Rimpfischhorn, 4199m, 31.8.-1.9.2020

Nachdem wir uns von der Besteigung des Zinalrothorns unter Abstimmung mit Jürgen, dem Bergführer, von dem wir so ziemlich alles, was wir wissen und können, erlernten, verabschiedeten, änderten wir den Plan. Absagen wollten wir diese schon lange geplante Tour mit ihm nicht. Der Schneefall am vorangegangenen Wochenende machte nötig, dass wir ein auf den ersten Blick leichteres Ziel auswählten. Ein Berg, der ebenfalls seit einigen Jahren auf uns wartet: Das Rimpfischhorn. Zum ersten Mal nahm ich diesen Dinosaurier wahr, als meine Frau und ich vor 8 Jahren über den Hohlaubgrat aufs Allalinhorn kaxelten. Damals dachte ich schon: "ziemlich imposanter Felsgrat". Die aufragenden Felszacken, die sich über die gesamte Länge des Grates erstrecken, gleichen den Hornplatten eines Urviechs. Dass der Grat nicht der übliche Aufstiegsweg ist, wusste ich damals nicht. Der Normalweg führt von genau der anderen Seite hinauf und ist deutlich leichter. Wenngleich schwer genug, dass wir bisher nur von einer Besteigung träumten, jedoch nie einen Versuch in Eigenregie wagten.
Und genau deswegen bot es sich an, das Ding mit Jürgen anzugehen. Schweren Herzens stornierte ich die Plätze auf der Rothornhütte. Allein schon wegen dieser Hütte wäre ich so gern aufs Zinalrothorn gestiegen. Hilft aber nix. Wegen des Neuschnees wählten wir als mögliche Route aufs Rimpfischhorn den Aufstieg ab dem Berghaus Flue, 2620m hoch gelegen, von der Zermatter Seite. Von dort hat frau vergleichsweise wenig Gletscherberührung, was von der Britanniahütte aus ganz anders ist. Nicht wegdiskutieren kann frau allerdings, dass der Weg vom Berghaus Flue aus sacken weit ist. Sowohl was die Strecke angeht als auch die Höhenmeter. Gut 1600 rauf und runter. Von der vor kurzem unternommenen Bergfahrt auf den Wörner wussten wir, dass wir damit klarkommen können. Das Niveau ist bloß fast 2000 Meter höher. Mit Unterstützung durch einen Bergführer waren wir uns einig, dass wir das schaffen.

So starteten wir aus dem Kinderwochenende im Saarland sonntags in Richtung Schweiz, übernachteten in Kandersteg in einem einfachen Hotel, um früh am nächsten Morgen eine der ersten Fahrten mit dem Autoverlad durch den Lötschbergtunnel zu bekommen. Ab dem Südende der Bahnstrecke in Goppenstein ist frau in einer guten Stunde entweder im Saas- oder Mattertal. Treffpunkt mit Jürgen ist Herbriggen. Er ist bereits seit einer guten Woche in der Gegend, um für den DAV Summit Club zu führen. So bekam er quasi live mit, was das Wetter samstags und sonntags veranstaltete und bestätigte erneut, dass es keine gute Idee ist, zum Zinalrothorn zu gehen. In Herbriggen angekommen, luden wir erstmal einen großen Teil unserer mehr oder weniger gesamten Habe von unserem Auto in seines, damit wir mit nur einem Auto nach Täsch ins Parkhaus müssen. Weil wir von Schwimmsachen, Fahrrädern, Sportkletterausrüstung, Hochtourenzeug, Übernachtungsausstattung fürs wilde campieren und natürlich dem Kleideraufkommen für 10 Tage alles etwas umorganisieren mussten, dauerte das eine Weile. Vergessen möchte frau ja auch nix, was wichtig und nötig ist. Wir lernten Kristin kennen. Jürgen hatte bereits im Vorfeld angekündigt, dass wir zu viert sein werden. Wir stimmten dem zu, denn ausgehend von den beschriebenen Herausforderungen auf dem Weg sprach nichts dagegen. Das illustre Trüppchen startet nach Täsch, als unser Auto so weit hergerichtet war, dass vier Menschen Platz nehmen konnten.

