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Alex und Manuel sind die ganze Woche schon unterwegs auf ihrer „Flugreise“, doch mit viel fliegen war wenig, denn es zog eine Regenfront über die Alpen, die sich leider nicht von der Südseite fernhielt. So sah es auch noch aus, als Astrid und ich uns donnerstags auf den Weg machten. Den ursprünglichen Plan, bereits mittwochs nach der Arbeit loszufahren, verwarfen wir ziemlich schnell, denn es gab keinen Grund sich zu beeilen. Das Wetter blieb mindestens bis inklusive Freitag schlecht mit Dauerregen, niedrig hängenden Wolken, kalten Temperaturen und zu viel Wind fürs Fliegen, weswegen wir einfach den Donnerstag als Reisetag auserkoren hatten. Zu Hause bleiben war keine Option, denn dort reichten die schlechten Aussichten bis über den Sonntag hinaus und mit der Reise hatten wir eine kleine Chance, ab wahrscheinlich samstags fliegen zu können. Also los. Wir buchten nur nochmal unsere Ferienwohnung um, als wir bei genauerer Betrachtung feststellen, dass es in der ersten Wohnung weder Heizung noch Internet gibt. Die Zweite hatte dann wenigstens einen Holzofen und auch Internet.
Die Fahrt vom Ostallgäu nach Meduno ist eine kleine Weltreise, egal welchen Weg Frau wählt, denn eine Direttissima existiert nicht. Aus ökologischen Gründen entschieden wir, den kürzesten Weg zu nehmen, denn Zeit hatten wir ja und die Variante über die Autobahn wären über 100km mehr gewesen auf denen wir natürlich auch schneller gefahren wären und mehr Sprit durchgebracht hätten. So lernen wir Ecken kennen, von denen ich nicht mal wusste, dass sie existieren. Der Plöckenpass zum Beispiel über den frau von Kötschach-Mauthen aus nach Italien kommt. Ich erinnere mich, dass ich vor über 30 Jahren schon mal hier gewesen bin und die Gail mit dem Wildwasserkajak paddelte. Es ist diesig und regnerisch als wir über den Pass fahren und es erscheint ein wenig wie das Ende der Welt, wenn da nicht ab und zu ein Auto oder Wohnmobil entgegenkäme. Unsere Ferienwohnung liegt nicht direkt in Meduno und weil das Navi im Auto den Ort Castello di Friuli nicht kennt, übernimmt Google die letzten Meter, die uns über eine Microstraße durch gefühlt dichten Urwald führen, nachdem wir im letzten größeren Ort alles Notwendige für eine ordentliche Pasta eingekauft hatten. Alex und Manuel kommen an diesem Abend spät vom Idrosee gefahren, nachdem sie auf einem Klettersteig dort gut durchgewaschen wurden und wir luden sie ein, gemeinsam mit uns zu futtern. Das ging sich dann auch gut zusammen, wir saßen bis spät in die Nacht zusammen und konnten nach Mitternacht sogar Alex noch zum Purzeltag gratulieren. Sie blieben mit ihrem Bus einfach hinterm Haus stehen. 
Was wir jedoch lernten war, dass das Haus bzw. die Wohnung direkt nebenan gerade Baustelle ist und eine energetische Sanierung durchgeführt wird. Es war schon ziemlich nervig an dem späten Nachmittag, als ständig die Schlagbohrmaschine angeworfen wurde und ich ahnte, dass es am nächsten Tag grad so weiter geht. 
Das Frühstück am nächsten Tag sollte nicht so früh starten, weil fliegen wegen des Dauerregens sowieso nicht geht und wir im Prinzip nichts anderes auf dem Plan hatten, als Start- und Landeplatz zu besichtigen, noch die Dinge einzukaufen, die fehlten und ein Restaurant für den Abend auszusuchen, um den Geburtstagstag angemessen enden zu lassen. Die Handwerker von neben an waren am nächsten Morgen der Meinung, dass 7:30Uhr ok ist, um wieder die Schlagbohrmaschine anzuwerfen und die Betonwände, die alle Wohnungen miteinander verbinden, taten ihr übriges, den Aufenthalt in der FeWo nahezu unerträglich zu machen. Blöd. Weglaufen war aber irgendwie auch nicht, denn es regnete praktisch durchgehend. Frühstück mit viel Lärm und dann machten wir uns trotz Regen auf den Weg, um ein paar Informationen zum Fluggebiet einzuholen, lernten, dass es zwei Landeplätze gibt, einer am Campingplatz Ai Pradons und einer etwas weiter südlich an der gleichen Straße mit mehr Fläche, der auch der eigentliche öffentliche Landeplatz ist, sowie dass seit Anfang des Jahres erstmals eine Flying Card eingeführt wurde, mit deren Erwerb frau sich quasi als Pilotin legitimiert und mit der alle Landeplatzgebühren für ein Jahr bzw. eine Saison abgegolten sind. Wir planen, uns die Karte noch am Abend im Restaurant des Campingplatzes zu beschaffen, denn die kann dort ausgestellt werden und dort wird superlecker gekocht.
Nach der Landeplatzbesichtigung schauen wir noch nach einem Supermarkt, der allerdings in der Mittagspause war und entscheiden, mal die Straße zum Startplatz hochzufahren, um auch den noch in Augenschein zu nehmen. Eine Bahn gibt es leider nicht. Alle, die Starten wollen, müssen irgendwie zu Fuß oder mit dem Auto rauf. Beides ist ziemlich mühselig, wie wir später lernen. Mit dem Auto vom Landeplatz zum Startplatz dauert es auf der kleinen Straße fast eine halbe Stunde einfach und zu Fuß durch die Berghänge braucht frau etwa 2 Stunden. Es gibt mehrere Shuttleservices, die jedoch keine regelmäßigen Abfahrtszeiten haben und eher nach Bedarf 2-3 mal am Tag pendeln. Die Parkmöglichkeiten am Startplatz sind sehr begrenzt, doch heute ist niemand da. Nebel und Wolken wabern über den Starthang, der sehr großzügig und lieb erscheint, weil breit, lang und ganz homogen geneigt, aber leider vollgeschissen ist. Eine Herde Kühe wohnt hier. Unverkennbar. Mein weißer Pi3 tut mir jetzt schon leid, aber es wird schon irgendwie gehen. Eine hölzerne Startrampe für Drachenflieger gibt es ebenfalls und wer will, kann sein Zeug auch bis zum Gipfel hochtragen und dort starten. Soweit alles klar. Es geht zurück zur Ferienwohnung, wo immer noch fleißig gebohrt und gehämmert wird. Den Nachmittag vertreiben wir uns mit Kuchenbacken, denn Geburtstagskuchen muss schon sein. Astrid hat zu Hause bereits alle Zutaten abgemessen und eingepackt, inklusive der Äpfel vom eigenen Bäumchen, sodass kurze Zeit später ein superleckerer, saftiger Apfelkuchen den Ofen verlässt und vernascht wird. 
Am Abend fahren wir nochmal los, um am Campingplatz in der Nähe des Landefelds schön Essen zu gehen. Die Küche des Ai Pradons ist wirklich sehr gut, der Service supernett. Pizza sucht Frau hier vergebens, doch es ist ja auch keine Pizzeria, sondern ein Restaurant mit kurzer Karte und überwiegend regionalen Produkten. Bevor wir das Lokal verlassen, sprechen wir die nette Frau vom Service auf die FlyCard an und sie bestätigt, dass wir die Karte hier gegen 15€ Jahresgebühr bekommen können, nachdem wir ein kleines Formular mit Fluglizenznummer, Versicherung, Verein, etc. gefüllt haben. Die ausgestellte Karte sei dann bis Ende 2022 gültig. Nachträglich wissen wir, dass es klug gewesen ist, das gleich hier zu erledigen, denn am nächsten Tag gingen diese Karten am Landeplatz aus.

