Fliegen in Südtirol, 19.-24.12.2025
Seit wir eine Lizenz zum Gleitschirmfliegen haben, hoffe ich darauf, mal an meinem Purzeltag einen Flug machen zu können. Bisher hat das nie geklappt. Ob Frau überhaupt im Dezember fliegen kann, ist immer schon irgendwie wie würfeln, wenngleich ich sagen muss, dass wir unsere kleine interne Challenge, jeden Monat im Jahr mindestens einen Flug zu machen, seit Erwerb der Lizenz immer schafften, auch in den Dezembermonaten. Die Schneelage ist im gesamten Alpenbereich dieses Jahr ziemlich dürftig. Nach dem kurzen Wintereinbruch im November, der die Skigebietsbetreiber möglicherweise euphorisch hatte werden lassen, kam so gut wie nichts mehr runter, womit Skifahren bei uns generell schon eher in den Hintergrund rückte und als wir dann noch erkannten, dass es während der geplanten freien Tage so gut wie überall sonnig und vergleichsweise warm werden soll, war Fliegen sofort auf Platz 1. Zum ersten Mal seit drei Jahren sah es so aus als ob sich an meinem Purzeltag tatsächlich ein Flug ausgehen könnte und die Herausforderung bestand nur noch darin herauszufinden, wo das sein soll, denn sehr viele Campingplätze in den in Frage kommenden Fluggebieten haben geschlossen oder verfügen nicht über eine Infrastruktur, die wir uns für unser erstes Wintercamping vorstellten.
So wurde der Kreis schnell klein und hängen geblieben sind wir am Campingplatz Såndgøld Alpine Glamping, auf dem wir im Oktober diesen Jahres schon mal im wahrsten Sinne des Wortes gestrandet waren, als ein Marder dafür sorgte, dass unser Auto in die Werkstatt musste. Fliegen konnten wir dort damals nicht, weil die Wetterlage es nicht zuließ, aber dieses Mal sah das anders aus. Anhaltender mäßiger Südwind, kein Föhn, zwei Startplätze fußläufig oder mit dem Bus und der Seilbahn erreichbar, der Landeplatz 5 Minuten zu Fuß vom Stellplatz entfernt, für einen Campingplatz traumhafte, warme und zugfreie Sanitäranlagen, Strom inklusive, ein Trockenraum mit Platz, um die Gleitschirme zu trocknen, und, was ich noch zu schätzen lernen werde, Waschmaschinen, die einfach mit dem Zugangschip verwendet werden können.
Einen Unsicherheitsfaktor gab es noch: Astrid hatte zwei Tage vor der geplanten Abfahrt eine Zahn-OP und ob das dann immer gut wird oder zwingend Aufmerksamkeit benötigt, weiß niemand, weswegen wir den Platz erstmal nur übers Wochenende buchten, falls es notwendig wird, doch nochmal die Zahnärztin zu bemühen. Gleich vorweg, das war nicht nötig und wir verlängerten die beiden Tage bis Heiligabend vor Ort.
Donnerstagsnachmittags, einen Tag vor der Abfahrt, holten wir die Wohnkabine aus dem Stall heraus, sie musste aus dem Winterschlaf geweckt und für die Abfahrt am nächsten Tag vorbereitet werden. Das Aufladen ging dieses Mal relativ zügig und komplikationslos von statten, nachdem wir ein paar neue Dinge gelernt und berücksichtigt hatten, so zum Beispiel der Umstand, dass der hintere Unterbau exakt zwischen den Einrastpinöppeln der Heckklappe platziert werden muss, denn die stehen auf beiden Seiten in den Ladeweg hinein und es bleiben nur wenige Millimeter rechts und links, wo die Kabine durch muss. Beachtet Frau das, sitzt die Kabine automatisch exakt mittig und wenn Frau vorher noch überprüft hat, dass die Kabine in der Waage steht, ist das gleichmäßige Absenken auf die Ladefläche ein Kinderspiel.
Bis kurz vor Abfahrt checkten wir nach jedem Wetterlauf, ob die Prognosen fürs Fliegen noch passen, was sie taten, doch es schadet nicht, für Alternativprogramme gerüstet zu sein, weswegen das leichte Hike&Fly Equipment, die Skitourenausrüstung und die Schnee- und Trailrunningschuhe ebenfalls eingepackt wurden und dann ging’s auch schon los. On the Road again. Brennermaut und österreichische Vignette kauften wir online unterwegs ein, für das Durchfahren der italienischen Mautstellen, ohne anhalten zu müssen, kam die kleine Bip&Go-Box in die Frontscheibe, was wirklich hervorragend funktioniert, in Italien. In Frankreich, wo die Box bzw. das System herkommt, funktioniert es leider nicht zuverlässig, was zu teuren Überraschungen führen kann. Den Weg kennen wir im Schlaf, so oft sind wir dieses Jahr bereits über den Brenner gefahren, wo uns noch ein paar Jahre der Brückenneubau bei Lueg begleiten wird, wo es häufig Stau gibt, den wir dieses Mal über die Passstraße umfahren, ohne wissen zu können, ob das wirklich schneller ist. Aber es gibt ein besseres Gefühl, wenn Frau nicht auf der Autobahn steht. Über den Buckel drüber sind wir im Nu in Sterzing und von dort ist es nur ein Katzensprung bis Brixen, wo die Straße ins Pustertal abzweigt. Auf der Landstraße ist freitagsnachmittags relativ viel Verkehr bis Bruneck, doch es läuft überall durch und mit beginnender Dämmerung biegen wir für die letzten Kilometer nach Norden ins Ahrntal ab, wo wir kurze Zeit später die riesige Pride-Fahne und die Schranke auf den Campingplatz passieren.
