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Skihochtour auf die Wildspitze, 3774m, 23.02.2019

Bestes Wetter für eine Skihochtour im Februar lädt auf den zweithöchsten Berg Österreichs ein.

Die Wildspitze. Eine Art Hausberg für uns. Einige der üblichen Anstiege haben wir bereits in Eigenregie gemeistert, wie unter den weniger hohen Bergen nachzulesen ist. Nur das Erklimmen mittels Ski erschien uns bisher immer als zu schwierig. Vergangenes Jahr kam die Idee schonmal auf, es auf Ski zu versuchen. Ich für meinen Teil kann sagen, dass mir die Abfahrt zu Beginn vom Mittelbergjoch auf den Taschachferner immer als zu steil und schwierig erschien. Startet man die Tour aus dem Skigebiet Pitztaler Gletscher heraus, was der übliche Weg ist, um die Tour in einem Tag zu schaffen, bleibt diese Hürde nicht erspart.
Nun gut, dachte ich. Es ist aber auch so, dass ich auf den letzten Skitouren diesen Winter immer mehr Sicherheit und Selbstbewusstsein gewann und bereits andere für mich schwierige Passagen, wenn auch nicht besonders schön aber doch ohne Sturz, meisterte. Und so viel die Wahl auf diese Skihochtour. Unsere beiden befreundeten Bergfexen schaufelten sich den Tag auch frei und schlossen sich uns an. Für ihn sollte es die allererste Hochtour überhaupt werden. Und dann gleich im späten Winter auf Ski. Die Wetterprognose war die ganze Woche lang perfekt. Viel Sonne, wenig Wind, keinen nennenswerten Neuschnee. Am Tourentag war lediglich etwas Wind in mitunter starken Böen vorhergesagt. Und 10h Sonne. Meine Frau und ich buchten uns ein Zimmer im Pitztal. Unsere Bergmates kamen mit ihrem neu ausgebauten Wohnbus am Abend vorher ins Tal. Und so schafften wir es am nächsten Morgen in die allererste Bahn. Es gibt ein besonderes Bahnticket für Skitourengeher*innen, mit dem alle für die Wildspitze notwendigen Fahrten enthalten sind.
Von der Bergstation des Gletscherexpresses rutscht man zunächst auf einer blauen Piste ab zur Talstation der Mittelbergbahn und nimmt diese bis ans ganz obere Ende. Steigt man aus der Gondel aus, ist der Weiterweg gut zu sehen. Man folgt der Piste ein Stück und verlässt diese unmittelbar nach der ersten Kurve nach rechts. Fast waagerecht mit einem kurzen Anstieg am Schluss gelangt man zum Mittelbergjoch. In der Regel geht es bis dahin ohne Felle. Mein persönlicher Angstpunkt ist erreicht und der erste Blick hinunter zum Taschachferner wird frei. Mit uns kommen weitere Skitourengeher*innen im Joch an. Wir zögern etwas mit der Abfahrt. Andere sind da nicht so zimperlich. Es wurde deutlich, dass sich aus unserer Gruppe niemand hinsichtlich der Skifahrkünste verstecken muss. Die meisten Aspiranten taten sich auf den ersten paar Metern schwer. Es ist zerfahren, halbwegs eng und eben nicht ganz flach. Die gute Nachricht: Wer hier keine Schwünge fahren kann oder will, rutscht einfach quer ab. Dafür ist Platz genug. Wenige Meter später öffnet sich der Hang. Ab da ist es nicht mehr besonders schwierig. Die letzten Meter ließen wir laufen, um ein Stück weit auf den Gletscher zu gelangen. Weil es sich nicht gerade um das einsamste Ziel in den Ötztaler Bergen handelt, herrschte am Auffellplatz etwas Trubel. So etwa 20 andere Tourengeher*innen machten sich ebenfalls für den Aufstieg fertig. Andere Gruppen sind bereits vor uns gestartet und befinden sich im Aufstieg. Hinter uns folgten weitere Gruppen. Später zog es sich jedoch soweit auseinander, dass die Mengen kein Problem waren. Ich schätze, an dem Tag sind ca. 50-60 Menschen am Gipfel gewesen. Gedränge gab es keines. 
