Soldatenweg am Predigtstuhl, 10 SL bis UIAA 3, 270m, 14.11.2020

Als es im Frühjahr die deutlich härteren Beschränkungen wegen Corona gab und auch die Grenzen dicht waren, hatten wir eine Liste gepinselt, was bei uns in der Umgebung so an Klettereien und spannenden Bergtouren möglich ist. Viel davon hatten wir nicht gemacht, da auch Vergnügungsausflüge verboten gewesen sind. Das ist jetzt anders. Wir dürfen in die Berge fahren. Nachdem wir den Soldatenweg als Ziel für Samstag ausgesucht hatten, setzten wir noch eine Rückfrage bei Bergführer Jürgen ab, der quasi den ganzen Tag von zu Hause aus ins Dammkar schauen kann, ob die Bedingungen hinsichtlich Schnee, etc. passen. Er bestätigte. Ab etwa der Hälfte sei die Südwestwand des Predigtstuhls im Tagesverlauf in der Sonne. Sehr fein. Wir fixen Alex und Manuel an, die sich gerne anschließen und die Tagestour ist mit den geltenden Beschränkungen in Österreich vereinbar.

Den Fahrweg vom Parkplatz bis zum Bankerl, der Talstation der Materialseilbahn der Dammkarhütte, legen wir mit dem Radl zurück. Nun, wir schieben mehr als wir fahren. Entgegen meiner Annahme, es ginge gemäß Kompasskarte halbwegs mit den zu erwartenden Steigungen, gibt es sehr steile Passagen und ich lerne später, dass auch die Profis schieben, denn sonst braucht man anschließend keine Bergtour mehr zu machen. Wir nehmen die Schieberei gerne in Kauf, denn der große Vorteil besteht in der Abfahrt. Statt die 5 km steil über einen Fahrweg hinunter wackeln zu müssen, lässt frau einfach rollen und ist in wenigen Minuten am Parkplatz zurück. Am Bankerl angekommen, wechseln wir vom Drahtesel auf Schusters Rappen, steigen die rund 330 Höhenmeter bis zur Dammkarhütte auf und legen uns dort für die Kletterei erstmal komplett bis zum Schlubber trocken. Es ist November. Im Schatten liegen die Temperaturen nur knapp über dem Gefrierpunkt. Noch ist die ganze Wand im Schatten und in nass geschwitzten Sachen im Stand zu hängen, trübt eindeutig den Spaß. Der Einstieg ist eigentlich nur wenige Minuten von der Hütte entfernt. Frau kann praktisch gerade aus hinlaufen. Aus mir noch nicht klaren Gründen entschied sich die restliche Gruppe für einen anderen Zustieg, der uns umständlich durch rutschigen Schutt nach oben führte, bevor es dann wieder in Wandnähe steil abwärts ging. Bisschen schwierig in diesem Gelände. Von oben ist später zu sehen, dass ein Pfad tatsächlich direttissima zum Einstieg führt. Von der Hütte aus ist das nicht ganz so klar. Egal, wir finden den Einstieg trotzdem. Es gibt noch eine Variante im unteren Teil, der sogenannte Südwestpfeiler. Dort befindet sich auch eine Vierergruppe drin. Beim Vorbeilaufen hatte ich schon den Eindruck, dass etwas nicht stimmt. Die Gruppe kam überhaupt nicht voran. Als wir in unsere Route einsteigen, seilt neben uns die ganze Gruppe wieder ab. Es ist ihnen zu kalt in Kletterpatschen.
Kalt ist es tatsächlich. Ein Grund, warum wir uns zur etwas leichteren Variante entschieden, die wir in Bergstiefeln klettern können. Außerdem mag ich es, Schwierigkeiten bis 3+/4- ohne Kletterschuhe zu gehen, denn an den hohen Bergen schleppen wir auch keine Schuhvarianten mit. Da muss alles, was kommt, mit steigeisenfesten Stiefeln gehen. Deswegen übe ich gerne, wo es geht. Und bisher hatte ich an Einzelstellen bis in den vierten Grad noch nie Probleme. Bequemer ist es zudem auch, denn -wie hier- 10 Seillängen in Kletterpatschen zu stecken, macht Aua.

Ich steige als erste in den ersten Abschnitt ein und bin dort bereits mit den in der ganzen Route zu erwartenden Maximalschwierigkeiten konfrontiert. Meine Füße sind taub vor Kälte. Nicht ganz einfach so ohne Gefühl Vertrauen in die Füße zu haben. Der kompakte Fels kommt mir jedoch entgegen. Sehr gute Tritte. Es geht zwar eine recht steile Rinne rauf, doch es gibt keine Überraschungen, außer, dass die Route deutlich besser abgesichert ist, als das Topo vermuten lässt. Die geschlagenen Haken sind alle durch Klebe- oder Bohrhaken ersetzt und es gibt sehr viel mehr Zwischensicherungen, als im Topo eingezeichnet sind. Natürlich ist es nicht wie in einer Kletterhalle, doch für alpine Verhältnisse geht es sehr entspannt zu. Spätestens alle 5 Meter kommt was vorbei. Die Standplätze sind alle bequem und mit mindestens zwei festen Punkten ausgestattet. Unterwegs muss ich die Handschuhe ausziehen. Das Vertrauen in die Hände ist ohne eine Lage Stoff dazwischen besser. Der Fels ist zwar eisekalt, damit komme ich jedoch besser klar, als mit rutschigen Handschuhen. Ich sichere Astrid nach, sie steigt die nächste Seillänge vor. Eine merkwürdige Querung über eine glatte Platte. Keine Ahnung, wie sie in Bergstiefeln da rüber gekommen ist. Ich hab's anschließend nicht geschafft und wählte eine einfachere Variante unten rum. Gleichzeitig machen sich Alex und Manuel fertig, um zu folgen. Wir hatten vereinbart, dass Astrid und ich jeweils am Stand warten, bis einer der beiden aufgeschlossen hat, um bei Bedarf helfen zu können. Sie machen das noch nicht so lange, haben aber zu Hause fleißig geübt. Das hat frau auch gemerkt. Es lief wie am Schnürchen. Hat mich wirklich beeindruckt, wie geschmeidig die zwei das inzwischen ohne fremde Hilfe hin bekommen. Ganz besonders freute mich, dass Alex die 6. Seillänge vorgestiegen ist. Diese ist durchgängig im höchsten Schwierigkeitsgrad der Route. Super gemacht. Inzwischen scheint die Sonne schön rein und wärmt. Die Eisefüße und -hände freuen sich ganz besonders.

