Höhenschulung Gleitschirmfliegen, 26.05.-30.05.2021, Paragliding Academy, Oberstaufen

Auf geht's zum richtigen Fliegen. Weil uns bereits bekannt war, dass die Flugtage sehr früh starten, reisten wir am Vortag an, checkten in einer sehr schönen und gut gelegenen Ferienwohnung ein und nahmen noch einen Schnelltest-Termin wahr. Ohne negatives Testergebnis geht dieser Tage nichts. Der Plan für die Woche: 25 Flüge in 5 Tagen, 20 Theoriestunden und samstags die theoretische Prüfung. Das bedeutet sehr volle Tage, die sehr früh beginnen und erst am späten Nachmittag enden werden. Wie üblich wurde eine WhatsApp-Gruppe geöffnet, über die wir alle wichtigen Informationen abfragen oder teilen können. Meine Nerven flattern ein wenig. Der Grundkurs ist einige Wochen her. Dort lief es 3 Tage lang gar nicht. Erst am letzten Tag gab es für mich die ersten Lichtblicke. Glücklicherweise trafen unsere eigenen Schirme in der Zwischenzeit ein und obwohl das Wetter in den letzten Wochen sehr bescheiden für einen Mai gewesen ist, fanden wir ein paar Lücken, in denen wir mit Erlaubnis der Wieseneigentümer zum Groundhandeln konnten. Noch das Gefühl für den schwereren Leihschirm aus dem Grundkurs in mir, war ich völlig von den Socken, wie vergleichweise einfach mein neuer Pi3 aufzuziehen geht. So etwa 3-4 Stunden in Summe konnten wir also üben, bevor es in der Höhenschulung dann ernst wurde. Das hat mich ein wenig ruhiger gemacht. Der Respekt vor dem ersten Flug blieb jedoch. Eine neue Nachricht in der WhatsApp-Gruppe: Tag 1 startet um 6 Uhr in der Früh am Parkplatz Ratholz.

Tag 1:
Einige Teilnehmer:innen verspäten sich schonmal. Es ist stark bewölkt. Regnen soll es angeblich nicht. Der Wind aus West hält sich anfangs in Grenzen. Mein erster Schock für den Tag: Wir sind insgesamt 18 Teilnehmer:innen. Ich fand die 12 im Grundkurs schon viel zu viele. So viele Menschen sorgen bei mir für Stress. Aber hilft ja nix. Muss ich durch. Es sind immerhin ein paar mehr Frauen anwesend. Leider gibt es für meinen Geschmack auch sehr viel Testosteron in der Gruppe. Doch auch daran kann ich nix ändern. Ich versuche, ruhig zu bleiben, mich auf mein Zeug zu konzentrieren und alles aufzunehmen, was an Anweisungen für den Tag auf mich einprasselt. Eine ganze Menge. In Ratholz muss geshuttled werden. Start- und Landeplatz verfügen über eine relative Höhendifferenz von etwas mehr als 250 Meter. Fürs Shuttlen steht uns ein Fahrer zur Verfügung, der im Flugschulbus mit den Coronaauflagen jedoch immer nur maximal 5 gleichzeitig transportieren darf. Wir beginnen mit der Einweisung in den Landeplatz. Auf dem Fußweg über die Felder merke ich, dass das Wasser im kniehohen Gras bis auf halbe Schuhhöhe reicht, so nass ist das gesamte Gelände. Wird also eine Wasser- und/oder Schlammschlacht heute. Ich muss an meinen weißen Pi3 denken. Vielleicht wäre rot-orange doch besser gewesen? Zu spät. Alex, unsere Fluglehrerassistentin, erzählt uns, bei welchen Winden wie gelandet werden kann. Für eine vollständige Volte reicht die Höhe nicht unbedingt. Hängt ein bisschen davon ab, mit wieviel Höhe wir einfliegen. Im Prinzip bestehen die Landeanflüge jedoch nur aus Quer- und Endanflug. Lediglich bei Westwind kommt ein Stück Gegenanflug hinzu. Ich gehe in mich, ob ich alles verstanden habe. Aufregung. Hoffentlich weiß ich das alles noch, wenn ich in der Luft bin. Die gute Nachricht: Ich bin nicht alleine. Die Start- und Abflugphase wird von Hristo am Funk begleitet, Alex übernimmt, sobald Sichtkontakt besteht, den Landeanflug. Vom Startplatz aus ist der Landeplatz nämlich nicht zu sehen. Gut. Ich glaube, ich hab's kapiert. Die Herausforderung besteht darin, auch das zu tun, was angesagt wird. Wir stapfen wieder zurück zum Sammelplatz, von dem aus uns der Bus für die Auffahrt einsammelt. Astrid und ich halten uns zurück. Lassen zunächst den Testosteron-Helden den Vortritt, um oben am Start entspannter sein zu können. Leider bedeutet das, wir warten fast eine Stunde, bis wir zum ersten Flug in den Bus steigen können. Der Wind hat deutlich aufgefrischt. Die Wolken kommen immer weiter runter. Am Ende stehen wir jedoch startbereit oben.

