MTB Kurs bei der Mountainbike Schule Allgäu, 30.05.2020

Hohe Stufen, steiles Gelände, gar springen mit dem Rad. Völlig absurd diese Gedanken.
Das Training findet so gut wie immer, insbesondere im Winter, auf befestigten Straßen und Wegen statt. Prio 1 hat der Formerhalt respektive der Ausbau unserer allgemeinen Ausdauer. Unter diesen Annahmen kam uns irgendwann sogar die Idee, ob denn nicht ein Rennrad rein für die Straße eine sinnvolle Ergänzung wäre. Immerhin könnten wir damit noch schneller noch weiter fahren. Andererseits haben enge Waldwege, kleine Stufen oder Unebenheiten schon auch ihren Reiz. Sprich, das Fahren durchs Gelände. Es gibt im Grunde jedoch nur auf einer unserer Standardstrecken etwas anspruchsvollere, wenngleich sehr kurze, Abfahrten, die uns am Anfang alle Nerven kosten. An den Wochenenden machen wir immer wieder mal längere Ausfahrten, suchen schöne Rundtouren raus oder tuckern unsere Hausmuggel hoch. Solange keine Hindernisse im Weg liegen, ist immer alles schick. Doch sobald mal eine Stufe auftaucht, eine wurzelige Abfahrt oder dergleichen mehr, klicken wir aus und schieben nicht selten. Ist irgendwie nicht so prall. Was tun, wenn ein Mangel erkannt ist und abgestellt werden möchte? Wir taten das beim Bergsteigen und Skifahren auch. Ein Kurs mit adäquatem Inhalt könnte Abhilfe schaffen. You-Tube-Videos helfen ja schon ein wenig, doch aktives Tun unter Anleitung ist durch nichts zu ersetzen.



Pfingstsamstag 2020 ist es dann soweit. In der Woche davor beschließen wir, nachdem wir erneut auf einer Tour vor einer winzigen Treppe abstiegen, dass das so nicht weitergeht. Wir suchen einen Mountainbike-Kurs in unserer Umgebung. Fündig werden wir bei mehreren Anbietern im Allgäu. Wie gesagt, bei uns im nördlichen Ostallgäu ist es ziemlich dunkel, wenn es ums Cross Country/Trail fahren geht. Eine Schule hat sogar so kurzfristig noch zwei Plätze frei. Wir greifen zu. Und wir werden nicht enttäuscht. Treffen ist morgens um 10 Uhr in Kempten. 7 Teilnehmer_innen, eine -ich nenne es mal so- Trainingsassistentin und Peter, der Trainer von der Mountainbike Schule Allgäu. Es folgt eine kurze Einweisung. Peter lernt Milla kennen und ich habe das Gefühl, er ist cool. Das freut mich. Eine gute Ausgangsposition. Wir sprechen über "Was sollte auf einer MTB Tour an Werk- und Flickzeug an Board sein", "Wieviel Druck braucht ein Reifen, insbesondere bei Schlauchlosrädern" und so weiter. Beim Rundblick durch die anderen Teilnehmer_innen beschleicht mich so ein Gefühl, wie ich es schonmal bei unserem Skitourenschnupperkurs und unserem Tiefschneekurs erfuhr. Wenn die alle so gut fahren, wie sie ausgerüstet sind, könnte die rote Laterne wieder leicht bei mir landen. Bei mir und meiner Angst um meine Knochen. Etwas Anspannung macht sich breit. Wir radeln los. Prinzipiell verlief der Kurs so, dass Peter mehrere unterschiedliche Spots ansteuerte, an denen bestimmte Manöver geübt werden konnten. Es begann mit einer kleinen, relativ flachen Abfahrt mit dem Thema Bremsen, gefolgt von einer kurzen, etwas steileren Abfahrt in wurzeligem Gelände. Hier waren die richtige Bremstechnik, das halten einer hinreichend großen Geschwindigkeit, etwas Kurvenbeherrschung sowie das Ein- und Überfahren einer ersten steileren Kante im Fokus. Weil ich meine Vorderbremse so gerne ziehe, hat es mich gleich auf einer der ersten Übungen mit Kurve über Wurzeln fast vorne übergehauen. Peter fing mich mehr oder weniger auf und die Vorderbremse wurde eine meiner zentralen Gesprächspunkte am gesamten Tag. So ziemlich alle Fehlversuche in den Übungen hingen damit zusammen, dass mein Kopf ständig "bremsen" rief. Aber Peter hat eine Engelsgeduld. Auch mit allen anderen. Wir blieben solange an den Spots bis alle wenigstens einmal die Aufgabe ohne Bodenkontakt oder Sturz gemeistert hatten.


