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Olperer, 3476m, 22.09.2018

Überschreitung Nordgrat-Südgrat

Eines Winters sind wir am Hintertuxer Gletscher zum Skifahren gewesen. Die Zeit im Kasererlift nutzte ich, um in der Gegend herum zu schauen und dabei fiel mir auf, dass am Grat des Olperers zwei Menschen unterwegs gewesen sind. Wieder zu Hause recherchierte ich, wie man auf den Gipfel des Olperers gelangen kann. Vom Skigebiet aus blickt man direkt auf die Nordwand und die Grate rechts und links. Ist wohl eher nix für mich und meine Frau dachte ich. Zu schwer. Es gibt auch sonst keinen anderen Weg hinauf. Der einfachste Anstieg führt über den Riepengrat (Südgrat), doch auch der ist mit als stellenweise sehr ausgesetzter Kletterei beschrieben. Trotzdem steht dieser Berg seit Jahren auf meiner Wunschliste. Das Hindernis, es zu versuchen, war bis Mitte diesen Jahres die ausgesetzte Gratkletterei.
Nun haben wir in den letzten Monaten mehrerer solcher Klettereien ohne Probleme bewältigt und so lag der Schluss nahe, dass wir den Olperer auch schaffen können. Um es uns nicht zu einfach zu machen, wählten wir die Überschreitung als Ziel. Der Wetterbericht versprach wenig Gutes für den Gipfeltag: Niederschlag bis in den späten Vormittag, ab ca. 3000m Schnee, Sturmböen eines Zwischentiefs aus West/Nordwest. Damit verbunden ist in der Regel eine miserable Sicht. Wir stiegen auf die Hütte auf. Das ganze Jahr hindurch sind die Wetterverhältnisse vor Ort deutlich besser gewesen als vorher prognostiziert. Wir würden dann schon sehen. Die Olpererhütte ist eine richtige Wandererunterkunft. Es kreuzen mehrere Rund- und Fernwanderwege an dieser Stelle. Bergsteiger habe ich keine auf der Hütte gesehen. Die Frauenquote ist sehr klein gewesen. Gut für mich. Kein Streß im Sanitärbereich. Und wir hatten ein Viererzimmer für uns alleine.
Frühstück sollte es ab 6:30 Uhr geben. Es stehen keine wirklich hohen Berge herum. Niemand hat es eilig mit Aufstehen. Auch nicht die Hüttenwirtin. Um 6:30 Uhr am nächsten Morgen war alles dunkel im Speiseraum. Zum Frühstück behalfen wir uns mit dem, was rum stand. Immerhin standen Kaffee und heißes Wasser bereit. Das Wetter ist bei Weitem nicht so schlecht geworden, wie vorhergesagt. Ein paar Tropfen Regen sind gefallen. Wind ging kaum. Außer uns brach niemand sonst auf. Früher hätte es uns beunruhigt, als einzige Seilschaft unterwegs zu sein. Inzwischen sind wir da etwas abgebrühter. Der Weg in Richtung Riepengrat ist gut ausgetreten und markiert. Nach knapp einer Stunde kommt der Abzweig vorbei, an dem wir uns zum Riepensattel hin orientierten. Um zum Beginn des Nordgrates an der Wildlahnerscharte zu gelangen, steigt man üblicherweise erst die Skipiste auf Eis zum Riepensattel hoch, schwenkt dann nach links und geht an der Skipiste unter der Olperer-Nordwand entlang zum Sattel am Ende des Liftes. Die Orientierung ist nicht schwierig, zumal es dann auch aufgerissen ist und sich die ersten Sonnenstrahlen zeigten. Von Wind keine Spur mehr. Seltsam ist es schon, mitten im Skibetrieb am Pistenrand aufzusteigen. Ist nicht ganz klar, wer hier das Alien ist. Nach etwa 3h erreichten wir die Wildlahnerscharte und konnten einen ersten Blick auf das uns bevorstehende steile Eis werfen. Ups. Ganz schön krass. An der Scharte stiegen wir dann auch aus dem Windschatten heraus und zogen erstmal an, was der Rucksack so her gab. Nun galt es, ca. 60-80 Höhenmeter auf steilem Eis und später Firn zurück zu legen und im oberen Teil irgendwo eine geeignete Stelle für den Übertritt vom Eis in den Fels zu finden. Eine schwach erkennbare Spur erleichterte uns die Wahl. Trotzdem ist im Randbereich wegen der Spalten Vorsicht geboten. Wir entschieden uns, seilfrei zu gehen, denn die Mitreissgefahr ist in unseren Augen die größte Gefahr gewesen. Alternativ hätten wir mit Eisschrauben hochsichern können. So heikel erschien es uns dann aber doch nicht. Im Fels angekommen, kamen die Steigeisen runter. Es war größtenteils trocken und schneefrei. Der weitere Weg ist nicht zu verfehlen, denn der Grat ist nur wenige Meter breit und an den ganz plattigen Stellen mit Entenfüßen (Stahlbügel) ausgestattet. Sie eignen sich für Zwischensicherungen. An den etwas schwierigeren Stellen war auch der eine oder andere Bohrhaken vorhanden. Einige Passagen kletterten wir am laufenden Seil. An besonders ausgesetzten Stellen sicherten wir per HMS. Die Mitnahme einiger Camelots hat sich als sinnvoll und hilfreich erwiesen. Es kommen immer wieder geeignete Felsspalten vorbei und das Gehirn ist entspannter, wenn die letzte Sicherung keine 30 Meter hinter einem liegt.