Daniele vom Empfang hatte uns bereits telefonisch kontaktiert, wann wir denn wohl eintreffen werden, und da fiel uns auf, dass wir vergessen hatten, Bescheid zu sagen und annahmen, es werde schon jemand da sein. Macht aber nix. Wir haben die Zeit nicht strapaziert, werden überaus freundlich empfangen und mit den Zugangschips für Sanitär und alle anderen gemeinschaftlich nutzbaren Räume ausgestattet, was toll ist, denn es steht ein geräumiger Trockenraum zur Verfügung, den wir in den nächsten Tagen brauchen werden. Unser erstes Wintercamping beginnt mit dem Bezug unseres zugewiesenen Stellplatzes, Kabel dran getüddelt, Strom ist inklusive, ein nicht ganz unwichtiger Punkt, wenn wir nachts Temperaturen von deutlich unter Null erwarten dürfen, und selbst wenn Frau es mit Heizen nicht übertreibt, so braucht die Kabine trotzdem relativ viel Strom, um wenigstens um die 15-16°C im Inneren halten zu können. Viel gedämmt ist die Hülle wenig. Mit Gas heizen ist bei diesen Temperaturen keine Option. Ich schätze, dass jede Nacht eine 5kg-Flasche durchlaufen würde. Mit Stromanschluss ist das alles viel einfacher. Bevor wir Futter machen, gehen wir noch eine Runde zu Fuß über den Eingang zu den Rheinbachfällen durch den Ort, ein bisschen Bewegung nach der Fahrt tut gut und während wir uns anschließend mit der zu Hause vorbereiteten Nudelsoße eine leckere Pasta Ragôut zubereiten, besteht der wichtigste Punkt an diesem Abend darin, ob und wo wir am nächsten Tag fliegen können, mein Purzeltag, und es sieht tatsächlich perfekt für den Speikboden aus. Viel Sonne, wenig Wind, die Basis wird bei BurnAir bei etwa 2700m angegeben, kein Föhn, der Winterstartplatz befindet sich in der Nähe der Sonnklar Alm und müsste mit der oder den Seilbahnen erreichbar sein, wenngleich uns nicht ganz klar ist, wie wir ein Stück in der Mitte mit einem Schlepplift fahren sollen, ohne Ski an den Füßen. Weil wir bereits beim ersten Besuch hier im Herbst lernten, dass der öffentliche Nahverkehr sehr pünktlich in vergleichsweise kurzer Taktung zuverlässig fährt, wir mit den Übernachtungen eine Südtirol-Card mit Öffis inklusive bekamen und der offizielle Landeplatz nur 5 Minuten zu Fuß vom Campingplatz entfernt ist, beschließen wir, das Auto stehen zu lassen und den Bus zur Talstation Speikboden zu nehmen.
Mit dicken Duvets und unserer Fußbodenheizung überleben wir die erste Nacht ganz gut, wobei es am Morgen ein bisschen schwerfällt, unter der warmen Decke herauszukrabbeln, doch die Aussicht auf einen wahrscheinlich ruhigen Flug mit über 1500 Höhenmetern motiviert mich aufzustehen. Eile haben wir keine, es genügt, wenn wir den Bus gegen 11 Uhr ab dem Busbahnhof in Sand bekommen, der von dort ohne Zwischenhalt in 3 Minuten an der Bahn ist und den Weg vom Campingplatz zum Busbahnhof schaffen wir mit dem Flugzeug auf dem Rücken zu Fuß entspannt in weniger als 20 Minuten und vor 13Uhr ist ein Start nicht sinnvoll. Erstmal richte ich mich für den Tag her, die Sanitäreinrichtungen sind ein Traum, es gibt ausschließlich abgetrennte Kabinen, jede mit Dusche/WC/Waschbecken ausgestattet, und warm. Bei der Zubereitung des Frühstücks sind wir nach fast 10 Ausfahrten dieses Jahr mit der Wohnkabine ein eingespieltes Team und was ich besonders schätze, das Ding ist so geräumig, dass wir beide gleichzeitig Aufgaben erledigen können, ohne uns auf den Füßen herumstehen zu müssen. Mit fortschreitender Zeit werde ich immer aufgeregter. Ein neues Fluggebiet, ein unbekannter Startplatz, unbekannte Bedingungen am Startplatz im Sinne von, wie steil ist er, gibt es genug Platz zum Laufen, wie hoch liegt der Schnee, können wir gleichzeitig auslegen, erkenne ich den Landeplatz aus der Luft, usw. Der Umstand, dass er in unserer App gelb gekennzeichnet ist und nicht grün lässt mich vorsichtig werden, denn es wird nicht der einfachste Startplatz sein. Gleichzeitig ist es so, dass wir inzwischen über 200 Flüge in über 50 unterschiedlichen Fluggebieten auf der Uhr haben und wir auf unsere Fähigkeiten vertrauen dürfen. Auch in Bezug auf den Landeplatz, von dem wir mindestens vom Boden aus wissen, wo er ist, welche markanten Erkennungsmerkmale es gibt und dass er riesengroß ist, auch wenn das aus der Luft von weit oben oft anders aussieht. Bin trotzdem nervös. Wir packen für den Flug heute und weil wir die Bahn nehmen werden, kommen unsere Thetas mit den Easiness Gurtzeugen mit, womit die Ausrüstung etwas schwerer ist, als mit dem Leichtzeug, aber dafür auch ein besseres Gleiten und etwas mehr Sicherheit bietet. Heute ganz wichtig: Die Heizhandschuhe mit geladenen Akkus, eine zusätzliche Primalofthose für unter die Hardshell, wenn wir am Startplatz ankommen, sowie 1-2 zusätzliche Lagen plus Hardshelljacke für oben rum, je nach dem, was wir an Bedingungen bezüglich Lufttemperatur und Wind vorfinden, denn immerhin liegt der Startplatz auf fast 2400m AMSL. Gut bepackt wackeln wir zu Fuß zum Busbahnhof, erwischen dort noch einen Bus früher, steigen wenige Minuten später am Speikboden aus, im Bus befinden sich zwei andere Pilot:innen, die ich nach dem Aussteigen nicht aus den Augen lasse, um zu sehen, was sie tun und kaufen uns je eine Bergfahrt bis ganz rauf ein. Ich zucke kurz als ich höre, was das kostet. Das wird mein bisher teuerster Flug ever, doch nicht zu fliegen, ist keine Alternative heute, wenn sich die Gelegenheit bietet. Wir steigen in die Gondel, zu den anderen beiden Fliegenden aus dem Bus gesellte sich ein dritter Mensch, sie sind kurz vor uns eingestiegen und ich versuche, diese Gruppe nach dem Aussteigen oben weiter zu beobachten, denn zwischen der Bergstation und dem Sessellift, der uns bis ganz rauf bringt, gibt es eine Lücke, von der wir nicht wissen, wie sie geschlossen wird. Während Astrid losgeht, um auszukundschaften, wie es von hier weitergeht, stelle ich mich einfach nah an das Grüppchen ran, das nach dem Aussteigen aus der Gondel kurz stehenbleibt, werde als Fliegende erkannt und erfahre so, dass die drei Einheimische sind und mir gerne Auskunft geben, wie es von hier weiter hinaufgeht. Als Astrid zu mir zurückkommt, hab‘ ich den Plan, was zu tun ist. Erst quer zu Fuß über die Piste, die vor uns liegt, scheinbar wichtig, wir sollen oberhalb eines einzelnen Baumes queren, und dann bei einer kleinen Hütte sollen wir auf den, dort startenden Zauberteppich drauf, der uns in einem Tunnel ziemlich lang den Hügel hinauf mitnimmt. Wenn