top of page

Sicherheitstraining am Idrosee mit Sicher Fliegen, 09.09.-13.09.2026

Es geht dienstags nach der Arbeit los. Die Strecke, die wir schon so oft nahmen: Zirler Berg, Innsbruck, Brenner bis Trento und dann über Land nach Sarche, den Berg hoch und weiter in Richtung Brescia bis irgendwann der Idrosee vorbeikommt. Wir haben das Auto voller Fliegeequipment. Genug, um im schlimmsten Fall auch nach einem etwaigen Retterabgang weiterfliegen zu können, unsere zwei neuen Gravelbikes fahren hinten auf der Wohnkabine mit und ein bisschen Futter und Getränke sind an Board, um die ersten zwei Tage nicht einkaufen gehen zu müssen. Ansonsten versuchten wir, es mit dem Gewicht im Rahmen zu halten, damit der Spritverbrauch nicht unnötig groß ist, denn so etwas wie Trinkwasser muss Frau zum Beispiel nicht in der Maximalmenge über den Brenner schleppen, wenn es am Zielort unbegrenzt zur Verfügung steht.
Um den folgenden Mittwoch, an dem wir um 13 Uhr im Schulungsraum im Miralago sein sollen, entspannt angehen zu können, fahren wir die etwa 370km durch bis zum Landeplatz und übernachten dort legal auf den ausgewiesenen Camperstellplätzen. In der Nacht bricht wettertechnisch ziemlich die Hölle los. Sturm, Starkregen, so, wie es die Prognosen vorhersagten. Ich überlegte kurz, ob wir den Camper in den Wind stellen müssen, damit er im Sturm nicht umkippt, aber zum Glück war das nicht notwendig und es kam auch kein Hagel, der laut Wetterradar hätte kommen sollen. Puuhhhh…..
Im Laufe des Frühstückes beruhigt sich alles wieder, allerdings ist zu dem Zeitpunkt schon klar, dass wir heute nicht fliegen, auch nicht abends, denn es regnet weiter Bindfäden mit keiner Aussicht auf Veränderung. Also keine Eile. Finde ich persönlich gut, weil ich bisher bei allen Sicherheitstrainings, die wir schon gemacht haben, stets wegen der fremdgesteuerten Zeitplanung durch Flugschule und Wetter gestresst bin, was sich aber auch nicht anders gestalten lässt, wenn Fliegen Prio 1 hat. An diesem ersten Tag wird das nicht so sein. In gewisser Weise für mich ein guter Start, trotzdem steigt mit jeder Minute die Spannung, eine innere Unruhe macht sich breit. Ist aber bisher auch immer so gewesen.
Auf der Homepage der Flugschule https://www.sicher-fliegen.de/ hatten wir immer mal wieder unseren Termin in den Tagen/Wochen vorher angeschaut und Werbung für die noch 2 offenen Plätze in unseren Kreisen gemacht, die dort angezeigt wurden, doch leider konnten wir keine Pilotin mehr gewinnen, die sich hätte anschließen können. Da die maximale Anzahl der Teilnehmerinnen in meinem Kopf auf 12 stand, rechnete ich damit, dass bei zwei freien Plätzen mindestens 10 Pilotinnen inklusive uns im Schulungsraum eintreffen müssten, wo pünktlich um 13 Uhr mit einleitenden Worten, der Vergabe von Schwimmweste, Funkgerät und der Vorstellungsrunde begonnen wurde. Diese Vorstellungsrunde dauerte nicht so besonders lange, denn tatsächlich gab’s zu meiner großen Überraschung nur 6 Teilnehmerinnen inklusive uns beiden. 3 der anderen 4, Steph, Pia und Hannah, kannten wir schon von diversen anderen Events und insbesondere vom letzten gemeinsamen Training. Nur Lisa war für uns neu und gehörte in gewisser Weise eigentlich zu Romans Team, denn Lisa wird nächstes Jahr mehrere besondere Trainings mit Roman zusammen gestalten, in denen das Sicherheitstraining mit Yoga verknüpft wird, der Teil, den Lisa übernehmen wird.
Voll witzig. Ich hatte fast ein schlechtes Gewissen, dass die Gruppe soooo klein ist, immerhin lebt Roman davon, solche Trainings anzubieten, doch für ihn ist alles fein.
Er hat sich unabhängig davon dazu entschieden, alle seine Trainings in der Zukunft nur noch mit kleinen Gruppen bis maximal 8 Pilot:innen zu machen, hat sich entsprechend so eingerichtet, dass möglichst wenig Personal notwendig ist, denn wenn nur ein 9-Sitzer Bus benötigt wird, braucht’s keine zusätzlichen Fahrer:innen, der Mensch am Startplatz kann das mit erledigen, die Kamerafrau/der Kameramann wurde durch eine Kamera ersetzt, die selbständig dem Objekt der Begierde folgt und die Roman vom Boot aus per Mobiltelefon steuern kann, weswegen strenggenommen auch kein zusätzlicher Mensch notwendig ist, der die Flüge anleitet. Des Weiteren sind kleine Gruppen für alle viel entspannter. Die Videoanalysen dauern keine ganzen Nachmittage mehr, der logistische Aufwand ist kleiner, es bleibt mehr Raum, der mit besonderen Angeboten gefüllt werden kann, mit denen er sich von den anderen unterscheiden kann. Und wenn es nur einfach mal eine lange Mittagspause ist, die es sonst nie gab.
In fast familiärer Atmosphäre geht’s also los, weil sich praktisch alle schon kennen und Lisa ist so ein herzlicher, offener Mensch, dass sie sofort vollständig integriert gewesen ist. Johanna, genannt Jojo, unsere Trainerin, die ich voll gerne mag, startet mit ihrer Liste, welche Manöver im ersten Flug, wann auch immer der sein wird, von den Anwesenden geflogen werden möchten und bespricht diese Manöver im Detail mit uns. Alle machen mit ihren Gurtzeugen eine sogenannte K-Prüfung, K für Kompatibilität, damit bei allen sichergestellt ist, dass die Retter aktiviert werden können, falls das nötig wird. Anja, unsere Startplatz-Managerin und gleichzeitig Fahrerin für die nächsten Tage, unterstützt beim wieder Einbauen der Retter in die Gurtzeuge, womit sie den Raum für Jojo schafft, zum Beispiel Steph bei der Einstellung ihres neuen Liegegurtzeuges zur Hand zu gehen und ihren Retter aus ihrem Sitzgurtzeug ins Liegegurtzeug umzubauen. Wie üblich, braucht es dazu in Frauengruppen wenig bis keine Worte, es funktioniert einfach.
Am Wetter ändert sich leider nichts, es regnet weiter, fliegen oder groundhandeln findet definitiv nicht mehr statt an diesem ersten Tag, dafür ist Platz für ein gemeinsames nicht zu spätes Abendessen, worauf ich mich schon den ganzen Tag freue. Eine Landeplatzbesichtigung ist ebenfalls nicht notwendig, weil hier alle schonmal mehrere Flüge gemacht haben und die Spezialitäten kennen. Die Einweisung in den Landeplatz wird einfach mit einer schönen Präsentation von Roman theoretisch abgehalten. Nebenbei lernen wir, dass Johanna sich ein neues Rennrad gekauft hat, mit dem sie unbedingt diese Tage ihre erste Fahrt machen möchte, doch die Reifen wurden mit der Auslieferung auf tubeless umgerüstet und frisch hergerichtete schlauchlose Reifen haben hin und wieder die Eigenschaft, dass sie am Anfang gerne mal etwas Luft verlieren, bis sich die Dichtmilch wirklich überall hin verteilt hat und so ist’s auch bei ihrem Rad. Macht nix, Astrid und ich haben sowohl eine Standpumpe als auch eine elektrische Pumpe für unterwegs dabei, wir können aushelfen.

