Finsteraarhorn, 4274m, 4.-6.9.2020

Die Story ist lang. Stellt euch schonmal ne Tasse Kaffee hin oder was euch sonst zu Leseausdauer verhilft. Die Fahrt beginnt.

Das Finsteraarhorn. 4274m hoch und damit der höchste Berg im Kanton Bern. Von Weitem zu sehen, wenn frau auf die anderen hohen Berge in der Schweiz steigt, oder gar nur mit dem Auto über die umliegenden Pässe fährt. Eine beeindruckende Perspektive bietet sich vom Furka-Pass aus. Nach dem Abbruch des ersten Versuchs vor 4 Jahren war es irgendwie klar, dass wir einen weiteren Versuch wagen wollen. Was auf uns zu kommt, wenn wir die Kiste nochmal schaukeln, ist uns bis zum Hugisattel auf 4088m bekannt. Bis dahin sind wir das letzte Mal gekommen. Damals führten eine Reihe von Faktoren zu der Vernunftentscheidung, am Einstieg zur Kletterei in Gipfelnähe klein bei zu geben. Ich schleppte eine leichte Erkältung aus dem Valsavarenche mit, bis zum Hugisattel waren wir bergsteigerisch bereits an unseren Grenzen sowohl mental als auch physisch angelangt und für das, was uns in den letzten 200 Höhenmetern zum Gipfel erwarten würde, hing schlichtweg die Hose zu weit unten. Sprich, der Respekt vor der Tat überwog den Mut, es zu versuchen. Rückblickend betrachtet trafen wir die richtige Entscheidung. Denn für die Kletterei fehlte uns eindeutig die Erfahrung und wir hatten zu große Lücken in Fragen der Sicherungstechnik. Dieses Mal ist das anders. Wir wissen, wie es geht und wir sind -dank COVID-19- so fit wie lange nicht mehr. Unmittelbar vor dieser Tour sind wir mit Bergführer Jürgen am Rimpfischhorn unterwegs gewesen, was uns Gelegenheit gab, Praxis zu erfahren, haben im Februar einen Eiskletterkurs auf uns wirken lassen, haben mehrere Touren mit mehr als 1600 Höhenmetern erfolgreich durch unsere Beine gejagt und sind mit gebotenem Respekt davon überzeugt, die Herausforderungen meistern zu können. Eigenverantwortlich. Keine fremde Hilfe. Mir persönlich sehr wichtig.

Für den eigentlichen Termin macht uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Die unglaublich langen Wege erfordern ein stabiles Wetterfenster für drei Tage. Wir tauschen mit einer Tour aufs Sustenhorn und schieben das Finsteraarhorn inklusive der Reservierung um zwei Wochen nach hinten. Unmittelbar davor ist eine "Ausbildungstour" mit Bergführer Jürgen aufs Zinalrothorn geplant. Doch auch das scheitert erneut am Wetter. Es schneit zwei Tage. Wir weichen mit Jürgen aufs Rimpfischhorn aus, was ob der miserablen Bedingungen kurz unterm Gipfel scheitert. Wobei "scheitern" das falsche Wort ist. Wir konnten erneut so viel auf den knapp 1600 Höhenmetern zwischen Berghaus Flue und Gipfelrinne mitnehmen, was uns das eigenständig durchgeführte Abenteuer Finsteraarhorn deutlich erleichterte.
Die Geschichte beginnt mit der Verabschiedung von Bergführer Jürgen, von dem wir so ziemlich alles gelernt haben, was wir beim Bergsteigen anwenden können. Wir haben die erste Woche im September frei, unternahmen mit ihm die Tour zum Rimpfischhorn und legten dann zunächst 2 Tage Pause ein. Die waren nötig, um ein wenig zu regenerieren und zu schlafen. Wir hatten ein paar stressige Tage und gut 1500km Autofahrt hinter uns gebracht, bis wir in der Schweiz angekommen waren. Wenige Wochen zuvor entschied sich ein guter Freund für den Freitod, was mich sehr mitgenommen hat und auf dessen Beisetzung im nördlichen Schwarzwald wir sein durften. Das ganze musste irgendwie in das Kinderwochenende integriert werden, dass auf keinen Fall ausfallen darf, damit nicht der nächste Zirkus mit der Ex vom Zaun bricht. Am Ende des Tages lösten wir alle diese Fragen und trafen völlig abgekämpft in der Lärchenwald Lodge in Bellwald ein. Die hat Astrid vom Berghaus Flue aus auf dem Abstieg aufgetan und es war ein echter Glücksgriff. Meine erste Begegnung mit Remo, er und seine Frau Birgit betreiben die Ferienwohnungen in der Lärchenwald Lodge, bestand darin, dass er mir die schwere Küchenkiste aus den Händen nimmt während er uns unsere Unterkunft zeigt. Ich bin verwirrt, weil ich so etwas noch nie woanders erlebt hatte. Auf meine Aussage hin, dass wir gerade vom Berg kommen, ziemlich kaputt sind -oder bipp auf saarländisch- und Hunger haben, meint er: "Ihr hättet euch melden sollen, dann hätte ich was für euch gekocht." Ich nahm wahr, dass er das absolut ernst gemeint hat. Das war nicht nur so dahin geredet. Ich finde es merkwürdig, gleichzeitig aber auch beeindruckend. Er heize uns auch gerne noch die Fasssauna ein. Ein Wort würde genügen. Wir lehnen das Angebot ab, wollen nur essen und schlafen. Selbst fürs Duschen reicht die Energie am Abend nicht mehr. Soweit so gut.

Der nächste Morgen. Frühstück ist irgendwann zwischen 10 und 11 Uhr. Vorher geht nix. Ich versuche, aus dem Bettchen zu krabbeln. Alle Knochen tun weh. Trotz aller Widrigkeiten beschließe ich, dass es nicht so schlimm ist, wie ich befürchtete. Astrid geht es ähnlich. Für das, was wir hinter uns gebracht haben, ist es noch moderat. Erstmal Kaffee/Tee und Frühstücksei. Wir sichten unseren Buddik (saarländisch für "unordentliches Geraffel") und weil wir gelernt haben, es stünde eine Waschmaschine gegen ein kleines Entgelt zur Verfügung, wanderten die Bergklamotten in besagte Maschine. Besser gesagt, Astrid machte sich auf den Weg, die Sachen dort unterzubringen und ich kümmerte mich indes um den Frühstückstisch. Als Astrid nach einer geraumen Zeit noch nicht zurück war, ich aber ihre Stimme draußen hörte, tappte ich auf den Balkon, um zu hören, was los ist. Nix ist los. Birgit und Remo sitzen draußen bei einer Tasse Kaffee und kommen mit Astrid ins Gespräch. Über Gott und die Welt. Ein wenig über Corona und ein wenig über mich. Ich beteilige mich zunächst auf Distanz vom Balkon aus, wackele dann aber bald nach unten. Die Wäsche dreht ihre Runden und wir vertiefen uns in der Morgensonne in angenehme Gespräche. Es sind sehr aufgeschlossene und vorurteilsfreie Menschen. Eine Seltenheit. Ich nehme wahr, dass sie an meinem Thema interessiert sind, ohne aufdringlich zu werden. Wir sprechen über unsere und deren sportliche Aktivitäten. Wir lernen, dass Remo in Sachen Biathlon für die Schweiz am Start war und beide am Radfahren Freude haben. Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass sie unsere Berggeschichten faszinierten. Dann ist etwas passiert, was ich so auch noch nicht erlebte. Ein erstes Mal. Remo schlägt vor, das Gespräch am Abend bei gutem Essen fortzusetzen. Wir zögern nicht. Die Pläne waren andere, aber Pläne sind zum ändern da. Wir sagen spontan zu und ich freue mich sehr darauf. Das kleine Schwarze hatte ich ja dabei. Danke Ivo, dass wir deine Geschichte bis zum Ende miterleben durften. An den geneigten Leser: Das ist absolut ernst gemeint. Ich komme später nochmal auf Ivo zurück.

