Nord-, Süd- und Osttirol, 20.06.-30.06.2026
Bergsteigen fällt von vornherein aus, denn mit gesundheitlichen Einschränkungen ist das eine ziemlich blöde Idee, Fliegen allerdings lässt da ein wenig mehr Spielraum und nachdem wir für die ersten Tage die Wettersituation bewertet hatten, fiel die Wahl fürs erste Ziel aufs Stubai in Nordtirol. Ursprünglich hatten wir uns für diese Zeit um Bergführer fürs Matterhorn bemüht, die Bedingungen wären Mitte/Ende Juni perfekt gewesen, doch das hat leider nicht geklappt und somit entfiel die Notwendigkeit, Akklimatisationstouren machen zu müssen und so blieb am Ende der Infekt, den wir uns eingefangen hatten, ohne größere Auswirkung auf unsere Aktivitäten. Mit den Seilbahnen in Neustift und Fulpmes erreicht Frau ohne nennenswerte Mühe mehrere Startplätze an Elfer und in Schlick2000, wo mir vor sehr vielen Jahren mein Freund Paul versucht hat, das Skifahren beizubringen, und die Wetterprognose versprach für ein paar Tage anspruchsvolle aber für uns fliegbare Bedingungen, obwohl ich hinterher sagen kann, dass es grenzwertig und für mich mental sehr anstrengend gewesen ist. Als kleine Herausforderung stellte sich die Wahl für den Übernachtungsplatz heraus, denn es gibt im ganzen Tal nur zwei kleine Campingplätze, die mehr oder weniger voll waren und wild irgendwo stehen wird mit hohen Strafen belegt, mal abgesehen davon, dass das kaum möglich ist, wenn Frau nicht für jeden Meter das Auto bewegen möchte.
Für die ersten 1-2 Nächte konnten wir auf dem CP in Neustift unterkommen, von dem aus fußläufig die Elferbahn erreichbar ist, mit der wir sonntags zu unserem ersten Flug im Urlaub aufbrachen, zu dem sich überraschend die liebe Gisa gesellte, die wir bei einem unserer Sicherheitstrainings am Idrosee das erste Mal trafen und die ganz frisch nach Innsbruck umgesiedelt ist und hier im Stubai öfter fliegt. Wir fahren gemeinsam hoch, quatschen schön, treffen am Startplatz noch eine Freundin von ihr und haben es nicht eilig, in die Luft zu kommen, denn es ist erst gegen 10 Uhr und von Thermik noch keine Spur.
Astrid und ich sind vor 3 Jahren schonmal hier gewesen als wir am Nova Hike&Fly Testival das erste Mal teilnahmen und die Flugbedingungen am letzten Tag dieses Events ins Stubai schickten. Damals waren wir noch Newbies, aufgeregt ob des neuen Fluggebiets mit Schiss vor dem Talwind und hinterher stolz wie Bolle, mit unseren Pi3s beim Hangsoaren mal länger als 10 Minuten geflogen zu sein. Heute sitzen wir am gleichen Startplatz und warten, bis die Thermik so richtig angeht, denn obwohl wir keine Erwartungshaltung an diesen ersten Flug haben und auch nicht so ganz klar ist, wie sich der Infekt bei Astrid auswirkt, so stellen wir uns doch vor, ein bisschen Spazierenfliegen zu können, um mal einen groben Überblick von oben gewinnen zu können.
Es ist relativ viel los, Flugschulen sind am unteren Ende des langen Starthangs zugange, unglaublich viele Tandems sind unterwegs, die meisten Freifliegenden verteilen sich zwischen Flugschulstartplatz und Elferhütte den Hang hoch, was die Lage etwas entspannt, wir haben uns irgendwo in der Mitte einen Platz zum Starten ausgesucht, machen uns fertig, als bei den ersten in der Luft Steigen zu beobachten ist und starten fein kurz nach Mittag. Das kleine Take-Off-Seminar bei Erika Mitte März zahlt sich wirklich aus. Obwohl es nur zwei Tage gewesen sind, so hatten wir doch exklusiv Zeit und Gelegenheit, tatsächlich die Startkompetenz zu verbessern und seitdem fühle ich mich auch beim Rückwärtsaufziehen deutlich sicherer, was in der Folge auch das Starten bei mehr Wind zulässt, der gerade an thermisch aktiven Tagen häufig durch Ablösungen verursacht wird.
Wir bleiben zunächst im Bereich des Startplatzes, finden Aufwind und Thermik, fliegen ein wenig in der Gegend rum, testen Wald- und Geländekanten auf Ablösungen, die Luft ist schon ganz schön bockig, doch so richtig geht’s für uns heute nicht nach oben und weil mir/uns dabei schnell langweilig wird, fliegen wir auf die andere Talseite, um uns dort mal ein wenig umzuschauen, doch dabei vernichten wir so viel Höhe, dass die Landung unausweichlich wird. Nach etwa einer dreiviertel Stunde in der Luft landen wir sicher in Neustift. Gisa und ihre Freundin sind bereits eine Weile vor uns gelandet und schon wieder auf dem Weg nach oben für einen zweiten Flug. Wir hingegen entscheiden, dass es uns für den ersten Tag genügt, das letzte, was wir brauchen, ist Stress und Druck. Nachdem die beiden ebenfalls wieder gelandet sind, ihre Flugzeuge zusammengepackt haben, machen wir uns auf die Suche nach Kaffee/Kuchen/Eis und wenige Minuten später läuft uns Jojo über den Weg, bei der wir letztes Jahr schon ein XC-Seminar und ein women-only Sicherheitstraining am Idrosee machten. Wir hatten uns vorab bei ihr gemeldet, dass wir ins Stubai kommen, weil wir uns sehr freuen würden sie zu treffen, doch im Gegensatz zu uns ist das Stubai ihr Arbeitsplatz als Fluglehrerin und Tandempilotin und dementsprechend eingespannt ist sie und deswegen freuen wir uns über einen kleinen Drücker aber wollen sie dann auch nicht länger belagern oder gar ihre Freizeit strapazieren.
Nach Kaffee/Kuchen löst sich unsere kleine Runde, zu der sich eine weitere Pilotin mit zwei Kumpels gesellte, auf und auf dem Weg zurück zum Campingplatz laufen uns Katrin und René über den Weg. Die nächste Überraschung. Katrin haben wir das erste Mal auf dem Frauenfliegenfest in Lenk vor einigen Jahren getroffen und seitdem begegnen wir uns immer wieder mal. Die beiden sind supernett und so verabreden wir uns für den nächsten Tag zu einem gemeinsamen Flug.
Astrid und ich kramen abends ein ältere Flugplanung aus, die wir mal als Überprüfungsflug für den B-Schein erstellt hatten und irgendwie lag die Idee nahe, den mal zu versuchen zu fliegen. Damals haben wir die Planung nicht umgesetzt, weil es nicht nötig war und weil es uns auch in eine andere Gegend verschlug. Jetzt wäre eine gute Gelegenheit, das mal zu versuchen. Katrin und René hatten für den nächsten Tag geplant, mit dem Bus nach Fulpmes zu fahren und dort die Seilbahn zum Startplatz Kreuzjoch zu nehmen, wo man aufgrund der Ausrichtung nach Osten, d.h. dort scheint in der Früh bereits die Sonne auf den Hang, früher starten kann und gute Chancen auf Thermik vor Mittag hat, was auf Nachfrage auch von Jojo bestätigt wurde, man könne sehr gut von dort in Richtung Süden bis zum Gletscher fliegen und auf der anderen Talseite zurück, was locker einen 40km-XC-Flug zaubert. OK, wir backen, glaube ich, erstmal kleinere Brötchen, wären schon froh, einen nächsten Talsprung nach Süden zu schaffen und danach die Karten neu zu mischen, doch prinzipiell ist das eine super Idee und wir schließen uns Katrin und René an.