wir oben ausgestiegen sind, geht’s wieder ein kleines Stück zu Fuß quer über eine Piste zum erwähnten Sessellift, der uns zur Sonnklar Alm hinaufbringt. Die Alm liegt ein klein wenig unterhalb der Bergstation, an ihr vorbei die Piste runter und später einer Spur durchs Gelände folgend, erreichen wir in etwa 10-15 Minuten das Gelände wo im Grunde nach Belieben gestartet werden kann. Eine weitere, etwas größere Gruppe Pilot:innen stapft an uns vorbei, während wir noch einen Pipistopp an der Alm einlegen. Alles in allem sind etwas mehr als 10 Menschen mit Schirm plus uns beide am Startplatz. Mir fällt auf, dass wir entgegen der Prognose mitnichten Nullwind haben und wir identifizieren die teilweise ziemlich starken Windböen als thermische Ablösungen, die den Starthang hinaufziehen, denn die Sonne scheint schon den ganzen Vormittag am wolkenlosen Himmel und hat den Südhang entsprechend erwärmt als wir gegen Mittag dort eintreffen. Während wir uns wärmer einpacken und unser Flugequipment herrichten, beobachten wir die Böen und stellen fest, dass immer auch mal kurze ruhigere Phasen vorbeikommen. Wenn Frau allerdings versucht, in eine thermische Ablösung zu starten, kann’s blöd werden, wie wir bei den vor uns Startenden erkennen, von denen ein paar während des Aufziehens so eine Ablösung erwischen und ziemlich Arbeit und meistens mehrere Versuche mit Hilfe ihrer Gruppe haben, bis sie rausfliegen. Als alle anderen weg sind, hilft Astrid mir bei meinen Startversuchen, derer ich mindestens 3 brauche, bis ich die Kappe stabilisiert bekomme und mit wenigen Schritten abhebe. Der Schnee liegt zwar nicht hoch, doch es ist gerade genug, um nicht vernünftig Unterlaufen zu können. Dazu schauen noch ein paar Büsche aus dem Schnee heraus, wo sich die Leinen gerne verheddern, und die Böen kommen gefühlt aus allen Richtungen als ich in mehreren Anläufen rückwärts aufziehe, alles in Allem sehr mühselig, wenn der erste Versuch schief geht und ich habe ernsthaft Sorgen als ich wegfliege, ob Astrid das allein schafft, bei diesen ziemlich ruppigen Verhältnissen zu starten. Immerhin haben wir die Funken dabei, sodass wir uns über den Fortgang verständigen können, auch wenn ich aus der Luft nix tun kann.
Die gute Nachricht: Die starken thermischen Ablösungen sorgen dafür, dass ich direkt überm Startplatz aufdrehen und in einer Art Parkposition bleiben kann und zu meiner Überraschung startet Astrid völlig problemlos wenige Minuten nach mir. Sie erzählt später, dass der Wind unmittelbar nach mir so eingeschlafen ist, dass sie kaum mit dem Wind auslegen konnte und schon überlegte vorwärts zu starten als eine ganz sanfte, laminare Brise ihr praktisch von allein den Schirm aufzog, sie sich nur noch ausdrehen musste und mit 1-2 Schritten abhob. So kann’s auch gehen und ich freue mich für sie, dass das so smooth funktioniert hat.
Geschafft. Wir sind beide in der Luft. Von allen anderen Menschen, die vor uns starteten, sind nur noch zwei da, die sich jedoch ebenfalls irgendwo hin verkrümelten, wo ich sie nicht mehr wahrnehme, die Luft ist einigermaßen bockig, aber das ist jetzt keine Überraschung und zum Glück macht es mir heute nicht so viel aus. Der Boden ist kalt, die von der Sonne erwärmte Luft löst sich mit entsprechender Heftigkeit und blubbert ganz ordentlich nach oben und es hat Flüge unter ähnlichen Bedingungen gegeben, wo mich das sehr gestresst hat und ich zügig Landen gegangen bin. Einen kurzen Aufreger gibt’s als Astrid sich ziemlich bald nach ihrem Start 50m über Grund, wobei Grund in dem Fall sehr steiler, felsiger Bergwald bedeutet, einen Frontklapper einfängt, doch sie bleibt cool, der Schirm ist nicht beschleunigt, Hände hoch, sie weiß, dass die Kappe relativ schnell wieder von allein öffnet, und fliegt einfach weiter durch die Blubber-Thermik-Blasen, die ihr Höhe verschaffen. Eine tolle Entwicklung, die wir dank unserer 3 Sicherheitstrainings im Laufe der Zeit machen durften und die uns bei Kappenstörungen, die in thermischen Bedingungen immer auftreten können, erstmal gelassen bleiben lassen und keine Panikreaktionen folgen, die die Situation normalerweise nur verschlimmern. So nah überm Boden ist’s natürlich trotzdem ziemlich unkommod und erfordert eine Extraportion Drahtseilnerven. Ich hab‘ ne tolle Frau mit der ich nun im Anschluss fast eine Stunde in der Gegend rumfliegen darf. Es ist zunächst niemand mehr sonst in der Luft, wir steigen bis an die prognostizierte Höhe der Basis auf etwas über 2600m, fliegen den Grat ein bisschen ab, überfliegen das Gipfelkreuz auf einer kleinen Kuppe in der Nähe des Startplatzes, machen Fotos und Videos, denn das Telefon, dass inzwischen einen festen Platz auf dem Cockpit hat, ist leicht zu erreichen und die winterliche Kulisse einzigartig. Der einzige Pferdefuß ist die Kälte, die den Weg durch alle Lagen findet und wir entscheiden über Funk irgendwann, dass wir ins Tal rausfliegen, was über kurz oder lang zur Landung führen wird. In dem Fall eher lang, denn wir sind zu dem Zeitpunkt noch etwa 1,5km überm Landeplatz und machen zuerst noch einen Abstecher über Ahornach auf der gegenüberliegenden Talseite, wo sich ein Startplatz befindet, den wir vom Campingplatz aus zu Fuß erreichen können und erkennen diesen auch aus der Luft. Obwohl dieser Hang mit dem Dorf drauf ebenfalls schon den ganzen Tag von der Sonne beschienen wurde, trägt es hier nicht und der Wind ist zu schwach zum Soaren. Der überregionale Südwind wird weiter unten irgendwann durch den kälteren Bergwind abgelöst, der in bodennähe genau aus der anderen Richtung fließt, was wir beim Durchfliegen der unterschiedlichen Luftmassen deutlich spüren und was definitiv zu den nötigen Überlegungen für die Landeeinteilung führt. Noch ein bisschen Rollen und Nicken, das Pendeln um die Längs- und Querachse, um die Zeit bis zur Landung sinnvoll zu nutzen, die Windfahne am Landeplatz checken, die restliche Höhe bis zum Endanflug gegen den Wind mit längeren Gegen- und Queranflügen und vielleicht mit Abachtern abbauen und auf den Füßen aufsetzen. Was für ein geiler Flug. Mitten im Dezember auf über 2600m aufgedreht, fast eine Stunde bei eisiger Kälte in der Luft, das Universum hat mir ein fantastisches Geburtstagsgeschenk gemacht. Astrid landet ebenfalls fein, wir fallen uns in die Arme. Das kam so unerwartet, dass wir gar nicht fertig werden, uns zu freuen, dass wir so lange fliegen konnten.
