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Skitour Litnisschrofen, 2068m, 15.12.2018

Kalt war's.

Die erste Skitour der Saison kam plötzlich um die Ecke. Nachdem geklärt war, dass ich an diesem Wochenende nicht arbeiten muss, stellte sich die Frage, welcher Tag des Wochenendes der bessere Bergtag ist. Der Wetterbericht hat diese Frage schnell beantwortet. Nächste Frage, was und wohin? In meiner Wahrnehmung sind wir von Skifahren im Gelände wegen der Schneelage noch Lichtjahre entfernt gewesen. Ich dachte eher an einen Wanderberg, zu dem wir sicherheitshalber mal die Schneeschuhe einpacken. Spontan fiel mir der Litnisschrofen in den Tannheimer Bergen ein. Er liegt zwischen Krinnen- und Sulzspitze, die wir beide schon besucht hatten. Aber mit Ski? Eher nein. Meine Frau sah das ganz anders. In der Zeit, in der ich noch mit der Bergfrage beschäftigt war, hatte sie bereits Webcams rund um den Haldensee gecheckt und den aktuellen Lawinenlagebericht befragt. Klar geht eine Skitour dort. Das war Freitagabend. Noch in der gleichen Stunde spannten wir die Felle auf die Ski, packten unsere Rucksäcke mit Schaufel, Sonde und Lawinenverschüttetensuchgerät, oder kurz LVS, und kramten die Tourenskischuhe aus unserem kleinen Bergsportladen zu Hause hervor. Alles da. Wir machten einen kleinen Zeitplan für nächsten Tag, um zu wissen, wann wir spätestens zu Hause losfahren müssen. Die Arbeitswoche war sehr anstrengend und wir rangen um jede Minute länger, in der wir schlafen konnten.
Samstagmorgen. Auto gepackt. Tank voll. Auf ins Tannheimer Tal. Das erreichen wir von zu Hause aus in wenig mehr als einer Stunde. Dass es kalt werden würde, war uns bewusst. Doch als wir auf den Parkplatz am Westende des Haldensees einbogen, zeigte das Thermometer kurzzeitig -18°C an. Laut Hans Kammerlander ist zwar alles über -20°C lauwarm, doch ich fand's scheiße kalt. Brrrhhh.... 
Die gute Nachricht: Es ging praktisch kein Wind. der hätte es wahrscheinlich unterträglich gemacht. Außerdem gab es in Gipfelnähe Aussicht auf Sonne. Also los. Das erste Stück steigt man über einen Fahrweg mit moderater Steigung auf. Eine gute Gelegenheit, etwas warm zu bekommen. Insbesondere meine Hände brauchten eine ganze Weile, bis die Schmerzen nachließen und sie wieder funktionierten. Es sind wenig andere Tourengeher unterwegs gewesen. Lediglich ein Alleingänger überholte uns ziemlich am Anfang. Nach wenigen Kilometern zweigt der Weg nach links ab. Der Fahrweg zieht weiter in Richtung Strindenscharte zur Sulzspitze hoch. Doch das ist ja nicht unser Ziel gewesen. Nach dem Abzweig wird der Pfad schmaler und steiler. Ich erinnere mich, dass wir diesen Teil des Aufstieges schon mal gemacht haben, als wir zur Krinnenspitze gegangen sind. Auch klar ist mir, dass ich diesen schmalen, steinigen und steilen Pfad nicht abfahren kann. Zu wenig Platz für mich, zu steil und zu viele Hindernisse. Auf dem Weiterweg überlegte ich, dass es zwei Lösungen für die Abfahrt gibt: Entweder ein Stück zu Fuß laufen auf dem Rückweg oder zum Skigebiet unterhalb der Krinnenspitze queren und dort hinunterfahren. Nachteil der zweiten Variante: Wir müssen den ganzen Weg am See entlang auf flacher Strecke zum Auto zurück gehen. Aber wir sind ja erstmal im Aufstieg. Da warten auch noch genug Herausforderungen. Das Gelände öffnet sich kurz vor der Gräner Ödenalpe. Ab dort gehen wir durch unbekanntes Terrain, denn bis hierher ist der Aufstieg weitgehend identisch mit dem Weg zur Krinnenspitze. Ab hier empfängt uns auch die lang ersehnte Sonne. Es ist bestes Bergwetter. Wir legen eine kurze Pause ein. Genießen die Sonne, die uns ein paar warme Strahlen schickt. 
