Höhenschulung Gleitschirmfliegen, 02.03.-06.03.2022, Paragliding Academy, Oberstaufen

Es ist soweit. Die Ausbildung zur Gleitschirmpilotin geht weiter. Letztes Jahr nach dem Unfall schien das alles so weit weg. Zweifel kamen auf, ob Fliegen mich überhaupt will. Fragen kamen auf, ob ich das kopfmäßig überhaupt schaffe, nochmal zu starten, nachdem, was passiert ist? Dinge nicht fertig zu machen, passt jedoch nicht in mein Lebensbild. Und dann ist plötzlich März 2022. Wir sind seit einigen Wochen bereits angemeldet für die erste Höhenschulung der Paragliding Academy. Wie üblich für die Kurse existiert eine WhatsApp-Gruppe, über die alle Informationen ausgetauscht werden. Am späten Nachmittag vor dem ersten Kurstag ploppt die Meldung rein, dass wir uns am nächsten morgens um 7 Uhr in Ratholz zum Fliegen treffen. Seit Tagen kribbelt es mich überall, wenn ich daran dachte. Und dann ist Tag X auf einmal da. Die Wetter- und Windvorhersagen versprechen eine sensationelle Woche. Ganz anders als vergangenes Jahr. Sollte die Vorhersage annähernd eintreffen, stehen die Chancen gut, jeden Tag zu fliegen. Weil Astrid und ich die theoretische Prüfung bereits letztes Jahr bestanden hatten, war hinsichtlich Theorieunterricht und Prüfung bei uns überhaupt kein Druck mehr da. Stattdessen waren Ski, Fahrräder, Kletterzeug im Gepäck, damit uns die freien Nachmittage, an denen die anderen Unterricht hatten, nicht langweilig werden. Eine feine Ausgangssituation. Eine kleine Ferienwohnung am Alpsee war gebucht. Sie ersparte uns viel Fahrerei. Und dann geht's los.

Tag 1:
Der Wecker klingelt erbarmungslos um 4:30Uhr. Wir starten zu Hause mit dem halben Bergsportladen im Auto gegen 5:30Uhr in Richtung Ratholz im Allgäu. Mich treibt der Gedanke um, wie wohl die Gruppe so sein wird. Schlechte Erfahrungen im letzten Jahr zeigten mir, wieviel davon abhängt, wie sich die Gruppe zusammensetzt. Dann sind da natürlich noch die Fluglehrer. Christian kannten wir schon aus unserem Grundkurs. Er hat da einen super Job gemacht. Ein angenehmer Mensch. Aber wer ist Evgeniy? Wie wird er auf Milla reagieren? Komme ich mit seinen Anweisungen klar? Am Treffpunkt angekommen, machen wir uns zügig bereit. Schuhe an, Rucksack mit Essen, Trinken, Wechselkleidung richten, Schnellpacksäcke mit den Schirmen raus. Weil Astrid und ich hier schon geflogen sind, wissen wir wie das Spiel läuft. Doch alle anderen wissen das natürlich nicht. Ich stelle fest, außer uns beiden ist nur noch ein einziges anderes weibliches Wesen anwesend. Sonst nur Kerle. Ich ahne Schlimmes. Viel Testosteron in einer Flugschulgruppe hat sich nicht bewährt. Aber hilft nix. Es ist, wie es ist. Christian und Evgeniy starten mit den Erklärungen, wie der Tag bzw. der Vormittag ablaufen wird. Wo Treffpunkt für den Shuttlebus ist, wo Zeug gelassen werden kann und so weiter. Es folgt die Landeplatzbesichtigung mit Einweisungen für eine Ost- und Westwindlandung. Die gute Nachricht: Der Landeplatz ist noch gefroren, das Gras ist niedrig. Letztes Jahr sind wir hier in knietiefem Gras auf sumpfigem Boden rumgehopst. Das ist schonmal gut. Ich nehme außerdem wahr, dass alle konzentriert zuhören und still sind, wenn die Fluglehrer sprechen. Vielleicht ein gutes Zeichen. Die Aufregung steigt. Bevor die erste Fuhre mit dem Shuttlebus zum Startplatz macht, spreche ich mit Evgeniy, der am Landeplatz bleibt. Ich erkläre kurz meine Situation mit der gerissenen Sehne und bitte darum, mich bei meinen ersten Landungen etwas mehr zu unterstützen. Mein Kopf braucht das. Dabei bemerke ich, dass er mit Milla überhaupt kein Thema hat. Ich bin eine Flugschülerin, wie jede andere auch. Und er wird sein Bestes geben, mich beim Fliegenlernen zu unterstützen. Dann los zum Bus.
