Similaun, 3606m, 27.-29.06.2020

Geplant war die Tour eigentlich schon letztes Jahr, um zwei auf eine Tour mit Schnee und Eis mitzunehmen, die danach fragten, ob das möglich sei. Vergangenes Jahr machte uns das Knie meiner Frau einen Strich durch die Rechnung. Dieses Jahr sah es zunächst gut aus. Es sollte das gleiche Wochenende im Juni sein, wie letztes Jahr. Tja, und dann kam COVID-19. Der Plan wackelte erneut. Bis Ende Mai war nicht klar, ob die Hütten überhaupt öffnen können. Glücklicherweise können sie. Unter Einhaltung restriktiver Regeln, wie wir bei der letzten Tour über den Hohen Dachstein bereits erleben durften, machen die Hütten für die Sommersaison auf. Wir buchten sofort und bekamen auch Plätze für die gewünschten Termine. Fein. Die Freude, dass es endlich klappen kann, ist bei allen riesengroß.
Jemand, der oder die meine Beiträge aufmerksam verfolgt, wird fragen, warum schon wieder auf diesen Berg? Keine neue Herausforderung. Bekanntes Gelände. Bekannte Hütten. Bekannte Berge. Völlig überlaufen. Aber ganz so ist es nicht. Astrid und ich können die Tour für mehrere Zwecke nutzen: Akklimatisation für den Start in die Sommersaison, sofern möglich wird es kleine Übungseinheiten geben (Fixpunkt herstellen, lose Rolle aufbauen, Sturz bremsen, usw.) und das Wichtigste: Es wird uns Spaß machen, mit der illustren Truppe unterwegs zu sein. Alex und Manuel haben ebenfalls zugesagt. Geplant ist des Weiteren, wenn Zeit und Wetter es zu lassen, das Tisenjoch zu besuchen und die Besteigung der Fineilspitze einzubauen.
Und dann kommt doch alles anders. Aus verschiedenen Gründen können die beiden, um die es eigentlich geht, nicht teilnehmen. Das Schicksal meint es wohl nicht immer gut. Enttäuschung und Traurigkeit sind groß, doch es hilft nix. Der Zufall will, dass wir unseren lieben Nachbarn Thomas kurzfristig gewinnen können. Ihn hatten wir bereits mal bei äußerst widrigen Bedingungen auf die Wildspitze mitgenommen. Die Hütten waren ja schon gebucht. Plätze sind vorhanden.
Von einer kleinen Herausforderung, die uns vor der Tour durch meine Kinder gestellt wird, muss ich noch erzählen. Meine Kleine hat eine Art Schneejet mit Männchen drin aus Lego zusammen gesteckt und hätte gerne, dass es mit auf den Berg geht. Astrid findet die Idee lustig und packt das Ding ein. Obwohl der Rucksack schon fast nicht mehr zu geht. Am Vorabend entstehen die ersten Bilder von der Verladung in den Rucksack als Teil der Expeditionsdokumentation.

Treffpunkt ist Samstagmorgen um 11 Uhr in Vent am Parkplatz der Stableinbahn. Der Platz ist brechend voll. Also ich hatte schon erwartet, dass wir nicht alleine sein werden. Aber dann gleich so viele? Wo die alle hingegangen sind, weiß ich nicht. Auf unserem Weg zur Martin-Busch-Hütte hatten wir relativ wenige Begegnungen. Die meisten wird es wohl in Richtung Wildspitze gezogen haben. Das schöne Wetter sorgt indes für reichlich Wandergäste. Gegen halb zwölf wackeln wir los. Der Rucksack ist schwer, obwohl wir wegen der 5er Seilschaft auf einiges Metall verzichten konnten und ein leichtes Halbseil für den Gletscher ebenfalls genügt. Schwer sind die Zwischenverpflegungen für 2-3 Tage und natürlich der volle Camelback. Wirklich attraktiv ist der Fahrweg zur Hütte nicht, dafür aber relativ lang. Weil es seit einigen Jahren immer wieder Erdrutsche und Steinschlag entlang eines Teilstückes gegeben hat, wurde der Wanderweg für eine gewisse Strecke auf die andere Bachseite verlegt. Diese Umleitung ist der Grund dafür, warum unten am Start der Hinweis angebracht ist, dass der Weg sich nicht für den Zustieg per Rad eignet. Seitens der Hütte hatte man uns letztes Jahr schon vom Zustieg per Rad wegen des Steinschlags auf dem Fahrweg abgeraten. Erlebt haben wir sowohl im Auf- als auch im Abstieg ganz etwas anderes. Alle Wandernden, die wir gesehen haben, blieben bis auf unser Grüppchen und einen Alleingänger auf dem eigentlich gesperrten Fahrweg. Nicht wenige beobachtete ich, die natürlich mit den Rad rauf oder runter gefahren sind, weil es geht und vor allem den Runterweg deutlich netter macht. Soviel zum gesperrten Weg.
