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Rovinj, 27.11.-01.12.2018

Klettern am Fels im November geht

Urlaub in der letzten Novemberwoche zu haben, ist irgendwie merkwürdig. In den letzten Jahren sind wir jedoch Anfang November gerne nach Arco an den Gardasee zum Klettern gefahren. Wer die Massen der Kletter- und Radtouristen zwischen Ostern und dem Ende der Sommerferien rund um den Gardasee kennt, wird die Stille genießen, die sich im Winter dort ausgebreitet hat. So begann unser Bergjahr 2018 am 1. Januar ebenfalls am Gardasee. Für diese letzte Novemberwoche stellte sich erneut die Frage, Gardasee oder nicht Gardasee? Nein, entschieden wir. Die Routen, die wir dort klettern können, kennen wir zu genüge und es wäre schön, ganz in der Tradition diesen Jahres zu bleiben und was Neues zu unternehmen. 
Nördlich der Alpen begann es zu schneien pünktlich zum Urlaubsbeginn. Für die Ski genügte das jedoch noch lange nicht. Außerdem hatten wir beide Lust, nochmal zum Klettern an den Fels zu gehen. Das kommt die letzten Jahre etwas zu kurz bei den vielen Ski-, Skihoch-, und Hochtouren. Wo scheint die Sonne? Die zentrale Frage. Und welche Ziele kommen überhaupt in Frage? Wo sind wir noch nicht gewesen? Ligurien an der italienischen Riviera zum Beispiel. Fast 800km von uns aus entfernt. In Ponte Brolla im Tessin? Waren wir schon. Kroatien? In Paklenica hatten wir unsere erste alpine Mehrseillänge geklettert. Ist aber auch über 800km entfernt. Ach ja, Kroatien ist ja nicht so klein. Uns fällt Rovinj noch ein. Das liegt in Istrien. Wir reden schon seit Jahren davon, uns das anzusehen. Ein Spezl von uns ist dort ein paar Mal gewesen und schwärmte davon, dass die Kletterfelsen praktisch direkt am Meer liegen, man reichlich Routen findet, die auch für Normalsterbliche kletterbar sind und man bestens mit Cappuccino, Espresso oder auch mal einem kalten Bier versorgt ist. Die Küste steht voll mit Grillbars und Kiosken. Wetter? Ach schau mal: An mindestens 2-3 Tagen wird die Sonne scheinen. Das genügt uns. Die Finger und die Füße halten eh nicht länger durch. Ist auch nicht ganz so weit, wie die anderen Ziele. Nur 670km. Ein guter Witz. Und los.
Schneeketten ins Auto. Die Tauernautobahn liegt auf dem Weg. Wir buchen ein kleines Appartment, in dem wir uns selbst versorgen wollen. Leichter Schneefall erleichtert den Abschied von unserer kleinen Holzhütte. Die schnellste Route führt über München. Auf dem Weg nach Salzburg kommen wir an der uns völlig unverständlichen Grenzkontrolle für die Einreisenden aus Österreich vorbei. Man kommt sich 30 Jahre zurückversetzt vor. Wenn man so etwas sieht, können Zweifel aufkommen, ob das mit Europa doch noch eines Tages klappt. Es wird immer wärmer auf dem Weg nach Süden. Wir lassen Katschberg- und Karawankentunnel hinter uns. Es geht an Ljubljana vorbei zur Kroatischen Grenze, wo ich das erste mal seit Jahren wieder meinen Ausweis an einer europäischen Grenze zeigen muss. Da fällt mir die Deutsch-Österreichische Grenzkontrolle ein. Wie rückständig, denke ich wieder. Zum Glück interessiert sich niemand für deutsche Touristinnen. An Grenzenkontrollen, an denen ich mich im Zweifel nicht verständigen kann, da ich in diesem Fall weder Slowenisch noch Kroatisch spreche, habe ich schnell ein flaues Gefühl im Bauch. Die Georgische Passkontrolle am Flughafen in Kutaisi kommt mir in den Sinn. 
