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Ortler, 3905m, 13.08.2018

Anspruchsvoller Berg hoch über Sulden

Dieser Berg war schon lange auf der Wunschliste. Noch von der vorherigen Tour aufs Lagginhorn aus buchten wir einen Platz auf der Payerhütte und machten uns am Sonntag, den 12.08.2018, auf den Weg nach Sulden. Sehr gemischte Gefühle kamen bei diesem Berg immer in mir auf. Ich kann nicht sagen, warum. Die verfügbaren Beschreibungen des Normalweges sprachen von Schwierigkeiten, die wir beherrschen.
Wir schummelten etwas und nahmen die Langensteinbahn, von deren Bergstation aus wir etwas mehr als 1h bis zur Tabarettahütte brauchten. Kurze Pause. Und dann weiter in Richtung Payerhütte. Der Weg führt zu großen Teilen durch steile Schutthänge. Es schadet nicht, seine Sinne zusammen zu halten. Nach rund eineinhalb Stunden erreichten wir die Payerhütte, von der aus man bereits einen Teil des Weges und den Gipfel sehen kann. Ziemlich ausgesetzt und steil sagte Quatschi in meinem Kopf.
Hinsichtlich Transidentität ist die Hütte nahezu ein Glücksgriff: Es gibt nur zwei Toiletten für alle und die Waschbecken hängen im Gang zwischen den Zimmern. Den Blicken ist man natürlich trotzdem ausgesetzt. Doch es ging einigermaßen.
Die Hüttenwirtin ist etwas schräg, aber unglaublich liebevoll. Das Essen ist für die Höhe und ohne Materialseilbahn sensationell (Wir sind kurz vorher in vergleichbaren Hütten in Frankreich gewesen: Eine Katastrophe). Schon am Abend war meiner Frau und mir klar: Wir sind die einzige Seilschaft ohne Bergführer.
Gestartet wurde, wie üblich, morgens im Dunkeln mit der Querung auf der Westseite der Tabarettaspitze. Gefolgt von einem "Gendarm", der überklettert wird. Nach ca. 45Min standen wir am Fuß des Wandls im Stau. Die Bergführer sicherten ihre Gäste die 60-70m hohe Wand. Oben passiert man ein Holzkreuz und steuert auf die klettertechnisch schwierigste Stelle zu. Für jemanden, der alpin im Fels bis in den 5. Grad nach UIAA klettern kann, keine ernsthafte Herausforderung. Man bedenke allerdings, dass Sichern nur begrenzt möglich ist. Früher hat man kurz nach dieser Kletterstelle die Steigeisen auf einem Plateau für die folgende Querung zum Bärenloch angezogen. Als wir dort ankamen, trafen wir weder Eis noch Schnee an. Die Querung führt durch losen, steilen Schutt mit etwas Kletterei und steinschlaggefärlichen Rinnen bis zum Eiskontakt im Bärenloch. Die Steigeisen sind erst dort an die Schuhe gekommen. Auf Blankeis ging es den Hang nach oben, bis unter das Lombardi-Biwak. Am Felsriegel rechts vorbei standen wir wieder in der Schlange. Die Bergführer sicherten ihre Gäste die relativ steile Eisflanke hoch. Menschen, die noch nie Steigeisen an den Füßen hatten, sind eigentlich mit so etwas völlig überfordert.
Das Problem an dieser Stelle ist in meiner Wahrnehmung weniger die technische Schwierigkeit als die Tatsache, dass Fehler schnell zu einem ernsthaften Absturz führen können. Bärenloch geschafft. Weiter geht es in Richtung Gletscheraufschwung mit Aluleiter am Ende über eine halbwegs große Spalte mitten im steilen Hang. Fühlt sich ein wenig, wie Khumbu-Eisbruch an. Der folgende Gletscher zum Gipfel weist einige große Spalten auf, die an diesem Montag gut umgangen werden konnten. Vorsicht ist immer geboten und der Weg zieht sich noch eine Weile bis zum Gipfel. Er weißt allerdings keine besonderen Schwierigkeiten mehr auf. Nach rund 4,5h stehen wir auf dem Gipfel des Ortler.
Der Rückweg führt über die gleiche Spur. Es geht im Prinzip relativ zügig voran. Ins Stocken kommen wir erst wieder an der Abseilstelle, mit der das steile Eis im Bärenloch umgangen werden kann. Ein italienischer Bergführer mit drei Gästen vor uns braucht eine gefühlte Stunde, um seine völlig bergunerfahrenen Gäste die 20-25m auf da Eis abzuseilen. Die Art und Weise, wie sich die Gäste bei der Aktion verhielten, ließ mich darauf schließen, dass sie das erste Mal in ihrem Leben abseilten. In der Zwischenzeit wechselte so langsam das Wetter. Es wurde windig und kalt. Regen kündigte sich an. Als wir an der Reihe waren, seilten wir in wenigen Minuten ab und setzten unseren Weg in Richtung Fuß des Bärenlochs fort. Dort angekommen, kamen die Steigeisen runter und das Seil weg. Das brauchten wir erst wieder an der Kletterschlüsselstelle, an der mich meine Frau hinunter sicherte und dann selbst abseilte. In der Querung zwischen Bärenloch und Kletterei ist  permanent Schutt abgerutscht und es galt, die Pausen ohne Steinschlag zu erwischen. Ein unangenehmes Gefühl. Der Rest ging dann seilfrei. Im Wandl hängt die Kette, an der wir uns, wie morgens, per Bandschlinge mit Karabiner gegen den Bodensturz sicherten. Besonders schwierig ist es weder im Aufstieg noch im Abstieg gewesen. Doch es galt weiterhin, seine Sinne zusammen zu halten. Auch der Restweg zurück zu Hütte ist eigentlich immer mehr oder weniger ausgesetzt. In der Nacht ist das gar nicht so aufgefallen. Nach ebenfalls rund 4,5h sind wir wieder zurück an der Payerhütte gewesen.
Ich persönlich schätze die Schwierigkeit unter diesen Bedingungen ohne Führung mit mind. ZS-, III nach UIAA ein.
Von der Hütte weg bis zur Bergstation der Langensteinbahn sind wir nochmal etwa 2h unterwegs gewesen. Der Himmel öffnete zwischendurch seine Pforten. Doch das war zu diesem Zeitpunkt kein Thema mehr.
Insgesamt eine unserer anspruchsvollsten Touren bisher. Viele Bilder gibt es nicht. Festhalten war angesagt.