Unterwegs sind ein paar Bilder des Lego-Fahrzeugs mit Männchen in spektakulären Posen Pflicht. Gegen 14 Uhr erreichen wir die Hütte. Etwas angenervt von den endlos erscheinenden Kurven auf den letzten Kilometern. Kaffee/Kuchen. Von Kaffee oder gar Cappucino auf der Martin-Busch-Hütte kann ich an der Stelle nur abraten. Eine Qualität dieser Getränke, die den Namen verdient, gibt es erst in der italienischen Similaunhütte. Aber da sind wir noch nicht. Der Nachmittag ist noch jung. Die Idee, am Nachmittag noch auf die Kreuzspitze aufzusteigen, lassen wir gleich wieder fallen. Es kann sich niemand so richtig für weitere 900Hm Auf- und Abstieg begeistern. Würde auch von der Zeit her nicht ganz reichen. Die vorhergesagte Gewitterneigung veranlasste uns zum frühen Aufstieg und die ist ja immer noch da. Nach Kaffee/Kuchen/Schorle und dem Bezug unseres Lagers ist dann auch schon Zeit für ein Bier. In der Sonne auf der Terrasse. Es gibt Schlimmeres. Das Lego-Männchen säuft Johannisbeerschorle. Knips. Als es uns zu kühl wird, ziehen wir nach drinnen um. Beim Durchblättern des Bergsteiger-Magazins fallen mir fast die Augen zu. Hinlegen ist keine gute Idee und weil die anderen auch mit den Augendeckeln kämpfen, beschließen wir, das Seil auszupacken und nochmal die lose Rolle zu üben. Gesagt, getan. Alex macht das Spaltenbunny, Thomas ist für den festen Punkt verantwortlich, Manuel rettet seine Frau. Ich spiele die tote Frau (in Fachkreisen toter Mann genannt) und gehe in meiner Rolle Thomas zur Hand, da er von Pickel eingraben und Prusik legen natürlich noch nicht so viel weiß. Es beginnt zu tröpfeln, doch wir konnten die Zeit bis zum Nachtessen mit der Übung sinnvoll füllen.

Dafür, dass die Hütte relativ bequem mit Nahrungsmitteln versorgt werden kann (nehme ich mal naiv wegen des vorhandenen Fahrweges an), ist das Essen eher unteres Mittelfeld. Ob des vielen Convenience-Zeugs befürchte ich erneut einen Blähbauch für die Nacht, wie ich es bereits auf der Seethaler Hütte am Dachstein hatte. Nicht essen ist leider keine Option. Das Lego-Männchen säuft Bier. Knips. Den restlichen Abend verbringen wir sehr vergnügt mit "Mensch ärgere dich nicht" (Manuel/Alex von Team schwarz lieferten sich mit Team Milla mit gelb auf den Rängen 3 und 4 auf der Zielgeraden ein äußerst spannendes Rennen, bei dem sogar die Servicekraft stehen blieb und schaute) und Mikado, bis es ins Bettchen geht. Die Nacht ist nicht so der Renner. Die Betten knarzen ganz schlimm. Gefühlt weckt mich jeder Dreher der Anwesenden. Hinzu kommt, wie erwartet, ein Blähbauch, der jedoch nicht ganz so schlimm wird. Viel geschlafen hab ich wenig als es ans Aufstehen geht. Die erwartete Gewitterneigung für den Gipfeltag gebietet, früh dran zu sein. Ein Blick nach draußen verrät, dass die abendlichen Wolken mit Regen und Gewitter abgezogen sind. Ein strahlend blauer Morgenhimmel blickt zurück. Fein. Meine morgendlichen Notwendigkeiten, bis ich vorzeigbar bin, ohne die ich mich nicht wohl fühle, laufen entspannt. Fragen, ob ich mich eventuell im Waschraum geirrt hätte, blieben aus. Die gibt es hin und wieder und sie treffen mich leider auch immer mitten ins Herz.