Die nächste Herausforderung besteht darin, unsere weißen Schirme auf dem grasigen, mit Schneeplacken und von der Sonne aufgeweichten Maulwurfshügeln bedeckten Landeplatz so zusammenzupacken, dass sie nicht völlig durchweichen und mit braunem Schlamm besprenkelt sind. Nicht so einfach und es lässt sich auch nicht ganz vermeiden, die Schirme nicht nass und dreckig zu machen, doch da fällt uns der Trockenraum ein, in dem wir sie ein klein wenig ausbreiten und zumindest trocknen können. Noch ein wenig von diesem Erlebnis geflasht, machen wir uns auf den kurzen Weg zum Campingplatz, wo wir leckeren Kuchen bekommen und bei einer Tasse Kaffee in der Kabine genießen dürfen. Ein Blick auf die Prognosen sagt, dass wir die nächsten Tage bis Weihnachten fliegen können, allerdings schließt mein Quatschi im Kopf zunächst aus, dass wir wieder so viel Geld an eine Bergfahrt hängen. Aber eins nach dem anderen. Heute steht nur noch ein nettes Abendessen auf dem Programm, bloß der favorisierte Plan, im Bistro des Campingplatzes lecker zu speisen, geht nicht auf, denn das ist noch geschlossen und soll erst am nächsten Tag öffnen. Andere Restaurants im Ort machen mich nicht so richtig an, es gibt zwar schon eine gewisse Auswahl, doch es wirkt entweder überteuert im Sinne Preis und Leistung passen nicht zusammen oder altbacken, weswegen wir uns kurzerhand dazu entschließen, die Pizzeria überm Cascade-Bad gegenüber des Landeplatzes aufzusuchen, von der wir auf jeden Fall wissen, dass die Pizzen sehr lecker sind, auch wenn das Ambiente eben eher an ein dämmrig beleuchtetes Schwimmbad erinnert. Dort machen wir für den nächsten Tag den Plan, zu Fuß zum Startplatz Ahornach zu gehen, weil uns auch ein wenig Bewegung gut täte und die Sonne wieder scheinen soll, allerdings mit etwas mehr Bewölkung, was einen thermischen Flug eher unwahrscheinlich macht.
Der nächste Morgen. Es ist kalt, die Prognose ist aber nach wie vor gut für Ahornach, und so brechen wir zu Fuß nach dem Frühstück auf, um den Weg zu erkunden und hoffentlich den Startplatz vom Boden aus zu finden. Der Bewegung zu liebe, wie schon erwähnt, entscheiden wir uns gegen den Bus, den wir hätten bis Zentrum Ahornach nehmen können, obwohl es zu Beginn des Aufstiegs schon echt zapfig war, doch die Sonne schien, wir steigen südseitig auf und müssen sehr bald schon was ausziehen, weil es uns zu warm wurde. Den Weg kennen wir nicht, die Angaben in verschiedenen Karten-Apps waren teilweise widersprüchlich, am Ende trifft es unsere Fliege-App am besten. Das kostet ein bisschen Zeit, doch von der haben wir heute reichlich, weswegen wir es mit dem Tempo nicht übertreiben und außerdem überlegten wir, dass es keinen Sinn hat, zu früh zu starten, lieber soll die Sonne den Hang so lange es geht aufwärmen, mit der Hoffnung, dadurch etwas Steigen bzw. weniger Sinken zu haben. Knapp 600 Höhenmeter später treffen wir kurz vor 13 Uhr am Startplatz ein. Der sieht auf den ersten Blick sehr lieb aus, ist groß genug und wenig steil, dass wir gleichzeitig auslegen können, eine große Windfahne in der Mitte sagt, dass es hier vom Wind her immer noch passt und zunächst ist sonst niemand da als wir uns auf der geräumigen Bank ausbreiten und uns trockenlegen. Der Startplatz wird gerne und häufig von Flugschulen genutzt, doch die angeschlagenen Regeln sagen mir, dass das hier im Ort nicht alle toll finden, wenn geflogen wird. Des Weiteren gibt’s einen QR Code, über den wir die Gebühren fürs Fliegen heute bezahlen, was wir normalerweise immer tun, denn irgendwer hat Arbeit damit, dass das Fluggebiet nutzbar ist, wenngleich ich an manchen Orten, so zum Beispiel Rodeneck, die Höhe der Gebühren für extrem überzogen halte. Aber hier sind wir mit nem Fünfer pro Nase dabei, was in Ordnung ist. Wir sitzen noch ein wenig in der Sonne, futtern und trinken was, als weitere Pilot:innen eintreffen, ein Tandem ist auch dabei, wir lassen alle vor und schauen uns so mal an, wie sich das mit Starten verhält.
Als alle weg sind, legen wir aus und Astrid zieht gegen 14 Uhr als erste auf. Der schwache Wind und die geringe Neigung lassen erkennen, dass Frau ein wenig die Füße in die Hand nehmen muss, um sauber abzuheben und über die sich unten anschließende Baumreihe drüber zu kommen. Es erinnert ein wenig an den Startplatz Stella in Bassano. Bei den anderen Pilot:innen und dem Tandem konnten wir schon beobachten, dass mit viel Steigen nix ist und alle sehr zügig zum Landen gegangen sind, der Landeplatz ist ohne Laub an den Bäumen geradeso zu erkennen, und so habe ich keine Erwartungshaltung, außer einen schönen Gleitflug machen zu dürfen. Mit etwas Abstand zu Astrid ziehe ich ebenfalls auf, muss ein bisschen laufen und bin in der Luft. Wir suchen trotzdem an den markanten Stellen im Hang, ob es nicht doch irgendwo ein klitzekleines Bisschen rauf geht, aber da tut sich nix, selbst mit unseren Thetas geht’s nur runter. Knappe 8 Minuten später biege ich in meinen Endanflug ein, um zu landen, allerdings treffe ich schon wieder nicht den richtigen Zeitpunkt zum Abfangen, bremse den Schirm zu spät und gebe ihm so keine Gelegenheit, vor meinem Aufsetzen langsamer zu werden und klatsche entsprechend auf. Ich ärgere mich, weil es die letzten Flüge eigentlich ganz gut geklappt hat, aber es ändert nix. Ich muss da weiter an mir arbeiten. Immerhin habe ich mir auf dem gefrorenen Boden nix getan, außer mir einen dreckigen Handschuh geholt.