Die Bushaltestelle ist nur wenige Minuten vom Campingplatz entfernt, mit der Übernachtung auf dem Campingplatz sind die öffentlichen Nahverkehrsmittel inklusive und so liegt es nahe, das Auto stehen zu lassen, zumal die geplante Landung unter der Prämisse, dass keine Außenlandung nötig wird, wieder in Neustift sein soll und wir auf diese Weise praktisch mit dem Gleitschirm zu unserem Ausgangspunkt zurückkommen.
Es ist heiß, der Bus ist übervoll, ein oder zwei Haltestellen nach unserem Einstieg quetschen sich Katrin und René noch rein, es ist Urlaubszeit, alle wollen in die Höhe, um der Hitze zu entfliehen und als wir nach einer gefühlten Ewigkeit endlich an der Talstation der Seilbahn aussteigen können, geht ein Raunen der Erleichterung durch die Reihen.
Mit der Seilbahn hochgefahren, wartet ein neuer Startplatz auf uns. Katrin und René kennen ihn schon und geben ein paar Infos dazu, aber alles in allem gibt es keine nennenswerten Besonderheiten. Der Wind passt, er ist lang genug, hat genug Gefälle, so dass Frau über das niedrige Gestrüpp am unteren Ende gut drüber kommt, und ansonsten gilt’s halt, sich fertig zu machen und in die Schlange zu stellen, denn natürlich haben andere Pilot:innen auch gespannt, dass es hier heute gut funktionieren wird.
Unsere Starts gegen 11:30Uhr sind Zucker und dann geht’s nach sehr kurzer Suche auch sofort aufwärts, erst über die Bergstation, dann über den ersten kleinen Gipfel und dann schlägt der leichte Nordwind zu als ich über die Kante komme, wo sich die thermischen Ablösungen auf der Ostseite mit eben diesem schicken Wind aus nördlichen Richtungen treffen. Innerhalb weniger Sekunden wird es richtig sportlich in meinem Cockpit, die Turbulenzen sind heftig, ich werde gut durchgerüttelt und meine Hände arbeiten, wie eine Nähmaschine daran, den Druck in den Steuerleinen zu behalten. Ich hab‘ Puls und denke kurz darüber nach, ob ich rausfliegen und landen gehen soll, weil mich das mental gerade überfordert. Ich entscheide mich anders, denn ich bin in wenigen Minuten etwa 800m überm Grat und kann den turbulenten Bereich nach Süden verlassen, folge dem Grat, wo es ein klein wenig ruhiger wird und steige dabei auf über 3000m. Astrid ist auf dem gleichen Weg, allerdings hat sie irgendwo oder irgendwie viel Höhe verloren und kämpft unter mir im Gipfelbereich des Hohen Burgstalls um jeden Meter, während ich knapp unter 3100m in eine Art Warteposition gehe, mich nicht in die Wolken ziehen lasse, und weiter beobachte, ob sie’s schafft, genug Höhe für den Talsprung rüber in Richtung Seblasspitze zu machen. Leider erwischt sie dabei eine etwas merkwürdige und für uns kaum zu erklärende Situation, denn aus gefühlt heiterem Himmel fällt sie für eine kurze Zeit plötzlich senkrecht nach unten. Ich hab’s leider von oben nicht gesehen, doch wir vermuten, dass ein großer Frontklapper für den Stopp der Vorwärtsfahrt gesorgt hat, der sich aber sehr schnell wieder öffnete, wie Astrid berichtete, die beim Hochschauen nur noch sehen konnte, wie sich die letzten Zellen wieder füllten. Sie behält die Nerven, findet anschließend genug Steigen und als sie die Entscheidung für den Sprung nach Süden über den Taleinschnitt trifft, folge ich einfach. Überm Tal ist die Luft deutlich ruhiger, aber natürlich auch ohne nennenswertes Steigen, ich höre das Schaf in meinem Vaio, mööööhhhhh…., und trete halb in den Beschleuniger, unter anderem auch, um Astrid hinterher zu kommen. Ich fliege mit weniger Flächenbelastung und lerne zwei Wochen später, als mein Schirm zum Check ging, dass meine gesamte C-Ebene verkürzt war. Beim Fliegen habe ich davon weder vor noch nach der Korrektur etwas bemerkt, außer eben, dass ich ein klitzekleines Bisschen langsamer flog als Astrid.
Wir erreichen den gegenüberliegenden Hang und ich habe den Vorteil, mit etwas mehr Höhe den Grat vor mir ansteuern zu können, wohingegen Astrid weiter in die Ostflanke ausweichen muss. Es beginnt erneut, bockig zu werden, doch wir schaffen es beide, aus diesen Positionen heraus wieder genug Höhe zu generieren, um über den weiteren Flug eine Entscheidung zu treffen. Für einen Weiterflug über die nächsten Gipfel nach Süden bis zum Gletscher hängt eindeutig die Hose zu weit unten, deswegen biegen wir rüber zum Elfer und Zwölfer ab, d.h. es geht übers Stubaital quer drüber auf die andere Seite. Bisschen witzig, ich muss bei der Aktion an die Pilotin denken, der im Pinzgau neulich eine Cessna den Schirm über ihr weggerissen hat, und schaue, als ob ich über die Straße will, erst links und rechts ob frei ist, bevor ich wieder halb in den Beschleuniger trete, um das Tal auf etwa 3000m halbwegs zügig zu überqueren. Als ob das was nützen würde. Gleitschirmfliegende sind für praktisch alle anderen Luftfahrtteilnehmenden stehende Hindernisse. Aber egal. Ich habe erneut etwas mehr Glück mit der Höhe als Astrid und halte genau auf den Westgrat des Zwölfers zu, wo ich mir bei Ankunft den Anschluss in neues Steigen erhoffe. Astrid steuert derweil über den darunterliegenden Wald, wo an diversen Kanten auch gerne die Thermik abreißt und nach oben steigt, doch der Plan geht leider nicht ganz so gut auf. Aus den Augenwinkeln beobachte ich beim Thermikkreisen am Zwölfer, wie sie weiter in Richtung Startplätze am Elfer fliegt, denn dort geht’s auf jeden Fall wieder rauf und als ich den Gipfel überhöhe, drehe ich in ihre Richtung und fliege ihr über den Elfer hinweg, wo ich nochmal etwas Höhe generiere, nach, während ich noch schnell ein paar Wandernden beim Überfliegen winke. Die Bedingungen sind nach meinem Empfinden auf dieser Seite nicht mehr ganz so bockig, ich kann mich zwischendurch auch mal kurz entspannen. Die Startplätze am Elfer überfliege ich wieder auf fast 3000m und beginne mich zu fragen, wo es noch hingehen soll, mit so viel Höhe gäbe es mehrere Optionen, allerdings bin ich nach etwa einer Stunde in so anspruchsvoller Luft einigermaßen durch in der Birne und beschließe, es nicht übertreiben zu wollen. Ich möchte an der Kesselspitze, die nach einem kleinen Talsprung nördlich vorbeikommt, nochmal versuchen, den Gipfel zu überfliegen und dann schau mer mal. Mir fällt auf, dass dort niemand fliegt, was eher ein schlechtes Zeichen ist, doch ich verstehe nicht, warum das so ist, denn die Sonne bescheint auch diese Seite, etwaige offensichtliche Lee-Situationen kann ich beim aktuellen Wind nicht ausmachen, also gibt es keinen Grund, nicht dorthin zu fliegen. Am ersten Grat, den ich erreiche, geht’s auch wieder rauf, allerdings nicht ganz so, wie ich mir das erhoffte und es genügt nicht, um über Gipfelhöhe zu kommen. Nach mehreren erfolglosen Anläufen lasse ich das dann und suche unter den anderen Schirmen nach Astrid, die ich aber nicht erkennen kann. Inzwischen sagt mir mein