Das Parkhaus in Täsch. Ich kenne es von unserem ersten Besuch in der Gegend. Da Zermatt autofrei ist, muss frau als Touristin dort parkieren und den Zug zur Weiterfahrt ins Bergsport-Mekka nehmen. Das Parkhaus ist wenig belegt. Corona lässt grüßen. Das sonst von Asiaten überflutete Örtchen Zermatt ist nach den üblichen erlebten Maßstäben nahezu menschenleer. Nicht zu übersehen bei Ankunft: Das Matterhorn. Wohl der meistfotografierte Berg der Welt. Schon beeindruckend. Steht auch noch auf unserer Wunschliste. An eine eigenverantwortliche Besteigung ist jedoch nicht zu denken. Ähnlich dem Mont Blanc ist es nahezu unmöglich, ohne Bergführer, die auf diesen Berg ausschließlich 1:1 führen, überhaupt einen Platz auf der Hörnlihütte zu bekommen. Wunsch und Kommerz haben sich bisher gegenseitig ausgeschlossen. Wir tanken noch ein paar Franken und starten zu Fuß zum Berghaus. Einen Wegweiser sucht frau vergebens. Die Zermatter sind schlau. Wer zum Berghaus Flue will, soll gefälligst die Sunnegga Bahn nehmen. So sind auch sämtliche Wanderungen, die in der Zermatter Gegend von Touristen begangenen werden können, immer mit Bahnunterstützung beschrieben. Nun, wir sind zum Bergsteigen da. Der schnelle Aufstieg mit der Bahn divergiert mit der Möglichkeit, sich beim gemütlichen Aufstieg zu Fuß etwas akklimatisieren zu können. Jürgen kennt den Weg. Wir stapfen nach. Hat auch was Entspanntes, einfach hinterher gehen zu können. Rund 1000 Höhenmeter liegen vor uns. Mehrere Möglichketen stehen zu Fuß zur Verfügung. Wir wären wahrscheinlich dem Fahrweg gefolgt. Jürgen findet hingegen kleine Trampelpfade, auf denen sonst niemand unterwegs ist. Zwar biegen wir einmal falsch ab, was uns ein paar Extrahöhenmeter beschert, doch das fällt ziemlich schnell auf. Mir wäre nicht mal aufgefallen, dass es eine Kreuzung gegeben hat. Nach gemütlichen rund 3 Stunden sitzen wir in der Sonne auf der Terrasse des Berghauses bei Kaffee und Kuchen. Das Berghaus erinnert tatsächlich eher an ein Hotel als an eine Berghütte. Es gibt richtige Bettwäsche und keine Sammelsanitärräume. Ich freue mich. Nicht ganz billig der Spaß, aber angenehm. Als der Nachmittag so ins Land geht und wir langsam zum ersten Bier übergehen, wird mir klar, dass nicht sehr viele Menschen die nächste Nacht hier wohnen werden. Bei der Absprache zur Tagwache kommt die Erkenntnis, dass lediglich genau eine andere Seilschaft zum Rimpfischhorn will. Ein Bergführer mit zwei Gästen. Hatte ich ganz anders erwartet. Ich glaube, sonst waren nur noch ein paar Wanderer da. Ob die Übernachtet haben, weiß ich gar nicht.