Bis ich den Fuß auf den Startplatz setzte, war mir kalt. Bei Wind und vielleicht 5° Celsius nicht verwunderlich. Als ich fertig eingehängt und gecheckt die Startfreigabe von Hristo erhalte, läuft mir der Schweiß aus allen Poren. Adrenalin. Der allererste echte Flug in meinem Leben ist nur wenige Sekunden entfernt. Das Herzl klopft. Der Seitenwind hat einigen Teilnehmer:innen bereits Schwierigkeiten beim Abflug bereitet. Zweifel kommen auf, ob ich den Start überhaupt hinbekomme. Vertrauen haben. Ich habe mit meinem eigenen Schirm mehrere Male geübt. Ich ziehe auf, die Kappe kommt hoch. Ich treffe Zeitpunkt und Dosis der Bremse ganz gut. Hristo bestätigt. Ich beschleunige. Große Schritte. Einfach in die Luft laufen. Auf keinen Fall springen. Ich fliege. Ein kurzer Durchsacker direkt nach dem Abheben sagt mir, ich habe beim Abheben die Bremse nochmal minimal nachgezogen. Das sollte ich lassen. Es folgt eine mir bis dahin unbekannte Anweisung: Setz dich in dein Gurtzeug. Äh, was? Wie geht das? Ich rutsche nicht automatisch rückwärts in den Sitz. Kniehe hochziehen alleine löst die Aufgabe nicht. Ich drücke an den Tragegurten nach. Auf keinen Fall dort festhalten. Führt zu für mich nicht beherrschbaren Flugzuständen. Hin- und Herwackeln ist ebenfalls doof. Habe ich bei anderen beobachtet. Nicht gut. Also irgendwie halbwegs nach hinten gerutscht versuche ich mich zu entspannen und meinen ersten eigenen Flug in meinem Leben auf mich wirken zu lassen. Viel Zeit bleibt nicht. Der Wind packt mich, als ich aus dem Hang fliege und auf die freie Fläche überm Landegelände komme. Vorhalten ist das Stichwort, um nicht abgetrieben zu werden. Blöd, dass ich bis dahin keinen blassen Schimmer hatte, was da zu tun ist. Das Prinzip ist klar. Drehe den Schirm soweit in den Wind, dass du quer zum Wind driften kannst, um geradeaus zu fliegen. Keine Ahnung, wie das geht. Intuitiv habe ich wohl nicht alles falsch gemacht. Eine Ansage dazu bekam ich nicht. Die vorher besprochenen Flugachsen konnte ich jedoch einigermaßen einhalten. Alex übernimmt mich für den Landeanflug.
Ich fühle mich in meinem Gurtzeug zu eng eingepackt. Als ich per 210° Rechtskurve in den Queranflug einbiegen soll, bekomme ich die Kurve nur mit Ziehen der Innenbremse. Normalerweise sollte es genügen, das Gewicht auf die Innenseite zu verlagern und die Außenbremse zu lösen. Meinem Pi hat das nicht genügt. Ich lerne später, warum das so war. Vom Grundkurs war mein Gurtzeug noch so eng eingestellt, dass ein ungewolltes Hineinsetzen am Übungshang nicht so ohne Weiteres passieren kann. Dann heißt "Gewicht in die Innenkurve" nicht, sich in die Kurve zu lehnen, sondern den inneren Tragegurt mit einer entsprechenden Bewegung des Beckens nach unten zu drücken. Das ist etwas völlig anderes. Also alles Pilotinnenfehler.