Vario, dass ich bei fast 20km XC-Strecke angekommen bin, was ich vorher noch nie erreicht hatte und dann kommt mir die grandiose Idee, wenn ich nun wieder übers Tal in Richtung Startplatz am Kreuzjoch fliege, habe ich vielleicht die Chance, ein FAI Dreieck zusammen zu bekommen. Nicht, dass ich jetzt irgendwie scharf wäre auf möglichst viele XC-Punkte, es ist eher die Erkenntnis, beim Fliegen über so etwas nachdenken zu können und dann auch noch zu tun, was durch meine Synapsen flitzt. Ich biege nach Nordwesten ab, steige in den Beschleuniger als die Luft das Blubbern aufhört und fliege schnurstracks auf die Bergstation am Kreuzjoch zu. Meine Höhe reicht auf jeden Fall locker, um Hin- und dann den Rückweg zum Landeplatz zu schaffen, wobei ich lediglich den Hang auf der anderen Seite erreichen und nicht bis zum Grat hochfliegen möchte. Unterwegs entdecke ich Astrid wieder, die lustiger Weise offensichtlich ähnliche Gedankengänge hatte und schon am Hang auf der anderen Seite rumkurvt. Dort angekommen ist es jedoch so bockig, dass ich endgültig keine Lust mehr auf Rumpelei hab‘ und, wie Astrid, ebenfalls zum Landeplatz abbiege und nach etwas Höhe abbauen sanft aufsetze. Kurz darauf merke ich, dass das meiner und Astrids bisher längster XC-Flug war mit der bisher größten je beim Fliegen erreichten Höhe. Das hat uns ein klein wenig stolz gemacht, denn das war alles andere als einfach und ich hätte mich schon am Anfang fast zum Aufgeben hinreißen lassen. Ein kleiner Meilenstein. Außerdem haben wir dafür nur etwa 1,5 Stunden benötigt, d.h. wir flogen sogar für unsere Verhältnisse effizient, haben nicht so viel Zeit mit Thermikkreisen verdaddelt und mit dem Beschleuniger auch was aus der Höhe gemacht, indem wir schneller mehr Strecke zurücklegten. Merken.
Am Landeplatz treffen wir Katrin und René wieder, die auch gerade zusammengepackt haben und machen uns mit ihnen gemeinsam auf die Suche nach einer Eisdiele. Das haben wir uns verdient und es läuft bei der Hitze im Tal richtig gut rein. Nach der Verabschiedung, wackeln wir erst zur Apotheke, Nachschub an Medikamenten besorgen, dann zum Camper, den wir nach erneuter Verlängerung auf dem Campingplatz auf einen neuen Stellplatz rücken müssen und dann bin ich platt. Nach zwei Tagen im Gurtzeug durchgeschüttelt zu werden, nehmen wir uns für den nächsten Tag etwas anderes vor. Fliegen in ruhiger Luft. Das geht zu dieser Zeit nur, wenn wir deutlich vor Mittag starten.
Astrid fühlt sich am nächsten Morgen fit genug, um mit der leichten Ausrüstung zu Fuß zum Elfer-Startplatz hoch zu gehen und so starten wir schon kurz vor 9 Uhr mit einem spürbar leichteren Rucksack mit Flugstrapse drin und Bergsteigeschirm durch den schattigen Wald nach oben. Unsere leichten Schirme sind wir lange nicht geflogen, ich freue mich ein bisschen darauf. Der Weg zieht sich bloß ziemlich, gerade das letzte Stück von der Autenalm ist lang, wo man mit nur wenig Höhengewinn mehrere Kilometer den Hang bis zur Bergstation der Bahn queren muss, und man kann es drehen und wenden, wie man will, am Ende sind fast 1000 Höhenmeter zu erklimmen, bis der Startplatz erreicht ist. Oben angekommen, machen wir uns nach einer kurzen Verschauf- und Futterpause für den Flug fertig, ziehen um 12 Uhr unsere Schirme auf und starten fein, heute sind wir das Pi3-Pärchen. Obwohl ich schon ein klitzekleines Bisschen den einen oder anderen Flecken mit steigender Luft finde und nutze, so dauert der Flug mit dem Bergschirm mit einer relativen Höhe von etwa 900 Metern kaum eine Viertelstunde, doch das macht überhaupt nix, denn die Luft war tatsächlich noch ruhig und wir genossen es einfach, mal nicht von der ersten bis zur letzten Sekunde in Aktion sein zu müssen. Die Landung wird kurz spannend, denn der Talwind ist kurz nach Mittag schon so stark, dass ich mit dem Pi3 im Endanflug fast stehenbleibe und gleichzeitig sind unmittelbar im Landebereich noch zwei andere Freifliegende und ein Tandem um mich herum. Alle sind jedoch aufmerksam, wir halten genügend Abstand, niemand kommt so nah überm Boden in irgendeine Bredouille.
Weil es auch an diesem Tag wieder um die 40°C heiß ist, schwingen wir uns nach dem Fliegen und einer kurzen Pause aufs Fahrrad und fahren zum Badesee in Kampl, von dem Gisa bereits zwei Tage zuvor erzählte und den wir aus der Luft schon gesehen haben und springen rein. Frau muss es mögen, es gibt viele Pflanzen im Wasser und natürlich die Hinterlassenschaften diverser Vögel, doch es tut auch gut, etwas abkühlen zu können.
Wir bleiben noch einen Tag hier zum Fliegen bevor wir nach Südtirol umsiedeln wollen, checken am Campingplatz aus, parken unser Riesenbaby um und nehmen die Bahn rauf, heute wieder mit unserem Streckenflugzeug. Der Plan ist, dass wir heute beide den Elfer überfliegen und vielleicht auch die Kesselspitze, was mir vor zwei Tagen nicht gelungen ist, aber ansonsten haben wir keine großen Erwartungshaltungen an den Flug. Unsere Starts sind wieder Zucker, ich schaue immer noch jedes Mal zu meinem Schirm rauf, wenn der Boden unter mir weggegangen ist und empfinde unglaublich viel Freude, dieses Privileg zu haben, in so einer Kulisse fliegen zu dürfen. Das ist wirklich irre. Weil wir heute schon ein paar Minuten vor Mittag starteten, müssen wir ein wenig suchen, bis wir die notwendigen Thermikbärte finden, die uns schön weit nach oben tragen, allerdings muss ich mich heute wieder mental überwinden, das Geschaukel in meinem Kopf zuzulassen, denn an den Bedingungen hat sich nach wie vor nichts geändert, es ist bockig, die integrierten Steigwerte erreichen fast 5m/s, die momentanen „Anreiß“-Beschleunigungen liegen in manchen Fällen bei über 10m/s. Das ist sehr sportlich, weil es über die gesamte Flugzeit von etwa 1 Stunde 20 Minuten keine Pause gibt und jede Sekunde Flug 100% meiner Aufmerksamkeit benötigt. Der Windversatz in einer der ersten Thermiken schiebt uns beim Aufdrehen bereits in Richtung des Gipfels der Elferspitze, über der es dann nochmal richtig nach oben abgeht und was uns beide auf unsere bisher höchste, mit dem Gleitschirm je erreichte Höhe von über 3200m bringt. Das ist echt abgefahren, alles wird winzig, gleichzeitig ist es für mich spooky, so weit oben allein in meinem Gurtzeug zu sitzen, der Wind, das ständige Durchrütteln, das konstante Fühlen und unablässige Korrigieren des Steuerdruckes und obwohl ich manchmal stark zweifele, ob ich das überhaupt unter Kontrolle habe oder es einfach nur Glück ist, dass bisher kaum etwas beim Fliegen passiert ist, scheint es doch so zu sein, dass ich nicht alles falsch mache. Astrid und ich reflektieren solche Situationen oft untereinander, denn auch sie hegt Zweifel, ob wir tatsächlich so coole Socken sind, oder uns pure Naivität alle Risiken vergessen lässt.
