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Dom, 4545m, 19.07.2017

Besteigungsversuch auf dem Normalweg

Für die Sommerferien 2017 hatten wir uns dieses sportliche Ziel herausgesucht. Der höchste Berg, der ganz in der Schweiz steht. Mit von der Partie und hochmotiviert war unsere Freundin, die wir für diese Bergfahrt gewinnen konnten. Denn den Hatsch über die beiden Gletscher mit den teilweise großen Spalten wollten wir nicht zu zweit wagen. Treffpunkt war der Zeltplatz in Randa, wo wir uns für die nächsten Tage häuslich einrichteten. Zeltplätze sind generell nicht gerade Teil meiner Träume in schlaflosen Nächten. Der meist krottige Zustand in Sachen Sauberkeit und die Erklärungsnot, in die ich mich gefühlt beim Betreten der Sanitäreinrichtungen für die weibliche Weltbevölkerung bringe, lösen starkes Unbehagen aus. Die Preise der alternativen Unterkünfte in der Schweiz und besonders im Mattertal lassen jedoch kaum eine andere Wahl zu. Also biss ich auf die Zähne.

Die Besteigung des Doms ist an und für sich keine allzu schwierige Unternehmung. Die Krux besteht zu einem großen Teil aus den Höhenmetern, die komplett by fair means bewältigt werden müssen. Der Hüttenzustieg ab Randa ist bereits eine Tagestour mit 1600 Höhenmetern, die zu etwa einem Drittel kletternd in einem leichten Klettersteig zurückgelegt werden müssen. Natürlich mit gepacktem Hochtourenrucksack. Das war der leichte Teil. Von Hütte bis Gipfel sind es nochmal 1600 Höhenmeter in dünner werdender Luft und mit teils weglosen Schutt-, Eis-, Firn- und Felspassagen. Sofern der Gipfel erreicht wird, warten 3200 Höhenmeter Abstieg.

Doch soweit ist es nicht gekommen. Nach dem Hüttenzustieg war bei mir der Strom ziemlich alle. Nachmittags machten wir an der Hütte ein wenig Ausbildung (Abseilen, lose Rolle, usw.) und warfen noch einen Blick auf die Karte.

Wecken war gegen 2:30Uhr in der folgenden Nacht. Der frühe Start ist ob der steigenden Spaltensturzgefahr im Laufe des Tages obligatorisch. Auffällig warm ist es gewesen. Deutlich im Plus auf knapp 3000m. Keine guten Voraussetzungen. Im Dunkeln, verunsichert durch einige weitere Gruppen, taten wir uns schwer mit der Wegfindung die Schuttmoräne hinauf in Richtung Festigletscher. In der Folge gerieten wir am Übergang aufs Eis zu weit in die Mitte. Ein entscheidender Fehler, wie sich später herausstellte. Kein Frost. Die dünne Schneeauflage war teilweise butterweich. An den Felswänden um uns herum permanenter Steinschlag. Unser Weg führte uns über einige unsichtbare, wenig abgedeckte Spalten. Es kam, wie es kommen muss. Meine leichteren Seilpartnerinnen schritten gerade so sturzfrei über alle Spalten. Ich brach zweimal ein und fiel jedes Mal mit meinen Rippen auf den Griff meiner Stöcke. Immer auf die gleiche Stelle. Aua. Wieder hochgerappelt. Zum Glück immer nur mit einem Bein eingebrochen. Meine Rippen tun weh. Aber geht schon. Es wurde hell und nach etwa 3,5h erreichten wir den Einstieg in die Kletterei hoch zum Festijoch. Somit waren wir bis dorthin schon etwa 1h langsamer als vorgesehen. Die Kletterei gilt gemeinhin als nicht schwierig. Die Passage ist jedoch mind. 60-70 Meter hoch und der Fels teilweise bröselig. Meine Frau als Seilschaftsführende meldete sich nun zu Wort und machte ihren Bedenken Luft. Sie fühle sich nicht gut. Das ging schon an der Hütte los. Wir sind zu langsam. Es ist zu warm. Wir müssen hier auch wieder runter. Unsere Freundin hat noch nie frei abgeseilt. Ich meldete bei der Gelegenheit an, dass ich Schmerzen beim Atmen habe. Wir stehen auf rund 3700m. Unserer Freundin ging es soweit gut. Lediglich die unheimliche Geräuschkulisse in der Nacht schüchterte sie ein wenig ein.

Der Bauch meiner Frau und meiner riefen laut nach Abbruch, sonst droht Schlimmeres. Die Verantwortung für uns und unsere Freundin lag in unseren Händen. Wir redeten offen über die vorherrschenden Bedingungen und die Möglichkeiten. Ein -wie ich finde- extrem wichtiger Vorgang in einer Seilschaft. Nichts sagen ist unter Umständen lebensgefährlich. Alles muss raus. Jede noch so unbedeutend erscheinende Kleinigkeit. Wir trafen gemeinsam die Entscheidung, dass es besser ist, umzukehren. Tränen. Indes überholte uns eine Zweierseilschaft. Ebenfalls sehr spät dran, stiegen die beiden völlig unbehelligt in die Kletterei ein. Unsere Entscheidung kam ins Wanken. Doch wir blieben dabei. Vom Können oder den Taten anderer auf sich selbst zu schließen, kann fatale Folgen haben. Die richtige Einschätzung der Situation für sich selbst ist wohl das, was man Erfahrung nennt.

Eine Pirouette am Seil war nicht nötig. Als ehemals Seilletzte übernahm ich nun die Führung und bergab blickend wurde mir bewusst, dass wir in der Nacht deutlich von der Ideallinie abgewichen sind. Am orographisch äußerst rechten Rand entlang des Festigletschers sind wir nahezu spaltenfrei unterwegs und erreichen nach etwa 1,5h die Hütte wieder. Mindestens mal ich war ziemlich deprimiert wegen des Abbruches. Eine Tasse Kaffee und ein paar Minuten, um einen klaren Gedanken zu fassen, halfen mir für den Moment über die Traurigkeit hinweg. Der Tag war noch jung. Wir beschlossen, gleich weiter abzusteigen. Es gab keinen Grund, länger oben zu bleiben. Der Gesundheitszustand meiner Frau verschlechterte sich indes weiter. Es lag ein langer Weg vor uns, wie wir vom Vortag wussten und die steigenden Temperaturen machten den Abstieg zu einer kleinen Hitzeschlacht. Unterwegs trafen wir auf eine Herde Steinböcke. Sehr beeindruckend diese majestätisch wirkendenden Tiere, die sich mit traumwandlerischer Sicherheit durch die steilen Flanken bewegten.


Viel Glück wünsche ich dem italienischen Alleingänger, den wir in der Domhütte kennen lernten, bei seinen weiteren Herausforderungen. Er wollte sich am Dom nur für die Überschreitung der Grandes Jorasses akklimatisieren. Er wählte so ziemlich als einziger den Aufstieg über den Festigrat und wollte auf dem Normalweg wieder runter gehen. Für einen Alleingänger empfinde ich das als äußerst risikoreich. Muss aber jeder mit sich selbst ausmachen.


Nach 4 oder 5 Tagen auf dem Zeltplatz bei Hitze am Tag und Regen am Abend war meine persönliche Schmerzgrenze erreicht. Meine Frau fühlte sich nach wie vor nicht gut. Als Notlösung, um doch noch einen 4000er zu begehen, nahmen wir uns nach einem Tag Pause in Zermatt, den Breithorn Westgipfel vor.