Den Nachmittag verbringt die Wäsche beim Trocknen und wir beim Chillen. Keine Eile. Ein bisschen Daddeln, ein bisschen Beauty, ein bisschen Wetterlage checken. Füße hoch. Ich versuche, nicht ans Finsteraarhorn zu denken, dessen Besteigung zwei Tage später starten soll. Das macht mich ganz wuschig. Zwischendurch ein Snack aus Baron Philippe de Rothschild und Tête de Moine (=Rotwein und Käse). Die Muskelkatze ist kein Löwe geworden. Eher ein Kätzchen. Ois easy. Später machen wir uns ausgehfertig und verbringen einen sehr angenehmen Abend bei gutem Essen mit Remo und Birgit in deren -ich nenne es mal so- Stammlokal. Ich erzähle noch ein wenig von Milla, meinen beziehungsweise unseren Lebensumständen und den nicht enden wollenden Querelen meiner Ex. Wie das Leben so ist, erfahren wir von Remo und Birgit, dass sie im Grunde eine sehr ähnliche Situation haben. Die beiden haben sich auch nicht gesucht und trotzdem gefunden. Remo hat ebenfalls zwei Töchter. Ein wenig älter als meine beiden. Die Divergenzen kochen auch hier immer wieder hoch. Sie müssen mit allerlei in die Beine geworfenen Hindernissen umgehen. Wir quatschen bis spät in den Abend. Man lässt uns gewähren, obwohl alle anderen Gäste längst weg sind.
Bevor wir am nächsten Tag zum Oberaarsee aufbrechen, steht Bauchkribbeln an. Astrid befindet, wir sollten die Gelegenheit nutzen und mit der Seilbahn inklusive Radl den Berg hochmachen. Von der Mittelstation führe ein Pfad zur Gletscheraussicht auf den Fiescher Gletscher. Sozusagen eine kleine Regenerationstour mit leichten Schuhen. Maximal zwei Stunden hin und zurück. Belohnt werden soll das mit einer Abfahrt mit den Radl über einen Downhill-Trail. Bei dem Gedanken daran sehe ich mich bereits mit lädierten Knochen in den Bäumen hängen. Ich stimme zu. Die Seilbahn ist inbegriffen. Wir bekommen für die Übernachtungen eine Gästekarte. Nur für die Räder ist ein sehr überschaubarer Obolus zu entrichten. Ich mache es kurz. Wir sind nicht ganz bis zur Gletscheraussicht gelaufen. Wir befanden, dass es nach zwei Drittel der Strecke in zügigem Tempo gut ist. Die Abfahrt mit dem Rad über den leichteren Trail der beiden hat so großen Spaß gemacht, dass wir noch ein zweites Mal raufgefahren sind. Der kleine Kurs bei Peter in Kempten hat sich ausgezahlt.

Zurück an der Lodge verabschieden wir uns von Remo und Birgit und starten in das Finsteraarhornabenteuer. Remo bat uns, eine Nachricht zu schicken, wenn wir wieder vom Berg runter sind. Nicht vorher. Eine gute Stunde später mit Tankstopp und Telefonat mit der Hütte, um uns über die Bedinungen zu informieren, stehen wir am Eingang in die Privatstraße, die vom Grimselpass zur Staumauer am Oberaarsee führt. Dort steht nun ein Parkscheinautomat. Parkieren kostet jetzt was. Große Schilder weisen darauf hin, dass Campieren im gesamten Gebiet verboten ist, gleichzeitig werden Mehrtagestarife angeboten. Das sagt zumindest eine Tarifübersicht. Wir fragen uns, ob wir in diesem Fall dort im Auto übernachten dürfen, ohne verhaftet zu werden. Wir haben keine Wahl. Wir tun es einfach. Der Automat weiß von Mehrtagestarifen nichts. Der kann nur in einzelnen Tagen denken. Wir nehmen an, der Tarif 2-4 Tage für 10 CHF ist das, was wir brauchen, auch wenn der Automat für 10 CHF ein Ticket ausspuckt, das nur bis zum nächsten Tag gültig ist. Wie vor 30 Jahren kann der funkelnagelneue Automat nur Kleingeld. Mit Banknoten oder gar Kreditkarten kommt frau nicht weiter. Wir kratzen alle Fränkli und Räppli in Hartgeld zusammen, die wir finden können. Es reicht geradeso. Passt. Zur vollen Stunden springt die Ampel auf grün. Einfahrt. Direkt an der Staumauer befindet sich ein großer Parkplatz und ein Sanitärhäuschen. Ein ebenes Plätzchen ist gleich gefunden. Frau möchte in der Nacht ja nicht rumkullern oder gar mit der Birne nach unten schlafen. Es ist Nachmittag. Die Sonne scheint schön und wärmt. Bevor es ans Essenmachen geht, richten wir unsere Rucksäcke mit den für die nächsten 3 Tage notwendigen Dingen her. Frau ist gut beraten, wirklich nur das einzupacken, auf das nicht verzichtet werden kann. Es zählt jedes Gramm. Der Weg ist weit. Das Oberaarjoch ist vom Parkplatz aus zu sehen. Kaum zu glauben, dass etwa 1000 Höhenmeter und knapp 10km Strecke dazwischen liegen. Und das ist nur wenig mehr als die Hälfte des Weges zur Finsteraarhornhütte. Mich kribbelt es überall, wenn ich dort hinauf schaue.

Wir beobachten andere Ankommende, die offensichtlich ebenfalls hier übernachten. Während wir uns ein paar Nudeln zum Abendessen einwerfen, nervt ein asiatisch aussehender Mensch mit Drohne. Anscheinend ein Fotograf. Als die Sonne versinkt wird es schlagartig eisekalt. Immerhin stehen wir auf einer Höhe von rund 2300m. Da ist mehr oder weniger schon Herbst. Im letzten Tageslicht in den Schlafsack gehüllt lassen wir uns erneut ein wenig Tête de Moine mit Rotwein schmecken und krabbeln dann zur Nachtruhe ins Auto. Der Wecker ist für 4:15 Uhr gestellt. Wir wollen früh los, denn es sind ein paar Spaltenzonen zu überqueren. Obgleich wir von unten bereits sehen, dass sehr viel weniger Schnee auf dem Gletscher liegt, als vor 4 Jahren. Eine Spur ist im oberen Drittel zu sehen. Ich denke, es wird gehen.
Die Nacht ist nicht erholsam. Wir haben vergessen, die Fenster einen Spalt weit zu öffnen, was uns gefühlt nahe an den Erstickungstod brachte. Heiß und stickig war es, als wir wach werden und mit viel Verrenkungen, um an die Zündung zu kommen, die Fenster öffnen. Danach war es besser. Doch die Nacht war schon fast vorbei. Entsprechend zäh wurde es, als uns der Wecker ans Aufstehen erinnerte. Der Schlafsack ist so kuschelig. Das Ding im Kopf sagt, es genüge völlig, 2 Stunden später loszugehen. Hilft nix. Ich quäle mich raus und steige in die Bergklamotten. Ein wenig Frühstück ist vorbereitet. Gegen 5:30 Uhr starten wir. Ich bin sehr gespannt, wie es im Vergleich zum letzten Versuch läuft. Ich habe einen gehörigen Respekt vor der Tour. Kurze Zeit vor uns sind zwei weitere Bergsteiger bereits losgegangen. Ihre Stirnlampen blitzen am See entlang immer wieder mal auf. Und ein Alleingänger ist ohne Licht losgegangen. Er hat jedoch lediglich den Beginn des Eises zum Ziel, um in der Morgendämmerung Bilder zu machen, wie wir sehen, als wir an ihm vorbei ziehen.