Wir bekommen das Nachtessen kredenzt. Es ist lecker und macht keine komischen Sachen in meinem Bäuchlein. Spricht für die Küche. Die nette Frau im Service hinterlässt bei mir ebenfalls einen positiven Eindruck. Sie klärt auf, dass wir im Grunde starten können, wann wir wollen. Sie richtet alles fürs Frühstück her. Unsere Übernachtungsutensilien dürfen wir in unseren Zimmern lagern, bis wir zurück sind.
Gegen halbvier am nächsten Morgen sitzen wir beim Frühstück. Ich habe kleine Augen und bin schlimm aufgeregt. Zweifel, ob ich die Etappe schaffen kann, halten sich hartnäckig. Wir hatten am Vorabend nochmal über den Weg gesprochen. Ganz schön weit und hoch. In Gedanken schneide ich die Route in kleinere Häppchen. Manchmal hilft das. Es gibt ein paar Unbekannte im Spiel: Menge und Konsistenz des Neuschnees und, wie ich später bemerke, Länge und Steilheit der Klettereien und Gletscherpassagen. Tja, Papierkarten sind flach. Die Höhenlinien darauf spiegeln in meiner Wahrnehmung häufig nicht wider, wie es sich dann in der Realität anfühlt. Gegen viertel nach vier schalte ich die Stirnlampe ein. Sonnenaufgang wird kurz vor 7 Uhr sein. So lange im Dunkeln gehen zu müssen, liegt eine Weile zurück. Von dem drahtigen Menschlein Kristin lernte ich am Vortag, dass sie außer der Bergsteigerei auch bei Marathonläufen und Ultra-Märschen am Start ist. Zum Einen beruhigt mich das, weil ich davon ausgehen kann, dass sie der Tour auf jeden Fall physisch und mental gewachsen ist. Auf der anderen Seite bestärkt das die Zweifel an meiner eigenen Leistungsfähigkeit. Jürgen ist bei diesen Fragen, die an mir nagen, außen vor. Obwohl ich so etwas wie Freundschaft zwischen ihm und uns empfinde, bietet er banal ausgedrückt eine Dienstleistung an, die wir nachfragen. Ich darf annehmen, dass er seinen Teil in unserem Interesse erfüllt. So, wie er es bisher immer getan hat. Deswegen mögen wir ihn ja auch so. Es passt einfach auch menschlich -glaube ich zumindest- ganz gut zusammen. Genug geschwafelt. Mit dem ersten Schritt in Richtung Gipfel verschwinden die Zweifel und der Weg rückt in den Fokus. So muss es sein. Sonst bräuchte ich nicht zu starten.
Vollmond. Ich kann mich an keine vorangegangene Tour erinnern, bei der der Mond so hell geschienen hätte. Das Matterhorn im Vollmondlicht. Die Frage, warum ich mir das immer und immer wieder antue, nachts aufstehen, kaum geschlafen, kalt, müde. Diese Frage wird in solchen Momenten beantwortet. So etwas gibt es nicht, wenn man mit einem Bier in der Hand vor dem Fernseher einschläft und morgens nicht mehr weiß, was eigentlich gelaufen ist. Menschen, die so leben, tun mir Leid. Kann aber jeder machen, wie er oder sie will. Ich stehe eben nachts auf und steige auf hohe Berge.

Das erste Häppchen: Vom Berghaus zur Pfulwe. Die Pfulwe ist ein kleiner Gipfel auf dem Weg. Etwa 3350m hoch. Ein mehr oder weniger gut ausgetretener und bis kurz vor dem Gipfelchen gut markierter Weg führt uns ohne Orientierungsprobleme die ersten gut 700 Höhenmeter dorthin. Noch bevor wir dort ankommen, werden wir von der anderen Seilschaft in einem Affenzahn überholt. Die Frage, ob Jürgen spuren muss, ist damit beantwortet. Nein. Dann die erste Überraschung. Dass von dort sehr steil gut 50-60 Höhenmeter abgeklettert werden muss, ist mir aus den diversen Beschreibungen im Internet entweder entgangen, oder die stark maskulin geprägten Beiträge erwähnen es einfach nicht. Wie dem auch sei. Gurt an, Seil raus, Jürgen legt die Reihenfolge fest, in der abgeklettert wird. Es ist immer noch dunkel. Der Mond ist inzwischen untergegangen. Zwar dämmert der Morgen heran, doch zunächst schaut frau im Abstieg von der Pfulwe ins Schwarze. An den zwei heikelsten Stellen hängen Fixseile. Das Abklettern stellt uns im Tun nicht vor unlösbare Probleme. Es ist eher so, dass ich die Abwechslung zum stupiden Bergaufgehen genieße.

