Fliegetage im April, 20.-26.04.2026
Endlich ein paar Tage Urlaub. Er schließt sich direkt an ein Wochenende mit meinen Mädels im Saarland an und bedeutet, 7 Tage am Stück frei zu haben, was wir länger nicht mehr hatten, wenngleich manche Menschen glauben, wir müssten nicht arbeiten, weil ständig neue Bilder und Videos unserer Freizeitgestaltung in Social Media auftauchen, doch dem ist natürlich nicht so. Irgendwie müssen all diese Privilegien schließlich finanziert werden. Glücklicherweise hat sich die Wetterprognose dahingehend für diese Woche verbessert, dass es zumindest in den nordwestlichen Alpen nicht regnen soll, der Wind jedoch an den meisten Tagen in der ersten Hälfte der Woche gegen fliegen spricht. Andere Klassiker, wie Speikboden, Bassano, Meduno, Greifenburg, scheiden aufgrund von Föhn und Südstaulage sofort aus, worüber ich nicht traurig bin, denn mindestens die letzten drei der genannten sind stets massiv überfüllt, weswegen wir beide uns nur noch den Weg dorthin antun wollen, wenn gute thermische Bedingungen vorhergesagt sind. Alles andere führt nämlich dazu, dass sich mehrere hundert Pilot:innen kleinräumig auf wenigen Höhenmetern an den gleichen Hängen im Aufwind tummeln, von denen die meisten die Hangflugregeln nicht zu kennen scheinen. So haben wir das bisher bei 3 Besuchen insbesondere in Bassano erlebt, wo es aus diesen Gründen regelmäßig schwere Unfälle gibt. Das möchten wir nicht.
Außerdem sprechen die momentan explodierenden Spritpreise gegen lange Reisen mit dem Camper. Ein völlig durchgeknallter, uralter weißer Mann und die unfähigste deutsche Regierung seit der Gründung der Bundesrepublik werden bis auf Weiteres dafür sorgen, dass das so bleibt. Die gute Nachricht: Wir haben noch genug Diesel im Tank, um die österreichische Grenze zu erreichen und dort tanken zu können. Natürlich muss hier niemand in Frage stellen, warum ausgerechnet ein Verbrenner angeschafft wird, um mit der Wohnkabine darauf eine Art Freiheits- und Flexibilitätsgefühl aufkommen zu lassen, doch bis es so etwas elektrisch gibt, wackeln mir schon lange keine Zähne mehr. Diesen Zug hat man in diesem Land schon vor langer Zeit verpasst.
Pfänder
Nachdem wir montagsmorgens startklar sind, fällt die Entscheidung, zunächst in Richtung Bodensee zum Pfänder aufzubrechen, wo sich, wenn es einigermaßen läuft, noch ein Flug am Nachmittag ausgehen könnte. Einen Stellplatz für die erste Nacht gibt es dort auch und der Landeplatz mitten in Lochau ist sogar in wenigen Minuten mit dem Fahrrad zu erreichen. Am Pfänder sind wir bisher noch nicht geflogen und um’s vorweg zu nehmen, es wird mit einer guten Wahrscheinlichkeit auch mein letzter Flug dort gewesen sein. Am Stellplatz der Brennerei Prinz in Lochau angekommen, wackeln wir einmal kurz der Neugier wegen durch deren Hofladen, der einige Köstlichkeiten zu bieten hat, doch spontan fällt uns nichts in die Hände, was wir unbedingt mitnehmen wollen. Um die Zeit nicht weiter zu strapazieren, packen wir unsere Fliegesachen und machen uns mit dem Fahrrad auf den kurzen Weg zum Landeplatz, wo wir die Räder stehen lassen und mit dem öffentlichen Nahverkehr auf den Pfänder rauffahren. Am Landeplatz angekommen, dürfen wir einer Landung eines einheimischen Piloten beiwohnen, der nach eigener Aussage hier ziemlich oft fliegt. Die Art und Weise, wie er sich auf die Wiese herunterarbeitet, sagt mir, dass er irgendetwas an der Physik des Fliegens nicht verstanden hat, denn mit „Runterpumpen“, was er möglicherweise anwenden wollte, hatte das nichts zu tun. Sah eher aus, wie ein hektisches, mitunter gefährliches, aber wirkungsloses mit den Steuerleinen Wedeln, aber das geht mich nichts an. Wir lernen, dass er ebenfalls nochmal rauf möchte, im Gegensatz zu uns aber den Bus zur Seilbahn nimmt und wir auf der gegenüberliegenden Straßenseite in den Bus zur Haltestelle Pfänder hinauf einsteigen. Witzigerweise steigt mit uns ein Kumpel von besagtem Piloten ein, der sich mit ihm fürs gemeinsame Fliegen verabredet hatte und wir haben Gelegenheit, uns ein paar Infos zum Fluggelände abzuholen. Es gibt ein paar Dinge, auf die Frau achten sollte. Zum Beispiel ist der Landeplatz, der von zwei Hauptstraßen, mehreren hohen Gebäuden, einer Eisenbahnlinie und dem Bodensee begrenzt ist, die einzige sinnvolle Landemöglichkeit vom relativ weit entfernten Startplatz aus. Das Ostufer des Bodensees ist derart stark bebaut und mit Überlandleitungen zugepflastert, dass die einzige andere Landemöglichkeit, die vor dem eigentlichen Landeplatz erreichbar ist, aus einem kurzen, schmalen Uferstreifen besteht auf dem eine Landung sicher mit einem hohen Risiko behaftet ist.
Von einem Spezl, den wir in der Sache kontaktierten und der hier bereits selbst geflogen ist, erfahren wir immerhin, dass man auch mit einem ungünstigen Gleiten den Landeplatz erreicht, wenn Frau keine Sperenzchen unternimmt. Dürfte also mit unseren Thetas kein Problem darstellen.
Oben aus dem Bus gestiegen, gehen wir gemeinsam zum Startplatz, kommen dabei an der Bergstation der Seilbahn vorbei, wo sich auch der „Landespezialist“ hinzugesellt und wir lernen im Gespräch, dass jener den Tandemschein machen möchte. Ich kommentiere das nicht, doch das ist ein Mensch bei dem ich sicher nicht mitfliegen würde. Die Hoffnung wäre allerdings, dass sie ihm in der Tandemschule das Starten, Fliegen und Landen beibringen, denn auch sein Start ist die nackte Hektik, von den Vorbereitungen bis zum Abheben, bei dem er schon wieder so wild mit den Armen rudert.
Aber Achtung: Ich reiße an der Stelle mal lieber nicht so die Klappe auf.