Peilpunkt anschauen. Eine der wichtigsten Aufgaben während der gesamten Landephase. Anders ist nicht einzuschätzen, wie hoch geflogen wird, wieviel Höhe gegebenenfalls noch in der Position durch Kreisen abgebaut werden muss und wann günstige Momente für die restlichen Bestandteile der Landung erreicht sind. Nun gut. Mein erster Flug, meine erste richtige Landung. Ich sehe den orangefarbenen Kreis in der Wiese. Doch das war's dann auch schon. In meinem Kopf versuche ich, die gelernten Faustregeln mit der Realität übereinander zu bringen. No way. Ich muss mich voll und ganz auf Alex' Ansagen verlassen, sonst bin ich verlassen. Ich fliege eine Linkskurve in den Endanflug und versuche, wieder aus meinem Gurtzeug heraus zu kommen. Nicht so einfach, wenn die Schultergurte bis an den Anschlag zusammengezogen sind. Unmittelbar nach der Kurve nehme ich auf jeden Fall schonmal wahr, dass ich noch zu hoch bin, um irgendwo auf Höhe des Punktes aufzusetzen. Aber Endanflug ist Endanflug. Ich befinde mich wieder in Bodennähe. Irgendwelche Flugmanöver außer geradeaus fliegen fallen unter die Selbstgefährdung und sind ein K.O.-Kriterium für die Prüfung. Lieber zu weit oder zu kurz fliegen als Harakiri machen. Die Wiese ist lang genug. Etwa dreißig Meter hinter dem Punkt rutsche ich mit dem Popo ins nasse, hohe Gras. Mit zwei Füßen gleichzeitig aufsetzen ist nicht die beste Idee des Tages. Sofort nach dem Aufsetzen gehen oder ein paar Schritte laufen zu können, macht die Sache geschmeidiger. Gleitschirmfliegen ist nicht Fallschirmspringen. Merken fürs nächste Mal.

Hey. Milla ist richtig geflogen und hat überlebt. Schon wieder ein erstes Mal. Erste Male sind toll. Yieppiieeeehhh..... Direkt hinter mir ist Astrid gestartet. Ich filme ihren ersten Flug vom Landeplatz aus. Sieht bei ihr alles so geschmeidig aus. Ist schön, ihr zu zu sehen. Sie landet ganz smooth und wir haben beide das breiteste Grinsen seit Wochen im Gesicht. Auch sie ist vom Seitenwind gepackt worden. Allerdings hat Hristo ihr klare Anweisungen gegeben, wie sie das Abtreiben mit dem Wind verhindern kann. Ich höre ihr zu und lerne. Auf zum nächsten Anlauf. Wir packen unser Zeug in die Schnellpacksäcke, schnacken noch ein wenig mit Alex und gehen los zum Sammelplatz, um in den nächsten Bus zu steigen. Mit der ganzen Einweiserei in Lande- und Startplatz, dem Warten auf günstige Windbedingungen und darauf, dass einige ihren Leinensalat mangels Ein- und Auspackstrategie in den Griff bekommen, ist einiges an Zeit vergangen. Der Wind wird stärker. Astrid und ich stehen mit einigen anderen Teilnehmer:innen am Sammelplatz als wir im Funk Hristos immer lauter werdende Stimme hören. Eine Teilnehmerin ist gestartet und bekommt ihren Flug nicht unter Kontrolle. Ich sehe gar nicht wirklich hin. Dass es mal lautere Ansagen gibt, ist nicht ungewöhnlich. Alle Flüge und alle Teilnehmer:innen sind unterschiedlich. Manche brauchen mehr Unterstützung, andere weniger. Als ich dann doch aufblicke, sehe ich gerade noch, wie sie anscheinend eine 180° Kurve zurück in den Hang geflogen ist und wie ihr Schirm über ihr zusammenfällt. Upsi. Das war keine Landung. Das war ein Aufschlag. Stille tritt ein. Unser Shuttlebunny Tobias steht inzwischen wieder am Sammelplatz unten und hat bereits die Anweisung erhalten, niemanden mehr rauf zu fahren. Die Bedingungen sind nicht mehr gut. Er macht sich auf den Weg zur Unfallstelle. Uns anderen Teilnehmer:innen bleibt nichts anderes übrig als zu warten. Es startet niemand mehr. Kurze Zeit später treffen Krankenwagen, Polizei und dann auch der Rettungshubschrauber ein. Mist. Ist wohl kein verstauchter Fuß schießt es mir durch den Kopf. Am Ende des Tages ist es tatsächlich sehr viel ernster. Ich gehe hier aus Datenschutzgründen nicht weiter drauf ein. Wir erfahren einen Tag später, dass alles repariert werden kann. Puuuhhh...
Kein schönes Erlebnis nach dem aller ersten Flug. Ich wünsche ihr gute Besserung an der Stelle.

