Fliegen im Salzkammergut 13. – 17.8.2026 „Besser als prognostiziert“
Ausnahmsweise von Astrid geschrieben
Das Schönste am Arbeiten ist ja die Freizeit. Und weil wir uns die gerne so richtig schön gestalten und die Dinge, die wir in ihr tun, ausnahmslos Freude machen sollen, haben wir vor kurzem unser schweren Fully Mountainbikes gegen leichte, schlanke, wunderhübsche Gravelbikes eingetauscht. Auch das Radeln soll wieder Freude machen, was zuletzt mit den Fully nicht mehr der Fall war.
Die neuen Fahrräder werden superpünktlich (also eher superknapp) vor unserem langen Wochenende fertig und Milla ist so lieb, sie im netten Fahrradladen unseres Vertrauens, dem Tretlager in Burggen ab zu holen, während ich mich dienstags und mittwochs bei einem Business Meeting in Köln aufhalte. Wir haben die Räder auf tubeless umrüsten lassen, was bedeutet, dass kein Schlauch im Mantel sitzt, sondern die Luftdichtigkeit mit einer Dichtmilch hergestellt wird, die direkt in den Mantel des Reifens eingefüllt wird. Der nette junge Mann vom Fahrradladen hatte schon angekündigt, dass die Reifen noch etwas Aufmerksamkeit benötigen würden, weil dieses Modell oft nicht gleich nach dem Befüllen dicht ist und immer wieder Luft entweicht.
Milla bereitet mittwochs schon den Camper vor, während ich auf dem Heimweg vom Meeting in Köln im Zug sitze. Sie füllt Wasser ein, packt unsere Habseligkeiten und verstaut sie an den dafür vorgesehenen Plätzen, lädt die Räder auf den Radträger und bemerkt dabei, dass die Reifen Luft verloren haben. Also wieder aufpumpen und hoffen.
Ich komme Mittwochabend todmüde nach Hause und nach einem Bierchen und lecker Pasta Ragout, von der Milla rauhe Mengen vorgekocht hat damit wir uns auch was in Tupper abgefüllt mit auf Reise nehmen können, krabbeln wir ins Bettchen. Morgen beginnt der schöne Teil des Lebens: die Freizeit.
Donnerstag Früh geht’s nach dem Frühstück los.
An der Tanke im Nachbarort lassen wir den Dieseltank des Campers volllaufen und weil die Tanke praktischerweise auch ein Fahrradladen ist, kaufen wir für den Fall der Fälle auch noch Dichtmilch auf Vorrat und zwei Schläuche. Wenn das mit der Dichtmilch nämlich nix wird, dann können wir zumindest noch mit Schläuchen fahren.
Die Fahrt führt uns über wohlbekannte Bundesstraßen. Wohlbekannt sind uns auch die zahlreichen Baustellen, die zu zahlreichen Umleitungen führen. Und so zockeln wir gen Osten, erreichen irgendwann am Irschenberg die A8 und kommen schließlich nach gefühlt endlosen Staukilometern in Ruhpolding an. Unser erstes Ziel für diesen Tag: Fliegen am Unternberg. Hier waren wir noch nie.
Wir stellen den Camper am Parkplatz neben dem Landeplatz ab und schauen uns selbigen erst mal in Ruhe an. Eine große Wiese, die einfach erscheint. Aber irgendwas kommt uns komisch vor. Der Wind am Startplatz müsste passen, das Wetter ist gut, und trotzdem sehen wir keinen einzigen Schirm in der Luft. Das gäb’s im Allgäu nicht. Also werden wir stutzig. Direkt neben dem Landeplatz befindet sich die örtliche Flugschule, die just in diesem Moment ihre Tore aufsperrt. Also wackeln wir erst mal da rein, grüßen freundlich und fragen einfach mal, ob wir die Bedingungen gerade richtig oder falsch einschätzen, was es sonst noch hier zu beachten gibt und welche Landemöglichkeiten es eventuell noch im Tal gibt.
Das Besondere am fliegenden Volk ist, dass diese Menschen irgendwie immer alle supernett und freundlich sind. So auch hier. Wir erfahren, dass der benachbarte Landeplatz wohl thermisch recht aktiv ist und dass es daher nicht ratsam ist, zur heißesten Stunde des Tages dort zu landen. Und heiß ist es heute auf jeden Fall. Wie die Sau sogar. Die anderen Landemöglichkeiten im Tal haben wir uns nicht angeschaut. Die ein oder andere Wiese soll auch recht tricky sein, was den Talwind angeht und als der nette Mensch von der Flugschule erwähnt, dass der Unternberg eh am allerfeinsten zum Abendsoaren ist, treffen wir mal wieder eine Plan B Entscheidung.
Wir pumpen erst unsere Räder auf, werfen uns in die Bike Klamotten und drehen eine ganz, ganze kurze Runde mit den Rädern. Denn ich saß tatsächlich noch nie auf meinem Fahrrad. Ich habe es blind gekauft, ohne jemals selbst drauf gesessen zu sein. Jetzt bietet sich die Gelegenheit und ich bin sofort schockverliebt. Die Sitzposition ist noch ungewohnt, die Schaltung direkt am Bremshebel auch, aber es fährt sich voll fein und sieht auch noch gut aus. 😊
Wir packen die Räder wieder auf den Radträger und werden dabei von einem Herrn angequatscht, der seinen eigenen PickUp neben uns geparkt hat. Er interessiert sich auch für die Anschaffung einer Wohnkabine und fragt nach unseren Erfahrungen mit der Tischer Kabine. Wir geben gerne Auskunft und ratschen ein wenig. Irgendwann werfe ich einen Blick auf die Uhr und würge das Gespräch freundlich ab. Sonst verpassen wir die Bahn-Öffnungszeiten und auf zu Fuß hochlaufen habe ich bei 36 Grad im Schatten heute wenig Lust.
Wir schultern unsere Fliegerucksäcke und machen uns auf den Weg zu Fuß zur Bahn. Der Camper bleibt direkt neben dem Landeplatz stehen. 2km und 26 Minuten später kommen wir an der Bahn an, kaufen uns Tickets und eine furchtbar nette Dame hilft uns am Lift beim Einsteigen. Milla nimmt zuerst Platz und ich setze mich in den nächsten Sessel, stelle den großen Rucksack neben mich und warte auf ein Gefühl der Beschleunigung.
Das bleibt jedoch aus. Und mit diesem ausbleibenden Gefühl sickert die Erkenntnis in mein Gehirn, dass wir den wahrscheinlich langsamsten Sessellift der Welt erwischt haben. Ich schaue mich um: neben dem Lift geht ein Wanderweg entlang. Das wandernde Volk bewegt sich schneller bergauf vorwärts als ich im Lift. Na priml. Ich dachte ja immer, langsamer als die Buchenbergbahn oder der alte Sessellift in Andelsbuch (falls den noch jemand kennt) kann kein Lift fahren. Weit gefehlt. Die Unternbergbahn schlägt alle Negativ-Rekorde. Aber hilft ja nix. Also: zurücklehnen, chillen, die Sonne und die Aussicht genießen.