Astrid und ich kommen mit der zweiten Fuhre hoch. Normalerweise wäre ich gerne eine der ersten gewesen, die startet. Doch es ging sich einfach nicht aus. Gut. Ich hatte mir schon im Vorfeld vorgenommen, keine Erwartungshaltungen zu haben. Einfach mal schauen, was es mit mir macht. Ruhig bleiben. Sehen, wie es läuft. Fluglehrer Christian hat sich am Startplatz eingerichtet. Dort angekommen, helfen Astrid und ich dem einen oder anderen beim Auslegen, bevor wir uns selbst mit klopfendem Herzen am Rand fertig machen. Beruhigend finde ich, dass alle anderen trotz Testosteron relativ entspannt wirken. Keine Drängler, Ungeduldigen oder Übereifrigen, wie in der letzten Höhenschulung. Positiv. Für den Start habe ich eigentlich ein ganz gutes Gefühl. Wir schafften es zweimal zu Hause auf die Wiese zum Groundhandling, was mir enorm viel gebracht hat. Vorwärts Aufziehen übten wir dabei auch nochmal. Neu ist an diesem Tag jedoch, dass überhaupt kein Wind geht. Ich glaube, das hatte ich noch nie. Und dann stehe ich startbereit da. Der letzte Flug ist fast 9 Monate her. Von den Minusgraden an diesem Morgen merke ich nichts mehr. Ich schwitze. Die Freigabe zum Aufziehen kommt. Ich schnaufe nochmal durch und spanne die Leinen. Beim Aufziehen des Schirms merke ich, dass wenig Druck im Schirm ist. Ungewohnt. Ich stabilisiere ihn über mir, schaue ganz kurz hoch. Alles offen. Ich beschleunige, weiß aber irgendwie nicht, wie ich mit dem wenigen Druck auf der Bremse umgehen soll und gebe etwas zu viel die Bremse frei. Gut, dass der Hang steiler wird. Mit einem kleinen Durchsacker hebe ich trotzdem ab. Ich fliege. Rein ins Gurtzeug und dann schnaufe ich nochmal durch. Ich fliege. Die Luft ist noch ruhig. Es bleiben ein paar Sekunden, in denen ich mich umsehen kann. Blicke kurz hoch, schaue meinen Pi an. Wir sind immer noch Freunde. Leider sind 250 Höhenmeter für einen Flug in ruhiger Luft nicht viel. Die Landung, die mit dem Start unausweichlich wurde, schließt sich sofort an den Start an. Evgeniy übernimmt mich und gibt Anweisungen für meinen doppelten Queranflug. Ich fliege eine flache 210° Rechtskurve zurück auf meine Queranflugslinie und biege dann nach links in meinen Endanflug. Wenige Sekunden bis zum Aufsetzen. Ich erinnere mich trotz der Aufregung daran, dass ich unbedingt mit dem gesunden Bein aufsetzen will und strecke sofort nachdem ich mich aus dem Gurtzeug aufgerichtet habe, das linke Bein demonstrativ nach vorne. Der Boden kommt immer näher. Das Gras flitzt unter mir durch. Ich habe überhaupt kein Gefühl dafür, wie hoch ich bin, was ich tun soll. Evgeniy übernimmt das Denken für mich. Das Kommando "Abfangen" kommt. Leider habe ich keine Ahnung, wie genau ich das umsetzen soll. Letztes Jahr hatten wir darüber nicht gesprochen. Ich hatte nur abgespeichert, dass es jetzt einen Bremsimpuls braucht. Wieviel? Keine Ahnung. Ich ziehe sehr zügig beide Bremsen bis zur Aufhängung. Der größere Widerstand lässt mich sofort steigen. Kurz Panik als Evgeniy "Durchbremsen" ansagt. Ich glaube, ich bin viel zu hoch über der Wiese und werde wie ein Stein fallen, wenn ich jetzt durchbremse und tue es deswegen nur sehr, sehr zeitverzögert. Ein Fehler. Was passiert? Die zwei, drei Sekunden genügen, dass der Schirm wieder Fahrt aufnimmt und ich einen Meter über Grund wieder beschleunige. Die Folge: Ich setze relativ hart auf links auf und muss sehr schnelle Schritte machen, die mein anderes Bein gar nicht mag, bis alles zum Stehen kommt. Autsch. Aber ich lebe noch und kann alles bewegen. Puuhhh... Flug #1. Evgeniy kommt zu mir und klärt mich auf, was ich falsch gemacht habe. Verstehen und Tun sind nur leider unterschiedliche Dinge. Ich brauche noch 2-3 harte Landungen, weil mein Kopf einfach nicht von der Vorstellung loslassen kann, dass ich wie ein Stein falle. Bis Evgeniy mir an einem kleinen Flügelmodell aus seinem Rucksack erklärt, was physikalisch passiert. Klingt logisch. Ich beschließe, bei der nächsten Landung meinen Kopf auszuschalten und auf ihn zu hören und nicht zu zögern, wenn durchgebremst werden muss. Ich werde fühlen, was passiert.
Im Laufe des Vormittags wechseln wir die Landerichtung. Der Wind hat gedreht. Ein neuer Versuch für eine weichere Landung. Ich fliege wieder und folge den Anweisungen für eine Links-Lande-Volte, um in Richtung Osten gegen den aufkommenden Wind landen zu können. Endanflug. Aus dem Gurtzeug raus, linkes Bein nach vorne, laufbereit. Der Boden kommt näher. Kopf aus. Ich habe inzwischen gelernt, dass der Impuls fürs Abfangen nicht so schnell kommen muss. Dann steigt auch der Schirm nicht mehr so stark. Abfangen, 21, 22, durchbremsen. Ich tue es einfach. Blick gerade aus. Nicht nach unten. Und dann setze ich auf. Leicht, wie eine Feder. Ein, zwei kleine Schritte noch. Klick. Verstanden und gefühlt, wie es sein soll. Das Sahnehäubchen heute: Beim letzten Start gab's soviel Wind, dass Astrid und ich von Christian die Freigabe zum Rückwärtsaufziehen erhalten, weil er merkt, dass wir das nicht zum ersten Mal machen. Astrid legt ihren Schirm nämlich mit Hilfe des Windes aus, statt auf der Wiese hin und her zu laufen. Sein Kommentar: "Wenn du jetzt die Bremsen gleich mit gegriffen hättest, hätt'st gleich starten können. So zieht sie im zweiten Anlauf den Schirm rückwärts auf, checkt, dreht aus und fliegt weg. Sehr geil. Ich tue es ihr gleich. Nehme allerdings schon beim Auslegen die Bremsen in die Hand und lege erst gar nicht mehr ab, als der Schirm offen ist, sondern ziehe auf, checke, drehe mich aus und starte. Gefühlt viel einfacher als vorwärts aufziehen.
Als wir einstellen, habe ich 7 Flüge geschafft. Ein sensationeller Start in die Schulung.