Wir sind in Kroatien. 10 Grad plus. In der Abenddämmerung erreichen wir Rovinj. Ich wundere mich schon die ganze Zeit über den wenigen Verkehr auf der gesamten Strecke. Aber ja, es sind keine Ferien, wir fahren mitten in der Woche, Skitouristen und sonstige Outdoortouristen gibt es keine. Den Sonnenhungrigen ist es im November auch an der istrischen Küste zu kalt. Keiner da. Die junge Frau, die uns das Appartment übergibt, ist supernett. Die Begrüßung bei ihrem Eintreffen lautete: "Hi Ladies.". Geht runter wie Öl. Sie lässt sogar ihre private Mobilnummer da, falls wir Hilfe brauchen. Wir richten uns häuslich ein. Eine Heizung gibt es nicht. Dazu nimmt man die Klimaanlage und stellt diese auf Maximaltemperatur. Hat uns die nette Frau gezeigt. Das Appartment war länger nicht bewohnt. Es war Arschkalt. Bis Futter aus dem Herd kam, liefen wir in Daunenjacken rum. Mit viel Getöse schaffte es die Klimaanlage dann irgendwann, die Raumtemperatur erträglicher zu machen. Die erste Nacht hält Einzug.
Am nächsten Morgen starten wir für unsere Verhältnisse sehr spät in Richtung Kletterfelsen. Die tiefstehende Sonne und die Ausrichtung der Felsen sagen uns, es ist keine Eile nötig. Wir nehmen das Auto bis zum Park, durch den man hindurch muss, um zu den Felsen zu gelangen. Er ist wirklich schön angelegt und größtenteils noch grün. Wir kommen an einem kleinen Kiesstrand vorbei, auf dem höchstwahrscheinlich andere Kletterer ein kleines Meer an Steinmanndln hingezaubert hatten. Sehr nett anzusehen. Am Kletterfels angekommen, klettern wir die erste Route im Schatten. Die Sonne braucht noch, bis sie um die Ecke ist. Der Stein ist kalt. Mit gefühllosen Fingern findet man nur schlecht was zum Halten. Es ist eben November. Ich lasse die Socken in den Kletterschuhen an. Bbbrrhhh... 
Wenige Minuten später geht es dann besser. Die Sonne erwärmt die Felsen. Es sind nur ein paar Grad, doch die machen den Unterschied. Wir klettern die Wand ab. Es sind den ganzen Tag keine anderen Kletterer aufgetaucht. Die Schwierigkeiten sind sehr moderat. Über eine 4c (V nach UIAA) kommen wir nicht hinaus. Wir klettern zu wenig. Es gibt keine Bewegungsroutine mehr bei mir. Das Finden insbesondere von Tritten fällt mir schwer. Am Nachmittag setzen wir uns auf ein kleines Felsband mit Meerblick, um Pause zu machen. Heißer Tee und selbstgeschmierte Semmeln. Dazu ein paar Pfefferbeißer und ein sensationeller Ausblick mit bereits abendlich erscheinender Sonne. Die ersten Fischer sind draußen auf dem Meer. Hin und wieder kommt ein Taxischiff vorbei. Wir beschließen, uns im verbleibenden Tageslicht Rovinj anzusehen und noch einen Cappuccino am Hafen zu nehmen.
Wie zu erwarten war, ist das Städtchen nahezu ausgestorben. Die Fülle an Hinweisschildern, die alle Arten von Unterkünften und Unternehmungen anpreisen, lässt vermuten, dass es hier in den wärmeren Jahreszeiten anders zugeht. Ich bin nicht traurig. Nach einem kleinen Rundgang kaufen wir noch ein, was wir fürs Abendessen brauchen. Sobald die Sonne weg ist, wird es bitter kalt. Im Appartment angekommen, muss die Klimaanlage wieder alles geben und das obligatorische Kletterbier läuft rein. Die zweite Nacht. 