Gefühlte 45 Minuten später steigen wir oben aus dem Lift und marschieren einmal um die Bergstation rum zum Startplatz.
Der ist eine fein geneigte Wiese, zwei andere Piloten sind noch da. Auf der Infotafel am Startplatz ist ein QR-Code, über den frau sich ein Ticket zur Zahlung der Start- und Landeplatzgebühr kaufen kann, bzw. könnte frau sich das kaufen, wenn es denn hier oben Handyempfang gäbe. Gibt es aber nicht. Also verschieben wir das auf nach der Landung.
Wir befinden die Windverhältnisse zum Starten als gut. Noch wenige Wochen zuvor wäre uns der Wind viel zu stark gewesen, aber seit unserem Take Off Seminar mit Erika sind wir da jedoch sehr gelassen und selbstbewusst unterwegs. Perfekter Wind zum Rückwärts Aufziehen. Und genau das machen wir dann beide auch: entspannt rückwärts aufziehen. Frau kann die Matratze ja jederzeit wieder ablegen, falls irgendwas nicht passen sollte. Starten ist optional. Das war eines unserer wichtigsten Learnings aus dem Seminar. Und das gibt uns neuerdings eine wahnsinnige Gelassenheit am Startplatz und hat unser Selbstbewusstsein und unsere Selbstsicherheit enorm wachsen lassen. Ich beobachte die anderen Piloten und kriege wieder die Bestätigung, dass wir uns mit unseren Startkompetenzen überhaupt nicht zu verstecken brauchen. Gar kein kleines Bisschen.
Milla zieht als erste auf, dreht sich aus und gleitet ganz entspannt davon.
Ich lege als nächste aus, denke mir noch mit einem Lächeln: „so Jungs, jetzt schaut mal gut zu, wie frau das macht“, ziehe auf, handle den Schirm kurz über mir um ihn zu stabilisieren, drehe mich aus und verlasse nach nur einem Schritt elfengleich den Startplatz.
Und dann atme ich erst mal darüber auf, dass ich den Mund in meinen Gedanken davor nicht zu voll genommen hatte und wirklich alles perfekt gelaufen ist. Manchmal komm ich einfach aus meiner großspurigen Angeberinnen-Haut nicht raus und muss hinterher immer über mich selbst lachen. Weil: hätte ja auch schief gehen können. 🤣
Der Wind steht aus Nordost an und wir finden nicht so richtig gut die Stelle, wo der Aufwind uns mit hochnimmt. Andere Piloten aber auch nicht, drum bin ich entspannt. Ich genieße einfach die Aussicht Richtung Chiemsee und in die umliegenden Berge. Das Chiemgau ist schon auch ein schöner Fleck Erde.
Wir soaren ein wenig vor uns hin, ich versuche es mal etwas weiter östlich, nur um beim Umdrehen zu sehen, dass Milla und ein anderer Schirm im westlich des Startplatzes gelegenen Kessel etwas Aufwind gefunden zu haben scheinen. Also nix wie dort hin. Bis ich da bin ist Milla schon wieder weg und ich denk mir beim in-den-Kessel-fliegen noch: „flieg nicht zu weit da hinten rein, da könnte es turbulent s…“ und ZACK, klappt es mir eine Flügelseite ein, ich bin plötzlich in stark sinkenden Luftmassen und mache kaum noch Vorwärtsfahrt. Na priml. Ich hab‘ wieder mal das Astrid-Special hingekriegt: wenn’s irgendwo turbulent und unerwartet leeig ist, finde ich diesen Spot. Mit traumwandlerischer Sicherheit. Also rein ins Gas und nix wie weg da. Sekunden später beruhigt sich die Luft, nur leider hat mich diese Aktion einiges an Höhe gekostet. Milla ist weit über mir und ich versuche mein Glück an der nördlich gelegenen Rippe. Dort hatte ich kurz zuvor andere Schirme beobachtet. Vielleicht geht da ja was. Ein bissl was geht tatsächlich, aber ich finde keinen Aufwind der stärker als mein Sinken wäre. Also geht es zwar langsam, aber doch kontinuierlich nach unten und ich entschließe mich irgendwann, Richtung Landeplatz raus zu fliegen.
Die ein oder andere Kurve geht sich überm Tal noch aus, bevor ich in die Landevolte einbiege. Im Endanflug, als ich die Füße schon aus dem Beinsack raus habe, sehe ich, dass fast die ganze Landewiese voller frischem Mist ist. Nur am entferntesten Ende scheint kein Mist gestreut zu sein. Also Hände hoch, dem Schirmi gut zureden und hoffen, dass sich das ausgeht. Ich führe Selbstgespräche während ich beim Versuch, noch das letzte aus meiner Gleitzahl raus zu holen, knapp über der Grasnarbe dahinflitze: „So ein Scheiß, so ein Scheiß, so ein Scheiß“, andere Pilot*innen, die in 5 Meter Entfernung gerade ihre Schirme zusammenlegen hören mich vor mich hinschimpfen und lachen sich tot: „Ja, im wahrsten Sinne des Wortes.“
Es gelingt mir tatsächlich ohne Mistkontakt zu landen und meinen Schirm ab zu legen und dann kann auch ich darüber lachen. Zur Sicherheit funke ich Milla an, um sie über den Mist aufzuklären und auch ihr gelingt es einigermaßen Mist-frei zu landen.
Ein feiner Flug in einem neuen Fluggebiet.
Wir packen unsere Ausrüstung zusammen, schlendern zum Camper und überlegen bei einer Erfrischungslimo aus dem Kühlschrank erst mal, was wir nun weiter tun wollen. Es ist schon spät geworden, wir haben beide einen Mordshunger und überhaupt keine Lust mehr, heute noch weit zu fahren. In unserer Camper-App finden wir einen Stellplatz in Ruhpolding auf einem Lama-Hof. Klingt nett. Man kann nicht reservieren, sondern „first come – first serve“. Es sind nur 3 Minuten dorthin und wir versuchen unser Glück.
Und haben Glück. Ein ebener Platz im Schatten unter Bäumen, in der Nähe ein kleiner Bach, gegenüber der Lama-Hof, der von wahnsinnig netten Menschen betrieben wird und das Ganze für einen Zehner die Nacht. 30 Minuten später kommt noch ein anderes Wohnmobil an, sie zirkeln sich neben uns und wir verbringen eine herrlich ruhige Nacht an einem wunderbar kühlen Ort.