Das nächste Häppchen: Von der Pfulwe zum Rimpfischsattel. Die nächsten gut 700 Höhenmeter. Mit dem entsprechenden Kartenausschnitt im Kopf könnte frau auf die Idee kommen, es handele sich um ein Stück Firngrat, an das sich ein Stück Klettergrat mit gut ausgetretener Spur anschließt, handelt. Das ist nicht ganz so. Von den Schneeflächen, die in der Karte eingezeichnet sind, ist nicht viel übrig. Es folgt zunächst wieder Fels mit noch gefrorenem, aber neuem Schnee. Der Weg fühlt sich viel länger an, als ich dachte. Bereits hier zieht die vom Bergführer der vorauslaufenden Gruppe getretene Spur irgendwann relativ steil nach oben. Es ist anstrengend und wir haben noch nicht mal die Hälfte nach oben geschafft. Ich bin mir nicht mehr so sicher, ob ich das konditionell hinbekomme. Immer im Hinterkopf präsent ist außerdem mein Thema mit den Muskelkrämpfen. Jürgen hatte ich bereits beim Losgehen in Zermatt darüber informiert, dass ich damit im Grunde bei jeder Tour zu tun habe und dass das bisher einzige mir bekannte Mittel dagegen regelmäßiges Essen und Trinken ist. Er wird das berücksichtigen. Wir erreichen das obere Ende dieses Felsabschnittes. Noch ohne Steigeisen an den Füßen betreten wir das folgende Gletschergelände in der vorangeschrittenden Morgendämmerung. Die Schneeauflage ist hart gefroren, doch an manchen Stellen ziemlich abgeblasen. Nach den ersten Metern wird klar, dass die Eisen ran müssen. Sonst ist die Gefahr zu groß, dass eine aus der Gruppe den Abflug machen könnte. Das Rantüddeln geht schnell, wir stapfen weiter. Erneut wundere ich mich, wie steil es ist und es dauert lange, bis wir den höchsten Punkt des Eises vor dem aus der Karte bekannten Felsgrat erreichen. Ich schnaufe. Der folgende Felsgrat trennt uns vom Rimpfischsattel und was auf der Karte nach einem kurzen Kraxelstück aussieht, ist in Wirklichkeit ausgesetzte, lange und sehr anstrengende Kletterei. Wenn kein Schnee drin liegen würde, wäre es nicht schwierig. So ist jeder Schritt mit Bedacht zu setzen. Anfangs noch eher Gehen, werden nach oben hin immer mehr die Hände benötigt. Wenn's trocken gewesen wäre, wären wir wahrscheinlich seilfrei gegangen. Unter diesen Bedingungen, loser Schnee auf gefrorenem Fels, war das Klettern am laufenden Seil angeraten. Sichern bremst allerdings. Wie lange wir tatsächlich für dieses Stück gebraucht haben, weiß ich nicht. Eine Stunde hat wohl nicht gereicht. Safety first. Nach etwa 6 Stunden erreichen wir den Rimpfischsattel.