Am nächsten Morgen, es ist bereits Samstag, fahren wir bei trübem Wetter sehr früh los zum Landeplatz, um ein Auto stehen zu lassen und mit dem zweiten zum Startplatz hochzufahren. Unten werden bereits morgens die Parkplätze knapp und es scheint auch so zu sein, dass manche hier in ihren Wohnmobilen übernachteten. Eine knappe halbe Stunde später erreichen wir den Startplatz, an dem sich eine ähnliche Situation zeigt. Nicht wenige haben hier oben übernachtet. Noch ist der Startplatz in den Wolken und die Sicht nach unten versperrt, doch der Nebel lichtet sich bald und wir starten zu einem ersten Abgleiter gegen 10 Uhr, weil der angekündigte Hangwind noch nicht wirklich eingesetzt hat. Für einen ersten Flug ist mir das aber ganz recht, obwohl ich an mir selbst beobachte, dass ich schon gar nicht mehr so schlimm aufgeregt bin vor und während des Startens, wie das sonst der Fall gewesen ist. Das Fluggelände ist ganz gut überschaubar, der Landeplatz in der Ferne eindeutig zu erkennen und die einzige Herausforderung besteht erstmal nur darin, den weißen Pi3 nicht in die Kuhhaufen zu drapieren. Wenige Minuten später bin ich nach einem einwandfreien Start in der Luft, versuche mich gleich zu entspannen als ich merke, dass ich wieder total angespannt im Gurtzeug klemme und steuere sofort in Richtung Landeplatz. Aufwind und Thermik gibt es nicht und so ist der Flug sehr ruhig und nach 6-7 Minuten fliege ich bereits einen ersten Positionskreis und bereite mich aufs Landen vor. Die gelingt sehr gut, ich treffe komfortabel die Landewiese und kann schon sehen, dass der Betrieb deutlich zugenommen hat. Mehrere Flugschulen sind eingetroffen, sogar eine für Drachenflieger:innen aus der Schweiz und es wuselt ganz ordentlich. 
Als wir nochmal zum Startplatz kommen, haben sich Pilot:innenmenge und Startbedingungen ebenfalls deutlich verändert. Parken geht kaum noch, die Fläche vor dem Startplatz ist voll mit Menschen, der Starthang selbst ebenfalls und unmittelbar um den Startraum fliegen jede Menge im Aufwind, der nun so stark die Startwiese anströmt, dass mir sofort klar wird, ich werde hier so schnell nicht wieder starten. Das Parawaiting geht los. Mir sind viel zu viele Pilot:innen in der Luft auf engem Raum. Sie fliegen teilweise im Nebel und in den Wolken rum, dass es mir ganz anders wird. Astrid bemerkt in einer anderen Gruppe Katrin, die wir vom Frauenfliegenfest in Lenk kennen. Auch sie hat uns erkannt und wir quatschen ein wenig. Sie und ihre Begleitung sind schon die ganze Woche mit einem Thermikkurs einer Flugschule unterwegs, doch mit Thermikfliegen ging sich bisher gar nichts aus, weswegen die Schule entschied, es in Meduno mit Soaren zu versuchen. Wir verbringen einige Zeit mit Beobachten, doch wenn ich mir die Wetterdaten so ansehe, werde ich frühestens ab 16Uhr nochmal starten können, wenn der Wind etwas nachgelassen hat. Im Moment flattern die Windsäcke waagerecht, was einer Geschwindigkeit von 25-30km/h entspricht.
Wir entscheiden, die Autos wieder so umzuparken, dass wir später wieder fliegen können und danach ein Auto unten ist, damit wir nicht auf den Shuttlebus angewiesen sind, von dem keiner weiß, wann er fährt. Am Landeplatz angekommen, laden wir unsere Schirme zu Alex und Manuel in den Bus, denn Astrid und ich entscheiden, zu Fuß hoch zum Startplatz zu gehen, damit wir uns wenigstens ein bisschen bewegt haben, dabei aber nicht unsere Ausrüstung tragen müssen. Wir waren beide erkältungsmäßig etwas angeschlagen in den Tagen vor der Reise. Vom Landeplatz aus führt mit ein bisschen Suchen ein Pfad zuerst an der nahegelegenen Burgruine vorbei und dann weiter den Hang hinauf auf den Grat, teilweise sehr steil durch urwaldähnliche Abschnitte. Wegen der Regentage ist es ziemlich dampfig und rutschig, der Pfad ist stellenweise nur sehr schwach zu erkennen, manche Dornensträucher hinterlassen Spuren auf unserer Haut. Alles in allem aber sehr schön und abwechslungsreich. Rund zwei Stunden und knapp 800 Höhenmeter später kommen wir oben am Startplatz raus, wo immer noch viel los ist. Viele Drachenflieger:innen haben aufgebaut, doch es starten nur wenige von ihnen. Der Wind hat etwas nachgelassen und nachdem Astrid und ich uns trockengelegt haben, tragen wir unser Zeug zum Startplatz, machen uns nochmal fertig und starten per Rückwärtsaufziehen in unseren zweiten Flug für heute. Mein zweiter Rückwärtsstart ever gelingt sauber. Ich bin ein wenig stolz. Wenn es um Windgeschwindigkeiten geht, traue ich mir noch nicht so viel zu. Deswegen freut es mich umso mehr, dass es geklappt hat. Alex und Manuel starten ebenfalls und kurze Zeit später sind wir am Landeplatz wieder vollzählig. Ich bin nicht ganz sicher, doch soweit ich weiß legte Manuel noch eine Toplandung am Startplatz hin. Das soll da vergleichsweise einfach sein und bietet sich deswegen zum Üben an, doch ich für meinen Teil bin erstmal froh, dass das „normale“ Starten und insbesondere das Landen für meine Verhältnisse wirklich gut läuft. Einmal müssen wir noch hoch, um den Bus von Alex und Manuel zu holen und als wir oben angekommen sind, entscheiden die beiden, nochmal runter zu fliegen. Es dämmert bereits als sie starten, doch der Landeplatz ist noch einwandfrei erkennbar. Astrid und ich bringen die beiden Autos nach unten, sammeln die zwei anderen ein und dann wird es höchste Eisenbahn, um noch zu Öffnungszeiten in den einzigen kleinen Supermarkt auf dem Weg zur FeWo zu kommen, denn heute kochen wir selbst und haben noch nix da. Wir schaffen’s gerade so und so kommt am Abend eine leckere Gemüse-Tajine auf den Tisch. 