Am nächsten Morgen, dem Freitagmorgen, überlegen wir beim Frühstück, wie und wo es nun für uns weiter gehen soll. Wir entscheiden uns dafür, in Richtung Wolfgangsee weiter zu fahren. Zunächst machen wir noch einen Stop im Supermarkt in Ruhpolding, weil am nächsten Tag, dem Samstag Feiertag ist und wir nicht sicher wissen, ob die Supermärkte in Österreich offen oder geschlossen sein werden. Also decken wir uns für ganze Wochenende mit Lebensmitteln und Getränken ein und bewundern in der Gemüseabteilung einen kleinen putzigen Putzroboter, der dort den Boden sauber hält und die Kund*innen freundlich anzwinkert. Über sowas könnte ich immer in allergrößte Verzückung geraten. Wenn ich mal alt und dement bin, braucht man mir nur einen putzigen, augenklimpernden Pflegeroboter hin zu stellen und ich werde glücklich sein, ich sag’s Euch. 🤣
Wir nutzen die Gelegenheit der Kundentoilette im Supermarkt, um unsere Campertoilette etwas zu entlasten, und versuchen im Anschluss über die Asfinag App eine österreichische Vignette zu kaufen. 25 Minuten und ein Telefonat mit der Asfinag Service Hotline später ist das dann auch irgendwann mal geschafft und weiter geht die Reise über die A8 nach St.Gilgen am Wolfgangsee. Ziel ist das Zwölferhorn, ein berühmter Flugberg, an dem Freunde von uns ziemlich oft fliegen. Aktuell sind Lotte und Stefan leider im Urlaub, sodass wir uns ohne sie zu ihrem Hausberg aufmachen.
Direkt am Landeplatz stellen wir den Camper ab und begutachten die riesige, jedoch zu einer Seite abfallende Wiese. Flugschüler*innen landen ein und wir beschließen, dass wir das dann auch hinkriegen müssten.
Also packen wir wieder unser Geraffel, schmieren uns mit Sonnencreme ein – denn heute soll es zu Fuß hoch gehen, und wackeln los.
Es ist mal wieder scheiße heiß und unser Gepäck noch etwas schwerer als sonst, weil uns klar ist, dass wir jede Menge Flüssigkeit brauchen werden. Nach einem kurzen Stück haben wir einen kleinen Weg-Verhauer, bemerken unseren Fehler jedoch schnell und ab den Almen auf halber Strecke gibt es dann kein Verlaufen mehr. Zu viele Menschen wimmeln für unseren Geschmack hier herum und wir sehen zu, dass wir zügig weiter kommen. Frau kann den Weiterweg bis zur Bergstation sehen und Tourist an Tourist quält sich den steilen Fahrweg in der Hitze des Mittags den Berg hinauf. Darauf haben wir überhaupt keine Lust, drum biegen wir kurz nach den Almen auf den steileren Weg durch den Wald ein. Die meisten Touristen lassen sich zum Glück von schwarzen Wegmarkierungen abschrecken, sodass es hier tatsächlich recht einsam und ein Weg ganz nach unserem Geschmack war. Kleiner Steig durch den Wald. Aber auch sausteil und der Hitze kann frau bei fast 40 Grad im Schatten auch im Wald nicht entfliehen.
Das letztes Stück des Weges bis zur Bergstation wurde dann zum Glück wieder flacher, denn ehrlicherweise gingen mir nach gut 800 der ca.930 Höhenmeter langsam, aber sicher die Kräfte aus und nur wegen des flacheren Wegs brauchte ich keine Pause, sondern konnte den Rest auch noch bewältigen. Oben an der Bergstation wollten sie uns im Restaurant nur dann was zu Trinken verkaufen, wenn wir uns an einen Tisch setzen und auf den Kellner warten. Dass ich einfach nur in 2 Sekunden einen halben Liter Hollerschorle in mich hinein schütten und gleich wieder verduften wollte, war der unfreundlichen Bedienung an der Theke nicht klar zu machen. Also wurd’s der Getränkeautomat direkt neben dem Gipfelrestaurant. Auch gut und tut gut.
20 Höhenmeter später kommen wir am Startplatz an und setzen uns erst mal in den angenehm kühlenden Wind. Die Klamotten trocken in Wind und Sonne am Körper und wir schauen dem bunten Treiben zu.
Ein Tandempilot nach dem nächsten bringt Touristen in die Luft und es sind nur wenige Einzelpiloten vor Ort. Der Wind kommt für unseren Geschmack etwas zu weit aus West, aber wir beschließen ab zu warten und weiter zu beobachten.
Wir sitzen also ne Weile und entschließen uns dann, uns zum Starten fertig zu machen, als es den Ersten gelingt, das Gipfelkreuz zu überhöhen. Immer länger kommt der Wind aus der richtigen Richtung und Starten scheint uns safe. Die Basis ist heute recht niedrig, viel geht wohl nicht. Wir hatten uns eigentlich eine Flugroute zunächst nach Osten bis zum nächsten Berg, dann nach Norden über den Wolfgangsee zum Schafberg und von dort nach Möglichkeit wieder zurück nach St.Gilgen vorgenommen. Diese Route scheint uns beim heute vorherrschenden starken Wind jedoch eher unrealistisch, sodass wir uns nochmal absprechen und beschließen, einfach mal zu schauen, was so geht.
Milla startet wieder als Erste, ich komme direkt hinter ihr auch gut raus. Wir soaren erst mal etwas am Gipfelgrat, es gelingt uns knapp übers Gipfelkreuz aufzudrehen, aber dann ist auch schon Schluss. Es geht im Moment nicht höher hinauf und der Wind zerreißt sowieso jeden Anflug einer Thermik sofort.
Das Hangoaren wird uns irgendwann fad, Mila funkt mich an, dass sie raus fliegt und kurz drauf sehe ich sie etwas weiter draußen aufdrehen. Schau an, da steht wohl der Hausbart am Zwölferhorn. Ein Blick auf meine burnairGo App bestätigt mir das, also fliege ich auch dort hin. Die Thermik ist jedoch extrem ruppig und windzerrissen, sodass ich wenig Lust habe, mich hier sonderlich lang aufzuhalten. Wir können ein wenig aufdrehen und als das gefühlt drölfzigste Tandem mir quer durch meine Thermikkreise fliegt, verliere ich endgültig die Lust und fliege raus über den See. Ich habe die Hoffnung, dass die Luft dort ruhiger ist und ich mal ein bissle durchschnaufen kann. Meine Idee ist, über den See ans Nordufer zu fliegen dort vielleicht nochmal ein wenig Thermik zu finden und dann zum Landeplatz zu fliegen. Das müsste ein zwar kleines, aber ganz hübsches FAI Dreieck ergeben. Über dem See bin ich überrascht über die auch dort recht rumpelige Luft. Allzu lang will ich mich dort nicht aufhalten, denn über Wasser ohne Schwimmweste fühle ich mich auch nicht gerade wohl. Immerhin ist es ruhig genug, um mal das Handy vom Cockpit zu lösen und ein paar Fotos zu machen. Was für ein Ausblick! Der Wolfgangsee leuchtet türkis wie ein karibisches Meer, der Blick schweift Richtung SüdOst zum Dachstein, auf dem wir schon standen und Richtung SüdSüdWest ist der Alpenhauptkamm sichtbar. Schlagartig erinnere mich daran, warum genau mich das Fliegen so sehr gepackt hat.