Mit dieser unglaublichen Höhe, die wir über der Elferspitze erreicht haben, fliegen wir wieder in Richtung Norden, überqueren das Startgelände und halten auf die gegenüberliegende Kesselspitze zu, wo wir nach Ankunft erneut Anschluss nach oben suchen und finden, doch so der letzte Schwung, der nötig wäre, um sicher den Gipfel überfliegen zu können, kommt irgendwie nicht zusammen, ich schaffe es nur auf Augenhöhe zum Gipfelkreuz. Das schöne hier ist, es fliegt niemand um uns herum, wir sind praktisch allein, was bei der Menge an Gleitschirmen in der Luft ein wenig merkwürdig erscheint, doch die allermeisten Pilot:innen verlassen generell das Startgelände, in dem sie Aufgezogen haben nicht wirklich, sondern bleiben sozusagen immer im Safespace um den Landeplatz herum, so, wie Astrid und ich das auch immer getan haben.
Ich versuche noch ein letztes Mal, mit 2-3 Kreisen die letzten Meter zusammenzubekommen, steige dabei jedoch einfach nicht mehr und als ich sehe, dass Astrid bereits zum Talsprung in Richtung Kreuzjoch auf der anderen Talseite gestartet ist, drehe ich in ihre Richtung und folge ihr mit ein klein wenig mehr Höhe und trete 50% in meinen Beschleuniger als es etwas ruhiger wird, um ihr überhaupt nachzukommen. Die Idee dahinter ist es, wieder ein kleines FAI Dreieck zu fliegen, wie zwei Tage zuvor auch, d.h. zusätzlich zum Start- und Landepunkt 3 weitere Umdrehpunkte auf der Flugstrecke zu haben, die zusammen ein mehr oder weniger gleichschenkliges Dreieck bilden. Mit dem Flug auf die andere Talseite, könnte das wieder passen. Astrid kommt etwa auf halber Hanghöhe an, doch ihr ist es deutlich zu turbulent, sie verlässt diese Stelle sofort, fliegt etwas weiter zurück ins Tal und dreht nach Süden mit der Absicht, den Landeplatz anzufliegen. Bei mir schaut’s etwas anders aus, ich komme nur wenig unterhalb des Startplatzes am Kreuzjoch an, finde sofort wieder Steigen und denke mir, das nehme ich jetzt noch mit. Es ist schon rumpelig wie Sau, doch das Fell wird dicker mit der Zeit, ich drehe weiter auf, übersteige die Bergstation und kurz darauf den Grat und dann geht die Luzi richtig ab. In ganz kurzer Folge wird mein Schirm zweimal hintereinander von den Turbulenzen überm Grat, die aus ostseitig aufsteigender Thermik und überregionalem Nordwind entstehen, zusammengefaltet und mein Fluchtversuch den Grat entlang, wie vor zwei Tagen, bringt keine Verbesserung. Danke an meine letzten Sicherheitstrainings, aber jetzt reicht’s mir ebenfalls, ich möchte nicht mehr in der Luft sein, weg hier, ins Tal raus und als es endlich wieder ruhiger wird, merke ich, dass ich ganz schön Puls hab‘. Das war knapp. Hätte auch schiefgehen können.
Mit meiner vielen Höhe überquere ich zunächst das Tal erneut auf die Elferseite, wo ich knapp unter der Bergstation ankomme, kratze dort noch ein wenig am Hang rum und entscheide mich dann dazu, auf dem Weg zum Landen noch zu rollen und zwei Steilspiralen zu fliegen. Übung macht die Meisterin und bevor ich meine Höhe irgendwie „verdaddele“ nutze ich sie lieber, bevor ich luvseitig in meinen Gegenanflug gehe. Wind macht das Landen irgendwie einfacher. Ich liebe es, am Ende des Gegenanflugs meinen Schirm in den Wind zu drehen und dann über die Dosis meiner Körperlage und der Bremse auf der Gegenseite im Queranflug in den Landeplatz hinein zu driften, womit ich die Vorwärtsfahrt im Gegenwind und die Höhe super einschätzen kann und noch nie eine Landung daneben ging. Selbst bei über 20km/h Talwind nicht.
Die Rechnung, ein FAI Dreieck zu fliegen ging auf, fast 20km XC Strecke kommen in 1 Stunde 16 zusammen und ich merke erneut, dass es beim Wunsch nach längeren Strecken sehr auf effizientes Fliegen ankommt. Einen Teil dieser Effizienz erreicht Frau schon, bevor sie den Schirm aufzieht, indem sie sich vorher Gedanken über die Strecke mit mehreren Optionen gemacht hat, und nach dem Start in die Umsetzung gehen kann. Spazierenfliegen ist zwar auch schön, doch ein Ziel zu haben hilft, es auch zu erreichen.
An diesem Nachmittag fragt unsere liebe Freundin Janina nach dem Campingplatz in Sand in Taufers, von dem wir so schwärmten, wie der heißt und wo genau der zu finden ist. Ich gebe gerne Auskunft und hänge an, dass wir dort für den übernächsten Tag einen Stellplatz für eine Nacht ergattern konnten und wenn sie dorthin käme, könnten wir zusammen fliegen. Das wäre voll schön.
Unsere Reise geht weiter, wir verlassen das Stubaital, hüpfen über den Brenner, biegen in Brixen ins Pustertal auf die Straße nach Bruneck ab, viel Verkehr, wie immer, und erreichen bald darauf Sand in Taufers. Wir sind einen Tag früher als geplant, fragen im Såndgøld Alpine Glamping nach, ob wir bereits für heute einen Platz bekommen können, doch da sind nur noch die großen und ehrlich gesagt für uns zu teuren Plätze frei. Wir ratschen schön mit dem Menschen an der Rezeption, der uns sofort wiedererkannt hat, Daniele mit der etwas schrägen Brille, nehmen noch einen Kaffee und verabschieden uns bis zum nächsten Tag. Der Plan B für die Nacht ist der offizielle Camperstellplatz gegenüber der Talstation Speikboden, nur wenige Fahrminuten entfernt, wo außer uns nur noch ein einziger Camper steht. Dort führt leider unmittelbar die Hauptstraße ins Ahrtal vorbei und weil wir werktags übernachteten, ging schon sehr früh morgens der Verkehrslärm los. Für eine Nacht war es OK, länger möchte ich hier nicht stehen. Es geht am nächsten Morgen gemütlich los, denn wir überlegten uns abends schon, dass wir heute von Ahornach aus fliegen wollen, denn irgendwie hat’s dort mit dem Wind besser gepasst als am Speikboden, doch wir nehmen den Bus von Sand nach Ahornach, weil es uns schlicht zu heiß für einen Aufstieg zu Fuß ist und Astrid nach der Erfahrung mit dem Hike & Fly im Stubai sich immer noch nicht fit genug fühlt. By the way, auf dem Weg über den Brenner bemerkte ich mit beginnenden Halsschmerzen, die von da an fast noch 3 Wochen anhielten, dass der Infekt nun auch mich erreicht hat, aber wenigstens fühlte ich mich körperlich ganz gut und hatte keine nennenswerten Einschränkungen.