Das letzte Häppchen im Aufstieg: Der Gipfelaufbau liegt vor uns. Ziemlich genau 200 Höhenmeter trennen uns noch vom Gipfelkreuz, das inzwischen zu sehen ist. Dass die Rinne im ersten Drittel dieser Etappe recht steil ist, war mir bekannt. Aber dass es sich gleich so steil anfühlt, hätte ich nicht gedacht. Wir folgen der Spur der vorderen Gruppe. Deren Bergführer hören wir seit Ende des letzten Felsgrates gebetsmühlenartig auf seine beiden Gäste, wohl ein Pärchen, einreden. Das verheißt nichts Gutes. Die Bedingungen werden nach oben raus wohl nicht besser. Ab etwa der Hälfte der Rinne ist klar, es liegen wenige Zentimeter Pulverschnee auf blankem Eis. Nicht lustig. Bei jedem Schritt befürchte ich, abzurutschen. Hier geht es nur auf Frontalzacken weiter. In weiser Voraussicht hatte ich noch zu Hause die Steigeisen und Pickel von etwaigen Graten befreit, sodass sie scharf sind und gut beißen. Jürgen geht voran in eine Engstelle. Links ein Felsband, in dem frau ganz gut greifen kann. Daneben ein schmaler streifen blankes Eis an das sich Felsplatten anschließen, die nur ganz dünn mit Wassereis überzogen sind. Ich folge ihm und versuche, irgendwie sicheren Halt in jeder Bewegung zu erlangen. Hier abzuschmieren, hätte wahrscheinlich den Absturz der gesamten Seilschaft zur Folge. Ich erinnere mich an den Eiskletterkurs im Frühjahr und versuche, das dort erlernte hier umzusetzen. Allerdings ist der Eisstreifen so schmal, dass kaum zwei Füße nebeneinander Halt fanden. Zumindest war das bei meinen Füßen so. Mit dem Pickel versuchte ich zuerst, weiter rechts auf dem Fels feste Stellen zu finden. Das gelang mir nicht. Und sobald ich den Pickel in die vorhandenen Tritte in der Eisrinne hängte, ging die Tür auf, wie Kletterer sagen würden. Ich schwinge wegen der übereinanderliegenden Haltepunkte nach rechts und das ganze wird eine ziemliche Wackelnummer. Jürgen, der ja über mir ebenfalls in der Rinne hängt, hatte an der Stelle ähnliche Themen, kam damit im Gegensatz zu mir klar.

Astrid meldet sich von unten. Kristin und sie stehen während meinen Wackelversuchen auf Frontalzacken im Eis. Unwohlsein macht sich sowohl bei mir als auch bei ihnen breit. Und wie es sich in unseren Bergabenteuern gehört, muss zwingend geäußert werden, wenn der Eindruck entsteht, dass etwas schief läuft. Und das tat Astrid. Sehr mutig. Die Botschaft an Jürgen lautet: Wir sind überfordert und gefährden die Seilschaft. Wir stehen zu viert am Seil in gut 40° steilem Eis, das teilweise blank oder mit nur einer dünnen Pulverschneeauflage versehen ist, was die Lage nicht gerade verbessert. Jürgen nimmt den Einwand ernst. Er erkundet zwar noch ein kleines Stück den Weiterweg nach oben, ob die Verhältnisse sich etwas entspannen, doch er merkt, dass die Entscheidung zur Umkehr bereits gefallen ist. Früher, sagt er später, hätte er seine Gäste trotzdem auf den Gipfel gezogen. Heute hat er dazu eine andere Meinung. Setzt er seine Gäste einer in deren Augen stattfindenden Harakiri-Aktion aus, bringt er sich und seine Gäste in Gefahr und es bleibt kein positives Erlebnis haften. Unter diesen Bedingungen muss der Gipfel nicht erzwungen werden. Und wenn er noch so nah erscheint. Ganz kurze Zeit später treten wir den Rückweg an. Ich kenne dieses Gefühl, dass sich anschließend breit macht, von früheren Abbrüchen. Es fühlt sich nach einer Art Versagen an. Blicken wir jedoch der Realität ins Auge, war die Entscheidung zur Umkehr ohne Gipfel immer die richtige. Wir wissen ja nicht, wie es geworden wäre, wenn wir die Entscheidung nicht getroffen hätten. Und wir wissen nie, ob wir sie überhaupt noch hätten treffen können. Und genau das ist der springende Punkt in so einer Situation. Jetzt kann ich zumindest sagen, ich weiß, was mich erwartet und kann mich beim nächsten Mal besser darauf einstellen und weiß, wann die Bedingungen mindestens gut sind und wann ich die Finger davon lasse. Ich lasse mir jedoch die Ausfahrt offen, es ein zweites Mal zu versuchen. Solche zweite Male habe ich bereits mehrfach erlebt und auch das bestärkt mich darin, die Entscheidung zur Umkehr bedingungslos zu akzeptieren. Umkehr.

