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Meine Hormontherapie

Auf zu neuen Ufern

Androcur, Estradiol, Gynokadin, Progesteron. Wer eine Hormontherapie Mann-zu-Frau beginnt, wird in aller Regel mit diesen Präparaten konfrontiert. So auch ich. Nachdem mir meine Therapeutin schriftlich bestätigte, dass aus psychotherapeutischer Sicht nichts gegen eine Hormontherapie spricht, begann ich unter ärztlicher Aufsicht durch eine Endokrinologin zunächst mit der Einnahme von Estradiol. 4mg täglich. Nach etwa 4 Wochen kam dann Androcur hinzu. 10mg täglich. Die Dosierungen sind heutzutage eher niedrig. Früher, so berichtete die Endokrinologin, gab man deutlich größere Dosen gleich von Beginn an, was häufig zu psychischen Problemen bei den Patientinnen führte. Die Folge war quasi eine chemische Kastration über Nacht. Man lernt dazu. Zu den auch von mir gefürchteten Depressionen, die immer wieder als Nebenwirkung insbesondere des Androcurs durch das Netz geistern, brauche man sich keine Gedanken zu machen, so die Endokrinologin. Das trete praktisch gar nicht mehr auf. Soweit so gut. Erstmal passiert über mehrere Wochen überhaupt nichts. 

Irgendwann, so nach 6-8 Wochen, merke ich, dass ein Spannungsgefühl in der Brust auftritt und stärker wird. Eine gewünschte Wirkung. Die Brust verändert sich. Man kommt in eine Art Pubertät. Keine Sorge. Pickel gibt es keine. Zumindest nicht bei mir. Die Brust wird weicher und empfindsamer. Das Spannungsgefühl tut mitunter richtig weh. Die Brust wächst. Wieviel? Nun, das ist sehr individuell. Nach einem Jahr bin ich noch weit von Körbchengröße A entfernt. Obgleich die Veränderung deutlich zu sehen ist. Mir persönlich macht das nichts aus. Ich habe nicht die Erwartungshaltung, C, D oder gar E erreichen zu wollen. Selbst B ist nicht realistisch. Zum Einen finde ich das bei Bio-Frauen schon nicht attraktiv, weswegen ich das bei mir selbst nicht haben möchte. Und zum Anderen stelle ich mir vor, dass zu große Brüste mich bei meinen sportlichen Aktivitäten behindern könnten. Also alles gut, so wie es ist. Eine Brustvergrößerung kommt für mich zu jetzigem Zeitpunkt nicht in Frage.

Es passieren weitere Dinge. Auch welche, die mit der Therapie an sich gar nichts zu tun haben. Meine habgierige, rachsüchtige geschiedene Frau, der auch meine Transition völlig wurscht ist, leitet das Verfahren zur Zwangspfändung meines Gehaltes ein. Meine bisherige anwaltliche Vertretung war eine Niete. Ich suche eine neue. Und finde auch eine in meiner Nähe. Mehrere Schlagabtausche auf Anwaltsebene finden statt. Ich lasse per Eilverfahren einen Antrag bei Gericht einreichen, um die Pfändung stoppen zu können, bevor sie beginnt. Sie ist absolut nicht gerechtfertigt. Mehrere Verhandlungsvorschläge meinerseits wurden von der Gegenseite mit Füßen getreten. Nahezu täglich trudeln neue Hiobsbotschaften ein. Die Folge: Jede Nachricht zu diesem Thema zog mich herunter. Eines Tages bis fast an eine endgültige Grenze. Kurz nach den Selbstmordgedanken, brach ich mehr oder weniger zu Hause zusammen. Meine überaus empfindliche mentale Verfassung zu dieser Zeit, die ich vor der Therapie nicht in diesem Maß kannte, schob ich auf den Testosteronblocker, das Androcur. Es fehlte nicht viel und meine Frau hätte mich in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen. Wäre rückblickend betrachtet vielleicht nicht die schlechteste Wahl gewesen. Der Zirkus wirkte sich natürlich auch auf meine Arbeit aus, der ich streng genommen nicht mehr in gewohnter Qualität nachgehen konnte.