Sonntagmorgen. Heute geht’s nicht so früh los, denn der Wind wird erst ab etwa Mittag gut anstehen, sagt die Burnair App. Die ursprünglich sonnige Vorhersage hat sich ein wenig verschlechtert und wir müssen immer wieder mit einem wolkenverhangenen Startplatz rechnen. Deswegen starte ich in meinen ersten Abgleiter eine gute Stunde später als am Vortag. Danach ist erstmal wieder Parawaiting, weil der Startplatz immer wieder mal im Nebel liegt, was jedoch nur wenige vom Starten abhält. Der Himmel ist gut gefüllt zwischendurch und als mal so ein ganzer Pulk in einer Wolke verschwindet, kann ich nicht mehr hinsehen. Mich hätte es nicht gewundert, wenn es zu Kollisionen gekommen wäre, doch es ging gut aus. Erst am fortgeschrittenen Nachmittag starte ich erneut, versuche, an der Hangkante etwas von dem Aufwind abzubekommen, doch ich stochere so ein bisschen im Nichts herum. Kein Steigen. Ich bemerke jedoch, dass inzwischen ein relativ starker Talwind eingesetzt hat und entscheide mich dazu, auf mehr oder weniger direktem Weg zum Landeplatz zu fliegen. Die Flugstrecke beträgt inklusive einer halbwegs großzügigen Landevolte so um die 4,5km was bei einem Höhenunterschied von knapp 800 normalerweise auch mit einem Anfängerinnenschirm komfortabel ausreicht. Bei Gegenwind zum Landeplatz sieht die Sache allerdings anders aus. Wenn der Schirm nur noch mit 10-15km/h vorwärts fliegt, geht die Höhe ziemlich schnell aus. Als ich am Landeplatz ankomme, fliege ich direkt in eine kurze Landeeinteilung ohne Positionskreise, lande dann auch gleich ganz sanft und informiere Astrid über Funk über die Windverhältnisse am Landeplatz. Mangels Funk kann ich die anderen beiden leider nicht informieren und so landet Manuel bei einem seiner Flüge einen Landeplatz früher am Campingplatz und Alex muss leider das angrenzende Bohnenfeld nehmen, weil sie gar nicht mehr vorwärts kam. Damit war sie allerdings nicht die einzige. Ein weiterer Flug geht sich an diesem Tag noch aus. Meine Landungen sind super. In fünf Flügen keine Popolandung. Ich lerne so langsam auch, was mir mein Variometer so anzeigt und ich beginne damit, die Informationen für meine Flüge zu nutzen. Natürlich nur in sehr kleinen Schritten, aber immerhin. Nachmittags traf noch ein Spezl von Alex und Manuel, Christian, ein. Er fliegt schon recht lange und gibt seine Erfahrungen immer wieder auch insbesondere an Manuel weiter, der in den vergangenen Monaten hin und wieder mit ihm fliegen gewesen ist. Ein angenehmer Mensch, wenngleich ich sein Pinzgauerisch kaum verstehe. 
Für heute Abend ist Pizzaessen auf dem Plan. Gut und einfach mit einem Becher Bier dazu. Ich weiß nicht woran das liegt, dass Pizzerien in Deutschland häufig nur so Gummifladen mit ein bisschen irgendwas hinbekommen. Ist es so schwer, eine knusprige, fein belegte Pizza mit Geschmack zu zaubern? Anscheinend schon. An diesem Abend ist es gelungen. Gemütlich ist’s zwar nicht, eher ein Takeaway-Lokal, aber die Pizzen sind sensationell lecker. Ein kleiner Laden neben dem kleinen Supermarkt in Travesio. Gut gesättigt fahren wir alle zu unserer FeWo, wo Alex und Manuel und jetzt auch Christian mit ihren Bussen einfach hinterm Haus über Nacht stehen können. Wir trinken noch ein Bier, quatschen und schauen die Wetterprognose für den nächsten Tag an. Die Sonne soll endlich mal rauskommen und, wenn die Prognose zutrifft, soll es auch einen moderaten Aufwind mit eventuell ein bisschen Thermik ab etwa Mittag geben. Das wäre ja mal was. Alle meine letzten fünf Flüge bestanden nur aus Starten, Runterfliegen und Landen. Das wird ein bisschen langweilig mit der Zeit, denn auf so einem ruhigen Flug ist halt auch nicht viel zu tun. Manchmal rolle und nicke ich zwar mal oder ziehe die Ohren ein, doch mal oben bleiben, bisschen schauen müssen, wo es weiter rauf geht und mal in Thermiken ein- und ausfliegen würde die Sache sehr viel spannender machen.

Der letzte Tag ist ein Montag. Der 3. Oktober und wie Frau sich vorstellen kann, sind Start- und Landeplatz fest in deutscher Hand. Die tschechische Flugschule sowie die meisten Österreicher sind abgereist. Leer ist es dennoch bei Weitem nicht. Auch die Dracheflieger:innen aus der Schweiz sind noch da. Der erste Flug ist erneut einfach nur ein „Starten, Landeplatz erreichen, landen“-Flug für alle. Der zweite Flug ist dann allerdings anders. Ich erwische ein wenig Aufwind, fliege aber nicht konsequent genug, um ihn weiter auszunutzen, was Astrid hingegen viel besser gelingt. Ich sehe sie irgendwann weit über mir als ich weiter unten noch vor dem Hang entlang kratze. Sie erwischt zusätzlich einen Thermikbart, der mir zwar auch im Variometer angezeigt wird, doch zwischen mir und dem Bart liegt leider eine Felskante. Sie schafft es, einige Runden darin zu drehen und weiter hoch zu kommen. Das freut mich für sie. So macht fliegen gleich viel mehr Spaß. Von allen anderen weiß ich zu dem Zeitpunkt nix und nach ein paar Mal am Hang kreuzen geht mir so langsam die Höhe aus. Der Flug dauerte trotzdem doppelt so lange als alle anderen vorher, was ich für mich auf jeden Fall als ein äußerst positives Erlebnis abspeichern kann. Die Landung ist Zucker und dann warte ich auf die anderen. Astrid kommt gute 10 Minuten nach mir zum Landen. Alex folgt und auch Katrin ist schön geflogen und kommt zum Landen. Nur von den anderen beiden wissen wir so gut wie nichts. Christian meldete sich zwar zwischendurch per Telefon und meinte, Manuel würde wohl zum Landen kommen, weil er abgesoffen ist, doch am Himmel ist nichts von ihm zu sehen. Kontakt herstellen geht wegen des fehlenden Funks auch nicht und so sitzen wir ewig rum und warten ins Ungewisse. Astrid und ich hatten uns eine Startzeit fürs Heimfahren gesetzt und mit der Warterei wird schnell klar, dass sich für uns kein dritter Flug mehr ausgeht, wenn wir nicht erst spät in der Nacht nach Hause kommen wollen. Blöd. Diese elend langen Auffahrten in diesem Fluggebiet können richtige Showstopper sein. Als es dann auf 14Uhr losgeht, wo wir eigentlich die Heimfahrt starten wollten, und immer noch nix von den beiden anderen gekommen ist, schlage ich vor, dass wir Alex und Katrin halt einfach nochmal hochfahren. Dann haben wenigstens sie alle Möglichkeiten, weil alle anderen Autos außer unserem, am Startplatz stehen, auch wenn das für uns einen wesentlich späteren Start bedeutet. Der Shuttlebus ist, wie die Tage zuvor, ein eher zufälliges Ereignis. 
Unser Auto ist bloß bereits für die Heimfahrt gepackt, also räumen wir es soweit leer, dass außer der Fahrerin noch zwei mit Schirm mitfahren können und Astrid startet mit den beiden nach oben, während ich auf der Landewiese mit unserem Zeug bleibe. Immerhin scheint die Sonne und ich breite mir eine Yogamatte aus, mache es mir bequem und schaue mal nach dem Weg. Eine knappe Stunde später ist Astrid wieder da und wie vermutet, sind Christian und Manuel oben Top gelandet. Wir haben umsonst gewartet. Priml. Zeug wieder ins Auto und los. Wenigstens gibt’s auf der Fahrt nicht mehr ganz so viel Stau und Zirkus, wie auf dem Hinweg. Mit Stopp im Supermarkt und an der Tankstelle schaffen wir es, gegen 22 Uhr an unserer Holzhütte im Ostallgäu zurück zu sein. Bereits auf der Fahrt stellte ich mir die Frage, ob so weit fahren für so wenig fliegen schlau ist. Diese geplanten Fliegeausflüge haben im Grunde den gleichen Charakter, wie die Kurse während der Ausbildung. Ob fliegen geht, weiß Frau erst, wenn sie da ist und inhaltlich ist es dann irgendwie immer das gleiche. Der Betrieb am Start- und Landeplatz in Meduno ist identisch mit dem an einem fliegbaren Sonntag am Tegelberg, obwohl es hieß, Meduno sei etwas weniger stark frequentiert, wie z.B. das nahegelegene Bassano. Dann weiß ich schon, wo ich sicher nicht zum Fliegen hinfahre. So besonders attraktiv ist die Kulisse darüber hinaus auch nicht. Da hat’s mir im Hochgebirge im Wallis besser gefallen und dort ist das Fliegen an sich sehr viel anspruchsvoller. Ein paar schöne Tage waren’s trotzdem, gelernt habe ich auch viel und -mir besonders wichtig- alle Landungen gingen ohne Stolperer oder Bodenkontakt mit den Extremitäten aus. Und wir starteten mehrmals erfolgreich per rückwärts aufziehen. Und ich durfte ganz viel Freizeit mit meinem Lieblingsmenschen bei den Dingen verbringen, die uns beiden Spaß machen.