Nun, in so steilem Gelände den Rückwärtsgang einzulegen, ist nicht so trivial, wie es sich anhört. Wir müssen geordnet in langsamem, gleichmäßigem Tempo auf Frontalzacken nach unten treten. Jürgen muss dabei die kleine schmale Eisrinne abklettern und gleichzeitig uns drei, deren Nerven schon strapaziert sind, im Auge behalten. Das hat er augenscheinlich im Griff. Denn ich verliere nach den ersten paar Schritten nach unten den Halt mit den Steigeisen, weil ich halbherzig in den weichen Schnee trat und nicht alle Krallen im Eis versenkte. Und schon startet die Rutschpartie. Mein Herz bleibt kurz stehen. Noch bevor es wieder zu schlagen anfängt, spüre ich den Zug am oberen Seil, dass von Jürgen zu mir runterzieht. Er hat mich, noch bevor es richtig losgeht. Die anderen beiden unter mir schlugen derweil geistesgegenwärtig ihre Pickel ins Eis, um ihres beizutragen, Schlimmeres zu verhindern. Mit klopfendem Herzen hämmere ich meine Frontalzacken und den Pickel ins Eis, um meine Stabilität zurück zu gewinnen. Puuhhh.... ein neues Erlebnis.

Mit der neu gewonnenen Konzentration gelangen wir sicher zurück zum Sattel und machen auf der kleinen Erhebung daneben auf 4001 Metern Höhe Pause. Übrigens wird die gesamte Aktion unserer Seilschaft permanent weiter von dem Redeschwall des anderen Bergführers begleitet. Wir können sie im Abstieg über die Binerplatte beobachten. Er hat offensichtlich seine liebe Mühe. Ein junger Bergführer. Wir treffen sie später im Abstieg als sie uns erneut in einem Affenzahn überholen. Beide Gäste sehen nicht souverän aus. Insbesondere bei ihr sah ich eindeutig ein dickes "P" in den Augen. Aber das sind die anderen. Unsere Entscheidung stellt niemand in Frage. Wir sind für uns selbst verantwortlich. Wir schießen ein paar Bilder und machen uns an den Abstieg. Der ist der gleiche, wie rauf. Daher wissen wir, was auf uns wartet. Wir klettern wieder am laufenden Seil den Felsgrat ab, was unter diesen Bedingungen nicht wirklich schneller geht als rauf. Zumal nun auch der Schnee aufgeweicht und nicht mehr so hart ist, wie morgens. Übrigens hatte ich im Aufstieg ganz kurz mit dem Anflug eines Krampfes im Oberschenkel zu tun, da ich etwas ungeschickt eine sehr hohe Stufe überwand. Dabei ist es zum Glück auch geblieben. Ich nutzte jede kurze Pause dazu, den Muskel zu massieren, womit er sich zufrieden gab.

