir vorher die Strecke und die möglichen Aufdrehpunkte besprochen, also eine richtige Flugplanung lag vor.
Der Start zu meinem ersten Flug ist super, ich trete mit etwas Abstand vom Hang erneut den Beschleuniger auf 100%, nachdem ich ihn zuvor verkürzt hatte, und jetzt passt’s, die Umlenkrollen sind aufeinander. Danach lege in diesem ersten Flug vollbeschleunigt kleine Ohren an, die in der Folge nicht von allein wieder aufgehen und ich abwechselnd 1-2 Mal mit den Steuerleinen pumpen muss bis sich die Flügelspitzen wieder füllen und ich freue mich ein wenig, dass mich so etwas überhaupt nicht mehr anhebt. Als ich in die Nähe des Landeplatzes über einem freien Feld fliege, biege ich jeweils einmal in eine Spirale rechts herum ein und anschließend einmal links herum. Klappt super, ich fühle mich sicher, ich kann das Manöver vollständig kontrollieren und es macht Spaß wahrzunehmen, dass das ein ganz großer Schritt nach vorne ist. Bei den Sinkwerten, die ich später anhand meiner Flugaufzeichnungen ermittle, stelle ich fest, dass ich eine Schokoladenseite habe, die ich bei zukünftigen Flügen unbedingt ausbalancieren muss. D.h. mehr Rechtspiralen fliegen.
Jojo und Zylle ermutigen alle, die heute nicht auf Strecke gehen wollen, den Tag so gut es geht mit Flügen zu füllen, denn es ist definitiv der beste Tag der Woche.
Astrid, Steph und ich fahren auch wieder hoch und warten derweil mit Jojo zusammen am Startplatz auf das Einsetzen stabiler Thermik.
Evgeny erscheint auf dem Startplatz. Ich freue mich riesig, ihn endlich mal wieder zu sehen. Er ist Fluglehrer bei der Paragliding Academy und hat uns enorm viel während unserer Ausbildung dort geholfen. Heute ist er ebenfalls mit einem XC Kurs bestehend aus ausschließlich Männern da und hat den gleichen Plan, wie wir vier. 
Spannend der Unterschied, wie die Männergruppe sich im Gegensatz zu der Frauengruppe verhält. Ich bin froh, dass ich in der Frauengruppe bin. Bei den Kerlen hilft man sich nicht gegenseitig, spricht nicht mal miteinander, es wird sogar gedrängelt. Bisschen schräg, aber nicht unerwartet.
Mein Herz klopft, als Jojo vorschlägt, es wäre jetzt so langsam ein guter Zeitpunkt, in die Luft zu kommen. Ich ziehe als erste von uns vier auf, starte fein, was vielen anderen, auch den Locals, nicht gelungen ist und mache mich sofort auf die Suche nach Steigen. In unserer kleinen Gruppe haben Astrid und ich vorher bereits kommuniziert, dass wenn eine absäuft, die andere ebenfalls landen geht. Für uns kommt nicht in Frage, dass eine weiterfliegt, während die andere am Boden steht. Das mag für manche merkwürdig erscheinen, doch das sind Prinzipien, die wir aus dem Bergsteigen übernommen haben und die uns wichtig sind. Es bleibt keine allein irgendwo in der Pampa zurück. Deswegen ist es uns wichtig, dass alle davon wissen und sich nicht in der Luft darüber wundern.
Ein kleiner Kampf beginnt, doch ich bin geduldig. Jojo hat uns Mut gemacht, nicht aufzugeben und immer weiter zu suchen und zu kreisen, auch wenn es nicht gleich gut geht. Streckenfliegen hat etwas mit Wollen zu tun. Es braucht Ausdauer und Entschlossenheit. Astrid geht’s genauso. Sie kämpft sich von noch weiter unten immer wieder rauf, gleichzeitig beobachten wir permanent, was alle anderen um uns tun, denn es ist mittlerweile recht voll geworden in der Luft, was aber auch gut sein kann, denn dann muss Frau nicht jede Thermik selbst suchen. Zwischendurch immer wieder Unterstützung beim Kreisen durch Zylle vom Startplatz aus und von Jojo aus der Luft. Sehr, sehr geil. Übrigens bin ich beim Thema bockige Luft, die es mehr oder weniger beim Thermikfliegen immer gibt, sehr entspannt geworden. Das Aufrollen, das der Theta immer wieder mal hat, stoppe ich konsequent und bekomme das Gefühl, es wirklich im Griff zu haben. Meine Thermikkreise haben sich verändert. Ich kann die Radien besser steuern und ich erlebe, was Tom aus dem Sicherheitstraining, Zylle und Jojo damit meinten, Thermikkreisen ist im Prinzip Spirale fliegen nur in die andere Richtung. Genauso ist es, ich bleibe innen tief und steuere die Radien und damit die Geschwindigkeit über außen und sobald die Rotation startet, ist’s ein ständiges Balancieren mit beiden Steuerleinen. So geht Spirale nach oben. Den größten Teil so einer Kreisbahn behalte ich meine innere Flügelspitze als festen Punkt im Auge, weil ich so ganz gut verhindern kann, dass mir schlecht wird und die übrige Zeit nutze ich für den Überblick über den Traffic, die Orientierung, meine anderen Flügelfrauen. Obwohl es die erste halbe Stunde echt mühselig zugeht, macht es Spaß wie die alte Sau.
Die prognostizierte Basis soll heute knapp über 2500m liegen. Nicht ganz optimal. Ansage von Jojo, soviel Höhe mitnehmen, wie es irgendwie geht, wir brauchen jeden Meter. 
Steph ist inzwischen mit ihrem A-Schirm leider bereits abgesoffen, sodass nur noch Astrid, Jojo und ich für den Streckenflug übrig sind. Sie tat mir an der Stelle leid, denn soweit ich das beurteilen kann, hat sie wirklich ein Händchen fürs fliegen und mit einem besser gleitenden Schirm wäre sie uns sicher davongeflogen. Und dann kommt der Fahrstuhl. Nach fast einer halben Stunde Basteln erwische ich den Bart, den wir brauchen und sofort kommen Astrid und Jojo dazugeflogen und die Post geht ab. Innerhalb ganz kurzer Zeit Steige ich fast 600 Höhenmeter hoch bis auf fast 2500m und Astrid tut sogar noch ein paar Meter oben drauf. Was ich zunächst dabei nicht bemerke, ist die Zugrichtung des Thermikbarts, die durch den starken Westwind verursacht wird. Der Wind ist deutlich stärker, als er angekündigt war und er wird später unser Vorhaben auch vereiteln. Aber alles der Reihe nach. Jedenfalls treiben wir beim Kreisen fast einen Kilometer in die falsche Richtung ab, was aber auch nicht zu verhindern ist, denn ohne den Bart geht’s nicht. Jojo gibt den Startschuss für den ersten Talsprung nach Westen zum Grat auf der gegenüberliegenden Seite des Startplatzes, so, wie wir das vorher besprochen hatten. Dafür ist erstmal genügend Höhe vorhanden. Und sie weist uns an, wenn wir unterwegs Steigen haben, sollen wir eindrehen und erneut versuchen, mehr Höhe zu machen. Ich wundere mich aber zunächst darüber, wie langsam wir gegen den Wind fliegen und raffe dann, was das Problem ist. Der starke Westwind. Es dauert schon viele Minuten, bis ich überhaupt wieder über den Startplatz fliege. Auf Höhe der nächsten vorgelagerten Rippe quiekt mein Vario und offensichtlich auch das von Astrid, wir drehen ein, versuchen über weitere Kreise diese Minithermik nochmal zu nutzen, doch es ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.
Für den Weiterweg empfiehlt Jojo, den Beschleuniger auf 50% zu treten, um schneller auf die andere Seite zu kommen, ohne das Sinken mehr als nötig zu strapazieren. 
Ich merke, wie anstrengend es ist, permanent im Beschleuniger zu stehen, den ich sonst nur für ganz kurze Manöver, wie insbesondere das Ohrenanlegen verwendete. Gar nicht so einfach. Meine Beine werden lahm, ich muss wieder raus, auch wenn ich dann nur noch 5-10km/h Vorwärtsfahrt mache, kurze Pause, und wieder rein, während ich mir sehr wünsche, am gegenüberliegenden Grat die erhofften Aufwinde anzutreffen, denn der Talsprung kostet gute 500 Höhenmeter. Ich komme von uns dreien mit der niedrigsten Höhe an und im Prinzip hat dieser Umstand bereits das Ende eingeläutet, denn ich finde nichts Nennenswertes bzw. kann im Gegensatz zu den anderen beiden das, was vorhanden ist, nicht so nutzen, wie es nötig wäre. Inzwischen ist die Wolkendecke nahezu geschlossen und schattet alles ab, bis auf ein winziges Löchlein, dass ich am Leuchten einer kleinen Wiese an der nächsten Rippe erkenne, und halte in meiner Verzweiflung darauf zu. Tatsächlich habe ich dort sogar ein wenig Steigen, doch das genügt bei weitem nicht, um die fehlenden mehreren hundert Höhenmeter zu generieren. Ich schaue Jojo nach, die von mir weg in einen Taleinschnitt hineinfliegt, der vom Wind angeströmt sein müsste, und sie macht dort in der Tat Höhe, kommt über den Grat, doch für mich ist das keine Option, ich bin viel zu tief, um es ihr gleich zu tun und noch dazu müsste ich ein für mich viel zu großes Risiko eingehen, denn Landen geht dort nicht. Also kratze ich weiter, verliere konstant Höhe, versuche mich an einem letzten bewaldeten Hang, der sicher vom Talwind angeströmt ist, zu retten, doch ich traue mich nicht, dicht genug an die Bäume ran zu fliegen. Im Augenwinkel kommt Jojo wieder ins Bild, die sich natürlich traut und so nah am Hang kreist, dass ihr Stabilo fast die Wipfel berührt. Digga, das ist nix für mich. Mein Bauchi weiß bereits, dass hier Schluss ist und ich halte nach Landemöglichkeiten Ausschau, die in Frage kommen, während ich letzte Versuche unternehme, durch Hangsoaren noch etwas zu erreichen, doch Netto geht’s nur runter. Zwei Kandidaten sind im Rennen für eine Außenlandung und als ich unter 100 Meter über Grund sinke, funke ich Jojo an, dass ich landen gehe. Die erste Wiese scheidet aus, da ich im bodennahen Überflug Querzäune erkenne, also auf zu nächsten, die völlig frei direkt neben der Hauptstraße durchs Tannheimer Tal liegt. Einziger Punkt hier ist, nicht zu nah an die hintere Baumreihe fliegen, da sie ziemlich sicher ein Lee im Talwind bildet, der ganz schön stark geworden ist und ich die Bremsen ganz frei geben muss, um die Wiese mit sehr wenig Vorwärtsfahrt überhaupt noch zu erreichen. Die Kombi aus freigeben, anbremsen und seitwärts driften bringt mich mit sanftem Aufsetzen ganz nah an einen Feldweg, perfekt für den Rückweg zu Fuß. Direkt nach dem Aufsetzen funke ich durch, dass ich safe gelandet bin und sehe auch schon Astrid, die gleich hinter mir eintrudelt und es mir gleichtut. So, das war dann der erste Versuch, der schonmal in die Hose ging, aber: Es war trotzdem ein Erfolg, denn wir beide haben gelernt, dass wir dazu in der Lage sind, aus dem Gleitwinkelbereich zum Landeplatz heraus zu fliegen und uns trauen dürfen, diesen geplanten Flug allein erneut anzugehen, wenn die Bedingungen etwas besser sind. Astrid meldet über Funk, dass sie ebenfalls safe gelandet ist und nachdem wir die Distanz zum Landeplatz gecheckt hatten, gaben wir durch, nicht abgeholt werden zu müssen, wir gehen zu Fuß die etwa 2,5km zurück. Die geflogene XC Distanz war natürlich länger mit etwa 8,3km, doch für den Überprüfungsflug wars eindeutig viel zu kurz. Eine halbe Stunde später kommen wir am Landeplatz an, gesellen uns zu unserer Gruppe, von denen noch ein paar in der Luft sind, denn alle haben tolle Flüge gemacht oder sind gerade noch dabei, die Nachmittagsthermik auszufliegen. Wenige Minuten später landet Jojo, die unsere geplante Runde selbstredend fertiggeflogen ist, nachdem wir sicher am Boden waren und sie auf niemanden mehr warten musste. Sagt mir, wir müssen noch viel lernen. Wir sind aber auf einem guten Weg. Als alle gelandet sind und niemand mehr rauf will, setzen wir uns auf der Landewiese zusammen und ziehen gemeinsam Bilanz zum Flugtag. Alle haben heute Dinge getan, die sie sich so allein nie getraut hätten. Schon beim morgendlichen Flug hatte Ines zum Beispiel mehrere Seitenklapper gezogen und man konnte ihr vom Landeplatz aus ansehen, was sie das für eine Überwindung gekostet hatte, doch sie hat’s getan und sogar einen gehalten, um zu sehen, was ihr Schirm dann tut. Mit der Unterstützung durch Zylle vom Startplatz aus schafften es alle, in den Thermikbärten um den Startplatz herum teilweise richtig hoch aufzudrehen, oder sogar die verlorene Höhe wieder zu retten, was für einige ganz sicher ebenfalls viel Überwindung kostete und alle dürfen stolz auf ihre Leistungen sein. Ich freue mich jedenfalls für alle, dass sie so über sich hinausgewachsen sind. Ein tolles Ergebnis.
Astrid und ich klinken uns für heute aus der Essensrunde aus. Wir wollen selbst kochen, etwas Ruhe haben, denn die Tage mit so vielen Menschen, auch wenn sie noch so nett sind, sind anstrengend und ich möchte mich heute endlich mal wieder meinem Spiel mit der Handpan widmen. Zurück am Campingplatz ist die Maßnahme Nummer 1 Kaffeemaschine anstecken, Kaffee machen, in die Sonne setzen, ein wenig im Kopf runterfahren und Musik machen. Viel spielen kann ich ja nicht, doch meine Zuhörenden machen es mir leicht, weil sie alle nacheinander erscheinen und ich einfach mein Repertoire wiederholen kann. Als erstes wird die Chefin des Campingplatzes auf mich aufmerksam und ist von den Socken. Sie spricht lange mit Astrid, während ich spiele und wir lernen, dass sie ein Sonodrum kürzlich für die Familie anschafften, auf dem jedoch wenig gespielt wird und sie sich gerade bei mir Inspiration holt. Als nächstes taucht Zylle auf und erfreut sich ebenfalls an meinen paar Mustern und dem einen Lied, das ich inzwischen einigermaßen hinbekomme. Sie hat mal ein wenig Schlagzeug gespielt und hat eine Idee davon, was ich da so tue. Zum Schluss kommt auch Jojo um die Ecke gebogen, ich beginne mehr oder weniger von vorne. Sie legt sich auf den Boden neben mich, schließt die Augen und genießt es einfach. Das habe ich so noch nicht erlebt und es berührt mich, wenn es Menschen gibt, denen dieses einfache Spiel auf diesem ultimativ einfachen Musikinstrument genauso nahe geht, wie mir. Das sind ganz besondere Momente, die ich in mein Herz schließe, weil sie nicht so häufig vorbeikommen und ich sehr zu schätzen weiß, wenn es passiert.
Für den Abend haben wir uns mit Steph verabredet, die sich für heute ebenfalls aus der Restaurantrunde ausgeklinkt hat. Astrid und ich hatten auf dem Rückweg vom Landeplatz Gemüse eingekauft und wollen eine vegetarische bzw. vegane Tajine zubereiten, wie uns später auffällt und selbstredend kauften wir so viel Zeug ein, dass wir allein 2 Tage hätten davon essen können. So ist es schön, bei einem Glas Aperol Spritz in der untergehenden Sonne zusammensitzen und quatschen zu können, während die Tajine und das Couscous sich mehr oder weniger selbst auf dem Gasherd in der Wohnkabine zubereiten. Ich verstehe Menschen nicht, die sich nur von Fertigfutter ernähren. Kochen ist so einfach. Ich schweife ab. 
Bisschen scharf aber lecker läuft fast alles rein, ein zweites Glas Aperol noch dazu und als es dunkel und kalt wird, ziehen wir in die Wohnkabine um, wo die Fußbodenheizung für ein angenehmes Klima sorgt und die Gespräche bei einer abschließenden Flasche Helles weitergehen können. Beim Fliegen trifft Frau so wahnsinnig viele wahnsinnig interessante Menschen. OK, es gibt auch Vollpfosten, doch ich bin nicht sicher, ob die Gauss’sche Normalverteilung hier zutrifft. Ohne jenen, die den Volkssportarten nahestehen, zu nahe treten zu wollen, aber Fliegen ist nicht Fußballspielen. Wurscht. Es ist jedenfalls voll schön, sich mit anderen motivierten Pilotinnen austauschen zu können.