Frühstück um 6 Uhr. Gepackt ist schon. Sonnencreme drauf und -ganz wichtig- ein Kopftuch. Auf der letzten Tour mit schickem Stirnband verbrannte ich mir ganz ordentlich die Kopfhaut. Muss nicht sein. Die erste Dreiergruppe sah ich schon auf dem Weg zum Frühstück den Steig zum Marzellkamm hinaufgehen. Die sind aber zeitig an. Deren Frühstück ist sicher ausgefallen. Kurz nach 6:30 Uhr gehen wir ebenfalls los. Ein gut markierter Wanderweg zieht auf den Marzellkamm rauf. Kleinere Schneefelder sind weiter oben zu passieren. Alles nicht schwierig und eindeutig. Auf dem Kamm erkennen wir, wie weit der sich tatsächlich bis zum Niederjochferner noch ausdehnt. Ein gutes Stück Weg ist das. Aber schön. In meinem Kopf hängt die Beschreibung, dass der gesamte Kamm auf einem relativ fett markierten Wanderweg bewältigt werden kann. Von Klettern ist keine Rede. Deswegen hatten wir die Route ja gewählt. Sie sollte ja von allen angstfrei begangen werden können. Die Sonne scheint. Es geht immer wieder ein wenig auf und ab. Bis auf ein T-Shirt sind alle Lagen inzwischen wieder in den Rucksack gewandert. Hin und wieder sehen wir die Dreiergruppe vor uns. Sehen auch, dass sie ein einigermaßen steiles Altschneefeld weit vor uns queren. Wir kommen indes an einen Punkt, wo der markierte Weg ebenfalls unter einem sehr steilen Altschneefeld verschwindet. Wo der Weg dahinter weiter geht, ist nicht erkennbar. Eine Spur ist auch nicht vorhanden. Da einfach reinzustapfen ist gefährlich. Wir entscheiden, das nicht zu riskieren. Stattdessen erkundet Manuel den kleinen Felskamm weiter oben, ob er überklettert werden kann und uns auf diese Weise die Umgehung für den Schnee liefert. Er tut es. Ich erkenne, dass hier wohl schon mehr Menschen die Umleitung genommen haben. Sie führt ohne Probleme zurück auf den markierten Weg. Es geht weiter auf dem Kamm. Es gibt zwar immer noch ein paar Markierungen. Von einem wanderbaren Pfad sind wir bloß schon weit entfernt. Teilweise müssen wir über losen, rutschigen Schutt kletternd eine günstige Route suchen. Sicher nix für Anfänger. Abrutschen würde zum Absturz führen. Wir erreichen das Schneefeld, in dem ich die vorauslaufende Dreierseilschaft sah. Es ist lange nicht so steil, wie es von Weitem aussah und lange nicht so steil, wie das, das wir umgingen. Die Schneeauflage ist dünn. Darunter nur loser Schutt. Die Zielgerade zum Gletscherrand. Auf einem der letzten Steinhaufen vor dem Gletscher machen wir Pause und bereiten uns anschließend darauf vor, den Gletscher zu betreten. Aus unserer Richtung kommen nur wir und die Dreierseilschaft, die im Moment aus dem Blick, aber ebenfalls noch nicht auf den Gletscher getreten ist. Auf der "Normalroute" von der Similaunhütte aus, latschen Heerscharen an Seilschaften, wie auf einer Perlenschnur, auf den Gipfel zu. Inzwischen hat das Wetter ein wenig zugezogen. Der Gipfel ist vollständig in den Wolken verschwunden. Aus allen Richtungen sind gut sichtbare Spuren getreten. Ich habe keine Bedenken, ins Weiß zu tauchen. Wir legen die Steigeisen an und seilen an. Die Dreierseilschaft vor uns ist nun auch losgegangen. Sehr langsam. Einer in ihrer Gruppe hat offensichtlich Konditionsprobleme. Wir holen sie bald ein und ziehen an ihr vorbei. Beim Erreichen des Gipfelgrats packen wir das Seil ein. Wir halten die Mitreißgefahr für größer. Spalten gibt es am Grat keine. Außerdem hielte ich das Seil im Auf- und Abstieg am Grat für ein zu großes Stolperrisiko im Menschengewirr. Denn die ganzen Seilschaften, die ich vorher im Austieg sah, kommen natürlich alle wieder runter. Teilweise in 6er-Seilschaften mit langen Seilabständen gehen sie den Grat nach unten. Verstehe ich nicht. Muss aber jede/r selbst wissen.