Zeit für Kaffee&Kuchen. Wir packen unsere Schirme ein, die wir wieder in den Trockenraum verfrachten, wo inzwischen andere ein paar Ski deponiert hatten, worüber wir uns leider keine Gedanken machten als wir die Schirme auf dem Boden auseinanderfalteten, denn, wie wir am nächsten Tag merkten, war Astrids Schirm überraschender Weise tropfnass auf der Seite, wo er auf dem Boden lag, weil sich unter den Ski eine Pfütze in der Fließenfuge bildete, wo der Schirm lag. Das war ein bisschen doof und wir hatten Mühe den Schirm bis zum nächsten Flug trocken zu bekommen.
Mangels Lust, uns selbst was zu kochen und dem Umstand, dass das Bistro am Campingplatz heute ab 18 Uhr öffnet, hatte ich bereits am Morgen ein Tisch für 2 reserviert. Es gab wieder Pizza, denn der wenige Betrieb auf dem Platz veranlasste die Betreiber dazu, nur eine etwas eingeschränkte Auswahl anzubieten. Das machte aber nix, denn auch dort ist die Pizza sehr, sehr lecker. Dazu gab’s ein Landebier und wir sind mit den beiden Chefs ein wenig ins Gespräch gekommen, die den Platz erst dieses Jahr eröffneten und damit ein etwas anderes Angebot schafften als das, was die anderen Plätze in der Gegend so bieten. Die beiden sehr netten jungen Männer haben außerdem erst kürzlich geheiratet, was mich erneut daran erinnerte, was es für ein Privileg ist, dass so etwas gegen viel und lange anhaltenden Widerstand mit viel Leid für die Betroffenen endlich möglich ist. Drücken wir uns die Daumen, dass die anrückenden Faschisten keine Gelegenheit bekommen, diesen Fortschritt rückgängig zu machen und die Gesellschaft damit wieder ins Mittelalter zu katapultieren. Jedenfalls verbringen wir auf diese Weise einen außerordentlich netten Abend und entscheiden dabei nebenbei auch, was wir am nächsten Tag tun wollen. Der Schmerz über den Preis der Bergfahrt am Speikboden sitzt (noch) so tief, dass wir lieber erneut nach Ahornach hochgehen, denn der Wind könnte dort am nächsten Tag immer noch passen, wenngleich uns bewusst ist, dass er sehr schwach sein könnte und thermisch sicher nix gehen wird. Dass der schwache Wind noch ein anderes Problem macht, lerne ich dann.
Astrids Theta ist am nächsten Morgen immer noch so nass, dass fliegen damit keine Option ist, doch glücklicherweise hat jede ja ein weiteres Flugzeug dabei, unsere Pi3s, die im Grunde die perfekte Wahl für einen Hike&Fly mit einem wahrscheinlich kurzen Gleitflug sind, weil das nämlich genau der Zweck ist, warum wir sie zu unserer Ausbildung eingekauft haben. Also hängen wir den Theta nochmal auf die Leine und packen unsere Leichtausrüstung für den Tag ein, wackeln rauf nach Ahornach zum Startplatz, wo heute zunächst weniger Menschen sind und weil es heute mit Bewölkung und wenig Sonne nicht so fein ist, lange rumzusitzen, legen wir uns zügig trocken und machen uns Startbereit. Auf irgendwelche Thermiken brauchen wir sicher nicht zu warten. Die Windanzeiger wirken zu diesem Zeitpunkt alle etwas unentschlossen, Wind von vorne gibt es praktisch keinen, gleichzeitig ist eine ganz schwache bodennahe, kalte Strömung vom Berg kommend zu spüren. Ich denke mir nichts dabei, denn unsere Leichtschirme lassen sich auch bei minimalem Rückenwind starten und den haben wir eigentlich nicht, es ist eher wankelmütiger Nullwind, und Platz zum Laufen gibt’s genug. Als wir auslegen treffen zwei weitere Fliegende ein, die beginnen, sich fertig zu machen. Astrid zieht als erste auf und bei ihrem Startlauf ist bereits gut zu erkennen, dass es heute anspruchsvoll ist zu starten. Die Luft ist kälter, der Schirm tut sich mit fliegen schwer, sie muss weit laufen bis sie abhebt und weil sich unten am Startplatz eine schwache Mulde befindet, bis zu der sie laufen muss, berührt sie nach dem Abheben fast nochmal mit den Füßen den talseitigen Muldenrand, kommt aber ohne weiteren Kontakt raus. Mmmhhhh….. war ein bisschen knapp. Mein Gehirn schaltet sich nach diesem Ereignis leider nicht ein, ich bin völlig entspannt und selbstsicher, rückblickend betrachtet schon fast arrogant, dass ich hier ohne Probleme starten kann. Ist ja ein einfacher Startplatz. Dass ich aufs Anbremsen Acht geben muss oder vielleicht mit deutlich mehr Impuls aufziehen muss oder vielleicht noch ein bisschen schneller rennen muss und die Bremsen dabei ganz offen haben muss, fällt mir nicht ein. Ich ziehe auf, als stünde ich mit 5km/h von vorne am Buchenberg. Der Schirm kommt relativ langsam hoch, ich drücke ihn regelrecht über mich, was meine Hände tun, weiß ich gar nicht so genau, ich beginne zu beschleunigen, merke aber gleichzeitig, dass mein Schirm zwar offen über mir ist, er aber nur wenig Druck aufbaut und nicht so richtig fliegen will. Also laufe ich schneller, die Startwiese ist eigentlich schon zu ende, es beginnt Kuhwiese, zwar ohne Kühe, aber mit deren Hinterlassenschaften. Mein nächster Fehler: Ich bremse die Kappe an, um den Widerstand kurzzeitig zu vergrößern und so vielleicht abzuheben. Das passiert zwar, doch ich komme sofort wieder auf den Boden zurück, weil der Hang zu flach ist für solche Späße, stolpere, lande mit offenem Schirm über mir auf meinem Popo und ziehe mit den Füßen voran zwei Furchen durch den Acker, weil laufen jetzt nicht mehr möglich ist und ich sitzend auch den Schirm nicht durchbremsen kann, um abzubrechen. So rutsche ich auf meinem Allerwertesten weitere 15-20m den Hang runter bis die Energie aus der Kappe ist und sie vor mir mit der Nase voran einschlägt. Priml. Ab Daunenjacke abwärts sehe ich aus als hätte ich im Schlamm gebadet. Hose, Schuhe, Überhose, Gurtzeug, Protektor, alles voll mit Matsch und Grasbüschel. Wenigstens habe ich mir nicht weh getan, ich stehe auf, raffe mein Zeug zusammen und steige den Hang hinauf. Inzwischen sind weitere Pilot:innen eingetroffen, ich würde am liebsten vor Scham im Boden versinken, doch von denen kommt absolut nix. Noch nicht mal die Frage, ob alles gut ist, geschweige denn, dass jemand sich bequemen würde, mir mit dem erneuten Auslegen zu helfen. Alles Männer.