Weil es mir in rumpeliger Luft über Wasser nicht ganz geheuer ist, biege ich wieder nach Westen übers Land ab, Milla folgt mir und bald drauf finden wir uns wieder im Hausbart des Zwölferhorn wieder. Immer noch rumpelig wie die alte Drecksau. Nicht schön und wahnsinnig anstrengend. Mental und körperlich. Also fliege ich wieder dort weg- über Land nach Norden. Endlich mal sinkende Luft über’m Tal. Ich genieße es regelrecht. Milla verliere ich dabei aus den Augen – sie hält den Bedingungen im Hausbart wohl mental besser stand und unsere Funkleistung reicht nicht aus, um uns auf diese Distanz verständigen zu können. Ich muss mich jedes Mal, wenn wir nicht beieinander fliegen, aktiv daran erinnern, dass sie schon groß ist, dass sie eine Pilotinnenlizenz hat und mindestens genauso gut fliegt wie ich. Trotzdem mache ich mir immer Sorgen. Nennt sich wohl Liebe.
Ich finde an der nördlich von St.Gilgen gelegenen Rippe steigende Luftmassen, die mir etwas entspannter erscheinen als der Hausbart am gegenüberliegenden Seeufer. Ich drehe auf und bin dann unschlüssig, was ich tun soll. Alleine weiter wegfliegen ist irgendwie doof. Also mache ich mich wieder auf den Weg nach Süden. Nur um auf halber Strecke und gleicher Höhe Milla zu begegnen, die mir entgegen kommt. Oh wie fein, ich drehe wieder um und fliege mit ihr zusammen zurück zu der feinen Rippe. Gemeinsam finden wir den Thermikeinstieg und als wir den Grat überhöhen, nimmt uns die mittlerweile überall flächig aufsteigende Luft mit nach oben. Wir drehen unsere Schirme Richtung Westen und fliegen oberhalb des Grates in steigenden Luftmassen ohne einen weiteren Thermikkreis Richtung Fuschlsee. Flügelspitze an Flügelspitze geht es dahin. Ein zauberhafter Moment mit meiner Wingwoman.
Als wir den Ortsrand von Fuschl erreichen, wird es wieder etwas bumpy, wir setzen nach Süden zum nächsten Bergrücken über und drehen die Segel wieder nach Ost – zurück Richtung St.Gilgen.
Wie krass ist das denn bitte? Ich bin grad vom Wolfgangsee zum Fuschlsee geflogen und kann es kaum fassen. Genießen ist angesagt. An diesem Bergrücken ist das Steigen nicht ganz so stark, wir können einigermaßen entspannt dahinfliegen. Auf Höhe von St.Gilgen treffen wir wieder auf die Luftmassen, die den Hausbart speisen. Und da geht es wieder ganz schön krass aufwärts. Alle Skills, die wir bisher in XC Seminaren und Sicherheitstrainings gelernt und trainiert haben, sind gefragt, um das Schirmi offen und stabil zu halten. Ich schwanke zwischen (Ehr-)furcht und Stolz ob unseres Könnens, hier zu fliegen.
Je länger der Flug dauert und je später der Nachmittag fortschreitet, umso mehr beruhigt sich die Thermik. Es geht zwar immer noch überall hoch, aber die Ruppigkeit der sich ablösenden Thermikblasen lässt langsam nach. Trotzdem steigt die Luft überall noch krass stark. Wir sind nun schon fast zwei Stunden in der Luft und ich will runter. Und da waren sie wieder, meine drei Probleme. 🤣 Zum Glück ist Runterkommen kein Problem für uns – wir haben die passenden Skills. Also: Schirmi leicht anbremsen, Gewicht auf eine Seite, die Hand auf der Außenseite freigeben und innen leicht dazu bremsen. Es dauert nur eine Umdrehung, dann befinde ich mich in einer wunderhübschen Spirale mit ca. 9m/sec Sinken. Fein. Ich dosiere die Sinkgeschwindigkeit etwas runter und zwei Kreise später sagt mir mein Vario plötzlich wieder Steigen an. In der Spirale. Na priml. Also wieder drauf auf die Innenbremse, außen freigeben. Und schon geht’s wieder abwärts. Irgendwann lässt das Steigen nach und ich kann in meine Landevolte übergehen. Der Wind kommt aus Nord und weil ich keinen Bock habe, hangabwärts zu landen, lasse ich mich seitlich bis zum Abbauplatz driften und setze genau am Abbauplatz gegen den Wind auf. Fein, so mag ich das. Ich raffe mein Zeug zusammen und werfe es neben die Ausrüstung eines anderen Piloten. Als der beginnt, seinen Schirm auszubreiten, um ihn zusammen zu legen, raffe ich erst, dass ich mich ihm im Grunde in den Weg gelegt habe. Ich entschuldige mich und wir kommen ins Gespräch. Ob ich es auch so krass ruppig empfunden habe? Ja, habe ich. Ich erzähle, dass ich abspiralen musste, um überhaupt runterzukommen und er erwähnt, dass er das gar nicht kann. Er fliegt sonst immer in ruhigerer Luft und hat noch nie ein Sicherheitstraining gemacht, obwohl er schon seit 5 Jahren fliegt. Ich rate ihm dringend dazu, das nachzuholen und denke mir: „Bro, was machst Du dann bei diesen Bedingungen an diesem Berg um diese Tageszeit???“ Über manche Piloten (gendern unnötig) kann ich mich echt nur wundern. Aber gut, ist nicht mein Leben.
Milla kommt derweil in Sichtweite und ich sehe, dass auch sie Mühe hat, Höhe abzubauen. Irgendwann gelingt es ihr und sie achtert genauso wie ich südlich des Landeplatzes gegen den Nordwind ab, bis sie fast mit den Füßen über den dort befindlichen Schlepplift kratzt (mir ging’s genauso) und dann in den Endanflug geht. Anders als bei mir ist der Wind jedoch nicht mehr so stark und sie kann deshalb nicht wirklich seitlich reindriften. Weil der Hang in ihrer Flugrichtung jedoch abfällt, verliert sie auch nicht wirklich Höhe über Grund. Zum Schluss bleibt ihr nix anderes übrig, als quer zum Wind aufzusetzen weil ihr die Länge des Landeplatzes ausgeht. Sieht nicht schön aus, aber sie schafft es safe auf den Boden. Auch das sind wichtige Skills: Entscheidungen treffen, sie umsetzen und dann sicher landen.
Beide heile gelandet. Wir packen unser Geraffel zusammen, gehen zum Camper, der nur ein paar Meter entfernt steht und gönnen uns eine kalte Limo im Schatten der Wohnkabine. Es ist immer noch unglaublich heiß und uns raucht der Schädel. Wohin nun? Wir brauchen einen Schlafplatz. Nur wo?