Am zweiten Tag treffen wir uns nicht so früh, denn es ist weiterhin etwas ungewiss, ob fliegen geht, 8 Uhr Schulungsraum genügt, aber alle bringen unaufgefordert ihre Flugzeuge mit, falls es doch noch ein Fenster geben sollte, in dem der erste Flug des Trainings passieren kann. Wieder so ein Ding, dass ich nur aus reinen Frauengruppen kenne: alle denken mit, niemand kommt zu spät, bezüglich Ausrüstung gibt es keine Ausfälle oder Unzulänglichkeiten, alle sind vollständig vorbereitet. Wir starten mit der Besprechung der Manöver, die in den ersten Flügen anstehen, soweit sie nicht bereits am Vortag ausreichend durchgegangen wurden, es ist Zeit für letzte Fragen, gerade auch, was die etwaigen Besonderheiten bei Liegegurtzeugen sind, mit denen Steph und wir beide fliegen werden. Für Steph ist’s besonders aufregend, denn sie hat sich ein Skywalk Range gebraucht von einer Pilotin gekauft, die die Woche vorher hier gewesen ist und das Gurtzeug bei Roman gelassen hat, und das Steph das erste Mal fliegen wird. Außerdem erwähne ich, dass ich wieder ein Öhrchen einziehen werde, wenn ich in einem der Trainingsflüge keine weiteren Manöver mehr fliegen möchte, so wie ich das im letzten Training bereits tat. Damit rufe ich das inzwischen sogenannte „Milla-Öhrchen“ wieder ins Gedächtnis der Teilnehmerinnen, ein kurzer Lacher, doch alle wissen, wie fein das ist, es braucht keine schnell missverständlichen Funksprüche oder sonstige Absprachen, das eingezogene Ohr ist eindeutig und unmissverständlich. Für alle, die nicht fliegen: was tue ich da? Ich ziehe einmal kurz aus der vordersten Leinenebene die äußerste Leine zu mir herunter, für gewöhnlich nehme ich die rechte Seite, die entsprechende Flügelspitze klappt gut sichtbar einmal kurz ein und geht sofort wieder auf, wenn ich die Leine zurück nach oben führe.
Kurze Zeit später kommt das Signal, dass wir rauffahren. Es gibt eine Lücke im Regen, es könnte sein, dass geflogen werden kann und weil alle startklar sind, dauert es nur wenige Minuten, bis alle im Bus sitzen und es losgehen kann. Johanna und Roman ziehen mit Kamera und Boot zum Strand am Landeplatz um, während uns Anja mit dem Bus nach oben befördert. Die Fahrt ist lang und hin und wieder herausfordernd, weil ab dem Ort Bondone die Straße sehr schmal, kurvig, sehr steil und teilweise nicht befestigt ist. Anja ist da souverän unterwegs. Von dort, wo der befahrbare Weg endet, steigen wir zu Fuß nochmal etwa 10 Minuten auf, bis wir am Startplatz Alpo eintreffen, wo sich auch alle anderen Flugschulen eingefunden haben und es entsprechend zugeht. Das Fenster ist klein, weswegen wir sofort damit beginnen, uns flugfertig zu machen. Astrid und ich haben unsere halbwegs wasserdichten Snozzle- bzw. Inflation-Bags dabei, wo alles reinkommt, was nicht nass werden darf, zusätzlich packen wir Vario und Telefon in einen großen Zip-Beutel und können so die Flüge aufzeichnen, ohne Gefahr zu laufen, dass die Gerätschaften Schaden nehmen. Das Cockpit am Gurtzeug ist ansonsten leer, die sonst dort eingebaute Powerbank ist raus. Das Funkgerät braucht beim ersten Flug etwas Aufmerksamkeit, es muss verstaut werden, der Ohrstöpsel muss so ins Ohr, dass er bis zur Landung dortbleibt und die etwas nervige Schwimmweste darf nicht fehlen und muss so getragen werden, dass sie hindernisfrei öffnen kann und sich nicht irgendwo im Gurtzeug verwurschtelt. Ich habe zwar nicht vor, gleich beim ersten Flug ins Wasser zu müssen, aber Teufel -> Eichhörnchen. Beim Fliegen über Wasser ist die Ausrüstung und die Vorbereitung für deren Einsatz alternativlos.
Die Wolken hängen tief, doch es tropft nicht von oben, der Startplatz ist natürlich matschig und ich erschrecke jedes erste Mal dort, weil er so fürchterlich steil aussieht. Weil er sehr steil ist.
Astrid startet heute vor mir und weil Johanna, wie beim letzten Training, darum bat, dass wir beide nicht unmittelbar hintereinander fliegen, weil wir in der Luft auf die Entfernung wegen unserer identischen Ausrüstung nicht zu unterscheiden sind, folge ich mit einer Pilotin Abstand.
Nachdem ich von Anja die Freigabe zum Aufziehen erhalte, geht’s los, Impuls auf die A-Leinen, ich führe meinen Schirm nach oben, lehne mich in die Tragegurte, beschleunige ein paar Schritte und weil der Startplatz so steil ist, geht der Boden relativ schnell weg. Ich fliege. Die Zeit, die ich benötige, um vom Startplatz in die Trainingsbox über Wasser zu kommen, nutze ich für gewöhnlich dafür, erstmal alles loszulassen, wenn die Luft es zulässt, mal zum Retter zu greifen, mal in den Beschleuniger zu steigen, mal nach oben zu meinem Schirm zu schauen und mich gedanklich auf die bevorstehenden Manöver einzustellen.
Für den ersten Flug entschied ich mich für die Steilspirale, Big Ears und Rollen. Dinge, die wir in der freien Wildbahn inzwischen sicher fliegen können, wobei ich bezüglich Steilspirale im Training höhere Rotations- und Sinkgeschwindigkeiten zulasse, als ich es für gewöhnlich bei nicht betreuten Flügen tue, wo ich nur so schnell werde, wie es nötig ist, um kein Steigen mehr zu haben. Unter Laborbedingungen lasse ich es aber gerne krachen, ziehe so weit in die Drehungen, bis meine Eintrittskante parallel zum Horizont steht und ich rotierend mit etwa 18m/s, was etwa 70km/h entspricht, nach unten in Richtung Wasser fliege. Ich selbst rotiere dabei mit fast 90km/h um meinen Schirm und es entstehen entsprechend starke G-Kräfte. Da geht die Post richtig ab. Die Kunst besteht darin, so ein Manöver, bei dem sich im Schirm eine enorme Dynamik und Energie sammelt, kontrolliert auszuleiten, ohne dass im Anschluss blöde Situationen entstehen. Das gelingt mir inzwischen ebenfalls ganz gut, heute allerdings passiert es mir, dass ich mit dem Wind aus dem Manöver fliege, was gerne dazu führt, durch die eigenen Windschleppe zu müssen und so kassiere ich einen kleinen Seitenklapper. Wenn man das weiß, ist es kein Problem, der Schirm wackelt kurz, fliegt aber entspannt. Als mir das am Anfang meiner Spiralkarriere das erste Mal passiert ist, erschrak ich jedoch, weil ich nicht wusste, ob ich nun sterben muss.
Als ich mein nächstes Manöver, die Big Ears, einleite, landet Astrid bereits, die ebenfalls eine kleine Auswahl bekannter Figuren geflogen ist, um ins Training zu finden. Sie hat allerdings eine sehr merkwürdige Erfahrung gemacht, denn nachdem sie die Ohren angelegt hatte, drehte ihr Liegegurtzeug 90° zur Seite und sie hing quer zur Flugrichtung, was für sie ein äußerst unangenehmes Gefühl verursachte. Wie das kommen konnte, war nicht so ganz klar, und das ist in freier Wildbahn auch noch nie in diesem Ausmaß passiert. Klärungsbedarf.

Big Ears. Nicht zu verwechseln mit dem Ohren anlegen, dass man aus der A-Schein-Ausbildung kennt, wo für gewöhnlich die äußersten A-Leinen eingezogen werden, was zu mehr oder weniger stark eingeklappten Flügelenden führt. Wenn ich Big Ears fliege, steige ich 100% in den Beschleuniger, greife auf jeder Seite meiner vordersten Leinenebene die zwei äußeren A-Leinen ein kleines Stück überm Leinenschloss und drehe nur meine Hände nach unten, damit ich die verbleibende A-Leine in der Mitte nicht versehentlich mit runterziehe, was zu einem kapitalen, vollbeschleunigten Frontklapper führen würde. Dadurch klappen die beiden Flügelenden fast bis zur Mitte ein, nur 2-4 Zellen bleiben unmittelbar bei der Einleitung offen, danach öffnen 2-4 weitere Zellen, wenn der Druck in der verbleibenden Kappenbreite groß genug geworden ist und ich hänge nur noch an den 6 mittleren Leinen unterm Schirm. Gibt ganz passable Sinkwerte von etwa 8-9 m/s, doch der Schirm kann natürlich leicht ins Rollen kommen, wenn die Luft nicht ruhig ist. In diesem Fall fliege ich stabil geradeaus, öffne kurze Zeit später wieder und alles ist fein. Im Video später sieht die Aktion sehr spektakulär aus und es scheint, dass meine Mitte beim Einleiten ganz kurz mit eingeklappt ist. Übrigens bitte nicht versuchen, das mit einem Schirm nach zu machen, der nur zwei A-Leinen auf jeder Seite hat.
Am Ende rolle ich noch, doch mir wird bewusst, dass mir an der Stelle weiterhin jegliches Gefühl für Timing und Intensität fehlt. Schön rollen oder im weiteren Verlauf Wingover fliegen, ist anspruchsvoll. Eine dynamische Figur, bei der ständig mit allen verfügbaren Steuerungsmitteln zur richtigen Zeit die richtigen Dinge in der richtigen Dosis ausgeführt werden müssen über den gesamten Verlauf des Manövers, ohne dass die Flügelenden dabei einklappen. Eine Baustelle, an der ich in allen Trainingsflügen arbeite.
Das letzte, unausweichliche und anspruchsvolle Manöver in jedem Flug ist eine saubere Landung. An dieser Baustelle bin ich in den letzten Monaten sehr gut weitergekommen und kann gleich vorwegnehmen, dass alle meine Landungen in diesen Tagen stets Zucker waren.