Flugreise nach Meduno in Italien, 29.09.-03.10.2022

Kurz nachdem wir unsere Fluglizenzen zugesandt bekommen haben, fragten Alex und Manuel, ob wir Ende September zum Fliegen nach Meduno mitkommen wollen. Sie hätten über ihren Verein in Saalfelden die Info bekommen, dass es dort ganz fein zum Hangsoaren sein soll aber gleichzeitig nicht so überlaufen ist wie Bassano. Eine ganze Woche konnten wir dafür nicht freinehmen, doch 2 Tage, um das eh schon lange Wochenende zu verlängern, waren drin. Wir lernen ein neues Fluggebiet kennen. In Italien.

Nachdem wir unsere Flugprüfung bestanden hatten und unsere Lizenz wenige Tage später in den Händen hielten, waren wir ein bisschen stolz, es trotz einiger Unwägbarkeiten doch noch vor dem Frauenfliegen in Lenk geschafft zu haben. Von der Veranstaltung hörte ich das erste Mal, als ich mit Katrin Ganter in Kontakt kam. Schuld war Erika Dürrs Podcast ulligunde (p)lauscht, in dem wir beide in jeweils einer Folge zu hören sind (meine Folge ist im Blog verlinkt) und so bestand der Wunsch, daran teilzunehmen schon eine ganze Weile. Der Pferdefuß war einfach nur, ob wir bis dahin unsere Lizenz haben. Diese Frage war ja nun beantwortet, weswegen wir quasi unmittelbar nach der bestandenen Prüfung die Anmeldungen auf den Weg brachten.
Einige weniger gute Erfahrungen im Hinblick auf meine Transidentität, wenn ich meinen kleinen Kosmos zu Hause verlasse, ließen in mir ein paar Zweifel aufkommen, ob es eine gute Idee ist, an so einem Event teilzunehmen, wo mehr oder weniger ausschließlich Frauen anzutreffen sein werden, von denen ich nicht weiß, wie sie zu dem Thema eingestellt sind. Es gibt ja wirklich radikale feministische Exemplare, die sich nahezu bedroht fühlen von Menschen wie mir, die mir den Aufenthalt ganz schön vermiesen könnten. Mein Kopf schon wieder. Ich nehme zu Katrin Kontakt auf, um ihre Meinung dazu zu erfahren. Ich solle einfach kommen und mir keine Gedanken machen. Es wird gut.

Ursprünglich hatten wir vor, erst freitags zu Hause loszufahren, doch nachdem wir einen Blick aufs Programm geworfen hatten, verlängerten wir die gebuchte Ferienwohnung um einen Tag nach vorne, damit wir die Anmeldung und das Freitagsvormittagsprogramm nicht verpassen. Hieß auch, donnerstags nach der Arbeit starten und spät am Abend an der FeWo ankommen. Wir hatten ein wenig Mühe, das unbeleuchtete alte Häuschen ohne erkennbare Hausnummer bei Dunkelheit und Regen zu finden, doch so viel Auswahl gab es nicht und nach einer kurzen Suche zu Fuß im Dunkel fanden wir den Eingang. Über die Unterkunft war ich ein klein wenig entsetzt und hatte große Lust, für die nächsten Nächte etwas anderes zu suchen. Das Mobiliar war aus den 50iger Jahren des letzten Jahrhunderts, das Licht in der Küche bestand aus einer nackten Industriehallennoenröhre und es gab kein Internet. Gemütlich geht definitiv anders. Die Suche nach was anderem endete sehr schnell, denn zum einen gab’s fast nix mehr und was zu haben war, lag preislich in einem für mich unerreichbaren Universum. Eine Alternative hätte noch sein können, sich im Massenlager im Kurs- und Sportzentrum in Lenk, kurz Kuspo, unterzubringen, wie viele der anderen Teilnehmerinnen, aber dazu hätte ich meine Komfortzone sehr weit verlassen müssen. Na ja, wird schon irgendwie gehen. Die erste Nacht in einem schlimm knarzenden Bett, in dem frau fast hätte seekrank werden können, war nicht erholsam. Noch am Abend kam eine Planänderung des Programms per Telegram-Nachricht, dass wegen des regnerischen Wetters alles erst 3 Stunden später startet. Mit fliegbarem Wetter rechnete niemand an diesem Tag und so wurden auch die eigentlich für den Abend geplanten Vorträge kurzerhand auf den Nachmittag vorgezogen. Darüber war ich nicht traurig. Es machte möglich, dass wir an diesem regnerischen Freitagmorgen ohne Eile in den Tag starten konnten mit einer heißen Dusche, lecker Frühstück, Zeit, um noch ein paar Dinge im Coop zu beschaffen, weil wir uns die Option offenhalten wollten, im Zweifel selbst zu kochen, statt das inkludierte Abendessen im Kuspo einzunehmen, und dann tuckerten wir nach Lenk, wo ab 11 Uhr die Anmeldung startete. Ich fand’s ein bisschen aufregend, als ich mich das erste Mal unter all die Frauen wagte, einen Grund dafür gab es jedoch nicht, wie ich sehr schnell bemerkte. Als erstes trafen wir noch am Parkplatz auf Katrin, die einen lustigen bunten Rock aus lauter Tüllstreifen trug. Wir lernten später, was es damit auf sich hat. Und dann ging’s zur Anmeldung, wo reges Treiben herrschte. Das zweite uns bekannte Gesicht tauchte auf, Vreni. Vergangenes Jahr trafen wir uns zufällig am Hündlekopf, wo wir sie beim Aufstieg begleiteten und uns die gute halbe Stunde sehr angeregt unterhielten. Einfach so. Wir blieben über Facebook lose in Kontakt und wir erfuhren lange vor dem Event, dass sie auch dort sein wird. Im Gegensatz zu uns nimmt sie aber nicht einfach nur teil, sondern ist ganz ordentlich in Organisation und Koordination mit eingespannt, weswegen sie an der Anmeldung hinter dem Tisch steht. Die erste herzliche Umarmung folgt. Volle lieb. Nach dem Scannen unseres QR-Codes auf dem Ticket, füllen wir noch eine Teilnahme am Gewinnspiel mit aus, es gibt einen Groundhandling-Schirm zu gewinnen, und werden von der lieben Frau vom Nova-Stand mit kleinen Präsenten überhäuft. Der Wahnsinn. Damit ist der Teil Anmeldung erledigt, doch es ist noch so viel Zeit übrig bis die Begrüßung stattfindet. Zufällig haben zwei Frauen von der Firma ParaCyclage hier schonmal ihren Verkaufsstand provisorisch eingerichtet. Sie sind auf die Idee gekommen, dem hochwertigen Tuch ausgemusterter Schirme ein zweites Leben zu schenken, indem sie lauter coole Sachen daraus schneidern. Vom kleinen Geldbeutel, über eine „Ich-verliere-mein-Smartphone-nicht-beim-Fliegen“-Schnur bis hin zu gefütterten Kapuzenjacken, Taschen, Umhängebeutel, Windjacken, mit Ärmel, ohne Ärmel, mit Kapuze oder ohne. Wir stöbern, finden natürlich auch was und lernen, dass die beiden später ihren Stand zum Landeplatz umziehen werden, wo sie uns quasi die ganzen 3 Tage zur Verfügung stehen. 
Als wir bemerken, dass die Wolken sich ein wenig verzogen hatten und sogar die Sonne mal blinzelt, gehen wir ein wenig vor die Tür und sind sofort in Gespräche verwickelt. Es gibt bezüglich mir, so nahm ich das bis dahin wahr, überhaupt keinerlei Aufregung. Das ist toll. Ein paar neugierige Blicke gibt’s schon, doch ich sehe den Menschen normalerweise an, ob es Neugier oder Unverständnis bzw. Ablehnung ist. Letzteres ist aber allen hier völlig fremd. Später und im Verlauf der nächsten Tage gibt es einige Frauen, die ganz interessiert auf mich zu kommen und mehr über mich erfahren wollen und wir quatschen viel und lange über alles mögliche.