Klettertag zwei startet mit dem Entschluss, das Auto stehen zu lassen und die rund zwei Kilometer bis zu den Felsen zu Fuß zurück zu legen. Ein bisschen Bewegung schadet nicht. Das Kletterzeug ist nicht annähernd so schwer, wie ein gepackter Hochtourenrucksack. Ich bin motiviert, heute etwas Schwereres zu versuchen und meine Erwartungshaltung stimmt mich euphorisch. Die ersten etwas unsicheren Routen gestern sind Geschichte. Jetzt beginnen wir mit Klettern. Die Sonne ist erneut noch nicht ganz ums Eck. Die erste Route liegt im Schatten. Eine 4b+. Angeblich. Ich blicke hinauf und denke: "Naja, die Bewertung von Schwierigkeiten ist eben immer etwas Subjektives. Aber wird schon gehen.". Ich steige ein, hänge die erste Expresse in die Wand und merke, wie das Gefühl aus meinen Fingern weicht. Die nächste Expresse geht auch noch. Ich finde die Route trotzdem deutlich anspruchsvoller als erwartet. Senkrecht klettern ist in diesem Schwierigkeitsbereich eher selten. Ich fühle nichts mehr in meinen Fingern. Zu kalt. Die 2-3 Meter zum nächsten Bohrhaken rauben mir dann alle Illusionen für den Tag. Ich fluche, bewege mich schlecht, trete ungenau, kann mich an den wenigen Griffen nicht gut halten. Bei einer nötigen Gewichtsverlagerung mit Griffen in Hüfthöhe um den nächsten besseren Stand zu erreichen, verliere ich die Nerven. Ich zweifele an mir. Rede vor mich hin, dass ich überhaupt nicht klettern kann. Ich erreiche zwar den Umlenker am oberen Ende, doch die hervorgetretene Differenz zwischen Wunsch und Realität lassen mich die Lust verlieren. Ich brauche ein paar Minuten, um wieder runterzukommen. Möglicherweise wird es Menschen geben, die sagen: "Was hat die? Ist doch noch nicht mal der 6. Grad". Ja, Schwierigkeiten hängen nicht nur von Muskelkraft ab. Der größte Klettermuskel befindet sich hinter der Stirn. Wenn dort nicht alles in der Reihe ist, spielt es keine Rolle, welche Zahl an der Route steht.
Meine Frau klettert die Route ebenfalls. Sie tut sich relativ leicht damit, bestätigt aber, das es keine 4b+ ist. Wir ziehen um. Sie schlägt vor, eine der bekannten Linien von gestern zu klettern. Vielleicht hilft das, den Klettermuskel im Kopf wieder zu entspannen. Und das war dann auch so. Im Anschluß daran kletterten wir noch mehrere Routen bis hin zu einer 5b (V+ nach UIAA), in die wir uns das Seil einhängten, um sie im Toprope zu versuchen. Und siehe da, es ging. Vorsteigen hätte ich die im oberen Teil nicht wollen. Die Griffe taten nach den Klettermetern des Tages an meinen Fingern ziemlich weh. Die Mittagspause bei Tee, Semmeln und Pfefferbeißern verbrachten wir wieder mit Meerblick wenige Meter von den Kletterfelsen entfernt. Dieses Mal gab es was zu sehen. Delfine sind in der Bucht unterwegs gewesen. Große Tümmler sind die einzigen, die man häufiger sehen kann. Unsere Recherche ergab, dass es früher sehr viel mehr Arten gab und sie sehr viel zahlreicher vertreten gewesen sind als heute. Wir erfreuten uns an deren Anblick. Mit von der Partie war eine Gottesanbeterin, die wir unmittelbar an unserem Sitzplatz in der ersten Reihe entdeckten. Sie wirkte etwas teilnahmslos. Könnte man als arrogant und introvertiert interpretieren. Wahrscheinlich war es ihr einfach zu kalt. Schöne Momente. Alle diese guten und weniger guten Erfahrungen an diesem Tag machen so eine Reise aus. Deswegen tun wir es. Als wir uns auf den Rückweg machen, bin ich mit meiner Anfangsmisère einigermaßen versöhnt. Das obligatorische Kletterbier und leckeres Abendessen runden den Tag ab. Die Klimaanlage muss wieder alles aus sich heraus holen. Die dritte Nacht.