Astrid ist ziemlich konfus ob ihres komischen Verdrehers beim Ohren anlegen als ich sie am Landeplatz treffe, doch es bleibt erstmal keine Zeit, um darauf einzugehen, denn es hat inzwischen wieder begonnen zu regnen und Steph, die nach mir gestartet ist, landet mehr oder weniger auf den letzten Drücker. Pia konnte leider als einzige nicht mehr starten, weil es am Startplatz schon früher losging, und kam zusammen mit Anja im Bus runter. Sehr schade.
Noch am Landeplatz ist für alle glasklar: beim nächsten möglichen Flug wird Pia als erste starten, damit das auf keinen Fall nochmal passiert und auch sie zu ihren Flügen kommt. Für heute ist damit zunächst wieder Schluss mit Fliegen, wir treffen uns nach einer langen Mittagspause zur Videoanalyse im Schulungsraum, alle geflogenen Manöver werden besprochen, Astrids Spirale ist eine 10/10, warum sich jedoch das Gurtzeug mit angelegten Ohren quer stellte, ist irgendwie nicht so einfach zu erklären. Sie wird das am nächsten Tag nochmal machen und schauen, was dann passiert. Weitere Manöver, die wir für den nächsten Tag besprechen sind Trudeln im Ansatz, wobei einseitig die Strömung am Flügel abgerissen wird, der beidseitige Strömungsabriss, bekannt als Stallpunkt ertasten, die Klapperspirale, die Holzmüller-Spirale, ein breites Spektrum an Möglichkeiten für alle Teilnehmerinnen, aus dem sich die Flüge füllen lassen, denn für den nächsten Tag sieht es sehr viel besser aus, es werden sich sicher mindestens zwei Flüge für jede ausgehen.
Ein neuer Vorschlag kommt auf den Tisch, nachdem klar ist, dass wir auch an diesem Abend keinen Flug machen können: Lisa ist ausgebildete Yoga-Lehrerin und bietet an, für alle, die möchten, dass wir nach einer kurzen Pause am Ende des fliegerischen Teils gemeinsam unter ihrer Anleitung Yoga machen. OK, Milla und ihre Angst, sich exponieren zu müssen, kommt ins Spiel. Als ich vor etwa 5 Jahren nach meinem Patellasehnenriss damit begonnen habe, regelmäßig zu yogieren, war mir das so unglaublich peinlich, dass nicht mal Astrid dabei sein durfte und es hat viele Monate gedauert, bis ich diese Hürde überspringen konnte und wir seitdem, wenn es die Zeit zulässt, gemeinsam die Matten ausrollen. Yoga im Kreis mit prinzipiell fremden Menschen zu machen, schied in meinem Kopf bis dahin auf jeden Fall aus. An diesem Tag kommt es anders. Ich ließ die Diskussion mit meinem Quatschi in der Birne gar nicht erst aufkommen, selbstverständlich mache ich zusammen mit all den anderen tollen Frauen einfach Yoga und werde mir überhaupt gar nichts dabei denken. Wie heißt es immer so schön, es kommt nicht auf das Außen an, sondern auf die innere Einstellung.
Lisa bittet mich außerdem, meine Handpan mitzubringen, weil das in der Schlussentspannung bestimmt toll sein kann, von sanften Klängen begleitet zu werden.
Die Mädels kramen alle verfügbaren Matten zusammen, wir haben unsere aus Gewichts- und Platzgründen leider zu Hause gelassen, bringen aber unsere Yoga-Kissen mit, und ausnahmslos alle sind dabei und schlossen sich Lisas Vorschlag an, die eine Reihe an Übungen anleitet, bei denen Frau keine fancy Verrenkungen machen muss, sondern einfach mit Rücksicht auf die eigenen Grenzen so mitmachen kann, wie es eben geht. Es gibt kein besser oder schlechter. Das hat voll viel Spaß gemacht und ich war auch ein klein wenig stolz darauf, mir keine meiner zementiert geglaubten Grenzen aufzuerlegen, sondern einfach entspannt mitgemacht habe. So, wie mit Lisa vereinbart, verkürzte ich mein Shavasana auf ihr Zeichen hin ein wenig, nahm meine Handpan auf und spielte sanfte Tonfolgen, die ich mir bar jeder Ahnung, was Frau spielen sollte, spontan aus den Fingern zog. Hat gar nicht so schlecht funktioniert, denn wenn niemand weiß, was genau wie genau gespielt wird, kann Frau im Prinzip nix falsch machen. Am Ende kamen „die Klänge der Welt“, wie es mal eine Passantin am Ledrosee vorletzten Winter bezeichnete, ganz gut an und als die Schlussentspannung fertig gewesen ist, redeten wir noch ein wenig über das Instrument und ich konnte es mir nicht verkneifen, noch einen Klassiker zum Besten zu geben: „Once Again“ von Hang Massive.
An diesem Abend seilen Astrid und ich uns in unsere Wohnkabine ab, statt mit zum Essen ins Restaurant zu gehen, denn wir hatten von zu Hause zwei Portionen Ragôut-Soße mitgebracht, die inzwischen aufgetaut waren und gegessen werden mussten. Ein paar Nudeln dazu und fertig. Pasta Ragôut geht immer.
Bevor wir ins Bettchen krabbeln kommt von Johanna die Info in die WhatsApp-Gruppe, dass wir am nächsten Tag um 7 Uhr im Schulungsraum sein sollen. Auffällig ist in diesen Tagen, dass die Prognose bei BurnAir extrem viel schlechter ist, als es tatsächlich wird. Das gilt auch für den folgenden Freitag.

Mit etwas kleinen Augen sitzen wir am nächsten Morgen vollständig und pünktlich im Schulungsraum, ich bin erneut begeistert, besprechen, wer was im ersten Flug fliegen möchte, wobei meine Wahl auf Trudeln im Ansatz auf beiden Seiten, die Klapperspirale, auch Hermann genannt, und wieder rollen fällt und auch Astrid packt den Hermann auf ihre Liste, denn den sind wir mit dem Liegegurtzeug bisher nicht geflogen. Wobei das nicht ganz stimmt, denn Astrid hatte zwei Wochen zuvor am Neunerköpfle eine Situation aus dem Nichts, die dem Hermann sehr nahe kam. Möglicherweise ist sie in einen Lee-Bereich eingeflogen, ihr Schirm klappte groß auf einer Seite und machte in Bruchteilen von Sekunden Anstalten, zügig über die geklappte Seite in eine Rotation zu gehen, ein Zustand, den Astrid dank des letzten Sicherheitstrainings sehr schnell erkannte und deswegen schnell und adäquat reagieren konnte, indem sie den Schirm auf der offenen Seite mit Gefühl zurückpfiff und ihn damit stabilisierte bis der Klapper wieder offen war. Genau dieser Fall ist Absturzursache Nummer 1 beim Gleitschirmfliegen und deswegen finde ich es wichtig, dass Frau so etwas mal geflogen ist.
Am Startplatz ist sehr viel Betrieb als unsere kleine Gruppe eintrifft. Zusätzlich zu den 4 Flugschulen aus Deutschland und Österreich gibt es eine sehr große Gruppe aus Tschechien, bestehend aus, keine Ahnung, knapp 20 männlich identifizierten Piloten, die durch ihre Lautstärke und ihre schlechte Startkompetenz auffallen. Ich versuche das auszublenden, wir sind wenige, der Start wird durch die betreuenden Fluglehrer:innen organisiert, kein Gedrängel, jede Gruppe hat ihren eigenen Slot auf dem Startplatz, es gibt keinen Grund, sich unter Druck gesetzt zu fühlen und die Abstände sind so groß, dass es auch beim Landen normalerweise nicht zu Ballungen kommt. Abgesehen davon, dass die Tschechen bei Südwind gegen die Regel per Rechtslandevolte landen und Frau unter Umständen im Queranflug auf Gegenverkehr trifft. Nicht gut, aber ich kann damit umgehen, falls es eintritt.
In unserer Gruppe sorgen wir zunächst dafür, dass Pia als erste rauskommt. Was genau sie fliegt, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr, aber sie fliegt.
Um 8:23Uhr ziehe ich auf und mache mich auf den Weg in die Trainingsbox.
Der Fahrtwind weht mir um die Nase, ich lasse alles los, strecke mich aus, schaue zu meinem Schirmi hoch und, wie so oft, kann ich es kaum fassen, welches Privileg ich in diesem Moment genießen darf. Die Hänge mit Bergwald, das Dorf Bondone mit seiner Burg, der Taleinschnitt huschen unter mir durch, ich kann bis ans Südende des Idrosees schauen, morgendliche Nebelfetzen hängen überm See, die Luft ist ansonsten relativ ruhig, ich höre nur das Rauschen, als ob ich den Kopf aus einem fahrenden Auto strecken würde. Vor mir überm See werden wilde Manöver geflogen, ich bin so hoch, dass ich allen gleichzeitig zuschauen kann. Meine rechte Hand greift ohne hinzuschauen 2-3 Mal an den Griff meines Rettungsschirmes, eine automatische Bewegung, die ich im Sicherheitstraining immer ausführe und in freier Wildbahn häufig. Denn wenn es drauf ankommt, ist keine Zeit, um lange zu suchen.
Das Funkgerät spricht mit mir, Jojo ist dran und übernimmt mich für meine geplanten Manöver. Strömungsabrisse, egal ob bewusst oder unabsichtlich herbeigeführt, unterliegen immer einem besonderen Risiko für blöde Sachen, weswegen die größtmögliche Aufmerksamkeit gefordert ist und es sich anbietet, so etwas zu fliegen, wenn Frau noch frisch ist. Richtig ausgeführt, ist ein einseitiger Strömungsabriss sehr unspektakulär, weil vordergründig kaum etwas passiert, der Flügel wackelt ein bisschen, dreht ein paar Grad nach hinten, füllt sich wieder und fliegt. Im Detail betrachtet macht Frau eine Flügelseite flugunfähig, indem sie die Steuerleine gegen den steigenden Druck entschlossen so weit nach unten durchzieht, bis der Druck plötzlich komplett weg ist. Die Strömung am Obersegel ist abgerissen, der Schirm geht relativ schnell auf dieser Seite in eine Rückwärtsrotation, die Pilotin pendelt ein klein wenig nach vorne und wenn jetzt die Hand nicht sofort blitzschnell wieder bis zu den Leinenschlössern nach oben geht, bricht die Hölle los. Das Ziel dieser Übung ist es herauszufinden, wo genau dieser Punkt ist, an dem der Flügel nicht mehr fliegt und, noch wichtiger, zu wissen, wie es sich anfühlt und was dann zu tun ist und es auch entschlossen umsetzt. Laborbedingungen, wie über Wasser im Training, sind leider nicht die Realität, der Stallpunkt ist mitnichten immer an der gleichen Stelle, doch das Gefühl, wenn es passiert, ist immer gleich. Es hilft, wenn ich es bei Eintreten in der freien Wildbahn erkenne und mich dann richtig verhalten kann.
Das mache ich auf beiden Seiten, mein Schirmi zappelt kurz rechts und links und fliegt dann wieder schön. Als nächstes kommt der Hermann dran, bei dem mir beim ersten Mal vergangenen Herbst fast das Herz in die Hose gerutscht ist, als die Fahrt so richtig los ging. Ich habe zwar noch keine Ahnung, wie sich das im Liegegurtzeug anfühlen wird und bin aufgeregt. Aber ich habe keine Angst davor, es ist eher so, dass ich mich mit gespannter Erwartung darauf freue, was passiert. Grünes Licht von Jojo, ich greife hoch in meine A-Leinen und ziehe die linke Seite komplett ab, der Schirm klappt über 60% ein, ich werfe mich im Gurtzeug auf die linke Seite und hänge mehr oder weniger links aus dem Gurtzeug. Ich halte entschlossen den riesigen Klapper fest und beuge mich noch weiter übers Gurtzeug, die Rotation lässt ein bisschen auf sich warten, als ob der Schirm mir sagen will „möchtest du das wirklich?“. Ja, ich will und im zweiten Kreis geht’s los, die offene Seite beschleunigt immer weiter, meine ausgestreckten Beine pendeln in der Gegend rum, der Schirm wehrt sich gegen den Klapper, kippt dann aber über den offenen Flügel in eine SAT-Rotation, der Drehpunkt wandert zwischen mich und meinen Schirm, ich fliege im Gurtzeug rückwärts. Eine wilde Fahrt. Das Liegegurtzeug macht’s auf jeden Fall sehr viel unruhiger, als ich es vom Sitzgurtzeug kenne. Jojo ist aus dem Häuschen, dass ich es in den Hermann geschafft habe, gibt nach 2-3 Rundfahrten dann die Anweisung über ein gefühlvolles Anbremsen des Außenflügels zurück in einen stabilen Geradeausflug zu kommen, was mir pendelfrei gelingt und ich damit die sehr dynamische und spektakuläre Rotation auf einfache Weise beende. Zuletzt gebe ich meine Leinen frei, helfe beim Öffnen ein wenig nach und fliege wieder mit offenem Schirm. Voll geil. Auf dem Weg zum Landeplatz rolle ich noch ein wenig. Je öfter ich das tue, desto mehr bekomme ich eine Idee und ein Gefühl für Timing, Intensität und Achse. Es wird.
Jojo gibt mir noch einen Tipp, welche Windverhältnisse am Landeplatz herrschen, was mir das Leben leichter macht und wünscht noch eine schöne Landung. Leichter Nordwind, ich achtere am Seeufer ab, biege bei passender Höhe in den Endanflug ein, schaue weit und setze mit wenigen Schritten sanft auf. Landen hat für mich ein bisschen seinen Schrecken verloren, seit ich etwas früher abfange und nicht mehr nach unten schaue.