Weil wir bei diesem kurzen Flug auf die Funken verzichteten, kann ich Astrid nicht Bescheid geben, was natürlich gut gewesen wäre, denn sie hat meinen Fehlstart aus der Luft gesehen und machte sich Sorgen. Sie kann nichts tun, außer sich auf ihren Flug und ihre Landung zu konzentrieren. Ich gebe mir 10 Sekunden zum Schnaufen, als ich wieder am Platz zum Auslegen bin und um wieder runterzukommen, in mich zu gehen, mich zur Ruhe zu ermahnen und den Schlamm und das schlechte Gefühl auszublenden, denn das hilft mir jetzt nicht. Dann hänge ich mich aus den Tragegurten aus, als klar ist, dass von den Anwesenden keine Unterstützung zu erwarten ist, weil sauberes Auslegen, was bei Null- oder Rückenwind, sehr wichtig ist, eingehängt nicht funktioniert. Ich beginne bewusst meine komplette Startvorbereitungsroutine von vorne, lege pedantisch die Kappe zurecht, sortiere pedantisch die Leinen, hänge mich für einen Vorwärtsstart ein, verbinde die Brummelhaken für den Beschleuniger und sage mir jeden einzelnen Schritt vor, der sich auf meiner inneren Checkliste befindet. Es ist absolut kein Raum für Fehler oder Nachlässigkeiten. Wieder startbereit, halte ich kurz inne, um auch den folgenden Startablauf zu visualisieren. Mehr Aufziehimpuls, wenig Bremse, zügig beschleunigen, wenn die Kappe stabil über mir ist und wenn’s nicht fliegt, aktiv rechtzeitig abbrechen. Tja, und dann setze ich diese Dinge genauso in die Tat um und komme dieses Mal ähnlich in die Luft, wie Astrid vorher. Meine Füße hätten am anderen Ende der Mulde fast nochmal den Boden berührt, aber ich bin drüber gekommen und fliege aus dem Hang. Astrid ist schon lange gelandet, als ich endlich heranschwebe, innerlich zerrüttet ob meiner Startfähigkeiten, voll Selbstzweifel, andere, wie Astrid zum Beispiel würden über sich selbst lachen, vorausgesetzt, es ist sonst nichts passiert, was ja der Fall ist, doch ich schleppe da ein paar Pakete aus meiner Kindheit mit mir herum, die in solchen Momenten ins Bewusstsein rücken und mich mit mir selbst bis ins Mark hadern lassen. Für diese Gedanken bleibt zunächst jedoch nur wenig Zeit, denn die Flugzeit wird nicht länger, ich rolle ein kurzes Stück, um mich abzulenken und den Flug wenigstens für ein Minitraining zu nutzen und dann braucht’s auch schon eine Idee davon, wie der Wind am Landeplatz ist, um eine Chance auf eine gute Landung zu haben. Ich fliege zwar ein kleines Bisschen zu weit, doch ich setze noch im regulären Landefeld auf meinen Füßen auf. Immerhin hat das funktioniert. Ziemlich deprimiert treffe ich mit Astrid zusammen, erzähle kurz, was passiert ist und schmolle schön weiter vor mich hin, während sie bereits Pläne im Kopf hat, wie wir das mit den dreckigen Klamotten und dem dreckigen Gurtzeug hinbekommen, denn auf dem Campingplatz können wir mit unseren Zugangschips auch die Waschmaschinen nutzen. So gesehen ein Glück, dass ich mit meiner Bergsteige-Flug-Strapse geflogen bin, denn die kann Frau einfach waschen, was mit dem Wendegurtzeug nicht so einfach gewesen wäre. So packen wir zusammen, der Schirm hat bei der Aktion nix abbekommen und muss nur trocknen, und wackeln rüber zum Campingplatz, wo ich einfach alles ausziehe, was gewaschen werden muss, und nachdem ich den Protektor vom Sitzgurt getrennt hatte, ging alles mit Schonwaschprogramm, ganz wenig normalem Waschmittel und nur wenigen Schleuderumdrehungen in die Trommel. Die Schirme hängten wir dann grad noch auf und während meine Sachen ihre Runden drehten, gab’s Kaffee&Kuchen. Eine Stunde später war die Maschine fertig, meine Sachen konnten zum Trocknen auf die Leine und der äußerliche Spuk war vorbei. Leider gibt es niemanden, mit dem ich reflektieren hätte können, was ich da alles für Fehler gemacht habe, doch, wie oben schon erwähnt, halte ich eine gewisse arrogante Selbstüberschätzung auf so einem vermeintlich einfachen Startplatz für eine der Hauptursachen. Des Weiteren wäre es klug gewesen, nicht auf Biegen und Brechen weiterzulaufen, sondern sich vorm Aufziehen schon zu überlegen, wann spätestens ein guter Zeitpunkt zum aktiven Abrechen ist und man Chancen hat, das Dilemma kontrolliert auf den eigenen Füßen zu stoppen, statt den Schirm die Kontrolle übernehmen zu lassen und sich der Physik auszuliefern. Sagt sich aber immer auch leicht, ist es aber nicht, wenn Frau mittendrin steckt und es zunächst nicht erkennbar ist, dass es nötig wäre, sich über so etwas Gedanken zu machen.
Als wir mal auf einem Gletscher starten wollten, haben wir diese Punkte berücksichtigt und uns in die selbstgetrampelte Anlaufspur sogar eine Abbruchmarke „eingraviert“, weil die Gefahr offensichtlich war, wenn’s nicht fliegt.
Ich drücke mir die Daumen, dass ich was gelernt habe.