Der Startplatz. Ist mir genauso unsympathisch, wie der Landeplatz. Flach, von Bäumen umsäumt, d.h. je nach Wind gibt’s schnell Lee-Situationen, mit großer Mulde in Startrichtung und praktisch Nullwind, was so nicht vorhergesagt war. Das Sahnehäubchen: Wenige Minuten vor unserem Eintreffen hat der Bauer den Startplatz bis auf den oberen Rand, wo wir die Schirme auslegen, frisch geodelt (bayerisch für Kuhscheiße auf der Wiese verteilen). Die anderen beiden Piloten bestehen darauf, dass wir alle gemeinsam kurz hintereinander starten und warten deswegen extra auf Astrid und mich. Für 4 Schirme ist jedoch an der günstigsten Startstelle nicht genügend Platz, weswegen ich weiter in den flachen Teil ausweiche. Wenn ich allein am Startplatz gewesen wäre, hätte ich dort im Leben nicht meinen Schirm ausgelegt. Zu unserem Grüppchen stößt ein Wanderer, der den beiden anderen offensichtlich bekannt ist und der anscheinend auch etwas mit Gleitschirmfliegen zu tun hat. Als wir alle startklar sind, zieht unser Busmate als erster auf, rückwärts bei Nullwind auf einer flachen Wiese. Ich verstehe es nicht, doch er hebt tatsächlich ab, flitzt super nah über die nicht steiler werdende Wiese, kommt gerade so über die Mulde und die hintere Baumreihe drüber. Boah…. Ich rede mir ein, dass ich starten kann und dass das bei mir anders aussehen wird. Ihm folgt unser angehender Tandempilot, der sich fürs Vorwärtsaufziehen und -starten entscheidet. Auch er kommt fast nicht vom Boden weg. Dann bin ich dran. Das Aufziehen der Kappe gelingt mir super gut, der Schirm ist offen und stabil über mir, ich beginne zu beschleunigen und dabei die Steuerleinen freizugeben, doch der Schirm trägt mich nicht. Wahrscheinlich hätte ich einfach noch schneller weiterlaufen müssen, doch als ich ganz kurz mit den Füßen vom Boden wegkomme, gewinnt die Illusion, dass ich ins Fliegen komme. Ähm, nein. Fail. Beim nächsten Bodenkontakt geht der Druck aus dem Schirm, er fällt zusammen und ich kullere mit meinem neuen Liegegurtzeug durch die Kuhscheiße, die den Weg in alle Ritzen und auf die gesamte Kleidung und natürlich das Gurtzeug findet. Genau das braucht Frau als Start in eine Urlaubswoche. Ich habe Mühe meine Wut zu unterdrücken, packe meinen völlig verdrehten Schirm zur Tulpe und stapfe durch die Scheiße wieder die Wiese hoch. Während Astrid immer noch startbereit da steht und ich nicht möchte, dass sie sich wegen mir aushängt, kommt der Wanderer mir beim Schirmauslegen zu Hilfe, was mich dann doch freut, wenngleich mir der im wahrsten Sinne des Wortes verkackte Startversuch ultrapeinlich ist. Mit seiner Hilfe muss ich mich nicht aushängen und die ganze Routine von vorne beginnen und nachdem alles sortiert und korrekt ausgelegt ist, besteht Astrid darauf, dass ich vor ihr raus soll, nachdem sie mir über Funk geschildert hat, woran der letzte Versuch möglicherweise gescheitert ist.
Also dann. Bereit, etwas mehr zu laufen, ziehe ich mit etwas mehr Impuls auf, stabilisiere und laufe, laufe, laufe, quatsch, quatsch, quatsch, durch die Scheiße den flachen Hang hinunter und habe im Prinzip das gleiche Problem, wie im ersten Versuch, der Schirm kommt nicht richtig ins Fliegen, weil er schneller sinkt als der Boden nach unten geneigt ist. Als er dann endlich trägt, bin ich mit dem Kopf so dermaßen in diesem blöden Startlauf gefangen, dass ich fast nach links in die Bäume geflogen wäre, nur wenige Meter überm Boden. Mir der Gefahr in Bodennähe bewusst, korrigiere ich mit so viel Gefühl, wie möglich, um keine dynamische Kurve einzuleiten und schaffe es so, mit nur wenigen Zentimetern über die Mulde zu kommen und in der Folge über die untere Baumreihe. Ich hab‘ Puls. Was für ein Scheiß. Apropos Scheiß, der Fahrtwind weht mir den Duft meines Gurtzeuges ins Gesicht. Ich werde heute noch Putztag haben.
Astrid zieht hinter mir auf, kämpft mit den gleichen Problemen und schafft es ebenfalls nur gerade so, die Wiese nicht nochmal zu berühren und über die untere Baumreihe zu fliegen. Wenigstens sind wir in der Luft und ich muss nicht stinkend in den Bus nach unten einsteigen. Genießen kann ich den Flug jedoch nicht, denn ich bin von den Ereignissen zu sehr aufgewühlt und muss mich wirklich aktiv ermahnen, jetzt nicht unkonzentriert oder gar fahrig zu werden. Das Gelände lässt keine Fehler zu. Aufgabe Nummer eins besteht nun darin, so nah an den Landeplatz zu fliegen, dass auf jeden Fall eine sichere Landung möglich ist und im günstigsten Fall ein paar Höhenmeter mitzunehmen, wenn’s steigt. Das tut es tatsächlich. Und weil unser Busmate im Gegensatz zum angehenden Tandempiloten noch in der Luft ist, zeigt er uns, an welchen Geländekanten ein klein wenig Steigen zu finden ist, wodurch sich unsere Flüge überraschend verlängern lassen. Ganz kurz gönne ich mir einen Blick über den Bodensee, weil es schließlich nicht alltäglich ist, aus dieser Perspektive das Panorama zu genießen und außerdem merke ich erneut, was für einen tollen Schirm ich fliege. Den Landeplatz zu erreichen ist damit überhaupt kein Problem, selbst wenn wir kein Steigen gefunden hätten. Aufgabe Nummer zwei: Wer startet, muss landen. Weil ich offensichtlich etwas mehr Höhe gewinnen konnte als Astrid, obwohl sie nach mir gestartet ist, beginnt sie als erste damit, ihre Landung einzuleiten, der Wind weht relativ stark aber laminar vom See her, was auf jeden Fall eingeplant werden muss. Eine klassische Landevolte ist unter diesen Umständen nicht günstig. Sie baut durch Abachtern angemessen Höhe ab, driftet anschließend gegen den Wind seitlich ins Landefeld, dreht dann genau in den Wind und lässt sich sanft auf der Wiese absetzen. Unter diesen Bedingungen ergibt es überhaupt keinen Sinn, so rumzuflattern, wie wir es bei dem ersten Piloten gesehen haben. Schönere Landebedingungen gibt’s kaum.
Im Wesentlichen tue ich es ihr gleich und auch mich setzt der Wind sanft in der Wiese ab. Der Fahrtwind im Flug hat die Kacke soweit trocknen lassen, dass ich mein Zeug, so wie es ist, einpacken kann und wir mit den Rädern zurück zum Camper fahren können. Beim Landebier hilft Astrid mir, mein Gurtzeug und mich wieder einigermaßen zu säubern, so gut es eben geht. Ein kleiner Trost ist, dass das Gurtzeug keinen Schaden davongetragen hat, was bei dem filigranen Material schnell hätte passieren können, Evgeniy hat mich extra beim Kauf vor etwaigen Bruchlandungen gewarnt, weil schnell was kaputt gehen kann. Mit einem verkackten Start hätte ich zu dem Zeitpunkt ehrlich gesagt nicht gerechnet.
So geht der erste Tag mit einem Geschmäckle für mich zu Ende. Aber keine Sorge, das ist nicht das Ende der Fahnenstange.
