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Monte Rosa 2018

Skibergsteigen im Paradies

Eine Skitour im Monte Rosa. Man liest so viel davon. Mehrere 4000er an einem Tag sind möglich. Meine Frau und ich entschließen uns dazu, das genauer in Augenschein zu nehmen. Eine Art Schnuppertour. Von der italienischen Seite mit zwei Übernachtungen im Rifugio Gnifetti können wir uns das gut vorstellen. Die Skisaison ist Mitte April in den Pistenskigebieten offiziell zu Ende, doch wir finden schnell heraus, für die Tourengeher fährt die Bahn von Alagna aus einmal am Tag bis mindestens Anfang Mai. Der Aufstieg aus dem Tal heraus wäre viel zu langwierig. Alagna liegt nur auf rund 1200m. Die Gnifetti-Hütte thront auf 3600m. Bis auf knapp über 2000m hat der Frühling bereits Einzug gehalten und man müsste seine Ski mehr als 1000 Höhenmeter tragen bis aufgefellt werden könnte. Und dann wären es immer noch rund 1600m bis zur Hütte. Bahnfahren ist ausnahmsweise toll. Auf ins Val Sesia.
Eine ähnlich lange Reise wie ins Wallis steht uns bevor. Überraschenderweise ist es jedoch ganz gut zu fahren, da der Autobahnanteil größer ist. Kostet aber natürlich in Italien auch mehr. Etwas Geduld braucht man nur im Val Sesia. Die Straßen sind klein und kurvig. Um keinen Stress zu haben, übernachteten wir auf dem Hinweg in einem Dorf namens Varallo im Val Sesia und konnten so den Aufstiegstag zur Hütte ganz entspannt mit Cappucino und einer kleinen Stärkung in Alagna angehen. Die Seilbahn brachte uns am Nachmittag auf rund 3200m zur Station Indren. Am Passo dei Salati muss man einmal umsteigen, was mit einer kleinen Wanderung zwischen den Stationen verbunden ist. Oben aus der Bahn rausgefallen, geht es gleich zur Sache. In einer lang gezogenen Linkskurve quert man den Endrengletscher durch teilweise sehr steile Hänge. Es gibt zwar eine Spur. Die ist jedoch völlig zerfahren, teilweise butterweich und teilweise steinhart gefroren. Manche machten sich auf Fellen an die Querung. Andere, wie auch wir, starteten ohne Felle mit dem Ziel, genug Schwung mitzunehmen, um ohne Schieben auf den Zustiegsweg zur Hütte zu kommen. Im Verlauf der Fahrt merkte ich, dass das bei meinem Fahrkönnen eine nicht lösbare Aufgabe ist. Absteigen und Auffellen ist im Hang aber keine Option. Schnappatmung und Laufen lassen ist die einzige Lösung. Es war einfach nur Glück, dass ich auf dieser Querung nicht abgeschmiert bin. Es Herzerl pumpt als ich am Zustiegsweg zur Hütte ankomme. Aber es herrscht keine Zeitnot. Kurze Pause, runterkommen, gemütlich auffellen und noch gemütlicher den Aufstieg beginnen. Die Sonne scheint. Es sind nur rund 400 Höhenmeter bis zur Hütte, die recht exponiert auf einer Felsinsel hängt und nach etwa 1,5h erreichen wir die Felsen, durch die mit Seilversicherung die Hütte erreicht werden kann.
Da es mitten in der Woche ist, haben wir das unverschämte Glück, ein Mehrbettzimmer für uns alleine zu bekommen. Zumindest für die erste Nacht war das gesichert. Und weil es eine italienische Hütte ist, kann man darauf vertrauen, dass es etwas Ordentliches zu Essen gibt. Nicht so, wie bei den Franzosen und teilweise bei den Schweizern. Und so war es auch. Ganze Hendl, leckere Pasta, Schokofondue mit frischen Früchten, um eine Auswahl zu nennen. Wirklich abgefahren für diese Höhe. Das Publikum: Überwiegend Italiener und wenige Franzosen. Sonst nichts Nennenswertes. Interessanterweise erlebe ich Franzosen und Italiener sowie Spanier als sehr entspannte Menschen, wenn es um Transidentität geht. In den stark katholisch geprägten Regionen hätte ich das nie im Leben vermutet. Die Kirche ist ein Feind des Andersseins. Sie hat Menschen wie mich jahrhundertelang auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Heute scheint das anders zu sein. Jetzt hätte ich fast gesagt "Gott sei Dank". Aber das, man verzeihe mir, ist völliger Blödsinn. Ausflug in meine persönliche Meinung zur Kirche beendet.