Wie am Vortag machten wir uns am letzten Tag erneut zu Fuß auf den Weg zu den Felsen. Ein letzter Sektor mit für uns kletterbaren Routen wollte noch erkundet werden. An diesem Tag blieb die Sonne hinter den Wolken. Es war zwar nicht ganz so kalt, wie an den beiden anderen Tagen. Doch ohne Sonne macht Sportklettern irgendwie keinen richtigen Spaß. Nach den vier sehr kurzen Linien in etwas schwierigem Wandfußgelände zogen wir wieder an die Wand des ersten Tages um, kletterten noch zwei Routen und machten dann Pause. Die fiel etwas länger aus. Wir hatten keine richtige Lust mehr weiterzuklettern. Kaum zu glauben, eine Art Heimweh kam auf. So ließen wir es für den Tag gut sein, besorgten uns auf dem Heimweg noch etwas Brot und läuteten den Abend ein. Das obligatorische Kletterbier bestand aus einer Zwei-Liter-Flasche "ich-kann-den-namen-nicht-aussprechen"-Bier. Neben sehr leckerem Abendessen (Bratkartoffeln mit Speck und Spiegelei, dazu den Rest der Pilzpastete im Blätterteig vom Vor-Vor-Tag) nahm ich geistige Nahrung in Form eines Buches zu mir. Klar, Berggeschichten. Und was für welche. Wenn ich lese, was andere so unternehmen, frage ich mich immer, ob wir zu vorsichtig oder gar verweichlicht sind. Dann sage ich mir allerdings auch immer, die anderen sind nicht mein Maßstab. Es zählt nur, was wir uns zutrauen und wie wir die jeweilige Situation für uns bewerten. Ob andere eine Nacht alleine ohne Biwakausrüstung auf 8500m überleben, hat für mich keine Relevanz. Ich kann höchstens lernen, was man tun sollte und was man besser lässt. Greg Child schrieb unter seine Geschichte vom Broad Peak: "Ich hatte die wichtigste Regel dieses schönen, verwegenen, schrecklichen Spiels gelernt, die einzige Regel: Die Berge sind schön, aber sie sind nicht wert, daß man für sie stirbt."
Genug Theatralik. Die letzte Nacht.
Wir packen zusammen und machen uns auf den Heimweg. Es gibt an dem Tag nur zwei -eigentlich drei- Ziele: Das Tauern-Outlet, von dem wir nun wissen, dass wir dort nicht mehr anhalten müssen, die Wangerstuben in Oberostendorf und heil zu Hause ankommen. Wir schaffen alles. Auch die erneute Passkontrolle an der Slowenisch-Kroatischen Grenze und die "Wir kontrollieren alle, die rein wollen"-Kiste an der Deutsch-Österreichischen Grenze. Ich muss erneut den Kopf schütteln. Es gibt noch etwas, dass ich nicht verstehe und weswegen ich schonmal das Bundesverkehrsministerium anschrieb. Deutschland ist ausgewiesener Maßen ein Transitland mit über 40.000km Autobahn. Auf dem Weg nach Kroatien haben wir in allen Ländern und an allen Sonderlocken zusätzlich, wie z.B. der Tauernautobahn und dem Karawankentunnel Maut gezahlt. Hin und zurück rund 70 (!) Euro. In Worten: Siebzig. Als ich das Ministerium anschrieb, kamen wir aus Frankreich vom Bergsteigen zurück und haben alleine auf dem Hinweg durch Österreich, die Schweiz, Italien und Frankreich über 80 (!) Euro Maut gezahlt. Das war vor 4 Jahren. Fast alle Länder, insbesondere Slowenien und Kroatien haben mit europäischem Geld schöne Autobahnen gebaut. Genau diese Europäischen Gremien haben es geschafft, eine PKW-Maut in Deutschland zu verhindern. Gut, unsere Politiker haben sich beim Versuch, eine Maut einzuführen, auch unglaublich dilettantisch angestellt. Doch ich verstehe trotzdem nicht, warum wir so etwas nicht längst auch haben. Bei dem Verkehr, der sich täglich durch das ganze Land wälzt. Eine kleine Vignette in 2 oder 3 Zeitausführungen. Muss gar nicht teuer sein. Teuer sollte nur das Nichtvorhandensein sein. So teuer, siehe Schweiz oder Österreich, dass sich niemand traut, ohne zu fahren. Aber das nur am Rande.
Fazit zu Rovinj: Die Klettermöglichkeiten beschränken sich aufs Sportklettern. Dafür stehen sehr viele Routen in den unteren Schwierigkeitsgraden zur Verfügung. Zumindest außerhalb der Saison gibt es wenig alternativen Zeitvertreib. Alle Grills und Kioske waren geschlossen und öffnen sicher nicht vor Ostern. Andere Klettergebiete der Region, wie z.B. Limski Kanal oder Dvigrad haben wir nicht besucht. Die Auswahl an für uns kletterbaren Routen erschien uns zu gering, um den Weg auf uns zu nehmen. Was mich persönlich an den Kletterfelsen in Rovinj stört, sind die überall vorhandenen Schmierereien von Sprayern an den Felsen. Schön ist anders. Es war eine neue Erfahrung. Falls wir uns den Weg nochmal machen sollten, was eher unwahrscheinlich ist, käme als Reisezeit eher das Frühjahr in Frage.