Karren und Staufenspitze
Weil am nächsten Tag keine guten Flugbedingungen herrschen, folgen wir dem Rat von Beatrix und Roger von den Kilometerhelden, eine Wanderung auf den Karren und die Staufenspitze zu unternehmen, bevor wir uns mit den beiden, die in der Gegend wohnen, zum Abendessen treffen wollen. Viel Gepäck brauchen wir für die Runde nicht, denn es soll trocken und einigermaßen sonnig bleiben, ob’s allerdings noch irgendwo Schnee hat, wissen wir nicht. Annahme ist nein, denn es handelt ich lediglich um zwei relativ niedrige Gipfelchen. Weil gefrorener Schnee mit Trailrunningschuhen schnell zum Showstopper werden kann, nehmen wir trotzdem die Grödel mit, die jedoch neben Windjacke, Futter und Trinken ebenfalls noch in die Trailrunningweste passen. Der erste Teil bis zum Karren führt über eine steile Forststraße, von der wir auf einen steilen Steig zur Staufenspitze hoch abbiegen. In Summe etwas mehr als 1000 Höhenmeter bei nur etwa 4km Strecke und obwohl sich insbesondere die Forststraße ganz schön in die Länge zog, standen wir, ohne uns zu schrotten, in nur 1:45h am Gipfelkreuz der Staufenspitze. Finde ich für zwei alte Truten gar nicht so schlecht. Für den Abstieg benötigen wir fast die gleiche Zeit, weil wir dafür die etwas längere Variante wählen, damit es wenigstens für die Hälfte des Weges ein klein wenig Abwechslung gibt und ich zwischendurch beim Runtergehen mit Onkel Tommy telefoniere. Zurück am Camper checken wir die Windsituation für den nächsten Tag und stellen fest, dass es auf der anderen Rheinseite im Appenzeller Land an der Ebenalp zum Fliegen funktionieren könnte. Von diesem Fluggebiet haben wir schon relativ viel gehört, waren aber noch nie dort und deswegen wollen wir die Chance nutzen. Die Verabredung mit Beatrix und Roger können wir netter Weise auf den nächsten Abend verlegen und so machen wir uns auf den Weg über die Grenze nach Appenzell und von dort zum Talschluss nach Wasserauen, wo sich der Landeplatz befindet, um diesen schon mal gesehen zu haben. Taugen tut er uns nicht. Das Tal verengt sich hier dermaßen, dass ein Queranflug wegen der ansteigenden Seiten, einem Hotel und mehreren Bäumen kaum möglich ist. Ansonsten ist der relativ kleine Landeplatz durch Zäune, Bauernhöfe, die Endhaltestelle der Eisenbahn mit Oberleitungen, einem Parkplatz und der Talstation der Seilbahn begrenzt. Fehler sind hier nicht erlaubt, es gibt nur sehr begrenzte Möglichkeiten, eine ungünstige Landeeinteilung irgendwie zu korrigieren. Womit ich jedoch fest rechne, ist ein laminarer Talwind, der bei den vorherrschenden Bedingungen sicher an sein müsste, wenn wir zum Landen kommen und der uns ähnlich dem Landeplatz in Lochau helfen wird, sauber und sanft die Landewiese zu treffen. Übernachten auf den Parkplätzen ist, wie immer, streng verboten, auch wenn sich manche nicht dran halten, weswegen wir uns dazu entschließen, einen offiziellen Stellplatz in einem Weiler beim letzten Dorf aufzusuchen. Der ist auch voll fein, vergleichsweise günstig, weil Strom und Wasser inklusive sind, wir außerordentlich schön und ruhig stehen können und uns keine Sorgen über einen Überraschungsbesuch der Polizei machen müssen.
Ebenalp, Appenzeller Land
Am nächsten Morgen, ein Mittwoch, tuckern wir wieder zurück zum Landeplatz, lassen den Camper dort stehen und machen uns zu Fuß an den Aufstieg zum Startplatz Ebenalp, weil die Bahn in Revision ist. Nicht überraschend haben wir beide von der Tour tags zuvor einen ordentlichen Muskelkater in den Beinen, denn die letzten Monate sind wir nach einem Aufstieg fast immer runtergeflogen und nur sehr wenig bergab gegangen, was die Beine nun quittieren. Auf den ersten hundert Höhenmetern kommen Zweifel auf, ob wir den Weg überhaupt schaffen können, weil die Hax’n so schmerzen, aber natürlich ist das nicht ganz ernst gemeint, auch wenn wir unser Flugzeug hochschleppen müssen. Darüber hinaus gibt es nichts zu gewinnen, wir können uns Zeit lassen, die Startbedingungen sollen im Tagesverlauf eher besser als schlechter werden.
Normalerweise ist in diesem Fluggebiet sicherlich immer viel los, denn es dient einigen als Ausgangspunkt für große Strecken, mit der Bahn sind repetitive Flüge möglich und eine lokale Flugschule rundet das Bild ab. Heute jedoch sind wir völlig allein als wir am Startplatz ankommen. Etwas merkwürdig finde ich, doch es ist ein Vormittag mitten in der Woche, die Bahn fährt nicht und die Startbedingungen sind auf jeden Fall nicht optimal, da der Wind sehr weit aus Ost kommt. Mit der Sonneneinstrahlung ändert sich die Windrichtung zwar immer wieder mal weiter in Richtung Nordost, aber es weht schon ordentlich. Deswegen warten wir nach dem Trockenlegen weiter ab, wo sich das ganze hin entwickelt und erst als wir längere startbare Phasen erkennen und die Böen etwas nachlassen, entscheiden wir uns dazu, uns startbereit zu machen und wenn wir dann immer noch der Meinung sind, dass wir starten können, entscheiden wir neu. Mehr als eine Stunde verbringen wir so am Startplatz, beobachten die sichtbaren Windanzeiger und eine Wetterstation, die online Daten liefert, bis wir uns einig sind, dass es für uns beide passt.
Gegen Viertel nach Zwölf ziehe ich als erste auf und komme gut raus, werde dann bloß derart schnell hochkatapultiert, dass ich es fast bereue, gestartet zu sein. Innerhalb weniger Sekunden habe ich den Startplatz um gute 200m überhöht, dann wird es etwas ruhiger und ich gehe in eine Warteposition, von der aus ich Astrid im Auge hab‘, die etwas kämpfen muss. Die Bedingungen sind weder am Startplatz noch in der Luft einfach. Beim ersten Aufziehen dreht der Wind so weit auf Ost, dass es ihr den Schirm entgegen ihrer Ausdrehrichtung in den Wind verbiegt, sie eintwistet und aktiv über die C-Ebene abbrechen muss, um nicht ungewollt rückwärts abzuheben, weil die Steuerleinen mit der Drehung blockiert sind. Danach muss sie aushängen, neu sortieren und neu auslegen, um eine saubere Ausgangsposition zu schaffen, die ihr hilft, beim nächsten Aufziehen sauber rauszukommen. Sie schafft’s und fliegt und ist sofort genauso, wie ich, am Kämpfen, um den Schirm offen zu halten, weil es so turbulent und stark steigt. Das ging tatsächlich so weit, dass ich kurz darüber nachdachte, wo genau ich meinen Retter finde, falls es nötig wird. Lange fliegen ist unter diesen Bedingungen keine Option für uns, denn auch dieses Fluggebiet, so schön die Kulisse sein mag, ist es nicht wert, ein zu großes Risiko einzugehen, ein Grund, warum ich mich sehr schnell nach Astrids Start dazu entscheide, vom Berg weg ins Tal zu fliegen, wo es etwas ruhiger ist und dort runter zu spiralen, um möglichst zügig zum Landeplatz zu kommen. Ich bin heile froh, dass unsere Werkzeugkoffer nach mehreren Sicherheitstrainings und einem Streckenflugseminar so gefüllt sind, dass wir mit diesen schwierigen Bedingungen umgehen können und uns nicht hilflos den Elementen ausliefern müssen. Der Puls ist hoch, ich mache unter dem Schirm Riesensätze rauf und runter, aber ich habe zu keiner Zeit das Gefühl, nichts mehr tun zu können. Als ich eine große Wiese überfliege leite ich eine Spirale ein, nicht zu heftig, es gibt keinen Grund für eine Überreaktion, sondern moderat, so dass ich die Umgebung um mich herum weiter wahrnehmen und meine Höhe im Blick behalten kann, denn ich brauche nach dem Ausleiten genug Höhe, um die Windsituation für meine Landeeinteilung einschätzen zu können. Etwa 250m überm Boden leite ich aus und fliege in Richtung Landeplatz, um mir die beiden Windsäcke darauf anschauen zu können. Nach wie vor ist außer uns niemand in der Luft, weswegen ich mir die Freiheit nehme, auf eine klassische Landevolte zu verzichten und mich eher aufs Abachtern einzustellen, weil ich mit Talwind rechne. Tja, bisschen blöd ist, dass die Windsäcke in sehr kurzen Abständen ständig wechselnde Winde anzeigen und der erhoffte Talwind nur ab und zu mal dabei ist. Höhe ist leider endlich und irgendwann muss ich eine Entscheidung für den Endanflug treffen. Sie fällt für eine Landung gegen den Talwind, der zu diesem Zeitpunkt angezeigt wird. Tiefes Einfliegen wegen der kurzen Wiese ist schwierig, weil, wie gesagt, nur sehr begrenzt quer zum Endanflug geflogen werden kann. Ein kleines Bisschen arbeite ich über Runterbremsen, doch spätestens beim Einbiegen in den Endanflug gebe ich langsam wieder frei, um Arbeitsweg fürs Flairen zu bekommen. 25m überm Boden drehen die Windsäcke dann leider wieder auf Seitenwind aus zwei Richtungen, bringen dadurch Steigen mit und zack, wird der Landeplatz in Bruchteilen von Sekunden ganz schön kurz. Über den Landeplatz hinaus zu fliegen ist mit meiner Höhe keine Option mehr, da sich unmittelbar zwei Zäune anschließen und Beine hochheben keine Lösung mehr ist. Mit dem fehlenden Gegenwind werde ich bei meiner letzten Option, mich einfach runter zu bremsen, ohne dabei die Strömung abzureißen, leider nicht ernsthaft langsamer bis zum Aufschlag, den ich durch eine Rolle seitwärts dämpfe. Weh getan habe ich mir nicht, weil die Energie anscheinend doch raus war, dafür verbrachte ich anschließend eine halbe Stunde am nahegelegenen Bach, um meine Ausrüstung und mich wieder von Erde zu befreien. Immerhin hat mein Gurtzeug auch das schadenfrei überstanden, wie ich nach eingehender Inspektion feststellte. Aber ehrlich gesagt, habe ich jetzt genug von verkackten Starts und Landungen, wenngleich der Flug etwas kathartisches an sich hatte.