Campingplätze direkt am Wolfgangsee sind sauteuer, und außerdem sind sie in der Hochsaison alle voll. Wir checken den Wind und es gibt eine kleine Chance, dass es morgen Früh am Loser fliegbar sein könnte. Da wollte ich schon immer mal hin, seit Lotte und Stefan uns das erste Mal davon vorgeschwärmt haben. Also machen wir uns auf den Weg nach Bad Aussee, fahren die Mautstraße hoch und finden neben vielen anderen Campern einen Platz für die Nacht. Die Aussicht ist fein und auf 1600 Metern über Meereshöhe ist es zum ersten Mal seit Tagen angenehm kühl. Fast schon kalt. Brauchen wir heute Nacht eventuell sogar die Heizung? Wir schalten sie vorsorglich mal ein.
Samstags morgens werden wir nach einer ruhigen Nacht vom einsetzenden Bergbahnbetrieb geweckt. Der Wettercheck sagt uns: der Wind kommt aus der falschen Richtung. Zwar fühlt es sich auf der Südseite mit der in der Morgensonne schon aufsteigenden Thermik gut an, aber die Wetterstation am Gipfel sagt 15 km aus Nord. No weather for this Startplatz. Mein Steißbein kann ein Lied von Starts im Lee singen. Das brauch ich nicht nochmal. Wir hauen ein Ei drüber, fahren die Mautstraße wieder runter und machen uns auf den Weg nach Obertraun am Hallstätter See.
Die Fahrräder haben über Nacht die Luft aus den Reifen verloren. An Millas Vorderrad löst sich der Mantel sogar von der Felge. Na priml. Wir wollen auf dem Weg an einer Tankstelle halten, um mit viel Druck die Räder wieder aufpumpen zu können, nachdem wir mindestens in Millas Vorderrad von der prophylaktisch eingekauften Dichtmilch was nachfüllen wollen. Irgendwie verpassen wir es dann jedoch, an einer Tanke zu halten und dann kommt ganz lange keine mehr an den kleinen Passstraßen, die von hier aus zum Hallstätter See führen. Also sind wir schon in Obertraun, als wir am dortigen, geschlossenen, Wertstoffhof halten, ein Schattenplätzchen finden und uns um die Räder kümmern. Wir füllen Dichtmilch nach und Milla gelingt es, mit unserer Standpumpe so viel Druck aufzubringen, dass ihr Mantel sich wieder in sein Bett in der Felge einschmiegt. Respekt, das hätte ich nicht geschafft. Mein Quatschi sagt, dass es sinnvoll sein kann, die Räder jetzt mal ausgiebig zu fahren, damit die Dichtmilch sich gut verteilen kann und endlich mal alles abdichtet, wo Luft ausströmen kann.
Also parken wir unser rollendes Schneckenhaus am Camperstellplatz am Strandbad in Obertraun. Ein paar Plätze sind frei, weil vormittags einige Camper abgereist sind. Wir haben Glück. Ist zwar nicht schön, Camper an Camper zu stehen. Aber es ist die einzig uns bekannte legale Möglichkeit, in Obertraun zu stehen. Und es ist nun mal Hochsaison. 2 Stunden später sind wieder alle Stellplätze voll, unser Timing war also ideal.
Das Wetter haben wir für diesen Tag irgendwie als „nicht fliegbar“ abgespeichert, also bereiten wir uns vor um mit den neuen Bikes eine Gravelrunde rund um den Hallstätter See zu drehen. Denn das kann ja auch helfen, die Dichtmilch zu verteilen. Und ich will endlich mal ein paar Kilometer auf diesem geilen neuen Rad zurück legen. Die Strecke führt uns zuerst am Ostufer nach Norden und wir stoßen auf die ein oder andere Herausforderung. Schmale Wege, grober Schotter, Stege über Wasser, die für meinen Mountainbike Lenker zu schmal gewesen wären. Wir meistern alle Herausforderungen und nach einer kleinen Futterpause am Nordende des Sees fahren wir auf der Westseite über sie Straße zurück nach Süden und lernen zum ersten Mal, wie schnell diese Bikes über den Asphalt flitzen können. Fein.
In Hallstadt wird es nochmal spannend, weil Unmengen an Touristen unterwegs sind, aber wir lassen uns nicht aus der Ruhe bringen – im Gegensatz zu manch anderem testosterongesteuerten Rennradfahrer- steigen zur Not auch mal ab und schieben unsere Schätzchen durch die Menschenmassen.
Am Südende von Hallstatt geht es wieder auf den Asphalt und wir flitzen zurück nach Obertraun. Sehr fein. Das hat Spaß gemacht.
Es ist nur immer noch unsagbar heiß. Am und im Camper halten wir es nicht aus. Also beschließen wir, am Nachmittag die Landeplätze von Obertraun an zu schauen. Denn morgen Vormittag könnte sich noch ein Flug ausgehen, bevor das Wetter umschwingen soll.
Wir radeln gemütlich durch den Ort zum Landeplatz für „Gastflieger“. Das sind in dem Fall alle Pilot*innen, die nicht im Rahmen eines Sicherheitstrainings der Flugschule Skyclub Austria am Hallstätter See fliegen. Also so Menschen wie wir. Am Landeplatz angekommen sind wir kurz still. Das Ding sieht sauklein aus, ist am Ostende von Häusern flankiert, auf der Nordseite stehen hohe Bäume, auf der Südseite fließt ein Bach und die Westseite wird durch den hohen Ballfangzaun des benachbarten Fußballplatzes begrenzt. Na priml. Genau das richtige für zwei Landenulpen wie uns. Während ich noch überlege, wie man in das Ding reinzirkeln könnte, spricht Milla aus, was sie denkt: sie mag hier nicht landen.
Also schwingen wir uns wieder auf die Räder und fahren zu dem Landeplatz, der von der Flugschule für Sicherheitstrainings genutzt wird. Als wir dort ankommen, verlässt gerade ein Tandempilot die Wiese, den wir ansprechen. Wir lernen, dass er für die Flugschule Tandem fliegt, dass am nächsten Tag kein Sicherheitstraining stattfindet und er druckst erst etwas rum, meint dann aber, dass wir schon dort landen könnten. Wir sollen halt keine der angrenzenden Wiesen treffen (denn der eigentliche Landeplatz ist auch nicht groß, aber zumindest von freien Wiesen ohne Hindernisse umgeben) und den Platz zügig nach der Landung verlassen. Wir bedanken uns für die Auskünfte und spazieren ein paar Meter weiter, um den Landeplatz genau in Augenschein nehmen zu können. Ja, das sieht feiner aus als der andere Platz.
