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Hindelanger Steig, 20.10.2019

Ein wunderschöner Steig über den gesamten Grat zwischen Nebelhorn und Großem Daumen.

Nach einer Woche Herbstferien mit den Kindern im Saarland tuckerten wir samstags zurück in unsere Holzhütte im schönen Ostallgäu. Die ganze Woche schon beobachteten wir die Wettervorhersage für den Sonntag, weil uns nach Bergen gelüstete. Jetzt, wo wir wieder dort unterwegs sein können, besteht der hartnäckige Wunsch, jede Gelegenheit zu nutzen, das auch zu tun. Selbst wenn es mal nur eine kleine Wanderung werden sollte. Genau die hatten wir ursprünglich für jenen Sonntag geplant. Von der Talstation der Tegelbergbahn auf den Brandnerschrofen. Samstagsabends bei gutem Essen und etwas Alkohol wurde dieser Plan auf den Prüfstand gestellt. Ein bisschen spannender wäre schon attraktiver, fanden wir. Bereits seit ein paar Wochen schwebte immer mal wieder der Hindelanger Steig durch unsere Köpfe. Ich weiß gar nicht mehr, warum. Doch nun wurde die Idee erneut aufgegriffen. Das Wetter soll stabil sein. Wir müssen die erste Bahn morgens um 8:30Uhr in Oberstdorf rauf auf den Nebelhorngipfel bekommen und dann stünde uns ein Zeitfenster von ca. 8 Stunden zur Verfügung, um den Steig zu machen, auf den großen Daumen und wieder zurück zur Bahn zu gehen. Die Talfahrt startet von der Station Höfatsblick auf 1932m. Man muss nicht zurück auf den Gipfel des Nebelhorns. Die Beschreibungen im Internet sagen, dass es ein konditionell anspruchsvolles Unterfangen ist. Die Kletterlänge auf dem Steig erreicht fast 6km. Wenn frau kraxeln muss, ist das ganz schön lange. Doch die Angaben für die üblicherweise benötigte Zeit sagen, wir können das gut schaffen.
Gesagt getan. Sonntagsmorgens nach einer anstrengenden Woche im Dunkeln aufzustehen, erfordert etwas Motivation. Man sollte den Schweinehund füttern und nicht verfluchen. Sonst geht die Bettdecke wieder über die Ohren. Gepackt hatten wir samstagsabends schon und so blieb Zeit für ein halbwegs gemütliches Frühstück. Bis Oberstdorf brauchten wir ca. 1:15h. Etwas gezuckt hatte ich, als ich die Preise der Nebelhornbahn erfuhr. Nein, an der Bahn hängen keine goldenen Gondeln. Hilft aber nix. Ohne Bahnunterstützung ist die Tour für uns zu diesem Zeitpunkt nicht möglich. Ticket gekauft, eingestiegen, zweimal umgestiegen, Gipfel Nebelhorn. Es pfeift ein heftiger Wind. Möglicherweise starker Föhn. Es kommen kurz Zweifel auf, ob eine Gratkraxelei bei diesen starken Böen nicht vielleicht doch zu riskant ist. Erstmal Windstopper drüber, kurz nachgedacht und besprochen. Wir starteten in Richtung Einstieg des Steiges und bewerteten neu. Erste Menschen kommen uns entgegen. Sie haben abgebrochen. Andere stehen zweifelnd am Einstieg. Wir entschließen uns dazu, einzusteigen. Es kommen laut der Beschreibungen keine Schwierigkeiten vorbei, die uns unter nicht so ganz günstigen Umständen vor unlösbare Probleme stellen dürften. Es gibt mehrere Notabstiege, falls es doch nicht passt. Und zurück geht auch immer. Und so begann die Kraxelei, die mehrere Stunden dauern wird. Der Grat ist echt lang. Viele, viele Felszacken liegen auf dem Weg zum Großen Daumen. Einige Auf- und Abstiege. Manchmal versichert oder per Leiter zu bewältigen. Viele Passagen müssen frei begangen werden. Man könnte zwar selbst sichern, doch in Anbetracht der Steiglänge würde das uferlos werden. Man sollte die Schwierigkeiten seilfrei beherrschen.