Astrid kommt unmittelbar nach mir in den Endanflug, doch sie hat das Glück, dass gerade wieder eindeutig Talwind herrscht. Sie hatte mit dem überraschenden Steigen auf dem Weg in den Endanflug zu tun, was für sie den Landeplatz ebenfalls hat kurz werden lassen, doch sie landet sanft auf ihren Füßen.
Fazit: Das Fluggebiet Ebenalp ist uns nun neben dem Pfänder auch bekannt, beides brauche ich nicht mehr, wenn die Bedingungen nicht deutlich besser sind, als wir sie vorfanden.
Paragliding Academy, Oberstaufen
An diesem Tag erreicht uns die Meldung von der Paragliding Academy in Oberstaufen, dass nun auch Astrids neues Weightless dort eingetroffen sei und ob sie es schicken sollen, oder wir es abholen können? Planänderung, natürlich holen wir es am nächsten Tag in Oberstaufen ab, weil wir dort die Gelegenheit gerne nutzen, ein erstes Setup der Einstellungen mit geeigneten Aufhängemöglichkeiten vorzunehmen, bevor sie das erste Mal damit fliegt.
Die Planänderung besteht nun daraus, dass wir einen Platz für die Nacht suchen, idealerweise einen, von dem aus wir zu Fuß zum Treffen mit Beatrix und Roger gehen können und finden das in Form des Waldcampingplatzes in Feldkirch, der uns die Möglichkeit bietet, vor der Abfahrt nach Oberstaufen am nächsten Morgen erneut zu entsorgen und Frischwasser in einer Menge nachzutanken, mit der wir den Rest der Woche auskommen können. Also wieder zurück über die Grenze nach Österreich. Das Abendessen mit Beatrix und Roger findet in einer nahegelegenen Pizzeria statt, die die beiden auch schon kennen und wir verbringen einen voll feinen Abend mit tollen Gesprächen mit den beiden und das Essen ist auch noch fantastisch. Ein aufregender Tag neigt sich dem Ende zu und damit wächst die Vorfreude auf Astrids neues Gurtzeug und es wird noch besser, denn in der Luft verpassen wir am nächsten Tag auch nix, weil viel zu viel Wind ist, um irgendwo abzuheben.
Nach Frühstück, Dusche, Abwasch und Entsorgung brechen wir auf, quer durch den Bregenzer Wald am Fluggebiet Andelsbuch vorbei zu fahren, um Oberstaufen etwa 2 Stunden später zu erreichen. Unterwegs kommt eine Tankstelle vorbei, an der wir ebenfalls nochmal etwas günstiger nachfüllen, als es in Deutschland gerade möglich ist, und auch AdBlue gibt’s an der Zapfsäule, also machen wir Nägel mit Köpfen und nehmen alles mit, damit wir bis zum Ende des Urlaubs nicht nochmal zur Tankstelle müssen, denn wir haben schon gespannt, dass es zum kommenden Wochenende hin am Buchenberg und Tegelberg richtig gut zum Fliegen werden soll, was bedeutet, die Wege werden nicht mehr so lang sein. Außerdem kommt es uns entgegen, dass Astrid mit dem neuen Ding den ersten Flug in einem uns bekannten Gebiet machen kann, was die damit verbundene Aufregung wenigstens ein bisschen dämpft.
An der Talstation der Hündlebahn fallen wir bei der Paragliding Academy ein, wo wir bereits erwartet werden. Nils, der an Krücken rumhumpelt, wird uns zur Seite stehen, um das Basissetup vorzunehmen, wozu es sinnvoll ist, sich die nötige Zeit zu gönnen, denn ein schlecht eingestelltes Liegegurtzeug kann das Fliegeerlebnis stark beeinträchtigen. Und so verbringen wir einige Stunden bei netten Gesprächen, viel Ausprobieren und Nachstellen an allen möglichen Leinen im Innenleben des Pods bis wir der Meinung sind, dass es für den ersten Flug damit passt. Die Falten sind aus dem Beinsack raus, Astrid sitzt entspannt, übt das Ein- und Aussteigen mit den Füßen und dank einer neu installierten kleinen Seilwinde kann sie sogar ausprobieren, wie es sich beim Start direkt nach dem Abheben anfühlen wird, im dem minimalistischen Gurtzeug zu hängen und aus der Position einzusteigen und sich mit Druck gegen die Fußplatte auf den Sitz zu schieben. Am fortgeschrittenen Nachmittag verabschieden wir uns aus der Flugschule, aber weil es grad gut mit dem Wind passt und niemand fliegt, gehen wir noch eine Stunde auf den Landeplatz, um zu groundeln, d.h. mit dem Schirm am Boden das Aufziehen zu üben und diverse andere Übungen zur Verbesserung der Schirmkontrolle durchzuspielen.
Buchenberg und Tegelberg
Die Wahl aufs Fluggebiet für den nächsten Tag ist einfach. Für den Freitag ist die Prognose um Füssen/Schwangau immer noch perfekt und zwar gleich so, dass wir den von uns schonmal geplanten kleinen Streckenflug wieder aufgreifen wollen. Für die Nacht steuern wir einen Stellplatz auf einem Bauernhof in Rückholz an, sodass wir am nächsten Morgen nicht mehr so weit zum Parkplatz an der Buchenbergbahn zu fahren brauchen. Der Stellplatz ist toll, es gibt einen fantastischen Blick auf die Berge, die Frau vom Hof ist superlieb, der Platz ist vergleichsweise günstig und Strom für ein kleines Geld können wir auch bekommen, damit uns die Gasheizung in der Nacht nicht ständig weckt, denn kalt ist es nachts immer noch. Nur ein anderer Camper ist noch da. Die Nacht ist bis auf das Hufgetrappel der Pferde und der Glocken der Walliser Schafe sehr ruhig. Als wir am nächsten Tag aufbrechen, trainiert die liebe Frau per e-Bike auf einem Rundkurs um eine Weide zwei Haflinger Pferde, die das offensichtlich sehr genießen. Witzig.
