Geiselstein, 1885m, 25.08.2019

Eine Tour aufs Matterhorn der Ammergauer Alpen

Ich kann mich gar nicht mehr so genau erinnern, wann ich den Geiselstein, eine steil aufragende Pyramide in den Ammergauer Alpen, das erste Mal gesehen habe. War es vom Bäckenalmsattel nach Durschreitung des Hasentales, vom Gipfel der Hochplatte oder doch vom Gipfel der Krähe aus? Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls klebte dieser zwar vergleichsweise niedrige aber doch sehr markante Berg seit dem in meinem Kopf. Im BR in der Sendung Bergauf Bergab wurde mal über ihn berichtet. Der Mensch in der Sendung musste mit Händen und Füßen klettern, um zum Gipfel zu gelangen. Ist also kein reiner Wanderberg, was ihn interessant macht. Seine Form brachte ihm den Beinamen Matterhorn der Ammergauer Alpen ein. Abgehalten hat mich bisher immer die unendlich lang erscheinende Strecke von Halblech bis zur Wankerfleck-Kapelle oder der Kenzenhütte auf teilweise asphaltierter Forststraße. Der Rat, das Rad zu nehmen, schied bisher bei uns aus, weil Radfahren bis zu Beginn diesen Jahres nicht zu unseren bergsteigerischen Aktivitäten gehörte. Nun, das hat sich inzwischen geändert. 

Der aufmerksamen Leserin/dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass uns eine Knieverletzung meiner Frau dieses Jahr von exzessiven Bergabenteuern diesen Sommer in Schnee und Eis ferngehalten hat. Das gute an dieser blöden Situation: Wir radeln jetzt auch durch die Berge, denn das tut den Haxen gut und belastet die Knochen nicht so sehr (abgesehen von diversen Stürzen nach der Anschaffung von Klickpedalen). Nachdem das Bein ersten mehrtägigen Belastungstests bei Renovierungsarbeiten ohne Probleme standgehalten hat, entschlossen wir uns dazu, es mit einer ersten Bergtour zu versuchen. Und so fiel die Wahl auf den Geiselstein. Kurze Anfahrt mit dem Auto, das erste Stück bis zum Beginn der eigentlichen Tour mit den Rad zurücklegbar und nicht gerade 1500Hm in Auf- und Abstieg. Hinzu kommt die kleine Herausforderung, die letzten Meter zum Gipfel halbwegs exponiert klettern zu müssen, was die Sache interessanter macht. Na dann los. 