Als wir wieder umdrehen und Richtung Straße schlendern steht ein zweiter Mensch bei dem Tandempilot und spricht uns an: wir sollen bitte nicht dort landen. Der Chef der Flugschule lebt davon, dass er diesen Platz nutzen kann, und die Bauern, denen die angrenzenden Wiesen drumherum gehören, machen eh schon Stress genug, weil ihnen die Paragleiter ein Dorn im Auge sind. Jede*r Pilot*in, die die Wiese außerhalb eines Trainings nutzt, setzt die generelle Nutzungserlaubnis für die Flugschule aufs Spiel.
Das verstehen wir und halten uns gerne dran. Ist wohl auch in manchen Gegenden Österreichs nicht anders als bei uns im Allgäu: wo’s zu viel wird, haben die Einheimischen keinen Bock mehr auf uns Outdoorsportfreaks.
Wir erzählen, dass uns der andere Landeplatz halt arg klein und eingebaut vorkommt. Ob er einen Tipp für uns hätte, wie frau da am besten reinfliegt, um safe nicht in irgendetwas Angrenzendem hängen zu bleiben. Er meint, dass der Platz größer ist als er aussieht und erklärt uns genau, wo frau wie Höhe abbaut, sich reindriften lässt und dann sicher landen kann. Das war sehr nett. Das fliegende Volk ist generell tatsächlich ein sehr freundliches.
Ok, wir radeln also nochmal zurück zum ersten Landeplatz, legen die Räder an der Seite ab und latschen mal auf die Wiese drauf. Und siehe da: sie ist tatsächlich sehr viel größer, als sie wirkt. Zumindest braucht es jede Menge Schritte, um sie halbwegs zu durchqueren. Wir kapieren, dass sie wahrscheinlich genauso groß ist wie der Landebereich bei uns am Buchenberg und den haben wir schon ewig nicht mehr verfehlt. 😉 Beim nach hinten laufen sehen wir dann auch, dass die nördliche Baumreihe am Ostende des Landeplatzes unterbrochen ist, was wir aus unserer vorherigen Perspektive nicht sehen konnten, und frau durch diese Lücke wunderbar den Queranflug fliegen kann.
Wir kommen überein, dass das ein schaffbarer Landeplatz ist.
Zurück am Camper ist es immer noch viel zu heiß, um darin oder davor Zeit zu verbringen. Bei unserer Gravelrunde hatten wir nicht weit entfernt schöne Wiesen am Seeufer gesehen. Wir werfen uns in unsere Badeklamotten, Milla packt sich die Handpan auf den Rücken und wir radeln das kurze Stück zur Wiese, auf der nur ganz wenige Menschen sind. Das steht in ganz angenehmen Kontrast zum Lärm, der vom Strandbad in Obertraun zu uns rüberweht. Milla packt die Handpan aus und wir genießen die Musik, das Geräusch der Wellen an den Ufersteinen und das Rauschen des Windes in den Bäumen. Einfach mal chillen. So schön.
Der Blick schweift zum gegenüberliegenden Krippenstein. Dort oben ist der Startplatz, an dem wir morgen fliegen wollen. Wir waren da schon mal – lange bevor unsere Fliegerkarriere begann. Die Krippensteinbahn war damals der Ausgangspunkt für unsere Dachsteinüberschreitung mit Alex und Manuel und ich stelle mit Erschrecken fest, dass ich so gut wie keine Erinnerung an den ersten Teil des Weges, eben mit der Krippensteinbahn, habe. An den Mittelteil auf dem Eis und an den Gipfel kann ich mich sehr gut erinnern. Das war ne saucoole Tour. Und auch der Abstieg ist mir in „bester“ Erinnerung geblieben. Denn der war lang (wir hatten aufgrund reinziehenden schlechten Wetters eine eigentlich geplante Hüttenübernachtung auf halbem Abstiegsweg ausgelassen und sind in einem Rutsch bis zum Gosausee abgestiegen), anstrengend und schmerzhaft. Das hat wohl alles, was vor dem schmerzhaften Teil kam, aus meinen Erinnerungen gelöscht. Naja, ich kann mir ja morgen nochmal anschauen, wie es da so aussieht.
Während ich so vor mich hin sinniere, sehe ich einen Gleitschirm oben am Gipfel auftauchen. Nanu? Ist es heute etwa doch fliegbar? Wir hatten in den Wetterprognosen einen Grundwind von mindestens 25km/h am Startplatz stehen, was uns gesagt hat: nö, da fliegen wir sicher nicht und deswegen das Alternativprogramm mit den Gravelbikes überlegt hatten. Ich suche mir die Wetterstation am Gipfel in meiner App und siehe da: perfekter Startwind. Schon den ganzen Tag.
Währenddessen taucht ein anderer Schirm auf. Und dann noch einer. Sie drehen nicht so richtig auf aber scheinen sich ganz gut in der Höhe halten zu können. Na priml. Sofort habe ich schlechte Laune. Wieso bin ich nicht schon früher auf die Idee gekommen zu schauen, ob der Wind am Startplatz passen könnte? Morgen gibt es nur ein kleines Wetterfenster am Morgen und so richtig gut wird es nicht werden. Das wird morgen „nur“ ein Abgleiter. Hätte ich Doofi mal früher nachgedacht, hätten wir heute noch einen coolen Flug machen können. Hätte, hätte, Fahrradkette. Ich versuche mich nicht zu ärgern. Denn es ist jetzt schon kurz nach 17 Uhr. Die Plot*innen, die jetzt in der Luft sind, sind wahrscheinlich mit der letzten Bahn hochgefahren. Es sei ihnen gegönnt. Bemerkenswert finde ich, dass die Verhältnisse schon wieder sehr viel besser sind, als prognostiziert war. Das ist gefühlt schon den ganzen Sommer so. Die Klimaveränderungen scheinen es den Meteorologen wirklich schwer zu machen, ihre Vorhersagen so passgenau zu gestalten, wie wir es in den letzten Jahren gewöhnt waren.
Ich lausche Millas Musik und fühle in mich rein. Ich will mich in solchen Situationen eigentlich gar nicht ärgern. Ich hatte einen wunderschönen Tag, mit meiner Lieblingsmenschin in einer traumhaft schönen Umgebung, mit Dingen, die uns beiden Freude machen. Was kann es Schöneres geben? Und trotzdem nagt etwas in mir, wenn es fliegbar ist und ich am Boden stehe. Ich werde dran arbeiten… muss ich wohl oder übel, denn beim nächsten Blick nach oben sehe ich schon wieder Schirme starten. Es ist mittlerweile kurz vor 18 Uhr und ich wundere mich: sind die alle die unendlich vielen Höhenmeter da hochgelaufen? Die Locals sind wohl ganz schön zähe Hunde. Und dann trifft mich die Erkenntnis: ich weiß ja gar nicht, wie lang die Bahn fährt. Also checke ich das und lerne, dass die Krippensteinbahn bis 19 Uhr abends in Betrieb ist. Wie crazy ist das denn bitte??? In mir drin macht sich Hektik breit: würden wir’s noch schaffen, mit einer der letzten Bahnen hoch zu kommen? Ich kalkuliere das schnell durch: zurück zum Camper radeln, umziehen, Fliegesachen packen, zur Krippensteinbahn radeln. Würde ganz schön knapp werden, und eigentlich habe ich schon ganz schön Hunger. Und wer weiß, ob der Wind noch passt, wenn wir oben sind und falls nicht, müssten wir fast 1600 Höhenmeter zu Fuß wieder runter. Arrgghhh!!! Die Ehrgeizige in mir will sofort loshirschen, um das irgendwie noch möglich zu machen. Dann meldet sich jedoch zum Glück das Vernunftquatschi: alles viel zu stressig. Wir reflektieren das kurz in unserer Kleingruppe und Milla ist es auch zu stressig. Also hauen wir ein Ei drüber, ich strecke mal die Füße ins Wasser und wir genießen die langsam kühler werdende Abendluft.
