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Monte Cevedale, 3769m, 18.07.2012

Gletscherkurs Summit Club

Nach 2 Tagen Ausbildung im umliegenden Gelände und auf dem Fornigletscher brachen wir am dritten Tag des Grundkurses Eis, in unserem Sprachgebrauch auch Gletscherkurs genannt, morgens mit unserem Bergführer von der Branca Hütte aus auf, um den Monte Cevedale zu besteigen. Wir nahmen Kurs auf die Moräne im Val di Rosole nordwestlich der Hütte. Es handelte sich nicht um einen üblichen Weg, den auch andere nehmen. Es gab keinen Weg. Es ging querfeldein. Für mich ein sehr merkwürdiges Gefühl. Meine allererste Hochtour in meinem Leben und das durch absolut wegloses Gelände. Auf dieser Tour kam ich auch das erste Mal in meinem Leben auf eigenen Füßen über 3000m. Unser Bergführer wird schon wissen, was er tut. Hat ja die letzten Tage auch alles bestens gepasst. Auf etwa 3000m bogen wir von der Moräne nach Norden ab und steuerten auf das Joch zwischen Monte Pasquale und Monte Cevedale zu. Das erste Mal in meinem Leben durch ein etwas steileres Schneefeld. Bis zum Joch sind wir seilfrei unterwegs gewesen. Ab da konnte man den Gipfelgrat sehen und was uns auf dem Weg dort hinauf noch so erwartete. Das Seil kam raus. Unser Bergführer längte es ab und wies jedem Teilnehmer einen Anseilknoten zu. Ich bekam den letzten Knoten. Wir stiegen weiter auf. Ein Raunen ging durch die Reihen der Teilnehmer, als unser Bergführer eine kurze Felspassage außen vorbei über ein schmales Band nahm. So etwas hat bis dahin niemand von uns gemacht und es kam ein klein wenig Unsicherheit auf. Unser Bergführer ließ sich davon nicht beirren. Ich glaube, er wusste nach zweieinhalb Tagen mit uns besser über unsere Fähigkeiten Bescheid, als wir selbst. Weiter auf dem Grat. Wind kam auf. Es wurde immer anstrengender, die nächsten Schritte zu gehen. Die Steine sind von windgezogenen Eisnadeln überzogen. So etwas hatte ich bis dahin nie gesehen. Vom Joch bis zum Gipfel waren es noch gut 400 Höhenmeter. An mindestens die Hälfte davon kann ich mich heute nicht mehr erinnern. Ich schätze, mein Gehirn schaltete wegen der Aufregung einfach das Bewusstsein kurz aus. Ich kam erst am Gipfel wieder zu mir. Eine krasse Nummer. Ich stand auf fast 3800m. Bilder wurden gegenseitig und miteinander geschossen. Unser Plüsch-Mammut musste aufs Gipfelfoto. Manni begleitet uns seit diesem Tag auf jeder Tour. Richtig gemütlich war es wegen des Windes nicht am Gipfel und wir machten uns bald an den Abstieg. Unser Bergführer wies mich an, vorne zu gehen. Wir nahmen den Grat in nordwestlicher Richtung auf die Zufallspitze zu, denn der Abstiegsweg war nicht gleich dem Aufstiegsweg. Nach etwa einem Drittel des Schneegrates bogen wir nach links unten auf den Zufallferner ab. So steil bin ich im Leben noch keinen Schneehang hinunter gegangen. Zum Glück war eine gute Spur im Firn vorhanden. Etwa auf der Hälfte kam noch eine Spalte vorbei, die überstiegen werden musste. Der Bergschrund, wie ich später lernte. Hat aber alles geklappt. Der Zufallgletscher ist bis zur Casatihütte dann mehr oder weniger flach. Dort angekommen, legten wir eine ausgiebige Pause in der Sonne ein. Die war auch nötig. Die Füße traten so langsam in den Streik. Heute weiß ich, dass meine Schuhe zu klein und zu weich für Steigeisen waren. Das ließ die Füße frühzeitig ermüden.
Ab der Casatihütte brauchten wir die Steigeisen nicht mehr. Wir folgten einem südwestlich gelegenen schmalen Pfad den Hang hinunter. Die Spuren des Ersten Weltkrieges sind hier deutlich zu sehen gewesen. Schützengräben, Stacheldraht. Später erfuhr ich, dass ich am Grat oben an einer Kanone aus dieser Zeit vorbei gelaufen bin. Die war bloß unterm Schnee noch nicht zu sehen. Einige Teilnehmer versuchten sich in der Technik des Abfahrens im Schnee auf Bergschuhen, denn hin und wieder kamen kleine Schneefelder vorbei. Ich habe das nicht mehr versucht, da ich zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr wusste, wie ich noch auftreten soll, damit es nicht so schmerzt. Erneut eine ausgiebige Pause am Rifugio Pizzini. Jetzt taten auch die Füße der anderen weh. Und der Weg war noch weit. Sehr weit. Das gesamte Valle di Cedec musste durchlaufen werden, bevor wir wieder in Richtung Branca Hütte abbiegen konnten. Endlose Kilometer. Es gab keine Stelle mehr am Körper, die sich nicht beschwert hätte. Alles tat weh. Nach rund 13 Stunden kamen wir völlig erschöpft an unserem Ausgangspunkt an. Die einzige Strapaze in meinem Leben, die sich mit dieser Hochtour bis dahin messen konnte, war mein allererster Marathon. Aber: Wir haben es geschafft.