Erneut beginne ich damit, den vor uns liegenden Weg bis zur Hütte in kleinere Häppchen zu schneiden. Es liegen gut 1300 Hm im Auf- und gut 500 Hm im Abstieg vor uns. Die Wegstrecke beträgt ca. 16km. Ziel #1 ist das obere Ende des Oberaarsees. Etwa 45 Minuten brauchen wir für die knapp 4km bis dorthin. Danach startet erst der Aufstieg zum Oberaarjoch. So lange, wie möglich gehen wir ohne Steigeisen. Das geht ganz gut, bis wir die ersten größeren Spalten auf dem aperen Teil des Oberaargletschers erreichen. Ab da wird es uns zu heiß, auf rutschigen Sohlen die Spalten zu umgehen oder wo möglich zu überspringen. Die Steigeisen kommen an die Füße. Das Seil kann noch warten. Die andere Zweierseilschaft taucht immer mal wieder in der Ferne auf. Sie sind nicht schneller als wir. Nur eben früher losgegangen. Als wir die ersten Altschneefelder erreichen, klöppeln wir das Seil zwischen uns. Mit etwa 14 Meter Abstand und 3 Bremsknoten in der Mitte geht's weiter. Wir haben Glück. Selbst auf dem Eis ist eine Spur erkennbar, die es uns leichter macht, durch die Spaltenirrgärten zu wackeln. Später im Schnee wird es damit dann noch etwas einfacher. Die Sonne steht schon hoch als wir nach rund 3:45h das Oberaarjoch erreichen. Der wesentliche Bergauf-Teil ist geschafft. Kurze Pause. Essen und Trinken. Ich erinnere mich, dass wir das letzte Mal an dieser Stelle über eine langezogene Schneekuppe ohne Felsen gegangen sind. Dieses Mal ist das ganz anders. Es liegt so gut wie kein Schnee im Joch. Schutthaufen sind zu umgehen oder zu übersteigen. Tschüß Oberaargletscher, hallo Galmigletscher. Die beiden Jungs vor uns hatten am Joch auch Pause gemacht und laufen nun nur wenige Minuten vor uns. Vom Joch aus geht es recht steil bergab. Sobald wieder Schnee vorhanden ist, können wir erneut einer Spur folgen. Gebraucht hätten wir sie nicht unbedingt. Der Weg ist in meinem Kopf. Noch vom letzten Mal. Außerdem hört der Schnee ziemlich schnell wieder auf und wo wir beim ersten Mal angeseilt über fragwürdige Altschneefelder mussten, ist jetzt Spaltenhopping angesagt. In einem weiten Rechtsbogen ganz außen umgehen wir die gewaltige Bruchzone in der Innenkurve des Galmigletschers. Als es wieder flacher wird, hören die Spalten auf und das nächste Ziel, das Rotloch, kann direkt angesteuert werden. An diesem Punkt treffen Galmi- und Fieschergletscher zusammen. Diese Kurve auf den Fieschergletscher kann eng geschnitten werden. Die Übergänge sind unproblematisch begehbar. Unmittelbar im Rotloch muss lediglich ein wenig durch Schlamm und über Fels gekrabbelt werden. Nicht schwierig. Noch auf dem Galmigletscher füllen wir unsere Thermoskannen mit Gletscherwasser und werfen eine Mineralstofftablette rein. Der Wasservorrat für den nächsten Tag ist sichergestellt. Ich frage mich allerdings, ob es klug ist, das Wasser zu trinken, denn beide Gletscher liegen voll mit Munitionsresten der Schweizer Artillerie. Ohne Wasser ist allerdings auch doof. Wird schon gehen. Hier treffen wir mit den beiden Jungs zusammen und schnacken ein wenig. Wir hatten sie durch die letzte Spaltenzone hindurch überholt. Sie sind schwer bepackt und planen, die nächste Nacht in der Nähe der Grünhornlücke zu biwakieren, weil sie keinen Platz mehr auf irgendeiner Hütte bekommen konnten. Ihr Ziel für den nächsten Tag soll das Großgrünhorn mit 4043m sein. Respekt. Das ist krass. Im Freien zu übernachten, würde mir hier nicht einfallen.

Die letzte Etappe zur Hütte startet. Wir betreten den Fieschergletscher. Hier trennen sich auch die Wege zwischen uns und den beiden anderen. Rund 300 Hm müssen auf ihm durch mehrere Spaltenzonen aufgestiegen werden. Er ist vollständig aper und so gehen wir ohne Seil auf Steigeisen weiter. Vom letzten Mal hatten wir in Erinnerung, dass es relativ weit am rechten Rand, also auf der Seite, auf der auch die Hütte liegt, besser geht, als weiter in der Mitte. Sofern frau von "besser" reden kann. Die Füße sind inzwischen schon ziemlich strapaziert. Wir können zwar die Felskante sehen, hinter der die Hütte steht. Doch die Dimensionen auf diesem Gletscher sind der Wahnsinn. Wir halten erneut Ausschau nach dem alternativen Hüttenzustieg. Den soll es geben und er würde uns einen Teil auf blankem Eis ersparen. Doch wie beim letzten Mal auch, bleibt uns der Zugang auf magische Weise verschlossen. Keine Markierung, kein Hinweis oder sonstetwas ist auf diesen Distanzen auszumachen, wo der Einstieg sein soll. Frau kann da nicht einfach mal kurz hinlaufen und gucken. Jeder Versuch beinhaltet ziemlich sicher das Umgehen von riesigen Randspalten und rutschigem Schutt. Eine endlose Suche, wenn der Punkt nicht exakt bekannt ist. Also bleiben wir auf dem Eis. Den oberen Zustieg zur Hütte würden wir mit einer besseren Wahrscheinlichkeit finden. Und das ist dann auch so. Nach gefühlt endlosen Spaltenübergängen und einem Stück auf der Seitenmoräne kommt die Hütte in Sicht und wir finden relativ schnell den Übergang vom Eis in den kleinen Steig hinauf zur Hütte. Ein steiler Pfad, der schmerzt.