Eine Kaltfront mit hohen Windgeschwindigkeiten und gegen Nachmittag Regen lassen uns für den nächsten Tag einen anderen Plan schmieden. Jojo hatte eigentlich vor, sehr, sehr früh am Donnerstagmorgen zu Fuß zum Startplatz Neunerköpfle aufzubrechen, doch als sie gegen 5:30Uhr den Wind checkt, dreht sie sich auch nochmal um. Donnerstag ist Wandertag.
Vom Landeplatz aus hatten einige bereits geäußert, dass sie gerne mal auf den Einstein gehen würden, der in unmittelbarer Nachbarschaft steht und fragten, ob das schwierig sei. Nein, ist es nicht, denn obwohl der obere Teil sehr felsig und steil erscheint, so geht doch ein einfacher Wanderweg durch die Flanke hinauf auf den Grat zum Gipfel, den Astrid und ich letztes Jahr genommen hatten, als meine Hand gebrochen war. Für die, die wollen, ist um 9 Uhr vor Ines‘ Unterkunft im Ortsteil Berg Abmarsch und nachmittags sind ein paar Stunden Theorie zum Fliegen eingeplant, die wir im Gemeinschaftsraum am Campingplatz abhalten wollen.
Zu sechst starten wir den Aufstieg, Zeitnot gibt es keine bis auf das Wetter vielleicht, es sind nur etwas mehr als 700 Höhenmeter bis zum Gipfel, was für alle mit angemessenem Tempo gut zu machen ist, ohne dass wir später die Uhrzeit für den Start der Theorie reißen würden. Wieder viel Zeit zum Austauschen, sich kennenlernen, Inspirationen holen und nach dem Erreichen des Grates der Gewissheit, dass Fliegen heute großräumig keine gute Idee gewesen wäre. Auf dem Abstieg kurz vor dem Ziel gibt’s noch ein paar Regentropfen gratis, aber nur sehr wenige, im Großen und Ganzen haben wir alles richtig gemacht, alle kommen heile wieder vom Berg runter und haben noch ein wenig Zeit, bis wir zur Theorie verabredet sind.
Entgegen meiner Annahme, dass wir viel Bekanntes durchkauen, hat Zylle etwas viel Cooleres aus dem Hut gezaubert. Wir sehen uns die Flüge von fast allen Pilotinnen in 3D an, fliegen deren Routen nochmal virtuell nach und besprechen, was alles unterwegs stattgefunden hat oder auch verpasst wurde. Die Spur zeigt über unterschiedliche Farben an, wo Steigen, Sinken oder auch Nullschieber passierten und so konnte jede Flugsekunde zerpflückt und besprochen werden, was in dem Moment vielleicht gut gelaufen ist, oder wo andere Flugentscheidungen zu einem besseren Ergebnis geführt hätten. Wirklich ein wertvoller Input für unsere zukünftige Fliegerinnenkarriere.
Abschließend hielten wir in der Runde ein Wetterbriefing für den nächsten Tag ab und es kristallisierte sich heraus, dass es am Tegelberg gut werden könnte. Ein Fluggebiet, in dem mehr als die Hälfte der Pilotinnen noch nicht geflogen ist.
Für den letzten Abend des Kurses hat sich Jojo, die auf gutes Essen steht, was mich persönlich sehr freut, gewünscht, ins s’Morent in Zöblen zu gehen. Das tun wir dann auch, Astrid und ich nehmen wieder das Fahrrad, um dort hin zu kommen, denn es ist nur ein Ort weiter westlich und als wir eintreffen, erinnert mich dieses kleine Restaurant sehr an Le petit Frontarlier, das mein Cousin Rémi in Metz betreibt. Es gibt eine kleine Karte, die Gerichte werden anhand dessen zusammengestellt, was tagesaktuell frisch aus der Region zu bekommen ist und alles hat so überhaupt nichts mit den Schnitzelbuden und dem Motto „Viel billiges Essen“ zu tun, die hier insbesondere in den Skiorten überall angetroffen werden können. Die Chefin ist höchstens Anfang zwanzig, ihr Papa rennt rum, macht den Sommelier, hilft im Service und ihr Mann, ebenfalls noch deutlich unter dreißig, kocht mit Leidenschaft und sehr individuell, wenn’s gewünscht wird. Den Fisch, den es heute gibt, der nicht auf der Karte steht, hat er vormittags selbst gefangen. Sonst ist kein Personal da, die drei erledigen alles selbst. Mich freut es ungemein, dass so junge Menschen so etwas mit so viel Hingabe und Engagement ins Rollen bringen und sich in jeglicher Hinsicht von allem abheben, was um sie herum passiert. Sehr beeindruckend. Leider fällt mir auch auf, dass außer unserer Gruppe nur ein einziger Tisch belegt ist. Ich hoffe, das liegt am Donnerstag und ist kein Dauerzustand. Das Essen, das in der Küche gezaubert wird, ist fantastisch, individuelle Wünsche werden mit größter Sorgfalt berücksichtigt. Wir haben Spaß und gute Gespräche. Auf jeden Fall merken Astrid und ich uns diesen Ort für die Zukunft, denn im Tannheimer Tal fliegen wir eh öfter.