Was habe ich stattdessen getan? Ich vertraute auf deutsche Gerichte und beruhigte mich mit dem Gedanken, alles, was nötig ist, um die Angelegenheit aus der Welt zu schaffen, getan zu haben. Über mehrere Wochen schaffte ich es so, in halbwegs normales Fahrwasser zu kommen. Ich besprach meine Erlebnisse mit meiner Endokrinologin, zu der ich alle 3 Monate sowieso zur Kontrolle der Blutwerte musste. Auf ihren Rat hin wechselte ich von Androcur zu Progesteron. Meine mentale Verfassung verbesserte sich. Mit Abstand betrachtet lag das jedoch nicht am Medikamentenwechsel, wie anfänglich vermutet. Ich nehme inzwischen wieder Androcur, weil Progesteron rein gar nichts bewirkte. Was sind die Folgen der Einnahme von Androcur? Die Libido lässt relativ schnell deutlich nach. Anfangs hatte ich vor dieser Veränderung Angst, da mir ja nur der männliche Trieb bekannt war. Ich besprach das Thema mit meinen beiden Therapeuten. Nur, was sollen die dazu sagen. Die Wirkung ist bekannt. Man nimmt es entweder in Kauf oder man lässt es. Sehr schnell ist es indes so, dass mir dieser Zustand entgegen meiner anfänglichen Bedenken gefällt. Es ist keineswegs so, als ob es nicht funktionieren würde. Der Unterschied ist, ich bestimme bewusst, was wann passiert. Sehr cool. Immerhin  lebe ich -und da bin ich mehr als glücklich drüber- in einer wundervollen Partnerschaft, wo Sexualität nach wie vor eine Rolle spielt. Man verzeihe mir die Offenheit. Mit der Einnahme von Progesteron war ich innerhalb weniger Wochen wieder auf dem Ausgangszustand angekommen. Und der gefiel mir gar nicht. Des Weiteren stellten sich weitere nicht gewollte Veränderungen ein. Ich litt zu Beginn der 2000er Jahre an einer chronischen Nesselsucht, die ich nur per Zufall in den Griff bekam und die sich über mehr als 15 Jahre gar nicht mehr zeigte. Plötzlich war sie wieder da. In der Vergangenheit lernte ich bereits, dass ein Kontaktlinsenpflegemittel sie bei mir auslöste und ich das schnell durch Weglassen des Mittels abstellen konnte. Aus dem Grund bin ich sehr sensibel in Bezug auf Veränderungen, die zu erneutem Ausbruch führen. Ich besprach das mit meiner Endokrinologin. Die zog mit Schuhen und Strümpfen über mich her, dass könne nicht sein, dass diese Erkrankung eine Nebenwirkung des Estradiols wäre. Zu diesem Zeitpunkt nahm ich weder Androcur noch Progesteron ein. Andere Veränderungen in meinen Gewohnheiten fielen mir nicht auf. Daher meine Annahme, es könne vielleicht durch einen Inhaltsstoff in den Estradiol-Tabletten ausgelöst werden. Sie fuhr mir über den Mund, vergriff sich deutlich im Ton. Wenn meine Annahme richtig wäre, meinte sie, müssten ja alle Bio-Frauen an diesen Nebenwirkungen leiden. Ähm, nein. Was für ein bescheuerter Rückschluss. Ich traf die Entscheidung, die Gute nicht wieder aufzusuchen. Teure, verplemperte Zeit. Wir einigten uns auf die erneute Einnahme von Androcur in niedrigerer Dosierung (5mg) und dem Wechsel von den Estradiol-Tabletten auf Gynokadin-Gel. Im Beipackzettel des Estradiols findet sich im Übrigen die Nesselsucht als Nebenwirkung. Seit diesem Disput bin ich nicht mehr dorthin gegangen. Nach wenigen Wochen ohne die Estradiol-Tabletten, ging die Nesselsucht deutlich zurück. Sie ist leider noch nicht ganz weg. Offensichtlich spielt noch ein anderer Faktor eine Rolle. Ich forsche weiter. 

Nach fast einem dreiviertel Jahr mit der niedrigen Dosierung des Androcurs, haben sich keine psychischen Auffälligkeiten mehr bei mir gezeigt. Außer, dass ich vielleicht relativ dicht am Wasser gebaut habe. Doch wenn ich ehrlich zu mir bin, war das früher nicht anders. Ich komme zu dem Schluss: Meinen Zusammenbruch ein Jahr zuvor hat das Androcur sicher nicht alleine verursacht. Es war vielmehr dem Umstand geschuldet, dass mehrere Probleme und deren Auswirkungen zu einem Zeitpunkt zusammenkamen beziehungsweise sich aufschaukelten. Inzwischen lebe ich seit fast einem Jahr mit der Pfändung. Nachdem meine schlaue geschiedene Frau darauf bestand, dass ihr gewöhnlicher Aufenthaltsort Frankreich sei in der Annahme, ich sei nicht zum Gang an ein Französisches Gericht fähig, lernt sie gerade, dass ich das sehr wohl kann. Die deutschen Gerichte haben in der Sache meiner Meinung nach übrigens völlig versagt. Das Eilverfahren an einem deutschen Gericht dauerte von Mitte November bis Ende März, bis ein Richter entschied, dass er gar nicht zuständig ist. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Im nächsten Leben werde ich Richterin. Ich schweife ab.

In Sachen Hormontherapie setze ich meinen Weg zur Zeit mit Hilfe meines Hausarztes fort. Welche Werte überwacht werden müssen, was gut und was schlecht ist, kann er meiner Meinung nach genauso ermitteln und einschätzen. In meiner Wahrnehmung hat er nahezu Freude daran, dass in dem kleinen Dorf mal was anderes ansteht, als Hustensaft, Insulin und Blutdrucksenker. Auf lange Sicht kann es sinnvoll sein -das habe ich offen mit meinem Hausarzt besprochen- zu einem Endokrinologen zu gehen, der sich speziell in diesem Thema auskennt. Ein paar Zahlen im Auge zu behalten ist die eine Sache, mögliche ungewollte Veränderungen im Gesamtbild zu erkennen, eine andere. Das ist für ihn völlig in Ordnung.

