Fliegen in Greifenburg und Gastein, 18.-22.06.2025, B-Schein-Aktionswochenende
Angefixt von den Erfahrungen im Frauenpower Camp zum Streckenfliegen, ließ uns die Kiste „Überprüfungsflug“ nicht mehr los, denn wir wollten endlich einen Haken an den B-Schein oder auf Deutsch den unbeschränkten Luftfahrerschein bekommen. Verstärkt wurde das zusätzlich durch einen unerwartet langen Flug vorher in Andelsbuch an der Vorderen Niederen, bei dem wir etwa 3,5 Stunden in der Luft gewesen sind, mehrmals die Grate rechts und links des Startplatzes mit jeweils einem kleinen Sprung östlich zum nächsten Berg abgeflogen sind und so auf die erforderliche XC-Strecke kamen, allerdings vorher keine Planung bei Andi, unserem in der Sache uns betreuenden Fluglehrer, abgegeben haben, womit nach unserem Verständnis der Flug nicht als Überprüfungsflug gewertet werden konnte.
Als das Fronleichnamswochenende nahte, sich abzeichnete, dass es an mehreren Locations fliegbar werden würde, stellten wir eines Abends eine Auswahl an Flugplanungen für jeweils 5 oder 6 Fluggebiete zusammen, die wir Andi schickten, in der Erwartung, dafür jeweils die Flugaufträge zu erhalten, die uns offiziell erlauben würden, trotz A-Lizenz den Gleitwinkelbereich unserer Schirme in Bezug auf den jeweiligen Landeplatz verlassen zu dürfen. Andi antwortete auch sehr zügig und eröffnete uns, dass sich die Regeln des DHV zum Erwerb der unbeschränkten Lizenz verändert hätten und es sogar einfacher wird für uns, denn wir müssten lediglich eine theoretische Planung für ein Gebiet, dass er uns vorgibt, erstellen, ohne dort fliegen zu müssen und den Überprüfungsflug gibt es so auch nicht mehr, folglich brauchen wir keine Flugaufträge. Bezüglich unserer Flüge würde er nur noch 1-2 solcher Flüge sehen wollen, wie wir sie in Andelsbuch gemacht haben, aus denen hervorgeht, dass wir Höhengewinn aus Thermikdrehen generieren und mit der dadurch jeweils gewonnenen Höhe eine gewissen Strecke zurücklegen können, idealerweise sollte dabei ein FAI-Dreieck herauskommen und der reguläre Landeplatz erreicht werden. Das ist alles. Seine Vorgabe, oder wie er es nannte, die Hausaufgabe, bestand aus der Planung eines FAI-Dreiecks im Fluggebiet Golzentipp, die etwas über die Strecke verrät, über die Höhen, die erreicht werden müssen, um zum nächsten Turnpoint gelangen zu können, etwaige Gefahren oder Besonderheiten in Sachen Talwind, Hindernisse, etc. sowie ein paar Zeilen zu Außenlandemöglichkeiten. Hört sich machbar an.
Mit der Hausaufgabe im Gepäck und der Anforderung, dass 1-2 kleine Streckenflüge genügen, brachen wir mittwochsabends mit unserem mobilen Häuschen nach Greifenburg an der Drau in Kärnten auf. Die Fahrt zieht sich ein wenig, alles Landstraße bis auf wenige Kilometer Autobahn in Deutschland, was zwar für den Spritverbrauch unserer rollenden FeWo günstig ist, sich aber in Form einer niedrigen Durchschnittsgeschwindigkeit zeigt, was uns dazu veranlasst, nicht, wie geplant, an einem Stück durchzufahren, sondern unterwegs zu übernachten. Der große Vorteil mit so einem Ding. So bleiben wir die erste Nacht hinter Kitzbühel auf dem Weg zum Pass Thurn etwas abgelegen für die Nacht stehen, was uns am nächsten Tag trotzdem erlaubt, ganz entspannt nach Greifenburg ins Fliegercamp, so heißt der Campingplatz, zu kommen, einzuchecken, einen Platz auszusuchen und noch einen Bus zum Startplatz zu bekommen.
Unterwegs melden wir uns noch bei Vera, die wir auf dem Frauenfliegenfest kennenlernten und die auch regelmäßig das Nova Hike&Fly Event organisiert, an dem wir schonmal teilnahmen, weil uns eingefallen ist, dass diese Ecke Österreichs quasi vor ihrer Haustür liegt und es wäre ein bisschen blöd, uns nicht zu melden, wenn wir schonmal da sind. Vera antwortet ziemlich schnell, sie sei ebenfalls heute in Greifenburg zum Fliegen und sie säße bereits im ersten Bus zum Startplatz, die Bedingungen wären heute super für das Mölltaldreieck. Wir vereinbaren, dass wir uns zwischendurch melden, wo wir sind und vielleicht geht sich am Nachmittag ein Treffen aus, das wäre fein.