Astrids Hermann hat ihr einen Schrecken versetzt. Sie muss sich so weit ins Gurtzeug auf die Seite lehnen, dass sie fast schon Sorge hat, raus zu fallen. Ihre Rotation war extrem unrund, sie ist viel im Gurtzeug in alle möglichen Richtungen gependelt und als sie ausleitet, öffnet der Flügel nicht und es geht unbeabsichtigt und sehr schnell in einen zweiten Hermann. Achterbahn vom Feinsten. Sie bekommt es zwar in den Griff, stoppt die zweite Rotation und kann dann mit Nachhelfen über den Stabilo den Klapper öffnen, doch es ging ihr hinterher mental nicht mehr gut. Sie rollt noch ein bisschen, fühlt sich dabei aber so unsicher, dass das eigentlich mehr ein eckiges durch-die-Gegend-pendeln wird und klappt zum Schluss das „Milla-Öhrchen“ ein, um Jojo zu signalisieren, dass sie für diesen Flug fertig mit trainieren ist. Sicher Landen steht als einziges noch im Fokus. Am Ende des Tages zweifelt sie an allem: der Materialwahl, ihren Fähigkeiten und ihrem Mut. Stille Reflexion ist angesagt. Und damit verbunden die Erkenntnis, dass es hier nicht um den Wettbewerb mit anderen und auch nicht um einen Wettbewerb mit sich selbst geht. Und dass es eben Tage gibt, an denen Dinge besser funktionieren als an anderen Tagen. Und heute war für sie einfach mal kein guter Tag und es bleibt die vielleicht wichtigste Erkenntnis: Demut tut gut. Nur weil etwas schon mal ohne Probleme funktioniert hat, heißt das noch lange nicht, dass frau eine Spitzen-Pilotin ist…

Nachdem alle Mädels schön gelandet sind, Pia hat an der Stelle noch etwas mit den deutlich besseren Gleiteigenschaften ihres neuen Epsilons im Vergleich zu ihrem alten Schirm zu tun, sodass bei ihren ersten Landungen das Feld etwas zu klein ist, geben wir bei Jojo an, was wir im nächsten Flug fliegen wollen. Ich fasse mir ein Herz und gebe an, dass ich ein Crazy Chicken fliegen möchte. Als ich mich so reden höre, bereue ich es fast, gleichzeitig ist da der Wunsch, dieses Ding endlich mal zu fliegen, weil es mir keine Ruhe mehr lässt seit ich davon im allerersten Sicherheitstraining hörte. Ich halte daran fest, auch wenn ich keinen blassen Schimmer davon hab‘, was auf mich zukommen wird. Aber hey, was ist das Schlimmste, das passieren kann: Ich werde nass. Das verkrafte ich. Hannah gibt an, dass sie versuchen möchte, in den Backfly per Spinstall zu kommen. Ich staune. Das ist mutig von ihr, wie ich finde und ich bin sehr gespannt, wie das wird.

Eine kleine Überraschung: Roman fährt uns hoch, denn er mag auch fliegen, was bei so einer kleinen Gruppe entspannt reinpasst. Denn wenn er als erster startet, ist er auf jeden Fall rechtzeitig zurück im Boot, bis die erste Teilnehmerin in der Trainingsbox ankommt. Auf die neugierige Frage von uns, was er denn fliegen wolle, reagiert er recht verhalten. „Naja, er müsse da noch etwas an dem einen oder anderen Manöver feilen“,… es war nicht zu übersehen, dass er da gar nicht so gerne drüber redet.
Am Startplatz haben sich nach dem ersten Flug die Reihen etwas gelichtet, weil das Feld sich etwas auseinandergezogen hat, Roman startet gefühlt nur wenige Sekunden nach Ankunft und fliegt raus zum See, während wir uns mehr oder weniger gemütlich fertig machen. Trödeln tun wir nicht, denn wir haben schon gespannt, dass sich ein dritter Flug heute ausgehen könnte, wenn der Südwind, die Ora, nicht so früh einsetzt.
Vor mir startet Hannah, die den Fullstall Backfly fliegen möchte, was mich wirklich sehr beeindruckt. Wenn bei sowas eine Kleinigkeit schiefgeht, insbesondere bei der Ausleitung, steigt die Wahrscheinlichkeit, den Retter zu brauchen, schlagartig auf fast 100%. Coole Socke.
Ich starte und fliege ihr mit Abstand nach, während ich mein Manöver im Geiste durchgehe, erneut mehrmals zum Rettergriff fasse, den sogar ein wenig nach außen biege, denn meine Wahrscheinlichkeit, ihn zu benötigen, ist beim allerersten Crazy Chicken ebenfalls nicht sooo klein.
Was ist ein Crazy Chicken? Manche sagen auch Harz IV Heli dazu. Prinzipiell läuft das so ab, dass ich auf einer Seite einen moderat großen Klapper ziehe und festhalte und mit möglichst wenig Zeitverzug auf der anderen Seite einen Strömungsabriss verursache und auch diesen festhalte. Ist beides gelungen, beginnt eine stationäre Rotation, die mehr oder weniger zerstörte Kappe dreht solange in Richtung der gestallten Seite, solange ich die Störungen nicht loslasse und die beiden Flügelenden zeigen in jeweils unterschiedliche Richtungen. Die geklappte Seite zeigt relativ zum Schirm nach hinten und die abgerissene Seite zeigt relativ zum Schirm nach vorne. Wo das Hühnchen herkommt, weiß ich nicht, aber es ist definitiv crazy und ich bin extrem aufgeregt, aber zu 100% entschlossen, es umzusetzen. Bis es bei mir losgeht, habe ich Gelegenheit, Hannahs ersten Fullstall Backfly von oben zu beobachten. Ich bin wirklich beeindruckt von Hannah.
Als sie zum Landeplatz aufbricht, kommt meine Zeit. Jojo funkt mich an, gibt mir erneut die einzelnen Schritte durch und ich bekomme die Freigabe, das Crazy Chicken einzuleiten. Mit links ziehe ich mit zwei A-Leinen einen vergleichsweise kleinen Klapper und sobald der im Fahrtwind flattert, ziehe ich entschlossen an der rechten Steuerleine, um auf der anderen Seite die Strömung abzureißen, wundere mich aber, wie unglaublich schwer das ist, denn beim vorher geflogenen einseitigen Strömungsabriss, das Trudeln im Ansatz, war das total einfach. Ich schaffe es mit rechts nur mit Mühe vom Ziehen ins Drücken, denn ich muss bis ganz runter an meinen Popo, bis der rechte Flügel aufgibt und die rückwärts gerichtete Rotation auf dieser Seite beginnt. Als die Strömung dann endlich abreißt, wird es leicht, einfach beide Störungen so zu halten, wie es ist und ich fliege im Crazy Chicken, so lange ich möchte und die Höhe reicht. Mit dem Beginn der Rotation schaue ich nach oben und staune, wie das von unten aussieht, ich habe in meinem Gurtzeug die gleiche Drehgeschwindigkeit, wie mein Schirm über mir. Eine Hand voll Umdrehungen später meldet sich Jojo, die ebenfalls völlig aus dem Häuschen ist, dass ich ins Crazy Chicken hineingekommen bin und weist mich an, die gestallte rechte Seite freizugeben, was ich per Hochführen der Steuerleine tue, weil ich mir denke, dass Schnalzen lassen keine gute Idee ist. Das plötzliche Stoppen der Rotation und das leichte Vorschießen des rechten Flügels, als der wieder anfährt und vorwärts fliegt, sorgt dafür, dass ich im Liegegurtzeug fast 180° weiterdrehe, kurz mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitze und vor Schreck den Klapper schnalzen lasse. Beim Zurückpendeln im Gurtzeug schaue ich kurz von der Seite in meine Kappe und sehe, wie die Leinen komplett entlasten, meine Nackenhaare stellen sich auf, doch es passiert nicht viel. Hände hoch, durchpendeln lassen, der Schirm fliegt wieder normal. Auf jeden Fall noch ein bisschen abgefahrener als einen Hermann zu fliegen. Eindeutig.
Auf dem Weg zum Landeplatz rolle ich noch ein wenig, mein Puls kommt runter und ich kann sauber landen.