Hristo und Alex besprechen die Situation mit uns. Ich höre in mich hinein, ob mir das Angst macht und eventuell Einfluß auf meine weitere Fliegerinnenkarriere hat. Nun, ich verstehe, warum die blöden Dinge passiert sind und dass es kein Zufall war. Ich selbst habe in der Hand, ob mir so etwas passieren könnte. Also Angst macht es mir nicht. Es trägt einfach dazu bei, noch ein wenig mehr Respekt vorm Fliegen zu haben. Zwei Tage später werde ich am gleichen Hang einfach starten, ohne einen einzigen Gedanken an das gerade eben passierte zu verschwenden.

Als alle Notwendigkeiten nach dem Unfall erledigt sind, treffen wir uns in der Flugschule zum Theorieunterricht. Fliegen ist an dem Tag für Anfänger:innen zu Ende. Das erste Mal seit Monaten ist es wegen der stark gesunkenen Inzidenzzahlen wieder möglich, Präsenzunterricht in der Schule zu machen. Ein Segen. Wir besprechen mehrere Stunden besondere Flugsituationen und -manöver. Auch anstrengend für mich, so lange konzentriert zu zu hören. Hatte ich lange nicht mehr. Wir lernen, dass die theoretische Prüfung ebenfalls in der Flugschule stattfindet und nicht, wie seit Monaten, mit umständlicher und wackeliger Infrastruktur online.

Tag 2:
Dazu gibt es wenig zu sagen. Der Wetterbericht sagt stabil Dauerregen vorher. Fliegen fällt von vorn herein aus. Wir haben den ganzen Tag bei Alex Theorieunterricht in Luftrecht und Meteorologie. Immerhin geht es nicht so früh los. Erst um 10 Uhr. Da sollte frau annehmen, dass niemand zu spät kommt. Doch auch das schaffen manche Menschen. Inhaltlich lernen Astrid und ich nicht mehr so viel neues. Seit uns die Zugangsdaten zum Lernportal geschickt wurden, arbeiteten wir sowohl Skript als auch die etwa 600 Prüfungsfragen immer wieder durch und fühlen uns ganz gut vorbereitet. Im Portal steht außerdem eine Prüfungssimulation bereit, die wir 2-3 Mal durchgegangen sind. Wie in der richtigen Prüfung werden aus den 4 Kategorien Luftrecht, Meteorologie, Flugpraxis und Technik/Aerodynamik jeweils 30 Multible-Choice Fragen gestellt. Also insgesamt 120 Fragen. Zeit 2 Stunden. Pro Fach dürfen maximal 7 Antworten falsch sein. Das ist wirklich lieb.
Nach so einem Tag Schule sind wir rechtschaffend müde. Der nächste Tag verspricht fürs Fliegen ganz gut zu werden. D.h. wieder sehr früh aufstehen.