Der Weiterweg beginnt mit einem etwas hakeligen Pfad zwischen Latschenkiefern hindurch. Auch spannend zum Abfahren, dachte ich. Später quert man aus den Latschen heraus auf die Südseite des Berges in dessen Gipfelhang. Die Steilheit ist moderat, allerdings haben wir beide Probleme mit unseren Adhäsionsfellen. Die kleben bei der Kälte nicht besonders und sobald etwas Schneepulver zwischen Fell und Belag gelangt ist, ist's ganz aus. So krabbelten wir die letzten Meter zum Skidepot unterm Gipfelgrat mehr oder weniger auf allen Vieren, ständig rutschend, weil die Felle sich unterm Ski bewegten. Die hingen nur noch vorne und hinten eingehängt lose an den Latten. Das letzte Stück zum Gipfel muss durch tiefen Schnee zu Fuß und kletternd zurückgelegt werden. Oben. Es eröffnet sich eine geniale Aussicht. Die kalte Luft ist klar. Die Fernsicht entsprechend gut. Wir bleiben nicht lange am Gipfel. Rumstehen ist keine gute Idee. Es weht ein leichter Wind. Wir steigen wieder ein Stück ab, nehmen auf dem Weg unsere Ski mit und finden ein windgeschütztes Plätzchen etwas unterhalb des Gipfels. Ein paar Minuten sitzen, essen und trinken tun gut. Was nun folgt, bereitet mir immer, auf jeder Tour, Kribbeln im Bauch. Die Abfahrt. Wir haben zu dem Zeitpunkt bereits beschlossen, dass wir ins Skigebiet queren.
Die Schneeverhältnisse machen es uns nicht zu schwer. Zwar hat die Sonne die oberste Schicht etwas aufgewärmt, doch man konnte immer noch von Pulverschnee reden. Meine Frau startet als erste. Die ersten Schwünge werden zur Gewöhnung benötigt. Ich folge ihr und wundere mich, dass meine Ski nicht wirklich rutschen. In der ersten Kurve bleiben sie einfach stehen und ich kippe zur Seite in den Schnee. Meine Frau  ruft mir zu, ich solle mehr in Falllinie bleiben. Kostet etwas Überwindung, geht aber tatsächlich besser. Meine Oberschenkel brennen bereits nach den ersten 100 Metern Abfahrt. Wir queren den Hang in die Latschen. Bis dahin läuft es gut. Der Schnee ist sensationell. An einigen Stellen liegt er jedoch nur wenige Zentimeter dick auf den Felsen. Etwas Vorsicht ist geboten. In den Latschen folgen wir einer vorhandenen Spur in der Hoffnung, die etwas verwinkelte Aufstiegsspur umgehen zu können. Fehlanzeige. Die Spur, die offensichtlich jemand erzeugt hat, der oder die Skifahren kann, führt zu einer kurzen aber sehr steilen und engen, mit kleinen Latschen durchsetzen Rinne. Abfahren kann ich so etwas nicht. Also, von den Ski runter. Wir steigen ca. 30m zu Fuß hinunter bis wir an eine Stelle gelangen, an der wir wieder aufsteigen und weiter abfahren können. Von dort gelangen wir auf den Weg, der an der Nesselwängler Edenalpe vorbei im Rechtsbogen um die Krinnenspitze herum ins kleine Skigebiet führt. Es müssen ein paar Höhenmeter bis zur Alpe aufgestiegen werden. Das geht am Besten auf den Fellen. Die kleben zwar so gut wie nicht mehr, doch für einen breiten, flachen Weg genügt es, wenn sie vorne und hinten eingehängt sind. Zwischendurch muss ich meine Oberschenkelmuskeln immer wieder massieren. Seit ein paar Jahren habe ich Probleme mit Krämpfen. Eine Lösung für das Problem habe ich leider noch nicht gefunden.
Auf dem Alpenrosenweg geht es im Rechtsbogen in Richtung Krinnenalpe. Irgendwo auf halber Strecke können wir die Felle runtertun, in den Abfahrtsmodus wechseln und rutschen lassen. Wir fahren ca. 500 Höhenmeter auf der Rodelbahn durchs Skigebiet ab. Betrieb ist dort noch keiner, doch die Pisten und die Rodelbahn sind bereits präpariert gewesen. In Nesselwängle angekommen, beginnt der lange Weg am See vorbei zurück zum Parkplatz in Haldensee. Wir fellen wieder auf. Da ich mir inzwischen eine kleine Blase an immer wiederkehrend gleicher Stelle gelaufen hatte, war das nicht mehr so lustig. Zudem befanden wir uns seit kurz nach der Edenalpe im Schatten. Die Sonne war bereits am Untergehen. Es wurde wieder erbärmlich kalt. Wir bissen nochmal eine halbe Stunde auf die Zähne. Was bleibt anderes übrig. Nach insgesamt knapp 7h erreichen wir unser Auto. Das Thermometer zeigt -14°C. In jeglicher Hinsicht eine coole Tour. Mangels Menschen gab's auch keine Probleme mit meiner Transidentität.