Astrid und ich schaffen es ohne Stress in den zweiten Bus des Tages, ein ausrangierter 50-sitziger Postbus mit Anhänger, was mich zunächst irritiert, weil ich so etwas noch nicht gesehen hatte. Aus Bassano und anderen Fluggebieten ohne Seilbahn kennen wir es, dass 2-3 9-Sitzer-Busse den ganzen Tag pendeln und bei Bedarf auch telefonisch angefordert werden können. Hier gibt es 4 feste Abfahrtszeiten pro Tag und wie ich am nächsten Tag lerne, fahren zwei solcher Busse pro Termin, wenn’s nötig ist. D.h. es kommen bis zu 100 Piloten gleichzeitig im Startplatz an. Digga. Da sind unsere völlig überfüllten Startplätze im Allgäu ja Kindergeburtstag dagegen, denke ich. Hinzu kommt, dass zusätzlich zu den Gleichschirmfliegenden sehr viele Delta-/Drachenpilot:innen vor Ort sind, weil es die Woche drauf wohl einen Wettkampf gibt und das Gebiet allgemein bei den Drachenfliegenden beliebt ist. Das hier obligatorische Startticket hatten wir uns bereits am Campingplatz eingekauft, 6 Euro pro Tag pro Nase, und als alles Material im Bus und auf dem Hänger verladen ist, steigen wir ein, die Auffahrt kostet nochmal 10 Euro pro Fahrt und Nase, und wir merken schnell, dass die Klimaanlage nicht richtig funktioniert und der Bus völlig überfüllt ist. Ich schätze, mal mindestens 60 Personen werden eingestiegen sein. Der Typ neben mir stinkt, als hätte er sich eine Woche nicht gewaschen und es sind 35°C im Bus bei einer tropischen Luftfeuchte. Super lecker.
Die Fahrt dauert gefühlt ewig über kleinste Bergstraßen und -pfade, es sind etwa 1100 Höhenmeter zu überwinden, doch immerhin kommt etwas Luft in den Innenraum, als wir in Bewegung kommen, was es ein kleinwenig erträglicher macht. Ein zweites Mal brauche ich das heute jedoch definitiv nicht. Das steht für mich fest, für den Fall, dass ich doch frühzeitig landen muss. Rund 45 Minuten später kommen wir an der Emberger Alm an, an der sich der untere der beiden Startplätze befindet und die gleichzeitig das Ende der Busfahrt markiert. Der Startplatz steht voll mit Drachen und im Bus befindet sich der nächste Schub solcher Fluggeräte und wir sind uns schnell einig, dass wir hier nicht starten wollen, weil einfach viel zu viel Betrieb ist und so machen wir uns zu Fuß auf den Weg zum oberen Startplatz, dauert etwa 20 Minuten, wenn Frau nicht rennt. An der Emberger Alm wird übrigens penibel darauf geachtet, dass alle ein Ticket haben, auch jene, die sich zu Fuß auf den Weg nach oben machen. Naja, so sind eben die Regeln. Insgesamt ein teurer Spaß, aber es steht natürlich jedem und jeder frei, ob er oder sie hier fliegen möchte. Dafür ist der Landeplatz ordentlich gemäht und eben mit einer funktionierenden Windfahne und es gibt ToiTois bzw. Toiletten an den Startplätzen, was ich auf jeden Fall begrüße, weil es verhindert, dass bei dieser Menge Menschen, die alle nochmal vor dem Starten müssen, das umliegende Gelände vollgekackt und -gepisst ist, wie man es anderen Orts kennt.
Am oberen Startplatz läuft Astrid Kiki über den Weg, die uns bekannt vorkommt. Wir haben sie schonmal irgendwo getroffen. Es stellt sich heraus, dass sie im Vorstand des Ostallgäuer Gleitschirmflieger Verein ist und wir sie sicher schonmal am Buchenberg trafen. Was für ein witziger Zufall. Da wir aber alle ein wenig aufgeregt sind und irgendwann starten wollen, sprechen wir nicht so viel, sondern machen uns an die notwendigen Vorbereitungen fürs Abheben. Dank unserer Flugplanungen, die wir jetzt doch nicht abgeben mussten, haben wir eine Vorstellung davon, glauben wir zumindest, wie wir uns nach dem Starten verhalten wollen und wohin wir abbiegen, wenn wir es schaffen, Höhe zu machen. Astrid und ich sprechen das nochmal durch, wir haben zwar auch Funk dabei, doch im Flug wird es sehr wahrscheinlich so sein, dass wir die Hände nicht von den Steuerleinen lassen können, um den PTT Knopf zu drücken, denn es ist nicht zu erwarten, dass es ein ruhiger Flug wird. Für gewöhnlich versuchen wir, uns im Auge zu behalten und zusammenzubleiben, so, wie wir das in den Bergen auch tun, was uns in gewisser Weise mental unterstützt, weil dann keine das Gefühl hat, allein zu sein. Außerdem können wir uns so gegenseitig beim Finden von Thermik unterstützen, wie wir es von Jojo und Zylle im Streckenflugseminar gelernt haben. Natürlich ist das hier ein bisschen anders, weil hunderte Fliegende in der Luft sind und es reichlich Thermikanzeiger gibt, doch am Ende des Tages sitze ich allein in meinem Gurtzeug und mich persönlich beruhigt es zu wissen, dass ich mich darauf verlassen kann, dass noch jemand da ist, den ich kenne und zu dem ich Vertrauen habe. Das weiß ich von allen anderen um mich herum nicht.