Jene, die ihre Theorieprüfung samstags machen wollen, haben im Anschluss Unterricht. Vorher gibt es in der Flugschule noch eine kleine Besprechung unserer Starts. Christian hat fleißig gefilmt. Für uns ist der Flugtag im Anschluss daran zu Ende. Wir sind rechtschaffend müde. Fliegen ist vor allem für den Kopf anstrengend. Hinzu kommt der frühe Aufbruch zu Hause. Wir kaufen noch ein, was wir für die Tage in der FeWo brauchen und richten uns dann dort erstmal ein.

Tag 2:
Treffpunkt ist wieder 7 Uhr in Ratholz. Ablauf wie am ersten Tag. Dadurch, dass die Landeplatzeinweisung entfällt und alle wissen, wie's läuft, starten die ersten bereits kurz nach 7 Uhr. Leider gehen sich an dem Vormittag nicht so viele Flüge aus. Die aufgehende Sonne und die im Vergleich zum Vortag fehlende Bewölkung sorgen dafür, dass das Talwindsystem und auch etwas Thermik früher einsetzen. Meine Starts und auch meine Landungen haben sich sicht- und fühlbar verbessert. Ich setze bei jeder Landung mehr oder weniger weich auf, sacke bei den Starts nicht mehr oder zumindest weniger durch. Kurz nach 10 Uhr starte ich als letzte in meinen 5. Flug. Astrid sollte hinter mir noch starten, doch ihr schießt bereits beim Aufziehen eine Böe von hinten in den Schirm und klappt ihn in Bruchteilen einer Sekunde ein. Sie startet nicht mehr. Christian lässt danach niemanden mehr raus. Mein letzter Flug an dem Tag ist ganz schön unruhig. Evgeniy fackelt nicht lange rum und leitet mich auf kürzestem Weg zu sich auf die Landewiese. Sie gehen überhaupt kein Risiko mehr ein. Finde ich gut. War letztes Jahr nicht so und hat einige Verletzungen provoziert.
Mit einem sehr guten Gefühl geht auch dieser Flugtag zu Ende. Ich habe viel gelernt in den beiden Tagen und es ist noch nicht mal Halbzeit. Die Start- und Landekompetenz ist generell in der Gruppe relativ hoch. Findet Christian.
Die anderen verabreden sich wieder für den Theorieunterricht. Wir beschließen, eine kleine Skiwanderung aufs Hündle über den Winterwanderweg zu unternehmen. Unten sah es eigentlich noch ganz gut mit Schnee aus. Doch der größte Teil des Weges lag südwest in der Sonne. Am Ende trugen wir unsere Ski am Rucksack bis zur Bergstation gut 300 Höhenmeter und rutschten über die Piste ab. Um der Bewegung Willen. Es war noch soviel Zeit vom Tag übrig. Ich merke, wie mich das An- und Auslaufen bei Start und Landung angestrengt hat. Eine ungewohnte Bewegung, weil wir normalerweise nicht laufen. Muskelkatze beginnt sich im ganzen Körper auszubreiten. Ein paar blaue Flecken vom Aufziehen sind sichtbar. Hinzu kommt der kalte Ostwind, der Energie zieht. Eine heiße Wanne wäre jetzt genau das Richtige. Gesagt getan. Nachdem ein paar Semmeln für den nächsten Morgen beschafft sind, lassen wir den Tag genau dort ausklingen. Ist immerhin auch Urlaub.

Tag 3:
Nicht überraschend kommt abends wieder die Meldung in die Gruppe, dass wir uns, wie an den beiden Tagen zuvor, um 7 Uhr in Ratholz treffen. Ein paar weitere Hüpfer wollen geflogen werden. Nur kommt an diesem Vormittag ziemlich früh Wind auf. Nach vier Flügen ist für Astrid und mich Schluss. Es ist kaum halb zehn. Ups, das ist sehr früh. Heute jedoch ist Astrid die bis dahin perfekteste Landung gelungen. Der zunehmende Wind am Landeplatz hat für ein kurzes Fenster perfekte Bedingungen für die sanfteste Landung geschaffen. Wie aus dem Lehrbuch fliegt sie ein, fängt in genau der richtigen Position mit genau der richtigen Bremsdosis ab, bleibt auf der Stelle stehen und das Durchbremsen setzt sie auf dem Punkt leicht wie eine Feder ab. Wirklich fantastisch.
In der Gruppe kommt die Frage auf, ob wir nicht etwas Groundhandling machen könnten? Außer Astrid und mir hat das noch niemand gemacht. Der Wind mit etwa 15 km/h wäre perfekt dafür. Evgeniy lässt sich breitschlagen. Christian, der sich eh schon drei Tage mit seiner Erkältung gequält hat, lässt es für den Tag gut sein. So verbringen wir noch 1-2 Stunden mit Spielen auf der Wiese. Evgeniy erklärt, wie rückwärts aufgezogen und wie der Schirm in der Luft gehalten werden kann. Für fast alle Neuland und entsprechend enden manche Versuche in völligem Schirm- und Leinenchaos. Für Astrid und mich hingegen keine echte Herausforderung. Den Schirm dann über uns zu halten, war kein Problem. Astrid versucht später, den Schirm jeweils rechts und links mit dem Stabilo auf den Boden zu tippen und wieder aufzurichten. Gelingt ihr auch ganz schön gut. Ich bewundere sie für ihr Gespür und Gefühl. Meine Versuche es ihr gleich zu tun, sehen nicht ganz so beherrscht aus. Immerhin gelingt es mir, jeweils einmal rechts und links aufzusetzen, ohne dass mir mein System um die Ohren fliegt. Auch bei den anderen in der Gruppe sehe ich überraschend schnell gute Erfolge. Hatte ich letztes Jahr in der Schulung anders erlebt. Auch bei mir selbst.
Als der Wind dann doch zu stark wird und auch die Zeit einigermaßen strapaziert ist, stellt Evgeniy ein und gibt die Uhrzeit für den Beginn des Theorieunterrichts bekannt. Für Astrid und mich startet damit wieder die Freizeit am Nachmittag.