Für den nächsten Flug nehme ich mir vor, das Crazy Chicken nochmal zu fliegen, aber dieses Mal auf der linken Seite die Strömung abzureißen und in die andere Richtung zu rotieren.
Kurz vor halb eins starte ich zum dritten Flug für heute und mache mich auf den Weg in die Trainingsbox, die sich inzwischen etwas weiter überm See befindet, denn wir haben Südwind und die Drift muss für einen möglichen Retterabgang beachtet werden, damit niemand vor dem Aufschlag vom Wind übers Land geschoben wird.
Nach der Freigabe durch Jojo leite ich das erste Chicken ein, ziehe rechts einen Klapper, halte ihn und versuche dann mit der linken Hand auf der anderen Seite die Strömung abzureißen. Es gelingt mir nicht. Der Druck ist so groß, dass ich es nicht schaffe, mit links durchzudrücken, sondern irgendwo in Höhe des Karabiners, wo der Tragegurt eingehängt ist, ist Schluss. Aber weil ich diesen Zustand relativ lange halte und weiter versuche, nach unten zu kommen, kippt mein Flügel in die sogenannte Holzmüller-Spirale. Ich gehe einfach über die immer noch flugfähige offene linke Seite in eine kurze Spirale. OK, das ist nicht so schlimm. Mit dem Lösen der linken Hand und danach der rechten Hand mit dem Klapper, fliege ich wieder. Ich sortiere mich, drehe meinen Schirm etwas nach Süden und bekomme von Jojo das Go für den nächsten Versuch. Klapper rechts, das ist einfach, doch ich stoße links erneut an ein scheinbar unüberwindbares Hindernis. Ich bin zu schwach. Einen dritten Versuch mache ich noch, ziehe dieses Mal jedoch den Klapper wieder links und drücke die rechte Hand mit Gewalt runter, bis die Strömung abreißt und die Rotation beginnt. Das Hühnchen hüpft wild in der Gegend rum. Bei der Ausleitung durch Hochführen der rechten Hand, twiste ich das erste Mal richtig, d.h. es verdreht mich mit dem Gurtzeug so, dass die Leinen einmal komplett überkreuzen, ich rückwärts fliege und sehr genau schauen muss, welche Seite nun anzubremsen ist. Dazu kommt ein relativ großer Verhänger, der sich aber weitgehend während meiner Rotation im Gurtzeug öffnet. Der Schirm fliegt wieder. Mit den drei Versuchen ist meine Arbeitshöhe aufgebraucht, ich biege zum Landeplatz ab.
Ich kaue ein wenig darauf rum, was das Stallen mit links verhindert? Vielleicht bin ich mit 3 Flügen und ein paar wilden Manövern auch einfach durch und brauche eine Pause. Die gibt es jetzt, denn Trainingsflüge finden heute keine mehr statt und es wird erst am fortgeschrittenen Nachmittag mit der Videoanalye im Schulungsraum weitergehen. Me-Time. Astrid und ich tanken ein bisschen Wasser in die Kabine, futtern eine Kleinigkeit und anschließend ziehe ich mit meiner Handpan an den Strand, wo inzwischen ein relativ starker Südwind ansteht. Genug, um einige Surfende anzulocken. Mit der Handpan auf dem Schoß blende ich alles um mich herum aus, nehme nicht mal wahr, dass Astrid zu mir kommt, und spiele eine gute halbe Stunde, doch weil der Wind so laut ist, höre nur ich mein Spiel und vielleicht Astrid direkt neben mir, es tut gut, ein paar Minuten nur noch meine eigene Musik und den Wind zu hören.

Die schön kurze Videoanalyse, zu der wir uns Kaffee/Cappuccino, Eis und Croissant mitnehmen, bringt ein paar Erkenntnisse für alle zu ihren Manövern, ich kläre auf, dass ich einfach nicht dazu in der Lage war, links die Strömung abzureißen, weil ich gegen den enormen Druck in der Kappe nicht angekommen bin, es aber morgen im ersten Flug wieder versuchen möchte, wenn ich frisch bin. Es kommt der Verdacht in der Gruppe auf, dass ich auf verrückte Hühnchen stehe, hihi. Gleichzeitig denke ich schon darüber nach, ob ich mich trauen würde, per Spinstall in den Backfly zu kommen, doch irgendetwas hindert mich daran, vielleicht bin ich im Kopf einfach noch nicht bereit dazu.
Das Video von Romans Flug hat sich zwischen die Videos von uns Pilotinnen gemogelt. Wir können in Farbe bestaunen, was Roman in seiner Bescheidenheit vor dem Flug noch weggelächelt hat. Uns allen bleibt der Mund offen stehen. Helis und Infinitys vom Feinsten. Wild. Vogelwild. Und in uns keimt der Gedanke auf, dass der Firmenname „sicher-fliegen.de“ nicht von Ungefähr kommt. Der eh schon so nette, freundliche und liebenswerte Roman steigt auch als Pilot in unserer Anerkennung ein paar Stufen nach oben…

Heute gibt es im Anschluss die Chance auf einen Abendflug, die Bedingungen sind zwar bestenfalls mittelmäßig, also so etwas wie Thermik oder Hangwind wird es ziemlich sicher nicht geben, aber ein Flug ist ein Flug und wir haben alle Bock auf einen schönen, entspannten Freiflug, weswegen um 17:30 Uhr alle bis auf Jojo im Bus sitzen. Jojo wird die Gelegenheit nutzen, endlich eine erste Ausfahrt mit ihrem neuen Rennrad zu machen, wofür wir gemeinsam ihre Reifen auf den richtigen Druck bringen, bevor wir zum Fliegen gehen. Das ist übrigens bei den Trainings mit Roman bzw. in einer reinen Frauengruppe auch so ein tolles Ding, wenn Frau mal nicht nach fliegen ist, dann ist das genauso gut und dann macht Frau einfach etwas anderes, wonach ihr gerade ist und was ihr gut tut. Es gibt keinen Zwang zu irgendwas. I like.
Am Startplatz sind gar nicht so viele Menschen, was wahrscheinlich daran liegt, dass es nicht viel mehr als einen Gleitflug werden wird. Roman sitzt für diesen Flug trotzdem im Boot und ist auf Standby, falls irgendwas wäre, insbesondere auch bezüglich der Landung. Nicht alle sind vertraut mit Starkwindlandungen und nehmen gerne in Anspruch, dass Roman ihnen ein wenig Anleitung für eine sichere Landung gibt. Der Flug an sich ist überraschend rumpelig, denn es gibt mehrere Windscherungen auf dem Weg nach unten und der Wind aus Süd ist tatsächlich so stark, dass ich im Bereich des Landeplatzes nur sehr wenig Vorwärtsfahrt mache, d.h. der Wind muss irgendwo um die 25km/h gewesen sein, was ein paar Besonderheiten mit sich bringt, die beachtet werden müssen. Astrid und ich sind bei sowas relativ entspannt, weil wir das schon ein paar Mal hatten und wissen, wie man sich verhalten muss. Ich bleibe stets luv-seitig des Landeplatzes überm Wasser, lasse mich langsam auf die Queranflugslinie am nördlichen Rand zurückfallen, drifte seitwärts ins Landefeld als die Höhe passt und setze nach einem kurzen Endanflug sanft auf. Beim Killen des Schirmes laufe ich auf den Schirm zu und um ihn herum, weil ich damit alle Energie aus ihm herausbekomme, eine Tulpe zusammenziehen und entspannt auf die Seite gehen kann.
Als alle safe am Boden sind, lädt Roman alle ein, die möchten, dass er uns mit dem Boot zurück zum Campingplatz fährt, was wir voll gerne annehmen und weil unsere Gruppe so klein ist, passen alle gleichzeitig mit ihren Fliegesachen rein und wir haben eine lustige Fahrt im Abendlicht.
Heute Abend sind Astrid und ich wieder im Restaurant dabei, denn so spät hat keine von uns mehr Lust, sich im Camper an den Herd zu stellen, es ist schon fast 20 Uhr. Jojo ist ebenfalls von ihrer ersten Ausfahrt zurück und hat ein breites Grinsen im Gesicht. Da hat sie schon ein außerordentlich schönes Radl geschossen.