Natürlich haben auch sehr viele andere mitbekommen, dass es an diesem Freitag gute Bedingungen am Bube gibt und entsprechend voll wird’s und dazu gesellen sich dann noch ein oder zwei Flugschulen, die das Gewusel abrunden. Schon bei Ankunft am Parkplatz treffen wir auf Norman, der Tandempilot, mit dem meine Mädels schon mehrfach geflogen sind. Er ist heute von einer Flugschule beauftragt, Bilder zu machen. Die erste Runde vormittags starten Astrid und ich per Pedes, gehen mit unseren vollen Rucksäcken zu Fuß die etwa 350 Höhenmeter zum Startplatz rauf, unter anderem auch deswegen, damit Astrid ausprobieren kann, ob der mit dem Gurtzeug mitgelieferte 70 Liter Rucksack für sie taugt, oder ob wir an der Stelle eine andere Lösung brauchen, denn im Flugsport wird so gut wie nichts für Frauen hergestellt, und so ist auch das Tragesystem dieses Rucksacks eigentlich viel zu lang für ihren Rücken. Gut, bei dem 350 Höhenmeter Spaziergang ist das erstmal kein Problem, doch für längere Anstiege muss Frau sehen, ob’s geht. Oben angekommen, fackeln wir nicht lange rum, denn der erste Flug soll einfach ein Gleitflug sein, damit Astrid einen ersten Eindruck von Start, Flug, Landung mit dem neuen Gurtzeug bekommt und wir feststellen können, ob irgendetwas nachjustiert werden muss. Beim Fertigmachen biegt Hakan um die Ecke, der ebenfalls im Ostallgäuer Gleitschirmverein ist und den wir vor wenigen Wochen am Neunerköpfle das erste Mal getroffen haben. Ein sehr angenehmer Mensch. Wir schnacken kurz. Er möchte auch erst einen Gleitflug machen, aber dann im zweiten Gang am Überprüfungsflug für seinen B-Schein basteln, indem er zum Tegelberg und zurück fliegt. Das ist auch genau unser Plan für heute.
Astrids erster Start mit dem Liegegurtzeug wird von Norman gefilmt. Nach etwas Anstehen in der Schlange, zieht sie vorwärts auf, weil der Wind noch schwach ist, und zeigt einen perfekten Abheber, sehr ruhig, sehr beherrscht, einfach schön. Ich lege an der Seite neben dem Startplatz aus und ziehe von dort auf, nachdem ich mir vom Fluglehrer der Flugschule grünes Licht geholt hatte, damit ich die Schule nicht behindere. Auch meinen Start filmt Norman und schickt mir später das Video, auf dem eindeutig Verbesserungspotential zu erkennen ist, insbesondere für die Beschleunigungsphase, nachdem der Schirm sauber über mir ist, ich ihn stabilisiert und angeschaut habe, zu laufen beginne, die Bremsen langsam mit der wachsenden Geschwindigkeit freigebe, dann aber einen ungünstigen sehr großen Schritt mache, mit dem ich zwar zu fliegen beginne, aber noch sehr nah am Boden bin. Aus der Perspektive von Norman sieht es so aus, als würde ich im letzten Moment mit dem Protektor auf der Unterkante des Startplatzes aufsetzen, was ziemlich blöd gewesen wäre. Aus meiner Perspektive war ich jedoch bereits über den letzten Punkt hinaus, bevor ich damit begann, meine Füße in den Beinsack zu sortieren. Trotzdem ein guter Hinweis für die Zukunft, dass ich besser Acht gebe beim Startlauf.
Astrids allererster Flug mit Liegegurtzeug ist für sie tatsächlich einigermaßen unaufgeregt. Sie kommt nach dem Start gut rein, lernt im Flug, wie sich das Gurtzeug anfühlt und welche Rückmeldungen es vom Schirm gibt und hat kein Problem, ihre Füße wieder aus dem Sack zu bekommen, bevor sie eine Zuckerlandung abliefert. Insgesamt auf jeden Fall Begeisterung, sie kommt super zurecht. Wir packen zusammen, fahren mit der Seilbahn rauf und wollen das erste Mal versuchen, im nächsten Flug rüber zum Tegel und zurück zu fliegen. Die wesentlichen Punkte, so glauben wir, sind klar, aber natürlich kommt es etwas anders beim ersten Versuch.
Pünktlich um 14 Uhr heben wir ab, dieses Mal ziehen wir rückwärts auf, weil der Wind etwas zugelegt hat, und wieder kommt das Gefühl auf, dass sich das Take-Off-Seminar im März so richtig gelohnt hat, weil ich mit dem Aufziehimpuls auf die mittleren A-Leinen nicht den kleinsten Zweifel entwickele, ob das jetzt funktioniert oder nicht. Nur so viel, wie nötig ist, um den Schirm über mich steigen und dort stehen lassen zu können, bis ich ganz in Ruhe meine optische Kontrolle fertig hab, ob alles passt, dann ausdrehen, zwei Schritte und wegfliegen. Sehr geil.
Die geplante Flugroute sieht vor, vom Startplatz Buchenberg mit mindestens 1800m Höhe in Richtung Jagdberg zu fliegen, dort wieder in der Thermik Höhe zu generieren, um den etwas längeren Sprung zur Rohrkopfhütte zu schaffen, wo es wahrscheinlich wieder raufgeht, den Startplatz Tegelberg zu überhöhen und weiter zum Schloss Neuschwanstein zu fliegen. Abhängig von der erzielbaren Höhe ist es optional weiter zum Säuling zu fliegen, dessen Gipfel jedoch über 2000m liegt und alternativ am vorgelagerten Pilgerschrofen bereits umzudrehen und das Spiel von dort aus quasi rückwärts ablaufen zu lassen, bis wir wieder den Buchenberg erreichen. Der Rückweg ist normalerweise einfacher, weil wir mit dem überregionalen Nordwest nicht gegen den Wind fliegen müssen und Frau normalerweise vom Tegelberg mit viel mehr Höhe zurückfliegen kann.