Anfangs dachte ich noch, boah, 10 Seillängen im November, das könnte zäh werden. Die Kletterei ist aber so nett und Alex und Manuel hatten ihre Sache so gut im Griff, dass die Seillängen nur so verflogen. Und als die Sonne raus kam und schon die Hälfte hinter uns lag, konnte ich mich ganz entspannen. Ehe wir uns versahen, stieg ich an Astrid im letzten Stand vorbei und betrat das schrofige Gras am Ausgang der Route. Oben. Sie steigt ebenfalls aus, wir sortieren unser Zeug und warten im Gras sitzend mit Fettbemme, Pfefferbeißer und Tee auf die beiden Verfolger:innen. Die Freude, diese Route so fein geschafft zu haben, ist den beiden förmlich anzusehen, als sie oben aussteigen. Ich meine, klar, es ist nicht die Eiger Nordwand. Aber für unsere Verhältnisse stellt so ein Unterfangen schon ein kleines Abenteuer dar. Immerhin kannte die Route niemand. Und es ist praktisch Winter.
Nach kurzer Rast steigen wir noch zum Gipfelkreuz rauf und dann wartet ein etwas nerviger Abstieg durch eine steile Schuttrinne. Ist hier wohl üblich. Alle Abstiege haben dieses Thema hier. Wo es geht, steige ich über die Felsen am Rand. Wie auf rohen Eiern watschelnd lasse ich das steilste Stück hinter mir und steuere auf den sichtbaren Pfad zu, der zur Bergwachthütte führt. Die anderen folgen. Zwei Burschen hatten wir in der Rinne passieren lassen. Sie waren viel schneller. So ohne Klettergepäck. Ich beobachtete, welchen Abstieg sie wählten. Denn sie gingen nicht bis zur Bergwachthütte sondern bogen in einen Fluss feinen Kieses in Falllinie zur Dammkarhütte ein. Fand ich interessant, denn ich hatte auch keine Lust, den Umweg zur Bergwachthütte zu gehen. An diesem Kiesfluss nach unten angekommen, schaute ich hinunter. Upsi. Ganz schön steil. Bei den beiden Jungs sah das allerdings sehr geschmeidig aus und nach kurzer Beratung in unserer Gruppe, setzte ich einen Fuß in den Kies und prüfte, wie sich das wohl anfühlt. Und noch einen, und noch einen. Fasst, wie im steilen Schnee. Ich trete, rutsche einen Meter, dann kommt der Fuß von selbst zum Stehen. Der scharfkantige Schotter verkeilt sich irgendwann und bietet Halt. Eigentlich sehr komfortabel. Funktioniert jedoch nur dort gut, wo genug Auflage vorhanden ist. Und frau darf natürlich auf keinen Fall Rücklage bekommen oder gar das Übergewicht nach vorne. Dann ist haltloser Abgang angesagt. Aber so schaffen wir das alle vier ziemlich gut. Macht sogar Spaß. Im Nu sind wir an der Dammkarhütte zurück.

Das zurückgelassene Gepäck von der Umzieherei wandert wieder in den Rucksack. Uff, nochmal ein bisschen Gewicht drauf. Ich merke, dass meine Füße vom Klettern ziemlich müde geworden sind. Bis zum Bankerl runter gibt es jedoch einen guten Weg und weit ist es auch nicht. Dort angekommen, wartet die Belohnung fürs Radlschieben. Warm einpacken. Helm wieder auf. Noch schnell ein Buildl mit Radl und dann ab dafür. Laufen lassen. Bisschen aufpassen muss frau auf dem rutschigen Kies in den Kurven. Ist aber tausendmal besser, als zu Fuß gehen zu müssen. Unterwegs helfen wir noch einer Gruppe mit nem platten Reifen. Ist schon das zweite Mal, wo uns das passiert. Außer uns scheint niemand ein wenig Werkzeug, Pumpe und das notwendigste Flickzeug dabei zu haben. Aber gut. Wenn frau helfen kann. Weiter geht's. Die Bremsscheiben wechseln die Farbe. Auf dem letzten Stück Asphaltweg mache ich tatsächlich den Sattel ganz runter und stütze mich beim Bremsen gegen die Pedale ab. Kein Wunder, dass ich da nicht rauftreten konnte.
Ein sehr feiner Tag neigt sich dem Ende zu. Etwa um halb vier nachmittags sind wir zurück am Auto. D.h. mit allen Pausen, dem Umziehen, den Klettervorbereitungen, der Pannenhilfe brauchten wir brutto etwa 7 Stunden, ohne zu eilen. Nachdem wir trockengelegt und unser Zeug sowie die Räder verstaut sind, verabschieden wir uns von der Saalfelden Gang. Wir für unseren Teil haben noch eine Verabredung mit Bergführer Jürgen auf nen Kaffee.

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