Tag 3:
Es ist 6 Uhr morgens. Wir stehen wieder auf dem Parkplatz Ratholz. Der Himmel ist klar. Es geht praktisch kein Wind. Vereinzelt gibt es Bodennebel. Weil Landeplatz- und Startplatzeinweisung nicht mehr nötig sind, geht es gleich los. Und um nicht wieder ewig rumstehen zu müssen und die knappe Zeit nutzen zu können, laden Astrid und ich unsere Schirme als erstes in den Bus. Ist auch nicht so schwer, da einige erneut zu spät eintrudeln. Mein Gurtzeug hatte ich am Vortag bereits etwas weiter eingestellt. Um 6:21 Uhr hebe ich als eine der ersten ab und rutsche problemlos vollständig in mein Gurtzeug. Absolut nichts stört meinen ersten Flug an diesem Morgen. Lautlos fliege ich gerade aus dem Starthang raus. Die Sonne steht flach im Osten. Über dem Alpsee ist Nebel. Ich lasse mir den Fahrtwind um die Ohren wehen und geniesse diesen einzigartigen Moment. Er dauert nicht lange. In diesen Flugbedingungen geht es nur nach unten und 250 Meter Höhenunterschied sind dann nicht so wahnsinnig viel. Alex übernimmt mich für die Landung. Ich fliege die bereits bekannten Manöver, komme lediglich etwas zu hoch in den Endanflug. Macht aber nix. Nach knapp 3 Minuten Fliegen setze ich im Landefeld auf. Hinter mir kommt Astrid zwischen den Bäumen am Hang hindurch. Ich starte die Kamera und filme ihren Flug in diesen traumhaften Morgenstunden. So hätte ich das gerne jeden Tag in diesem Kurs.

Die nächste Flüge an diesem Morgen werden von immer weiter auffrischendem Wind aus drehenden Richtungen begleitet bis Hristo irgendwann die Session abbricht. Es wird zunehmend thermisch mit der immer weiter steigenden Sonne. Wir ziehen ans Hündle um. Dort geht sich zumindest mit der Windrichtung noch was aus. Wenngleich es ziemlich feste weht. Astrid und ich haben Glück und können nochmal starten. Etwas mehr als 300 Meter Höhenunterschied liegen vor mir. Eine Seilbahn muss überflogen werden und eine niedrige Überlandleitung. Es schüttelt mich gut durch in meinem Sitz. Gefühlt dauert dieser Flug mindestens 20 Minuten. Als ich in den Endanflug gegen den Wind eindrehe, bleibe ich fast auf der Stelle stehen. Ich löse die Bremsen vollständig, weil ich denke, ich könnte den Landeplatz dann vielleicht noch erreichen. Doch auch mit theoretischer Trimmgeschwindigkeit bremst mich der Wind auf Null und ich lande senkrecht nach unten 5 Meter vor der Landewiese ganz sanft. Später lerne ich, dass praktisch jede Wiese um den Landeplatz herum andere thermische Bedingungen bereithält. Eine Besonderheit am Hündle. So wie mir, geht es fast allen, die noch starten durften. Alle haben es nicht mehr geschafft. Die Böen wurden zu stark. Hristo musste 4 oder 5 Teilnehmer:innen wieder mit der Bahn runter schicken.

Zum Abschluss des Tages bekommen wir noch ein wenig über Aerodynamik und Technik beigebracht. Und die Info, dass die Prüfung am nächsten Tag zwei Stunden früher stattfinden wird.

Tag 4:
Um 6 Uhr stehe ich wieder am Startplatz Ratholz. Die Vorhersage spricht am Morgen über Wind aus SSO. Sollte eigentlich gehen. Ist aber nicht so. Denn der Wind entscheidet sich für Nord-Ost und kommt somit von schräg hinten. Ein Schüler versucht zu starten, doch gerade als er abheben könnte, drückt im eine Böe den Schirm zusammen. Wir warten etwas mehr als eine Stunde. Dann brechen wir ab. Wenn der Wind aus Nord-Ost ansteht, müsste es am Hündle auf der gegenüberliegenden Talseite ja gehen. Wir ziehen um, Hristo nimmt die ersten mit dem Flugschulbus mit nach oben. Doch dort weht es lustigerweise sehr stark aus Süd/Süd-Ost. Also auch von schräg von hinten. Hier startet heute niemand. Auf dem Landeplatz legen wir eine Groundhandling-Session ein. Da die meisten Teilnehmer:innen noch nie rückwärts aufgezogen hatten, folgt zunächst eine Einweisung, wie das geht. Der Wind frischt weiter auf. Ich schätze, dass es gut um die 25 Km/h waren. Das ist für bloody beginners nicht gerade wenig. Wie in unserem Grundkurs zieht Hristo eine Sicherheitsebene ein. Wir gehen immer zu zweit zusammen. Eine übt, die andere passt auf, dass nicht abgehoben wird und hilft mit dem Schirm. Dann wechseln wir. Ich stehe unter Stress. Diese Übung haben wir im Grundkurs und zu Hause schon gemacht und insbesondere zu Hause hatte ich damit kein Problem. Nur, wenn etwa 10 andere um mich herum Zirkus mit ihren Schirmen machen, bin ich unentspannt. Ich kann das auch nicht ausblenden. Ist dann auch entsprechend gelaufen. Bei Astrid wars eindeutig besser. Sie lässt sich von dem Trubel nicht so beeinflussen.