Der letzte gemeinsame Tag bricht an. Wir hatten am Vorabend bereits den Campingplatz und den Strom bezahlt, um zeitig einfach mit unserer mobilen FeWo zum Landeplatz am Tegelberg aufbrechen zu können, ohne dass noch was offen gewesen wäre. Fast alle treffen pünktlich zur vereinbarten Uhrzeit für die Einweisung am Landeplatz ein. Die Regeln wurden kürzlich angepasst und so schadet es nicht, nochmal darauf einzugehen. Fliegen am Tegel ist ja gerade an fliegbaren Wochenenden der Horror. 200 Pilot:innen bei 35°C im Schatten in der Schlange vor den kleinen Startplätzen, wo gerne auch mal ein Abbruch notwendig wird. Wenn die Bedingungen aber nicht ganz so optimal sind und ein Tag in der Woche gewählt werden kann, geht’s eigentlich. Und genau so einen Tag haben wir erwischt. Bis auf einen Piloten war unser Grüppchen das einzige oben am Startplatz. Gruppenfoto. Startplatzeinweisung. Schöner Wind zum Starten nach Nordost. Der morgendliche ruhige Flug war ein Traum, wenn die überboardende Bürokratie mit Grüner Karte, Liftkarte, Eintrag im Flugbuch und Kontrolle der Lizenzen und Versicherungen geschafft war. Einige aus der Gruppe, wie gesagt, sind noch nie hier geflogen und eines muss man dem Gelände lassen: Es ist der einzige Ort auf der Welt, außer Las Vegas, wo das Schloss Neuschwanstein steht und praktisch alle Mädels hatten mit hoher Priorität das Ziel, einmal über den Innenhof zu fliegen, was auch allen gelungen ist. Die Startplätze sehen auf den ersten Blick etwas spooky aus, doch wir hatten knapp 10km/h Wind von vorne, was das Starten enorm erleichtert. Ein Nullwind-Start mit viel Anlauf ist da nicht so günstig, geht aber auch. Für sie getestet. 
Apropos „Für sie getestet“. Dadurch, dass Astrid und ich die Fluggebiete alle kannten, haben wir ein klares Bild der Do’s and Dont’s, was nach der Erwähnung stets mit „für sie getestet“ endete und im Laufe der Woche zu einem regelrechten Running Gag wurde. 

„Für sie getestet.“
-	Lee zwischen Hornburg und Rohrkopfhütte
-	Sinkgeschwindigkeit bei Nose-down Theta > 18m/s
-	Bei mehr Wind nicht hinter den Wassergraben am Bube LP
-	Windversetzte Thermik nicht von hinten, Lee, anfliegen
-	Flugverhalten Theta bei Klappern aller Art
-	Tegelbergbahnseile, großer Abstand zwischen den Seilen, wenn Bahn fährt.
-	uvm.

Nach dem Schlossbesuch flog ich wieder eine Spirale, um Höhe abzubauen rechts rum, meine schwächere Seite, denn ich habe ja gelernt, dass ich das trainieren muss und als das Karussell Geschwindigkeit und Geräuschkulisse hochfährt, habe ich regelrecht Spaß daran, Kontrolle auszuüben und eine fantastische Ausleitung zu fliegen, bei der ich auch noch genau auf Achse zum Landeplatz bleibe. Die Erinnerung daran, wie mir die Hosen vor der ersten Spirale unter den Knien hing, wirkt schon fast witzig. Dennoch darf man niemals unterschätzen, was in dem Moment für eine Dynamik und Energie im System ist, die es zu bändigen gilt. Nachlässig zu sein, weil Frau denkt, kann ich, kippt die Sache ganz schnell ins Gegenteil. Respekt und Entschlossenheit sind die Zauberworte, bei fast allen Manövern und wenn sie noch so easy erscheinen. 
Blöderweise schaffe ich es, die Landung wieder zu verkacken. Trotz ganz offener Bremse im Endanflug erlebe ich sehr oft, dass der Flairimpuls den Schirm nicht langsamer macht und mein Kopf in den Panikmodus verfällt, weil so schnell laufen als Bewegungslegasthenikerin ja nicht geht. Ich komme zwar auf meinen Füßen auf doch ich verpasse mir unter der linken Brust mit dem Knie eine Rippenprellung, die mir die nächsten Wochen viel Freude bereiten wird. Die gute Nachricht: Ich hätte nie gedacht, dass ich so gelenkig bin. Andere in meinem Alter hätten sich wahrscheinlich irgendetwas abgerissen.
Astrid und ich entscheiden recht schnell nach der Landung, dass wir hier nicht nochmal fliegen müssen. Wind und Betrieb am Startplatz nehmen konvergent zu, thermisch wird’s wegen der dichten Bewölkung eher nicht und die Auffahrt ist ganz schön teuer. Allerdings verrät ein Blick in die BurnAir Map, dass der Buchenberg heute länger gut ist als der Tegel. Und der Kuchen in der Talstation ist ganz schön lecker. Als alle Mädels sicher gelandet sind, herrscht auch ohne unser Zutun die Kaffee/Kuchen-Stimmung und die Aussicht auf einen weiteren Flug am Bube lässt uns kurzentschlossen komplett umziehen. 
Um die bei Ankunft guten Bedingungen noch für einen Flug zu nutzen, entscheiden sich fast alle für eine Auffahrt bevor es Kaffee/Kuchen geben soll. Lieber oben auf das richtige Fenster warten als es unten zu verpassen und so sitzen wir zügig alle in dem ultralangsamen Sessellift außer Jojo. Sie hat sich fürs Hochlaufen entschieden und „Laufen“ ist da wohl der richtige Begriff, denn ohne Gepäck, das mit der Bahn befördert wird, schafft sie die rund 350 Höhenmeter in 20 Minuten und schwitzt nicht mal ernsthaft dabei. Für die meisten Touristen ist das eine Tagestour. Unterm Strich ist sie fast so schnell, wie die Bahn. Wir sind ja auch nicht sooo langsam mit dem Flugzeug auf dem Rücken, wir machen das ja öfter, doch das ist definitiv eine andere Liga. Chapeau.
So, Buchenberg Nordoststartplatz. Wir checken ein wenig die Lage, beobachten die Startenden und die Fliegenden, doch so richtig hoch schaffen es die meisten nicht. Viel spielt sich unmittelbar am Hang um den Startplatz ab, wo der Bayerische Wind draufdrückt und bei den meisten das Sinken verhindert. Es ist, wie an einem Freitagnachmittag erwartet, etwas Betrieb, für uns nicht ungewöhnlich, denn an einem guten Abend im Sommer ist hier drei- bis viermal so viel los und wenn es sich mangels Thermik nicht verteilt, wird es ganz schön voll. Immer wieder beobachten wir einzelne Schirme, die nah an der Unterkante der relativ dichten Bewölkung fliegen, doch für uns ist nicht zu sehen, ob sie hier aufgedreht haben oder z.B. vom Tegel mit viel Höhe geflogen kommen. Am Ende des Tages spielt es keine Rolle, Astrid und ich wollen fliegen, die Startbedingungen sind gut und wenn wir „nur“ einen Gleitflug machen, ist das besser als nicht geflogen zu sein und deswegen machen wir uns bald nach Ankunft zum Starten fertig. Wir hatten die ganze Woche mit der Bahnunterstützung unsere Schnellpacksäcke benutzt, wo Schirm und Gurtzeug fertig eingehängt transportiert werden, doch nach dem morgendlichen Flug am Tegel packten wir die Schirme so zusammen, dass wir am nächsten Tag einen Hike&Fly machen können, weswegen wir jetzt alles nochmal neu sortieren und einhängen müssen, worin wir inzwischen aber soviel Routine haben, dass es schnell geht. Vorausgesetzt die Touristen verfangen sich nicht in den Leinen. 
Ohne jegliche Erwartungshaltung an den Flug, außer, dass er mir Freude bereiten soll, starte ich gegen 12:40Uhr fein raus und beginne sofort nach dem Start mit der Suche nach Steigen. Der Wind steht gut an, ich biege erstmal nach rechts ab und bin im Nu schon über dem Startplatz. Nochmal umdrehen, ein wenig im Hangwind soaren, mal steigts, mal sinkts, aber ich halte mich. Astrid ist in der Luft, ich sehe ihr immer so gerne zu, wie sie da so rumfliegt. Ein Traum, dass wir dieses Geschenk gemeinsam haben können. Mir begegnen andere Pilotinnen aus unserer Gruppe und irgendwann sind alle in der Luft, ich erkenne ihre Schirme, alle halten sich erstmal, außer Zylle, die sich heute im zweiten Flug für einen Pi3 entschieden hat und damit relativ schnell zum Landeplatz abbiegt. Astrid ist ein wenig mit dem Absaufen am Kämpfen, doch sie bleibt hartnäckig dran. Meine Wenigkeit beginnt derweil über dem Berggasthaus zu kreisen, nachdem ich genug Höhe überm Startplatz habe und es trägt mich konstant immer weiter rauf. Der Bayerische Wind versetzt mich in Richtung Südwesten, er ist in der Höhe wesentlich stärker als weiter unten und es passiert etwas, was mich wahnsinnig freut: Hannah mit dem Espilon kommt zu mir raufgeflogen und wir kreisen zusammen in Richtung Wolkenunterkante. Sie hat diese Woche, glaube ich, auch einen gigantischen Schritt nach vorne gemacht. Sie erzählte später, dass sie mich da so weit oben hat rumfliegen sehen und dachte sich, das mache ich jetzt auch und tut es dann einfach und es gelingt ihr. Wirklich sensationell. Leider scheint unser Bart so auf etwa 1750m zu enden, oder er wird vom Wind zu sehr verblasen, jedenfalls kommen wir beide nicht über diesen Punkt hinaus, erkennen unsere Abdrift und beginnen damit, in Richtung Startplatz gegen den Wind zurückzufliegen, weiter auf der Suche, ob wir den Bart wieder finden. So richtig klappt das nicht, ich komme zwar noch über dem Gasthaus an, kann hier und da nochmal Höhe machen, aber Netto geht es größtenteils nur noch runter. Ich muss an den Hang vor dem Startplatz ausweichen als ich unter Startplatzniveau komme, versuche weiter Auftrieb zu finden, erkenne, dass Astrid immer noch hier unterwegs und nun teilweise über mir ist. Ich beginne damit, ihr zu folgen, um vielleicht mit ihrer Hilfe nochmal rauf zu kommen. Kurzzeitig gelingt das sogar, denn plötzlich erkenne ich ganz viele Pilot:innen, die auf einem Haufen offensichtlich in einer Thermik kreisen. Ich reihe mich ganz unten ein und drücke mir die Daumen. Ein paar Meter gehen noch, doch dann ist’s irgendwie vorbei, mein Vario macht nur noch Blökgeräusche wie ein Schaf, was großes Sinken bedeutet und als ich unter 1000m MSL sinke, entscheide ich mich dazu, entspannt landen zu gehen. Unterwegs hatte ich bereits bemerkt, dass der Wind teilweise mit 20km/h bläst, was bei einer Landung keinesfalls unterschätzt werden darf und auf jeden Fall in die Landeeinteilung einfließen muss. Ich überquere die Straße, erreiche ein freies Feld und teste erneut, wo der Wind herkommt und wie stark er ist. Ein, zwei Kurven noch, dann passt die Höhe, ich gehe in den Gegenanflug, achte aber darauf, mich nicht über den Wassergraben am Landeplatz in die falsche Richtung treiben zu lassen, sondern bastele mir aus einer seitlichen Drift gegen den Wind einen superschönen Queranflug. Beim Einbiegen in eben diesen, weiß ich mit Blick auf den Peilpunkt in der Landewiese, dass ich heute exakt auf diesem meinen Fuß aufsetzen werde. Das ist ein krasses Wissen, dass sich plötzlich etabliert, denn es ist das erste Mal in mehr als 200 Flügen, dass ich das erlebe. So drifte ich im Queranflug genau in die Flucht des Peilpunktes, ohne mich vom Wind verschieben zu lassen, wechsele von der Drift in einen langen, geraden Endanflug, die Gewissheit, exakt auf dem Punkt aufzusetzen ist noch immer da, gebe die Bremse langsam ganz frei, um ein wenig Geschwindigkeit gegen den Wind aufzubauen, fange zart ab, bremse durch und berühre den Boden genau an der vorhergesehen Stelle, dem Peilpunkt. Ich bin ja ansonsten mit meinen Landungen immer ziemlich auf Kriegsfuß, aber diese speichere ich mir ab, um bei der Diskussion mit Quatschi in meinem Kopf harte Gegenargumente zu haben. 
Direkt hinter mir kommen Astrid und ich glaube, Hannah mit ihrem Epsilon rein. Beide sind mir in Sachen Peilpunkt ganz schön dicht auf den Fersen und beide schaffen es tatsächlich bis auf wenige Zentimeter an den Punkt heran, als sie aufsetzen. Das ist der Hammer. Sehr lässig.
Wie schon öfter erlebt, entpuppen sich die Flüge, an die es überhaupt keine Erwartungshaltungen gibt, als die Besten, so auch dieser. Gestartet mit der Absicht, dass es gleich Kaffee und Kuchen gibt, der Gelassenheit aus der Erkenntnis heraus, dass ein Gleitflug ein schöner Flug ist, schaffen wir doch alle einen der längsten Flüge der Woche, ich erreiche den für mich bisher höchsten Punkt überm Bube und lege dann noch die perfekte Landung hin. Ein würdiger Abschluss. 
Aber noch ist es nicht soweit. Aus Kaffee&Kuchen wird nach der Landung nämlich so nix, denn die Gutste an der Talstation hat freitags Ruhetag. Z’fix. Wir überfallen das Casa Maria gegenüber, wo sie uns trotz ihrer eigentlichen Mittagsruhe reinlassen und bewirten, was ich ganz schön klasse finde. Das Casa Maria hat mich bereits einige Male überrascht. Die Zimmer sind toll und bezahlbar, das Essen ist Spitze und bezahlbar, der Service ist in der Regel sehr zuvorkommend und geduldig. Jedenfalls können wir umzingelt von einigen Leckereien unsere Abschlussrunde machen, lassen die Woche nochmal Revue passieren, sprechen über die Dinge die richtig Klasse waren und die waren eindeutig in der Mehrzahl, dürfen aber auch Kritik bzw. Verbesserungsvorschläge loswerden, doch viel zu sagen gibt es in der Hinsicht nicht. Ich kann für mich sagen, dass dieser Kurs einer der besten war, die ich mit dem Gleitschirm besucht habe und ein ganz wesentlicher Grund dafür ist der Umstand, dass es ein Kurs von Frauen für Frauen war. 