Tja, was tue ich stattdessen, ich fliege bereits zu tief vom Buchenberg weg zum Jagdberg, wo ich mir einen rauswürgen muss, um wenigstens eine Minimalhöhe zur erreichen, mit der ich immerhin den kleinen Hügel, genannt Hornburg, in der Nähe des Landeplatzes Tegelberg ansteuern kann, in der naiven Annahme, dass es dort schon irgendwie wieder raufgeht. Ähm, nein. Astrid hat deutlich mehr Höhe und wahrscheinlich hätte sie die Runde sogar fliegen können, doch weil wir eine Seilschaft sind, bleibt sie auf ihren Wunsch bei mir, obwohl ich über Funk mitteilte, sie solle fliegen, wenn’s bei ihr passt. Derweil saufe ich in der extrem turbulenten Luft um die Hornburg herum ab, habe Sinkwerte von teilweise 6m/s, und als ich die Höhe von 1000m unterschreite, ist’s eigentlich Zeit, landen zu gehen, doch Astrid kreist weit über mir und gibt mir den Tipp, vom Berg wegzufliegen und einen Versuch in der Ebene zu unternehmen, denn dort scheint es Steigen zu geben. Zu verlieren habe ich nichts, selbst wenn ich dort kein Steigen finde, reicht die Höhe immer noch, wenn auch knapp, den Landeplatz zu erreichen. Ich fliege luvseitig am Landeplatz vorbei zu einer kleinen Kiesfläche an einem Bach und plötzlich meldet sich mein Vario. Es geht rauf. Zentimeter nur, aber es geht rauf. Ich drehe ein, versuche, flache Kreise zu fliegen, um das winzige Steigen nicht mit meinem Sinken kaputt zu machen und drehe und drehe und drehe, der erste Meter ist geschafft, der zweite, der dritte und mit jedem Meter, den ich gutmache, geht es etwas schneller. Mein lowester Lowsafe ever. Mit der Höhe, in der Frau normalerweise in den Endanflug zum Landen geht, beginne ich meine Reise nach oben und schaffe es mit gefühlten 100 Kreisen bis auf etwas über 1400m rauf. OK, dann ist natürlich die nächste Frage, wo muss ich hin, damit ich weiter raufkomme, das Ziel sind mindestens 1800m? Ich fliege wieder zur Hornburg, komme überm Gipfel dort an, die Luft ist immer noch superturbulent, und obwohl ich kurzzeitig heftiges Steigen hab‘, schließt sich wenige Sekunden später wieder das extrem starke Sinken an. Mist. Also wieder zurück zur Kiesbank, Höhe generieren und währenddessen einen anderen Plan schmieden, wie ich wohl aus diesem Kessel herauskomme. In dieser ganzen Zeit hat Astrid leider ihre Höhe auch nicht halten können und wir eiern mitunter auf dem gleichen Niveau rum. Über den Kanten hinterm Schloss, wo es sonst gerne mal steigt, fliegt niemand, was ein schlechtes Zeichen ist. Nur im Bereich des Gipfels des Brandnerschrofens ist eine größere Traube an Fliegenden zu sehen, was mir aber nichts nützt, weil ich dort offensichtlich nicht hingelangen kann. Ich versuche es entgegen der eher schlechten Prognose an der Kante hinterm Schloss, als ich wieder knapp über 1400m bin, doch ich erkenne bereits auf dem Weg dorthin, dass mir Pilot:innen aus Richtung Säuling entgegenkommen, die die Kante ohne Steigen überfliegen und so ist’s dann auch. Ich drehe um und fliege zurück in die Bereiche, wo ich vorher Steigen hatte, um mir wieder etwas Zeit zu verschaffen. So kämpfen wir beide über eine halbe Stunde auf der Suche nach einem Ausweg, den wir letztendlich nicht finden und am Ende bleibt nur die Landung am Tegelberglandeplatz. Astrid berichtet mir dort, dass ihr schon seit einiger Zeit kotzschlecht ist und sie gar nicht traurig darüber ist, wieder mit den Füßen auf dem Boden zu stehen, etwas essen und trinken kann. Etwa 1,5 Stunden waren wir in der Luft und die letzte halbe Stunde war für den Kopf ganz schön anstrengend. Pause. Als sie sich wieder besser fühlt, packen wir unser Zeug zusammen und dann ist die Frage, wie kommen wir zurück? Eine Option ist es, den öffentlichen Bus nach Buching zu nehmen, der an der Talstation abfährt, oder sich unter den anderen Pilot:innen umzuhören, ob jemand zurückfährt und zufällig Kapazität für zwei Gestrandete hat, oder aber wir nehmen die Bahn auf den Berg und starten wieder. Wir entscheiden uns für Letztgenanntes, denn Astrid geht es mit etwas Energie über die Systemgrenze wieder so gut, dass sie sich fit für noch einen Flug fühlt, der auf jeden Fall nicht mehr so anstrengend wird, weil Frau ab Startplatz Tegelberg den Landeplatz in Buching mehr oder weniger per Gleitflug erreichen kann, zumindest mit unserer Art Schirme. Mit einer der letzten Gondeln fahren wir rauf, es sind nur noch wenige am Startplatz, es geht entspannt zu und der nicht ganz so schwache Wind aus Nordwest macht, dass immer nur ein Mensch vom entsprechenden Startplatz abhebt und der Nordost-Startplatz fürs Vorbereiten genutzt werden kann, was sonst ein absolutes No-Go ist. Nachdem zwei Tandems und ein paar wenige andere gestartet sind, lege ich als erste aus, bekomme sogar Hilfe von einem älteren Piloten, der uns zudem noch ein paar Tipps für den Rückflug gegeben hat, was sich im Nachhinein als wirklich sinnvoll herausstellte. Danke an der Stelle dafür. Ich ziehe rückwärts ganz ruhig auf, drehe mich aus und noch bevor ich die Kante erreiche, fliege ich kurz vor 17 Uhr wieder und steuere sofort die erste Felsnase an, an der es tatsächlich richtig gut und entspannt nach oben geht und ich mir auf diese Weise eine Warteposition schaffe, bis auch Astrid abgehoben hat und wir gemeinsam weiterfliegen können. Nur einer der zuvor gestarteten Tandems durchkreuzt mehrfach meinen Plan, weil er meine Thermikkreise schamlos per Durchfliegen und andersrum Einfliegen kapert. Blödmann. Astrid braucht aus verschiedenen Gründen 3 Anläufe, bis sie fliegt, aber dann schließt sie auf und es beginnt ein Traum an gemeinsamem Thermikdrehen bis auf fast 2300m, womit ich überhaupt nicht gerechnet hätte und ich kann sogar das Gipfelkreuz des Brandnerschrofens überfliegen, ehe wir abdrehen und, wie uns der Pilot am Startplatz empfohlen hat, erst zum Schönleitenschrofen rüberzumachen, statt direkt den Jagdberg anzufliegen. Es ist nach wie vor einigermaßen turbulent, doch wir kommen ganz gut zurecht. Die schroffen Felskanten des kleinen Gipfelaufbaus des Schönleitenschrofens, auf dem wir natürlich auch schon zu Fuß gewesen sind, lassen die warme, aufsteigende Luft erneut abreißen und wir drehen erneut weit über 2000m hoch. Und wir sind ganz allein, brauchen auf keine anderen Fliegenden Acht zu geben und können einfach durch den Abendhimmel fliegen, wie wir wollen. Mit so viel Höhe brauchen wir nicht sofort landen zu gehen, sondern überfliegen mit sehr viel Abstand den Startplatz am Bube und schließen einen kleinen Talsprung rüber zum Mühlschartenkopf an. Auf dem Weg zurück zum Buchenberg erwischen wir in der Senke erneut eine fantastische Thermik, aus der wir wieder mit fast 2000m oben rauspurzeln und so unseren Flug weiter verlängern können. Aber irgendwann ist’s dann mal gut, an die Entscheidung zum Landen hänge ich noch ein paar Manöver an, nicke bis mir fast der Schirm einklappt, rolle ein wenig und fliege zwei Spiralen bevor die Höhe für eine saubere Landung gegen den deutlich spürbaren Talwind erreicht ist und wir beide Zuckerlandungen hinlegen. Von Hakan, der sich uns eigentlich anschließen wollte, erfahren wir später, dass er zwar Hin- und Rückweg geschafft, aber die erforderlichen 15 XC-km leider nicht ganz zusammenbekommen hat. Wir drücken ihm weiter die Daumen.
Rechtschaffen müde nach diesen weiteren etwa 1,5 Stunden Flugzeit ist es bereits nach halb sieben am Abend, der Parkplatz ist fast ganz leer, doch hier für die Nacht stehen zu bleiben, ist wohl keine gute Idee. Auf Kochen hat keine von uns beiden Lust, der Magen hängt jedoch auf den Knien und so beschließen wir, es uns im Casa Maria, einem italienischen Restaurant gegenüber der Talstation, gut gehen zu lassen und anschließend nach Steingaden zur Schönegger Käse-Alm auf den Stellplatz zu fahren. Der liegt zwar direkt an der Ortsdurchgangsstraße, soll aber trotzdem nachts ruhig sein, was sich auch bestätigt. Gegen eine überschaubare Stellplatzgebühr sind sogar Strom und Wasser inklusive.
