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Nadelhorn, 4327m

Eine einsame Tour

Die letzte Hochtour 2015 führte uns im September wieder nach Saas-Fee im Wallis. Das Nadelhorn soll es sein. Die Wetterprognose ist eher mittelprächtig, aber nicht schlecht genug, um daheim zu bleiben. Wie üblich, Parkhaus Saas-Fee, umziehen, fertig packen und los. Mit der Seilbahn Hannig kürzen wir den Weg zur Mischabelhütte etwas ab. Am Ticketschalter werden wir ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Bahnbetrieb täglich pünktlich um 16:30Uhr eingestellt wird. Kein Problem, schaffen wir locker am nächsten Tag. Denken wir. Der Weg von der Bergstation quert zunächst einen Hang in mehreren Wellen über zwei Gletscherabflüsse bevor der eigentliche Anstieg beginnt. Es geht sogar von der Bahn weg erstmal abwärts. Die Mischabelhütte thront auf 3340m im Grat, der zum Schwarzhorn führt. D.h. es sind etwa 1000 Höhenmeter, die vor uns liegen. Etwa die Hälfte davon ist Kletterei den Grat rauf, auf dem die Hütte steht. Der Steig ist größtenteils klettersteigähnlich ausgebaut. Ganz nett eigentlich. Ankunft auf der Hütte. Es sind nur wenige Menschen da. Abends kommen wir mit einem Bergführer und seinem Gast ins Gespräch. Ansonsten ist nur noch eine kleine Seilschaft mit 4 oder 5 Leuten aus Spanien anwesend. Das Ziel für alle am nächsten Morgen soll der Nadelhorngipfel sein.
Der Bergführer und sein Gast haben in den Tagen davor bereits einige Touren gemacht und sind bestens akklimatisiert. Wir zu dem Zeitpunkt nicht so richtig, doch die letzten Touren haben gezeigt, dass wir da nicht so empfindlich sind. Allerdings steckte uns noch der Abbruch am Lagginhorn ein paar Wochen zuvor im Kopf. Start am nächsten Morgen ist -wie gewohnt- im Dunkeln. Es hat in der Nacht etwas geschneit. Der Bergführer und sein Gast sprinten davon. Die Spanier lassen sich mehr Zeit und folgen uns mit großem Abstand. Zunächst geht es den Grat weiter nach oben. Die Kunst besteht darin, den richtigen Punkt für den Übergang auf den Hohbalmgletscher zu finden. Diesen querten wir in beginnender Morgendämmerung in einem weiten Rechtsbogen auf das Windjoch zu. Dieser Wegpunkt war jedoch noch nicht zu erkennen. Nur die Lichtkegel der beiden vor uns hüpften durch die schwarze Nacht. Immerhin. Die Richtung ist damit zumindest einigermaßen klar. Der Anstieg zum Windjoch hoch ist relativ steil. Serpentinen zu gehen ist ratsam. Am Ende ist eine kleine Wächte zu übersteigen, um vom Anstieg zum Joch auf den Nordost-Grat zu gelangen, dem Normalweg. Der Wind ist entgegen vielen anderen Beschreibungen nicht so stark ausgeprägt. Der beginnende Tag im blau-rötlichen Licht zusammen mit den wild zerissenen Wolken verbreitet eine leicht gruselige Stimmung. Die Sicht wird schlechter. Die Wolken verdichten sich. Die Spanier sind weit hinter uns. Die gute Nachricht: Vor uns ist die Spur des Bergführers halbwegs gut zu erkennen, da alle anderen Spuren von den Vortagen zugeschneit sind. Nur die frische zieht sich den Grat hinauf und verschwindet im Nebel. Ihr folgen wir. Solange sie eindeutig zu erkennen ist, sind wir save. Um uns herum nur Stille. Der Nebel verschluckt alle Geräusche. Weder vor uns noch hinter uns ist irgendetwas von den anderen Seilschaften zu sehen. Einsamkeit. Es geht weiter bergauf. Kurze Kletterpassagen kommen vorbei. In einer dieser Passagen treffen wir den Bergführer mit seinem Gast wieder. Sie seien auf dem Gipfel gewesen und steigen nun ab. Ihnen ist niemand begegnet. Von den Spaniern haben wir in einem kurzen aufhellenden Moment gesehen, dass sie am Windjoch das Ziel änderten und zum niedrigeren und leicht zu erreichenden Ullrichshorn abgebogen sind. Da wir sie danach nicht mehr gesehen haben, gehen wir davon aus, sie sind danach abgestiegen.