Für die eigentlich angedachte Radtour mit 40km und 800 Höhenmeter kann sich allerdings keine von uns begeistern. Zu anstrengend waren die letzten Tage für Kopf und Körper. Nach einer kurzen Mittagspause in unserer FeWo, brechen wir mit dem Fahrrad auf, um uns unsere morgendlichen Semmeln zu besorgen. Mehr soll es nicht werden. Und gemütlich soll's sein. Kein Streß. Flach am Alpsee entlang von Immenstadt nach Oberstaufen. Am Ende kommen doch fast 33km mit 400 Höhenmetern zusammen.
Später beim Abendessen schickt Evgeniy den Treffpunkt für den nächsten Tag. Wir machen was Neues. Juhuuu. Dorflift Bolsterlang. Es soll mit der Hörnerbahn ganz nach oben gehen.

Tag 4:
Samstag, 7:30 Uhr Dorflift Bolsterlang. Ich war hier schonmal fällt mir auf. Im vergangenen Herbst unternahmen wir eine schöne Wanderung über den Wannenkopf zum Weierkopf, wo unsere Begleitung, die liebe Susi, ihren süßen kleinen 16er Pi aus dem Rucksack zog und davon flog. Start und Ziel der Wanderung war damals die Talstation der Hörnerbahn. Mit eben dieser soll es heute zum Startplatz gehen. Aber der Reihe nach. Ein neues Fluggebiet bedingt, dass wir uns alle zusammen erstmal den Landeplatz ansehen. Noch eine Neuerung heute: Christian hat so die Hufe hochgerissen, dass er ausgefallen ist. Er wird die nächsten beiden Tage von Manfred vertreten. Manfred wird heute auch die theoretische Prüfung später am Nachmittag leiten. Also hat er auch grad noch den Job als Fluglehrer am Landeplatz übernommen. Ich lerne, dass wir den privaten Landeplatz der Flugschule Oase in Sonderdorf benutzen dürfen und nicht in Bolsterlang Nord oder Süd landen (müssen). Die sind für meine Verhältnisse schwierig. Die Wiese in Sonderdorf ist hingegen eben und weitläufig. Gut für den Kopf. Manfred erklärt die zwei möglichen Landevolten, die hier vorgeschrieben sind. Er hat natürlich den Nachteil, dass für ihn alle Menschen im Kurs neu sind und er nicht einschätzen kann, wie geflogen wird. Er geht kurz darauf ein, wie er sich das vorstellt mit der Landung, welche Anweisungen er für gewöhnlich gibt und wie wir im Zweifel signalisieren können, ob wir Probleme in der Luft haben. Alles gut soweit. Am Ende der Landeplatzbesichtung gehe ich nochmal auf ihn zu, wie ich es mit Evgeniy auch gemacht habe, um ihm von meinem Kopfthema und der gerissenen Patellasehne zu erzählen. Ich bat darum, bei Milla mit dem weißen Pi ein klein wenig gesprächiger zu sein. Hätte ich mir sparen können. Wie ich später weiß.
Dann auf zur Bahn. Evgeniy riet dazu, Einzelfahrten zu kaufen, da wir nicht wissen, wie oft wir fliegen können. Die Abhängigkeit von der Bahn bedingt, dass es relativ spät los geht und Sonne und Talwindsystem begrenzen die Zeit nach hinten. 2-3 Bergfahrten sind günstiger als die Tageskarte. Wir shuttlen vom Dorflift zur Talstation Hörnerbahn. Alex ist, wie die Tage zuvor, unser Shuttlebunny. Dort angekommen, stellen wir uns in die Schlange vor der Kasse. Die Prüfung der 3G-Regel braucht Zeit. Eine gefühlte Ewigkeit später halten wir Tickets in den Händen und stellen uns in die nächste Schlange an der Gondel. Ansage ist, bis ganz rauf zur Bergstation zu fahren. Wir wollen am oberen Startplatz in die Luft. Knobel heißt der, wie ich jetzt weiß. Wieder eine kleine Ewigkeit später stehen wir alle oben an der Bergstation und gehen los ein gutes Stück quer durchs Skigebiet zu besagtem Startplatz, um dort zu merken, dass der im Winter eine Skipiste ist. Starten geht da nicht. Wir können nicht die Schirme auf die Piste ausbreiten. Evgeniy erklärt das kurz und dann geht's wieder zu Fuß zurück zur Bergstation. Wir müssen bis zur Mittelstation runterfahren. Dort befindet sich etwas unterhalb der Winterstartplatz. Hörnerbahn Ornach heißt der. Als diese Entscheidung gefällt wird, gehe ich davon aus, dass wir heute gar nicht mehr fliegen. Es ist schon halb zehn durch. Gestern um diese Zeit brachen wir in Ratholz bereits ab.