Bei der Begrüßung, die dann sogar draußen stattfinden kann, weil es grad nicht mehr regnet, erklärt Katrin, was es mit dem lustigen Rock auf sich hat. Er ist nämlich eine Art Wandertrophäe für dieses Wochenende, bei dem die Trägerin nach eigenem Ermessen den Rock an Menschen weitergeben darf/soll, wenn sie der Meinung ist, jemanden gefunden zu haben, der diese Ehre aus welchen Gründen auch immer verdient. Eine witzige Idee. Es folgt noch ein Maori-Tänzchen, um besseres Wetter zu bewirken, und ein Gruppenfoto von allen Anwesenden ist noch zu schießen, bevor wir in den Nachmittagsteil mit einigen sehr interessanten Vorträgen einsteigen. So spricht Fatemeh aus dem Iran über die Zustände im Land und ihre Bemühungen, die sie seit Jahren unternimmt, um für Frauen mehr Rechte zu erlangen und die Schranken in den Köpfen abzubauen. Sie ist eine der ersten Frauen dort, die überhaupt mit dem Gleitschirm auf Strecke gingen und gehen, was erstmal nicht selbstverständlich ist und in der Männerwelt sehr skeptisch betrachtet wird, bis hin zu dem Spruch „Sie sei dann wohl gar keine richtige Frau, wenn sie so etwas tut“. Da braucht’s noch viel Aufklärung und Hartnäckigkeit. 
Vera spricht über ihre Leidenschaft fürs Filmen und Fliegen und hat es als erste Frau geschafft, solche Großveranstaltungen wie die Red Bull X-Alps als feste Kamerafrau begleiten zu dürfen. Frau muss einfach dranbleiben und nie aufgeben, um die eigenen Träume wahr werden zu lassen. 
Und dann war da noch Flavia. Eine sportliche junge Frau, die Skirennen fuhr und nach einem schweren Unfall die Diagnose Querschnittslähmung bekam. Sie springt auf ihren eigenen Beinen vor den Zuhörenden herum und erzählt ihre Geschichte, wie sie in kleinen Schritten während der letzten Jahre irgendwann wieder aus dem Rollstuhl heraus auf die Ski drauf kam und heute ein fast normales Leben führen kann. Sehr beeindruckend. Die Botschaft der Vorträge ist eindeutig: Gib nicht auf und tue, wonach dir ist, egal, was die anderen sagen, sei dir genug und bleib unbequem. Der bis dahin sehr inspirierende Nachmittag wird damit fortgesetzt, dass wir zu Fuß ein paar hundert Meter weiter zum Landeplatz an der Metschbahn-Talstation gehen, wo Apero (der schweizerische Begriff für den Appetithappen vor dem eigentlichen Essen inklusive des Austauschs von Informationen und Neuigkeiten zwischen den Teilnehmenden) und diverse Kaltgetränke bereitstehen, insbesondere sind viele, viele Gläser mit Aperol Spritz vorbereitet. Die Sonne lässt sich sogar blicken, was die Sache sehr viel angenehmer macht, denn hier in Lenk, so scheint es, ist der Herbst bereits in vollem Gange. 
Ich inspiziere den Landeplatz und finde erstmal, dass es einer der kleinsten ist, die ich bisher zum Landen zur Verfügung hatte. Er ist praktisch auf allen Seiten so begrenzt, dass es wenig bis keine Ausweichmöglichkeiten gibt, ganz besonders dann, wenn der übliche Talwind eingesetzt hat. Höhe abbauen, sprich die Position, findet laut Info in der burnair App über einer bewohnten Fläche statt, was ich eigentlich immer sehr merkwürdig finde, aber häufig vorkommt. Nun ja. Heute spielt das erstmal keine Rolle, wir nehmen 1,2,3 Aperol Spritz, knabbern am Apero, lernen einige andere Teilnehmerinnen kennen mit denen wir uns vorzüglich unterhalten und so vergeht die Zeit bis zum Abendessen wie im Flug. Ich nehme wahr, so mitten in der großen Gruppe an Frauen stehend, dass meine Transidentität niemanden anhebt und ich so akzeptiert werde, wie ich bin, eine Frau unter anderen Frauen. Das tut richtig gut, ehrlich gesagt. So ein Gefühl kommt nicht so häufig um die Ecke.
Als wir in Richtung Kuspo aufbrechen, wo das Abendessen auf uns wartet, hat sich’s die Sonne wieder anders überlegt. Auf dem Weg beginnt es richtig zu regnen. Das tut dem supernetten Gespräch mit Heidi und Sina aber keinen Abbruch und wir suchen uns ein Plätzchen am gleichen Tisch, um während des Futterns weiter zu babbeln. Kurz bevor sich der Abend aufzulösen beginnt, kommt Judith zu mir rüber und überreicht mir den „Rock der Ehre“ sinngemäß mit den Worten, sie hat sich den Podcast mit mir bei Ulligunde (p)lauscht angehört und ich mit meiner Geschichte hätte es auf jeden Fall verdient, diesen Rock für eine Weile tragen zu dürfen. Ich weiß in dem Moment gar nicht so richtig, was ich sagen soll, nehme ihn dankend entgegen und schlüpfe rein. Auch wenn er ehrlich gesagt etwas albern wirkt, so ist der Sinn dahinter ein klarer Fall und es wäre mir nie in den Sinn gekommen, das Tragen abzulehnen. So sind Astrid und ich dann gut gelaunt mit viel neuem Input in unsere urselige Unterkunft gefahren. Mit der hatte ich mich inzwischen versöhnt, denn wie sich herausstellt, werden wir dort wirklich nur zum Schlafen und Frühstücken sein. 