Wir parken unser Riesenbaby direkt am Landeplatz beim Schwimmbad, wo es tatsächlich immer noch kostenfrei ist, schultern unsere Flugzeuge, machen uns zu Fuß auf den Weg zur Bushaltestelle, von wo aus der Bus zur Kirche nach Ahornach rauffährt. Daniele vom Campingplatz hatte uns freundlicherweise bereits die Gästekarten geschickt, sodass die Benutzung der Öffis inbegriffen ist. Von der letzten Haltestelle im Ort sind es etwa 15 Minuten über die Straße per pedes zum Startplatz, die Sonne brennt schon wieder ganz ordentlich und wir sind froh, nicht den ganzen Weg durch den Südhang hinauf zu müssen. Unter normalen Umständen wäre das kein Problem, wir haben das im Winter, als wir hier waren, mehrmals gemacht, doch mit Infekt und 40°C im Schatten ist es schlau, sich nicht ganz tot zu machen.
Am Startplatz ist eine deutsche Flugschule zugange, denen wir ein wenig zuschauen und deren Schüler:innen bemerkenswert gut starteten und als der Platz sich größtenteils geleert hat, machen wir uns fertig, legen aus und starten, bevor der Flugschulbus die nächste Ladung Menschen ausspuckt. Astrid startet als erste, biegt sofort nach rechts ab, denn in der Thermikkarte ist dort ein kleiner Grat eingezeichnet, an dem gewöhnlich Steigen zu finden ist und genauso finden wir das auch vor. Es geht rauf und zwar ganz ordentlich mit bis zu 4m/s. Uns ist zu diesem Zeitpunkt bewusst, dass Starten hier nur möglich war, weil der überregionale Nordwind von den thermischen Ablösungen am Südhang überlagert wird und dass diese Ablösungen als wir kurz vor 13 Uhr aufziehen recht heftig sein werden. Worüber ich mir wieder mal keine Gedanken gemacht hatte, ist der Umstand, dass diese beiden „Strömungen“ sich irgendwo über mir treffen müssen. Ich halte mich zwar von den offensichtlichen Kanten fern, die nach meinem Empfinden für Turbulenzen sorgen könnten, doch es erwischt mich dann doch irgendwann in meinen euphorischen Bemühungen, schön viel Höhe zu machen, obwohl ich mich mental nicht wirklich wohl fühle, weil ich schon wieder seit dem Start in meinem Gurtzeug hin und her geworfen werde. Eine Flügelseite klappt kurz ein, öffnet aber sofort wieder, für meinen Kopf wächst daraus der Wunsch nach Kaffee und Kuchen, weswegen ich nach Süden in Richtung Landeplatz abbiege und mir davon verspreche, in ruhigere Luft zu kommen und mich auf eine saubere Landung vorzubereiten. Der Plan geht nicht auf, ich steige im Geradeausflug überm Talboden auf über 2000m und erst als ich fast die nächste Ortschaft erreicht habe, beginne ich endlich zu sinken, drehe zurück zum Landeplatz, fliege mehrere kurze Spiralen und nachdem der etwas konfuse Wind am Boden mir eine Richtung für den Endanflug vorgibt, setze ich sanft auf.
Am Landeplatz berichten uns die Flugschüler:innen, die wir dort antreffen, dass das Fliegen eingestellt wurde, nachdem der Fluglehrer uns beiden zugeschaut hatte, wie wir aus seiner Perspektive katapultmäßig nach oben wegschossen, was ihm für seine Schützlinge eindeutig zu anspruchsvoll erschien. Möglicherweise eine gute Entscheidung.
Es ist Zeit, auf den Campingplatz umzuziehen, wo wir für die nächste Nacht einen Platz haben und der sich quasi direkt neben dem Landeplatz befindet. Wir richten uns am Stellplatz ein, hängen Strom an, füllen unsere Wasservorräte ein klein wenig auf, nehmen eine Dusche und dann gibt’s endlich Kaffee und Kuchen, diesen Nachmittag haben wir sonst nichts mehr vor, außer chillen, ich spiele Handpan am Teich, Astrid streckt die Füße ins Wasser und, wie wir das schon öfter hatten, kommen Menschen auf mich zu, die wissen wollen, was das für ein Instrument ist, dessen Klänge sie so berühren.
Zwischenzeitlich haben wir Kontakt mit Janina und verabreden uns mit ihr und ihrem Begleiter für den nächsten Tag zum Fliegen am Speikboden. Da freuen wir uns drauf, denn wir mögen Janina sehr gerne. Nur mit der prognostizierten Windsituation bin ich nicht so richtig einig, denn der soll aus Nord kommen und ich kenne dort nur Startplätze in südliche Richtungen, außer einem stiefmütterlich ausgewiesenen Fleck nach Norden, und meine Sorge ist nach der Erfahrung vom Fliegen ab Ahornach, dass wir mit den Ablösungen der Südhänge und dem Nordwind sehr turbulente Verhältnisse überm Grat haben werden, in dessen unmittelbarer Nähe die Startplätze liegen. Aber wer weiß schon, ob das alles so kommt.
Am nächsten Morgen müssen wir vom Campingplatz runter, verlängern geht nicht, und stellen unser Schneckenhaus wieder auf den Parkplatz beim Landeplatz, von wo aus wir zu Fuß zum Busterminal in Sand wackeln. Denn wir reisen heute alle mit Öffis zur Talstation Speikboden an, wo wir lernen, dass die Seilbahn mit einer Gästekarte im Mai und Juni kostenfrei benutzt werden kann, eine tolle Sache, denn als wir im Winter hier gewesen sind, kostete eine einzige Bergfahrt pro Nase bereits 37€, unsere bisher teuerste Seilbahnfahrt, wenn Frau mal von den Bahnen in der Schweiz auf oder von den hohen Bergen absieht. Der Transport kostet also in beide Richtungen schonmal nix, falls ich mich gegen einen Start entscheide. Das nimmt mir komplett den Druck raus, ob es nun Sinn hat, überhaupt raufzufahren, es herrscht vollständige Entscheidungsfreiheit. Wir steigen in die Gondel, an deren Ende an der Bergstation sich ein kleiner Fußmarsch zur Sesselbahn Sonnklar anschließt, den wir im Winter teilweise über einen langen Zauberteppich zurücklegen konnten. Oben aus der Sesselbahn gefallen, gehen wir in Richtung der Sommerstartplätze nach rechts, wo sich an den Startplätzen nach Süden jede Menge weiterer Pilot:innen eingefunden haben, obwohl der Wind wirklich von Nord kam, zwar relativ schwach aber eindeutig. Nach kurzem Einwirken lassen der Szenerie und der Inspektion des Startgeländes für Nordwind bin ich mit meinem Bauch einig, dass Starten nach Nord entspannt funktioniert. Als dann noch ein oder zwei aufziehen und ohne Probleme wegfliegen, sehe ich meinen Eindruck bestätigt und wir beginnen damit, uns fertig zu machen. Janinas Begleiter startet als erster, er hat heute vor, eine etwas weitere Strecke zu fliegen, und dann ist er auch schon weg mit seiner Rennsemmel. Während wir drei auslegen und starten, kommen alle Pilot:innen vom Südstartplatz zu uns rüber und starten ebenfalls nach Norden raus.