Gipfel. Zu sehen ist nichts. Wie durch ein Wunder sind außer uns fünf nur noch zwei andere da. In kurzen Hosen. Ich friere beim Zuschauen. Es ist kalt und windig. Gipfelfoto. Inklusive Manni. Und dem Schneemobil aus Lego. Als das alles erledigt ist, steigen wir vom Gipfel ab, seilen nach einer kurzen Rast am unteren Ende des Grates wieder an und gehen in Richtung Similaunhütte in gut ausgetretener Spur los. Von Spalten ist nix zu sehen. Es liegt deutlich mehr Schnee auf dem Eis als beim letzten Besuch, wo wir im unteren Bereich auf Blankeis gelaufen sind. Die Worte Kaffee/Kuchen fallen mehrfach. Mit nur rund 600Hm Abstieg zur Hütte ist der Weg schnell gegangen. Die Frage kommt auf, was wir mit dem Rest des Tages anfangen? Also außer Kaffee/Kuchen. Wegen der etwas anspruchsvolleren Wegfindung am Marzellkamm, die uns eine gute Stunde hat langsamer werden lassen, und der Wettervorhersage, dass die Gewitter früher kommen werden, ist die Fineilspitze schnell gestrichen. Wir wollen es aber mit dem Tisenjoch noch versuchen. Das liegt eine gute Stunde entfernt. Könnte noch klappen. Wir beziehen unser Lager, nehmen noch eine Schorle und lassen alles auf der Hütte, was wir nicht brauchen, um zum Tisenjoch zu kommen. Der Weg sei gespurt, wenn auch weich, meint die Hüttenwirtin. Wir gehen los. Dunkle Wolken wabern bereits um uns herum, doch sie hängen noch nicht tief und es donnert auch nicht. Es dauert nicht lange, bis wir einen steilen Abstieg erreichen, der irgendwie -zumindest auf mich- demotivierend wirkt. Dort müssten wir später ja auch wieder hoch. Von Italien ziehen derweil immer dunklere Wolken ran und am Joch selbst, das, wenngleich noch mindestens eine halbe Stunde weg, zu sehen ist, regnet es wohl schon. Noch während wir uns besprechen, beginnt es, auch bei uns zu tröpfeln. Schade für die, die noch nicht an der Ötzifundstelle gewesen sind, doch die Vernunft sagt, dreht um und geht zurück. Kurze Enttäuschung. Die Vernunft siegt. 20 Minuten später kehren wir wieder in die Hütte ein. Kaffee/Kuchen. Nach der Erfahrung vom Vortag, dass ein Kaiserschmarrn zwei Stunden vor dem Nachtessen nicht die allerbeste Entscheidung ist, bleibt es beim Cappucino und selbst mitgebrachter Gipfelschoki. Wie erwartet, schmeckt hier der Cappucino sogar. Die italienischen Hütten sind in diesen Dingen allen anderen in den Alpen eindeutig voraus. Für ein wenig Frischmachen ist nun auch Zeit. Auf der Similaunhütte gibt es sogar eine Dusche. Zwischendurch sorgt ein junger Bursche mit einem Kreislaufzusammenbruch für Aufregung. Astrid hilft. Sie sind von Düsseldorf angereist und am gleichen Tag noch auf über 3000 Meter aufgestiegen. Nix getrunken, nix gegessen. Passiert fasst jeden Tag, sagt man uns auf der Hütte. Er stabilisiert sich. Bekommt etwas Traubenzucker, den Thomas im Rucksack hat. Nach etwas Ruhe in Schocklage und anschließend im Lager geht es wieder.