Ist dann eben so. Wir steigen wieder in die Bahn, immerhin sind die Talfahrten für Gleitschirmpilot:innen kostenfrei, und steigen eins tiefer wieder aus. Ein kurzer Fußmarsch. Startplatz erreicht. Erster Blick zur Windfahne: Die hängt nach unten. Kein Wind. Könnte sich doch noch ein Flug ausgehen, wenn die Thermik über den großen Flächen der Landeumgebung noch nicht eingesetzt hat. Am Startplatz ist eine andere Flugschule zugange. Prüfung. Wir dürfen aber mit etwas Abstand auslegen. Ala dann. Ich bin aufgeregt. Habe verstanden, dass wir heute auch das eine oder andere Manöver außer der vollständigen Landevolte fliegen sollen. Starten und losfliegen ist nicht mein Problem. Eher die Frage, wie ich mit Manfreds Anweisungen klar komme. In wenigen Minuten bin ich startklar. Funke an, letzter Check von Gurtzeug und Helm, Aufzeichnung auf der Garmin gestartet. Ich bekomme die Freigabe zum "Aufstellen", wie Evgeniy sagt, und leite meinen Start ein. Läuft sehr gut. Schirm kommt hoch, ich lasse mir Zeit, schaue die Kappe an. Alles offen. Kalte Luft und Windstille. Laufen, laufen, laufen. Wenige Schritte später trägt mich mein Pi über die Kante. Ich starte in einen Flug mit mehr als 500 Höhenmetern Höhenunterschied. Lustiger Weise hebt mich das gar nicht mehr an. Bei meinem ersten richtigen Flug hatte ich die Hosen so voll, dass ich wie in Trance losgelaufen bin. Jetzt tue ich es einfach und ich weiß, es wird mit hoher Wahrscheinlichkeit gelingen. Der vergleichsweise große Höhenunterschied lässt Zeit zum Genießen. Die Luft ist noch überraschend ruhig. Lediglich beim Überfliegen der Bäume und beim Einflug ins Tal schüttelt mich mein Fluggerät kurz durch. Ist normal. Kein Grund zur Panik. Manfred meldet sich im Funk und weist mich an, zur Position zu fliegen und durch Rechtskreisen Höhe abzubauen. Es geht zum Landen. Ich schaue immer wieder zum Peilpunkt während meiner Kurven. Es geht darum während des Kreisens einzuschätzen, wann eine gute Höhe für die Überleitung in den Gegenanflug erreicht ist. Fällt mir nicht leicht. Denn ich habe bis dahin erst eine einzige vollständige Landevolte geflogen. Nachdem ich zwei Vollkreise geflogen bin, sagt mein Bauch, jetzt könnte es passen. Hristo, unser Fluglehrer vom letzten Jahr, sagte: Wenn du darüber nachdenkst, ob sich noch eine ganze Runde ausgeht, dann flieg sie nicht mehr. Mit zuviel Höhe im Gegenanflug kann frau besser umgehen, als mit zu wenig. Ich höre indes nix von Manfred, dass ich in den Gegenanflug wechseln soll. Ob er noch weiß, dass ich hier kreise? Im Zwiespalt, ob noch eine Anweisung kommt oder nicht, begehe ich den Fehler, noch einen dritten Vollkreis zu fliegen und merke schon beim Einleiten, dass die Höhe ganz schön knapp ist. Das gute daran ist, dass ich gelernt habe, dass Hristo Recht hatte. Mitten in meinem dritten Vollkreis meldet sich Manfred, ich solle in den Gegenanflug übergehen. Zu dem Zeitpunkt weiß ich sicher, dass es für alle restlichen Komponenten der Landevolte nicht mehr reichen wird. Höhe ist endlich. Der Gegenanflug darf nicht so lange werden, sonst geht mir die Höhe vollends aus. Manfred schweigt. Ähm, Queranflug, jetzt. Immer noch Schweigen. Mir egal. Ich gehe per 90° Kurve nach rechts in den Queranflug und hätte mich an der Stelle fürs Landen im Queranflug entschieden. Ich hätte alternativ aus dem Gegenanflug direkt in den Endanflug gehen können. Doch Manfred sagt nix dazu. Ich werde nervös. Weiß nicht, was ich tun soll. Der Boden kommt näher. Ich will eigentlich landen. Da höre ich Manfred. Ich solle in den Endanflug einbiegen. Mein Kopf sagt nein. Dazu ist es zu spät. Ich werde in der Kurve aufklatschen. Manfred besteht durch energische Anweisungen darauf. Ich vertraue darauf, dass er weiß, was er tut und leite eine letzte 90° Kurve nach rechts in den Endanflug ein. Mein Bauch weiß schon lange, dass das schief gehen wird. Da es schnell gehen muss, ziehe ich etwas mehr an der Innenbremse, bin schon fast am Boden und pendele durch die Kurve bevor ich auf dem Popo aufsetze und mit gestreckten Beinen zwei Furchen in den gefrorenen Boden ziehe. Scheiße. Dette war nüscht. Als mein Schirm auch unten ist, warte ich kurz ab, ob es irgendwo weh tut. Das wäre der Horror, wenn jetzt schon wieder was an mir kaputt gegangen wäre. Nur weil ich meinem Bauchgefühl nicht gefolgt bin. Doch meine Extremitäten und mein Popo geben grünes Licht. Schön auf gefrorenem Gras Bewegungsenergie in Lageenergie umgesetzt. Ich ärgere mich, dass ich nicht auf meinen Bauch gehört habe, stehe auf, sammele mein Zeug ein und schlurfe in Richtung Packplatz. Unterwegs treffe ich auf Manfred, der mir erzählt, ich hätte wohl ein größeres Problem mit meinem Kopf beim Landen. Ich lächele und sage nichts. Diskutieren bringt nix. Ich habe gelernt. Dachte ich zumindest. Astrid fliegt derweil ein und landet ganz entspannt. Doch auch sie berichtet, mit Manfreds Anweisungen nicht zurecht zu kommen. Doch vielleicht muss auch er sich erstmal auf den Landeplatz und die fliegerischen Fähigkeiten der Teilnehmer:innen einstellen.