Der erste Start in Greifenburg klappt bei uns beiden und los geht die Suche nach dem Steigen. Glücklicherweise ist zu dem Zeitpunkt kein anderer weißer Theta in der Luft und es fällt mir leicht, Astrid zu erkennen. Die ersten Kurven und Kreise sind ein Stochern im Heuhaufen, selbst dort, wo andere bereits weit über uns sind, denn das bedeutet nicht, dass es unter ihnen nach oben geht. Es ist eher andersherum. Ich suche nach anderen Pilot:innen, die auf meiner Höhe oder sogar unter mir Steigen haben, was bei Tieferfliegenden gar nicht so einfach ist, und steuere diese Bereiche an, denn dann sind die Chancen größer, tatsächlich deren Blase zu erwischen und mit nach oben genommen zu werden. Wie großräumig so eine Thermik ist, sieht Frau natürlich auch nicht, und es ist nötig, sich heranzutasten, wobei zum einen das Variometer hilft, weil es Steigen und Sinken durch Pieptöne in unterschiedlichen Tonlagen und Frequenzen bekannt gibt, aber auch der Popo ist ein guter Sensor, weil er sofort merkt, wenn das Anfahren des Fahrstuhls beginnt. Die Kunst besteht darin, Thermikkreise im weiteren Verlauf so zu gestalten, dass möglichst der ganze Flügel drinbleibt und man das Steigen gut zentriert hat, um das Maximum herauszuholen. Ständiges Hinein- und Hinausfliegen macht den ganzen Flug sehr unangenehm, je nach dem, wie stark die Luft steigt, bis hin zu „ich wäre jetzt lieber mit meinen Füßen am Boden“, was selbstredend kein Vergnügen ist. Schafft Frau es hingegen, ganz in der Thermik zu bleiben, wird es überraschend ruhig, selbst bei mehr als 5 m/s Steigen. Und so erwischen wir beide nach etwa 5 Minuten Flug den Bart, der uns in nicht mal weiteren 5 Minuten mehr als 1000 Höhenmeter bis auf fast 3000m bringt, was ich so auch noch nicht erlebt habe. Total abgefahren, das Steigen hatte in Spitzen fast 7m/s, doch es war absolut gechilled, wenn Frau sich einfach gleichmäßig weiter nach oben dreht und dabei keinen Rand touchiert, an dem es natürlich Turbulenzen gibt. Unruhig wurde es zwar schon, je weiter ich nach oben gekommen bin, denn der überregionale Wind kam eher aus nördlichen Richtungen, doch als das Steigen dann nachgelassen hat, bogen wir beide nach Westen ab und eigentlich war der Plan, den nächsten Gipfel in dieser Richtung anzufliegen. Astrid ist ein klein wenig unter mir, fliegt aber voraus und ich folge ihr, so wie das besprochen war, doch sie hält nicht auf den nächstgelegenen Gipfel zu, sondern steuert bereits den übernächsten an, der ganz schön weit weg ist. Unterwegs denke ich schon, dass die Höhe nicht mehr so üppig ist, immer mit dem Gedanken im Kopf, dass wir gegen den Talwind später zurück zum Landeplatz fliegen müssen, was mich dazu veranlasst, immer wieder einzudrehen, wenn auf dem Geradeausflug Steigen vorbeikommt, doch mehr als ein oder zwei Kreise mache ich nicht, denn sonst besteht die Gefahr, dass ich Astrid nicht wiederfinde. Aus der Luft in bewölkter Umgebung ist ein weißer Gleitschirm fast unsichtbar. So erreichen wir dann den übernächsten Berg relativ tief etwa in dessen Mitte, wo ich sofort damit beginne, den Hang nach Thermik abzusuchen, was mir aber einfach nicht gelingen will. Astrid, die noch tiefer ankam als ich, hat da etwas mehr Glück, ist irgendwann weit über mir, doch bei mir tut sich nix, auch dann nicht, als ich dorthin fliege, wo sie Steigen hatte. Mein Bauch weiß zu diesem Zeitpunkt bereits, dass ich landen gehen muss und dass ich sicher nicht den regulären Landeplatz erreichen werde. Etwa eine viertel Stunde kratze ich noch an dem Hang rum, bevor ich die Entscheidung treffe, in Richtung Landeplatz abzubiegen und soweit, wie es irgendwie geht, auf ihn zu zu fliegen, bevor ich eine Außenlandemöglichkeit brauche. Ich konnte mit dieser Entscheidung nicht ewig warten, denn zwischen mir und der nächsten Landemöglichkeit ist noch ein Stück bewaldeter Berghang, ein ganzes Dorf, ein paar Stromleitungen, eine Hauptstraße und Gegenwind, der zum Boden hin immer stärker wurde und meine Vorwärtsfahrt kurz vorm Aufsetzen fast auf Null bremste. Als ich abbiege, folgt Astrid ein paar Etagen höher, wie vereinbart, doch egal wie, bei ihr hätte die Höhe auch zu einem günstigen Zeitpunkt nicht gereicht, um sicher zurückfliegen zu können. Immerhin, der gewählte Platz für die Außenlandung ist safe, eine abgemähte Wiese ohne Stromleitungen, Zäune oder andere Hindernisse nahe der Hauptstraße und die Landung selbst ist Zucker dank des relativ starken Windes. So, da stehen wir nun. Erstmal ziehen wir nach der Landung in den Schatten um, denn es ist fürchterlich heiß am Boden, pellen uns aus den Fliegeklamotten und dann kommt mir die Idee, wir könnten Vera anrufen, ob sie uns vielleicht einsammeln kann, falls sie schon gelandet ist. Bis zum Campingplatz sind es von hier etwas mehr als 5km. Das ist überschaubar. Astrid greift zum Telefon und sieht, dass zwischenzeitlich eine Sprachnachricht von Vera eingegangen ist. Vera ist in der Wildnis auf der Mölltalrunde am Retter runter, nachdem es ihr den Schirm zerlegt hatte und sie mehrfach eingetwistet war. Upsi. Astrid ruft sie zurück und erfährt, dass Vera sich nichts Ernstes getan hat bei der Aktion. Das ist ja schonmal gut und tun können wir beide auch erstmal nix, die Rettung ist alarmiert worden und nun muss sie schauen, wie’s weitergeht.