Wir reflektieren kurz, ob wir uns sicher sind, was wir hier tun und ob wir das, was wir tun, beherrschen. Diese Frage wird noch ein paar Mal gestellt. Die Antwortet lautete immer "Ja". Also weiter. Wir sind uns sicher, inzwischen völlig alleine am Berg unterwegs zu sein. Zum Gipfel hin zieht der Grat nochmal deutlich an. Wird steiler. Die Felsen sind mit Schnee und Reif bedeckt. Kurz vor 10 Uhr erreichen wir das Gipfelkreuz auf 4327m. Gut 5h brauchten wir für die etwa 1000 Höhenmeter. Ist ein bisschen lange. Aber unser bis dahin höchster Berg ist erklommen. Ohne fremde Hilfe. Es ist extrem ungemütlich, weswegen wir uns nicht lange aufhalten. Zu sehen gibt es eh nichts. Der Abstieg muss auch durch diese Suppe erfolgen. Für mich nicht so einfach. Mein Gleichgewichtssinn ist durch eine späte Windpockeninfektion kaputt, was das Leben im White-out nicht leichter macht. Ich musste manche Passage auf allen Vieren rückwärts abklettern. Ein ziemlicher Scheiß. Bei guter Sicht würde ich einfach geradeaus runterlaufen. Die Folge: Wir sind bis zur Hütte nochmal 4h unterwegs. 14 Uhr. Der Typ vom Kartenschalter fällt mir wieder ein. Mist. Für den Weg durch den eingeschneiten Klettersteig und die Querung zur Bergstation, rund 1000 Höhenmeter, bleiben nur noch 2,5h. Eine schnelle Abmeldung beim Hüttenpersonal per Telefon, damit uns niemand vermisst und ab auf die Socken nach unten. Das erste Stück auf dem Grat mit Steigeisen, bis die Schneeauflage dünn wird. Unterwegs geht uns der Strom aus. Wir müssen Essen und trinken. Es wird wärmer, je weiter wir runter kommen. Die Steigeisen kommen runter, mit Um- und Ausziehen verplempern wir keine Zeit. Die Uhr tickt. Ich habe nach diesem Tag überhaupt keine Lust dazu, auch nur einen Meter zuviel absteigen zu müssen. Kletterei zu Ende. Wanderweg. Wir versuchen, das Tempo hoch zu halten. Man kann die Bergstation schon sehen. Doch es müssen noch zwei Gletscherabflüsse überwunden werden. Ticktack, ticktack...
Der Gegenanstieg zu Bergstation beginnt. Ich laufe den Weg hoch. Schön in Gore-Tex eingepackt. Lecker. Punkt 16:30Uhr springe ich über den Zaun vor der Bergstation der Hannig-Bahn, laufe zur Schiebetür. Sie öffnet sich noch. Chaka. Ich erkenne, dass der Mitarbeiter der Seilbahn damit beschäfigt ist, die Gondeln auszuhängen und für die Nacht zu parken. Nach Luft ringend frage ich bei ihm nach, ob wir noch ne Gondel nach unten nehmen können. "Bischt allan?" fragt er. Ich: "Nein, meine Frau kommt in den nächsten Minuten auch noch. Ansonsten ist niemand mehr da". "Dann wartscht 5 Minuten". Gespräch beendet.
Meine Frau schlägt in der Zwischenzeit ebenfalls auf. Statt einer letzten Gondel für sich, lässt der nette Herr eine zweite im Seil und gibt uns ein Zeichen, dass wir einsteigen sollen. Puuhh... Ich habe das Bedürfnis, mich zu bedanken und drücke ihm beim Einsteigen unsere letzten Franken in die Hand. Eigentlich ein Witz, denn er hat uns 2h Quälerei den Berg runter erspart. Danke.