Der Schlaf in der ersten Nacht in der Höhe war erstaunlich gut. Es geht um die Jahreszeit auch nicht ganz so früh los, wie im Sommer. Die Temperaturen bleiben den ganzen Tag tief genug. Wir beschließen, am weitest entfernten Ziel zu beginnen und steigen in dem Sinn zunächst bis in den Sattel, das Piodejoch auf 4284m, zwischen Parrotspitze und Ludwigshöhe auf. Die Parrotspitze war dieses Mal kein Ziel für uns. Wir wollten nicht gleich übertreiben. Wenngleich die Wege mit Ski in der Abfahrt schneller zurückgelegt sind, so ist es doch nicht weniger anstrengend für uns. Also Ski ab, Steigeisen dran und rauf auf die Ludwigshöhe. Soll ebenfalls ein leichter 4000er sein. Aber ganz ehrlich. So eine abgeblasene Kuppe mit Blankeisgraten ist nicht einfach zu begehen. Aber es gibt ja Eisschrauben. Eine kleine Seilschaft vor uns bringt uns auf die Idee, nicht mit den Ski um die Ludwigshöhe herum abzufahren, um zum Corno Nero zu kommen, sondern den Grat nach Süd-West zu überschreiten und auf der anderen Seite mit Eispickel auf Frontalzacken, die Ski am Rucksack, abzuklettern. War spannend und kürzte den Weg ab. Die Schwierigkeit bestand darin, im Hang von den Steigeisen runter wieder auf die Ski zu steigen. Im nicht allzu tiefen Schnee ging das aber ganz gut und wir glitten hinüber zum Corno Nero. Der Normalweg besteht aus einer steilen Firnflanke mit etwa 40°. Sagen die einschlägigen Beschreibungen. Nun kenne ich mich mit Neigungen als Dachdeckerin ein wenig aus und würde sagen, es sind eher 50°. Außerdem war von Firn keine Spur. Blankeis bis rauf zum Gipfelgrat. Ich versuchte, die ersten Meter zu klettern, merkte aber bald, dass ich mich überhaupt nicht wohl fühlte. Mit so etwas hatten wir bisher keine Berührung und somit ist keine Erfahrung vorhanden gewesen, ob wir das können. Rauf mag das alles noch irgendwie funktionieren. Mich hat eher der Gedanke an den Abstieg davon abgehalten, weiter zu klettern. Also liebes Corno Nero, wir kommen wieder, wenn wir dir gewachsen sind.
Zur Mittagspause rutschten wir rüber zum Balmenhorn, das auf dem Weg zur Vincentpyramide liegt. Das Balmenhorn liegt zwar über 4000m, es gibt eine tolle und sehr große Jesusstatue auf dem Gipfel sowie eine Biwakschachtel, doch sie gilt wegen der geringen Schartenhöhe von nur wenigen Metern nicht als eigenständiger 4000er. So sind die Regeln. Aber die können mir gestohlen bleiben. Die mitgebrachte Verpflegung und die kurze Pause taten gut.
Frisch gestärkt machten wir uns auf in die Senke zum Fuß der Vincentpyramide. Ein bisweilen böiger Wind kam auf und blies uns Schneekristalle ins Gesicht. Es galt, nochmal kurz auf die Zähne zu beißen und die 200m zum Gipfel einfach auszuhalten. Oben angekommen, war es dann auch schon wieder gut. Wir genossen die Aussicht auf dem letzten Gipfel des Tages und dann machten wir uns an die Abfahrt. Wirklich steil ging es von dort nicht hinab. Es gibt aber keine Pistenraupen, die alles schön homogen glatt ziehen. Ein ziemliches Gerumpel über ständig wechselnde Schnee- und Eisbeschaffenheiten ist auf diesen Abfahrten die Regel. Leute, die gut Skifahren können, bleiben nahe an der Falllinie. Das ist kraftschonend, aber auch sehr schnell. Menschen wie ich rutschen mehr quer ab, ziehen große Bögen und müssen alle paar Meter stehen bleiben und verschnaufen. Es wird bei jeder Tour etwas besser. Die Tagesform und die mentale Verfassenheit spielen bei mir allerdings ebenfalls eine große Rolle. Sicherheit geht immer vor. Ein Sturz ist das Allerletzte, was auf diesen Touren passieren darf. Die gute Nachricht: Beide Sorten kommen irgendwann an der Hütte an. Das Bier schmeckt doppelt gut.
Ein wahnsinnig schöner Tag geht zu Ende und ich bin stolz, dass wir auch diese Herausforderung ohne fremde Hilfe gemeistert haben.
Wir sind aber noch nicht am Ende. Schon abends beschäftigt mich der Gedanke, wie ich diese Scheiß Querung zur Bergstation Indren bewältigen soll. Doch dafür gibt es eine Lösung. Wir ratterten auf dem steinhart gefrorenen Firn mit vielen Pausen erstmal runter bis zum dem Punkt, an dem die Querung beginnt. Fertig mit den Nerven. Von dieser Seite aus ist Abfahren nicht möglich. Es muss im Wesentlichen aufgestiegen werden. Das macht die Sache schonmal sehr viel langsamer und für mich beherrschbarer. Und weil alles bockhart gefroren ist, tüddelten wir noch die Harscheisen in die Bindung. Zack. Fest. Jetzt galt es nur noch, in steilen Flanken die Nerven zu behalten. Eine Spur ist vorhanden. Die Ski krallen sich fest ins Eis. Die Idee, von der Bergstation aus noch die Punta Giordani zu besteigen, ließen wir fallen. Nochmal 800m rauf. Da hatten wir keine Lust mehr zu. Indes sind hunderte Tourengeher aus der Bahn gefallen. Es ist Samstag. Wir bewegen uns gegen den Strom und sind alleine in der Gondel nach unten. An der Umsteige am Passo dei Salati gibt es einen Zwangsaufenthalt von über einer Stunde. Die riesige Gondel fährt im Stundentakt. In der Bergstation gibt es eine kleine Bar. Man hat das Skigebiet fürs Wochenende geöffnet, weil auf dieser Höhe noch genug Schnee für die eine oder andere Piste liegt. Es ist viel Betrieb. Eine total nette Frau von der Security sprach uns an, wir müssten nicht im Vorraum der Gondel warten, es dauere noch, bis die fährt. Und so machten wir es uns mit Kaffee und Muffins in der Bar bequem, schauten dem Treiben zu und -das Allerbeste- der Barmann ließ Aufzeichnungen von B.B. Kings Live-Konzerten im Fernsehen laufen. Ich war völlig von den Socken ob dieser Musik, die mich im Innersten berührte. Von dieser Tour haben wir den Blues mitgebracht.