Es folgen weitere Herausforderungen. Übrigens zu meinem Thema Angst: Ich gewöhnte mir an, alle Übungen als Erste zu fahren, sobald der Erklär- und Vorfahrteil durch Peter beendet war. Nicht nachdenken. Machen. Auch wenn es bei so mancher Übung schwer fiel. So kam als nächstes eine kleine Treppe auf eine Holzbrücke runter vorbei. Soweit so gut. Blöd nur, dass die erste Stufe gefühlt einen halben Meter hoch war. Peter kündigte an, dass alle Übungen freiwillig gefahren werden. Mmmhhh.... Merkwürdiger Einwand, dachte ich. Ob das wohl gefährlich ist. Egal. Er erklärt und zeigt, wie es geht. Ich stelle fest, die Stufe ist gar nicht so hoch, denn ich nahm zuerst an, frau müsse irgendwie springen, um runterzukommen, weil die 29" Räder eigentlich zu klein sein dürften, um einfach runter zu rollen. Weit gefehlt. Das einzige Problem am Runterfahren ist mein Kopf. Die Ansage lautet, fahre mit etwas Geschwindigkeit an einer günstigen Stelle über die Kante, strecke die Arme beim Überfahren, sodass das Rad einfach dem Bodenniveau folgt und du mit deinem Schwerpunkt überm Tretlager bleibst, bremse nicht zu viel, wenn, dann bestenfalls dosiert hinten und lasse ansonsten rollen. Wie gesagt, ich bin die Erste, die es versucht und knutsche dabei erstmal das Brückengeländer. Fail. Vorderbremse beim Auftreffen gezogen. Nochmal. Es geht schon besser, ich komme runter. Nochmal. Ich entspanne mich. Nochmal. Es beginnt, lässig auszusehen. Nochmal. Es hebt mich gar nicht mehr an. Ich fahre einfach runter. Ein erstes Mal. Mit dem Rad eine hohe Treppe runtergefahren.


Es geht weiter mit einer Übung, bei der wir immer zu zweit gegenläufig zwischen engstehenden Bäumen über wurzeligen Untergrund Kurven fahren sollten. Hört sich nicht so kompliziert an, aber es hat fast alle dabei wenigstens einmal vom Rad gehoben. Auch hier wieder das Thema richtig dosiert bremsen + ausreichende Geschwindigkeit + enge Kurvenfahrten + auf den Partner/die Partnerin achten. Schwierig. Nun schließt sich mein persönliches Highlight an. Um die Ecke unserer kleinen Baumgruppe wartet eine kleine Sprungschanze. Die ist auf einem abschüssigen Stück geraden Weges installiert. Peter kündigt wieder an, es ist freiwillig. Wer nicht drüber springen will, muss es nicht tun. Er zeigt, wie es geht und ist noch nicht richtig gelandet, da stapfe ich zu meinem Rad und versuche es, ihm gleich zu tun. Die Schanze ist wirklich klein. Die Kante ist niedriger als die Treppenstufe von vorhin. Was soll also passieren? Passiert ist nix, aber ich bin auch nicht gesprungen. Was tat ich, als das Vorderrad auf die Rampe kommt? Ich bremse. Fail. Mein Radl überrollt die Schanze einfach. Es braucht mehrere Anläufe, bis ich mein Gehirn soweit habe, die Finger ganz von allen Bremshebeln zu lassen und beim Auffahren auf die Rampe einfach das Rad unter mir mit etwas Wucht aus den gebeugten Armen nach vorne zu schieben. Ich hebe ab und lande ganz entspannt auf beiden Reifen gleichzeitig. Geil. Sorry für das Wort, doch es war einfach ein geiles Gefühl. Schon wieder ein erstes Mal. Ich freue mich, wie ein Schnitzel, dass ich das geschafft habe. Bei meiner Frau ist es genau anders herum. Ihr erster Versuch klappt gleich. Auch sie hat das Grinsen bis hinter die Ohren im Gesicht. Bei einem der nächsten Versuche haut sie sich jedoch ein Pedal gegen ihr Schienbein. Warum? Weil sie und ich uns nicht trauen, eingeklickt solche Passagen zu fahren. Später lerne ich, dass ich mir darum gar nicht so viele Gedanken machen muss.
Es folgt noch das Durchfahren von kleinen Senken bevor wir uns eine kleine Mittagspause gönnen. Lecker Kuchen und Cappucino.