Obwohl man beim Einstieg in den Grat bereits das Gipfelkreuz kurz sehen kann, haben wir noch gut 2h bis dorthin benötigt. Die Sicherei hält schon ein wenig auf. Dann der Gipfel. Der Wind hatte wieder bis fast auf Null nachgelassen. Die Sonne schien. In den Tälern hing der Nebel. Ein Traum. Und sonst niemand am Gipfel. Nur eine 4er-Seilschaft mit Bergführer ist uns im Nordgrat bis dahin begegnet. Kurz nachdem wir uns an den Abstieg den Südgrat (Riepengrat) hinunter machten, kamen uns zwei Leute ohne jegliches Sicherungsmaterial und ohne Klettergurt entgegen. Fand ich seltsam. Der Riepengrat ist zwar etwas leichter als der Nordgrat, doch es ist immer noch ausgesetzte Kletterei, die meiner Meinung nach ein entsprechendes Verhalten als sinnvoll erscheinen lässt. Aber gut. Kann ja jeder machen, wie er will und vielleicht sind wir auch zu vorsichtig bei dem, was wir tun. Die einheimischen Bergfexe springen den Grat wahrscheinlich in Turnschuhen hoch. Nur waren das keine Einheimischen. Der erste der beiden klärte mich auf, dass weiter unten ein weiterer aus ihrer Gruppe steht und wartet, weil er sich nicht mehr weiter getraut hat. Ist ja erstmal nicht schlimm, dachte ich. Besser als dem Gruppenzwang zu unterliegen. Wenig später kamen wir bei besagtem Kollegen an und er offenbarte, dass er im Grunde weder vor und schon gar nicht mehr zurück kann. Er stand am oberen Ende einer stahlseilversicherten Passage und hat beim Aussteigen oben germerkt, dass er sich zuviel zugemutet hat. Der nächste Satz, den er loslies, machte die Sache spannend. Denn bis dahin dachte ich, ist kein Problem. Wir haben 60m Seil dabei. Wir sichern ihn runter. Nein. Sein Klettergurt und sein Klettersteigset lägen unten im Auto. Arrrrgghhhh.....
Kurze Rücksprache bezüglich der Lösungsmöglichkeiten mit meiner Frau: Der Bursche bekommt meinen Klettergurt, meine Frau richtet derweil einen Standplatz ein, um ihn herunter zu sichern. Ich stand gut und bin ohne Sicherung entspannt ausgekommen. Ich half etwas bei der Seilführung. Ansonsten wartete ich einfach bis mein Gurt wieder hochgezogen war. Indes schlossen seine zwei Kameraden auf, die vom Gipfel runter kamen. Prompt fragt einer der beiden, ob wir ihn auch runtersichern können. Er hat nämlich auch nix dabei. Priml, dachte ich. Wie kommen Menschen auf die Idee, so einen Grat zu klettern und nicht mal einen Gurt mitzunehmen. Also gut. Ich half ihm in meinen Klettergurt, damit er beim Anziehen nicht runterfällt. Der überaus schnelle Abstieg durch die Nordwand war nur wenige Zentimeter entfernt. Anschließend tat er es seinem Kumpel gleich, gesichert durch meine Frau. Der Dritte im Bunde stieg zwischendurch so ab, wie er hochgekommen ist. Die Aktion hat mit psychologischer Betreuung am Ende fast eine Stunde gedauert. Bisschen blöd fand ich, dass die Jungs, unten angekommen, einfach das Weite suchten. Aber so sans die Burschen.
Es folgte noch eine ziemlich nervige und nicht enden wollende Wegstrecke durch und über Blockgelände bis wir den Wanderweg erreichten, auf dem wir morgens hochgekommen sind. Zurück an der Hütte, warfen wir eine kleine Stärkung und ein Radler rein. Die Runde ab der Hütte hat mit allen Pausen und der spontanen Hilfe, die einen Hubschraubereinsatz verhinderte, etwas mehr als 9 Stunden gedauert. Die Jungs von gerade eben saßen ebenfalls noch dort. Auf die Idee zu kommen, sich irgendwie erkenntlich zu zeigen: Fehlanzeige.
Ich wünsche ihnen bei ihrer nächsten Tour genauso viel Glück.
Nach der Stärkung stiegen wir weiter ab bis zum Auto. Eine weitere Nacht auf der Hütte, die sich inzwischen bis auf den letzten Platz mit Wanderern gefüllt hatte, kam nicht in Frage.
Das Schlimmste: Der Hilfseinsatz hat dazu geführt, dass wir in unserem Stammgasthaus zu Hause nicht mehr das obligatorische Cordon Bleu mit Pommes bekommen konnten.