Die Finsteraarhornhütte auf 3048m. Nach einer Bruttozeit von rund 8 Stunden stehen wir am Eingang zum Materialraum. Meine große Frage, in mich selbst hinein gestellt, ist, wie es mir physisch geht. Das letzte Mal brauchten wir gut 9 Stunden für diesen Weg und ich war absolut fertig. Jetzt ist das anders. Zwar sind die Füße und Beine etwas beleidigt, doch ansonsten geht es mir gut. Ich bin weder ausgepowert noch habe ich über die Maßen irgendwelche Schmerzen. Astrid geht es ähnlich. Das Training zahlt sich aus. Es ist erst 13:30 Uhr. Früher Nachmittag. Wir melden uns an der Hütte an und werden sehr nett empfangen, bekommen einen Platz zum Schlafen für die nächsten zwei Nächte und die Info zum Nachtessen. Nachdem wir unsere Sachen zum Trocknen vor dem Materialraum in die Sonne gehängt und uns selbst trocken gelegt haben, genießen wir eine Kalthopfenschale auf der Sonnenterrasse. Einfach ein Traum. Es sind praktisch keine anderen Menschen zu dieser Zeit auf der Hütte. Die Gipfelaspiranten sind noch nicht zurück und die neuen Gäste noch unterwegs. Wir recherchieren noch ein wenig auf der Karte für den nächsten Tag. Die wichtigen Punkte kennen wir jedoch schon und haben eine Idee davon, wohin wir uns jeweils orientieren müssen. Insofern bin ich entspannt. Die Wegfindung wird nicht unser größtes Thema werden. Wenngleich ich sehr aufgeregt bin, gerade weil ich weiß, was zumindest bis zum Hugisattel auf uns zu kommt. Die wichtige Botschaft, wenn ich so in mich hinein höre, ist, dass ich zu keiner Zeit zweifele, ob wir und ob ich den Gipfel schaffen können/kann. Damit der Nachmittag sinnvoll genutzt ist, holen wir bis zum Nachtessen noch ein wenig Schlaf nach und packen soweit möglich für den nächsten Morgen. Als wir uns kurz vor 18 Uhr nochmal mit einem Bier in die Sonne setzen, kommen zwei Gäste auf besagtem Pfad nach oben, dessen Einstieg wir nicht finden konnten. Laut deren Aussage handelt es sich um einen gut ausgetretenen Weg, der mit Steinmanndl markiert ist. Und weil es hier keine Touristen hinverschlägt, kann man diesen Steinmanndln auch vertrauen. Wir merken uns das für den Rückweg.

Noch ein Wort zur Milla auf der Finsteraarhornhütte. Meine Transidentität wird -wie üblich- beäugt, doch ich habe nicht das Gefühl, dass sich jemand ernsthaft daran stößt. Ein Grüppchen Herren im fortgeschrittenen Alter, die auf Gletschertour sind, starren ein wenig mehr als die anderen. Was sie über mich denken oder sicher auch reden, ist mir wurscht. Natürlich macht es keinen Spaß, jedes Mal angeglotzt zu werden, wenn frau den Raum betritt. Doch auch hier gibt es etwas Positives zu berichten. Einer der Herren hatte nämlich seine Socken zum Trocknen auf die Bank draußen gehängt, auf der Astrid und ich das Nachmittagsbier genossen. Als er so seine Sachen richtet, spricht er uns von sich aus an und wir reden, auch wenn ich wenig von dem verstand, was er sagte, über wo kommen wir her, wo gehen wir hin und auch was seine Gruppe getan hat und noch plant zu tun. Ich gewinne nicht den Eindruck, dass er eine ablehnende Haltung mir gegenüber hat. Sonst hätte er sich sicher anders verhalten. Das freute mich. Damit kann ich gut umgehen.
Des Weiteren verfügt die Finsteraarhornhütte nicht über getrennte Sanitärräume. Alle teilen sich die gleichen Waschgelegenheiten sowie die gleichen Toiletten. Finde ich irgendwie auch entspannter. Meine Notwendigkeiten, um halbwegs hergestellt vor die Tür treten zu können, verschob ich einfach auf Zeiten, in denen niemand sonst den Waschraum benutzte. Fertig. Hat funktioniert.

Der Magen knurrt. Vorfreude auf das Nachtessen kommt auf. Die Tische sind nur jeweils mit wenigen Menschen gefüllt. Einige andere Seilschaften fanden sich zwischenzeitlich ein. Ich halte Ausschau nach jemandem, der oder die die gleiche Sportuhr, wie ich trägt. Meine hat nämlich nach 2/3 des Weges den Geist aufgegeben. Angeblich weil der Strom alle ist. Was ich von meiner Uhr sonst nicht kenne und deswegen auch bisher nie ein Kabel dabei hatte. Blöd. An der für die Allgemeinheit zur Verfügung gestellten Steckdosenleiste sehe ich, dass tatsächlich eine Uhr wie meine zum Laden angehängt ist. Nur wem die gehört, steht natürlich nicht dran. Ich borge mir ein Stück Papier und einen Stift von der Hütte und schreibe eine Notiz darauf, die ich bei der fremden Uhr lasse, ob ich mir das Kabel wohl borgen darf. Schau mer mal, was passiert. Ich wollte damit nun nicht gerade von Tisch zu Tisch hausieren gehen und den Menschen auf die Nerven fallen.
Futter. Vreni, die Hüttenwartin und ihre Hilfe stellen die Suppe auf den Tisch. Der erste Gang. Eine einfache aber sehr leckere Lauchsuppe. Die beiden Gäste, die spät über den Pfad hoch kamen sitzen in unserer Ecke am eigenen Tisch. Wir kommen ins Gespräch und teilen die aufgetischten Speisen. Ein zweiter Teller Suppe läuft rein. Die Lebensgeister kommen zurück. Es folgen ein sehr g'schmackiger Salat und eine ebenfalls sehr g'schmackige Pasta Ragout. Wieder ein Beweis dafür, dass Essen auf Schweizer Hütten gut sein kann. Gerade hier, wo die Versorgung ein logistisch aufwändiges Thema ist, kommt trotzdem gutes Essen aus der Küche. Warum das andere mit Seilbahn oder gar Fahrstraße nicht schaffen, verstehe ich nicht. Ich freue mich jedenfalls und ich kann auch sagen, dass keine komischen Dinge in meinem Bäuchlein passiert sind, wie sonst so häufig. Eindeutig Daumen hoch für die Finsteraarhornhütte.
Astrid holt was aus unserem Lager und berichtet, die Uhr sei abgehängt, doch der Zettel läge noch da. Schade. Warum keine Rückmeldung kam, kann ich nicht sagen. Ich schließe innerlich mit dem Thema ab. Ich brauche die Elektronik nicht, um auf das Finsteraarhorn zu kommen. Und auch nicht, um zurück zum Auto zu finden. Da ich aber so ein bisschen auf Messen, Zählen, Wiegen stehe, rutsche ich doch nervös rum. Astrid findet dann heraus, dass einer aus der Gruppe, die hinter uns am Tisch sitzt, eben besagte Uhr trägt. Sie spricht ihn an und ich darf sein Kabel verwenden. Vielleicht war er unsicher. Ich hatte nur auf Deutsch und Englisch geschrieben, weil ich anderen Sprachen in dieser Angelenheit nicht hinreichend genug mächtig bin. Er ist Niederländer. Aber ein netter. Etwas schüchtern vielleicht, wenngleich er sicher 1,90m groß ist. Die kleine Technikverliebte freut sich, als ich dem Spielzeug ein paar Prozent Strom einflößen kann. Dass es nicht hilft, finde ich dann am nächsten Morgen heraus.
Gemeinsam im Speisesaal schauen alle Anwesenden den Wetterbericht an. Vreni stellt immer um 20 Uhr den Fernseher für die Nachrichten und den Wetterbericht an. Es bleibt für Samstag stabil. Spät am Nachmittag gegen Abend schon könnte es eventuell etwas zuziehen. Passt. Die Zeit fürs Frühstück wird festgelegt. Moderate 4:30 Uhr. Es ist eben schon September, morgens länger dunkel und in der Folge länger kalt. Wir erfahren außerdem, dass es an manchen Stellen im Gipfelgrat guten Trittfirn gibt. Ansonsten sind die Felsen trocken. Hans, der Hüttenwart, bereitete das Frühstück. Für alle die wollen, steht jeweils bis zu einem Liter Marschtee zur Verfügung. Ist in der HP inbegriffen. Das ist eine sehr nette Geste. Leider schaffen es manche, das auch noch auszunutzen, indem sie erstmal direkt am Teebereiter ein paar Becher trinken und sich dann erst die Flasche voll machen, die gerne auch mal 2 Liter fasst. Gibt schon seltsame Gestalten.

