Aggenstein Süd-Ost-Grat, 4 SL bis UIAA 3, 180m, 15.11.2020

Der Plan für den Sonntag sah vor, mit unserem lieben Nachbarn Thomas eine lässige Wanderung mit Gratkraxelei im Oberallgäu zu machen. Das konnte leider nicht stattfinden und so wechselten Astrid und ich noch auf dem Heimweg am Samstagabend vom Soldatenweg im Dammkar das Ziel. Die Südwestseite des Aggensteins liegt praktisch den ganzen Tag in der Sonne. Der Gipfelaufbau wird durch keine umliegenden Berge beschattet und so kann an der Wand, trockenes Wetter vorausgesetzt, das ganze Jahr geklettert werden. Heiligabend vor 5 Jahren hatten wir das schonmal ausprobiert. Das war lässig.
Weil wir ganz viel Lust auf nochmal alpines Klettern hatten, aber sonntags nicht schon wieder so früh aus den Federn wollten, war das genau das Richtige. Aus Gründen der mangelnden Kletterroutine und dem Umstand, dass ich mit diversen Fußproblemen zu tun habe, lockte uns der etwas leichtere Süd-West-Grat. Es geht normalerweise nicht über eine UIAA 3+ hinaus, was mit Bergstiefeln noch gut geht.

Wir tuckern also sonntagsmorgens über Pfronten ins Tannheimer Tal bis kurz vor Grän, parkieren auf dem großen Parkplatz östlich der Straße und starten zur Bad Kissinger Hütte. Der Parkplatz ist um halb zehn schon gut gefüllt. Ist aber auch keine Überraschung. Der ganze Weg liegt in der Sonne, es gibt eine schöne Aussicht vom Gipfel und der ist mit rund 800 Höhenmetern auch für weniger ehrgeizige Bergler gut erreichbar. Die meisten wandern. Ich sehe nur sehr wenige Menschen mit Seil im oder am Rucksack. Klar, dass es sicherlich auch viele Kletternde hierher zieht. Die Gründe liegen auf der Hand. Auf dem Weg zur Hütte verläuft sich die Menge bereits. Die meiste Zeit sind wir für uns. In meiner Wahrnehmung sind wir ja nicht so die allerschnellsten Raketen bergauf und auch bergab. Ich merke allerdings, dass Corona uns viel Zeit fürs Training geschenkt hat. Mit dem Klettergeraffel auf dem Rücken, jede von uns hat ein 60m langes Halbseil im Rucksack + Metall + Futter + trockene Kleidung und einer Pipipause stehen wir nach 1:25h auf der Terrasse der Bad Kissinger Hütte. Etwa 620 Höhenmeter. Ich laufe zwar aus, doch ich bin nicht erschöpft. Gefällt mir. Wir gehen gleich weiter in Richtung Einstieg der Kletterei. Ab der Hütte ist ganz schön viel Betrieb. Erst am Abzweig wird es stiller. Unsere Route liegt am äußerst linken Rand der Wand und hat damit von der Hütte aus den längsten Zugstieg. Wir kommen dabei am Einstieg zum Süd-Ost-Grat vorbei, wo sich lediglich eine Zweierseilschaft grad auf den Weg macht. Der wird wohl nicht gar so häufig geklettert. Ob das an der etwas schlechteren Absicherung oder den geringeren Schwierigkeiten liegt, weiß ich nicht. An der Südwestwand sieht das etwas anders aus. In den leichteren Routen sind mehrere Seilschaften in der Wand. Und was ich zuerst nicht schnalle ist, dass sich am Einstieg zu unserer Route bereits eine Warteschlange gebildet hat. Ich denke mir nix dabei. Wir machen Pause und legen uns trocken. Wird schon gleich weniger. Aktuell startet eine Dreierseilschaft und dann sehe ich noch eine Zweierseilschaft, die wartet. Der einzige Fauxpas der passieren könnte ist, dass sich noch eine oder mehrere Seilschaften an uns vorbei mogeln. Ansonsten finde ich es nicht schlimm, etwas warten zu müssen. Frau braucht keine hellseherischen Fähigkeiten, um zu wissen, dass es so kommen kann. Hätten wir den Grat für uns alleine haben wollen, hätten wir mit dem ersten Tageslicht am Einstieg sein oder alternativ die Zeit hinten heraus strapazieren müssen. Mit Abstieg im Dunkeln. Wir bleiben ruhig, stellen uns nach der Pause in die Schlange. Ich bemerke, dass nicht nur eine Zweierseilschaft vor uns wartet, sondern zwei. Und die Dreierseilschaft von vorhin hat noch nicht mal vollständig den ersten Stand erreicht. Die nächste Seilschaft beginnt, sich fertig zu machen und da wird mir klar, dass die zwei Seilschaften vor uns zusammengehören und dass in der vorderen jemand dabei ist, der das noch nie gemacht hat. Details der Selbstsicherung werden besprochen. Des Weiteren wird die Frage erörtert, ob es fahrlässig wäre, während des Sicherns den eigenen Durst zu löschen. Boahhh....

