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Mein erstes Mal im Schwimmbad

Vom Springen in kaltes Wasser

Es gibt Dinge im Leben, die passieren einfach und meistens unangekündigt. Wenn sie eintreten ist Lösungskompetenz gefragt. Manchmal mehr, manchmal weniger. So auch in diesem Fall. Was ist passiert? Meine Frau klagte seit einigen Wochen über Knieprobleme, die mit unseren Bergaktivitäten mitten in der Skihochtouren-Saison natürlich nicht besser wurden. Ganz im Gegenteil. Sie wurden schlimmer und es musste gehandelt werden. Ihrem Empfinden nach zu urteilen, sahen wir eine operative Korrektur auf uns zukommen. Nach ärztlicher Abklärung besteht jedoch Hoffnung, dass es sich um eine überlastungsbedingte Ursache handelt, die möglicherweise ohne operativen Eingriff korrigiert werden kann. Bedeutet im Klartext, 4-6 Wochen keine Belastung, womit die Skitourensaison für dieses Jahr beendet ist. Weil nichts tun auch aus ärztlicher Sicht das Problem nicht dauerhaft lösen wird, lautet die Empfehlung, Kräftigungsmaßnahmen in moderatem Maß durchzuführen. Geeignet sind Radfahren und Schwimmen.
Ich persönlich nehme an, die Situation ist teilweise dadurch entstanden, dass wir unser Ausdauertraining in den letzten Monaten, was seit Jahren ausschließlich aus Laufen bestand, sträflich vernachlässigten, uns auf Bergtouren jedoch nicht schonten. Lange Touren mit schwerem Gepäck und keine körperliche Vorbereitung. Jetzt ist die Quittung da. Gut. Die Berge haben Pause. Wir beschließen, die nicht vorhandene Ausdauer wieder langsam aufzubauen. Neben dieser vernachlässigten wir außerdem unser Klettertraining. Der neue Plan besteht daraus, Radfahren, Klettern und Schwimmen als festen Bestandteil in unseren wöchentlichen Tagesablauf zu integrieren. Und da ist sie, meine neue Herausforderung. Radfahren und Klettern sind unproblematisch, auch wenn Radfahren nicht unbedingt meine Lieblingsbeschäftigung ist. In meiner Situation in ein öffentliches Schwimmbad zu gehen macht mir Sorgen. Das Ziel ist jedoch gesteckt. Auch wenn es auf den ersten Blick als unerreichbar erscheint und sich gefühlt jede Menge Schwierigkeiten und Ungewissheiten auftürmen, so besteht doch ein starker Wunsch, das Ziel zu erreichen. Es würde mir noch mehr Selbstvertrauen geben und mich freier in meinen Entscheidungen machen.
Schritt 1 ist auf jeden Fall schonmal getan: Milla kauft sich einen Badeanzug. Und zwar nicht anonym übers Internet. Nein. Meine bessere Hälfte begleitete mich in ein Sportgeschäft, denn eine Anprobe war unerlässlich, wie sich herausstellte. Zu groß sind die Bandbreiten, was Passform und Größe angeht. Die Divergenz zwischen der Damenmode in größeren Größen und meiner körperlichen Geometrie in nur einem Kleidungsstück, das dem Zweck geschuldet stromlinienförmig anliegen sollte, befriedigend auszugleichen, erschien mir als unlösbar. Und so kam es, dass ich meiner Frau fast Kilometergeld hätte zahlen müssen, weil wir uns nahezu durchs gesamte Sortiment von L bis XXL aller verfügbaren Hersteller durchprobierten. Also ich probierte, sie pendelte zwischen Regal und Anprobe. Nach einigen ernüchternden Erkenntnissen kam dann aber doch ein Badeanzug vorbei, den ich ohne fremde Hilfe anziehen konnte und der mir sogar gefiel. Und das Gesamtbild ist -wie ich finde- absolut akzeptabel. Die erste Hürde ist übersprungen.