Zurück am Camper gibt’s wie immer lecker Futter und wir machen einen Plan für den nächsten Morgen. Der neue Wetterlauf zeigt immer noch ein sehr kleines Zeitfenster am Vormittag an, in dem ein Start am Krippenstein klappen könnte. Also stellen wir uns früh den Wecker.
Als der am nächsten Morgen klingelt, geht der erste Griff zum Handy und zur Fliege-App. Der nächtliche Wetterlauf spuckt nun eine nochmal schlechtere Prognose aus: das sieht nicht wirklich fliegbar aus. Es müsste jeden Moment anfangen zu regnen. Kurzer Austausch: das ist uns die Kosten für die Krippensteinbahn nicht wert. Also Augen wieder zu.
Eine halbe Stunde später, wir liegen dösend rum, kommt die Erkenntnis: es sollte schon lang regnen. Tut es aber nicht. Ist am Ende die Wirklichkeit wieder mal besser als prognostiziert? Nochmal der Blick in die verschiedenen Wetter Apps. Und dann der Entschluss: es ist es uns doch wert, im blödsten Fall umsonst Tickets für die Krippensteinbahn gekauft zu haben.
Weil wir nun so viel Zeit vertrödelt haben, fällt das Frühstück erst mal aus. Wir packen in Rekordgeschwindigkeit zusammen, machen den Camper abfahrbereit und fahren zum Parkplatz der Krippenstein außerhalb des Ortes.
Dort lernen wir erst mal, dass man hier ganz offiziell mit dem Camper übernachten darf. Na priml. Das merken wir uns für’s nächste Mal. Parken, Sachen packen, los geht’s zur Bahn. An der steht schon eine Schlange an Touristen und wir sehen auch zwei andere Menschen mit Gleitschirm Rucksäcken auf dem Rücken. Ok, andere sind genauso bekloppt wie wir. Das beruhigt.
Die erste Gondel ist ruckzuck voll und genau in dem Moment, in dem wir das Drehkreuz passieren wollen, springt die Restplatz-Anzeige auf „null“. So ein Kack. Denn laut Fahrplan fährt die nächste Gondel erst in 30 Minuten. Das war’s dann wohl mit dem Flug. Mein Stresspegel steigt. Dann sagt der nette Mensch von der Bergbahn jedoch: „keine Sorge, die nächste Gondel ist in 5 Minuten da“, und ich atme erleichtert auf. 5 Minuten später steigen wir dann tatsächlich in die Gondel ein, an der Mittelstation heißt es einmal umsteigen und wiederum ein paar Minuten später spuckt uns die Bergbahn am Gipfel aus. Unterwegs haben wir das Frühstück nachgeholt und uns die morgens noch fix geschmierten Semmeln reingezwirbelt. Also ich nur so halb, denn wenn ich aufgeregt bin, habe ich null Komma null Appetit. Aus Vernunftgründen zwinge ich mir dann ein paar Bissen rein, aber das ist echt immer wieder eine Qual.
Ein kleiner Fußweg führt einmal um den Gipfel herum auf die Nordwest Seite des Berges zum Startplatz. Die beiden anderen Pilot*innen sind schon fast startklar und der eine begrüßt uns mit: „lasst Euch nicht zu lang Zeit, da hinten kommt die Regenfront!“ Sprachs, zieht auf und fliegt davon.
Wir schauen uns an, nicken kurz und kommen stumm überein, dass wir uns jetzt so zügig wie möglich, jedoch ohne Hektik (denn da passieren zu viele Fehler) fertig machen.
Keine 5 Minuten später sind wir fertig gecheckt mit ausgelegten Schirmen startklar.
Milla startet als erste und ich warte keine 10 Sekunden, bis auch ich aufziehe und direkt hinter ihr in die Luft komme. Die zuschauenden Touristen klatschen.
Erst in der Luft schaue ich mich mal um: im Südwesten der Dachstein, wolkenverhangener Himmel, unter uns der heute graue Hallstätter See. Die anderen beiden Schirme sind schon sehr tief unter uns, sodass nur wie beide hier oben zusammen nebeneinander her schweben. Wie wundervoll! Es ist geglückt. Ich jauchze und freue mich und dann trifft mich die Erkenntnis: nicht so lang rumfackeln, am Nordende des Sees regnet’s schon. Milla scheint zur gleichen Erkenntnis zu kommen, denn wir fangen fast zeitgleich an, über schnelle Kreise und langsame Spiralen Höhe ab zu bauen. Zwischendurch gelingt es mal, das ein oder andere Foto zu machen und ich genieße die ungewohnt ruhige Luft. So ruhig hatten wir es schon monatelang nicht mehr. Fein.
1600 Höhenmeter dauern auch beim Kreisefliegen einigermaßen lang, aber irgendwann wird es Zeit, sich auf die Landung vor zu bereiten. Ich realisiere, dass wir am Vortag ausschließlich über die Talwind Landevolte gesprochen hatten und heute Morgen der Wind jedoch noch als kalter Bergwind zum See hin fließt. Ok, das stellt uns jetzt auch nicht vor besonders große Herausforderungen, aber ich muss schon mal kurz nachdenken, wie ich das nun am besten fliege.
Über dem Fußballplatz, wo gerade Horden kleiner Menschen trainieren (an einem Sonntagmorgen? Wie krass sind die denn bitte drauf?), achtere ich ab und versuche so tief wie nur irgendwie möglich in den Landeplatz ein zu fliegen, damit ich nicht am Ostende auf den Terrassen der angrenzenden Häuser lande. Als ich aus dem Beinsack aussteigen will, bleibt mein stark profilierter Schuh mit einer Zacke der Sohle am Tuch hängen und ich kriege ihn da ums Verrecken nicht raus, während ich mit nur 20 Metern über Grund immer noch Höhe durch Abachtern abbaue. Ok, dann eben einbeinig landen. Ein Blick zum Windsack: nee, das ist ne Scheißidee. Einbeinig ginge bestimmt total gut, wenn der Wind mit 20km/h bliese. Tut er aber grad nicht. Der Windsack sagt: Nullwind. Und bei dem muss frau naturgemäß zumindest ein paar Schritte laufen. Also nochmal alle Energie darauf, den Fuß aus dem Sack zu kriegen, was dann tatsächlich genau in dem Moment, in dem ich aufsetze, gelingt. Vor lauter Konzentration auf den Fuß habe ich jedoch das Flaren irgendwie verkackt und komme ziemlich hart auf. Naja, was soll’s. Unverletzt, das ist das Wichtigste.