Kurz nach 5 Uhr brechen Astrid und ich auf. Stirnlampe an. Wie am Rimpfischhorn leuchtet eine große gelbe Scheibe am Himmel. Der ist sternenklar, doch es ist nicht ganz so kalt, wie am Rimpfischhorn. Die Niederländer und eine Zweierseilschaft sind bereits weg. Unsere Tischmates saßen noch beim Frühstück als wir aufbrechen. So sind wir im Wesentlichen mehr oder weniger alleine auf dem sehr steilen Weg, der hinter der Hütte startet. Bis zur Ruine der alten Finsteraarhornhütte ist der Pfad blau-weiß-blau markiert. Wir passieren die alten Mauern schweißnaß und halten ab da Ausschau nach Steinmanndln, die uns den Weg zum ersten Eisfeld zeigen. Ein bisschen Klettern muss über die teilweise glatt geschliffenen Felsen sein. Bald sehe ich schon die Stirnlampen der Niederländer blitzen, die am Rand des Eises auf Steigeisen wechseln. Sie gehen gerade los als wir eintreffen. Bis dahin sind beinahe 300 Höhenmeter geschafft. Die Morgendämmerung setzt ein als ich die Krallen ins erste Stück Eis trete. Die Neigung ist ein wenig ungünstig. Zu steil, um auf dem ganzen Steigeisen aufzutreten und alles aus der Ferse zu drücken, doch gleichzeitig auch zu flach, um alleine auf Frontalzacken aufzusteigen. Es werden so zwischen 30 und 35° sein. Ich wechsele ab. Wo ich Stufen finde, setze ich ganz auf, um die Hufe zu entspannen. Wo ich keine finde, bemühe ich die zwei Zacken, die jeweils vorne herausstehen. Astrid hat Spaß. Sie läuft fast die ganze steile Passage auf Frontalzacken rauf. Wie sie das mit ihren Waden vereinbaren kann, ist mir ein Rätsel. Der Hang flacht etwas ab im weiteren Verlauf und für mich überraschend müssen wir bis zum Frühstücksplatz auf 3616m durch eine Spaltenzone steigen, die mit teilweise sehr fragwürdigen Schneebrücken ausgestattet ist. Wir tüddeln das Seil zwischen uns, als wir die Paradebrücke erreichen. Draufsteigen kann frau da sicher nicht mehr. Ich lote aus, ob meine Schritte wohl lang genug sind, um die andere Seite möglichst schonend zu erreichen, denn die besteht auch nur aus einem etwas dickeren Schneepaket. Wir spannen das Seil. Ich fasse mir ein Herz, nehme den Pickel einschlagbereit in die Hand und steige rüber. Kurzes Herzklopfen. Hält. Astrid kommt nach. Als sie drübersteigt, habe ich an einer Eiskante den Pickel eingehängt und das Seil rumgelegt. Doch auch bei ihr hält's. Und weiter geht's. Bis zum Frühstücksplatz ist ab da eine Spur in den alten Schnee getreten. Wie es unterm Schnee aussieht, weiß keiner. Also immer schön Spannung auf dem Seil halten. Das erste Gletscherstück endet kurz vorm Frühstücksplatz, der auf steilem, schuttigem Weg über Fels erreicht wird. Wir ziehen die Steigeisen für das Stück von den Füßen. Geht schnell und es lässt sich leichter laufen. Die ersten rund 600 Höhenmeter sind geschafft. Es ist hell inzwischen. Kurze Pause. Wir beobachten, wie die Niederländer sich durch den steilen Schnee in Richtung Hugisattel quälen. Die vorhandene Spur wurde wohl von einem Experten oder einer Expertin gelegt. Im Wesentlichen zieht sie einfach geradeaus nach oben. Mühsehliger geht es kaum.

Vom Frühstücksplatz weg folgt meine persönliche kleine Angststelle. Und ich bin damit nicht alleine, wenn frau sich einschlägige Berichte ansieht. Frau betritt das nächste Gletscherfeld vom Schutt aus unmittelbar oberhalb einer gigantischen Bruchzone auf etwa 35° steilem Etwas. Manchmal ist es guter Trittfirn, dann ist es kribbelig aber unschwierig. Manchmal ist es blankes Eis, dann schaltet frau am besten den Kopf aus und tritt noch ein bisschen fester die Krallen ins Eis. Damals hätte es mich fast runtergehauen, weil ich erst mitten im Weg bemerkte, dass es Blankeis und keine Trittspur ist. Auf dem Rückweg hatten wir das Stück dann mit Eisschrauben gesichert. Dieses Mal ist es entspannt. Eine mehrheitlich gute Spur in festem Schnee führt über eine Randspalte auf den Gletscher. Wir gehen einfach am langen Seil drüber. Ich freue mich. Nun beginnt ein kleiner Kampf. Der Aufstieg zum Hugisattel. Mehr oder weniger in direkter Linie führt eine Spur, wie erwähnt, die nächsten rund 400 Höhenmeter in etwa 30-35° Neigung über Spalten zum Sattel. In ganz kleinen, langsamen, kontinuierlichen Schrittchen arbeiten wir uns nach oben. Keuchend und schnaufend, aber nicht überpacend. Als es ab der Hälfte etwas flacher wird, nehmen wir noch einen unsere Stöcke zu Hilfe. Ein scharfer, kalter Westwind fängt an, uns zu piesacken. Ich ziehe die Kapuze über den Helm und versuche, ihn auszublenden. Meine Uhr gibt auf diesem Stück erneut den Geist auf. Schade. Hätte ich auch unten lassen können. Egal. Ich brauche sie nicht. Ich fühle mich gut und freue mich regelrecht auf die Kletterei. Bereits beim Weggehen an der Hütte war meine 100%-Einstellung, dass wir zum Gipfel kommen. Keine Zweifel. Wir können Bergsteigen und haben dieses Mal auch die nötigen physischen Voraussetzungen für die Tour. Ob ich dabei ein bisschen schnaufen muss oder nicht, spielt keine Rolle.