Irgendwann packen wir ein. Es gibt noch die Idee, zu einem kleineren Flughang zu fahren. Dort sei der Wind nicht so stark. Also auf nach Sinswang. Die 100 Höhenmeter müssen dort erlaufen werden. Macht aber nix. Wir stapfen alle hoch. Wir müssen durch eine eingezäunte Wiese eines Bio-Hofes. Einige Rinder sind extrem neugierig. Eines springt sogar im Galopp auf uns zu. Ein komisches Gefühl. Ich denke mir, bloß keine Opferrolle einnehmen, wie bei Haien. Ich wende mich dem anrennenden Tier zu, Astrid warnt vor einer möglichen Kollision. Ich bleibe stur, gehe ruhig weiter und versuche zu zeigen, wer das Kommando hat. Es gelingt. Mit Allradbremsung den Hang runter bleibt das Rind 2 Meter vor mir stehen bzw. bekommt gerade so die Kurve. Kleiner Aufreger.

Der Landeplatz ist von oben einsehbar. Hristo weist Starten und Landen von oben ein. Ein merkwürdiges Gebiet. Eine Stromleitung führt durch die Landeeinteilung. Der Wind ist anfangs moderat und ich bin guter Dinge, doch noch einen oder zwei Flüge machen zu können. Bis der erste gestartet ist. Da lerne ich, dass auch hier der Wind mit Vorsicht zu genießen ist. Zur Landung muss zumindest von oben betrachtet recht nah an die Stromleitung geflogen werden. Gefällt mir gar nicht. Von unten betrachtet scheint das jedoch kein Problem zu sein. Der nächste startet und hat noch ein paar Probleme mehr. Und noch einer, mit noch ein paar mehr Themen. Astrid und ich stehen in der dritten Reihe. Sie äußert, dass sie hier nicht fliegen möchte. Der Bauch sagt eindeutig "Nein". In dem Moment bittet mich ein Teilnehmer, doch den Platz vor ihm einzunehmen, er möchte nicht als nächstes Starten. Gut, denke ich. Mache ich mal. Während ich auslege, startet ein weiterer Teilnehmer. Hristos Stimme im Funk wird wieder laut. Oh, oh. Kein gutes Zeichen. Ich blicke hoch und sehe die starken Rollbewegungen (Pendeln um die Längsachse), die der Teilnehmer versucht, zu stoppen. Leider tut er damit exakt nicht das, was ihm vorgegeben wird und verschlimmbessert die Lage konstant mit jeder Bewegung. Am Ende des Tages schlägt er im Landefeld auf und wird die nächsten Wochen nicht mehr fliegen. Ich wünsche ihm gute Besserung an der Stelle. Unfall #2 in diesem Kurs. Immerhin ging es etwas glimpflicher ab als 3 Tage zuvor. Damit ist Fliegen beendet. Unser Shuttlebunny Tobias startet noch und zeigt, dass auch unter diesen Bedingungen ruhig geflogen werden kann. Hristo nimmt noch einen Tandem-Überprüfungsflug eines Tandempiloten ab, der ebenfalls sogar mit Ballast problemlos startet und fliegt. Hristo selbst fliegt auch runter und zieht dabei noch ein paar Manöver mit einem Testschirm. Der Rest der Truppe packt ein und geht wieder zu Fuß runter.