Ebenfalls wie erwartet, toppt das Nachtessen ohne Mühe die Speisen des Vortages auf der Martin-Busch-Hütte. Größtenteils frisch zubereitet gibt es eine sehr feine Apfel-Grän-Suppe als Vorspeise, gefolgt von Lamm, Bolo oder vegetarisch mit Polenta. Frische Buchteln mit Vanillesoße, die ebenfalls frisch zubereitet wirkt, schließen ab. Wirklich lecker. Da freute ich mich schon den ganzen Tag drauf. Ein leckeres Forst-Bier rundet die Sache ab. Den restlichen Abend verbringen wir uns todlachend bei Uno und Würfelspielen bis die Kondition am Ende ist und uns die Augen zu fallen. Ich habe mich selten so amüsiert, obwohl ich eigentlich nicht auf Gesellschaftsspiele stehe. Hängt aber vermutlich auch mit den lieben Menschen zusammen. Auf dem Weg ins Bettchen zahlen wir noch und kommen mit den Anwesenden ins Gespräch. Die Hüttenwirtin, ein Bergführer und das Küchenpersonal. COVID-19 hat seine Spuren hinterlassen. Die Similaunhütte wird privat geführt. Es gibt keine Stütze von irgendwelchen Alpenvereinen. Hinzu kamen diverse Unsicherheiten, ob und wann genau wie genau geschlossen und/oder geöffnet werden darf seitens der italienischen Regierung. Sie haben es irgendwie hinbekommen. Wir erfahren, dass die Wettervorhersage für den Abstiegstag sich nicht verbessert hat. Wir sollten wieder früh dran sein. Der verbleibenden schwäbischen Seilschaft, die eigentlich am Folgetag zum Einstieg in den Marzellkamm aufsteigen und auf ihm zur Martin-Busch-Hütte gehen wollte, raten wir von diesem Unterfangen ab, überlassen jedoch ihnen ihre Entscheidung. Wir halten bei schlechtem Wetter mit Nebel und Wolken die Wegfindung im oberen Teil für sehr anspruchsvoll und gefährlich.