Hugisattel. 4088m. Hey. Ein alter Bekannter. Die Aussicht ist genial. Der hartnäckige Wind leider nicht. Wir frieren als wir stehen bleiben. Der ganze Hang liegt noch im Schatten. Es muss etwas zu Essen und zu Trinken rein. Und auch das Seil muss umgeklöppelt werden für die Kletterei. Wir hatten bereits an der Hütte beschlossen, am laufenden Seil zu klettern und für den Einstieg, der die schwierigste Stelle bildet, schleppten wir für alle Fälle zwei Camelots und unsere Sicherungsgeräte mit rauf. Frau weiß ja nicht, wie es ist. Alle tun es nach Gutdünken anders. Nur nichts tun ist keine gute Idee. Anfang August ist ein Bergsteiger hier gut 250m abgestürzt und gestorben. Nun zahlt es sich aus, ein paar Tage vorher mit Bergführer Jürgen am Rimpfischhorn unterwegs gewesen zu sein. Wir wissen, was zu tun ist und wie es angewendet wird. Die Stöcke lassen wir unten. Die Pickel stecken wir griffbereit durch den Rucksackträger. Die Steigeisen lassen wir an, denn es wird Schnee oder ggfs. auch Eis vorbeikommen. Es warten nun knapp 200 Klettermeter am Grat entlang, teilweise recht luftig, auf uns. Ich steige voraus. Die Einstiegsstelle bereitet mir keine Probleme. Eine Standplatzsicherung ist nicht nötig. Auch Astrid steigt sourverän durch. Überall sind perfekte Felsnasen vorhanden, hinter die wir das Seil legen können, sodass es nie frei zwischen uns hängt, sondern immer um mindestens einen festen Sicherungspunkt läuft. Ob die Einstiegsstelle schon der III. Grad ist, was landläufig bestätigt wird, sei dahin gestellt. Es ist nicht wie Kletterhalle. Die Bedingungen wechseln mehrfach in der Saison. Bohrhaken gibt es keine, dafür aber viel Luft unterm Popo. Letzten Endes, und das gilt für die ganze Kletterstrecke, muss jede(r) mit sich selbst ausmachen, was gut ist und was besser gelassen wird.

Die Kletterei übersteigt auf dem Rest der Strecke den II. Grad nicht. Der Fels ist überraschend kompakt. Losen Schutt gibt es wenig bis keinen. Manche Passage kann in guten Trittfirnspuren bewältigt werden. Es gab jedoch 2-3 Stellen, an denen ich kurz innehalten musste. Immer dann, wenn die Route direkt über den Grat verläuft, gibt es die maximalen Tiefblicke. Als ich die erste dieser Stellen erreichte, trennten mich nur wenige Zentimeter Schnee von der Ostwand, die nahezu senkrecht fast 1000 Meter bis zum Finsteraargletscher runter fällt. Im ersten Moment blieb mir das Herz stehen als ich realisierte, wo ich drüber muss. Erstmal prüfen, dass alle Enden meiner Extremitäten Kontakt mit festem Fels haben. Dann kurz Kopf einschalten, schauen, wo es weitergeht und dann mit voller Konzentration den Plan umsetzen. Immer schön darauf achtend, dass das Seil durch die Felsen läuft. Die nächste dieser Stellen war dann schon nicht mehr ganz so erschreckend. Wir sind sicher unterwegs. Das Klettern am Laufenden Seil läuft im wahrsten Sinne des Wortes wie am Schnürchen. Wie lange wir bis zum Gipfel vom Hugisattel aus gebraucht haben, weiß ich nicht so genau. Im letzten Drittel wurde es mir dann doch ziemlich lang und ich blickte ständig nach oben, wann wir endlich das Kreuz sehen können. Der Wind blies unablässig eiskalt. An ein oder zwei Stellen können wir ihm kurz hinter großen Felsblöcken entgehen, um zu verschnaufen. Die zwei vorausgegangenen Seilschaften kamen uns mit etwas Abstand wieder entgegen. Ein kurzer Plausch bis alle aneinander vorbei sind. Und dann endlich. Der Gipfel. Für uns ganz alleine. Gut, viel Platz ist da eh nicht. Mich überrollt eine Emotionswelle, wie ich es vorher noch nie auf einem Gipfel erlebte. Ein paar Tränchen mussten raus. Als ich mich beruhige, fällt mir mein Freund Ivo wieder ein. Der arme Kerl. Er wird keine Glücksmomente mehr erleben dürfen. Vor der Tour hatte ich ein kleines Schild vorbereitet. "Gute Reise Ivo". Ich kann Abschied nehmen. Eine Mission, die mich seit Wochen nicht loslässt, findet ihren Abschluss. Astrid hält die Szene auf einem Bild fest. Ich schicke es später seiner Familie.

Lange Aufhalten wollen wir uns nicht. Weil sonst niemand da ist, schießen wir von uns gegenseitig Gipfelfotos mit Manni. Wenige Minuten später treten wir den Rückweg an. Abklettern geht meist nicht viel schneller als Raufklettern. Zudem kriecht bei jedem Stopp die Kälte in die Glieder. Deswegen ist es ratsam, in Bewegung zu bleiben. Eine gute Gelegenheit, das talwärts gerichtete Abklettern zu üben. Das bedeutet, so lange es irgendwie möglich ist, sich nicht mit dem Gesicht zum Fels drehen und rückwärts runterklettern, sondern mit dem Gesicht zum Tal vorwärts. Das verschafft eine deutlich bessere Übersicht, fühlt sich jedoch schnell mal unangenehm an, weil der offene Raum und die Tiefblicke vor einem unausweichlich sind. Astrid kann das -glaube ich- schon besser als ich. Ich drehe etwas häufiger zum Fels als sie. Trotzdem finde ich, habe ich gute Fortschritte gemacht. In IIer Gelände muss das sicher sitzen. Auch bergab läuft es mit dem Seil nahezu perfekt. Wir brauchen kaum Worte, um zu zweit zu funktionieren. Wenn ich klettere achtet sie auf die Seilführung. Wenn sie klettert achte ich darauf. So kommt es nur an einer einzigen Stelle, an der es einfach keine Felszacken gibt, dazu, dass das Seil mal frei zwischen uns hängt. In Panik gerät deswegen aber auch niemand. Wir nehmen es zur Kenntnis, konzentrieren uns und sehen zu, dass es an der nächstmöglichen Stelle wieder eingehängt wird. Fertig. Zurück am Hugisattel, der Einstieg bereitet uns auch im Abstieg keine Probleme, bauen wir wieder das Seil für den Abstieg über den Gletscherhang um und steigen weiter ab. Der Wind pfeift uns immer noch um die Ohren, doch die Sonne hat inzwischen die Runde um den Gipfelaufbau geschafft und wärmt ein wenig. Mit Stock und Pickel in den Händen folgen die Füße der Spur nach unten. Ich bin froh, dass der Schnee immer noch relativ fest und noch nicht von der Sonne aufgeweicht ist. Sonst wäre das steile Stück nicht lustig. So geht es aber ganz gut und obwohl die Strecke bis zum Frühstücksplatz sehr lang erscheint, so sind wir im Abstieg doch um einiges schneller. Wir erreichen die Querung über dem Bruch, übersteigen die Randspalte und stehen erstmal wieder auf festem Boden. Entspannen kann ich mich nicht. Ich weiß dass die spaßige Schneebrücke im nächsten Abschnitt noch auf uns wartet. Wenn da jetzt alle drübergestiegen sind, ist sie wahrscheinlich auch gar nicht mehr da. Doch bergab lässt sich so etwas leichter überspringen als bergan. Wird schon gehen. Bevor wir wieder aufs Eis steigen machen wir wieder Pause. Der Wind hat nachgelassen. Nun brennt die Sonne nahezu runter. Jacke aus. Handschuhe aus. Trinken. Essen.