Der Nachmittag. Es gibt noch ein paar offene Punkte. Wir steuern den nächsten Spot an. Wir lernen, wie halbwegs steile Abbrüche gemeistert werden können. An einem kleinen Absatz stehen mehrere Varianten zur Verfügung. Es beginnt mit "einfach geradeaus runterfahren" und steigert sich bis hin zu "Einfahrt durch eine Kurve, achte auf die Bäume, damit du mit dem Lenker nicht hängen bleibst, fahre schnell genug, damit du die Wurzel an der Einfahrt überrollen kannst und triff die schmale steile Rinne in der Mitte. Pass aber auf, dass du exakt an der Straße zum Stehen kommst". Das fand ich wiederum nach den bereits gefahrenen Herausforderungen weniger spektakulär. Trotzdem musste ich mich auf der ersten Fahrt überwinden, das Rad unter mir beim Überfahren der Kante nach unten zu schieben und die Finger von der Vorderbremse zu lassen. War schon steil. Und so mancher Teilnehmer, so manche Teilnehmerin braucht mehrere Anläufe, um ohne Komplikationen das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Wir tuckern weiter zum letzten Spot. Es geht über ein paar Kilometer in ein Waldstück, das bereits von einigen Abfahrtsfurchen durchzogen ist. Längere, steile und wurzelige Passagen inklusive enger Kurven sind zu bewältigen. Auf der ersten Abfahrt folgen wir alle unserem Trainer auf dessen Spur. Anschließend schieben wir wieder hoch und die Ansage lautet: "Findet euren eigenen Weg". Das tue ich dann auch, suche mir die engsten Kurven und größten Wurzeln aus. Ich fühle mich sicher auf dem Radl. Wir machen das ganze nochmal. Ich finde einen noch steileren, noch wurzeligeren und schrägen Hang. Das letzte Stück rutsche ich quer auf dem Hinterrad ab. Das Vorderrad rollt dabei schön weiter über alles drüber und das Rad bleibt beherrschbar. Sehr fein.



Den Abschluss des Tages bildet ein etwas längerer Trail, auf dem nochmal Konzentration gefordert ist. An die wenige Luft in meinen Reifen hatte ich mich über den Tag gewöhnt, dachte ich. Trotzdem fühlt sich mein Hinterrad irgendwie platt an. Ich schaue, kann aber überm Fahren nicht erkennen, dass was nicht stimmt. Ich hake es ab und radele direkt hinter Peter in den Hang hinein. Alle anderen folgen mit jeweils etwas Abstand. Die Angst, eingeklickt durch den Wald zu fallen, veranlasst mich schon wieder dazu, die Füße auf der glatten Seite stehen zu lassen. Die Quittung gibt es gleich zweimal. Ich rutsche von den Pedalen beim Überfahren von Wurzeln. Ich fange mich, es passiert nix, aber gut ist anders. Alle kommen unbeschadet unten am Radweg an. Auf dem letzten Stück im Trail lagen große Backsteine mitten im Weg. Hat irgendein Bauer dort entsorgt. Mit denen haben alle nochmal Spaß bevor wir auf dem Radweg in Richtung Parkplatz zurück machen. Ich bespreche mit Peter, was mir im Wald passiert ist und er meint, ich solle auf jeden Fall eingeklickt fahren, wenn solche Pedale am Rad sind. Alles andere hat keinen Sinn. Und wenn ich mal abfliege, meint er, bin ich schneller aus den Klickies raus als ich schauen kann. Da bräuchte ich mir keine Sorgen zu machen. Ich werde das beherzigen.