Neuer Versuch, neues Glück. Auf zum Startplatz. Mal sehen, wie es in Runde 2 läuft. Ticket kaufen, hochfahren, zum Startplatz stapfen. Ich habe kein gutes Gefühl beim nächsten Start. Der Start bringt unausweichlich mit, dass ich mich mit Manfreds Ansagen und meinem Bauchgefühl in Konflikte begeben werde. Nicht fliegen ist jedoch keine Option. Also starte ich ein zweites Mal. Die Bedingungen sind immer noch super, obwohl es bereits nach 10 Uhr ist. Hatte ich so nicht erwartet. Gechecked, Funkgerät ist an, ich höre Evgeniy: Aufstellen frei. Ich ziehe auf, Kappe ist stabilisiert, einmal schauen, dann beschleunigen. Mein Pi fliegt wieder. Ich schaue erneut zu ihm hoch (oder ist es eine Sie? Ich weiß es nicht.). Schon ein ganz schön geiles Gefühl. Ich fliege erstmal einfach raus ins Tal, weg vom Hang, und genieße ein wenig die Aussicht. Bei einem so großen Höhenunterschied muss dafür auch mal Zeit sein. Manfred wird sich schon melden, wenn er möchte, dass ich was ändere. Als ich so langsam die Position erreiche, beginne ich selbständig mit Rechtskreisen. Zwei Stück erstmal, dann bemerke ich, dass ich etwas abgedriftet bin. Ich korrigiere und frage meinen Bauch, ob noch ein Kreis geht. Er sagt ja. Einer geht noch. Ich leite einen letzten Positionskreis ein und beeile mich dabei ein wenig. D.h. ich fliege eine engere, dynamischere Kurve und gehe dann in den Gegenanflug über. Höhe passt. Als ich damit beginne, in den Queranflug einzubiegen, schlägt mir auch Manfred genau das vor. Passt. Nach der 90° Kurve in den Queranflug findet mein Bauch, dass schon relativ viel Höhe abgebaut ist. Ich soll nicht so lange im Queranflug bleiben. Also biege ich nach ein paar Sekunden in den Endanflug ein, gerade als Manfred sich dazu im Funk meldet. Passt wieder. Ich richte mich im Gurtzeug auf, fliege die letzten Meter in Richtung Peilpunkt, fange ab, wie es sein soll, bremse durch und bleibe fast auf dem Platz sanft stehen. Ich finde, ich hab's super hinbekommen. Meine erste fast ganz alleine geflogene Landevolte. Manfred kommt auf mich zu. Wir besprechen kurz das Manöver. Dann fragt er, ob ich mit meinem Gewicht an der Grenze des Schirmes bin? Mmmmhhh.... das weiß ich nicht so genau. Den Schirm hat Chris anhand meiner Gewichtsangaben bestellt. Wenn ich die Tabelle richtig im Kopf habe, müsste ich ohne Gepäck, wie ich in der Flugschule fliege, eher an der Untergrenze sein. Der Grund für Manfreds Frage: Er findet, dass ich sehr dynamisch geflogen bin. Hat ihm gefallen. Ich wachse einen Zentimeter und gehe zusammenpacken.

Ich fliege noch ein drittes Mal. Doch dabei geht die Landung wieder komplett in die Hose. Kommunikationsprobleme. Ich setzte zwar auf meinen Beinen auf, aber auf der falschen Wiese. Dem voran ging ein erster Versuch, eine Leitlinien-Acht zu fliegen. Als Manfred mich im Funk übernimmt, gibt er kurz darauf Anleitung, dieses prüfungsrelevante Manöver zu fliegen. Ich suche mir also eine Flugachse über mindestens zwei Punkte, damit ich nach dem ersten Vollkreis weiß, ob ich auf Linie bin und leite die erste 360°-Kurve ein. Gewicht auf eine Seite, Außenbremse lösen, Innenbremse mit Gefüüüüühhhhlll nachziehen, bis sich ein schöner Kurvenflug einstellt. Ein cooles Gefühl, wenn Dynamik in die Matratze kommt. Kurz vor Ende des ersten Kreises gebe ich die Innenbremse langsam frei, ziehe die Außenbremse bis etwas Druck da ist, stabilisiere kurz auf meiner Flugachse und leite den nächsten Vollkreis in die andere Richtung ein. Das ganze soll pendelfrei passieren, was gar nicht so einfach ist, wie es sich anhört. Bis dahin ist alles gut. Als ich mit den beiden Kreisen fertig bin, sagt mein Bauch, dass ich für weitere Kreise in der Position schon zu niedrig bin. Ich fliege an der Position also gleich in den Gegenanflug. Manfred ist anderer Meinung, was ich tun soll. Ich sei irgendwie zu weit ab von der Position. Ich solle weiter nach rechts eindrehen. Dann fliege ich auf ihn zu, wenn ich das tue. Sagt Bauchi. Passt irgendwie nicht. Wider besseren Wissens tue ich es trotzdem. Tja, fail. Ich korrigiere nochmal auf seine Anweisung hin und weiß schon, dass ich nicht auf dem Landefeld aufsetzen werde. Er dirigiert mich auf die Nachbarwiese. Dort fährt Herr oder Frau Bauer gerade Gülle aus. Häh? Also gut. Ich ziehe die letzte Kurve sehr klein und suche mir eine freie Bahn zwischen Gülle und Holzstadel, wo keine frische Scheiße auf der Wiese liegt, fange ab und setze auf. In der Hektik natürlich etwas härter und mit dem falschen Bein. Sofort durchzuckt ein Schmerz meinen Popo. Zerrung. Priml. Warum habe ich den gleichen Fehler nochmal gemacht? Ich bin zu gut für die Welt. Ich lerne später, dass es einem anderen Flugschüler bei so einer Aktion gelungen ist, genau in der Scheiße zu landen. Er hatte für den Tag dann genug.

Das gibt's doch nicht. Ich muss das nochmal versuchen. Noch ist das Fliegen nicht eingestellt. Astrid und ich kaufen nochmal eine Einzelfahrt. Ab da hätte sich die Tageskarte gelohnt. Egal. Wir fahren rauf, beeilen uns ein wenig, um zum Startplatz zu kommen. Vielleicht geht's noch einmal. Die Windfahne flattert inzwischen waagerecht. Wir bekommen von Evgeniy die Freigabe, rückwärts aufziehen zu dürfen. Doch noch während wir uns fertig machen und noch ein oder zwei andere Starten, meldet sich Manfred bei Evgeniy im Funk, dass es ihm so langsam zu heikel wird mit den Bedingungen. Beim letzten Flug hatte ich schon gemerkt, wie ich ein kleines Stück nach oben statt nach unten getragen wurde. Hinzu kommt der stärker werdende Talwind. Abbruch. Heute fliegt niemand mehr aus dem Kurs. Ich bin ein wenig traurig. Astrid steht ebenfalls startbereit neben mir und schaut etwas betrübt drein. Andererseits ist es das Risiko nicht wert. Das ist mir genauso klar. Wir packen unverrichteter Dinge wieder ein, während Evgeniy seinen Schirm auspackt. Er hat selbstredend keinen Schmerz zu starten. Für ihn sind Thermik und Talwind eher ein willkommener Spaß. Der Knete für die unnötige Bahnfahrt traure ich nicht hinterher. Heile Knochen sind unbezahlbar.