Es folgt die nächste und vermutlich höchste. Auf Pläne folgen bei uns Taten. Alle Eingangsvoraussetzungen sind geschaffen (meine Frau hat nebenbei bemerkt bei der Badeanzugnummer grad noch ein Radl eingekauft), zwei Schwimmbäder um unseren Wohnort identifiziert, ein Termin für das erste Mal festgezurrt. Was ich ganz schlimm lieb von meiner Frau finde und deswegen für erwähnenswert halte: Meine Frau rief vorab im Schwimmbad an, um zum Einen zu erfahren, wann gegebenenfalls weniger los ist und zum Anderen, um vorab über mich zu informieren und zu erfragen, ob es eine Möglichkeit gibt, das Thema Dusche vorher/nachher zu lösen. Die Dame am Telefon muss total nett gewesen sein, wusste von Transidentität jedoch absolut nichts. Nach kurzer Erläuterung sah sie aber überhaupt kein Problem. Man müsse nicht zwingend durch die Damendusche (nicht dass ich ein Problem mit der Damendusche hätte. Es geht mir darum, nicht die "Unwissenden" vor den Kopf zu stoßen und unnötig peinliche Situationen zu provozieren, die mich wiederum belasten). Nein, man könne einfach die deutlich weniger stark frequentierte Dusche für handicapped People wählen. Die sei im Zweifel sogar abschließbar.
Na dann. Auf ins Schwimmbad. Ich war den ganzen Tag davor schlimm aufgeregt. Kneifen kam für mich jedoch zu keiner Zeit in Frage. Für die möglicherweise auftretenden unangenehmen Situationen dachten wir uns im Vorfeld Lösungen aus. Ad-hoc situativ entscheiden zu müssen und sich dabei zu verzetteln, war somit auf ein Minimum reduziert. Beim Betreten des Bades musste ich zunächst schmunzeln. Bei der Dame an der Kasse hätte es mich nicht gewundert, wenn ihre Stimmlage eine Oktave tiefer gewesen wäre. Bezüglich meiner Person ließ sie sich überhaupt nichts anmerken. Wir kauften uns 2 Stunden ein, betraten den Umkleidebereich und machten uns fertig. Die Spannung stieg. Ich befand, dass ich keine Maßnahmen zum Verstecken ergreifen möchte. Wir hatten überlegt, für den Weg von Umkleide bis Beckenrand Handtuch oder Bademantel ins Spiel zu bringen, um nicht gar so exponiert erscheinen zu müssen. Ich fühlte mich aber gut und hatte mich den ganzen Tag mental darauf vorbereitet, selbstbewusst aufzutreten. Und genau das tat ich nun. Die Dusche für die handicapped People fanden wir von der Umkleideseite nicht sofort und so beschlossen wir, den Weg durch die Damendusche zu nehmen. Die war leer und Abduschen somit kein Problem. Alles schick. Aus der Dusche raus zitterten wir uns einen ab. Irgendjemand hatte die Fenster im Gang zum Becken geöffnet. Wie ich fand, ganz gelassen, betraten wir die Schwimmhalle. Es war ein wenig Betrieb. Irgendwelche Schwimmkurse hatten die ersten beiden Bahnen belegt. Auch Kinder und Jugendliche waren anwesend. Die restlichen 3 Bahnen waren für den allgemeinen Betrieb frei. Auf den ersten Blick hatte ich den Eindruck, dass mein Auftritt niemand ernsthaft bemerkte oder gar fand, dass etwas merkwürdig ist. Selbst die Kinder nicht. Es war eher so, wie wenn man irgendwo rein kommt und sich die Anwesenden kurz umdrehen, um die Neuankömmlinge schnell in eine Schublade zu stecken, um sich dann aber wieder sofort den eigene Dingen zu zu wenden. Kein Grund zur Panik. Das große Handtuch bleibt in der Tasche, die wiederum im Wandregal entlang des Beckens verbleibt. Ich schnappe mir Bademütze und Schwimmbrille. Auf geht's ins Becken. Wir beginnen damit, herauszufinden, ob wir überhaupt noch schwimmen können. Meine Frau hatte während des Sportstudiums intensiv trainiert. Ist aber auch schon viele Jahre her. Ich bin als Kind und Jugendliche bis ich 17 war im DLRG aktiv gewesen und schwamm 1-2 Mal pro Woche. Doch das ist inzwischen, boahhh...., 29 Jahre her. Überraschung. Wir schafften am Ende gut einen Kilometer in etwa einer halben Stunde. Gegen Ende nahmen wir uns ein wenig Zeit, die Sache mit der Rollwende nochmal zu beleuchten. Die hat auch noch halbwegs geklappt. Und so neigte sich der erste Versuch dem Ende hin. 