Ein letztes Wort: Die Frau in mir war sich anfangs nicht so ganz sicher, ob ich in dieser Gruppe gut aufgehoben und akzeptiert sein werde. Ein Gefühl, dass ich nicht abstellen kann, denn ich habe ja ansonsten überhaupt keine Zweifel, dass ich definitiv eine Frau bin. Ganz im Gegenteil. Aber es kommt eben hin und wieder vor, dass diese Sicherheit auf die Probe gestellt wird. Das war in Lenk beim Frauenfliegenfest auch so. Warum das so ist, weiß ich nicht, denn es hat in so vielen Jahren noch nie den kleinsten Vorfall gegeben, egal was ich wo in welchen Gruppen unternommen habe, was mir eindeutig sagt, die Gesellschaft ist viel offener und toleranter als die Faschisten es einen glauben machen wollen. 
Jedenfalls lief’s in dieser Gruppe voll entspannt und weil ich normalerweise in einer zehntel Sekunde erkennen kann, was die Menschen wirklich über mich denken, weiß ich sofort sicher, dass ich in meiner korrekten Geschlechterrolle 100%ig akzeptiert bin. Ein ganz schön gutes Gefühl, dass mir die Mädels hier uneingeschränkt vermittelt haben. Ein großes Dankeschön von Herzen an der Stelle.
Beim Abschied haben mich einige aus der Gruppe das auch wissen lassen. Sie waren teilweise beeindruckt, weil manche auch noch nie direkten Kontakt mit Transmenschen hatten und sehr überrascht gewesen sind, dass ich eben auch einfach nur ein Mensch bin, der sein Leben leben möchte und das sehr konsequent auf die Art und Weise tut, die ich mir bewusst ausgesucht habe. Ich fühlte mich extrem wohl in dieser Gruppe aus lauter starken Frauen, die alle tolle Dinge tun, ihre Ängste überwinden und dem Leben mit offenem Herzen und mit Mut entgegen gehen. Es war mir eine Ehre, Flügelfrau sein zu dürfen.

Nach der Verabschiedung checken Astrid und ich die Wetterlage für den nächsten Tag, denn wir müssen nicht nach Hause fahren, nur weil der Kurs zu Ende ist und wenn es irgendwo ein Fleckchen gibt, wo fliegen geht und der Aufwand vertretbar ist, fahren wir dahin. Die Suche ist schnell zu Ende, weil nur ein solcher Fleck für den Samstag existiert und das ist die Vordere Niedere in Andelsbuch. Seit die Seilbahn von Norden rauf abgebaut ist, dürfen Camper auf dem Parkplatz in einer ausgewiesenen Ecke für ein kleines Geld über Nacht stehen. Wie praktisch. Weil wir keine Auffahrkeile haben, stehen wir auf dem schiefen Platz etwas uneben, aber es ist alles noch in einem erträglichen Rahmen und wir sind schon dort, wo wir am nächsten Morgen losgehen können, ohne erneut das Auto bewegen zu müssen. Das Fenster fürs Fliegen mit vielleicht etwas Thermik wird sich voraussichtlich erst gegen Mittag öffnen und so haben wir keine Eile, gehen ganz gemütlich nach einem ausgedehnten Frühstück los und sind auf dem gesamten Aufstieg allein. Erst als wir fast oben sind, sehen wir den ersten Gleitschirm über uns hinwegfliegen. Obwohl wir gedacht haben, bewusst langsam gegangen zu sein, brauchen wir keine zwei Stunden mit dem Flugzeug auf dem Rücken für die etwa 950 Höhenmeter bis zum Startplatz. Weil praktisch alle, die fliegen wollen, ab Bezau die Bahn auf der Südseite rauf nehmen und den dort ausgewiesenen Startplatz nach Nordwest nutzen, stehen wir erstmal völlig allein auf dem riesigen Startplatz, bis sich eine Gruppe Männer mit Miniwings oder Acroschirmen lautstark hinzugesellt und wir spüren regelrecht, wie das Testosteron in Wellen zwischen den Kerlen auf einander prallt. Sie starten alle recht zügig und ich bin ehrlich gesagt froh, als wir wieder alleine sind und uns dieses nervige Balzverhalten nicht weiter anhören müssen. Happy Landings rufe ich ihnen in Gedanken hinterher.
Dann taucht eine Flugschule mit englischsprachigen Teilnehmenden auf, die sich jedoch in eine andere Ecke des Startplatzes verkrümeln und als wir uns zum Starten entschließen, sind noch etwa eine Hand voll Piloten eingetroffen. Also alles sehr überschaubar. Unsere anfängliche Idee, nach Thermik zu suchen und zu versuchen, länger in der Luft zu bleiben, weil es die Prognose zugelassen hätte, verpufft mehr oder weniger, weil es dann doch in Live etwas anders mit Sonne, Wind und Wolken ist. Unsere Starts gelingen fein, wir fliegen, halten uns nach links den Grat entlang, wo der Wind ganz gut anströmt und wir uns eine Weile halten können. Aber wie gesagt, so richtig gut geht’s nicht und Astrid biegt alsbald in Richtung Landeplatz ab. Ich drehe noch 2-3 Kurven am Hang, weil ich etwas höher bin, verliere jedoch auch zu viel Höhe beim Rumeiern. Also Landeplatz. Um mich herum sind einige andere Pilot:innen, auf die ich achten muss, wenn ich abachtere. In Bodennähe kommt der Wind aus östlichen Richtungen, weswegen wir, wie hier meistens üblich, im Endanflug gegen die alte Bahn landen. Auf dem Weg dahin erwische ich überraschenderweise auf der freien Fläche im Dorf zwischen den Bauernhöfen einen Thermikbart. Es steigt nicht viel, aber es steigt. Ich drehe ein und schaue mal, was geht, bin ja dann auch gleich am Landeplatz, wenn nix dabei rauskommt. Es kommt aber was dabei raus, ich drehe nochmal über 1000m MSL auf, meine Aktion hat sofort auch die 3-4 anderen angelockt, die mit einsteigen und teilweise weit über mich hinaussteigen. Finde ich gut, denn jetzt hab‘ ich den ganzen Landeplatz für mich alleine, hihi. Mit allen um mich herum landen zu müssen, wie es ohne die Thermik gewesen wäre, hätte ich nicht so fein gefunden, jetzt bin ich entspannt und lande auch gut.
Nochmal zu Fuß hochgehen ist keine Option und auch die relativ lange Fahrt um den Berg herum nach Bezau nicht, um mit der Bahn zu fahren. Wir entscheiden, dass es gut ist mit diesem Flug und Kaffee&Kuchen jetzt gut wäre. Um an Kuchen zu kommen, wackeln wir zu Fuß in den Supermarkt in Andelsbuch, weil alles andere leider geschlossen hat und machen uns dazu in der Kabine einen leckeren Kaffee. Handpan spielen auf der Wiese ist dann noch im Angebot und einfach auch mal die Seele baumeln lassen. Den ursprünglichen Plan, am nächsten Tag nochmal hinaufzugehen, verwerfen wir bald, denn die Vorhersagen verschlechtern sich mit jedem neuen Wetterlauf. Sonntagfrüh brechen wir nach Ausschlafen und einem gemütlichen Frühstück auf nach Hause und beenden diese spannenden Tage mit lecker Futter in unserem Stammgasthof.