Am nächsten Morgen sagt der Wetterbericht, dass es eventuell ab Mittag mit Fliegen was werden könnte, allerdings hat es in der Nacht bis auf etwa 1700m runter geschneit und der Morgen schaut eher schon winterlich als herbstlich aus. Kalt ist es auch, doch der Wind soll gut werden. Für den Vormittag konnte Bernie Hertz von Burnair gewonnen werden, der über seine Anwendung bzw. App referierte, die nach meinem Empfinden wirklich neue Maßstäbe in Sachen Werkzeuge fürs Fliegen setzt. Wir nutzen die App bereits seit Beginn unserer Ausbildung, da seiner Zeit Chris Geist die Verbreitung stark vorantrieb. Zu Recht. Bernie redete fast 3 Stunden lang über alle Funktionen, doch es wurde nicht langweilig. Selbst für uns nicht, wo wir dachten, wir wüssten schon ein paar Dinge. Da hat er echt was cooles geschaffen. Gegen Mittag werden plötzlich alle ein bisschen nervös und es kommt Aufbruchstimmung auf. Judith beginnt damit, Tickets für die Seilbahn zu verkaufen, die wir für einen vergleichsweisen kleinen Preis bekommen können. Ich gehe davon aus, die Betreiber der Metschbahn gaben sie zu einem Sonderpreis fürs Frauenfliegen heraus, was ich wirklich sehr nett finde, mal abgesehen davon, dass an diesem Samstag praktisch niemand außer den Fliegefrauen hochgefahren ist. Doch die Bahnbetreiber taten, glaube ich zumindest, noch mehr. So ließen sie die Toiletten an der Talstation extra für uns etwas länger auf, damit wir freitags und samstags während des Aperos eine Anlaufstelle haben. Zurück zum Fliegen. Astrid und ich wollen noch grad mit Bernie reden, weil mein neues Skytraxx sich nicht über einen WLAN Hotspot mit meinem Telefon verbinden konnte, doch seine Anwesenheit allein genügt anscheinend, denn es gelang auf Anhieb. Inzwischen hege ich die Vermutung, der technische K.O. liegt daran, dass es bei uns zu Hause von keiner Sorte irgendein Mobilnetz gibt. Mitten in Deutschland. Als das dann quasi geklärt ist, machen wir uns auf zum Landeplatz, schließen uns nochmal kurz der Landeplatzeinweisung durch Tomoko an, bevor wir uns in die Fliegerklamotten gepackt mit Schirm und Gurtzeug in die Bahn setzen. Mit jedem Meter nach oben wird’s weißer und kälter, was aber erstmal kein Problem darstellt. Nachdem wir oben aus der Gondel gefallen sind, wackeln wir dem Pfad nach zum Startplatz und wir merken unterwegs, dass es mehrere Möglichkeiten gibt, wo wir starten könnten. Der erste Platz ist etwas matschig und ich habe das Gefühl, der Wind steht dort nicht so gut an (ein Problem deutscher Pilotinnen ;-)). Wir entscheiden, zum nächsten, etwas höher gelegenen Startplatz zu gehen, wo die Windfahne gerade perfekte Startbedingungen anzeigt. Das Feld der hinaufkommenden Pilotinnen entscheidet in der Masse anders und geht zum erstgenannten Startplatz. Bei uns allerdings mit dabei ist Christina aus Berlin. Sie hat erst vor wenigen Tagen ihre Lizenz bekommen und steht sozusagen unmittelbar vor ihrem ersten Alleinflug. Das ist eine hohe Hürde, wie Astrid und ich selbst aus jüngster Vergangenheit wissen, doch wir hatten das Glück, bei Sonnenschein in einem uns bekannten Gebiet diesen Schritt gehen zu können. Christina hat ihre Ausbildung in Tirol und in den Vogesen gemacht. Bei dem Wetter in Lenk ist das demnach eine echte Herausforderung. Ich verliere sie jedoch zunächst aus den Augen, als ich mich auf meine Startvorbereitung konzentriere.
Weil genug Platz ist, beginnen Astrid und ich damit, uns startfertig zu machen, Schirm aus dem Rucksack, Rucksack auf links drehen, denn das ist gleichzeitig unser Gurtzeug, Variometer ans Bein, Helm auf, alles, was nicht zum Fliegen gebraucht wird, ins Gurtzeug zurück und dann suchen wir ein Plätzchen, wo wir im Schnee auslegen können. Just in dem Moment, wo ich praktisch startfertig da stehe, dreht der Wind und kommt jetzt von der Seite, sodass ich im Lee stehe. Susi, eine erfahrene Pilotin, die quasi gleich hinter mir auslegen will, weißt mich darauf hin und hilft mir (neben noch einer ganz lieben mir leider Unbekannten), meinen Schirm an einer geeigneteren Stelle wieder startklar zu machen. Da hab‘ ich wieder gedacht, einen Typen hätten frau wahrscheinlich explizit um Hilfe bitten müssen. Hier passiert das fast magisch von alleine. Aber nun ist alles tipptopp, ich ziehe auf und bin nach wenigen Schritten in der Luft. Was ich am Morgen noch für undenkbar hielt, ist nun da. Obwohl Schnee und später Graupel am Startplatz das Bild bestimmen, so sind die Luft und er Wind einwandfrei für zumindest einen Abgleiter. Ich schwebe raus, es gibt ein paar Wildschutzgebiete zu berücksichtigen, die nicht so dicht überflogen werden sollten, doch da bin ich gleich drüber und so hoch, dass es keine Rolle spielt. Fühlt sich gut an. Der Flug ist erwähnenswert ruhig und dauert wegen des großen Höhenunterschieds zwischen Start- und Landeplatz so lange, dass ich auch einfach mal in Ruhe in der Gegend rumschauen kann. Dabei fallen mir zwei Dinge auf: Frau sollte unbedingt auch in der Gegend rumschauen, denn es starten unentwegt weitere Pilotinnen und es wird wichtig, vor Kurven mal einen Blick über die Schulter zu werfen, ob der neue Weg überhaupt frei ist und ich bemerke, dass ich völlig verkrampft in meinem Gurtzeug sitze. Seit Monaten wundere ich mich, dass ich nach dem Fliegen immer Muskelkater im Bauch, in den Oberschenkeln und vor allem in den Fußhebern habe. Das liegt daran, dass ich während der gesamten Flugzeit bei allen meinen bisherigen Flügen immer unterbewusst meine Beine und Füße aktiv hochziehe. Schön, dass mir das nun mal auffällt. Ich versuche mich aktiv zu entspannen. Sehr ungewohnt. Ich habe fast das Gefühl, vorne aus dem Gurtzeug zu rutschen. Doch das nächstgrößere hatte sich damals beim Aussuchen viel zu groß angefühlt und bei beiden reichte die Beinauflage bis maximal Mitte Oberschenkel bei mir. Ich kenne das Problem auch von Autositzen. Da habe ich bei einigen Modellen häufig das Gefühl, nur vorne auf der Kante zu hocken. Doch aus dem Gurtzeug fallen ist nicht möglich, es sei denn, ich hätte es nicht richtig verschlossen, was mir beim Startcheck hätte auffallen müssen. Einfach weiter aktiv loslassen. Es geht. Zumindest bis ich an meine Landeeinteilung komme. Landen ist nach wie vor mein Schmerzthema. Aktuell herrscht wegen der fehlenden Sonneneinstrahlung Bergwind, weswegen eine Rechtslandevolte angebracht ist, deren Endanflug von der Talstation der Bergbahn und vom Parkplatz weg führt und wenigstens eine Ausweichmöglichkeit bietet, wenn frau sich mit der Höhe sehr verschätzt haben sollte. Ich fliege solange in der Gegend rum, bis ich in der Position mit ein oder zwei Kreisen auskomme, behalte während des Peilens auf die Landewiese immer auch mein neues Spielzeug, das Skytraxx 2.1, im Auge, weil ich ein Gefühl dafür bekommen möchte, was während der Landeeinteilung ganz passable Höhen über Grund in Zahlen sind. Landen hängt natürlich von ein paar mehr Faktoren ab, als nur von der Höhe, doch ich möchte trotzdem wissen, was gute Anhaltspunkte sind, wenn so ein Ding schonmal an Board ist. Außerdem fand ich es ganz hilfreich als es darum ging, zu wissen, wo der Wind herkommt. Ich tue mich häufig schwer damit, während der Landeeinteilung die Windfahnen zu finden und deren Verhalten zu interpretieren, wobei es meist an erstgenanntem scheitert, weil die Dinger einfach oft von oben nicht oder nur schwer zu sehen sind. Ein Plus für die Technik. Mit etwa 25 Meter über Grund biege ich in den Endanflug ein, treffe den Landeplatz komfortabel und hätte bloß ans Laufen denken sollen, dann wäre es gut geworden. Irgendetwas ist in mein Hirn eingebrannt, was mich dazu veranlasst, mit hartnäckiger Dummheit auf beiden Füßen zu landen. Wenn frau mit ein paar km/h aber ankommt, sollte sie laufen können nach dem Aufsetzen und nicht versuchen, stehen zu bleiben. Also da gibt es noch viel Potenzial für Verbesserungen. Wir hatten allerdings zu dem Zeitpunkt auch fast keinen Wind mehr. Mit etwas Gegenwind geht stehenbleiben sogar meist. Egal. Der erste Flug fürs Wochenende war ein Erfolg. Astrid landet wenige Minuten hinter mir und wir entscheiden, gleich nach dem Zusammenpacken wieder hochzufahren. Bis zum Apero und Aperol Spritz ist noch viel Zeit übrig.