Auf den letzten Metern quatsche ich noch ein wenig mit Daniela, Peters "Assistentin", über dies und das. Auf Kieswegen und Asphalt bemerke ich nicht, dass insbesondere mein Vorderrad dicke Backen macht. Nicht mal das Hinterrad, wie ich noch im Wald vermutete. Und dann passiert es. Den ganzen Tag überlebte ich ohne ernsthaften Sturz und holte mir nur kleine Kratzer. In der letzten Kurve, in der es breit und flach von Kies auf Asphalt geht, neige ich mein Rad unter mir in die Kurve und -zack- rutscht mein Vorderrad weg. Ich kann gar nicht so schnell reagieren als auch schon der Aufschlag folgt. Aua. Der Schreck ist erstmal größer als die Verletzungen. Sattelstütze und Lenker sind verdreht. Ich sammle mich, befreie mich von der Käfer-Rückenlage unterm Fahrrad heraus, richte den Sattel und schaue an mir runter, ob irgendwo rote Soße rausläuft. Hüfte und Rippen schmerzen ein wenig, das waren wohl die Landepunkte, doch ich kann alles bewegen. Und tropfen tut es auch nicht. Blöd gelaufen. Bei der Gelegenheit lerne ich, dass sich beim Fallen die eingeklickten Schuhe selbst befreiten. Die mögliche Ursache für den Sturz bemerke ich sofort, als ich wieder aufsteige und losrolle. Das Vorderrad läuft fast auf der Felge. Wahrscheinlich hat es den Mantel in der Kurve so auf die Seite geschoben, dass ich auf der Seitenwand ins Rutschen kam. Plus den Kies natürlich. Es sind nur noch wenige Meter bis zum Auto. Priml. Das musste jetzt noch sein. Peter und Daniela sind besorgt und vergewissern sich mehrfach, ob alles in Ordnung sei. Ich bejahe. Die wirklichen Schmerzen kommen später, wenn der Schock sich gelegt hat.
Ich bemühe mich, mir die Stimmung davon nicht verderben zu lassen. Alles in allem war es ein sehr erfolgreicher und lehrreicher Tag für mich. Es hat sich gelohnt, diesen Kurs gemacht zu haben. Peter bestätigt meinen persönlichen Eindruck, dass alle Teilnehmer_innen mit jeder Übung immer besser auf dem Rad saßen und ihre Fahrt immer mehr beherrschten. Ein ziemlich gutes Ergebnis.


Es folgt die Verabschiedung.

Ich versuche, ins Auto einzusteigen. Autsch. Aua. Schnaufen tut weh. Es hat auch ein wenig Tapete gekostet, stelle ich beim Schuhwechsel fest. Ausgerechnet außen am Fußgelenk. Die Rippenprellung wird mir ein paar Wochen erhalten bleiben. Meine Hüfte hat inzwischen nach ein paar Tagen alle Spektralfarben angenommen. Und die Macken in Fußnähe bescherten mir zusätzlichen Spaß bei den zwei Alpinklettertagen mit Alex und Manuel, die sich an den Kurs anschlossen.



Inzwischen wechselte ich meine Mäntel am Rad. Noch so ein Sturz wegen technischem K.O. brauche ich nicht. Nun beginnt die Suche zu Hause nach geeignetem Übungsgelände. Gar nicht so einfach in unserer Traildunkelzone. Üben ist nämlich wichtig. Sonst ist das Erlernte und Erfahrene gleich wieder weg. Und das wollen wir nicht. Mein Schatz.

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