So einen richtigen Plan, wohin ich fliegen möchte, habe ich eigentlich nicht. Astrid und ich hatten als Idee, einfach nur mal den Grat nach Westen weiterzufliegen, doch die erste Challenge besteht darin, von der Nord- auf die Südseite zu kommen und den Grat mit soviel Höhe zu überfliegen, dass etwaige Turbulenzen keine Rolle spielen. Ich biege nach Osten ab, überfliege den Sessellift und suche in Richtung Ahrtal auf der Nordseite eine Stelle, wo es steigt, und finde sie auch. Ein Tandem kommt mir noch hinterher, bei Astrid dauert es noch, sie ist nicht so schnell hinter mir rausgekommen. Als meine Höhe gut ist, hüpfe ich über den Grat, allerdings merke ich schnell, dass die Basis nicht so arg hoch ist heute, denn ab etwa 2900m muss ich aufpassen, dass mich keine Wolken verschlucken, was es etwas schwieriger Macht, in eine Art Warteposition zu gehen, bis Astrid da ist. Aber ich bekomme es irgendwie hin, muss immer mal wieder schauen, dass ich der einen oder anderen Wolke aus dem Weg gehe, und lerne dabei, wie scheiße bockig schon wieder alles ist, ein richtiges Rodeo. Astrid kommt derweil über den Grat und versucht, Höhe zu generieren, aber auch sie ist nicht begeistert von den Bedingungen. Ich reiße mich zusammen und starte einfach mal in Richtung Westen mit dem Ziel, wenigstens den nächsten nennenswerten Gipfel zu überfliegen, dort angekommen, drehe ich um und fliege Astrid nach, die sich bereits auf den Weg raus übers Tal gemacht hat. Über Funk verabreden wir, nach Ahornach zu fliegen, dort noch ein bisschen am Hang nach steigender Luft zu suchen und je nach dem dann landen zu gehen. Nach einer schönen Landung ist tatsächlich in fast einer Stunde Flug ein flaches Dreieck zusammengekommen, ich bin fein, Janina ist ebenfalls bereits gelandet, der Camper steht auf der anderen Seite der Straße auf dem Parkplatz, wo wir uns mit Markise, Kaffee/Kuchen, Handpan und Kaltgetränken ein wenig einrichten und auf Janinas Begleitung warten. Michi ist noch in der Luft, wie uns das Live Tracking verrät, und das wird auch noch ne Weile so bleiben. Er landet nach etwa 4 Stunden und einer XC Strecke von rund 90km und bestätigt, dass es ganz schön anspruchsvoll war, er konnte nicht mal sein Brot zwischendurch essen, weil Steuerleinen loslassen keine Option gewesen ist. Es beruhigt mich ein bisschen, dass andere das auch so fühlen, wie ich bzw. wie Astrid, denn auch sie fand es heute in der Luft nicht wirklich fein.
Als Janina und Michi nach einem voll schönen Nachmittag den Rückweg zu ihrem Camper per Öffis antreten, entscheiden Astrid und ich, dass wir Südtirol verlassen und nach Osttirol weiterfahren, nach Golzentipp im Lesachtal, um genau zu sein, denn dort soll es die nächsten zwei Tage zum Fliegen sein und zwar mit Bedingungen, die es möglicherweise erlauben, unseren für den B-Schein theoretisch geplanten Flug dort zu fliegen. Den Auftrag, einen B-Schein-Überprüfungsflug für dieses Gebiet zu planen, hatten wir letztes Jahr von unserem betreuenden Fluglehrer bekommen, doch wir sind ihn nie geflogen. Das wollen wir jetzt versuchen.
Für die nächsten zwei Tage stehen wir auf einem kleinen schnuckeligen privaten Campingplatz in Maria Luggau etwa 10km das Tal runter von der Talstation Golzentipp, der zu einem alten Gasthof dort gehört und wo sie eigentlich nur noch für die Gäste auf dem Platz kochen. Einfach, aber sauber und die Leute unglaublich lieb. Wir genießen den Sonnenuntergang an der oberen Gail, wie der Fluss unten heißt und ich erinnere mich, dass ich diesen Fluss weiter unten in Richtung Birnbaum schonmal mit dem Wildwasserkajak gepaddelt bin. 1989.
Die Prognose am nächsten Morgen ist immer noch gut, wir fahren das Tal wieder ein Stück hoch, den etwas speziell anmutenden Landeplatz hatten wir uns abends beim Vorbeifahren kurz angeschaut, er liegt auf den Feldern unterhalb Obertilliach, wie der Ort heißt, hängt etwas nach unten, hat aber bei einer Tal- oder Bergwind-Landevolte auch ein einigermaßen ebenes Stück und der Windsack beim Abbauplatz ist ebenfalls nicht zu übersehen. Wir parken an der Talstation der Golzentipp-Bahn, schnacken noch kurz mit einem Mountainbiker, der sich mit seinem sehr feinen M301 von Liteville, das letzte aus der Baureihe, die nicht fortgesetzt wird, auf den Weg macht, kaufen zwei Bergfahrten und steigen in die Gondel. Den geplanten Flug haben wir uns abends erneut angeschaut, um die Route in etwa im Kopf zu haben und um uns einig zu sein, in welcher Richtung wir ab welcher Höhe abfliegen. Wir haben zwar Funk dabei, doch die Geräte, mit denen Frau legal im PMR446 unterwegs sein darf, senden so schwach, dass selbst ohne Hindernisse im freien Raum meistens nicht mal 500m Reichweite erreicht werden, die Marketingfolien zu diesen Geräten, sorry, aber die lügen alle und diese Entfernung ist beim Fliegen selbst mit langsamen Fluggeräten mini.
Oben aus der Bahn gefallen, steht uns ein kleiner Fußmarsch zum Startplatz Scheibe bevor, an dem wir bei Eintreffen eine Gruppe Fliegender aus einem XC-Seminar vorfinden, die offensichtlich auf Thermik bzw. auf Thermik-Dummies, wie uns warten. Weil wir hier noch nie gewesen sind, legen wir zunächst die Rucksäcke ab und sehen uns den Startplatz etwas genauer an, der rechts und links von Bäumen gesäumt und auf dem eine Schneekanone am Rand installiert ist. Ansonsten gibt’s nichts Spezielles, die Neigung ist super, nicht zu steil aber auch nicht flach, eine eindeutige Windfahne ist vorhanden, nur leider ist er nicht abgemäht, d.h. beim Sortieren der Leinen muss Frau ein wenig darauf achten, dass keine Leine an irgendeinem Gestrüpp hängen bleibt und sich beim Aufziehen alle vom Boden lösen können. Der Wind passt und ansonsten sind keine Fragen mehr offen, also beginnen wir damit, uns fürs Fliegen vorzubereiten, Schirm raus, Gurtzeug herrichten, Elektronik auf dem Cockpit installieren, alles, was nicht zum Fliegen benötigt wird, kommt in die Staufächer im Gurtzeug. Beim Einsteigen in die Gurtzeuge haben wir uns angewöhnt, uns gegenseitig zu checken, wie beim Klettern, dass alles am Gurtzeug korrekt geschlossen ist, der Helmverschluss zu ist, der Bändel für die Fußplatte am Schuh ist und die Schnürl für die Beschleuniger frei sind. Dann legen wir als erste aus, sortieren die Leinen, hängen uns ein, ziehen auf und starten. Wenn es Thermik gibt, findet Frau sie dort normalerweise unmittelbar im Bereich des Startplatzes und wenige Kurven und Kreise genügen, den windversetzten Bart ausfindig zu machen und das erste Mal die 2700m zu übersteigen, die genügen, um die Hügel in West-Nordwest anzufliegen bis noch einen Muggel westlich vom Pfannegg. Dort, wo ich beim Durchfliegen Steigen finde, drehe ich ein paar Kreise, um die Höhe mitzunehmen, kehre an besagtem Hügel um, fliege zurück in Richtung Startplatz, kreise auf dem Weg und am Startplatz erneut zwei Thermiken aus und als ich denke, dass es hoch genug ist, fliege ich nach Osten ab, wo zunächst ein Talsprung gemacht werden muss, um zum Steinrastl zu gelangen. Das läuft nicht so wahnsinnig günstig für mich, was möglicherweise am Gegenwind liegt, jedenfalls komme ich dort nicht hoch genug an, um die Oberkanten zweier Rippen zu erreichen, an denen es normalerweise wieder steigen würde. Ich muss in den Hang auf der Talseite ausweichen, habe nur wenig Höhe, um zu suchen und entscheide deswegen, wieder zum Startplatz zurück zu fliegen, was aber leider auch nicht aufgeht. Ich vernichte ein weiteres Mal so viel Höhe, dass ich im Bereich einer Waldlichtung unterhalb des Startplatzes ankomme und nur mit viel Mühe nicht ganz abkachele. Astrid ist irgendwie die ganze Zeit weit über mir. Sie folgt mir zwar, aber ich habe fast ein schlechtes Gewissen, weil sie so den geplanten Flug, für den sie eigentlich genug Höhe hätte, nicht fertig machen kann.