Für die anderen ist an diesem Nachmittag Theorieprüfung. Astrid und ich hatten überlegt, den Südgrat des Burgberger Hörnles zu klettern. Doch es gibt die Ansage, dass wir uns kurz nach 15 Uhr an der Hündle-Bahn einfinden sollen. Die Auffahrten und Landeplatzgebühren der letzten Tage sind noch zu entrichten. Damit ist entschieden, dass wir an dem Nachmittag nix mehr tun. Was aber auch nicht schlimm ist. Fliegen ist irgendwie anstrengend. Wir sind ein wenig ganzkörpermüde. Und ein Tag Fliegen steht ja noch aus.
Da unsere FeWo auf dem Weg zur Hündle-Bahn liegt, machen wir uns erstmal etwas frisch. Unterwegs fanden wir eine Tankstelle, bei der Diesel noch keine 2 Euronen kostet. Hab ich's schon erwähnt? Krieg ist Scheiße. Nicht wegen der Spritpreise. Die wären sowieso gestiegen. Jetzt geht's halt schneller. Ich verstehe nicht, was jemanden dazu bewegt, seinen Nachbarn per Angriffskrieg zu überfallen. Es wird ausschließlich Verlierer geben. Das ist seit es Menschen gibt so. Genug Politik.
Während Evgeniy die Abrechnung für alle fertig macht, erzählt Manfred noch ein wenig von den Manövern Nicken und Rollen, die wir am nächsten Tag angehen sollen. Aufregung. Beim Nicken bin ich noch entspannt. Wie das Ein- und Ausgeleitet wird, verstehe ich. Beim Rollen ist das anders. Ich kann mir noch nicht so richtig vorstellen, wie das gehen soll. Wir werden es am nächsten Tag herausfinden.
Am Abend sind wir mit Susi verabredet. Eine ganz liebe Bekannte, die ebenfalls fliegt. Das Treffen startet mit einem Anruf von ihr, ob wir sie einsammeln können. Sie ist geflogen und wurde vom Ostwind mehr oder weniger unaufhaltsam von ihrem Landeplatz weggetragen. Irgendwann entschied sie, dass sie dann wohl landen geht und schaut, wie sie von da zurück zu ihrem Auto kommt. Ich finde das witzig. Klar, hole ich sie ab und bringe sie zu ihrem Auto zurück. Etwas später sitzen wir zusammen in unserer FeWo bei gutem Essen und quatschen uns ein wenig fest. Es folgt eine etwas zu kurze Nacht.

Tag 5:
Sonntag. Der Wecker klingelt um 5:30Uhr. Wir können zwar etwas später an der Hörnerbahn sein, da die Landeplatzeinweisung nicht mehr gemacht werden muss und die erste Bahn um 8:30Uhr fährt, doch wir müssen heute unser gesamtes Gepäck ins Auto packen, die Wohnung etwas herrichten und nix vergessen. Ich bekomme die Augen kaum auf. Alles tut weh. Werde ich alt? Mein rechtes Ellenbogengelenk hat einen Widerstand beim Beugen. Dann war die Popolandung tags zuvor doch nicht ganz folgenfrei. Naja, ist nicht schlimm. Tut nicht weh. Auf nach Bolsterlang. Das Flugwetter soll an diesem Tag wieder ganz gut werden. Allerdings wird der Talwind und die Thermik wahrscheinlich etwas früher als gestern einsetzen, meint Manfred. Evgeniy empfiehlt wieder, Einzelkarten zu kaufen. Er denkt nicht, dass sich mehr als 2-3 Flüge pro Nase ausgehen. Astrid und ich kaufen je eine Halbtageskarte, die es ebenfalls gibt. Ab dem 3. Flug würde die sich rechnen. Und wir sparen uns, jedes Mal für eine Einzelfahrt anstehen zu müssen. Ist mir recht, denn mit einer der Damen an der Kasse hatte ich mich gestern schon ein wenig in die Haare bekommen. Erst belehrte sie mich, warum es wichtig ist, die FFP2-Maske über Mund UND Nase zu tragen (ich hatte einfach vergessen, sie beim Eintreten ganz über die Nase zu ziehen) und dann fand sie, dass "Milla" ja ein Mädchenname sei. Das könne doch nicht stimmen in meinem Impfnachweis. Und das auf eine dumm, plumpe Art. Da wurde ich dann leider ein bisschen ungehalten. Als ob das für eine Bergfahrt eine Rolle spielen würde. Bei meinem Personalausweis stutzte sie dann wieder. Doch der Wind war aus ihren Segeln, wenn Impfnachweis und Perso zusammenpassen. Da kann sie dann davon halten, was sie will in ihrem kleinkarierten Leben. Leider erlebe ich solche Situationen immer wieder. Lackierte Fingernägel helfen an der Stelle nicht.