Sonntagsmorgens gegen halb acht in Halblech am Parkplatz angekommen, ist der schon gut gefüllt. Mehr als die Hälfte der Menschen machen sich mit dem Rad auf den Weg. Ich befürchte, dass sich Gedränge auf den Wegen breitmachen wird. Dem ist überraschenderweise nicht so. Wir sind nahezu alleine bis zum Wankerfleck. Es sind etwa 350Hm hochzufahren, wobei sich die Steigungen auf der zweiten Hälfte der rund 10km langen Strecke tümmeln. Bis frau von der Asphaltstraße an einer Brücke auf den ausgeschilderten Radweg abbiegt, ist es fast flach. Ab da geht's in mehreren teilweise steilen Anstiegen aufwärts. Es kommen jedoch immer wieder flache Stücke auf denen frau sich erholen kann. Die Route ist gut beschildert. Verfahren ist nicht möglich. Immer Richtung Kenzenhütte oder Wankerfleck halten. Auf dem Radl überholt uns nur ein einziger Mensch mit e-Bike in einem Affenzahn. Sonst treffen wir niemanden. An der Kapelle am Wankerfleck parken wir unsere Räder im Gehölz, sperren ab, befreien uns von der Radlhose und machen uns für den Weiterweg zu Fuß fertig. Jetzt beginnt fürs Knie die Testphase. Dass es Radfahren aushält, haben wir bereits auf einer steilen Tour rauf aufs Hörnle in Bad Kohlgrub mit etwas mehr als 500Hm herausgefunden. Das lief sehr gut. Nun ist Gehen an der Reihe. 
Auf zunächst flachem Weg der bald in einen steilen Pfad übergeht merken wir, dass die Trittsicherheit bei der langen Pause etwas gelitten hat. Als zusätzliche Schwierigkeit, die uns den ganzen restlichen Tag begleitet, kommt hinzu, dass es am Vortag stark geregnet hatte. Die Wege sind matschig und glitschig. Die anfängliche Unsicherheit weicht jedoch relativ schnell einem routinierten Bewegungsablauf. Wir werden immer schneller. Die angegebene Zeit vom Wankerfleck bis zum Geiselsteinjoch von 2,5h unterbieten wir trotz des moderaten Tempos um eine dreiviertel Stunde. Am Joch legen wir eine kurze Rast ein bevor wir uns an die Kraxelei wagen. Der Gipfelaufbau ist rundum mit teilweise sehr schwierigen Kletterrouten gespickt. Um auf den normalen Anstieg zu kommen, muss frau vom Joch aus in nordwestlicher Richtung ein kleines Stück queren. Der Pfad ist gut zu erkennen. Ebenso der Einstieg in die Kletterei. Der Weg nach oben ist mit roten Punkten markiert. Des Weiteren sind hin und wieder Sicherungsmöglichkeiten im Fels vorhanden (Stahlringe sowie Bohrhaken), für die, die gegebenenfalls sichern wollen. Die Route ist zwar nicht schwierig -ich denke bis II+ nach UIAA-, doch wer abrutscht findet sich am Wankerfleck wieder. Huddeln ist keine Option. Sonst geht es 700Hm abwärts. Beschreibungen sprechen von großer Exponiertheit. Was exponiert ist und was nicht, hat meiner Meinung nach viel mit dem eigenen Empfinden zu tun. Auf einem kleinen Eisfleck in der Nordwand des Barre des Écrins fühlte ich mich deutlich unwohler. Ich fand diesen Ort jetzt nicht so dramatisch. Andere mögen das anders sehen. Wichtig ist, dass es halbwegs trocken ist. So mancher Griff und Tritt ist etwas abgespeckt. Der Rücken bietet jedoch bis auf sehr wenige Stellen genügend Alternativen nach oben (und unten). Eine Stelle ist durch zwei Edelstahlschrauben zum Greifen und Treten entschärft.
Die anfänglichen Bedenken, ob meine Frau das mit ihrem Knie klettern kann, erweisen sich als unnötig. Etwas langsamer als gewohnt, aber doch sehr routiniert, krabbelt sie bis oben hin. Immer im Kopf, dass hier später auch wieder heruntergeklettert werden muss. Alles Schick. Keine Probleme. Zum Gipfelkreuz hin ist noch ein kurzer kleiner Grat zu überwinden. Exponiert aber unschwierig. Oben. Es fließen ein paar Freudentränen, denn noch am Start war das Erreichen dieses Zieles auf wackeligen Füßen und nicht selbstverständlich. Das erste gemeinsame Gipfelkreuz nach 5 Monaten Pause ist erreicht. Wir haben den Ort und den Moment sogar für uns alleine. Ein großes Glück. Wir genießen es ein paar Minuten, quatschen mit den Dohlen, schießen ein Gipfelfoto mit Manni. Die umliegenden Berge haben wir fast alle schon bestiegen. Mal zu Fuß, mal mit Ski. Der kleine weiße Fleck des Geiselsteins ist nun gefüllt. 
Wir sammeln uns für den Abstieg. Fehltritte sind nach wie vor nicht erlaubt. Immer schön konzentriert geht es Griff um Griff und Tritt um Tritt abwärts. Wie bereits vermutet, ist der Abstieg für das Knie das größere Thema. Doch es gelingt mühelos. Seit erreichen des Gipfelkreuzes sind uns keine Menschen mehr begegnet. Die -ich strapaziere das Wort doch nochmal- exponierte Kraxelei hält die meisten Wanderer, und derer gibt es viele in der Gegend, davon ab, auf den Gipfel zu gehen. Vom Joch führt uns der Weg weiter in Richtung Kenzenhütte. Damit schaffen wir es, einen Rundweg zu gehen, obgleich sich die Strecke dadurch etwas verlängert. Die Serpentinen mit bröseligem Geröll auf den ersten Höhenmetern sind etwas nervig. Hier wird deutlich, dass die koordinativen Fähigkeiten, was das Bergabgehen angeht, ebenfalls ziemlich gelitten haben. Hilft aber nix. Egal welchen Weg wir nehmen. Wir müssen runter. Und so zieht sich der Weg zur Kenzenhütte ziemlich in die Länge. Wir brauchen fast eine halbe Stunde länger als am Joch angeschrieben steht. Etwas langsamer als gewohnt stets auf den nächsten Schritt konzentriert kommen wir unversehrt an der Hütte an. Die ist gut besucht. Da es von Halblech die Möglichkeit gibt, per pendelndem Kleinbus nach oben zu gelangen, ist die Terrasse bis auf den letzten Platz belegt. Wir entscheiden, uns nicht ins Getümmel zu stürzen, sondern die knappe halbe Stunde auf ebenem Weg weiter bis zum Wankerfleck abzusteigen. Wir haben keine Eile. Ein Grund, den Rückweg über die Kenzenhütte zu gehen, lag darin, von dort bei Bedarf den Bus zum Wankerfleck nehmen zu können. Das war aber nicht nötig.

Seit dem Start des Fußweges freute ich mich darauf, den Weg zurück nach Halblech mit den Radl abfahren zu können. Wir springen wieder in die Radlhosen, klemmen die Wanderstöcke an die Rucksäcke und der Spaß beginnt. Nachdem ein erster kleiner Gegenanstieg bewältigt ist, geht's fast 10 Km nur noch abwärts. Wir haben beide ein Grinsen bis hinter die Ohren im Gesicht. Die Wanderer, die wir unterwegs überholen, erinnern mich daran, dass ich früher auch zu Fuß den ganzen Weg rauf und runter hätte so mühselig zurücklegen müssen. Und jetzt sausen wir einfach vorbei und erreichen mühelos mit viel Freude und ohne Anstrengung in wenigen Minuten unseren morgendlichen Ausgangspunkt. Wirklich ein Traum. Und was jetzt?
Meine Frau hat unterwegs geäußert, sie hätte tierisch Bock, dieses Jahr nochmal die Steigeisen ins Eis zu treten. Ein guter Plan.

Die Fakten für die, die es interessiert: Die Besteigung das Geiselsteins ab Wankerfleck mit Rückweg über die Kenzenhütte ist in den meisten Beschreibungen mit rund 6h angegeben. Die haben wir auch genau gebraucht für die rund 840Hm hoch und runter. Die Zeit, die wir im Aufstieg schneller waren, ließen wir im Abstieg auf der Strecke. Beeilt haben wir uns zu keiner Zeit. Für die Strecke mit dem Rad von Halblech zum Wankerfleck, 10km/350Hm, benötigten wir genau 1 Stunde. Die Rückfahrt dauerte etwa 20 Minuten.

 

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