Es folgt das kurze Gletscherstück, dass sich bergab im weicheren Schnee ohne große Spalten gut gehen ließ. In den anschließenden Felsen legten wir erneut eine kleine Pause ein, zogen die Steigeisen ab und packten das Seil ein. Über die Kletterpassage hinauf auf die Pfulwe sind wir uns einig gewesen, dass wir seilfrei gehen können. Das haben wir dann auch getan, was problemlos ging. Schon witzig, was ein bisschen Tageslicht mit der einhergehenden besseren Übersichtlichkeit macht. Und Raufklettern ist dazu leichter als Abklettern. Oben auf der Pfulwe angelangt, wanderten die Äpfel, die uns die nette Frau vom Service morgens bereitgelegt hatte, in uns hinein. Sehr erfrischend. War auch nötig. Denn eigentlich liegt die gesamte Route auf der Nordseite und insbesondere am Gipfelaufbau war es ganz schön zapfig. Doch im Verlauf des Tages und der abnehmenden Höhe im Abstieg ballerte die Sonne immer mehr rein. Auf dem letzten Stück von der Pfulwe runter war nochmal Konzentration gefragt. Denn der am morgen gut zu gehende gefrorene Schnee war nun weich und machte die Steine rutschig. Etwas Ausdauer ist gefragt. Füße und Beine werden müde. Nach brutto knapp 11 Stunden erreichen wir alle ohne Blessuren wieder das Berghaus, wo wir morgens im Dunkeln losgewackelt sind. Durst. Ein Radler läuft rein. Wir nehmen die zurückgelassenen Sachen auf. Es herrscht Einigkeit, dass niemand zu Fuß ins Tal nach Zermatt laufen will. Das wäre ein bisschen viel. Die Wahl fällt auf die Bahn ab Blauherd. Während wir noch am Berghaus ein wenig in der Sonne sitzen, wird Astrid und mir bewusst, dass wir ja noch ein paar Tage in der Schweiz zu überbrücken haben, bis das nächste Bergabenteuer startet. Das Finsteraarhorn. Bei dem Gedanken daran mit dem Hintergrund, diese Tour abgebrochen zu haben, bekomme ich Gänsehaut. Doch der Plan steht nach wie vor. Die Wetterprognosen haben sich fürs folgende Wochenende deutlich verbessert. Damit einhergehend wird sich auch die Schneesituation im Berner Oberland entspannen. Astrid findet in Bellwald in der Nähe von Fiesch was Nettes und bucht gleich. Es gibt auf dem Berghaus Flue nämlich ein freies WLAN stellen wir fest. Irre. Na dann, Aufbruch. Die Bergstation ist nach einer weiteren guten halben Stunde erreicht. Ein Ticket nach unten ist nun nicht das Günstigste, was frau in der Schweiz erwerben kann. Meinen Füßen und Beinen ist der Preis jedoch herzlich egal. Hauptsache nicht laufen. Wir schweben talwärts, steigen zwischendurch in einen unterirdischen Schrägaufzug und landen sanft im nachmittäglichen Zermatt. Nach einem langen Tunnel aus der Bahnstation heraus, habe ich die Orientierung völlig verloren. Wir kommen nicht da an, wo wir losgelaufen sind. Macht aber nix. Jürgen kennt sich aus und bringt uns zu guter Letzt auf dem kürzesten Weg zum Bahnhof, wo der Zug nach Täsch wenige Minuten später abfährt. Das ist Timing. Zurück in Herbriggen an Jürgens Unterkunft laden wir unseren Krempel wieder um und verabschieden uns von Jürgen und Kristin.

Fazit: Obwohl wir den Gipfel nicht erreichten, so haben wir doch wieder enorm viel gelernt. Sowohl über das Bergsteigen und die damit verbundenen Techniken, als auch über uns selbst. Beides ist wichtig. Der Gipfel alleine macht nicht die Tour aus. Es ist genau anders herum. Am Gipfel anzukommen, ist mir natürlich schon wichtig, doch es ist der kleinste Teil in der Kette der Ereignisse und der Entscheidungen, die getroffen werden müssen. Wenngleich dieser vergleichsweise kleine Teil der emotionsreichste ist. Der Gipfel ist nur der halbe Weg. Es genügt nicht, dort anzukommen. Unterm Strich durften wir einen sensationellen Tag am Berg erleben. Und ich gehe davon aus, dass es nicht die letzte Bergfahrt mit Jürgen ist. Ob wir ihn nochmal wegen des Zinalrothorns ansprechen werden, steht in den Sternen. Nach den Erlebnissen auf der sich anschließenden Tour kommt mir der Gedanke, dass wir ihn dazu nicht brauchen werden. Aber das ist eine andere Entscheidung, die an einem anderen Tag getroffen werden wird.

Astrid und ich tuckern aus dem Matter-/Saastal hinaus und steuern nach einem kleinen Einkauf auf den letzten Drücker im COOP in Visp unser Domizil für die nächsten beiden Tage an. Die Lärchenwald Lodge. Betrieben von zwei wundervollen Menschen. Die Geschichte dazu gibt es im Finsteraarhornbericht zu lesen.

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