OK, also Vera holt uns sicher nicht ab. Nachdem alles zusammengepackt und im Rucksack verstaut ist, entscheiden wir uns dazu, es mit dem Daumen an der Hauptstraße zu versuchen, immerhin sind in der Gegend unzählige andere Fliegende unterwegs, da wird ja eine Mitfahrgelegenheit dabei sein. Eine gute Viertelstunde harren wir zwei Mädels so an der einigermaßen stark befahrenen Straße aus, doch es hält niemand. Auf das Glück warten bringt wohl nix, wir entscheiden, das sein zu lassen, suchen auf unseren mobilen Endgeräten nach dem kürzesten Fußweg zurück und machen uns auf den Weg, der uns mit einer kleinen Maisfeldeinlage in einer guten Stunde zum Landeplatz und zum direkt angrenzenden Campingplatz bringt. Vera meldet sich nochmal, ob wir sie abholen können? Der Polizeihubschrauber hat sie in der Nähe von Spittal abgesetzt und musste sofort zum nächsten Einsatz, weswegen kein Spielraum für Wunschorte blieb und weil wir selbst auch froh wären, wenn uns jemand in so einer Situation abholen kommen kann, denken wir gar nicht lange nach, setzen uns mit der rollenden FeWo in Bewegung und sammeln Vera 25 Minuten später auf einem Supermarktparkplatz ein. Der mentale Stress, dem sie ohne Frage ausgesetzt war, steht ihr ins Gesicht geschrieben, also erstmal zweimal feste drücken, bevor sie etwas erzählen kann und dann gibt’s ein paar Details zu den Ereignissen. Ich trete das hier jetzt nicht breit, doch Astrid und ich spitzen die Ohren, denn so etwas kann auf fast jedem Flug passieren und es hilft, den Respekt vorm Fliegen nicht zu verlieren.
Zurück am Campingplatz bereiten Astrid und ich ein Plätzchen für Kaffee&Kuchen her, wir steuern den Kaffee bei, Vera den Kuchen und sprechen nochmal über das Geschehene. Anschließend kümmern wir uns zu dritt um den völlig verwurschtelten Gleitschirm von Vera, bis die Leinen alle wieder entwirrt sind und sie den Schirm einpacken kann, eine Aufgabe, die allein fast nicht zu bewältigen ist. Dann muss sie auch schon los, denn eigentlich hat sie am nächsten Tag einen Dreh an einem ganz anderen Ort und ist dort am gleichen Abend mit einer Freundin verabredet, die schon wartet. Ein Tag voller spannender Ereignisse neigt sich dem Ende zu.
Bevor die Sonne verschwindet, packe ich meine Handpan aus und spiele noch ein wenig, immer die Nachbarn im Auge, falls sich jemand gestört fühlt, denn dann würde ich einpacken oder mir einen abgelegeneren Ort suchen, wo ich niemandem auf die Nerven gehe. Aber es passiert etwas anderes, unsere Nachbarn, besonders der weibliche Anteil, kommt ganz neugierig nachsehen, wo diese Klänge herkommen, denn sie sind alle begeistert von dem Spiel und dem Instrument, dass noch niemand von ihnen vorher je gesehen hat. Zack, ist Gespräch da, eine Fraktion kommt sogar aus dem Saarland, Merziger Kennzeichen, und die Session zieht sich etwas in die Länge.
Der nächste Morgen. Astrid und ich haben unseren Flug vom Vortag reflektiert und analysiert, damit wir beim nächsten Versuch nicht die gleichen Fehler machen. Jojo hat uns eingebläut, Höhe mitzunehmen, wo auch immer möglich und diesen Grundsatz haben wir nicht berücksichtigt, weswegen dieser Flug ins Blaue nicht am Landeplatz endete. Wir werden das anders machen, haben uns angeschaut, wo genau die benachbarten Gipfel rechts und links vom Startplatz sind, und nur diese fliegen wir an, wenn wir genug Höhe haben. Damit wird die Entfernung zum Landeplatz nie so groß, dass wir ihn nicht erreichen würden, egal an welcher Stelle etwas am Plan schiefgeht. Wir steigen in den ersten Bus um 10 Uhr, nehmen lieber in Kauf, oben länger warten zu müssen, als im schlimmsten Fall vielleicht das beste Fenster zu verpassen, erwischen damit ein etwas neueres Modell an Bus, bei dem auch die Klimaanlage funktioniert. Nach dem anschließenden kleinen Fußmarsch zum oberen Startplatz erreichen wir kurz vor 11 Uhr die Wiese, von der wir gestern auch schon gestartet sind. Das Wetter ist nicht so, wie prognostiziert, es ist relativ stark bewölkt, die Sonne kommt zunächst nicht richtig durch, was fürs Thermikfliegen zunächst Warten bedeutet. Ist aber nicht so schlimm, denn auch Kiki ist bereits raufgefahren gefolgt von Stefan, der ebenfalls, wie wir, im Ostallgäuer Verein ist und, wie sich herausstellt, nur einen Ort von uns zu Hause weiter wohnt. Wie klein die Welt doch ist. Wir beginnen schön zu plaudern, weitere Menschen die mit irgendwem aus dem Grüppchen irgendwie bekannt sind, kommen hinzu und plötzlich steht auch Heinz vor mir, den wir vom Fliegen mit Klaus am Buchenberg kennen. Er ist mit einem XC Seminar unterwegs, der von Lucian Haas veranstaltet wird, dessen Podcast einige kennen werden. Mehr als zwei Stunden gehen so ins Land, die zweite Busladung ist inzwischen eingetroffen, bis wir wahrnehmen, dass die Bewölkung sich lichtet und als der erste nach dem Start Steigen hat, setzt allgemeine Aufbruchstimmung ein. Kiki ist bald darauf in der Luft und fliegt weg, wir sind eher im letzten Drittel und als wir starten, geht’s schon auf 14 Uhr los. Rückblickend betrachtet können wir beide sagen, dass die Erlebnisse von Vera am Vortag unsere Startentscheidung nicht beeinflusst haben. Hätte ja passieren können, ist aber nicht passiert.