Ich rette ein paar Meter Höhe, genug, um nun quer übers Lesachtal auf die andere Seite zu kommen, ein paar Runden dort am bewaldeten Hang zu drehen, wobei es insgesamt leider ebenfalls nicht rauf geht und ich mich für die Landung am Landeplatz entscheiden muss. Astrid, die mich die ganze Zeit über mir begleitet hat, geht sogar noch vor mir landen. Der starke Talwind lässt keine Zweifel aufkommen, wie der Endanflug aussehen muss und wir kommen beide gut zurück auf den Boden. Am Ende ergeben unsere Aufzeichnungen, dass die freie Strecke mehr als 15km XC gewesen sind, doch die Plattformen wählen wegen der höheren Punktzahl für gewöhnlich Dreiecke und mein FAI Dreieck auf der geflogenen Route ist „nur“ 14.1km groß gewesen. Trotzdem ein toller Flug und unter der Prämisse, dass wir das allererste Mal hier geflogen sind, ein sehr gutes Ergebnis für unsere bescheidenen Verhältnisse.
Vom Landeplatz aus ist ein kleiner Fußmarsch rauf zur Talstation nötig, der Weg ist kurzweilig, weil wir beide so voller neuer Eindrücke und Erlebnisse sind, dass alles raus muss. Auf jeden Fall haben wir uns heute was Leckeres im Gasthof verdient und als wir zurück am Campingplatz sind, uns frisch gemacht haben, ist das der Plan für den Abend. Wir lernen, dass der Chef selbst auch viele Jahre geflogen ist, doch das ließ sich irgendwann nicht mehr mit dem Gasthof zusammen vereinbaren, weswegen er das Fliegen aufgegeben hatte.
Der nächste Tag. Es soll eine Front reinkommen mit Gewittern, was bei etwaigen Überlegungen, ob wir fliegen gehen, niemals außer Acht gelassen werden darf. Der Vormittag sieht aber noch gut aus, wir räumen den Platz, fahren wieder zum Parkplatz an der Talstation, nehmen die Seilbahn rauf und gehen zum Startplatz Scheibe. Von hier aus sind die ersten Überentwicklungen weit in der Ferne bereits zu sehen, weswegen wir nicht lange fackeln, der Wind passt zum Starten, fertigmachen und raus. Keine Erwartungshaltungen an den Flug. Der Wetterumschwung ist deutlich zu spüren in der Luft, es fühlt sich sofort wie Rodeo an und es dauert nicht lange, bis die Erkenntnis da ist, hier ist’s nicht cool. Wir biegen ab ins Tal, überfliegen es einmal, drehen um und landen. In der kurzen Zeit, in der wir fliegen, bilden die Wolken Finger nach oben aus. Da müssen alle Alarmglocken angehen. Auf dem Fußweg zurück zum Camper fängt es zu donnern an, immer noch starten Pilot:innen, was ich nicht verstehen kann. Das ist lebensgefährlich. Aber, alle sind groß, haben hoffentlich eine Lizenz und wir sind nicht die Mama. Als wir mit dem Camper das Tal oben raus in Richtung Silian verlassen, schaukeln uns die Kaltluftausflüsse durch und es beginnt zu regnen. Kaum zu glauben, aber es sind immer noch Schirme in der Luft.
Nicht unser Problem.
Das Ziel für heute ist es, auf dem Campingplatz in Silian zwei Stellplätze nebeneinander zu bekommen, denn in den vergangenen Tagen hatten wir Kontakt mit Andrea und Frank, die zu einem Start-/Landeseminar im Enns-Tal gewesen sind und nun in Silian zu uns stoßen wollen. Die nächsten zwei lieben Menschen, deren Weg sich zufällig mit unserem kreuzt. Der Plan ist, zwei Tage zu bleiben und mit Hilfe der Thurntaler Seilbahn von den Startplätzen ganz oben herunter zu fliegen, was so leider nicht stattfinden wird, wie wir später erfahren, als neben uns ein weiterer Camper eintrifft, ebenfalls ein Pilot, und uns mitteilt, dass er selbst mit Argwohn feststellen musste, dass die Seilbahn außer Betrieb ist. Hä? Mitten in der Hochsaison? Ja, die Auskunft auf deren Webseite ist eindeutig, die Bahn hat (wohl wegen Reichtum) geschlossen und wird erst Ende der darauffolgenden Woche wieder öffnen. Blöd.
Andrea und Frank treffen zwischenzeitlich ein, doch sie haben mit der ortsansässigen Flugschule bereits eine Absprache, denn sie wollen deren Shuttles und deren Schulstartplätze nutzen, um Starten und Landen in erster Linie weiter zu verbessern. Bei Astrid und mir hingegen stehen große Fragezeichen im Gesicht, was wir dann hier wollen, wenn fliegen nicht geht. Mal abgesehen davon, dass unser Gesundheitszustand sich in den vorangegangenen Tagen nicht verbessert, sondern eher verschlechtert hat.
Zunächst werfen wir aber alles an Lebensmitteln in den Ring, machen gemeinsam ein leckeres Abendessen und dann schmieden wir Pläne für den nächsten Tag, denn so einfach werden wir uns nicht geschlagen geben.
Astrid und ich haben uns überlegt, dass wir nach dem Frühstück mit den Fahrrädern zum Landeplatz fahren, die dort stehen lassen und zu Fuß mit dem Streckenflugzeug auf dem Rücken zum Startplatz Stalpe hochgehen wollen. Das sind etwa 500 Höhenmeter, was normalerweise kein großes Ding ist, und dann hoffen wir auf mindestens Hangwind oder im besten Fall sogar Thermik und schauen, was wir von diesem relativ niedrigen Startplatz aus so erreichen können. Beim Frühstück spricht uns der Pilot neben uns an und wir stellen fest, dass wir uns kennen, bzw. er mich kennt, denn wir haben zusammen den Kurs im Juni 2021 bei der Paragliding Academy gemacht, in dem ich mir am ersten Tag beim Landen in Tannheim die Patellasehne abgerissen hatte. Die Welt ist klein.
Gesagt getan, Andrea und Frank kommen ebenfalls mit dem Rad zum Landeplatz, von wo aus sie das Flugschulshuttle mitnimmt. Am Landeplatz selbst, der der Flugschule „Blue Sky“ gehört, hängen bereits ein paar Leute ab, unter anderem jemand, der durch seine schlechte Laune und seine mürrischen Kommentare à la „Heute müssen wir mal kontrollieren, ob auch alle eine Landekarte gekauft haben“ auffällt, die pauschal unterstellt, dass hier nur Betrüger unterwegs sind. Es handelt sich um Ralph, der Chef der Flugschule. Dann weiß ich schon, wo wir niemals irgendetwas an Ausbildung buchen werden.