Am nächsten Morgen merken wir beide, dass uns die beinahe 4 Stunden Flugzeit insgesamt von gestern etwas in den Knochen stecken, denn obwohl Frau dabei eigentlich die ganze Zeit sitzt, so ist doch konstant von der ersten Sekunde an immer etwas zu tun, wozu offensichtlich sehr viele kleine Muskeln benötigt werden, die sich heute Morgen alle melden. Laut Prognose soll der Tag, ein Samstag, nicht so gut fürs Fliegen sein, wie gestern und wahrscheinlich morgen und so ist die Vorgabe für den Tag, dass wir ein Flügelchen mit Rauflaufen machen wollen, ansonsten aber Urlaub ist, mit Kaffee&Kuchen und den Liegestühlen in der Sonne und ich würde gerne ein wenig mit meiner Handpan in der Sonne spielen. Bezahlt und zusammengepackt finden wir uns kurze Zeit später wieder am Parkplatz der Buchenbergbahn ein, richten unsere Flugzeuge her, schultern die Rucksäcke und latschen rauf zum Startplatz, wo etwas überraschend vergleichsweise wenig los ist. Oben treffen wir Kiki vom Ostallgäuer Verein, die wir aus Greifenburg kennen, tauschen uns kurz zu unseren Plänen für den Tag aus und wir verabreden uns locker zu einer Handpan-Session, denn auch sie spielt inzwischen, nachdem ich sie angefixt hatte.
Gegen halb eins ziehen wir auf, ich starte als erste, habe bereits auf dem Startplatz Steigen, lasse mich von der Thermik mit nach links oben ziehen, doch als Astrid hinter mir rausfliegt und erst nach rechts abbiegt, hat sie nicht so viel Glück. Während ich relativ schnell über die Buchenbergalm aufdrehe, hat sie Mühe, nah am Boden im Lee hinter einer Senke überhaupt noch über die Bäume in die freie Luft zu kommen. Sie erzählt später, dass sie praktisch keine Vorwärtsfahrt mehr gemacht hat und unglaublich stark sank, fast so, als ob der Wind von oben auf den Schirm drücke und um der Situation zu entfliehen, musste sie ins Vollgas steigen, damit der Schirm wieder in Fahrt kommt und steuerbar wird. Ganz strange und bisher noch nicht erlebt. Bedeutet für sie leider, dass sie anschließend nach wenigen Minuten landen gehen musste, weil es eh schon knapp wurde, den Landeplatz überhaupt noch zu erreichen. Das war schade, denn ich drehte zur gleichen Zeit mit nur einem anderen Piloten zusammen in einer weiträumigen Thermik gemütlich rauf und beobachtete sie von weit oben. Schöner wäre es gewesen, sie oben um mich herum zu haben. Aber so ist Gleitschirmfliegen. In der einen Minute steigen alle, in der anderen geht’s runter, mal erwischt Frau es perfekt und manchmal auch gar nicht. Es hängt viel vom Moment ab, richtiger Ort, richtige Zeit, Windrichtung und -stärke und manchmal auch einfach ein bisschen Glück. Heute war es auf meiner Seite, morgen sieht die Welt anders aus. Nachdem Astrid gut gelandet ist, meldet sie sich über Funk ich solle ruhig weiterfliegen, wenn’s bei mir passt, sie bleibt erstmal am Landeplatz und überlegt, ob sie nochmal mit der Bahn rauffahren möchte. Bei der Funkerei kommt mehr oder weniger nebenbei was Gutes raus, denn seit kurzer Zeit haben wir den Ohrhörer mit Sprechbügel und Finger-PTT gegen einen Tonabnehmer am Kehlkopf mit Finger-PTT und einem Ohrstöpsel eingetauscht, weil der Bügel mit dem Ohrhörer unterm Helm bei längeren Flügen sehr unangenehm wurde. Das neue Setup ist da angenehmer, wenngleich ich mit dem kleinen Silikonböppel im Ohr nicht so gut zurechtkomme, weil ich nichts mehr höre, sobald der sich auch nur minimal irgendwo anders hinbewegt und ich ihn unterm Helm nicht im Flug richten kann. Und wir hatten die Schwierigkeit, dass die Tonabnahme an meinem Hals gut funktionierte, bei Astrid jedoch nicht, weil, wie ich vermute, einfach die Physiognomie eine andere ist. Dann aber hat Astrid zufällig den Bügel mal mit einer Seite genau auf ihren Kehlkopf geschoben und zack, habe ich sie einigermaßen gut verstanden. Ich denke, damit können wir weitermachen.
Also ich fliege, ein anderer Pilot, der gerade seine A-Lizenz bekommen hat, wie ich später verstehe, weil er uns am Landeplatz später angesprochen hatte, versucht, mit seinem A-Schirm an mir dran zu bleiben und sich bei mir was zum Thermikfliegen abzugucken. Witzig. Ich bin doch selbst noch Anfängerin in diesen Dingen, aber unter den Blinden ist die Einäugige die Königin. Nachdem ich auf knapp 2200m bin, entscheide ich, zum Jagdberg abzubiegen und mal zu schauen, wie hoch ich ankomme, und wie hoch ich dort wieder aufdrehen müsste, um am Tegelberg über der Rohrkopfhütte ankommen zu können, was meiner Meinung nach die Chancen deutlich erhöhen würde, den von uns geplanten Flug irgendwann fertigfliegen zu können. Am Jagdberg angekommen, drehe ich wieder etwa 150m auf, stelle meine Überlegungen an, wie es theoretisch weitergehen würde, doch ich möchte die Zeit nicht strapazieren und Astrid, die sich inzwischen gegen einen weiteren Flug entschieden hatte, zu lange warten lassen. Eine grandiose Idee kommt mir in den Sinn: Wenn ich jetzt vom Berg in die Ebene, vielleicht ein Stück über den Bannwaldsee, fliege, den Landeplatz in Flugrichtung links passiere, bis an Buching heranfliege und dann zum Landen gehe, könnte ein FAI Dreieck herauskommen, was am Ende tatsächlich so ist. Nicht, dass ich jetzt irgendwie XC Punkte sammeln würde, aber es ist schön, dass ich mir solche Gedanken im Flug machen kann und eine kleine Herausforderung, es dann auch genau so zu fliegen. Profis lachen sich über sowas wahrscheinlich scheckig, ein 8,5 XC-km FAI Dreieck, aber hey, haben nicht alle mal klein angefangen? Über den Feldern wird’s dann nochmal richtig bockig und als ich vom letzten Turnpoint zum Landeplatz komme, stabilisiere ich per Steilspirale, weil ich kann. Ein gutes Gefühl.
Nach knapp 50 Minuten Flug lande ich fein, wir schnacken mit der kleinen Gruppe um mein Thermik-Mate herum, sie haben alle erst seit wenigen Tagen ihren Schein und ich bin ein bisschen beeindruckt, dass sie sich in die Nachmittagsthermik werfen. Nette Menschen auf jeden Fall. Kiki landet zwischenzeitlich ebenfalls, macht sich aber nochmal auf nach oben, während wir beide unseren Urlaubsplan mit Kaffee&Kuchen im Liegestuhl in der Sonne mit Handpan umsetzen, zu der sich Kiki und KuBa später hinzugesellen und wir tatsächlich eine kleine Jam-Session veranstalten. Mich beeindruckt immer wieder, was Frau aus so einfachen Instrumenten herausholen kann, selbst wenn wir mit Menschen das erste Mal zusammenspielen. Das war damals mit Eki am Idrosee so und auch mit Luc am Kronplatz, der mit seiner Violine einstimmte. So verbringen wir einige Stunden, trinken Kaffee, futtern Kuchen und Kekse, haben gute Gespräche und dazwischen entstehen immer wieder spontane Handpan-Einlagen. Ein Traumtagerl. Danke an Kiki und KuBa an der Stelle, es hat mich sehr gefreut und inspiriert.