Die erste Viertelstunde des Fluges kämpfe ich am Starthang um jeden Meter, denn so richtig erwische ich nichts, bleibe aber hartnäckig dran und kurz bevor ich das Handtuch werfen will, geht dann doch die Post ab, die mich auf fast 2600m katapultiert, von wo aus ich nach Westen zum nächsten Berg starte, gefolgt von Astrid. Wenn Frau so hoch überm Boden fliegt und keinen Bezug zur Geschwindigkeit hat, zieht sich so ein Hüpfer ganz schön hin, doch meine Höhe ist so, dass ich mit reichlich Abstand einmal ums Gipfelkreuz fliegen kann bevor ich mich sofort auf den Rückweg in die Thermik nahe des Startplatzes mache. Astrid hat zunächst etwas weniger Höhe, kann die Route aber auch entspannt abfliegen und als wir beide den Bereich um den Startplatz herum erreichen, wo wir Steigen erwarten, erwischt sie es deutlich besser als ich und zieht über mich. Ich kämpfe erneut ein wenig, erreiche jedoch fast 3000m Höhe, genug, um zum nächsten Berg in der anderen Richtung nach Osten hin gelangen zu können. Astrid fliegt vor mir und um uns herum ist irgendwo auch Stefan, der uns, wie sich später herausstellte, einfach mal nachgeflogen ist und sich wunderte, wie gut die Thetas gleiten und wie schnell sie sind. Er als erfahrener Pilot hatte Mühe, an uns bloody thermic beginners dran zu bleiben. Im nächsten Moment kann ich Astrid nicht mehr sehen, sie ist, wie vom Himmel verschluckt. Genau das ist tatsächlich passiert. Sie flog da so vor sich hin, hatte die Wolkenbasis über ihr im Blick und noch gedacht, passt, sind weit weg und zack, war sie in der Wolke verschwunden. Das Nächste, was wir sehen konnten, war ein Schirm mit angelegten Ohren, der quasi aus der Wolke herausgesunken kam und zwar mit richtig viel Sinken. Sie hat bei der Aktion bestimmt 100m verloren, die ihr bei Ankommen an der gegenüberliegenden Bergflanke ein bisschen das Leben schwer machten. Dieses Mal musste sie um jeden Meter kämpfen, um in einigermaßen ruppiger Luft wieder soviel Höhe zu erreichen, dass wir umdrehen und wieder zurück zum Starthang fliegen konnten. Eigentlich wäre ich tatsächlich lieber den Grat in Richtung Osten weiter abgeflogen und dann vom dessen äußerstem Ende zum Landeplatz abgebogen, doch es war so unruhig, dass ich mich nicht traute, eine Hand von der Steuerleine loszulassen, um zu funken. Aber dann dachte ich, ist auch egal, fliegen wir einfach zurück, die Strecke wird so oder so genügen.
Übrigens hat die Strecke auch am Vortag gereicht, obwohl wir den Landeplatz nicht erreichten, denn es kam trotzdem ein FAI Dreieck mit mehr als 15 XC km zusammen. Zurück am Starthang hatte ich erneut das Problem, wie zu Beginn dieses Fluges, ich fand kein Steigen mehr. Astrid flog ein gutes Stück über mir, bog wieder nach Osten ab, weil auch sie nix fand und ich folgte ihr, wobei ich mir die Häuser am Gegenüberliegenden Hang bereits von der Seite ansehen musste, was aber kein Problem darstellte, denn ich war auf der Höhe des Landeplatzes und egal von wo aus ich aus dem Hang herausflog, wäre ich immer dorthin gekommen. Ich fliege das Dorf ab in der Hoffnung, dass sich Straßen und Dächer so aufgeheizt haben, dass es ein wenig Steigen gibt, was tatsächlich auch funktioniert, aber natürlich nur gerade so, dass ich insgesamt mein Sinken etwas bremsen konnte, drehe am Ende um und pendele so noch einige Male hin und her bis ich auf einmal doch noch eine richtige Thermik erwische und beginne, von etwa 1200m MSL bis auf fast 1800m MSL aufzudrehen. Wer hätte es gedacht. Diese Höhe genügt, um noch einen kleinen Ausflug auf die andere Talseite zu machen von wo aus ich dann auch den Landeplatz ansteuerte und landen ging. Astrid war unmittelbar vor mir dort angekommen. Die Landung mit ein wenig Gegenwind war supersoft, doch nachdem ich meinen Schirm zur Tulpe zusammengezogen hatte und mich auf den Weg zum Faltplatz machte, hatte ich auf halber Strecke plötzlich einen recht heftigen Schmerz im linken Fuß, konnte nicht abrollen, musste zum Faltplatz humpeln. Was ist das schon wieder für eine Scheiße…..? Ich werd‘ wahnsinnig. Also vom Landen war das nicht, sondern vom Geradeaus-über-eine-flache-Wiese-gehen. Ich hatte so etwas vor ein paar Jahren schonmal, hat sich nach ein paar Wochen von selbst geregelt und als Auslöser nahm ich damals die Verknöcherung am Os pereneum an, die möglicherweise gebrochen war.