Samstags starten wir erneut um 7 Uhr im Schulungsraum, Jojo schreibt ihre Liste, wer welche Manöver fliegen möchte, die letzten offenen Fragen werden besprochen und auf geht’s zum Startplatz. Heute ist es etwas lichter, denn die große tschechische Gruppe ist abgereist und zwei der vier anderen Flugschulen sind durch und nur noch wir und die Flugschule Aufwind sind da, deren Gruppe ebenfalls relativ klein ist. Fragt nicht, wie das passieren konnte, doch ich bin zu meiner Überraschung heute die erste aus unserer Gruppe, die aufzieht und wegfliegt, voll motiviert, das Crazy Chicken mit Rotation nach links zu fliegen, was mir gestern nicht gelungen ist. Mein Retter hat auf dem Weg in die Trainingsbox heute morgen meine volle Aufmerksamkeit, denn rückblickend betrachtet hatte ich an diesem Morgen die ganze Zeit so ein Gefühl, dass er mir heute möglicherweise den Arsch retten wird. Nur ein Bauchgefühl. Streiche „nur“, denn der Bauch hat für gewöhnlich recht, wenngleich nie vorher klar ist, wie die Dinge am Ende laufen werden. Gleichzeitig mag ich selbstredend keine self-fullfilling prophecy draus machen und wische alles aus meinem Kopf, was ich in diesem Moment nicht gebrauchen kann. Konzentration und Fokus, wie Mady Morrisson immer so schön sagt. Jojo schickt mich noch ein kleines bisschen weiter auf den See hinaus und gibt mir dann grünes Licht für das links-gestallte Crazy Chicken. Ich klippe meine Steuerschlaufe rechts an den Tragegurt, greife mir zwei A-Leinen und ziehe sie runter zu mir. Der Schirm klappt rechts ein, ich ziehe kräftig links, um die Strömung abzureißen, doch ich komme wieder nicht über den Punkt drüber, an dem es vom Ziehen ins Drücken geht, es folgt eine Mini-Holzmüller-Spirale, ich leite aus. Bevor ich erneut ansetze, schaue ich mir genau meine Position im Gurtzeug an und merke, dass ich im Vergleich zu einem Sitzgurtzeug relativ weit nach hinten gelehnt sitze und meine Hand entsprechend weit vom Tragegurt entfernt ist. So habe ich mit meiner schwächeren Seite sicher keine Chance, gegen den Druck in der Kappe in den Strömungsabriss zu kommen. Ich setze mich etwas auf, so dass meine Hand und mein Arm mit wenig Abstand zum Gurt in der Verlängerung des Tragegurtes nach unten geführt werden können. Das sieht besser aus. Ich ziehe wieder den Klapper, allerdings denke ich im Nachhinein, dass ich durch die aufrechtere Sitzposition zu weit nach oben gegriffen habe und einen zu großen Klapper zog, der auch ein wenig verhängte. Hochgeschaut habe ich nicht, weil ein Klapper nichts mehr ist, was ich sehen muss, ich konzentriere mich nur noch darauf, die linke Hand bis zum Abriss der Strömung nach unten zu bekommen. Ich ziehe, gelange an die Wechselstelle vom Ziehen zum Drücken, kann mit einiger Anstrengung über den harten Punkt hinweg weiter durchdrücken und schaffe es bis dorthin zu kommen, wo der Druck plötzlich weg ist. Juhuu, im 4. Versuch gelingt mir das Crazy Chicken mit der Rotation nach links hinten, ich schaue hoch, genieße die Show, weil das schon ganz schön krass aussieht von unten, denn eigentlich ist der Schirm nur noch ein drehendes Knäuel mit zwei abstehenden Flügelenden. Dass die geklappte Seite sich ein wenig verhängt hat und der Klapper etwas zu groß ist, nehme ich ebenfalls wahr, mache mir aber keine großen Sorgen darum, weil bisher noch alles an Verhängern mehr oder weniger von selbst aufgegangen ist nach der Ausleitung. Chaka.
Jojos Stimme in meinem Ohr sagt „gib die linke Seite wieder frei“, ich führe meine linke Hand hoch, die Rückwärtsrotation stoppt, die Flügelseite möchte wieder nach vorne fliegen, nur leider ich in meinem Gurtzeug nicht. Ich twiste das erste Mal, merke das aber erstmal gar nicht, und der Schirm kippt sofort in den Hermann als ich noch eingedreht bin. Im Ohr höre ich „linke Bremse, linke Bremse“ und versuche mit Gefühl links anzubremsen, viel hilft nicht viel, wie ich aus meinen zuvor geflogenen Klapperspiralen weiß, meine Füße zeigen zum Himmel, mein Kopf nach unten, ich sehe, wie die Eintrittskante aus meiner Perspektive nach hinten verschwindet, was ganz sicher nicht gut ist. Ich schaffe es, trotzdem ruhig zu bleiben, halte mit moderatem Zug die linke Bremse, und als ich unterm Schirm durchpendele, löst sich meine Verdrehung auf, und ich kann auch sehen, dass mein Schirm wieder vollständig offen ist, bloß bleibe ich als Schwungmasse dann nicht einfach stehen, sondern es geht mit Schwung in die andere Richtung. Die Kappe fliegt ohne mein Zutun eine Art Wingover in die andere Richtung und als der Flügel senkrecht steht, klappt natürlich der obere Flügel komplett ein und verhängt sich richtig fett von vorne in die Leinen. Der große Widerstand auf dieser Seite lässt die Drehrichtung erneut wechseln, ich stürze wieder in die Klapperspirale, „linke Bremse, linke Bremse“ schallt es in mein Öhrchen, ich schaue, was mein Schirm tut und ziehe wieder moderat links an der Steuerleine. Der Griff meiner rechten Steuerleine ist immer noch an den Tragegurt geklippt und ich überlege mir, dass ich mir den bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit mit der rechten Hand schnappen werde. Frau weiß ja nie, was noch so passiert. Das nächste Problem tritt die Tür ein, einen Moment wird mein Anstellwinkel auf der linken Seite scheinbar ziemlich groß und der Zug auf der Steuerleine genügt, um erneut die Strömung abzureißen und ich gerate in die nächste Rotation nach links, die Drehrichtung ändert sich. Jojo am Funk „lass ihn fliegen“, meine linke Hand geht zum Leinenschloss hoch, die Rotation stoppt zunächst, doch der große Verhänger, der ja immer noch da ist, überlegt sich, nochmal das Kommando zu übernehmen und es geht ruckizucki in die dritte Klapperspirale, die mich dann jedoch nicht mehr aus dem Konzept bringt, weil ich wahrnehme, dass die Energie nun so langsam auf ein normales Maß zurückgeht. „linke Bremse, linke Bremse, weiter linke Bremse“ weißt mich Jojo an, das Karussell hört nach ein paar weiteren, sanfteren Drehungen endlich auf und auch das zornige Verdrehen im Gurtzeug, dass mich während der ganzen Aktion ständig begleitet und mir das Leben schwer gemacht hat, endet. Von dem großen Verhänger ist noch ein kleiner Rest übrig, den ich mit meinem Stabilo rechts auflöse.
Puh, Alter, das war ein hartes Stück Arbeit. Noch bevor ich wieder klar denken kann, wird mir bewusst, dass ich den Landeplatz wohl nicht mehr erreichen werde und da meldet sich auch schon Jojo „Hände hoch, lass ihn fliegen, schau mer mal, ob der Theta das schafft.“. Meine Hände gehen hoch, ich brauche maximale Geschwindigkeit, was mich zu der Überlegung bringt, ob es Sinn hat, den Schirm noch schneller zu machen, um das Sinken vielleicht mit mehr Speed zu strecken. Der Gegenwind aus Nord ist nicht so stark, vielleicht 3-4 km/h, ich entscheide mich für 50% Beschleuniger, so, wie es jetzt läuft, wird es sicher nix mehr, d.h. ich kann die Lage nicht verschlimmbessern und im Augenwinkel nehme ich wahr, dass Roman sich bereits mit dem Boot auf den Weg gemacht hat.
Jojo gibt mir noch durch, dass ich auch auf der kleinen Landzunge vor dem eigentlichen Landeplatz landen kann, nur damit das gesagt ist, falls ich nicht selbst auf die Idee gekommen wäre. Mein Schirm fliegt irgendwie nicht geradeaus. Woran das liegt, weiß ich nicht, doch ich muss leider die Richtung korrigieren, um auf die Landzunge zu zu fliegen, was den Schirm minimal aufrollt, und was leider auch Höhe kostet. Ich überlege, was ich noch tun kann, um die Fahrt zu strecken, mmhhh…., solange im geschlossenen Gurtzeug sitzen bleiben, wie es geht, denn sobald auch nur ein Fuß rausgeht, ist mein Widerstand und damit das Sinken größer. Beim Blick auf die Landzunge fällt mir der Landeplatz in Malcesine am Gardasee ein, wo es relativ viele Verletzungen gibt, weil die Leute mit ihren Haxen in die groben Ufersteine einschlagen, nur um eine Wasserlandung zu vermeiden, was ich auf keinen Fall möchte und als ich merke, dass ich das Ufer definitiv nicht erreichen werde, entscheide ich mich aktiv für eine sichere Landung im Wasser, was allemal besser ist, als in irgendwelche Uferbebauungen einzuschlagen. Über die Folgen denke ich in keiner Sekunde nach. Nasses Equipment trocknet, zerstörte Knochen sind Scheiße. Ich gehe mit den Füßen aus meinem Beinsack, bleibe jedoch sitzen, drehe meinen Schirm ein klein wenig nach links von der Landzunge weg hin zum Kiesstrand und bereite mich darauf vor, auf dem Popo im Wasser aufzusetzen, weil ich nach meiner Schätzung nur ganz, ganz knapp vor dem Ufer aufsetzen werde und ich nicht weiß, wie tief das Wasser sein wird. Hinterher habe ich zwar gedacht, Mist, wahrscheinlich wäre ich besser auf den Füßen gelandet, denn das Wasser war nur wenige Zentimeter tief, wo ich aufsetzte und dann wäre wahrscheinlich nicht so viel nass geworden und auch die Patrone in der Schwimmweste hätte nicht ausgelöst. Hätte, hätte.
Klatsch, ich tauche kurz ins Wasser, bremse durch, im Funk höre ich Jojo „Nein, das war mega knapp.“ und dann flute ich leider beim Aufstehen für eine Sekunde meine Schwimmweste und, bong, knallt das Ding auf, obwohl ich nur knietief im Wasser stehe. Roman ist sofort da, lacht und lässt ein bisschen Luft raus, damit mich die Weste nicht erwürgt, und dann beginnen wir damit, mich von Schirm und Gurtzeug zu befreien und gemeinsam den vollgelaufenen Flügel behutsam leer laufen zu lassen und aus dem Wasser auf die angrenzende Wiese zu heben. Was ein Scheiß, da haben wirklich nur 2 Meter gefehlt, dann wäre ich mit den Füßen auf der Wiese gelandet. Aber, wie gesagt, macht nix, ich habe alles in diesem Flug unbeschadet überstanden, alles andere ist nicht so wichtig. Roman fährt mich mit dem Boot zum Campingplatz, wo ich mich trockenlegen, umziehen und meinen Pi3 schnappen kann, denn ich möchte unbedingt sofort wieder fliegen. Eine, wie ich finde, wichtige Maßnahme, um keine Ängste zu entwickeln. Weil mein Retter nasse Füße bekommen hat und ich keinen zweiten mehr besitze, bietet Roman mir an, dass ich einfach sein zweites Gurtzeug, ein Advance Success 5, für den nächsten Flug nehmen kann, das wird wahrscheinlich ganz gut passen, weil wir ähnliche Abmessungen haben. Das ist voll lieb von ihm.

Rückwirkend betrachtet staune ich über mich selbst, denn ich bin zu keiner Zeit panisch geworden. Ich hatte stets ein klares Bild, was zu tun ist und Jojos Anweisungen haben sich immer mit meiner Wahrnehmung gedeckt. Bei der Umsetzung habe ich bewusst darauf geachtet, nicht über zu reagieren, sondern versuchte immer, die passende Dosis zu finden, was mir nur einmal nicht gelungen ist, als der Anstellwinkel zwischendurch mal groß wurde, die Strömung erneut abriss, obwohl ich an meiner Steuerleine nichts veränderte. Die Hand hochzuführen, kam einfach minimal zu spät.
Auf dem Weg zum Trockenlegen kam mir dann die Erkenntnis, dass ich in freier Wildbahn, ohne Jojo im Ohr möglicherweise trotzdem jetzt tot wäre, denn zu keiner Zeit kam mir der Gedanke, dass der Retter da ist und eine valide Ausfahrt darstellt. Ich war so mit Kämpfen beschäftigt, dass ich alles andere ausnahmslos um mich herum vergaß. Jojo bestätigt in der Videoanalyse, dass ich nur noch 2 Sekunden vom Kommando „Retter raus“ entfernt war. Ich selbst hätte das aus eigenem Antrieb nicht getan. Ich schreibe mir das fett hinter die Ohren für die Zukunft, das ist meine persönliche Take-Home-Message aus diesem Flug.