Frauenpower Camp der Flugschule Adventure Sports, 12.05.-16.05.2025

Zur Teilnahme an diesem Event hatten Astrid und ich uns sofort im vergangenen Jahr angemeldet, als der Termin für 2025 veröffentlicht wurde, denn das war unter anderem die Gelegenheit, um mit einer guten Wahrscheinlichkeit unseren Überprüfungsflug für den B-Schein hinzubekommen. Die bis dahin notwendigen Flüge, die bestimmte Anforderungen erfüllen müssen, hatten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht ganz mit unserem Pi3 erflogen, doch als sich im Sommer 2024 als zweiter Schirm der Advance Theta hinzugesellte, änderte sich das Bild vollständig. Durch das deutlich bessere Gleiten des Theta wurden die Flüge auch für uns Anfängerinnen immer länger, jede noch so kleine Portion steigende Luft hilft bereits, nicht einfach durchzusinken, wie es der Pi3 tut, wenn die Bedingungen nicht optimal sind. Manche mögen anführen, dass Thermikfliegen nicht vom Schirm abhängt, sondern von der Pilotin und das ist auch erstmal nicht ganz falsch, doch die sofort viel größere Airtime, die wir einfach durch diesen Schirm gewonnen haben, hilft uns, überhaupt ins Lernen zu kommen. Und so war ich in mehrerer Hinsicht sehr auf diesen Kurs gespannt. Und ich wurde nicht enttäuscht…

Die Reise zum Idrosee begann damit, dass wir die bereits gebuchte Ferienwohnung stornierten, denn es zeichnete sich tatsächlich ab, dass unsere neue mobile Ferienwohnung, ein VW Amarok II mit aufgesetzter Tischer Box 230S, so rechtzeitig fertig wird, dass wir damit nach Italien aufbrechen können. Knapp war’s schon, denn es blieb nur ein Tag Luft für Unvorhergesehenes, doch alle Termine, von Auto abholen, Auto umbauen lassen, bis „Wir haben es geschafft, die Kabine unfallfrei allein aufs Fahrzeug zu setzen“ fanden zu den geplanten Zeiten statt und wurden erfolgreich umgesetzt. Und dann, am Ostermontag 2025, stand das Ding abfahrbereit in unserer Einfahrt. Wer hätte es gedacht. Ich war lange Zeit sehr pessimistisch, wie immer, dass sich alles so ausgeht, wie gedacht. Aber alles wurde gut. Am Tag der Abreise musste ich allerdings zuerst nochmal nach Marktoberdorf zum Autohaus, denn man hatte uns dort am Tag der Abholung versehentlich die falschen Ersatzschlüssel und die falsche Fernbedienung für die Standheizung mitgegeben. Nachdem das erledigt war, die Verkäuferin konnte sich bei der Gelegenheit das Ergebnis anschauen, von dem wir bereits beim ersten Termin mit ihr sprachen, stattete ich der Waage in unserem Wertstoffhof einen Besuch ab, wo ich gegen einen kleinen Betrag in die Kaffeekasse erfuhr, ob wir hoffnungslos überladen sind oder nicht. Sind wir nicht. Gesamtgewicht und Achslasten sind im grünen Bereich, auch nach dem finalen Volltanken, Räder aufladen und zwei Leute einsteigen noch. Passt. 
Am Dienstag nach Ostern und nach der Arbeit drückte Astrid auf den Startknopf, ließ den Motor an und fuhr das erste Mal mit dem vollbeladenen Auto los, bei dem die Last einen deutlich spürbaren Unterschied im Fahrgefühl verursachte. 
Da wir ja nun nicht mehr auf Biegen und Brechen zu halbwegs christlichen Zeiten zum Einchecken an einer Ferienwohnung ankommen müssen, entzerren wir die Anreise durch einen Abendessenstopp am Zirler Berg, fahren dann gemütlich über den Brenner, können auf der Italienischen Seite in Sterzing das erste Mal erleben, dass unsere neue Bip&Go Box erfreulicherweise tut, was sie soll und wir ohne Stopp und Ticket ziehen einfach durch die Mautstelle rollen dürfen, was dann in Trento erneut einwandfrei funktioniert. Zum Entzerren gehört ebenfalls, dass wir an dem Abend nicht bis zum Camping Miralago am Idrosee müssen, sondern einfach unterwegs einen Platz zum Stehenbleiben suchen und finden, von dem aus wir am nächsten Tag gemütlich und ohne Stress rechtzeitig zum Beginn des Kurses eintreffen und sogar noch Zeit haben, uns einen Stellplatz auszusuchen und einzuchecken. Die erste Nacht im Camper lehrt uns, das nächste Mal nicht zu nah an einer Hauptstraße oder einem Gebirgsfluss zu stehen. Es ist ziemlich hellhörig in der Kabine, die natürlich nicht für die Geräuschisolation optimiert ist. 

Mittwoch, 10 Uhr, soll das Sicherheitstraining starten. Die Wetterprognose in allen möglichen Diensten sprach eigentlich dafür, dass der Kurs gar nicht stattfinden kann, doch die Flugschule schrieb uns Ostersonntag, dass er durchgeführt werden wird und so saßen wir pünktlich im Schulungsraum für die Vorstellungsrunde mit dem Gedanken im Kopf, dass es heute dauerregnen wird und wir sicher nicht fliegen werden. Genauso wie höchstwahrscheinlich am Donnerstag und am Freitag und am Sonntag. Der einzige Tag, an dem es laut Prognose nicht konstant durchregnen soll, war der Samstag. Aber Tom, unser Sicherheitstrainer, war da sehr viel optimistischer und was soll ich sagen, wir haben am ersten Tag zwei Flüge gemacht, nachdem die Rettungswesten und Funkgeräte ausgeteilt und die Details dazu geklärt waren, ging es sofort zur ersten Auffahrt, denn nix Regen, die Sonne kam raus, es war kurzzeitig T-Shirt-Wetter, wenngleich es ein sehr langer Tag wurde, denn zu meinem letzten Flug startete ich kurz nach 19 Uhr. Ich war fürchterlich aufgeregt, unter anderem genau, weil ich gar nicht mit Fliegen gerechnet hatte und es etwas plötzlich über mich hereingebrochen ist. Astrid hat’s auf dem Weg vom Bus zum Startplatz auf den Punkt gebracht: „Ich sollte mich wohl langsam mal darauf einstellen, dass ich fliegen werde.“. Inhaltlich waren meine beiden Flüge sehr ernüchternd. Im ersten Flug, dem sogenannten Check-Flug möchte Tom ein Manöver sehen, dass wir glauben fliegen zu können, um sich ein Bild von unseren Fähigkeiten zu verschaffen und weil mir nix außer der Spirale eingefallen ist, die ich aber so spät mit leerem Magen nicht fliegen wollte, entschied ich mich fürs Rollen und Nicken, dem Pendeln um die Längs- und die Querachse, beides Manöver, an deren letzte Ausführung ich mich noch nicht mal mehr erinnern konnte und so sah das dann auch aus. Besonders vorm Rollen drücke ich mich bewusst, weil es mir jedes Mal kotzschlecht wird dabei, was ich natürlich nicht haben will. Immerhin habe ich es irgendwie geschafft, dass mir nichts aus dem Gesicht gefallen ist. Ähnlich, wie beim Spirale fliegen, fixierte ich beim Rollen immer die untere Flügelspitze als festen Punkt, was sich durch die notwendige Körperbewegung im Prinzip schon von alleine ergibt und dann war’s OK. Beim zweiten Start hatte ich ziemlich Probleme mit dem starken Seitenwind und obwohl ich mit einem seitlichen Wegziehen rechnete, gelang es mir nicht, das Richtige zu tun, wurde nach dem rückwärts Aufziehen nach rechts katapultiert, verlor den Halt auf den Füßen, stolperte und hatte einfach nur Glück, dass mein Schirm sich ohne meine Hilfe fürs Fliegen entschieden hatte, wodurch er mich einfach mitnahm, weg vom Hang. Schön und kontrolliert ist anders. Aber ich fliege.
Die Luft ist bockig, gemütlich die 6-7 Minuten in die Trainingsbox überm See zu fliegen, ist nicht. Trotzdem schaue ich immer nach einem Start nach oben, beobachte von unten, wie mein Schirm mich trägt, auch ohne, dass ich viel an den Leinen zoppele und freue mich über dieses Privileg, so etwas in dieser grandiosen Kulisse mit der schneebedeckten Brenta im Norden, der Po-Ebene im Süden und unter mir dem türkisblauen See tun zu können und zu dürfen. Außerdem freue ich mich an dem Tag darüber, dass ich beide Landungen ganz entspannt stehend auf meinen Füßen beende. Ein guter Anfang, denn nicht selten verkacke ich einen schönen Flug mit einer Scheißlandung, was stets bei Eintreten ein schlechtes Gefühl hinterlässt.
Bei den Menschen in der 16-köpfigen Gruppe, die überraschenderweise aus mehr Frauen als Männern besteht, sind keine Schneller-Höher-Weiter-Testo-wo-ich-bin-ist-vorne-Typen dabei. Es geht völlig entspannt beim Starten zu, niemand drängelt, niemand mansplained, man hilft sich gegenseitig, ein gutes Zeichen und keine Selbstverständlichkeit, wie wir aus unseren A-Schein-Kursen wissen. Versteht mich bitte nicht falsch, es sind nicht DIE Männer, aber es ist IMMER ein Mann. 
Es passiert noch etwas Aufregendes gleich am ersten Tag: Ein Retter wird gezogen, weil es keine andere Ausfahrt mehr gibt. Eine junge Frau unserer Gruppe versucht sich an dem Manöver VÖT (eine bescheuerte Abkürzung für „Verhängeröffnungstool“), bei dem die Strömung kurz einseitig abgerissen wird, womit eine Rückwärtsrotation des Schirms um die Hochachse beginnt, mit dem Ziel, durch die Anströmung von hinten etwaige Verhänger in der Kappe zu lösen. In der Regel werden 90° oder 180° Drehungen geflogen, je nach dem, wie lange der Strömungsabriss gehalten wird, worauf die Schirme ziemlich heftig reagieren können und spätestens bei Überschreiten der 90° beim Ausleiten zornig schießen, was unbedingt abgefangen werden muss. Unsere Teilnehmerin will es wissen, hält den Abriss mehrere Sekunden, der Schirm dreht über 270°, schießt beim Lösen wie eine Rakete nach vorne, klappt ein, rotiert, die Pilotin verheddert sich mit Bein und Kopf in den Leinen und noch bevor Tom vom Boot aus das Kommando gibt, zieht sie von sich aus in dieser ausweglosen Situation ihren Rettungsschirm und hat damit alles richtig gemacht und hat Glück, dass Wasser unter ihr ist. Der Retter hing an einem Frontcontainer und macht es wegen seiner Aufhängpunkte schwer, sich am geöffneten Rettungsschirm aufzurichten. Hinzu kam, dass sie sich nicht selbst aus den Leinen befreien konnte, der halb offene Gleitschirm eine kleine Scherenstellung verursachte, wodurch das Sinken größer wird und sie aus diesen Gründen in Rückenlage aufklatschte. So sollte Frau auf keinen Fall auf festen Boden fallen. Tom ist sofort mit dem Boot da, hilft ihr aus dem Wasser und setzt sie sofort am Campingplatz ab, wo sie warm Duschen kann, denn die Wassertemperatur im See ist unter 10°C. Kein Vergnügen, länger zu verweilen. Ansonsten ist aber alles gut ausgegangen und sie fliegt bei nächster Gelegenheit das Manöver mehrmals erfolgreich.
Es wird spät am ersten Tag und weil keine von uns mehr Lust hat, sich an den Herd zu stellen, schließen wir uns der Gruppe an und essen oben in Restaurant des Miralago einfach Pizza. Die ist meist lecker und bezahlbar.