Die Nacht hält Einzug. Ich freue mich darauf, vielleicht etwas Schlaf zu finden. Die Betten knarzen nicht. Wir haben das 6-Bett-Zimmer für uns alleine. Das Essen hinterlässt keine Folgeerscheinungen. Die Chancen stehen nicht schlecht. Ich merke auch, dass die Akklimatisierung fortgeschritten ist. Der Puls hämmert nicht mehr, als ich mich hinlege. Auf 3019m. Es wird in der Tat etwas besser als in der Nacht davor. Vom angeblichen Nasenrauschen von Manuel habe ich nix mitbekommen. Muss wohl geschlafen haben. Am nächsten Morgen sitzen wir wieder pünktlich um 6 Uhr beim Frühstück. Dank des wenigen Betriebs und eines kleinen abschließbaren Waschraumes für Damen bekomme ich meine Dinge zügig in den Griff. Draußen ist es neblig und trüb. Aber immerhin regnet es nicht. Bis etwa 9 Uhr soll es noch trocken bleiben. Es weht ein kalter Wind über das Joch, an dem die Hütte steht. Eigentlich kein Wetter, um vor die Tür zu gehen. Ich jedenfalls bin froh, dass wir "nur" absteigen. Andere machen sich für den Gipfel fertig. Na ja, wenigstens ist eine fette Spur getrampelt. Dürfte auch im Nebel nicht zu verfehlen sein. Wir wünschen allen Anwesenden einen guten Tag und starten in Richtung Tal. Schnee, Matsch und Schafkacke bestimmen die ersten 250 Höhenmeter nach unten. Der Übertrieb der südtiroler Schafe ins Ötztal fand wohl wenige Tage vorher statt. Wir sind schnell. Schließlich wollen wir nicht nass werden. Nach einer guten Stunde erreichen wir die Martin-Busch-Hütte. Unterwegs kamen uns zwei Damen auf Fahrrädern entgegen. Interessant. Und jede Menge, teils geführte Gruppen, die offensichtlich auf den Similaun steigen wollen. Mein Gedanke dazu: Wofür sich Bergführer so hergeben müssen. Ist nicht immer alles spektakulär und heroisch. Manchmal ist es einfach nur kalt, nass und langweilig.
Pipipause an der Martin-Busch-Hütte. Dann geht es auf den langen Hatsch auf dem Fahrweg weiter. Auch wir ignorieren die Sperrung, um dieses nicht ganz so attraktive 8,5km lange Stück Weg schneller und vielleicht trockener hinter uns zu bringen. Unterwegs noch ein Bild mit Lego-Man in einer Schneehöhle. Da wir nicht die Umleitung nehmen, sind es nicht ganz so viele Höhenmeter, die abzusteigen sind, doch der Weg zieht sich. Kurz vor Schluss, als wir unter die Wolkendecke kommen, beginnt es doch noch zu regnen. Und da lerne ich wieder, dass es sich nicht lohnt, in äußerst teure Gore-Tex-Klamotten zu investieren. Unter meinem "Premiumprodukt" Alpha SV von Arcteryx war ich in wenigen Minuten vollständig durchnässt. Trotz pfleglicher Behandlung ab der 2. Saison eigentlich nicht mehr brauchbar. Der gleiche Mist, wie die Mammut Nordwand, die mich mehrere Jahre geärgert hat. Bei der 5. Umtauschaktion warf ich dann das Handtuch. Auszuhalten ist das nur, weil wir relativ selten in wirklich schlechtes Wetter geraten und meist nur was gegen den Wind brauchen. Das wiederum geht sehr viel günstiger.
In den Sanitärräumen an der Stableinbahn legen wir uns für den Heimweg trocken. Abschied.

Zusammenfassend stelle ich fest, dass die Tour über den Marzellkamm anspruchsvoller war als gedacht. Im Wesentlichen verursacht durch die unerwartet hohe Schneelage. Langeweile=Fehlanzeige. Das Wetter hat einige Pläne vereitelt, dafür habe ich auf einer Bergtour selten so viel gelacht.

Nachtrag: Leider ist uns das Lachen ziemlich schnell vergangen. Wissentlich haben sich zwei in unserer Gruppe mit COVID-19 infiziert bei dieser Tour. In Frage kommen sowohl die Martin-Busch-Hütte als auch die Similaunhütte. In beiden Ländern war zu diesem Zeitpunkt bereits die Maskenpflicht aufgehoben. Und das mit den Abstandsregeln... Naja, ist schwierig in einer Berghütte. Daher die Bitte an alle, die das lesen: Der einzige wirksame Schutz vor einer Infektion sind Abstand und Maske, wenn sie von ALLEN getragen wird. Dieses Thema wird uns noch sehr, sehr lange begleiten. Bitte helft alle mit, damit uns der Spaß an den Bergen erhalten bleibt und keine Hütten geschlossen werden müssen. Tragt Maske.

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