Um 15:30 Uhr treffen wir uns dann wieder in der Flugschule zur theoretischen Prüfung. Trotz guter Vorbereitung bin ich schon etwas aufgeregt. Prüfer ist Chris selbst. Bis er eintrifft, klärt Hristo uns noch auf, dass wir sonntags, also am nächsten Tag, ins Tannheimer Tal aufs Neunerköpfle zum Fliegen fahren. Negativtests sind nötig und eine online Registrierung in Österreich. Der Ablauf für den nächsten Morgen wird festgelegt. Wenn das klappen würde, wäre das der Hammer. 800 Meter Höhendifferenz zwischen Start und Landung.
Zurück zur Prüfung. Christ trifft ein. Wir sind technisch alle vorbereitet und warten nach der Einwahl nur noch auf den Startschuss. Ein paar Infrastrukturhürden müssen noch genommen werden. Einer fehlt unabgemeldet. Hristo fragt per Nachricht nochmal nach, bekommt aber keine Antwort. Macht nix. Start. Es ist etwa 16:30 Uhr, 4 x 30 Fragen. Das Spiel läuft. Abgucken geht nicht. Kategorienreihenfolge, Fragen- und Antwortreihenfolge werden bei jedem anders festgelegt. Ist mir aber auch wurscht. Kurz vor 17 Uhr, also etwa 25 Minuten später, gebe ich ab bzw. melde den Erfolg. Stempel ins Ausbildungsheft. Bestanden. Freizeit. Ein kleines Steinchen fällt mir schon vom Herzen. Die anstehende Prüfung hat ein wenig Druck bei mir erzeugt, der sich nun in Wohlgefallen auflöst. Auf ein Prüfungsbier in der Flugschule verzichten Astrid und ich. Wir haben uns in der Woche so wenig bewegt, dass wir es vorziehen, vor dem Abendessen nochmal aufs Hündle hochzugehen. Wir treffen dort einen Burschen, der mit uns im Grundkurs war und bereits seine Lizenz hat, sowie ein ganz nettes Mädel, die ebenfalls ihren Schirm hochträgt. Somit ist der Weg nach oben sehr kurzweilig. Nach dem Gipfelkreuz mit obligatorischem Foto begleiten wir die beiden zum Startplatz. Als ich dort eintreffe, finde ich, dass keine guten Startbedingungen für die vorherrschende Windrichtung bestehen. Ostwind. Eigentlich müsste frau in Richtung der ersten Seilbahnstütze starten, um halbwegs Gegenwind zu haben. Eine blöde Idee. Zudem ist der Wind recht stark. Beide legen aus. Astrid und ich merken, dass unsere Anwesenheit bei den beiden in gewisser Weise Druck erzeugt. Ich habe die Wahrnehmung, dass unser Spezl zeigen will, dass er fliegen kann. Dafür, dass er erst wenige Wochen den A-Schein hat, ein, wie ich finde, gewagtes Unterfangen. Wir entscheiden, nicht den Start abzuwarten, sondern uns schonmal auf den Weg nach unten zu machen. Ein paar Kurven weiter bekommen wir mit, dass unser Spezl tatsächlich gestartet ist. In meiner Wahrnehmung bestätigt sich, dass er besser unten geblieben wäre. Er nickt und rollt irgendwie an der Seilbahn vorbei. Schaut nicht beherrscht aus. Ich habe nichts anderes erwartet. Doch jeder Pilot und jede Pilotin ist für sein oder ihr Tun selbst verantwortlich. Wenn er meint, dass das gut ist und er alles im Griff hat. Sein Ding. Nicht meines. Ich wäre sicher nicht gestartet. Das Mädel mit wesentlich mehr Flugerfahrung ist jedenfalls am Boden geblieben. Eine gute Entscheidung.
Abends kommt die Meldung von Hristo aufs Telefon, dass Neunerköpfle gehen kann. Für alle, die wieder nicht zugehört haben, schreibt er den Ablauf nochmal in die Gruppe. Ich bin aufgeregt und bin voller Vorfreude auf diese Gelegenheit.