Meine persönliche Angstabfahrt war geschafft. Ich entspannte mich und fing an, meine Felle auf die Ski zu ziehen. Wichtig auf dem Gletscher: Ein Fuß bleibt immer auf einem Ski. D.h. Ski ab, Fell drauf, Ski an. Dann die andere Seite. Gerade wenn alles gut eingeschneit ist, sind Spalten nicht erkennbar und man weiß nie, ob man nicht doch auf einer drauf steht. Es blieb zwar den ganzen Tag durchgefroren und ich schätzte die Wahrscheinlichkeit einzubrechen als gering ein, doch wie dicht man am Spaltensturz dran war, erfährt man nicht, wenn man nicht durchbricht. Aus dem Grund klöppelten wir auch unser Seil zwischen uns. Die meisten Gruppen, auch die von Bergführern geführten, gingen seilfrei. Wir entschieden uns fürs Seil. Immerhin hatten wir es dabei und ich habe gelernt, schließe Risiken aus, die einfach ausgeschlossen werden können (vgl. Bergundsteigen #105: Seiltechnik in der Grauzone). Außerdem gelernt: Was andere tun ist deren Sache und es sollte nie ein Motivationsgrund sein, es ebenfalls so zu tun. Selbst denken ist das Stichwort. 
Fertig. Los. Es geht flach dahin. Eine Spur ist gut getreten vorhanden. Sie zieht in wenigen Kurven in Richtung Hinterem Brochkogel. Sie liegt noch überwiegend im Schatten. Der Schnee knirscht unter den Ski. Der Himmel ist strahlend blau und wolkenfrei soweit man sehen konnte. Lediglich ein in Böen starker Wind sorgte für ein paar Nadelstiche im Gesicht. Doch erst als wir am Hinteren Brochkogel die Linkskurve nehmen, kommt der Wind nicht mehr von hinten, sondern von der Seite. Ab da wurde es etwas unangenehm, wenn einen eine Böe erwischte. Aber mei, so ist Bergsteigen eben. Wir gehen nach kurzer Pause weiter. Den etwas steileren Aufschwung in Richtung Skidepot unterm Gipfelgrat im Blick, erkenne ich, dass gar nicht so wahnsinnig viel Schnee im Hang liegt. Blankeisstellen blitzen uns im Sonnenlicht an. Ich erinnere mich an unsere Wildspitzentour letzten August, wo wir an dieser Stelle auf ein Spaltenmeer trafen. Umso erstaunlicher fand ich, dass immer noch die meisten Gruppen seilfrei unterwegs waren. Mein Augenmerk viel auf zwei Burschen, die uns im Aufstieg mit flottem Schritt auf ihren extrabreiten Freeride-Skiern überholten. Sie kamen in dem steileren Stück auf dem harten Schnee offensichtlich nicht gut zurecht. Einem haute auch noch der Ski bei dem Versuch ab, vom Ski runter zu kommen. Nachdem das Material wieder eingesammelt war, entschieden sie sich offensichtlich dazu, zu Fuß mit den Ski auf dem Rucksack weiter zu gehen. Indes erreichten wir ebenfalls den Hang und erkannten schnell, dass Harscheisen uns das Leben leichter machen werden. Also Harscheisen ran und weiter. Die zwei Burschen überholten uns wieder. In tiefen Spuren auf ihren Alpinskistiefeln stapften sie vorbei. Meine Frau Sprach sie an, da sie das an dieser Stelle nicht für eine gute Idee hielt, Punktbelastungen auf die Schneedecke zu bringen. Doch die zwei waren völlig unbedarft. Das wird schon gehen. Von Spalten wüssten sie nichts. Außerdem seihen die Eisfelder ja gut zu sehen. Spannend, dachte ich. Bei dem kurzen Gespräch kam heraus, dass sie keinen Gurt, kein Seil, keinen Pickel, keine Harscheisen, keine Steigeisen oder sonst irgendwelche Ausrüstung dabei hatten. Mut oder Dummheit. Die Grenze ist nicht so genau zu erkennen. Aber nicht unser Problem.
Wir erreichten das Skidepot unterm Gipfelgrat. Der Wind ist immer noch zornig und schießt Eiskristalle durch die Gegend. Schnell was essen und trinken und für den Aufstieg auf dem Grat fertigmachen. Wir wechseln von den Ski auf die Steigeisen, setzen unsere Helme auf und schnappen uns unsere Eispickel. Die Menge der Menschen hält sich in Grenzen. Wir steigen gemütlich auf. Es ist eine gute Spur getreten. Hin und wieder erscheint sie etwas nah am Gratrand. Auch hier gilt: Augen auf. Der Grat könnte überwächtet sein. Es ist nicht klug, immer einer vorhandenen Spur zu vertrauen. Oben an der Kletterstelle angekommen, legen wir eine kurze Zwangsrast ein. Ein Bergführer buchsiert seine Gäste gerade am gelegten Fixseil durch die Kletterpassage nach unten. Für einen Moment wurde es etwas füllig auf den zwei, drei Quadratmetern vor der Kletterstelle. Doch alle bleiben entspannt und es löste sich in wenigen Minuten auf, nachdem der Bergführer seine Gäste anwies, weiter nach unten zu gehen. Wir lassen noch zwei andere Bergsteiger vor und klettern dann zum Gipfel hoch. Für mich das fünfte Mal. Doch noch nie gab es so eine Aussicht. Der Hammer. Lange bleiben konnten wir leider nicht. Der Wind war sehr unangenehm. Also machten wir uns nach ein paar Aufnahmen und einem Blick in die Ferne wieder an den Abstieg. 