Astrid und ich sehen uns nach einer halben Stunde Stillstand in allen Seilschaften vor uns an und es brauchte nicht viele Worte. Planänderung. Wir schultern unser Zeug und ziehen zum Süd-Ost-Grat um. Da ist immer noch niemand. Die eine Seilschaft, die eingestiegen ist, als wir passierten, ist schon oben rausgeklettert. Der Grat ist leer. Alla dann. Ich falte das Topo um, nehme wahr, dass es nicht viele Zwischensicherungen gibt, aber dafür wird es nicht schwerer als UIAA 3. Ein paar Camelots und/oder Schlingen werden helfen. Ich klettere los. Die erste Seillänge ist 50 m lang. Es gibt 3 vorhandene Zwischensicherungen. Ein Camelot und eine Schlinge ergänzen das Szenario, mit dem bestenfalls der Bodensturz verhindert werden kann. Die Seilreibung auf dieser Distanz muss wohl nicht extra erwähnt werden. Immerhin scheinen wir für die Wandernden eine Attraktion zu sein. Auf unserer Route sind wir vom Wanderweg aus permanent zu sehen. Manche bleiben stehen, machen Bilder. Die nächste Seillänge ist nicht anders. Aber, wie gesagt, die Schwierigkeiten sind eigentlich keine. Die Kunst besteht darin, sich auf das Tun zu konzentrieren und alles andere auszublenden. Auf der dritten Seillänge fällt mir das jedoch schwer. Die Route zieht in der zweiten Hälfte direkt auf die Gratschneide. Auf 50 m gibt es zwei Klebehaken und keine Möglichkeit, selbst etwas zu legen. Da kann der dritte Grad so leicht sein, wie er will. Wenn ich abschmiere, geht auf jeden Fall was kaputt. Astrid gratuliert mir, als sie zu mir an den Stand nachkommt. Ziemlich luftige Aktion. Die letzte Seillänge ist dann im Vergleich wieder eher Gehgelände und der höchste Punkt schnell erreicht.
An der Stelle ist vielleicht der Hinweis gut, dass frau am Besten vom letzten Stand aus durch die Senke zum Hauptgipfel gesichert weitergeht und oben nochmal Stand macht, um die Seilzweite nachzuholen. Die Senke zwischen Vor- und Hauptgipfel ist schmal, der Wind pfeift ordentlich durch und der Aufstieg zum Hauptgipfel wird ebenfalls mit 3- angegeben. Wäre dämlich, an der letzten Stelle vor dem Hauptgipfel den Abflug zu machen. Die Seilschaften, auf die wir unten in der Schlange für den Süd-West-Grat warteten, waren übrigens noch lange nicht oben. War eine gute Entscheidung, was anderes zu machen.

Ein Gipfelfoto mit Manni direkt am Kreuz war keine Option. So, wie das aussah, befand sich der halbe Parkplatz gerade am Gipfel. Wir knipsten aus der Entfernung und gingen dann zügig durch die Menge mit so viel Abstand, wie es eben ging. Corona scheint niemand mehr zu kennen. Das erste Stück vom Gipfel auf dem Wanderweg nach unten ist versichert. Konnte ich mich gar nicht mehr dran erinnern. Ist aber auch gut, denn der Fels gleicht Tausend Spiegeln. Alles speckig. Bis zur Bad Kissinger Hütte war der Steig wieder ziemlich voll. Überholen geht auch nicht so gut, wenn frau niemanden in Gefahr bringen und Abstand halten will. Also trotteten wir in der Karawane gemütlich vor uns hin. Eigentlich kein Thema, wenn nur die Menschen nicht so viel und so laut reden würden. Und dann springen noch ihre Viecher im Weg rum, die sie unbedingt auf den Berg schleppen müssen, die sie aber nicht im Griff haben. Nervig. An der Hütte traten wir aus der Schlange und suchten uns ein windstilles, einsames Plätzchen, um eine richtige Pause einzulegen. Der Magen knurrte. Wir genießen die Sonne noch einen Moment. Ganz schön nett im November in der Sonne sitzen zu können. Mein Kopf gewinnt wieder Abstand von den vielen Menschen.

Auf dem Weg nach unten läuft es überraschend gut. Obwohl die Füße und die Beine müde sind und die Tour vom Vortag ja auch noch drin steckt, komme ich abschnittsweise fast ins Laufen. Wir überholen einige Grüppchen. Kaum eine Stunde vergeht als der Parkplatz vorbeikommt. Wieder heile unten. Ein super Klettertag mit meiner Lieblingsbergsteigerin. Danke dafür.

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