Ich drehe mich um und sehe Milla zu, wie sie ganz kurz hinter mir eine wahre Zuckerlandung hinlegt. Auf dem Landeplatz, vor dem sie gestern noch den größten Respekt ihres Lebens hatte. Ich bin stolz auf sie.
Wir freuen uns wie kleine Kinder, als wir unsere Ausrüstung am Rand des Fußballplatzes zusammenlegen. Es ist geglückt: wir sind vom Krippenstein geflogen. Und kommen sicherlich bei thermischeren Bedingungen nochmal wieder, denn die Aussicht ist hier echt der Hammer. Über den Dachstein zu fliegen, wär ja schon mal ne Nummer…
Es folgt ein kleiner Fußmarsch zurück zu unserem Camper an der Krippensteinbahn und dann holen wir erst mal ausgiebig das Frühstück nach. Wie praktisch, wenn frau ihren gesamten Hausstand immer bei sich hat. 😊 Bei frischem Kaffee und Tee überlegen wir, wie es mit dem noch jungen Tag weiter gehen soll. Der Regen ist nämlich in die andere Richtung abgezogen und mal wieder ist das Wetter viel besser als prognostiziert. Wir haben Bock auf graveln. Diese Räder machen einfach so viel Spaß, das wollen wir heute nochmal auskosten, bevor nächste Nacht dann wirklich das Wetter komplett umschlagen wird.
Ich werde größenwahnsinnig: wie wäre es denn, wenn wir vom Nordende des Hallstätter Sees zum Wolfgangsee radeln würden, dort ein Eis essen und wieder zurückfahren? Das müssten in Summe so circa 50 Kilometer sein. Das ist zwar keine Strecke, die wir nicht schon mal geradelt wären. Aber zu der Zeit sind wir deutlich mehr Rad gefahren und hatten fittere Oberschenkel. Aber was soll’s. Jetzt haben wir die schnelleren Räder. Und wer nicht wagt, die nicht gewinnt.
Also machen wir den Camper abfahrbereit, schwingen uns in die Sitze und los geht die Reise rund um den halben See ans Nordende, wo wir den Camper auf einem großen Kettenanlegeplatz parken können. Nochmal Luft auf die Räder und los geht die Graveltour zunächst über Bad Goisern nach Bad Ischl. Wir fahren entweder auf dem gut ausgebauten Radweg neben der Bundesstraße oder finden kleinere Parallelstraßen entlang der Ortschaften. In Bad Goisern ist der Ortskern komplett abgesperrt, weil ein Oldtimerrennen stattfindet und wir müssen die Bikes ein paar Meter schieben. Zerstört die Durchschnittsgeschwindigkeit, macht aber nix. Rund um Bad Ischl müssen wir ab und zu mal anhalten, um uns bei der Wegfindung zu orientieren und am Ortsausgang Richtung Westen fahren wir auf eine Steigung zu, bei der wir zweifeln, ob wir mit unserer Gravelübersetzung da überhaupt hoch kommen. Wir müssen ganz schön reintreten, aber im ersten Gang schaffen wir es hechelnd und schnaufend nach oben. Das schöne an Steigungen ist ja, dass es danach auch irgendwann wieder bergab geht, und so rollen wir auf der alten Bundesstraße, auf der außer uns nur andere Radfahrende und die Oldtimer unterwegs sind, Richtung Wolfgangsee.
Als der Popo langsam nach einer Pause ruft sind wir auch schon am Seeufer angekommen, finden ein Kiosk, das uns zwei Eis verkauft und wir genießen die Sicht über den See. Am gegenüberliegenden Westufer sind wir vor 3 Tagen noch geflogen. Von hier aus ist die Aussicht auch ganz nett.
Es ist wieder heiß, die Sonne brennt, vom angesagten Regen ist weit und breit nichts zu sehen. Also schwingen wir uns nach der erholsamen Pause wieder in den Sattel und auf der alten Bundesstraße will Milla augenscheinlich mal wissen, was das Radl so kann. Sie fliegt nahezu an ein paar E-Bikern vorbei, die uns bei Tempo 50 fast wie stehende Hindernisse vorkommen und ich bin froh, dass ich mich in den Windschatten hängen kann. Ob ich das vorneweg im Wind auch so treten könnte, bezweifle ich. Aber es macht riesigen Spaß.
Ehe wir uns versehen, kurven wir schon wieder um Bad Ischl rum, schieben die Räder durch die immer noch gesperrten Straßen in Bad Goisern, bewundern ein paar echte Oldtimer Schätzchen und rollen wieder zurück zum Hallstätter See zu unserem Camper. Der Popo hat nach 48,5 Kilometern und 340 Höhenmetern in 2 Stunden und 20 Minuten auch genug für heute und ein Blick in die Wetterprognosen sagt uns, dass es nun endgültig vorbei ist mit „es ist besser als prognostiziert“, denn was da jetzt aus Westen anrollt ist eine kapitale Kaltfront, die in wenigen Stunden heftigen Sturm und Niederschläge bringen wird. Also fackeln wir gar nicht lange, sondern machen uns abfahrbereit für den Weg nach Hause. Kurz überlegen wir, ob wir noch irgendwo einen Zwischenstopp einlegen sollen, um nochmal zu übernachten. Aber daheim ist es auch schön und wir freuen uns auf Ausschlafen am Montag und dann in Ruhe den Camper ausräumen und sauber machen.
Die Fahrt über die A8 ist wie immer an Ferientagen semischön, es staut mal hier und mal da, aber alles in allem kommen wir ganz gut vorwärts. Irgendwann schlägt der Hunger zu und wir sind mittlerweile echte Profis darin, schöne Dorfgasthöfe zu finden. So landen wir im Gasthof Altwirt in Reichersbeuern, lassen uns lecker Schnitzel mit Pommes schmecken und fahren gut gestärkt noch die letzten 1,5 Stunden nach Hause. In denen zeigt Mutter Natur dann, was sie kann. Der Himmel öffnet seine Schleusen und der Regen, mit dem wir nun schon seit Tagen immer wieder mal gerechnet haben, trifft uns mit voller Wucht und sorgt jedoch auch endlich für ein wenig Abkühlung. Tatsächlich stimmt die Wetterprognose fast auf die Minute genau. Alles richtig gemacht. Home sweet home.