An jenem Abend gehen wir nochmal los in den Ort, wir brauchen Semmeln, denn, das muss ich leider sagen, die aufgebackenen, die Frau über den Brötchenservice des Campingplatzes morgens bekommen kann, sind teuer und bockhart. In der Bäckerei gibt’s auch Feinkost, wie unangenehm, und es wandert mehr in die Einkaufstasche, als geplant. Ein altes Leiden: Gutes Essen.
Unseren Aufenthalt auf dem Campingplatz verlängerten wir bis zum 24.12. und schufen uns so einen weiteren Tag, an dem wir fliegen können, denn die Südlage hält unvermindert an und wird erst an Heiligabend mit dem angekündigten Schneefall zu Ende gehen. Auf einen Hüpfer von Ahornach haben wir nach zweimal Rauflaufen und Runterfliegen hintereinander jedoch keine Lust mehr, am Kronplatz wäre es noch gut, doch dann müssten wir entweder mit dem Bus eine kleine Weltreise machen, oder unser Auto mit der Kabine bewegen und sie natürlich vorher abfahrbereit machen, wozu wir auch keine Lust hatten. Wir sind wohl faule Hühner. Die Prognose sagt für alle in Frage kommenden Startplätze inklusive des Speikbodens gute Bedingungen mit wenig bis kein Wind für den 23.12. voraus, allerdings nimmt die Bewölkung zu, womit es ziemlich sicher weder Thermik noch Hangaufwind geben wird. Egal, wo wir fliegen wollen. Am Ende entschließen wir uns dazu, trotz des enormen Preises für die Bergfahrt, nochmal zum Startplatz an der Sonnklar Alm am Speikboden hinaufzufahren, denn dort haben wir selbst bei einem Gleitflug mit fast 1500m Höhenunterschied das längste Flugerlebnis, das wir mit wenig Aufwand an diesem Tag realisieren können und wenn es keine thermischen Ablösungen gibt, dürfte das Starten dort ein kleines bisschen entspannter sein. Wir packen unsere Thetas mit den Wendegurtzeugen, ziehen uns warm an, ich muss noch ein kleines Problemchen mit meiner Finger PTT Freisprecheinrichtung des Funkgerätes lösen und dann machen wir uns auf den Weg zu Fuß zum Busbahnhof in Sand. Wie wir den Startplatz erreichen, wissen wir ja nun und dementsprechend zügig stehen wir oben im Schnee, dieses Mal ganz allein. Es sind keine anderen Pilot:innen hier. Der Wind kommt schwach aus Süd, alle Windfähnchen sagen das gleiche, der Himmel ist bewölkt, keine Sonne, es ist exakt so, wie vorhergesagt und natürlich arschkalt, aber ansonsten passt das für uns zum Starten. Wir zögern nicht, machen uns zügig fertig, wegen des sehr wenigen Windes können wir gleichzeitig auslegen, nur beim Leinensortieren ist’s blöd, weil unsere „Zahnseide“, die wir als Leinen an unseren Leichtschirmen haben, sich ständig in den kleinen Eiskrusten am Boden verheddert. Solange es nur wenige Leinen sind und der Schirm beim Aufziehen nicht hängen bleibt, macht das erstmal nix, weil der erste Impuls beim Aufziehen normalerweise das Problem löst. Wie gesagt, wenn Frau sich Mühe gegeben hat und nur sehr wenige Leinen sich doch irgendwo reingewurschtelt haben. Als wir beide startbereit da stehen, lässt Astrid mir den Vortritt, weil ich am Tag zuvor so einen Zirkus beim Starten hatte und sie vermeiden mag, dass ich allein oben stehe. Ich ziehe vorwärts auf, alle Leinen sind frei, der Schirm kommt hoch, ist offen, ich stabilisiere, beschleunige, muss minimal nach rechts unterlaufen, zwei Schritte und merke bald, dass mein Schirm mich trägt, der Boden unter mir weg geht und ich fliege. Ein feiner Start. Gibt nix zu meckern. Sofort beginne ich damit, am Hang entlang zu schleichen, auf der Suche nach Steigen, um nicht zu schnell zu verschwinden bis Astrid auch in der Luft ist. Leider habe ich Gelegenheit, ihren Startversuch aus den Augenwinkeln mitzubekommen und sehe, dass ihr Schirm beim Aufziehen schräg aufsteigt und wieder einseitig auf den Boden sinkt und sie nicht rauskommt. Z’fix. Ein Flügelende hat sich beim Aufziehen am Boden in den Eispinöppeln verhakt, wie sie mir später über Funk sagt, dann verdrehte er sich beim Absinken, sie stand bis zu den Knien im Schnee und die einzige Möglichkeit, sich zu befreien und neu auszulegen war, alles wieder auszuhängen, sich aus dem Schnee zu befreien und von vorne zu beginnen. Im weichen Schnee und allein ist das ziemlich mühselig und braucht Zeit und obwohl ich tatsächlich ein paar Mal das Sinken für kurze Zeit stoppen konnte, so musste ich doch irgendwann in Richtung Tal abbiegen und konnte nicht länger in einer Warteposition bleiben. Der zweite Anlauf hat bei Astrid dann jedoch geklappt, wenngleich sie wieder Zirkus hatte, es aber irgendwie hinbekommen hat, den Schirm über sich zu halten, viel Druck in die Tragegurte zu geben und per halbem Pinguinstart mit Entschlossenheit ins Fliegen zu kommen. Als sie sich per Funk meldet, dass sie in der Luft ist, bin ich wirklich erleichtert, drehe einmal eine Kurve und kann ihren Schirm weit oben sehen. Meine weiteren Versuche, irgendwo Hangwind zu finden, der das Sinken zumindest verlangsamt, bleiben alle erfolglos und auch Astrid findet nichts und folgt mir ins Tal raus. Um die Zeit bis zur Landung sinnvoll zu nutzen, rolle ich erneut ein wenig, wobei ich mir Mühe gebe, auf Achse zu bleiben und einen guten Rhythmus zu finden. Vom sogenannten Wingovern bin ich noch Lichtjahre entfernt und solange die Basics dazu nicht passen und nicht automatisiert geflogen werden können, brauche ich die Baustelle „Außenflügel“ in freier Wildbahn nicht. Pendelt Frau nämlich zu weit nach oben oder sogar über die Mittelachse hinaus, wird es notwendig, den Außenflügel vorm Einklappen zu bewahren und dabei ist es wichtig, die richtige Dosis beim Anbremsen zu finden, weil dieser Flugzustand sonst unrund wird und vielleicht sogar stoppt, was Frau ja nicht will. Tut Frau nix, das habe ich schonmal unfreiwillig ausprobiert, klappt der Flügel am oberen Totpunkt ein, weil der Druck rausgeht und dann kann es blöd werden. Mich hat’s dabei in einer halben Sekunde über die geklappte Seite in eine Steilspirale katapultiert und ich hatte kurz Probleme zu erkennen, wo überhaupt innen und wo außen ist. Deswegen bin ich da etwas vorsichtig. Aber ich bleibe dran. Gelingt dieses Mal auch gut, was in der Garmin Aufzeichnung schön zu sehen ist, und nachdem ich die Pendelbewegung ausleitete, entschließe ich mich dazu, noch eine kurze Spirale zu fliegen, denn die ist wirklich wichtig und muss ebenfalls regelmäßig geübt werden. Ich entscheide mich für eine Drehrichtung, lege für meine Hände an den Steuerleinen fest, welche Hand innen und welche außen ist, und leite das Manöver durch einen entschlossenen, gleichmäßigen Zug an der Innenseite mit Gewichtsverlagerung ein. Mein Schirm braucht kaum eine ganze Umdrehung bis ich merke, dass er sich in die Kurve beißt, die Geräuschkulisse explodiert und die Eintrittskante sich in Richtung Boden dreht. Auf geht’s, mit über 80km/h rotiere ich außen um den Schirm, sinke mit etwa 14m/s und werde dabei ordentlich in mein Gurtzeug gepresst. Die Kunst besteht nach dem Einleiten daraus, die Flugbewegung unter Kontrolle und die Orientierung zu behalten und einen Sinkwert mit entsprechender Rotation zu stabilisieren, den Frau gut aushalten kann, d.h. während des Manövers bin ich permanent mit dem Wechselspiel von Innen- und Außenbremse beschäftigt, um die Neigung der Kappe zum Horizont und damit die Sinkgeschwindigkeit und die auftretenden G-Kräfte in einer guten Balance zu halten. Mir und auch Astrid gelingt das inzwischen gut und wir fliegen das Manöver zuverlässig in freier Wildbahn, doch es hat 1-2 Sicherheitstrainings gebraucht, bis das so war.