Weiter geht's. Die Spalten und das steile Eis warten auf uns. Wir beobachten von oben, dass die niederländische Seilschaft die Spaltenübersteigungen gut schafft, allerdings auf eine Zweierseilschaft hinter ihnen ziemlich einreden muss, bis sich der erste ein Herz fasst und springt. Na, das kann ja lustig werden. Auf uns wartet niemand. Aber ganz ehrlich. Das braucht auch niemand. Wir erreichen die Kante der ersten Spalte und Astrid denkt gar nicht groß nach, sondern übersteigt den Schlund einfach. Sie sagte mir später, dass sie schon ziemlich Herzklopfen hatte, weil das Ding einfach so abgrundtief war. Ich tue es ihr gleich und verstehe nicht, was die anderen für ein Thema hatten. Egal. Ich bin froh, dass es so ist. Es folgt die ultradünne und -schmale Schneebrücke, die ganz sicher niemanden mehr trägt. Lustigerweise ist genau ein Fußabdruck oben auf ihr drauf. Also irgendwer hat wohl ausprobiert, ob's hält. Auch hier konzentrieren wir uns, spannen das Seil und steigen kontrolliert mit einem großen Schritt drüber. Solange ich nicht springen muss, tue ich es auch nicht. Die Landung beim Springen wirkt wie ein Bombeneinschlag auf der anderen Seite. Wenn dabei was abgeht oder durchbricht, ist Holland in Not. Auf blankem Eis kann frau so etwas tun. Wobei eine Landung auf Steigeisen schon so manche Sehne gekostet hat. Ist also auch mit Vorsicht zu genießen. Durch den Rest der Spaltenzone führt inzwischen eine gut ausgetretene Spur. Keine Herausforderungen mehr. Danach stellen wir auf dem steilen Eis die Duell-Szene von John Wayne nach. Oder besser gesagt, Jane Wayne. Breitbeinig in federnden Knien, alle Krallen ins Eis hämmernd jederzeit schußbereit, gehen wir einfach geradeaus runter. Die Füße mögen das nicht. Doch es ist die sicherste Methode. Eis Ende.

Es ist kaum halb eins am Nachmittag als wir die Felsen erreichen, von wo aus der Wanderweg zurück zur Hütte führt. Überglücklich rasten wir kurz auf den warmen, glatt geschliffenen Formationen. Wir füllen unsere Thermoskannen erneut mit Eiswasser vom Gletscher für den nächsten Tag. Heute keine Steigeisen mehr. Wir lassen sie ein wenig in der Sonne trocknen bevor wir uns auf den Weg machen. Der war im Dunkeln bergauf schon anspruchsvoll. Bergab ist das nicht anders. Wir haben fast 8 Stunden bergsteigen hinter uns und sind erschöpft. Mansche Passage rutsche ich mehr oder weniger auf dem Hosenboden ab. Die niederländische Seilschaft haben wir fast wieder eingeholt. Sie kämpfen ebenfalls ein wenig mit dem anspruchswollen Restweg. Nach insgesamt rund 8,5 Stunden brutto treffen wir einigermaßen durch den Wind auf der Terrasse der Finsteraarhornhütte ein. 1200 Höhenmeter und an die 10km Strecke zu einem der -wie ich finde- schönsten 4000ern in der Schweiz. Bergsteigerisch wurden wir einigermaßen gefordert. Über einen einfachen Schneehatscher ist der Gipfel nicht zu erreichen. Die übliche Route bietet viel Abwechslung. An jedem Übergang sind neue Entscheidungen zu treffen. Hat mir sehr gut gefallen. Ich fühle so etwas wie Stolz, diesen Berg ohne fremde Hilfe geschafft zu haben. Aber: Wir stecken immer noch mitten in diesem Abenteuer. Der Weg zurück zum Auto am nächsten Tag ist genauso eine Hochtour mit langem Weg, Spalten, steilem Eis und am Ende einem langen Weg am Oberaarsee vorbei.

Ähnlich früh an der Hütte, wie am Vortag, bleibt uns Raum für ein Schläfchen am Nachmittag. Obwohl die vorangegangene Nacht auf der Hütte die erste in dieser Saison war, in der niemand im Zimmer schnarchte, schlief ich gefühlt doch wenig. Der Körper holt sich in diesen Fragen irgendwann, was er braucht. Und so döse ich nach dem Gipfelbier auf der Terrasse ein wenig vor mich hin. Vorher bat ich nochmal den netten Niederländer um das Ladekabel für die Uhr. Merkwürdig, dass er am Vortag meinen Zettel ignorierte und sich nun nahezu ein Bein ausreißt und extra in sein Lager sprintet, um mir das Kabel zu geben. Ich finde es jedenfalls überaus nett. Vielleicht war er am Vortag auch einfach nur angespannt und aufgeregt. Wer weiß das schon. Kurz vor dem Nachtessen, auf das ich mich schon seit der Ankunft an der Hütte freue, sammeln wir unser Zeug draußen ein, das wir zum Trocknen in die Sonne legten. Die Hütte hat sich etwas geleert. Die beiden französischen Bergsteiger, die das Lager am Vortag mit uns teilten, sind weg. Wir haben das Zimmer für uns alleine. Eine Wohltat. Nicht, dass sie unangenehm gewesen wären, ganz im Gegenteil. Uns trennte wahrscheinlich nur die Sprachbarriere. Aber ohne fremde Menschen im Zimmer ist schöner.
Futter kommt aus der Küche. Vreni und ihre Hilfe tischen wieder auf. Suppe, von der ich zwei Teller nehme, Salat, bei dem ich die Schüssel bis zum letzten Kürbiskern auskratze, Pürree mit Fleisch und Soße, wo ich auch noch den letzten Krümel in der Schale heraus fische und als Abschluss eine Schokocreme. Immer natürlich mit Rücksicht auf unsere Tischmates. Alle müssen satt werden. Was soll ich sagen. Einfach lecker. Der Bauch ist zufrieden. Der Kopf auch. Kein Gezicke wegen unverträglichen Convenience-Zuschlägen. Wir unterhalten uns noch ein wenig mit den beiden am Nachbartisch, die den Gipfel ebenfalls erreicht haben. Ganz schön kalt wars da oben. Da sind wir uns einig. Die Nachrichten um 20 Uhr starten, Vreni schaltet den Fernseher ein. Der Sonntag ist so ein wenig der Wackeltag, was das Wetter angeht. Es schlägt eindeutig um. Die Frage ist nur, wann. Astrid und ich beschließen, nicht dem Zufall zu überlassen, ob wir am nächsten Tag durch Nebel laufen müssen und als die Frage nach der Tagwache gestellt wird, hängen wir uns an eine der frühen Seilschaften und wollen spätestens um 6 Uhr an der Hütte weg sein. Die geschätzte Dauer für den Rückweg sind ungefähr 7 Stunden, wenn frau die Füße ein bisschen in die Hand nimmt und nicht nach dem Weg suchen muss. Damit hätten wir ein komfortables Zeitfenster bevor das Wetter am nächsten Tag zu macht. So ziemlich alle, die am nächsten Tag zum Oberaarsee zurück wollen, schließen sich an.

Alle Fragen geklärt. Ich gehe, um unseren sehr angenehmen Aufenthalt zu zahlen. Ich zucke nicht, als ich unsere Summation erfahre. Wer in der Schweiz bergsteigen will, darf nicht nach den Preisen für etwas Komfort fragen. Es ist mir ehrlich gesagt egal. Das kühle Blonde am Ende eines grandiosen Bergtages hier an diesem Platz ist jeden Franken wert. Menschen müssen etwas dafür tun. Die Dinge fallen nicht vom Himmel. Wir plauschen noch ein wenig mit Vreni und ihrer Aushilfe -das Wort ist doof, doch ich habe nicht nach ihrem Namen gefragt- und starten in die vermutlich vorerst letzte Nacht auf der Finsteraarhornhütte. Da wir alleine sind und niemanden stören, hören wir noch ein wenig Hörbuch. Carlos Ruiz Zafon. Manche sagen, das Beste, was Spaniens Literatur seit Servantes zu bieten hat. Servantes war der, der Don Quijote geschrieben hat und das ist gut 400 Jahre her.
Ich schlafe etwas besser. Die Aufregung hat sich wohl gelegt. Ich weiß, dass der nächste Tag anstrengend wird. Wirkliche Herausforderungen sind jedoch nicht zu erwarten.