Tag 5:
So, fünfter Tag Höhenschulung und erst 7 Flüge. Eigentlich sollten es um die zwanzig sein. Wir treffen uns um 7 an der Hündlebahn, machen alle einen Schnelltest (alle negativ), Hristo stempelt allen ein Dokument, dass das Testergebnis ausweist und los geht's nach Österreich. Das erste Mal seit 9 Monaten fahren Astrid und ich über die Grenze. Ein ganz schön gutes Gefühl. Wir müssen nur einmal in eine Maschinenpistole schauen, werden aber ansonsten nicht aufgehalten. In Tannheim am Parkplatz, an den der Landeplatz unmittelbar angrenzt, weisen Hristo und Alex uns in die Landevolten für West- und Ostwind ein. Dann Karte kaufen, mit der Bahn hochfahren und zum Startplatz Ost gehen. Dort angekommen, weht es uns fast die Mütze vom Kopf. Starke Böen aus Ost. Blöd. Hristo fliegt los, um später das Landen zu managen. Alex macht die Startaufsicht. Zu dem Zeitpunkt sagt mein Bauch schon, dass wir heute wieder nicht fliegen. Der eine oder andere Pilot startet noch. Dann dreht der Wind zuerst auf Nordost, dann auf Nord. Und so bleibt es bis wir 3 Stunden später die Sache beenden. Niemand aus der Gruppe ist geflogen. Wie gefährlich die Situation ist, zeigt mir ein etwas beleibter Pilot, der mit Gewalt versucht, bei Nordwind über ein Schneefeld vorwärts Richtung Nordost zu starten. Als er ins Lee einiger Bäume läuft, klappen ihm die Lee-Turbulenzen in Bruchteilen einer Sekunde den Schirm zusammen. Er hatte Glück, dass er noch nicht abgehoben hatte. Sonst nix. Später zieht er weiter oben rückwärts auf und kommt mit Hängen und Würgen in den freien Luftraum. Da hatte er auch nur Glück.
Die Tandempiloten fahren ebenfalls mit ihren Gästen alle wieder mit der Bahn runter. Nach unserem Entschluss zum Abbruch ist niemand mehr gestartet. Ich bin schlimm traurig, hatte mich so darauf gefreut, etwas länger in der Luft sein und mich weiter mit meinem Pi anfreunden zu können. Sollte nicht sein. Es geht mit der Bahn runter. Flugtag beendet.

Ein Lichtblick gibt es noch. Wir treffen Erika alias Ulligunde und ihre Freundin auf dem Parkplatz. Nachdem unsere Ausbildungshefte mit den Flügen aktualisiert und unterschrieben sind und die Auffahrten abgerechnet sind, schnacken wir noch ein wenig. So nette Menschen tun meiner Seele gut nach dem Ernüchternden Ergebnis der Höhenschulung. Doch es gibt natürlich auch viel Positives: Ich hatte meinen ersten Flug (und noch ein paar weitere), stehe gesund mit zwei Füßen auf dem Boden, habe die theoretische Prüfung zum A-Schein bestanden, den einen oder anderen netten Menschen kennengelernt, bin ohne Stress nach Österreich eingereist und bekomme sogar als Sahnehäubchen obendrauf die Gelegenheit mit Erika und Susi zu quatschen. Und das ist noch nicht genug. Es gibt noch mehr. Als wir Sonntagsnachmittags zu Hause ankommen, ist der Wind so geil und auf unserer fürs Groundhandling freigegebenen Wiese sammelt Robert gerade den Rest des abgemähten Grases ein, dass es sträflich wäre, nicht nochmal den Schirm auszupacken. Eine Stunde Groundhandeln in der Sonne auf gemähter, trockener Wiese. Noch Fragen?
Und auch dann ist noch nicht Schluss. Unsere Lebensretter in den Wangerstuben im Ort nebenan dürfen im Biergarten bewirten. Ich hatte bereits am Vorabend zwei Plätze reserviert. Und so klingt der Tag nach mehreren Monaten zum ersten Mal wieder mit Landebier und gutem Essen im Landgasthof aus. Frau ist zufrieden. Die anderen Fragen bezüglich der Flugmenge lösen wir, wenn es soweit ist.

Übrigens gab es bezüglich meiner Transidentität keinerlei Aufreger. Ein paar sexistische Synapsenkurzschlüsse diverser Teilnehme"R" ändern daran nichts. Das war völlig unangemessen, galt jedoch den Frauen generell. Finde ich nicht gut, war aber kein Angriff auf mein Anderssein. Zumindest habe ich das nicht so empfunden. Der tägliche Umgang miteinander hat mir ebenfalls diese Rückmeldung gegeben.