Tag 2, ein Donnerstag, es regnet tatsächlich praktisch den ganzen Tag. Tom nutzt die Zeit, um möglichst viel Theorie durchzubekommen, sodass an den anderen Tagen mehr Zeit zum Fliegen zur Verfügung steht. Die fliegerischen Fähigkeiten in der Gruppe sind schon einigermaßen unterschiedlich, manche haben z.B. noch nie eine Spirale geflogen, andere beschäftigt eher der Spin-Stall, und so ist für alle etwas dabei, auch die Basics, wie Rollen/Wingover und Nicken werden ausführlich besprochen, ich wusste z.B. gar nicht, wie viele Methoden es gibt, um tolle Nickmanöver zu fliegen. Ich kannte nur eine. Jetzt kenne ich fünf und weiß, dass man sich dabei auch gut mal die Strömung abreißen oder die Front einklappen kann. Das hat nichts mit dem zu tun, was wir in der A-Schein-Ausbildung geflogen sind. 
Wir nutzen die Zeit an dem Tag außerdem, um uns so mit Lebensmitteln zu versorgen, dass wir bis zur Heimreise nichts mehr einkaufen müssen und wirklich die gesamte Zeit für den Kurs verwendet werden kann. An dem Abend entscheiden wir uns dazu, in unserer neuen Kabine Futter zu machen. Nach zwei Tagen in der großen Gruppe mit vielen Menschen tat es gut, mal für sich zu sein. Was Essen angeht hatten wir ein mehr oder weniger fertiges Risotto im Angebot, bei dem wir allerdings merkten, dass es weitere Zutaten braucht, die wir nicht dabei hatten. OK, dann Nudeln, doch auch dort stellten wir fest, kein Öl und keine anderen Zutaten außer gehackten Tomaten dabei. Blöd. Dann erinnerte ich mich, dass ich ein paar gefriergetrocknete Fertiggerichte eingepackt hatte, die noch von einer Tour mit Winterraumübernachtungen vor vielen Jahren mit unserer lieben Freundin Alex übrig waren und das MHD erst 4 Jahre zurücklag. Perfekt und vor allem einfach. Heißes Wasser drauf, ziehen lassen, essen, fertig. War ehrlich gesagt gar nicht schlecht, man könnte fast sagen gut. Die Qualität war wohl auch nicht so schlecht, denn es gab anschließend keine nennenswerten Probleme, was bei Fertigfutter durchaus schnell passieren kann.

Der nächste Morgen. Wir sind hier nicht auf Urlaub, der Wecker klingelt zur gewohnten Zeit, es soll um 7:30Uhr zunächst im Schulungsraum weitergehen und ich mag mich nicht schon morgens mit schnell, schnell stressen müssen. Insgesamt war ich nämlich schon aus verschiedenen Gründen immer an meiner Stressgrenze, denn die Tage sind fremdbestimmt geplant, dauern meistens viel länger als gedacht, es gibt für alles was ansteht, immer gefühlt Zeitdruck und Anforderungen oder Erwartungshaltungen derer ich mich nur durch Nichtteilnahme entziehen könnte, was aber selbstredend keinen Sinn ergibt. Hin und wieder muss ich mich ein wenig zusammenreißen.
Nach einer kurzen Ansprache zum Tagesverlauf durch Tom steigen wir schon in die Busse, denn das Wetterfenster verspricht am Vormittag, dass es zwei Flüge werden können, wenn keine Zeit verschwendet wird. So machen das auch die anderen 3 Flugschulen, die vor Ort mit ähnlich großen Gruppen sind. Um einen geregelten Betrieb am Startplatz gewährleisten zu können, wurden wir von Tom bereits am ersten Tag darüber informiert, dass wir weder am Startplatz, noch in der Luft, noch am Landeplatz allein sein werden und dass Regeln gelten, um einen sicheren Flugbetrieb herstellen zu können. Timo, der den Start betreute, hat zum Verhalten und den Regeln am Startplatz ebenfalls vor dem ersten Start ein paar Worte verloren und am Ende war ich halbwegs erstaunt, dass trotz etwa 50 Menschen mit Fluggeräten am Start kein Stress und keine Panik herrschte. Spätestens nachdem der erste Schwung in der Luft war, hat sich das Bild dann auch rasch entzerrt, weil durch den einsetzenden Pendelverkehr der Flugschulbusse im Tagesverlauf maximal die Hälfte der Pilot:innen am Startplatz ankamen. 
Meinen ersten Flug an diesem Tag begann ich mit einer Spirale. Ich hatte dieses Manöver mit dem neuen Schirm bereits in freier Wildbahn geflogen und wusste, dass ich etwas aufpassen muss, weil die Steuerwege kurz sind und es ziemlich schnell ziemlich heftig werden kann, wenn ich es übertreibe. In der freien Wildbahn, wo ich sehr viel vorsichtiger war, ist mir das gelungen, bei diesem ersten Lauf unter abgesicherten Verhältnissen, war ich dann wohl etwas zu mutig und schaffte es nach zwei Umdrehungen in den sogenannten nose-down zu kommen, d.h. meine Eintrittskante war auf 0° zum Horizont, ich bin mit über 18m/s und einer Bahngeschwindigkeit von fast 90km/h um den Schirm in Richtung Wasser unterwegs. Die G-Kräfte kann ich leider nicht messen, doch ich hatte ordentlich Druck im Hintern. Wie gewohnt hatte ich vor dem Einleiten mit meinen Händen gesprochen und wir einigten uns darauf, dass links innen ist und rechts außen. Weil mir die Fahrt sehr schnell sehr viel zu schnell wurde, musste ein klares Kommando mit der Außenbremse an den Schirm gehen, was ich unverzüglich tat und überrascht war, dass das ultimative Karussell genauso schnell stoppte, wie ich es gestartet hatte, nämlich sofort und ich erinnerte mich trotz der Aufregung sogar daran, innen wieder etwas nachzuziehen, um ein starkes Steigen zu vermeiden und die immense Energie im Schirm über ein, zwei langsamere Vollkreise kontrolliert abzubauen. Hat geklappt.
Ich fliege noch eine weitere kurze Spirale mit dem Ziel, vollständig die Kontrolle über das Manöver zu behalten, was mir deutlich besser gelingt, als beim ersten Mal und es stellt sich so ein Gefühl ein, wie ich mit den beiden Steuerleinen in meinen Händen agieren muss, um das Sinken aktiv zu beschleunigen oder zu verlangsamen, gerade so, wie ich es gerne hätte. 
Astrid ist in der ersten Runde einen B-Stall geflogen. Von unseren Pi3s wussten wir, dass diese Modelle den B-Stall überhaupt nicht mögen und sich nahezu gegen das Fliegen dieses Manövers wehren. Im ersten Versuch leitete sie mit den Bremsen in Steghaltung ein, so wie man es normalerweise tut, um ein ungewolltes Anbremsen in dieser Art Sackflugzustand zu verhindern, doch die Kappe zeigte sehr schnell Deformationen an, die wir nicht wollen und Astrid leitete sofort wieder aus, bevor etwas Blödes passiert. Den zweiten Versuch startete sie mit dem halben Schlag auf der Bremse, wie Tom es in der Theorie erklärte, denn es gibt Schirme, die sich durch das minimale anbremsen deutlich ruhiger in das Manöver begeben und in dem Zustand bleiben, bis ausgeleitet wird. Das hat sich dann auch bestätigt, die Kappe ist mehr oder weniger zappelfrei als die Vorwärtsfahrt vollständig stoppt und Astrid mit etwa 8m/s auf der Stelle ganz unaufgeregt nach unten sinkt. Ein tolles Manöver. Keine schnellen Rotationen, die nach vielen Stunden in der Luft vielleicht nicht mehr gut sind, keine komplizierten Ein- oder Ausleitungen, weil dazu vielleicht auch noch die Koordination mit dem Beschleuniger, wie bei den großen Ohren, erforderlich ist. Die Ausleitung des B-Stalls ist einfach: Führe einfach die Leinen der B-Ebene wieder zügig nach oben und lasse anschließend die Hände ebenfalls dort. Der Schirm nimmt wieder Fahrt auf, ein kleiner Pendler passiert durch das Anfahren und dann war’s das auch schon.
Den B-Stall fliege ich im zweiten Flug dann genauso mit halbem Schlag. Den ersten Versuch leite ich etwas zu energisch ein, was dem Theta nicht gefällt und was sofort zu ungewollten Deformationen führt, die ich durch den permanenten Blick nach oben rechtzeitig erkenne. Ich gebe sofort frei, der Schirm fliegt wieder, und nachdem die Pendelbewegung weg ist, starte ich den nächsten Versuch mit etwas mehr Gefühl und ziehe die Ebene nicht ganz so weit ab. Der kurze Pendler nach vorne passiert, wie erwartet, danach sinke ich absolut wackelfrei mit völlig ruhigem Schirm ebenfalls mit etwa 8m/s nach unten. In den meisten Handbüchern, so auch zu unseren Schirmen, steht drin, man solle keine B-Stalls fliegen, weil die entstehenden Belastungen zu Lasten der Materialien gehen, was sich möglicherweise ungünstig auf das Flugverhalten auswirke. Nun, mag sein, doch es lohnt sich trotzdem auszuprobieren, was genau der eigene Schirm braucht, um den B-Stall sauber fliegen zu können, denn es ist ein kleines Werkzeug mehr im Kasten, wenn mal der Ernstfall eintritt. Dürfte wohl klar sein, dass im Zweifel das Material leiden darf, bevor man Risiken für sich selbst in Kauf nimmt.
Nach den zwei geplanten Flügen für alle haut Tom den Pflock rein. Die Bedingungen kippen ein wenig und es gibt nun reichlich Videomaterial, über das den restlichen Tag gesprochen werden kann. Es ist Zeit für eine richtige Mittagspause nach den Flügen bevor wir in den Nachmittag starten, Zeit um in Ruhe was zu essen, Zeit für einen Espresso aus unserer mitgenommenen Maschine, die wir an die neu angeschaffte Powerstation anschließen, Zeit für ein wenig Musik auf meiner Handpan. 