Nach Frühstück und Verabschiedung am nächsten Morgen brechen wir tatsächlich gegen 6 Uhr als erste Seilschaft auf. Es ist dunkel und klar. Bereits am Abend vorher hatten wir beschlossen, den eigentlichen Hüttenzustieg von Süden hinunter zu gehen. Das lief auch ziemlich gut. Am Ende des Pfades, der mit Steinmanndln gesäumt ist, betreten wir die Seitenmoräne, auf der wir noch lange eisfrei absteigen können. Erst kurz vor dem Rotloch haben wir keine Wahl mehr, wechseln auf die Steigeisen und müssen noch eine Spaltenzone hinter uns bringen. Wir haben allerdings Glück. Eine Zweierseilschaft, sich sich bereits am Gipfeltag als sehr stark erwies, überholte uns auf dem Eis und wir konnten ihrer Spur nachlaufen. So erreichten wir den Abzweig auf den Galmigletscher schon nach rund 1,5 Stunden. Ich beobachtete die beiden, die mit unglaublicher Geschwindigkeit den Galmigletscher hochliefen. Als wir dort aus dem Rotloch kommend über den ersten Buckel drüber waren, sind die beiden auf einmal verschwunden. Net schlecht. Denke ich. Die müssen ja fast geflogen sein. Spuren gibt es im Eis keine. Wir gehen unseren eigenen Weg weiter. Wir hatten uns im Zustieg zur Hütte bereits einige markante Punkte gemerkt, die wir nun konsequent ansteuerten. Nach einem Anstieg durch die Außenkurve folgt spaltiges Eis. Es sind jedoch nur moderat viele Querungen nötig, um den Bereich hinter uns zu lassen. In der Ferne kommt der Anstieg zum Oberaarjoch in Sicht. Ich halte darauf zu und achte darauf, möglichst wenig Höhe zu verlieren. Der Anstieg dort ist steil genug. Ich möchte keine Extrameter mehr rauflaufen müssen. Auf dem Weg kommen uns zwei entgegen. Ich vermute Tschechen. Sie wollen zur Finsteraarhornhütte, um am nächsten Tag eben diesen Berg zu besteigen. Ob sie den Wetterbericht kennen? Wir schnacken kurz. Sie werden wissen, was sie tun. Nach weiteren etwa 2 Stunden sind wir am Oberaarjoch. Kurz vor der Kuppe tritt Astrid in einen Brei aus Eis, Schlick und Gestein. Sah fast aus, wie Beton. Sie hat Mühe, da wieder rauszukommen. Ein bisschen, wie Treibsand. Sie steckt fast bis Mitte Wade in dem Schlamm fest und muss kräftig ziehen. Kurz denke ich darüber nach, ob ein Flaschenzug, sprich die lose Rolle, nötig wird, um sie zu befreien. Aber dann hat sie es aus eigener Kraft geschafft. Auf dem Joch war eh eine Pause geplant und weil da grad ein kleiner Eissee ist, treten wir eine Ecke frei, in der sie sich vom Rest des Schlammes trennen kann. Das Gemeine an dieser Stelle ist, dass frau den Parkplatz schon sehen kann. Wie im Aufstieg ist kaum zu glauben, dass die Distanz fast 10 km und fast 1000 Höhenmeter beträgt. Wir liegen gut in der Zeit. Die Wolken werden zwar immer mehr, doch Anlass zur Eile bieten sie nicht. Etwa 2 Stunden werden wir brauchen bis wir vom Eis runter kommen und dem Wanderweg am See entlang folgen können. Das erste Stück ist einfach. Es gibt eine Spur in weichem Schnee. Daran schließt sich eine halbwegs erkennbare Spur über Eis in einer Spaltenzone an. Ganz unerwartet werden wir von den beiden Jungs überholt, die ich am Galmigletscher aus den Augen verlor. Sie haben versucht, einen Weg durch die Innenkurve zu finden, sind aber an monströsen Spalten im Bruch gescheitert und mussten umkehren auf den Normalweg. Wieder ein Glücksfall für uns. Ich laufe den beiden einfach nach und wir wundern uns, dass sie plötzlich an der Seitenmoräne anhalten, die Steigeisen ausziehen und auf Gummisohlen weiter gehen. Wir lernen, dass auf der Moräne ein kleines, kaum erkennbares Steinmanndl den eisfreien Weg markiert. Cool, dachte ich. Hab' nämlich so langsam die Schnauze voll von Steigeisen.

Auf einer Schuttmoräne bergab zu gehen ist allerdings nicht das gleiche, wie auf einem Wanderweg. Es gibt auf der ganzen Strecke exakt ein Steinmanndl bis zum Gletschermund. Ansonsten nur rutschiges, loses Geröll auf Eis und Schlick. Wir müssen uns ein bisschen quälen, queren noch einmal ein Stück Eis, um den Schutthaufen zu wechseln und treffen später nach weiteren Metern auf grobem Eis auf den Wanderweg, der uns zum Seeanfang bringt. Ab da ist es nur noch eine Durchhalteaktion. Vom Eis runtersteigend fällt mir der Nebel auf, der sich wie eine dicke zähe Wolke über die Staumauer wälzt und langsam das Tal raufzieht. Ich glaube, wir haben mit dem frühen Aufbruch alles richtig gemacht. Wir liegen gut in der Zeit und treffen so am Parkplatz ein, dass uns etwa eine halbe Stunde bleibt, bis die Straße zum Grimselpass in unsere Richtung öffnet. Das ist genug, um uns in den Armen zu liegen, alles an uns einfach fallen zu lassen und uns trocken zu legen.

Ein für unsere Verhältnisse abgefahrenes Abenteuer geht zu Ende. In den letzten 3 Tagen bewältigten wir rund 3000 Höhenmeter, 42 km Strecke in 7-8 Stunden Etappen und standen auf dem höchsten Berg im Kanton Bern auf 4274m. Danke an die Menschen der Finsteraarhornhütte, die uns einen sehr angenehmen Aufenthalt dort ermöglichten. Danke an meine Lieblingsbergsteigerin, dass wir dieses Erlebnis teilen durften.

Zu guter Letzt dürfen wir noch ein Naturschauspiel erleben, von dem uns Remo 3 Tage zuvor erzählte. Die Grimselschlange. Ein Wetterphänomen bei dem sich sehr rasch eine sehr dichte Nebelwurst bildet, die von Norden aus dem Haslital über den Grimsel ins Rhône-Tal gezogen wird. Weil die thermischen Aufwinde im Goms besser ausgeprägt und stärker sind, wird der Talwind im Haslital direkt weiter über die Grimsel runtergezogen. Die Luft wird dabei vor dem Pass gehoben und kühlt ab. In der Folge kondensiert die Feuchtigkeit und bildet diese Nebelwurst. Beim Absteigen auf der anderen Seite löst sich der Nebel rasch wieder auf, weil die wärmere Luft das Kondensat wieder aufnimmt. Spannend.

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