Wir packen erstmal ein, huschen durch die Hecke auf den Campingplatz, von außen ist dem Fuß nix anzusehen und ich habe auch nichts knacken gehört bevor es los ging, so wie beim letzten Mal. Wir werden sehen.
Am Abend sind wir mit Kiki und Stefan auf ein Bier/Rotwein verabredet, ich nehme meine Handpan mit und muss unseren Nachbarn für den Abend das Konzert leider absagen, auf das sie sich schon gefreut haben, versprach jedoch, am nächsten Tag alles wieder gut zu machen. Kiki ist völlig aus dem Häuschen, als ich später nach ein paar guten Gesprächen beginne, auf dem Ding zu spielen und ich überlasse ihr das Instrument später gerne, weil sie unbedingt mal probieren will, wie das geht. Sie ist, fürchte ich, genauso schockverliebt, wie ich es gewesen bin. Damit geht ein wirklich sehr schöner Abend mit tollen Menschen zu Ende.
Für den nächsten Tag haben Astrid und ich beschlossen, uns die ziemlich nervige Busfahrt zu ersparen und stattdessen mit einer kleinen Schleife über einen Geldautomaten im Ort zu Fuß zum Startplatz der Flugschule zu gehen. Das sind nur etwa 500 Höhenmeter, tags zuvor sind wir bereits über ihn hinweggeflogen, und wollen einen etwas ruhigeren Tag machen. Wir nutzen die Gelegenheit, um mal wieder Pi3 zu fliegen, die wir in der Woche davor grad zum Check hatten und für einen entspannten Gleitflug mit Aufstieg zu Fuß ist der genau richtig. Mein Fuß meckert komischerweise auch überhaupt nicht als wir in Trailrunningschuhen den Berg rauflatschen. Der Weg ist nicht der schönste. Anfangs gibt’s noch schöne Waldpfade, doch das hört ziemlich schnell auf und wir müssen auf der Fahrstraße weitergehen bis wir die Startwiese erreichen, die ziemlich cool aussieht und vor allem wo sonst niemand ist. Das ist fein. Wir setzen uns kurz hin, beobachten ein bisschen den Wind, der die meiste Zeit aus Ost kommt und nicht ganz optimal für die Startrichtung ist, doch wir erkennen auch, dass immer wieder ausreichend lange Fenster vorbeikommen, an denen sich ablösende Thermikblasen perfekte Startbedingungen zaubern und den Wind ein paar Grad nach Süd drehen. Es gibt keine Erwartungshaltung an den Flug, einfach schön starten, schön fliegen, schön landen.
Und genauso machen wir das dann, ich starte als erste, Astrid kommt sofort hinter mir super raus und wir gleiten fast ganz ruhig einfach auf direktem Weg zum Landeplatz, landen fein, packen ein und gehen nahtlos zu Kaffee&Kuchen über. Der Plan für heute Nachmittag ist, dass wir zusammen die von unserem B-Schein-Fluglehrer Andi angeforderte theoretische Flugplanung für Golzentipp erstellen, damit wir das Ding von der Backe haben. Am Ende soll eine kleine Präsentation herauskommen, in der alle Teile der „Hausaufgabe“ bearbeitet und dargestellt sind. Und so sitzen wir beide mit jeweils einem Notebook auf dem Schoß in der Sonne und werkeln an den Bestandteilen herum, als sich Stefan hinzugesellt, wir ihm auf seine Frage hin erklären, was wir da gerade machen und er sehr interessiert am Ergebnis ist. Natürlich verbabbeln wir uns und es dauert alles ein bisschen länger, ist aber wurscht. Wir haben Urlaub. Kurz darauf verabschiedet er sich auch schon wieder, denn er möchte heute noch nach Slowenien aufbrechen, um sich anderen Fliegenden aus dem Ostallgäuer Verein dort zu treffen und die kommende Woche zu fliegen.