Meine Handpan. Manche werden möglicherweise nicht wissen wovon ich spreche. Jenen empfehle ich, mal nach einem Youtube Video z.B. von Malte Marten oder Hang Massive zu suchen. Ich bin zwar musikalisch völlig minderbemittelt, doch das Ding hat meine Seele berührt und selbst einfachste Klangabfolgen haben etwas in mir ausgelöst, dass ich kaum beschreiben kann. Kennengelernt habe ich dieses Instrument in unserem ersten Sicherheitstraining Ende Oktober 2023 (die Geschichte ist hier veröffentlicht), als Eki in den Pausen im Schulungsraum hin und wieder darauf spielte. Der erste Ton aus diesem mir bis dahin völlig unbekannten Instrument hat gereicht, um mich ganz tief im Inneren zu berühren. Das ließ mir in der Zeit nach dem ersten Sicherheitstraining keine Ruhe mehr und wenige Wochen später konnte ich nicht mehr anders als mir eine D-Kurd 8+1 in einer vernünftigen Qualität einzukaufen und selbst mit Spielen zu beginnen. Danke an Eki dafür. Das bereichert mein Leben und verringert die Daddelzeit an den mobilen Endgeräten.
Was ich spielen kann, habe ich mir über Youtube-Videos selbst beigebracht. Die D-Kurd macht es einem leicht, denn es steht in dieser allereinfachsten Version eine vollständige Oktave plus dem Grundton D3 zur Verfügung, womit insgesamt 6 Akkorde gespielt werden können. Die meisten Töne sind kompatibel und das b-flat auf Tonfeld 2 sorgt für die Spannung. Sie begleitet mich so gut wie überall hin, man braucht keinerlei Hilfsmittel oder gar Strom, ein Platz zum Sitzen und die Hände genügen. 
Jedenfalls setze ich mich in dieser ersten Pause nach fast drei Tagen, die den Namen verdient, vor unsere Kabine und spiele ein wenig. 

Den Nachmittag verbringen wir mit der Videoanalyse, besprechen alle Flugmanöver, die gezeigt wurden, ausführlich, denn ein Abendflug geht sich an dem Tag nicht aus, weil es dann doch, wie prognostiziert zu regnen beginnt. 
Für das Abendessen schließen Astrid und ich uns wieder der Gruppe Pizza an, denn der nächste Tag startet sehr früh, wir wollen mit möglichst wenig Arbeit rechtzeitig im Bettchen liegen.

Der Samstag ist der vorhergesagte Supertag zum Trainieren, weswegen wir schon um sechs Uhr in der Früh als einzige Flugschule in die Busse steigen und am Startplatz ankommen noch bevor die ersten Sonnenstrahlen über die Bergkämme scheinen. Wenn es gut läuft, plant Tom mit 3 Flügen pro teilnehmendem Mensch. Auch für ihn ist das, glaube ich, ganz schön anstrengend. Potentiell könnte es auf jedem Flug zu einem Rettereinsatz kommen, dem ja in der Regel ein heftiges, außer Kontrolle geratenes Manöver vorausgeht, das entsprechend viel Stress sowohl bei Pilot:in als auch dem Trainer auslöst. Da braucht’s glaube ich Nerven aus Stahl.
Aber erstmal dürfen wir den sensationellen Sonnenaufgang erleben, während wir uns alle auf unseren ersten Flug des Tages vorbereiten. Diese überwältigenden Naturerlebnisse gehören genauso zum Fliegen dazu, wie wir das schon länger vom Bergsteigen kennen, wo mich immer ganz besonders die blaue Stunde berührt, die kurze Zeit der Dämmerung bevor die Sonne aufgeht. 
Ich beginne den Tag mit zwei Spiralen in die andere Richtung. Ich hatte mir von Beginn der Lernphase des Spiralens an schon angewöhnt, nach Möglichkeit wechselseitig zu fliegen, um keine Schokoladenseite zu entwickeln und es mir egal ist, in welche Richtung sich der Schirm gerade dreht. Bis jetzt ist mir das glaube ich ganz gut gelungen und ich schaffe es an diesem Morgen auch, das Gelernte und das Gefühl von gestern auf die andere Seite zu transportieren. 
Astrid und ich haben beide den Fokus auf die Abstiegshilfen und Deformationen der Kappe für dieses Training, denn beides sind absolute Grundlagen fürs Thermikfliegen. Deshalb fliegen wir auch mehr oder weniger die gleichen Manöver bloß in unterschiedlichen Reihenfolgen. 
So sind die großen Ohren ein Thema, bei dem ich lerne, dass das Gerücht, die Flügelenden würden beim Ausleiten des Ohrenanlegens beim Theta nicht selbständig öffnen, einem Flugfehler zugrunde liegt, den ich selbst schon begangen hatte und damit überzeugt war, dass die Ohren nicht öffnen. Das war falsch, denn wenn ich im Beschleuniger stehen bleibe, während ich die A-Leinen freigebe, egal wie viele ich vorher gezogen habe, gehen die Ohren selbstverständlich von allein auf. Bei den großen Ohren, wo ich rechts und links zwei A-Leinen verwende, dauert das Öffnen nur einen Tick länger, c’est tout. Eine wichtige Erkenntnis, denn dieses Manöver ist die erste Wahl, wenn ich mit steuerbaren Vorwärtsfahrt ein höheres Sinken möchte. 
In diesen Flügen sind Astrid und ich auch mehrere einseitige Klapper und Frontklapper geflogen, unbeschleunigt und beschleunigt, wobei wir uns wunderten, wie hervorragend der Theta diese Störungen in ganz kurzer Zeit selbst behebt. Selbst beschleunigt war bei keiner der Deformationen ein Eingreifen ernsthaft erforderlich. Von außen sehen diese Deformationen oft wild aus, doch im Vergleich z.B. zu einer zügigen Spirale ist das Kindergeburtstag. Trotzdem pocht die Pumpe als ich das erste Mal beschleunigt die Front an allen A-Leine einreiße, denn was wirklich passiert, weiß Frau erst, wenn’s passiert ist, und nicht zu vergessen, in der freien Wildbahn sieht die Welt anders aus, weil ich nicht natürlich nicht vorher weiß, wo und wie so eine Deformation mich überfällt und ob dann nicht doch einen Verhänger on Top kommt.
Der letzte Trainingsflug an diesem Tag beschert mir erneut einen Adrenalinschub. Ich greife das Thema Rollen nochmal auf, denn was ich dabei bis jetzt zusammengeflogen bin, ist dürftig. Hin und wieder war schon mal ein Gefühl für den Rhythmus aufgekommen, doch wie hoch, wie schnell, wo bin ich, usw. ging dabei völlig an mir vorbei. Gelernt hatte ich bei den ersten Versuchen, dass der Steuerweg nur bei der Einleitung etwas länger ist, danach aber sehr schnell sehr viel kleiner wird, wenn Frau keine bösen Überraschungen erleben mag. Gleichzeitig braucht’s aber auch den richtigen Impuls zur Richtigen Zeit mit der richtigen Gewichtsverlagerung, um sauber in diesen Pendelflug reinzukommen und dort zu bleiben. Long story short: Ich übertreibe, es wird sehr dynamisch, stütze den Außenflügel nicht, obwohl ich bereits zwei Wingover geflogen bin, daraufhin überlegt sich eben diese Seite, dass sie nicht stabil bleibt, wenn ich das unbedingt so haben will, klappt ein und verhängt sich. Bis dahin war alles noch in Ordnung. Womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte war, dass mein Schirm in Bruchteilen von Sekunden über die verhängte Seite mit der enormen Energie, die durch die Wingover im System steckte, nahtlos in einen Spiralsturz überging, was ich in der ersten halben Sekunde nicht kapierte. Als das dann klar war, brauchte ich erneut eine halbe Sekunde, um in mein Hirn zu bekommen, wo innen und wo außen ist. Tom hat mir über Funk vom Boot aus sofort gesagt, an welcher Steuerleine ich ziehen soll, doch instinktiv zog ich erstmal innen, was die Fahrt unmittelbar erheblich beschleunigte. Ups, andere Seite. Ein entschlossener Zug über den ganzen Steuerweg auf außen, hat dieses gefühlte Monsterkarussell dann augenblicklich beendet. Puuuhhh…. Das war knapp, denn durch mein bereits vorher geflogenes Manöver war ich nicht mehr so weit von der Wasseroberfläche entfernt, die bei erneuten 18m/s Sinken ganz schön schnell da ist. Die gute Nachricht: Ich hab’s gecheckt und abgefangen, bevor irgendetwas aus dem Ruder lief. Das hat mich ein wenig stolz sein lassen. Lustigerweise ist die Videoaufnahme zu dieser Situation ziemlich unspektakulär, denn was sich in meinem Kopf abgespielt hat, ist nicht zu sehen. Eigentlich fliege ich nach einem kleinen Verhänger nur eine schnelle Kurve, während der sich die Einfädelung unmittelbar löst.
Es folgt eine gaaannnzzzz lange Mittagspause, auf die ich mich freue, denn diese Flüge empfinde ich immer mental als äußerst anstrengend. Die Sonne scheint, unsere Nespresso, gespeist von der Powerstation, zaubert Kaffee und Espresso vom Feinsten, wir werfen Energie über die Systemgrenze ein, Astrid bekommt einen Teller Nudeln, mir genügt ein Schinkenbrot und dann, endlich, ist Zeit, um mich mit meiner Handpan an den See zu setzen. Auf so eine Gelegenheit hatte ich gehofft, an dem Ort, an dem meine Verbindung zu diesem Instrument ins Leben gerufen wurde und draußen in so einer Kulisse spielen zu können, toppt alles. Der Stahl wird in der Sonne warm, die Klänge bekommen noch mehr Nachhall (Sustain) und die Wasseroberfläche trägt den Schall ganz anders, als es im eigenen Kämmerlein der Fall ist. Ein Traum.