Eine voll nette Pilotin aus dem Wallis, an deren Name ich mich leider nicht erinnere, leistet uns in der Gondel nach oben Gesellschaft. Sie fragt noch, ob es ok für uns ist, wenn sie ihren Dialekt spricht und wir als weltgewandte Tussies stimmen selbstredend zu, doch das ging mindestens für mich nach hinten los. Ich hab‘ wenig bis nichts verstanden, aber es war sehr lustig. Astrid lachte Tränen über ihre Stories. Gut gelaunt steigen wir oben aus, es graupelt etwas mehr. An unserem ersten Startplatz steht die Windfahne irgendwie für uns nicht gut, also biegen wir ab und erreichen auf schlammigen Pfaden den Startplatz direkt unterm Bergrestaurant. Ich entdecke Christina wieder. Sie konnte sich bisher nicht durchringen zu starten und hat in der Zwischenzeit den Startplatz gewechselt. Meinem Bauch gefällt die Wetterentwicklung zu diesem Zeitpunkt nicht, obwohl die Flugbedingungen objektiv betrachtet nicht schlechter geworden sind. Nach kurzer Abstimmung mit Astrid, wollen wir zunächst nicht auslegen. Ich möchte mich zu nichts zwingen oder mich selbst überreden müssen. Die Bahn fährt fürs gleiche Geld auch in die andere Richtung und auf den Bauch zu hören hat sich bewährt. Weil es aber noch früh am Nachmittag ist, bleiben wir trotzdem oben und beobachten das Treiben. Astrid erkennt, dass es für einige hilfreich wäre, wenn sie unmittelbar vorm Starten irgendeine Information hätten, wie es um den schwachen Wind steht. Sie schnappt sich den Windanzeiger, den wir tags zuvor von Nova geschenkt bekamen und stellt sich mitten auf dem Startplatz mit Finger und Band in der Luft auf, damit alle gut sehen können. So bleibt sie dann fast 2 Stunden stehen und ist sehr vielen eine gute Hilfe. Das Bild, das von ihr in dieser Position entsteht, ist nach meinem Empfinden eines der prägendsten dieser Veranstaltung. Ich für meinen Teil beginne damit, den anderen beim Auslegen zu helfen, damit sie nicht so viel im Schlamm rumspringen müssen und schonmal ihre Leinen sortieren können während ich mit dem Schirm beschäftigt bin. So kommt mir unter anderem Susis Schirm unter die Finger. Wir erkennen uns wieder, schnacken kurz und sie freut sich um die Hilfe. 
Andere beginnen, es mir gleich zu tun und helfen den Pilotinnen am Startplatz. Trotz so vieler Menschen hier, die zum Fliegen hinaufgekommen sind und trotz der etwas unkomfortablen Bedingungen, läuft es völlig tiefenentspannt. Kein Testosteron. Keine Bullen, die mit großen Hörnern breitbeinig laufen müssen. Dann ist’s wohl einfacher?
Entschuldigung. Ich habe Vorurteile.

Nach einer Weile gesellt sich Heidi zu mir. Wir hatten gestern schon ein bisschen gequatscht. Ich weiß, dass sie unter anderem als Fluglehrerin unterwegs ist. Wir analysieren die Starts und ich lerne erneut mit gespitzten Öhrchen. Ich mag Heidi. Ein entspannter Mensch. Zeitlich nähern wir uns so langsam der Apero-Zeit. Mein Bauch hat sich inzwischen umentschieden und ist positiv. Fliegen geht und als ich kurz zu Astrid rüber sehe, stimmen wir uns wortlos ab, dass wir nicht mit der Bahn runterfahren, sondern fliegen. Der Andrang ist inzwischen deutlich weniger geworden. Wir legen aus, auch wenn es mich ein wenig schmerzt, meinen weißen Pi3 auf Schnee, Schlamm und Kuhscheiße auszubreiten, aber es tritt ja niemand drauf. Er liegt einfach nur da bis ich meine Leinen sortiert hab und freut sich dann auf’s Abheben mit mir. Rede ich mir ein. Überraschend für mich legt Christina neben mir ebenfalls aus. Sie will es versuchen. Cool. Nach so langer Zeit des Wartens hätte ich damit nicht mehr gerechnet. Sie startet kurz hinter mir. Flug #2 wartet für Astrid mit einer Überraschung auf, denn ein paar Sonnenstrahlen genügen offensichtlich, eine kleine Thermik zu erzeugen, die sie erwischt und kurz nach oben trägt. Sie berichtete, dass ihr Skytraxx das ebenfalls mitbekommen hat und ihr zeigte, wohin sie wie fliegen muss, um drin zu bleiben. Das tut sie dann auch, kreist ein oder zweimal hoch, was sie aus dem Häuschen bringt. So macht fliegen noch viel mehr Spaß. Und so kommt sie etwas später als ich zum Landen, obwohl sie vor mir gestartet ist. Sehr geil. Christina schwebt ebenfalls kurz nach uns ein und landet schön.

Pünktlich mit unserer letzten Landung startet praktisch der Apero und die Aperol-Spritz-Bar ist hergerichtet. Auch eine Leistung, für so viele Mädels pünktlich mindestens 100 Kaltgetränke parat zu haben. Manche üben sich noch ein wenig im Groundhandlen, die meisten anderen gehen zum eher gemütlichen Teil über. Die Sonne blinzelt immer mal wieder durch und beim Quatschen verfliegt die Zeit. Wir finden neue Gesprächspartnerinnen. Unter anderem Fatemeh. Mich würden die Länder des nahen Ostens schon irgendwie interessieren. Gerade der Iran soll sensationell schön sein und von Meer bis hohen Bergen alles bieten, was unsere Herzen höher schlagen lässt, mal abgesehen von dem wahrscheinlich super leckerem Essen, was dem Ganzen die Krone aufsetzen könnte. Doch bisher ging ich davon aus, dass solche Länder für mich tabu sind solange streng religiöse Fanatiker, in der Regel alte weiße Männer in lustigen Kleidern, an der Macht sind und selbst danach weiß niemand, wie die teilweise radikale Bevölkerung so tickt. Weil ich nicht bereits am Flughafen gesteinigt werden will, dachte ich gar nicht weiter drüber nach, ob das mal ein Ziel sein könnte. Fatemeh berichtet völlig überraschend, dass Transidentität überhaupt kein Problem sei im Iran. Normalerweise würde das mindestens toleriert und ich würde wahrscheinlich weitgehend in Ruhe gelassen. Das Killerkriterium hingegen ist unsere gleichgeschlechtliche Beziehung. Darauf reagieren Polizei und öffentliche Stellen allergisch, weil es schlichtweg verboten ist und wir uns strafbar machen würden. Einreisen ginge also, solange wir die Finger voneinander lassen. Bei aller Überraschung wäre das für mich trotzdem das Ausschlusskriterium. Aber gut zu wissen.