Zurück am Landeplatz lerne ich, dass bei meiner Aktion der ganze Startplatz mitgefiebert hat, ob ich den Landeplatz noch erreiche, Anja hatte ihr Funkgerät auf laut und alle konnten hören, was in meinem Flug abging. Witzig.

Astrid:
Als Milla ihr Crazy Chicken eingeleitet hat, war ich grad dabei, meinen Schirm am Startplatz aus zu legen. Den Funk hatte ich schon eingeschaltet und habe deshalb gut zuhören können, was Jojo an Milla funkt. Irgendwann habe ich mitten im Schirm-auslegen inne gehalten, weil ich gemerkt habe, dass sich etwas an Jojos Stimme verändert. Mehr Vehemenz, schneller aufeinander folgende Kommandos. Ich drehe mich um, schaue über den See und sehe Millas Schirm gefühlt als kleines Knäuel zusammen gewickelt schnell Höhe verlieren. Lieber wieder wegschauen. Augen zu und auf Jojos Stimme am Funk hören. Und Milla wünschen, dass das alles gut geht. Dabei merke ich, dass es am Startplatz mucksmäuschenstill geworden ist. Circa 30 Pilot*innen lauschen auf die Stimme aus dem Funk, den Anja laut gestellt hat, und fiebern mit.
Als klar wird, dass der Schirm wieder fliegt, es aber zum Landeplatz eng werden könnte, beginnen alle mit einem lautlosen Anfeuern. Und als Jojo funkt „oh nein, das war knapp, da hat ja nur ein Meter gefehlt!“, stöhnen alle gleichzeitig auf und lachen kurz darauf gemeinsam auf. Druck und Sorge fällt von mir ab. Milla ist unverletzt, das ist das Einzige was zählt. Nasse Ausrüstung lässt sich trocknen.
Ich lege meinen Schirm weiter aus, sortiere meine Leinen und nachdem vom See das Funkkommando kommt, dass Roman mit dem Boot wieder in Position ist, kriege ich von Anja die Freigabe, ziehe auf und starte raus.
Millas crazy Flug blende ich aus. Denn ich habe selbst eine Baustelle, die mich sehr beschäftigt. Am Vortag hatte ich diesen völlig verkackten Hermann und bin große Ohren geflogen, bei denen sich mein Gurtzeug relativ zum Schirm um 90 Grad weggedreht hat. Das hat sich scheiße angefühlt und ich bin ehrlicherweise ziemlich erschrocken dabei. Denn die ganze Kiste wurde komplett instabil, was ich von großen Ohren bisher überhaupt nicht kannte.
Heute denke ich beim Rausfliegen nach und fühle in mich rein. Gesten hatte ich schon das Thema, dass mein Schirm ganz zart nach rechts geflogen ist, wenn ich die Bremsen losgelassen habe. Auch das kenne ich sonst nicht von meinem Schirm. Ich fühlte mich gestern zum Ende des Tages mit meinem gesamten Equipment, mit dem ich diesen Sommer ja viele, viele glückliche XC Kilometer geflogen bin, überhaupt nicht mehr wohl. Was ist da bloß los? Also ist Denken und Spüren angesagt. Was ist anders als sonst?
Und dann trifft mich die Körper-Erkenntnis: ich hänge total schief, nach rechts verschoben, in meinem Gurtzeug. Mir fällt ein, dass ich am Vortag meinen Herrmann nach rechts geflogen bin und mich dazu so weit reinhängen musste, dass ich gefühlt gar nicht mehr auf dem Sitz des Gurtzeugs saß, sondern nur noch rechts im elastischen Tuch des Gurtzeugs (und natürlich in der mich vorm Rausfallen bewahrenden Beinschlaufe) hing. Dabei scheint sich an meinem minimalistisch gebauten Gurtzeug einfach alles irgendwie verschoben oder ausgedellt zu haben. Die Beinauflagen, das Rückenteil, einfach alles.
Also hab‘ ich beim Über-den-See-fliegen angefangen, mich mal zurück nach links in die Mitte meines Gurtzeugs zu wurschteln. Dazu musste ich mit dem Rücken allen Kram, der im Staufach hinterm Rücken verstaut war (Klamotten, Trinkflasche, Schnellpacksack, Futter etc) aktiv auf die andere Seite drücken und die linke Hälfte meiner Sitzfläche auch gefühlt etwas runter drücken um eine halbwegs zentrale Position einnehmen zu können. Aah! Fühlt sich gleich viel besser an.
Und siehe da: Schirmi fliegt wieder geradeaus, das Sitzen ist plötzlich sehr viel angenehmer und ich traue mich, es nochmal mit den großen Ohren zu versuchen, als ich über dem See in der Trainingsbox ankomme.
Dieses Mal zunächst nur mit einer Leine, in die ich vorbeschleunigt so hoch wie möglich rein greife. Das macht auch schon ganz ansehnlich große Ohren. Das Gurtzeug dreht sich nicht weg, Schirmi fliegt stabil geradeaus und ich kann über Gewichtsverlagerung einen Kreis in Richtung der Kamera fliegen. Na also, geht doch. Beim Öffnen der Ohren muss ich wie immer etwas wechselseitig nachhelfen, damit sie aufgehen. Aber das erschreckt mich mittlerweile nicht mehr. Das kennen wir schon von unseren Thetas.
Weil das so schön war, mag ich gar nix Wildes mehr Fliegen. Und weil gestern gefühlt nix geklappt hat und ich sehr mit mir und meinem Equipment haderte, brauche ich heute erst mal nur Manöver, die mir gut tun. Also noch bissl Rollen, Spiralen und Nicken. Und dann geht’s zum Landen. Denn so langsam dringt Milla wieder in mein Bewusstsein und ich will wissen, wie’s ihr geht.
Nach der Landung pack ich mein Geraffel superfix zusammen und starte zu Fuß Richtung Campingplatz. Auf dem halben Weg sehe ich in der WhatsApp Gruppe, dass sie reingeschrieben hat und wieder abgeholt werden könnte, wenn das Boot verfügbar wäre. Also ruf ich sie an, um mich mit ihr ab zu stimmen. Sie kommt zu Fuß zum Landeplatz, weil gerade noch Pilotinnen in der Luft sind und Roman mit dem Boot für diese bereit sein möchte. Ich kann wieder umdrehen.
Kaum bin ich wieder am Landeplatz angekommen, schlendert Milla mit ihrer Zweitausrüstung bepackt und in trockene Klamotten gewandet, über den Uferweg heran. Sie lacht viel und ist ziemlich aufgekratzt. Und stolz. Und ich auch. Auf sie, weil sie so ne coole Socke ist. Und auf mich, weil ich auf meinen Körper gehört habe und diese beknackte Sitzposition wahrgenommen habe – trotz aller Anspannung und allem sportlichen Ehrgeiz, der mich fast verzweifeln ließ. Einfach mal auf den Körper hören. Auch ne wichtige Erkenntnis.

Milla:
So, alle sind wieder zusammen, dadurch, dass ich als erste geflogen bin, gab es keine nennenswerte Verzögerung für die anderen Mädels, mir geht es gut, wir besprechen, was als nächstes geflogen wird, ich bekomme das Gurtzeug von Roman, der wieder mit rauffährt, und dann geht’s los zum zweiten Flug für heute. Roman startet wieder sehr zügig, damit er im Boot ist, bevor die erste von uns loslegt, ich lasse mir Zeit, es ist schönes Wetter, für heute hatte ich genug Puls und möchte mit den etwas zusammengewürfelten Ausrüstungsgegenständen keine Experimente machen, sondern einfach schön rollen, vielleicht eine Spirale, nix wildes jedenfalls, Hauptsache fliegen. Manche anderen Mädels haben anspruchsvollere Pläne und gehen alle vor mir raus, ich ziehe als letzte auf, brauche allerdings zwei Anläufe, denn der erste Versuch, rückwärtsaufzuziehen endet, als beim Ausdrehen eine ganze Leinenseite zwischen Gurtzeug und Schwimmweste einfädelt und hängen bleibt. Ich kullere den Hang kurz runter, aber tue mir nix. Anja hilft mir beim Auslegen und im zweiten Versuch starte ich einfach vorwärts, der Wind ist nur schwach. Das gelingt, ich fliege seit langer Zeit mal wieder meinen Pi3, das fremde Gurtzeug ist für mich gewöhnungsbedürftig, das erste Mal in meinem Leben sitze ich auf einem Sitzbrett. Im Vergleich zum Theta sieht der Pi3 von unten ziemlich klein und gedrungen aus, doch er fliegt schön, die geringere Streckung und die kürzeren Leinen machen, dass er relativ einfach zu rollen ist, ich genieße den Flug, die Spirale lasse ich einfach sein, weil es außerdem offensichtlich wird, dass der Pi3 bei weitem nicht so gut gleitet, wie der Theta und schon beim Erreichen der Trainingsbox ist fast die Hälfte der verfügbaren Höhe bereits aufgebraucht. Deswegen entscheide ich mich nach dem Rollen für das Milla-Öhrchen, damit auf gar keinen Fall die Höhe für eine saubere Landung ausgeht, die im zweiten Flug mit dem zwischenzeitlich eingesetzten Südwind eine ganze Landevolte benötigt. Passt, ich setze sanft auf, ich bin happy und dankbar, dass ich Romans Gurtzeug haben durfte.