Bevor es in die Videoanalyse am Nachmittag geht, gönnen wir uns noch ein Pistazien-Croissant, dass hier extra erwähnt werden muss, weil es das leckerste Croissant ist, das ich seit langem gegessen habe und Astrid nimmt sich ein Eis, von dem es sich ebenfalls lohnt, hier erwähnt zu werden.
Alle Videos sehen wir uns zum Glück nicht an, denn je 3 Flüge mit 16 Teilnehmenden und bis zu 4 Manövern pro Flug sorgen für fast 250 Filmsequenzen. Wir überspringen viel, nur die etwas komplexeren Sachen besprechen wir, denn manche sind bereits beim Spin-Stall oder mehrstufig eingeleitetem Fullstall angekommen und da passiert dann schon mal mehr. Außerdem kündigt Tom einen Abendflug ohne Training an, der sich heute ausgehen könnte. Abfahrt ist 17:30Uhr, ohne Funk, nur mit Schwimmweste, für alle, die mitmöchten. Auch Astrid und ich steigen ein, wir haben Bock auf einfach fliegen. Weil alle Flugschulen mit fast allen Teilnehmenden plus Orga-Teams das gleiche tun, wird es ganz schön voll von Start bis Landung, doch ich staune erneut, wie gechilled alle bleiben. Man hilft sich nach wie vor gegenseitig, bleibt beim Starten auf der Bahn, die man mit seiner Schule schon die ganze Zeit benutzt hat und springt nicht in der Gegend rum, in der Luft entzerrt es sich sowieso, manche fliegen wilde Manöver, andere, wie ich, genießen einfach die ruhige Luft überm See und den Moment an sich. Ich stelle die Nase in den Wind, lasse alles los, versuche sogar mal, wie es sich anfühlt, die Augen geschlossen zu halten, doch das ist schwieriger als gedacht und gelingt mir immer nur wenige Sekunden am Stück. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies der letzte Flug hier ist, ist relativ groß, umso stärker ist der Wunsch, so viele Flugminuten mitzunehmen, wie möglich. Ich fliege lediglich zwei Leitlinienachten, weil mir eingefallen ist, dass ich das noch nie mit dem neuen Schirm gemacht habe. Ich wendete dabei die Technik an, zuerst die Fahrt zu bremsen und dann die Kurven allein über Gewicht und Außenbremse zu fliegen, was super funktionierte, lediglich der Windversatz macht aus meinen Kurven keine Kreise sondern Eier, doch prinzipiell bleibe ich pendelfrei auf meiner Achse.
Zu berichten gibt es außerdem, dass ich alle Landungen bis dahin einwandfrei stehend auf dem Landeplatz zu Ende führte, also 8 Landungen in Folge, was wirklich außergewöhnlich ist für mich und ich sah gleichzeitig, dass Menschen, die mit Profi- oder Wettkampfmaterial zum Landen kamen, auf allen Vieren eingebombt sind. Passiert also allen Mal. Auch Astrid hat alle Landungen tipptopp hinbekommen. Manchmal ist es dort nämlich nicht so easy, denn gerade in den Tageszeiten, wo sich Berg- und Talwind die Klinke in die Hand geben, kann es mitunter turbulent, thermisch oder auch mal mit Nullwind einhergehen und es gibt nicht so viele Ausweichmöglichkeiten, wenn mal etwas so überhaupt nicht passt. An der Stelle ein Lob an alle, die an diesem Abend mitgeflogen sind, denn trotz der weit über 50 Schirme in der Luft, gab es am Landeplatz und in den Landeeinteilungen überhaupt keinen Stress. Alle gaben Acht, passten ihre Landeeinteilungen den Wind- und Mengenverhältnissen an, man nahm Rücksicht und flog im Zweifel einfach mal nicht so nah an den Abbauplatz ran, damit die Fläche für alle reicht. Auf anderen Landeplätzen der stark frequentierten Fluggebiete im Allgäu ist das nicht selbstverständlich. Da kommt einem beim Abachtern auch schon mal jemand auf gleicher Höhe entgegen.
Das Abendessen lassen wir uns erneut im Restaurant des Miralago schmecken. Dabei legt Tom die Startzeit für den nächsten Tag auf 8 Uhr fest, doch ob und wieviel am nächsten Tag geflogen werden kann, ist völlig offen. 

Der letzte Tag. Wir sitzen um 8 Uhr morgens im Schulungsraum, nachdem wir am Campingplatz bereits gezahlt und ausgecheckt haben und unsere Schnellpacksäcke mit den Flugzeugen bereits in einen der Busse geladen hatten. Tom gibt einen kurzen Abriss über die Tagesplanung, denn ihm ist wichtig, dass wir irgendwie alle zusammen eine Abschlussrunde hinbekommen und wenn’s irgendwie geht, jede:r nochmal in die Luft kommt. Zwei oder drei aus der Gruppe hatten sich zudem für einen Retterwurf committed. Also wird nicht lange gequatscht, wenige Minuten später fahren wir zum Startplatz rauf. Astrid und ich haben natürlich in die Prognose für den Tag reingeschaut und uns war schon klar, dass es keineswegs sicher war, dass gestartet werden kann, doch wissen tut Frau es erst oben. 
Bereits auf dem Weg vom Bus zum Startplatz ist unschwer zu erkennen, dass die meisten Pilot:innen sehr zurückhaltend sind. Die Windfahnen zeigen Rückenwind an, die überregionale Windrichtung für den Tag ist Nord/Nordost und gleichzeitig herrscht direkt am Startplatz in der Früh immer wieder Nullwind. Diese immer kleiner werdenden Phasen nutzen 4-5 Pilot:innen aus unserer Gruppe, um zu starten, doch je weiter es in den Vormittag geht, desto schwieriger werden die Verhältnisse. Die Sonne kommt dazu, damit auch die thermischen Ablösungen mit entsprechendem Versatz und bei einem Gang auf den Grat rauf ist klar, dass der inzwischen vorherrschende Ostwind ziemlich stark durch die Tannen pfeift und eine Bilderbuch-Lee-Walze am Startplatz verursacht, wo man ohne Kenntnis der Lage den Eindruck gewinnen kann, der Wind käme tatsächlich von vorne. Bei Astrid und mir gehen die Alarmglocken an. Wenn ich unter diesen Umständen allein am Startplatz stünde, würde ich sicher nicht starten, sagt mein Bauchi und Bauchi hat immer Recht. Wir nutzen die Zeit, mit Fluglehrerin Sylvia zu telefonieren, die uns etwa 2 Wochen später bei einem Frauenfliegen Camp coachen wird, um uns bekannt zu machen und etwaige Fragen zu klären. In der Zwischenzeit bricht die erste Flugschule den Versuch ab, noch irgendetwas reißen zu wollen, die erste Gruppe wackelt zurück zu den Bussen. Unsere Gruppe mit Timo als Startleiter ist noch etwas geduldiger, doch wir können hier nicht ewig rumstehen und warten. Um 11 Uhr haut Timo den Pflog rein, wir packen zusammen und alle, die nicht starten konnten, gehen zurück zum Bus und fahren runter. Ein Punkt, der mir an der Flugschule Achensee gefällt: Es wird nichts übers Knie gebrochen, die Sicherheit der Menschen geht vor und wenn’s nicht fliegt, dann fliegt’s halt nicht. Der Begriff „Raushauen“ ist im Schulungsbetrieb unbekannt, im Gegensatz zu anderen Flugschulen. Die, die direkt am Morgen noch starten konnten, berichten, dass die Luft alles andere als fein zum Fliegen war und ich glaube, ich habe nichts verpasst. 
Der Kurs endet mit der Abschlussrunde, der Rückgabe der Ausrüstung, die fürs Fliegen über Wasser von der Flugschule gestellt wurde, der Abrechnung der Auffahrten und einem Austausch von Kontaktdaten zwischen den Teilnehmenden. 

In zwei solcher Sicherheitstrainings haben Astrid und ich nun die Dinge gelernt und weitgehend gefestigt, die wir fürs tägliche Fliegen, auch unter thermischen Bedingungen, benötigen. Große Ohren, Spirale, B-Stall, Rollen und Nicken können wir nun in freier Wildbahn weiter trainieren, wir kennen unseren Schirm besser, besonders dessen Verhalten bei Deformationen, haben mehr Vertrauen in unsere Fähigkeiten und die Flugeigenschaften unseres Materials gewonnen und sind damit, denke ich, gut gerüstet für die Saison. Klar ist auch, dass es absolut sinnvoll ist, so ein Training in regelmäßigen Abständen zu wiederholen und vielleicht neue Manöver zu fliegen, um den Werkzeugkasten weiterzuentwickeln.

Entgegen aller Befürchtungen zum Ende der Osterferien, kommen wir staufrei über den Brenner und damit rechtzeitig in unser Stammgasthaus, worauf ich mich ehrlich gesagt auch schon den ganzen Tag freue. Allen Bedenken zum Trotz geht damit eine sensationelle Zeit mit vielen, vielen neuen Eindrücken, unerwartet vielen Flügen, vielen tollen neuen Menschen und auch die erste Ausfahrt mit unserer mobilen FeWo zu Ende.

Sicherheitstraining mit der Flugschule Achensee am Idrosee, 23.04.-27.04.2025

Seit wir uns im Juli 2024 jeweils einen Advance Theta ULS in der Kategorie Mid-B angeschafft hatten und seither fast ausschließlich mit diesem Schirm geflogen sind, war unterschwellig die Idee da, dass es klug wäre, damit erneut ein Sicherheitstraining mitzumachen, um den im Vergleich zum Advance Pi3 doch sehr viel leistungsfähigeren Schirm besser kennen zu lernen. Wie jeden Herbst so haben wir auch in 2024 das folgende Jahr soweit durchgeplant, wie es für die Kinderwochenenden im Saarland und in der Folge zwecks Abstimmung mit der anderen Sorgeberechtigten nötig ist und dabei gleichzeitig ein Auge auf mögliche Zeitfenster für ein Sicherheitstraining geworfen. Und so buchten wir bereits im Oktober 2024 den noch freien Termin bei der Flugschule Achensee für Mitte/Ende April 2025 am Idrosee mit der Hoffnung, dass der Wettergott uns nicht in die Suppe spuckt, wie er es beim ersten Training getan hat und buchten auch gleich eine Ferienwohnung, die etwas näher zum Ort des Geschehens gelegen ist.
Im Frühjahr 2025 kam eine weitere Komponente hinzu: Nachdem unsere lieben Freunde Lotte und Stefan im vergangenen Jahr einen Pickup mit Wohnkabine angeschafft hatten, ist der langjährig existierende Wunsch nach so einer Kombi auch bei uns erneut aufgeflammt und ganz besonders bei mir auch die Erkenntnis, dass Leben endlich ist und das letzte Hemd keine Taschen hat. Also worauf warten, es wird schon irgendwie gehen. Plan gemacht, finanzielle Möglichkeiten analysiert, Must Haves besprochen und einfach gemacht. Long story short, es kam im März 2025 ein Wochenende vorbei, an dem sämtliche Ereignisse diesbezüglich zu Ergebnissen führten: Altes Auto verkauft, neues Auto und Wohnkabine gefunden und eingekauft, etwas später die notwendigen Umbauten am Auto machen lassen und zack, am Ostermontag, einen Tag vor Abfahrt zum Idrosee, stand unsere neue mobile Ferienwohnung fertig zum Start in der Einfahrt. Die Fahrt zum Sicherheitstraining kann pünktlich starten inklusive Bauchkribbeln und der Spannung, wie das wohl so ist mit diesem Gefährt.

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