Kommen wir zu den wichtigen Dingen. Auf meinem ersten Flug fange ich mir erneut eine Ansprache von Manfred ein. Er hatte zum Einstieg in den Tag erklärt, wenn er nichts sagt, können wir immer eine Leitlinien-Acht fliegen, wenn wir aus dem Hang draußen sind. Und so fliege ich aus dem Hang raus, höre nichts von ihm und beginne damit, den ersten Vollkreis zu fliegen. Als ich ihn einleite, habe ich Manfred im Funk, was ich da tun würde. Ich solle weiter in Richtung Position fliegen. Priml. Ich fliege den einen Kreis fertig. Manfred fand, ich sei noch zu nah am Hang gewesen. Nun ja, aus seiner Perspektive kann ich mir vorstellen, dass es so ausgesehen haben muss. Ich fand's save. Aber gut. Wir machen was anderes. Nicken steht auf dem Plan. Er gibt Kommando, beidseitig einen Bremsimpuls zu geben. Ich merke, wie mein Schirm hinter mich kommt. Warten, warten, warten. In dem Moment, als ich wieder unter dem Schirm bin, gebe ich die Bremsen auf Anweisung von Manfred wieder ganz frei. Der Schirm schießt vor mich. Als ich wieder unter ihm bin, folgt der nächste Bremsimpuls. Nach ein paar Mal hin und her schaukele ich schön unterm Schirm. Nicken eben. Eine gute Vorbereitung aufs Thermikfliegen. Nach drei bis vier Pendelbewegungen gibt Manfred mir den Zeitpunkt vor, an dem ich durch erneutes Anbremsen die Nickbewegung stoppen kann. Hat funktioniert. Ich fliege zur Position und beginne mit meiner Landeeinteilung. Manfred kündigte bereits unten an, dass er dazu erstmal nix sagen wird, es sei denn, jemand würde grobe Fehler machen. Und so bin ich mit meinem Bauch alleine und finde, ich hab's gut hingekriegt. Ich lande sanft in der Nähe des Peilpunktes.

Kurzes Feedbackgespräch mit Manfred, packen, auf Astrid warten, die zwei hinter mir gestartet ist und wieder mit der Bahn rauf. Leider ging sich bei Astrid das Nick-Manöver nicht aus. Manfred hatte zuviel mit ihrem Vorgänger zu tun. Am Start lasse ich ihr den Vortritt. Ich mag auf keinen Fall, dass sie noch so einen Nachteil einstecken muss. Und so nickt sie dann in ihrem zweiten Flug. Für mich geht's in meinem zweiten Flug ans Rollen. Pendeln um die Längsachse. Beim Rausfliegen merke ich bereits deutlich die turbulente Luft. Der Talwind aus Nord hat deutlich zugenommen und die erste Thermikblase heißt mich willkommen. Weil ich einen Flug vorher genickt habe, erschrecke ich nicht, bleibe ruhig und habe eine Ahnung, was zu tun ist. Beim Ausfliegen aus der Miniblase merke ich, wie der Schirm etwas nach vorne kommt. Ich bremse ihn sanft zurück. Alles gut. Und dann ist Manfred auch schon am Funk und lässt mich mein Gewicht nach links verlagern und einen festen Bremsimpuls auf die linke Steuerleine geben. Der Schirm kippt nach links vorne. Während er zurück pendelt, lege ich mein Gewicht nach rechts und gebe einen Impuls auf die rechte Steuerleine. So schaukele ich mich in die Pendelbewegung, die immer stärker wird. Stets unter Beobachtung durch Manfred. Nach etwa vier bis fünf Mal leite ich unter Anweisung dieses Pendeln wieder aus. Gegenseite ebenfalls anbremsen, dann beide Bremsen langsam wieder freigeben. Und schon geht's wieder gerade aus. Sehr cool. Treibt frau es mit dieser Art des Pendelns auf die Spitze, spricht frau von Wingovern. Doch davon bin ich Lichtjahre entfernt gewesen. Am Schirm hängend fühlte es sich sehr dynamisch an. Doch von außen betrachtet, war die Pendelbewegung wahrscheinlich geradeso erkennbar. Nun verliere ich gar nicht mehr viele Worte. Meine anschließende selbständige Landung war absolut ok. Unten angekommen ist mir schnell klar, dass Fliegen für heute wieder zu Ende ist. Mit den letzten in der Luft hat Manfred gut zu tun, um sie sicher nach unten zu bringen. Wir stellen ein. Es wird zu thermisch. Die letzten Flugschüler, die noch oben stehen, müssen wieder mit der Bahn runter. Evgeniy lässt niemanden mehr raus. Er hingegen schnappt sich einen A-Schirm von einem Schüler und fliegt das Ding nach unten. Vom Landeplatz aus konnte ich dieses Schauspiel bestaunen. Ich dachte immer, A-Schirme seihen träge. Ähm, nein. Es hängt nur davon ab, wer drunter hängt. Ein Acro-Pilot, wie Evgeniy, entlockt dem Ding ungeahnte Fähigkeiten. Er fliegt direkt über dem Landefeld ein SAT-Manöver. Es handelt sich um eine Art Spirale, bei der sich der Pilot nicht wie bei der klassischen Spirale um den Schirm dreht, sondern sich der Drehpunkt in der Mitte der Leinen, zwischen Pilot und Gleitschirm befindet. Bei den G-Kräften würde ich wahrscheinlich sofort ohnmächtig. Sehr beeindruckend. Seinen Flug schließt er mit einer Punktlandung per exaktem Antippen des Peilpunktes ab. Es gibt noch viel zu lernen.

Fazit aus der Höhenschulung: Die Gruppe war klasse. Sowohl was das Fliegen als auch was der Umgang mit meiner Transidentität angeht. Alle entspannt. Wir halfen und unterstützten einander. Kein Gedrängel. Alle aufmerksam. Die Fluglehrer hatten eine Engelsgeduld. Keine Frage war zu viel. Hat wirklich Spaß gemacht. Das alles hat dazu beigetragen, dass wir alle einen richtig großen Schritt nach vorne machen konnten. Meinen anfänglichen Bammel vor der Landung konnte ich ein ganzes Stück kleiner werden lassen. Mein Knie hat gehalten. Es gab keine Probleme damit. Nun sind wir gut gerüstet, um in den letzten Ausbildungsabschnitt für den A-Schein zu starten. Ende März geht's weiter. Drücken wir uns die Däumchen, dass wir wieder so ein Traumwetter haben und alle restlichen Flüge und Manöver fliegen können.