Rückzug. So, wie ich rein gekommen bin, verließ ich auch wieder die Schwimmhalle. Ganz tiefenentspannt. Lediglich vorm Verlassen des Wassers stellte ich kurz sicher, dass alles ist, wie es sein soll. Fertig. Erneut hat sich niemand für mich interessiert. Auf dem Weg nach draußen fanden wir den Zugang zur Dusche für handicapped People. Die war allerdings verschlossen. Macht nichts. Nach einem kurzen Blick in die Damendusche durch meine Frau nahmen wir den gleichen Weg nach draußen, wie wir rein gekommen sind. Die war nämlich wieder leer. Geduscht haben wir jedoch nicht. Das haben wir später zu Hause erledigt. Das wäre mir dann doch etwas zu aufwändig geworden. Zumal es nicht so einfach war, wie ich später in der Umkleide merkte, aus dem nassen, auf der Haut klebenden Anzug alleine raus zu kommen. Er passt eben oben rum gerade so. Da ist wenig Spielraum. Tja. Damit hatte ich ein erfolgreiches erstes Mal im Schwimmbad. Und siehe da, es ist nichts passiert. Selbst wenn die Dusche auf dem Rein- oder Rausweg nicht leer gewesen wäre, so glaube ich doch, dass man wenig bis keine Notiz von mir genommen hätte. Schwimmen wird fester Bestandteil des neuen Trainingsplans. Ziel erreicht. Ich bin ein wenig stolz darauf. Einen kleinen Muskelkater hat es mir auch eingebracht. Von der Wade bis in die Hände. Ein gutes Gefühl, wie ich finde.


Update zum Schwimmtraining:

Inzwischen bin ich mehrere Male zum Schwimmen gewesen. Mein Eindruck bestätigt sich, dass mein Erscheinen für wenig bis keine Aufregung sorgt. Klar schauen die Menschen schonmal und ihren Mienen ist anzusehen, dass ihnen etwas merkwürdig vorkommt. Doch bisher hat sich niemand in irgendeiner Weise dazu geäußert.
Jüngst war ich mit meinen Kindern und meiner Frau in Speyer im Hallenbad. Meine Frau und ich teilten unsere Trainings, so dass immer eine schwimmen konnte, während die andere sich um die Kinder kümmerte. Das hatte zur Folge, dass ich mich ins Kinderbecken begeben musste. Eine kleine Aufregung für mich, die Überwindung kostete. Genau das ist mein persönlicher Alptraum im Schwimmbad. Sich Horden von Kindern und Jugendlichen in exponierter Weise ausliefern zu müssen. Zugegebener Maßen war Samstagabends nicht mehr so wahnsinnig viel los. Zum Glück. Und so überwand ich mich und stellte auch hier fest, dass besten Falls geklotzt wurde, man sich dann aber schnell wieder den eigenen Geschäften zuwandte. Alles gut. Mit meinen Kindern ins Schwimmbad zu gehen ist demnach ebenfalls kein Ding der Unmöglichkeit mehr.
Zu guter Letzt blieb noch eine Frage offen: Ich kann mich ja nicht ständig hinter meiner Frau "verstecken". Das würde ein freies, unbeschwertes Leben verhindern. Also machte ich mich kürzlich, der beruflichen Abwesenheit meiner Frau geschuldet, alleine auf den Weg ins Schwimmbad. Und siehe da, hat funktioniert. Und um der Sache noch eins drauf zu setzen, blieb mir auf dem Rückweg die Dusche für handicapped People verwehrt und so testete ich, was passiert, wenn ich die Damendusche nehme. Schließlich war diese Frage ja auch noch unbeantwortet. Meine Annahme, dass es niemanden kümmert, wenn ich einfach nur durchgehe, hat sich -in diesem Fall zumindest- bestätigt. Die Menschen waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass es jemanden interessiert hätte, wer durch die Dusche geht.