Ein nächster Schritt wird sein, das Gynokadin abzulösen. Für eine Frau habe ich einen relativ niedrigen Östrogenspiegel. Teil der Ursache ist, dass ich häufig vergesse, das Gel zweimal am Tag in zwei Hüben aufzutragen. Morgens geht das irgendwie noch. Abends bin ich häufig so durch, dass ich nur noch ins Bett falle und alles andere um mich herum vergesse. Überdies schleppe ich die Geldose nicht mit in die Berge. Der Rucksack ist so schon schwer genug. In Summe komme ich maximal auf die Hälfte der empfohlenen Dosis. Ich werde es in Kürze mit Depotpflaster versuchen. Ob ich damit klar komme, ständig irgendetwas an mir kleben zu haben, wird sich zeigen.

Was hat sich noch getan nach einem Jahr Hormontherapie? Etwas unzufrieden bin ich mit dem Umstand, dass die Muskelmasse kleiner wird. Macht die Bergtouren nicht leichter. Insbesondere das Training für die Berge fällt immer schwerer. Wie ich das in den Griff bekomme, weiß ich noch nicht. Andere Menschen beobachten an mir, was mir selbst bisher nicht auffiel, dass meine Gesichtszüge insgesamt weicher erscheinen und dass körperliche Veränderungen hin zu einer weiblicheren Figur stattfinden. Mir selbst fällt auf, dass die Körperbehaarung insgesamt weniger wird und die Haare auch eine andere Konsistenz bekommen haben. Leider trifft das nicht aufs Gesicht zu. Der Bartschatten ist äußerst hartnäckig. Häufig liest man davon, dass auch die Haut zarter wird. Davon bemerkte ich bisher ebenfalls nichts. Allerdings finde ich, dass sie gut ist, wie sie ist. Ebenfalls positiv bewerte ich das Wachstum der Kopfhaare. Die eine oder andere lichte Stelle ist wieder relativ dicht bewachsen. Macht der Testosteronblocker.

Fazit: Die Hormontherapie kommt nach dem, was ich bisher erlebte und bei anderen las, praktisch immer mit Wirkungen um die Ecke, die man nicht haben mag. Besonders kritisch sind in meiner Wahrnehmung psychische/mentale Veränderungen. In meinem Fall spielten neben den Medikamenten auch die Lebensumstände eine starke Rolle. Inzwischen habe ich für mich Lösungen gefunden, wie ich damit umgehen kann. Die kleinen Rückschläge hin und wieder werfen mich bisher nicht mehr aus der Bahn. Schau mer mal, was die Pflaster bringen. Den Herren der Schöpfung sei gesagt, mit weniger Testosteron lebt es sich leichter.

Es ist erneut fast ein Jahr ins Land gegangen. Inzwischen habe ich die Depotpflaster getestet. Nun, für meine Zwecke erwiesen sie sich als völlig untauglich. Sie waren unterwartet großflächig und für diese Waschel einen Platz auf meinem Körper zu finden, wo sie vor sich hin kleben können, war unmöglich. Also wenn jemand den ganzen Tag unbewegt auf der Couch verbringt, geht es wahrscheinlich, doch wenn man, wie ich inzwischen fast täglich Sport treibt, gehen diese Pflaster einfach nicht. Sie sind absolut unelastisch und hielten weder Bewegung noch Körperpflege stand. Eigentlich sollte so ein Pflaster mehrere Tage getragen und dann gegen ein neues gewechselt werden. Mehr als einen Tag brachte ich nicht zusammen bevor sich die ersten Ränder lösten. Zudem zeigte sich, dass meine Haut sie nicht vertragen hat. Nach wenigen Stunden sind die ersten Pusteln und Pickel unterm Pflaster sichtbar geworden. Somit bin ich wieder beim Gel gelandet. Ansonsten geht es mir mit halbierten Androcur- und Gynokadindosen gut. Ich habe zwar Hormonwerte, wie eine 80-Jährige, doch der wichtige Punkt in meinen Augen ist die Frage, wie es mir damit geht. Wenn da nichts aus dem Ruder läuft, kann es von mir aus genau so bleiben. Was den Muskelumbau angeht hat sich noch etwas Neues ergeben. Ich bin fast täglich beim Schwimmen oder Radfahren. Eine Knieverletzung bei meiner Frau lässt im Moment weder Bergsteigen noch Laufen zu. Und so entdecken wir gerade, dass Schwimmen und Radfahren neuen Wind in unser Ausdauertraining bringt. Fühlt sich gut an. Ob ich die Berge raufkomme, hängt ja nicht allein von meinem Hormonspiegel ab. Andere Frauen gehen auch Bergsteigen. Für die nötige Ausdauer muss ich schon selbst sorgen.

 

to be continued...

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