Weil bereits Mittag vorbei ist, findet kein weiterer Trainingsflug mehr statt, wir machen Pause und treffen uns nachmittags zur Videoanalyse, in der die Besprechung meines ersten Fluges naturgemäß relativ viel Raum einnimmt, aber auch die anderen Mädels sind wieder tolle Manöver geflogen, die mindestens die gleiche Aufmerksamkeit verdienen. Astrids Flüge interessieren mich dabei ganz besonders, denn seit ihrem quer geflogenen Ohren anlegen und dem äußerst unrunden, aber sehr dynamischen Hermann gestern hadert sie mit sich und ihrer Ausrüstung. Ein Zustand, den wir nach Möglichkeit auflösen müssen, denn mit diesen Gefühlen zu starten stelle ich mir ziemlich belastend vor. Zwischendurch kümmern wir uns immer wieder um meinen Theta, den wir auf der Terrasse vor dem Schulungsraum im Wind ausbreiteten und der zum Ende der Session komplett trocken geworden ist. Roman war so lieb, mir meinen Retter zu packen, den ich nun wieder ins Gurtzeug einbaue, als das Retterfach auch wieder trocken ist und damit ist mein Flugzeug wieder vollständig für den nächsten Tag.
Die Ora legt über den Nachmittag ziemlich zu und als die Frage nach einem möglichen Abendflug aufkommt, mit Aussicht auf keine Thermik und wenig bis kein Hangsoaren aber mit bumpy Luft, gibt es eine Mehrheit fürs Groundhandlen am Landeplatz. Astrid und ich nehmen unsere leichte Bergsteigeausrüstung, bestehend aus einem Neo String, dem Luftprotektor dazu, dem Kletterhelm und unseren Pi3s mit und wollen erstmal schauen, ob uns der Wind nicht sogar zu stark ist. Außerdem geht die Handpan mit, denn das ist mein Alternativprogramm, wenn ich nicht aufziehen mag.
Am Landeplatz angekommen, dürfen wir miterleben, wie jemand mit einem Theta in meiner Größe im wahrsten Sinne des Wortes kämpft, denn es pfeift ganz ordentlich. Trotzdem packen wir mal aus, ich mache mich fertig und gehe aufs Landefeld, ziehe aber nur die Mitte meines Schirmes auseinander, damit ich ihn nach dem Sortieren der Leinen erst mit dem Wind ganz öffnen kann, was auch gelingt und als der Schirm so über mir ist, verstehe ich auch, was der Typ mit dem Theta falsch gemacht hat. Er hat zu viel an den Steuerleinen gezogen, damit den Widerstand vergrößert und wurde in der Folge mehrmals böse ausgehebelt. Tut Frau das nicht und lässt einfach ihren Schirm mit wenig bis keiner Bremse fliegen, passiert nix. Am Ende ist mir der Wind trotzdem zu stark und ich beschließe, eine Pause zu machen und abzuwarten, ob er sich mit dem fortschreitenden Abend beruhigt. Astrid wird’s ebenfalls zu viel und zusätzlich ist der Landeplatz schlagartig voll geworden, weil anscheinend alle Flugschulen statt zu fliegen hierhergekommen sind.
Ich packe meine Handpan aus und beginne zu spielen, Astrid besorgt uns derweil zwei Aperol Sprizz vom Kiosk nebenan und ich finde, so kann Frau das Leben gut aushalten. Gelogen wäre, wenn ich mich nicht über wohlwollendes Publikum bei meinem Spiel freuen würde, weswegen ich mich etwas geschmeichelt fühle, als selbst äußerlich hart und standfest wirkende Pilot:innen, Fahrer, Fluglehrer, usw. mir eindeutig zu verstehen geben, dass ich sie gerade, naja, „verzaubere“ ist wahrscheinlich ein bisschen weit hergeholt, aber alle um mich herum finden mein Spiel total fein. Tut gut. Offensichtlich nicht nur mir, sondern auch allen anderen. Mein Aperol wird auf magische Weise immer leerer, gleichzeitig merke ich, dass mir die Windstärke jetzt wieder taugt, also Handpan ins Case, Gurtzeug an und wieder raus aufs Feld, Schirm in die Luft und ich achte darauf das im Take-Off-Seminar Gelernte anzuwenden, bis der Wind mit beginnender Dämmerung ganz einschläft. Hunger.
Zum letzten gemeinsamen Essen im Restaurant sind alle dabei, ich hatte extra das kleine, ähm naja wahrscheinlich eher mindestens mittelgroße, Schwarze dabei, und was mir an der kleinen Gruppe ebenfalls supergut gefällt ist, dass es eine Chance gibt, sich mit allen ein bisschen zu unterhalten. Wir saßen bei allen Restaurantbesuchen stets mit anderen Menschen aus dem Kurs zusammen und es genügen 3 Abende für die komplette Runde.

Der letzte Tag des Trainings bricht an, 7 Uhr Schulungsraum, Manöver durchgeben, rauffahren. Zwei Flüge stehen auf dem Programm, wobei letzterer für alle die wollen die Möglichkeit lässt, den Retter absichtlich auszulösen, wozu sich auch Astrid entschieden hat. Nach meinem Erlebnis am Vortag, wo schon mal alles nass geworden ist, bin ich aus der Nummer raus, fliege im ersten Flug noch einmal eine Klapperspirale, weil ich es einfach für außerordentlich nützlich halte, und ansonsten rolle ich nur noch, der eine oder andere Wingover ist dabei, zweimal klappt mir dabei nochmal mein Flügel ein, aber mit Störungen kenne ich mich ja jetzt aus und es hebt mich nicht sonderlich an. Die gute Nachricht: Ich beginne, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, ob und wann der Außenflügel gestützt werden muss, nur an dem „wieviel?“ hängt es noch, und mein letztes Manöver ist nochmal eine Vollgas-Spirale. Nach dem Landen beeile ich mich mit Zusammenpacken, denn ich mag auf keinen Fall den Retterabgang von Astrid verpassen, den ich dann auch in voller Länge live miterleben darf. Ich bin stolz auf sie, denn ich habe eine Ahnung davon, was es sie für eine Überwindung kostet, freiwillig in tiefes Wasser zu fallen. Hut ab. Außerdem bin ich sehr neugierig, wie das mit dem Frontcontainer so ist, denn sie entschied sich für unsere Leichtausrüstung in diesem Fall, d.h. Flugstrapse, Frontcontainer und Pi3, damit so wenig wie möglich nass wird. Frontcontainer gelten allgemein als eher ungünstig, weil sie mit den Tragegurten vom Schirm am gleichen Karabiner eingehängt werden, Frau nicht gerade nach unten hängt, wenn Zug auf den offenen Rettungsschirm kommt und die Annahme gilt, dass es schwer ist, sich vor dem Aufsetzen aufzurichten. Bei Gurtzeugen, bei denen der Retter an der Oberkante des Rückteils mit dem Gurtzeug verbunden ist, ist Frau automatisch gerade. Mit den Leichtgurtzeugen, wie wir sie fliegen, sagt Astrid allerdings, dass es kein Problem gewesen ist, sich vor dem Wasserkontakt gerade aufzurichten. Frau muss nur daran denken, es auch zu tun. Denn beim Kampf mit dem Gleitschirm, den frau irgendwie mit viel (!) Kraftanstrengung killen muss, weil sich sonst zwischen dem Gleitschirm (der mit aller Macht fliegen WILL) und dem Rettungsschirm eine Scherenstellung bildet, die die Sinkgeschwindigkeit signifikant erhöht, ist Astrid das Gleiche wie mir passiert: sie hat keine Sekunde über ihre Höhe nachgedacht. Hätte Jojo sie nicht über Funk auf den kurz bevorstehenden Wasseraufprall erinnert, wäre sie mit einer Arschbombe statt mit den Füßen voraus ins Wasser gegangen. Was bei einer Wasserlandung egal, bei einem ungeplanten Retterwurf über Land jedoch über heile oder gebrochene Knochen entscheiden kann.
Sie erzählt hinterher, dass ihr die Millisekunde, bis die Schwimmweste aufging, wie eine Ewigkeit vorkam. Auf dem Video sieht man jedoch gut, dass sie sofort beim Wasserkontakt aufgeht. Auch eine spannende Erkenntnis: Angst überlagert jede Wahrnehmung der Wirklichkeit. Das Boot ist in 2 Sekunden nach der Wasserung bei ihr, Roman zieht sie an den Retterleinen superschnell auf die herabgelassene Bugplattform des Bootes und fast genauso schnell, wie sie ins Wasser gegangen ist, ist sie auch schon wieder draußen. Nass wie ein begossener Pudel, aber stolz und glücklich, es überstanden und gewagt zu haben.

Ihre Ausrüstung trocknet in der Sonne (danke an Lisa für’s Ausbreiten, sodass Astrid sich unter einer heißen Dusche aufwärmen konnte), während wir eine etwas abgekürzte Videoanalyse der letzten Flüge durchführen, die Schwimmwesten und Funkgeräte geben wir ab, die Abrechnung der Auffahrten und der Flycard folgt noch und dann sind wir fast am Ende des Kurses angelangt. Ein paar Worte noch von Roman und Jojo und noch ein gemeinsames Foto auf dem Steg, eine herzliche Verabschiedung und wir sind fertig. Ein bisschen Schade, die Zeit vergeht immer so schnell.

Auf jeden Fall hat es gigantisch Spaß gemacht, mit den tollen Frauen zusammen eine so aufregende, teilweise herausfordernde Zeit zu haben, alle sind gewachsen, jede durfte dabei ihr eigenes Tempo gehen, kein schneller, höher, weiter, sondern echte Freude für andere, selbstverständliche Unterstützung durch alle anderen bei allen Themen, die aufkamen. Einfach nur schön.

Mit Hannah essen Astrid und ich noch eine Kleinigkeit auf der Terrasse des Miralago, anschließend packen wir die immer noch relativ nassen Sachen ein, wozu wir uns auf der Herfahrt bereits große 240 Liter Schwerlastmüllsäcke besorgten, in die alles rein kann, egal in welchem Zustand, ohne dass Auto oder die Kabine anschließend geflutet werden. Hannah drückten wir auch zwei der Säcke in die Hände, damit auch sie ihr Auto nicht flutet, dann geht’s auf den Heimweg. In Farchant macht Astrid am Abend einen Gasthof ausfindig, in dem wir ein Schnitzel bekommen können und wo wir die Fahrt für eine Pause unterbrechen, denn auch wenn es eigentlich „nur“ 370km sind, mit der Wohnkabine braucht alles ein bisschen mehr Zeit.

bottom of page