Der schwierigste Teil kommt mit der Ausleitung, denn das System hat eine enorme Energie, die beim Stoppen der Drehung irgendwo hin muss. Die meiste Zeit im Sicherheitstraining war ich tatsächlich damit beschäftigt, die Ausleitung zu üben, denn, wie so oft, ist Timing, Intensität der Bewegungen und das Spiel zwischen Innen und Außen der Schlüssel. Prinzipiell sage ich meinem Schirm über die Außenbremse, dass wir jetzt wieder normal weiterfliegen wollen, sie hat die Macht über das Manöver, aber gleichzeitig soll das Drehen so sanft, idealerweise gegen den Wind, so ausgeleitet werden, dass die Energie nicht über ein starkes Steigen, sondern über flache Kreise abgebaut wird, weil unter Umständen beim starken Steigen die Strömung abreißen könnte. Das wollen wir nicht. Also brauchen wir stets auch wieder die Innenbremse, um so lange in der Kreisbewegung zu bleiben, bis die Triebwerke aus sind. Fun Fact: Leitet man mit dem Wind aus, kann es den lustigen Effekt geben, dass Frau durch ihre eigene Windschleppe fliegt, was üblicherweise am Schirm zu einem kleinen Seitenklapper führt.
Astrid fliegt ebenfalls ein paar Manöver zur Übung, ihre Baustelle ist das Abfangen nach dem Nicken, sie ist sehr weit über mir als meine Höhe ausgeht und ich per schöner Landung den Flug beende. Astrid filmt meine Landung und die Perspektive ist spannend, weil sie dabei etwa 500 Höhenmeter über mir ist. Ich schaue ihr von unten bei ihren Manövern zu und bin schon ein klein wenig stolz, dass wir uns inzwischen selbständig beim Fliegen mit Dingen beschäftigen, bei denen ich mir am Anfang fast in die Hose gemacht habe, ohne dass jemand per Funk am Ohr hängt und notfalls eingreift. Das Gelernte beim freien Fliegen umzusetzen, ist eine Hürde oder kann eine Hürde sein, über die Frau erstmal drüber muss. Ich bin mit meinem Flug jedenfalls mehr als zufrieden, denn es hat vom Start bis zur Landung endlich mal alles einwandfrei funktioniert und als Astrid ihren Flug mit einer superfeinen Landung beendet, hat auch sie ein breites Grinsen im Gesicht. Schon irre, dass wir so etwas Abgefahrenes tun. Das Wissen um diesen Umstand lässt die meisten Unzulänglichkeiten, wie den verkackten Start tags zuvor, dann bald auch wieder verblassen, denn im Grunde haben wir einen Plan, was wir tun, haben eine irre Freude daran, ja, und manchmal geht eben mal was schief. Solange wir auf zwei eigenen Beinen den Landeplatz verlassen können und verstehen, was schiefgelaufen ist, ist alles kein Drama.
Im Tal ist die Sonne bereits weg, es ist kalt im Schatten, weswegen wir das Freuen auf die Kaffee/Kuchen-Zeit in der Kabine verschieben und zusehen, dass wir die Schirme in den Trockenraum schaffen. Für diesen Aufenthalt war das der letzte Flug, aber ich gehe davon aus, dass wir es erneut hier versuchen, wenn es vielleicht etwas thermischer ist, denn die Gegend ist fantastisch und bei guten Bedingungen sind hier, glaube ich, auch für uns schöne, kleine Streckenflüge möglich.
Die letzte eiskalte Nacht geht vorüber, nach einem gemütlichen Frühstück checken wir aus, verabschieden uns von den lieben Menschen vom Campingplatz und müssen anschließend für die ganzen sich anschließenden Feiertage und das Wochenende mit meinen Mädels einkaufen, bevor wir bei einsetzendem Schneefall über den Brenner zurück nach Hause machen.
Glücklicherweise fällt nicht so viel Schnee, wie befürchtet und wir kommen ohne Probleme mit überraschend wenig Verkehr über den Buckel und durch die Brückenbaustelle. Nur um Seefeld in Tirol herum sind die Straßen auf einem kurzen Stück verschneit, eine neue Erfahrung mit dem 3,5 Tonnen Gefährt auf All Terrain Reifen, aber es ging alles gut. Heiligabend waren wir zu Hause, haben uns was Leckeres aus der heidnischen Küche zubereitet, hatten Zeit, die Kabine am nächsten Tag winterfest zu machen, damit sie übers folgende Wochenende vor der Tür stehenbleiben kann und sind dann ins Saarland zu meinen Mädels abgedampft mit 4 Flügen an 4 Tagen hintereinander in Südtirol im Dezember im Gepäck. Ich finde das schon außergewöhnlich.