Und das taten wir. Muggel um Muggel, hoch und runter, rechts und links. Auf der Nordseite fallen die Wände steil ab. Auf der Südseite ist es nicht ganz so exponiert. Wenngleich auch dort Danebentreten nicht erlaubt ist. Der Wind kommt in starken Böen. An den ganz schmalen Stellen überlegte ich das eine oder andere mal, ob und wann ich einen Fuß vom Boden lösen kann, ohne weggeblasen zu werden. Das hat aber immer ganz gut funktioniert. Echte Zitterpartien gab es keine. Zum Start hatten wir uns zum Schutz vor dem Wind noch in wärmere Kleidung gepackt. Noch vor dem ersten Gipfel musste die wieder runter. Kraxeln ist anstrengend. Es kommen zwar nur wenige Höhenmeter Aufstieg im Verlauf zusammen, doch die Kletterei hört nicht auf. Es geht permanent irgendwo hoch oder runter. So viel, dass ich irgendwann ab der Mitte schon ein wenig ungeduldig wurde, wann jetzt endlich der letzte Muggel erreicht ist. Das dauerte aber noch lange. 2-3 Pausen legten wir ein. Zwischendurch nahm ich wahr, dass der Wind etwas nachgelassen hatte. Eine Erleichterung. Weil die Fahrt mit der Bahn zum Gipfel aufs Nebelhorn wegen zweimaligen Anstehens länger dauerte, als wir geplant hatten, warf ich so ab der Mitte der Kletterstrecke immer mal wieder einen Blick auf die Uhr. Die letzte Bahn zu verpassen, war keine Option. So ab zwei drittel der Strecke machte sich Gewissheit breit, dass wir den Großen Daumen auslassen müssen. Normalerweise würde man am Steigende in ca. einer halben Stunde den Gipfel erreichen. Dieser Weg muss aber auch wieder zurückgegangen werden, da am Steigende auch der Rückweg zur Bahn abzweigt. Der Rückweg ist noch lang genug und ich wollte den nicht in Zeitnot gehen müssen. Wir zogen sogar kurz in Erwägung, den Notabstieg vor dem letzten Gipfel in der Gratkette zu nehmen. Doch den Großen Daumen auszulassen hinterließ bereits kein gutes Gefühl. Da wollten wir wenigstens den Steig zu ende gehen. Ein kurzes "Aua" und weiter über den letzten Buckel. Kurze Zeit später kommt das Wegeschild am Abzweig in Sicht. Die Kletterstellen sind zu ende. Hände, Füße und Muskeln sind müde. Es bleiben knapp 3h für den Rückweg. Die Annahme, bei dem Rückweg handele sich um eine leicht zu gehende Wanderautobahn, erwies sich als falsch. Das Auf und Ab ging weiter. Bloß nicht ganz so ausgeprägt und eben eine Etage tiefer. Wie lang die Kletterei ist, wird einem auf dem Weg zur Bahn nocheinmal so richtig deutlich. Der Weg zieht sich gefühlt ins Unendliche. Ein bisschen Kämpfen war angesagt. Der Strom ging zur Neige. Die ungewohnte Unternehmung forderte mehr Körner als angenommen. Die erste halbe Stunde hatten wir schon bei der Fahrt mit der Bahn zum Ausgangspunkt verloren. Und bis dahin ging ich davon aus, dass die letzte Bahn ab Höfatsblick um 16:30Uhr fährt. Somit konnten wir uns keine langen Pausen erlauben. Letztendlich schafften wir es, rechtzeitig an der Bahn zu sein. Sogar mit etwas Puffer. Denn eine Haltestelle unterhalb des Gipfels war die letzte Fahrt für 16:50 Uhr angeschrieben. Angesichts des Andrangs war es jedoch gut, nicht auf den letzten Drücker da zu sein. Obwohl ich unterwegs das Gefühl hatte, überhaupt nicht voran zu kommen und für alles, was wir taten, viel länger zu benötigen, als geplant war, vergingen unterm Strich nur etwa 6,5 Stunden von Ausstieg Gipfel Nebelhorn bis zurück zur Station Höfatsblick. Rückblickend betrachtet wäre der Gipfel des Großen Daumens noch drin gewesen. Wir haben uns für die sicherere Variante entschieden. Ein kleines Abenteuer war es für uns allemal. So, wie wir uns das am Abend vorher ausgedacht hatten.