Übrigens schafften es auch die beiden Burschen in ihren Alpinskistiefeln ohne Steigeisen und Pickel bis nach ganz oben. Im Abstieg am Grat begegneten wir weiteren Aspiranten mit nicht vorhandener Ausrüstung. Man könnte dem Gedanken verfallen, wir wären zu übervorsichtig oder tragen einfach gerne unser ganzes Material durch die Gegend. Doch im nächsten Moment wünschte ich all jenen so sorglosen Kraxlern, dass einfach nichts passiert. Dadurch, dass so wenig passiert, sehen sich natürlich viele in ihrem Handeln bestätigt. Ein Trugschluss. Es gibt Statistiken, die das bestätigen.
Einen Aufreger gibt es noch, nachdem wir uns für die Abfahrt bereit gemacht haben: Um meiner Frau kurz mit ihrem Verschluss an den Skistiefeln zu helfen, öffne ich mit einem unserer krachneuen Karbonstöcke meine Bindung. Ein Knacks ist zu hören. Das mittlere Segment bricht bei senkrechter, nahezu druckloser Belastung einfach durch. Priml. Keine drei Touren gehalten. Eine notdürftiger Reparaturversuch mit Fingertape schlägt fehl. Das Segment ist tatsächlich komplett durchgebrochen. Qualität aus Deutschland. Blöd. Ich stelle mich darauf ein, irgendwie mit einem Stock abzufahren. Doch meine Frau interveniert und besteht darauf, mir ihre Stöcke zu geben. Sie stünde besser auf dem Ski und käme mit einem Stock klar. Da hat sie eindeutig recht. Wir haben das an der Zufallspitze auf dem Zufallferner schonmal ausprobieren müssen. Damals ist übrigens der gleiche Stocktyp des gleichen Herstellers über den Jordan gegangen.
Wir starten die Abfahrt. Wir entschließen uns zum seilfreien Rutschen. Zum einen kannten wir nun den Weg. Zum anderen erschien uns die Abfahrt am Seil selbst als zu großes Sturzrisiko. Überraschend zügig und problemlos erreichen wir nach wenigen Minuten wieder unseren Ausgangspunkt unterm Mittelbergjoch. Ein paar Pausen waren nötig bis hierher. Die Beine brennen. Skifahren im Gelände ist um vieles anstrengender als auf der Piste. Die weitere Abfahrt über den Taschachferner als Rückfahrtsvariante schlossen wir bereits beim Aufstieg aus. Eine mir zu groß erscheinende Unbekannte. Es liegen mindestens zwei Gletscherbrüche auf dem Weg zum Taschachhaus. Gefolgt von einem superlangen Weg durch das ganze Tal hinunter nach Mandarfen. Diese Entscheidung bedingt allerdings auch, dass man einen Gegenanstieg in Kauf nimmt, um wieder ins Joch und damit auf der anderen Seite ins Skigebiet zu gelangen. Es gilt, die knapp 100m Abfahrt von morgens hoch zu kraxeln. Felle und Harscheisen kommen auf die Ski. Die Sonne knallt in den Hang. Wir befinden uns im Windschatten. Noch einmal schwitzen. So wild, wie befürchtet, ist es dann aber nicht gewesen. In nicht mal einer Viertelstunde standen wir oben, fellten ab und rutschten in Richtung Piste. Die letzte Herausforderung bestand lediglich darin, die richtige Talstation für die Rückfahrt zum Gletscherexpress zu finden. Hat irgendwie auch was. Die letzten Meter unschwierig über die Piste nehmen zu dürfen. Gut in der Zeit liegend genehmigen wir uns im Skigebiet noch eine Saftschorle in der Sonne. Geschafft. Eine superschöne und erfolgreiche Tour mit ganz lieben Menschen geht zu ende. Die anfänglichen Bedenken haben sich alle in Luft aufgelöst. Und nach Bergsteigen hat es sich auch angefühlt. Die Wildspitze mit Ski.