Die letzte Nacht unseres Urlaubes verbringen wir im nächsten Dorf auf einem Bauernhof, wo erst seit etwa 2 Wochen Stellplätze eingerichtet sind. Wir hatten den Hof bereits in Park4Night gesehen, doch wir entschieden uns zunächst dagegen, weil Strom dort nicht angeboten wurde, was, wie wir von Kiki lernen, gar nicht so ist, wenn Frau nett fragt. Natürlich hat uns die liebe Frau vom Hof die Kabeltrommel rausgelegt und wir haben selbstredend was bezahlt dafür. Von diesem Stellplatz aus können wir sogar den Startplatz am Bube sehen.
Der nächste Tag soll laut Prognose ein „Hammer-Thermik-Tag“ werden und wir sprechen abends nochmal genau den Fliegeplan für die Route Bube-Tegel durch und denken vorsichtig sogar schon drüber nach, ob sich vielleicht ein Flug über den Gipfel des Säuling ausgeht. Das wäre wirklich der Hammer.
Sonntags schließen sich weitere Menschen an: Michl vom Bodensee, den wir von unserer Ausbildung kennen, sowie Katrin, die wir vom Frauenfliegen Fest in Lenk vor 4 Jahren kennen, und ihr Mann René. Gegen 11 Uhr starten wir gemeinsam den Aufstieg über den Bachweg, denn wir sind uns einig, dass zu früh starten keinen Sinn ergibt für unser Vorhaben. Oben angekommen, ist recht viel los, doch wir nehmen wahr, dass niemand ernsthaft nach oben davonfliegt, für uns das Signal, dass es noch zu früh ist und Geduld zur Tugend wird, meine Stärke. Parawaiting.
Erst ab etwa 12:30 Uhr sind einzelne Fliegende zu erkennen, die immerhin nicht gleich absaufen, weswegen wir mit unseren Vorbereitungen beginnen und als wir soweit sind, hat sich der Betrieb am Startplatz etwas gelichtet und mein erster Start für den Tag ist etwa um 13 Uhr. „mein erster Start“ sagt bereits etwas über das Ergebnis aus. Die einzige, die sich ein paar Minuten länger halten kann, ist Astrid. Michl und ich sind nach rund 20 Minuten nach einem ewigen Rumgekratze am Hang wieder am Boden, Katrin und René ebenfalls. Astrid landet ein paar Minuten nach uns, obwohl sie zunächst aufdrehen konnte, dann aber keinen Anschluss mehr fand, weil anscheinend irgendjemand den Ausschalter für die Thermik gedrückt haben muss. Wir sind auf jeden Fall Lichtjahre von der Prognose entfernt und wenn es nach 13 Uhr nicht funktioniert, ist die Chance auf einen längeren Flug an diesem Tag eher klein. Aber, Flinte und Korn, der Tag ist noch jung, Astrid und ich nehmen die Seilbahn, während die anderen drei sich für einen erneuten Fußmarsch entscheiden. Wir wollen alle nochmal starten.
Als wir oben aus der Bahn fallen, machen wir uns gleich fertig, denn wir wollen auf keinen Fall ein gutes Fenster vertrödeln, sofern es eines gibt, wonach es zu der Zeit zwar nicht ganz aussieht, doch einige Schirme drehen schon weit oben über der Buchenbergalm. Kurz bevor wir fertig sind, kommen die anderen drei aus dem Wald, Michl schließt sich uns an, die anderen beiden wollen erst noch was im Gasthaus futtern. Am Startplatz erlebe ich wieder was, was leider in die Ecke passt: Es ist IMMER ein Mann. Wir stehen in der kurzen Schlange der Startwilligen, es ist so wenig los, dass zu der Zeit immer nur ein Mensch den Schirm fertig eingehängt auf den Startplatz wirft, 1-2 umstehende Leute ziehen die Kappe auseinander, während die Leinen sortiert werden können und so dauert ein Start jeweils nur sehr wenige Minuten und es geht relativ zügig. Astrid ist dran, bekommt auch den Schirm auseinandergezogen und macht raus, als ich bereits einen älteren Herrn beobachte, der die ganze Schlange ohne ein Wort bis vorne hin überholt hat und just, als Astrid weg ist, drängelt er sich vor mich. Nicht nur mir, sondern auch den Helfenden ist das aufgefallen, doch er tat nur etwas überrascht, aber im Grunde war ihm das offensichtlich völlig egal. Er wirft seine Tulpe auf den Startplatz, wie ein markierender Gorilla. Passt.
Wenigstens ist es so, dass mein Schirm als erstes auseinandergezogen wird und ich vor dem A…loch starte.
Ich suche Astrid, finde sie weit über mir im Bereich des Startplatzes und beginne damit, Steigen zu suchen, was sich schwierig gestaltet. Ich suche lange, bis ich den ersten richtigen Lift erwische, bloß ist das alles weit davon entfernt, was die Thermikprognose versprochen und natürlich eine gewisse Erwartungshaltung ins Leben gerufen hat. Knapp über 1600m schaffe ich es, bevor die Thermik wieder vollständig aus zu sein scheint und ich mich wenige Minuten später wieder unterhalb des Startplatzes wiederfinde, wo ich erneut mit der Suche begann. Den Wunsch, hier irgendwo auf über 2000m aufzudrehen, begrub ich zu dem Zeitpunkt, kämpfte vielmehr um jeden Meter, der ein frühzeitiges Landen verhinderte. Hinterher sahen wir, dass Astrid im Grunde genau das gleiche Höhenprofil geflogen ist und sie das gleiche Auf und Ab hatte, bloß immer ein paar Meter über mir. Michl ist zwischenzeitlich gestartet, gut zu erkennen an seinem schon fast neonfarbenem, gelbgrünen Liegegurtzeug, das sonst niemand hier fliegt. Er schließt zu uns auf, als wir gerade den zweiten Bart für heute erwischen, der mich wenigstens knapp über 1700m und Astrid knapp über 1800m mitnimmt und weil es anscheinend nicht höher geht, stirbt der Plan, zum Tegel zu fliegen und wir entscheiden, einfach wieder bis zum Jagdberg vorzufliegen und vielleicht wieder ein kleines Dreieck zusammenzubekommen. Die Schwierigkeit heute: Der Nordwind ist in der Höhe so stark, dass wir auf dem Rückweg nur noch wenig Vorwärtsfahrt machen, die Gleitzahl schlecht ist und ich sogar in den Beschleuniger muss, um nicht ganz stehen zu bleiben. Lange Rede, kurzer Sinn, zurück am Buchenberg kratzen wir noch ein wenig am Hang rum, bevor ich in die Ebene rausfliege, um vor dem Landen mit einem einigermaßen abgelegenen Turnpoint immerhin noch ein flaches Dreieck schließen kann. Bei der Landung schaffe ich sogar fast eine Landung auf dem Peilpunkt, was mir ehrlich gesagt nicht so oft gelingt.
Ein Urlaub „zu Hause“ neigt sich mit der letzten Landung dem Ende zu. Wir haben viel erlebt, liebe Menschen getroffen und neu kennengelernt, Astrid hat endlich ihr neues Liegegurtzeug und ist happy damit und in den letzten drei Tagen hatten wir insgesamt mehr als 5 Stunden Airtime. Tolle Sache. Und natürlich haben wir für die Kilometerhelden superviele Flugkilometer über Grund gesammelt.





