Wir tingeln weiter, kaufen nochmal was bei ParaCyclage ein, Astrid probiert bei Neo aus, wie sich so ein Liegegurtzeug anfühlt und wie Frau da so rein und raus kommt. Es geht überraschend einfach und auch das drin „liegen“ sei entspannt. Man müsse die Beine nicht aktiv oben halten und auch so etwas, wie der Beschleuniger ist leicht zu finden und zu treten. Ein Leichtgurtzeug für Bergsteigerinnen läuft uns über den Weg und wir lernen, dass es dafür sogar Protektoren gibt, wenn fliegen ohne nicht in Betracht kommt. Sehr interessante Rucksäcke dürfen wir begutachten. Sehr leicht, trotzdem geräumig und mit allem ausgestattet, was Frau braucht, wenn sie zum Bergsteigen geht und dann runterfliegen will. Wie üblich gibt es das Damenmodell in schön und das Herrenmodell, das aufgrund meiner Geometrie notwendig wäre, in semischön. Doch dann passiert etwas super cooles. Claude, die den Stand betreut, kommt auf mich zu, wir sprechen kurz über mein Thema, sie versteht und bietet an, einfach mal nachzufragen, ob es möglich ist, dass ein Herrenmodell in den Damenfarben hergestellt werden kann. Das würde mich begeistern. Bin sehr auf die Rückmeldung gespannt. Denn nach meinen bisherigen Flugerfahrungen ist ein „Mountaineering&Fly“ nicht mehr so unwahrscheinlich, wie bisher angenommen.
Als die Apero-Zeit sich dem Ende zu neigt, helfen wir noch ein wenig, die Stände in den „Nachtmodus“ zu versetzen, tuckern dann zurück zum Kuspo, wo das Abendessen mit Grillgut auf uns wartet und verbringen den Abend erneut mit guten Gesprächen, lernen noch mehr coole Mädels kennen und sinken voll mit neuen Eindrücken ins Bettchen. Der schönste Tag der Woche wartet auf uns.

Der Sonntag beginnt sofort mit flugfähigem Wetter. Im Kuspo holen wir uns bei Judith zwei Liftkarten ab, bekommen aber nur eine gegen Geld, denn die organisierenden Mädels entschieden, dass Astrids stundenlange Aktion mit der Windfahne im Schnee- und Graupelregen tags zuvor mindestens eine Liftkarte wert ist und sie heute umsonst fahren darf. Das ist ganz schön lieb. Mit den Karten in der Hosentasche geht’s auf direktem Weg zum Landeplatz, wo wir kurz den Wind checken und dann gleich in die Bahn nach oben steigen. Ab Bergstation stapfen wir gleich weiter zum höher gelegenen Startplatz, wo die Windfahne perfekte Bedingungen anzeigt und wir gar nicht lange rumfackeln. Wir sind die ersten, die heute starten. Natürlich ist es noch so früh, dass sich mit Thermik oder Aufwind nichts ausgeht, doch das macht überhaupt nix. Dieser erste Flug in der Sonne mit wahnsinniger Bergkulisse, die endlich mal ganz zu sehen ist, nach zwei Tagen Schlechtwetter, ist sensationell. Schön ruhig, Zeit zum Genießen und Schauen. Ich rolle und nicke mal ein wenig. Bei so viel Höhenunterschied, wo es eh nur runter geht, nutze ich die Gelegenheit und fliege auch noch das Manöver „Ohrenanlegen“. Als wir landen und unser Zeug zusammenraffen, kommt Jutta mit der Kamera vorbei und hält den Moment in einer superschönen Aufnahme von uns beiden fest. Ein Traum. Und gleich wieder hoch. Wir wollen die wenige Zeit nutzen, die uns heute zum Fliegen zur Verfügung steht. Eine lange Heimfahrt steht uns an dem Tag auch noch bevor. Bei den nächsten beiden Flügen wird es immer thermischer und windiger, die Flüge entsprechend unruhiger, doch das hebt mich nicht mehr so an, wie noch vor wenigen Wochen. Astrid gelingt es, eine Thermikblase per Variometer anzusteuern und kreist das erste Mal ein bisschen nach oben. Mir hingegen gelingen die Landungen immer besser, was für mich ein wichtiger Punkt ist. Zwar habe ich irgendwie ziemlich fest im Gehirn verdrahtet, immer mit zwei Füßen gleichzeitig auf zu kommen, was beim Landen mit dem Gleitschirm völliger Unsinn ist, weil das automatisch das Weiterlaufen verhindert, doch ich konnte mich verbessern, was die Landeeinteilung und das Timing fürs Abfangen angeht und manchmal ist mir auch das kurze Weiterlaufen gelungen. Es gab keine Popolandung mehr. Der dritte Flug an diesem Tag ist gleichzeitig unser letzter und wir dürfen sehr positive Erfahrungen zum Abschluss mit nach Hause nehmen, was für die nachfolgenden Flüge von unschätzbarem Wert ist, wie sich zwei Wochen später in Meduno zeigen wird. Es gibt noch etwas, was mich unglaublich freute: Kurz vor unserer letzten Auffahrt redet mich Zora an, ob sie ein Bild zusammen mit mir haben darf. Sie hat einen guten Freund, der nach meinem Empfinden, was sie über ihn berichtet, so ein bisschen auf der Schwelle zu seiner Weiblichkeit steht. Sie möchte ihm zeigen, wie ich damit umgehe, um ihn zu ermutigen, seinen Weg, wie auch immer der aussehen wird, weiter zu gehen. Ganz wichtig: Meine schwarz lackierten Fingernägel müssen gut zu sehen sein. Schaffen wir. Zora und Susi gesellen sich auf unserer letzten Fahrt zu uns in die Gondel und wir quatschen weiter. Susis Nachbar lebt seit kurzer Zeit in seiner richtigen Geschlechterrolle, lerne ich, und er freut sich über seine Fortschritte während seiner Transition Frau-zu-Mann. Aus dem Grund ist Susi auch ein wenig an meinem Leben interessiert und was so meine Erfahrungen im täglichen Leben nach dieser doch einschneidenden Veränderung sind. Ähnliche Gespräche gab es bereits an den Abenden vorher mit ganz verschiedenen anderen Frauen und was mich besonders freut ist, dass sich auch ein paar jüngere Mädels dafür interessierten. Geglotzt und gegafft wurde übrigens überhaupt nicht. Allerhöchstens interessiert geschaut. Das ist ein großer Unterschied.

Danke für dieses tolle Fest und an die vielen lieben Frauen, die sich hier zum Fliegen, zum Austausch, zum Quatschen und Kennenlernen eingefunden haben. Weil die Welt der Pilotinnen trotz stark steigender Zahl an neuen Fliegenden recht überschaubar ist, werden wir sicher einige hier und da an den Startplätzen dieser Welt wieder treffen (zwei Wochen später in Meduno war es nämlich schon soweit. Da ist uns Katrin über den Weg gelaufen).

Frauen Gleitschirm Fest 16.-18.09.2022

Ob wir an diesem Fest teilnehmen können, stand einige Zeit in den Sternen, denn, wie in den Geschichten zur Ausbildung zu lesen ist, gab es da ein paar Hürden wegen Wetter, Verletzung und merkwürdigen Menschen, bis wir endlich unsere Fluglizenz in den Händen hielten. Doch es ging sich alles aus. Unmittelbar nach bestandener Flugprüfung meldeten wir uns an, obwohl ich mir unsicher war, ob ein Mensch, wie ich, auf so einem Fest nur für Frauen tatsächlich willkommen bin. Es soll da ja ein paar radikal feministische Strömungen geben, die Transmenschen als das Schlupfloch für kriminelle Energien ansehen, das dazu genutzt wird, die eigenen Kreise zu infiltrieren. Oder so ähnlich. Mein Kopf schon wieder.

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