Astrid und ich überlegen, ob wir am nächsten Tag überhaupt hier fliegen wollen oder ob wir uns schon ein wenig in Richtung Heimat bewegen, um mit Alex und Manuel im Gasteiner Tal zusammen zu fliegen, wo die Bedingungen laut BurnAir besser sein könnten als in Greifenburg. Just in dem Moment kommt Kiki vorbei, der wir von unseren Überlegungen erzählen, was bei ihr auf Interesse stößt, denn sie muss sonntagsabends ebenfalls wieder zu Hause sein, was vom Gasteiner Tal deutlich weniger Fahrstrecke bedeutet. Die anfängliche Idee, noch am gleichen Tag loszufahren, verwerfen wir, denn es sind nur etwa 2 Stunden Fahrt und vor Mittag brauchen wir auf keinem Startplatz zu stehen, wenn wir Thermikfliegen wollen. Außerdem sind Alex und Manuel an dem Abend mit den Sonnwendfeuern im Steinernen Meer beschäftigt, steigen erst sonntags in der Früh von den Bergen ab und werden auch nicht so zeitig in Dorfgastein sein können. Also verbringen wir den Abend mit Kiki zusammen vor unserer Kabine, ich packe die Handpan aus und schwupps gibt’s Publikum als die Nachbarschaft endlich zu ihrem „Konzert“ kommt. Den Platz bezahlen wir noch am Abend und entgehen so dem Bezahlstau am nächsten Morgen, nachdem wir an der Entsorgungsstelle allen Ballast in der Kabine losgeworden sind, um kein unnötiges Gewicht mitzuschleppen.
In Dorfgastein angekommen, inspizieren wir den äußerst merkwürdigen Landeplatz, eine längere Wiese mitten zwischen Häusern, Bahn, niedrigen Stromleitungen und einem kleinen Schwimmbad, rundum bebaut und mit einem nicht unerheblichen Gefälle, gegen das man üblicherweise einlandet. Also noch vor einem Jahr wäre ich hier sicher nicht gelandet und ich habe auch an diesem Tag kein gutes Gefühl, ob ich das hinbekomme. Hinzu kommt, dass mein Fuß mir an diesem Tag richtige Probleme macht. Auftreten geht nicht wirklich, Abrollen und Fuß anheben auch nicht gut und vor allem geht nichts ohne Schmerzen. Ich entscheide mich deswegen für etwas festere Schuhe fürs Fliegen, damit ich überhaupt ein paar Schritte laufen kann. Alex und Manuel melden sich, dass sie sich ein klein wenig verspäten und so nehmen wir drei schonmal die Bahn rauf, nachdem wir nicht schlecht staunten, was hier eine Bergfahrt kostet. In der Schlange vor der Kasse stand eine Familie, die Tickets für rauf und runter kaufte, wozu Frau fast einen kleinen Bausparer kündigen muss. Irre. Einen zweiten Flug, falls Thermikfliegen nicht gleich funktioniert, gibt es hier auf keinen Fall.
Der Startplatz ist direkt neben der Bergstation auf etwa 2000m und es sind auch schon ein paar Fliegende beim Herrichten, trotzdem staune ich, dass die Menge der Startwilligen vergleichsweise klein ist mit vielleicht 15, obwohl die Prognose inzwischen eindeutig perfekte Bedingungen verspricht. Ein Zustand, den es im Allgäu nicht geben würde. Schön für uns. Wir setzen uns erstmal, schauen den ersten Starts zu, essen und trinken mal was, und -ganz wichtig- tun ordentlich Sonnencreme drauf, denn fast alle, die aufgezogen haben, steigen sofort in den Himmel und es darf erwartet werden, dass unser Flug ne Weile dauern könnte. Alex und Manuel kommen als bald raufgefahren und wir sprechen nochmal kurz über den Landeplatz, der auf jeden Fall anspruchsvoll ist, weil zu den ganzen Bebauungen und dem Neigungswinkel noch relativ starke thermische Verhältnisse hinzukommen, auf die Manuel explizit hinweist. Sie sind hier schon häufiger geflogen, nutzten aber während ihrer Ausbildung den Landeplatz der Flugschule, der deutlich einfacher ist, dafür aber etwas entfernt liegt. Alex erklärt uns aber trotzdem, wo wir diesen finden können, falls es nötig wird, woanders runterzugehen. Dann sprechen wir über eine mögliche Flugroute für einen kleinen Streckenflug, wie wir gelernt haben, wurde in Dorfgastein der allererste Flug mit mehr als 200km XC gemacht, aber so lang soll’s bei uns nicht werden. Als sich am Startplatz die Reihen lichten, was ziemlich schnell von statten geht, startet Manuel als erster und ist im Nu kaum noch zu sehen. Kiki ist auch sofort weg. Dann starten erst Astrid, dann ich, wir biegen beide über die Bahn dorthin hab, wo der Hausbart vermutet wird und ab geht die Post nach oben. Mit Spitzen um 7m/s steigen wir in ganz kurzer Zeit auf etwa 2800m, eine ausreichende Höhe, um von dort nach Norden zum nächsten Gipfel abzubiegen und gleich wieder nach Thermik zu suchen. Die finden wir auch unmittelbar um den Gipfelbereich herum und steigen auf eine neue persönliche Rekordhöhe von etwa 3100m, fliegen von dort in west-nordwestlicher Richtung weiter, wo wir in die Nähe des Taleingangs ins Gasteiner Tal kommen, was sich jedoch als sehr unangenehm, da ziemlich turbulent, herausstellt, weswegen wir dort nicht lange verweilen und nach Südwest auf die gegenüberliegende Talseite abbiegen. Der Talsprung dauert gefühlt wieder ewig, weil jeglicher Bezug zur Geschwindigkeit fehlt, wir erreichen aber