Eine Möglichkeit, die Landekarte auf irgendeine Weise online am Start- oder Landeplatz einzukaufen, so wie es in so etwa allen anderen Fluggeländen dieses Planeten möglich ist, gibt es nicht, die 5€ pro Tag und Nase müssen in der Flugschule entrichtet werden, wo Frau selbstverständlich dreimal am Tag vorbeikommt und wo auch immer jemand anzutreffen ist, nicht.
Andrea und Frank werden das später nach Rücksprache mit ihnen übernehmen, weil sie später sowieso dorthin müssen, um die Auffahrten zu zahlen. Astrid und ich gehen los. Es ist ein Südhang, die Sonne brennt rein, das erste Stück führt uns über einen Fahrweg zu einer Skipiste, auf der wir weiter steil aufsteigen, bis wir einen kleinen Ort erreichen, in dem wir zwischen den Häusern hindurch einen steilen Pfad nehmen, bis wir auf eine Fahrstraße treffen, auf der wir bleiben müssen, bis wir am Startplatz Stalpe sind. Mit Infekt, 12 kg Flugzeug auf dem Rücken, bei 40°C in der prallen Sonne 300 Höhenmeter über eine Asphaltstraße sind wirklich nicht fein zum Gehen, der Weg zieht sich wegen der geringen Steigung der Straße unter diesen Bedingungen endlos hin. Aber wir kommen an, triefnass, aber oben.
Eine kurze Pause auf der Bank am Startplatz, essen, trinken, verschnaufen, trockenlegen und die Windfahnen beobachten. Rechter Hand grenzt ein Wald an den Startplatz, der bei westlichen Lagen sicher den ganzen Platz ins Lee zaubert, doch heute sieht es gut aus, wir haben Südost und es kommen immer mal wieder Ablösungen hoch, die etwas stärkeren Wind verursachen. Ansonsten ist der Startplatz super mit einer guten Neigung, die dafür sorgen wird, dass wir relativ schnell nach dem Aufziehen fliegen werden, wenn sonst nix dazwischen kommt. Ob’s steigt, können wir nur ahnen, denn es ist sonst niemand in der Luft, der oder die das anzeigen würde. Wir wünschen es uns, aber das werden wir erst nach dem Start erfahren. Wir legen unsere Schirme nebeneinander aus, nachdem wir die Gurtzeuge vorbereitet und angelegt haben, hängen uns nach dem obligatorischen Check ein, stimmen ab, wer zuerst aufzieht, die Wahl fällt auf mich und sobald der Wind für mich passt, geht’s los. Ich lupfe die A-Leinen mit wenig Impuls, denn der Wind bläst schon ein wenig, die Eintrittskante bekommt Luft, der Schirm steigt langsam über mich, ich bremse an, drehe mich in Startrichtung um, lehne mich in die Tragegurte und schon fliegt die Kiste. Ich muss wirklich zugeben, das Take-Off-Seminar, das wir im Frühjahr zwei Tage gemacht haben, verbesserte unsere Startkompetenz eindeutig, insbesondere beim Rückwärtsaufziehen. So, jetzt ist die Frage, wo geht’s rauf? Ich fliege den Hang ab, eigentlich müsste der anstehende Wind schon dafür sorgen, das Sinken in ein Steigen zu verwandeln, doch alle Baum- und Geländekanten, die ich ansteuere, wo normalerweise Wind und Thermik nach oben abreißen müssten, lassen meinen Schirmi kalt, es geht nur nach unten.
Astrid hat derweil ein bisschen Zirkus am Startplatz, denn sie zieht genau in eine kleine Ablösung hinein auf, was ihr die Tüte komplett verwurschtelt, sie muss aushängen und neu auslegen, weil immer noch niemand sonst am Startplatz da ist, der oder die helfen könnte. Deswegen dauert das noch ein bisschen, während ich einen letzten Versuch über dem kleinen Dorf unternehme, ob sich dort irgendwo warme Luft ablöst, was über Straßen und Dächern schon auch mal in einem nennenswerten Umfang passieren kann. Ein Strohhalm. Es funktioniert aber nicht und als ich sehen kann, dass Astrid gestartet ist und fliegt, bin ich bereits so tief, dass ich übers Landen nachdenken muss, 500 Höhenmeter ohne Steigen machen kurze Flüge. Der Landeplatz ist groß und eben, die Windfahne, die ich beim Überfliegen beobachte, lässt keine Zweifel aufkommen, in welche Richtung der Endanflug gehen muss, also fliege ich eine Linkslandevolte, lasse mich im Queranflug gegen den Wind in den Endanflug driften und setze sanft auf. Die beiden Gamechanger bei meinen Landungen, die in den letzten Wochen immer besser wurden, waren im Endanflug nicht nach unten sehen, entgegen aller Anweisungen in der Ausbildung, habe ich mir das dummerweise angewöhnt, sondern nach vorne und mit dem Flairen, dem Anbremsen kurz vorm Aufsetzen, nicht so lange warten. Lieber eine Sekunde früher als eine Sekunde zu spät, damit der Schirm Zeit hat, langsamer zu werden, denn sonst bin ich häufig, gerade bei Nullwind, mehr oder weniger ungebremst aufgeschlagen.
Astrid hat einen sehr ähnlichen Flug, sie kommt ebenfalls nach wenigen Minuten in den Endanflug und landet schön. Kurzer Flug hin oder her, er ist besser als kein Flug und außerdem checken wir, dass wir bis zu diesem Zeitpunkt jeden Tag, seit wir unterwegs sind, einen Flug gemacht haben, 9 Tage hintereinander. Das ist neu.
Hinter uns kommen Andrea und Frank zum Landen, die bereits ihren zweiten Flug heute gemacht haben, einer von jeweils einem der Schulstartplätze, zu denen auch Stalpe gehört. Leider merken wir, dass wir uns mit dem Aufstieg in der Hitze in Kombination mit unserem Gesundheitszustand keinen Gefallen getan haben. Wir gehen abends noch mit Pizza essen, wo sich zwei Bekannte von Andrea und Frank hinzugesellen, doch der Umstand, dass weitere Flüge hier ohne extrem lange und mühselige Aufstiege nicht gehen und wir uns auch einfach nicht mehr gut fühlen, packen wir am nächsten Morgen nach dem Frühstück zusammen und treten die Heimreise an. Über Lienz verlassen wir das Tal, fahren durch den Fellberntauerntunnel nach Norden, überqueren den Pass Thurn, kommen über Kitzbühel auf die letzte Autobahnauffahrt vor der Deutschen Grenze, wo wir uns dafür entscheiden, keine Nacht mehr irgendwo zu stehen, sondern mit häufigeren Wechseln bis nach Hause zu fahren.
Ein kleiner Fliegeurlaub geht damit zu Ende mit ein paar neuen persönlichen Rekorden: längste, bisher geflogene Strecke, höchste bisher erreichte Höhe und die bisher längste ununterbrochenen Serie an Flugtagen.
Es geht uns allerdings am nächsten Tag so schlecht, dass wir uns dazu entschließen, mal die Hausärztin aufzusuchen und uns ein paar Tage Ruhe zu gönnen, bevor wir ins Saarland fahren und meine Mädels für zwei Wochen Bayern abzuholen, was dann wieder knapp 1000km Autofahrt bedeutete.
