doch irgendwann einen markanten Grat, von dem ich annahm, dass es dort wieder nach oben gehen kann. Das tut’s allerdings nicht so richtig, wir müssen suchen und ein wenig kämpfen und auf etwaige Lee-Situationen aufpassen, denn der überregionale Wind kommt tendenziell aus Nord, weswegen wir immer möglichst über dem Grat bleiben und nicht auf einer Seite unter die Schneide fliegen dürfen. Nach einigen Kreisen und Kurven mit ein bisschen rauf aber meistens runter entscheide ich mich dazu, mich auf den Weg zurück übers Tal in Richtung Landeplatz zu machen. Astrid hat’s mit der Höhe besser erwischt, biegt aber mit mir ab als meine Flugrichtung eindeutig angibt, was ich vorhabe. So tuckern wir wieder zurück, die Höhe ist komfortabel und reicht aus, auf der Talseite, wo die Bahn fährt, noch ein wenig im Hangaufwind zu fliegen. Das bringt für die XC Kilometer nix, aber wenn’s sowieso nicht runtergeht, können wir auch weiterfliegen. Aber so nach weiteren zwanzig Minuten wird’s mir fad und ich möchte mich dem gruseligen Landeplatz widmen. Während ich im Hang hin- und herflog konnte ich einen anderen Fliegenden beobachten, wie er den Landeplatz anfliegt und beschloss, das genauso zu machen. Ich biege ins Tal ab, um dem Hangwind zu entgehen, baue über eine Spirale etwas Höhe ab und bewege mich in Achten auf den Landeplatz zu, behalte die Stromleitungen und meine Höhe über Grund im Auge, dazwischen immer wieder Steigen, was alle paar Sekunden eine Planänderung erfordert. Immer noch zu hoch, noch eine Kurve, Kurs korrigieren, Häuser und Stromleitungen checken, sinken, steigen, sinken, steigen, 210° Kurve, nochmal checken, jetzt könnte es passen, ich überfliege den tiefsten Zipfel der Landewiese und habe wieder Steigen. So’n Kack, das Gras kommt erstmal nicht näher, doch als plötzlich das Steigen schlagartig aufhört, ist leider in Bruchteilen einer Sekunde der Boden da. Aufschlag. Ich stürze auf meine Knie, der Schirm knallt mit der Eintrittskante in die Wiese, Durchbremsen hatte keinen Effekt. Was für ein Scheiß, ich hab’s geahnt. Ich muss tatsächlich kurz innehalten und fühlen, ob irgendetwas an mir kaputt gegangen ist als auch schon mein Telefon klingelt. Manuel ist dran und will wissen, ob ich mir weh getan habe. Er und Alex sitzen im Café beim Schwimmbad und konnten von der Terrasse aus meine verkackte Landung beobachten. Priml. Ich fühle mich wieder mal so, als könne ich gar nix. Dieser sensationelle Flug, ein fast 17 XC Kilometer großes FAI Dreieck, endet mit der schlechtesten Landung seit Monaten. Immerhin tut nur das weh, was vorher schon weh tat, mein Fuß. Ist also nix weiter passiert. Kurze Zeit später landet auch Astrid, die zwar mit den gleichen Schwierigkeiten zu tun hat, diese aber beherrscht und auf ihren Füßen aufsetzt. Wir packen zusammen, ich fluche dabei leise vor mich hin und humpele in der Gegend rum bis alles verstaut und im Auto ist. Als wir uns auf den Weg ins Café machen, kommt Kiki angeflogen und landet, wie eine Elfe. Sie hatte ebenfalls einen tollen Flug, möchte aber nicht mehr mit ins Café, weil ihr die Zeit etwas im Nacken sitzt und sie möglichst bald auf den Heimweg will. Wir verabschieden uns von ihr, wohl wissend, dass wir uns ziemlich sicher an unseren Hausbergen bald wieder über den Weg laufen werden. Dann Kaffee&Kuchen und eine große Schorle mit Alex und Manuel. Die zwei berichten ein wenig von der letzten Nacht am Berg, was für die beiden ein besonderes Erlebnis war und was sie schon lange vorhatten, zu tun. Manuel hatte zusätzlich den Auftrag eines Angehörigen einer abgestürzten Bergsteigerin, ein Marterl auf dem Steig zur Schönfeldspitze zu montieren, ein Auftrag, der Demut lehrt. Leider trug sich im weiteren Verlauf der Nacht in einer anderen Gruppe fast noch eine Schlägerei in der Berghütte zu. Was soll ich sagen. Angesoffene Testosteron-Heinis mal wieder. Unausgeglichene Gorilla-Männchen.
Als das kleine Sit-In sich dem Ende zuneigt, beschließen Astrid und ich, doch noch bis nach Hause zu fahren. Wir hatten noch überlegt, montags von unterwegs zu arbeiten, doch die Zeit und der Straßenverkehr am späten Nachmittag waren noch so, dass wir ganz gut durchkommen können. Unterwegs hielten wir an der Moosmühle in Huglfing, die wir bereits von früheren Ausflügen kannten und bekamen trotz später Uhrzeit und eigentlich schon geschlossener Küche noch ein leckeres Schnitzel mit Pommes, mit dem wir die letzte Stunde Fahrt schaffen konnten.
So, jetzt kennen wir auch das berühmte Fluggebiet Greifenburg, haben alle Flüge für den B-Schein im Sack und unsere Flugplanung für Golzentipp konnten wir ebenfalls noch samstagsabends bei Andi einreichen. In der Woche drauf meldete er sich mit der guten Nachricht, dass er alle erforderlichen Unterlagen an den DHV weitergegeben hat und wir nur noch auf Post warten müssen, die unsere neue Lizenz und die IPPI-Cart Stage 5 enthält. Chaka.









