Signalkuppe, 4554m, und Parrotspitze, 4438m, 15.-17.04.2022

Mit der geplanten Tour ins Monte Rosa Massiv am Osterwochenende sollte unsere lange Abstinenz in Sachen 4000er endlich ein Ende finden. Vergangenes Jahr ist die Skihochtourensaison wieder mal Corona zum Opfer gefallen und die Sommerhochtourensaison meiner gerissenen Patellasehne. So war der letzte hohe Berg über 4000m, den wir bestiegen hatten, das Finsteraarhorn im September 2020. Aber dieses Jahr wird alles anders. Einen Platz auf der Gnifettihütte, 3646m, hatten wir -glaube ich- bereits im späten Herbst reserviert und angezahlt. Über den Winter machten wir das geplante Vorhaben auch Alex und Manuel schmackhaft, was wohl funktionierte, denn auch sie schossen noch 2 Plätze für jenes Wochenende, von dem zu erwarten war, dass die Hütte sicher nicht leer sein wird. Sofern natürlich das Wetter mitspielt. In besonders guter Erinnerung vom ersten Besuch vor vier Jahren war mir die Hütte eigentlich nur wegen des außergewöhnlich guten Futters und der netten Hüttenleute, die sogar ein bisschen Englisch können, was frau auf zum Beispiel französischen Hütten bisher stets vermisst. Eine nackte Katastrophe hingegen sind die sanitären Einrichtungen und da besonders erwähnenswert die Stehplumpsklos. Fließendes Wasser gibt es während der Wintersaison auf dieser Hütte nicht. Also weder in den Toiletten noch im Waschraum. Behelfsweise stehen große Wasserkanister an den Kabinen, mit deren Inhalt notdürftig das Schlimmste aufgeräumt werden kann. Doch nicht selten fallen auch diese aus, da das Hüttenpersonal mit anderen Dingen beschäftigt war. Demnach war mein Drang, 3 Nächte dort zu verbringen eher gedämpft.

Und dann nehmen die Dinge andere Wege. Manuel verletzt sich beim Start mit dem Gleitschirm so umfangreich, dass ihm keine andere Wahl bleibt und die beiden, was ich gut verstehen kann, weil ich es selbst nicht anders machen würde, ihre Teilnahme absagen mussten. Gleichzeitig erfuhren wir über Recherchen, dass es diesen Winter so wenig Schnee da oben gegeben hat, dass Gletscherspalten ein Thema werden und die Bedingungen für die Besteigungen der umliegenden Berge sehr anspruchsvoll sind, da häufig Blankeis anzutreffen ist. Die Wetterprognose tat ihr übriges. Eine gute Woche vor dem geplanten Start schwankten die Aussichten stark und der Trend ging eher zu schlechterem Wetter mit Wolken und Niederschlag. Und so verabschiedeten Astrid und ich uns innerlich langsam von der Tour und schmiedeten schon alternative Pläne als sich Ann bei mir meldet. Sie und Alex kennen sich von ihren Veröffentlichungen in der Buchreihe Bergmädchen, wo eine meiner Geschichten im nächsten Band erscheinen soll. Alex hatte bereits erwähnt, dass Ann ebenfalls am Osterwochenende auf der Gnifetti sein wollte, doch ich hatte das nicht zwingend mit unserem Aufenthalt und unseren Tourenplänen in Verbindung gebracht. Schließlich kenne ich sie nicht und ging davon aus, sie wird mit einer eigenen Gruppe unterwegs sein.

Dem ist nicht so. Sie erfuhr von Alex, dass die beiden nicht dabei sein können und hatte natürlich selbst Recherchen wegen der Bedingungen angestellt, was sie zu dem Schluß führte, dass es klüger wäre, nicht alleine los zu ziehen. Also meldete sie sich bei mir, um abzuklopfen, wie es um unsere Planung steht und ob wir uns zusammenschließen können. Sie würde noch Nicola als 4. Menschen am Seil mitbringen. Erstmal war ich damit überfordert. Zum einen, weil wir eben innerlich die Unternehmung abgehakt hatten und in der Folge den eigentlich frei geplanten Gründonnerstag wieder arbeiten wollten und zum anderen, weil ich annahm, dass Astrid und ich den beiden nur ein Klotz am Bein sein können. Ihre Beiträge in den Sozialen Medien vermittelten mir ein Bild, dass sie und wahrscheinlich auch Nicola uns Lichtjahre in Bergerfahrung und skifahrerischem Können voraus sind und ich mag auf keinen Fall irgendjemandem bei der Verwirklichung von Gipfelträumen zur Last fallen. Doch nach unserem ersten Telefonat relativierte sich meine Vorstellung und sie machte einen voll netten und reflektierten Eindruck. Ich erzählte Astrid von unserer kurzen Unterhaltung und noch während ich sprach, schaute ich mal, wie sich das Wetter inzwischen wohl so entwickeln soll. Tja, könnte doch gut werden. Was tun?
Den Urlaub am Gründonnerstag hatten wir beide schon storniert, allerdings wollte Ann ebenfalls erst am Karfreitag zur Hütte hoch. Würde also trotzdem passen. Den Aufenthalt einen Tag kürzer zu gestalten, fand ich zudem besser, weil ich die Umstände auf der Hütte noch in sehr lebhafter Erinnerung hatte und keine Minute länger als nötig dort sein wollte. Würde auch passen. Wetter. Die Prognose verbesserte sich stetig zu meinem Erstaunen und es sollte ab Karfreitag ein paar Tage lang richtig gut werden. Passt dann wohl auch. Die Aussicht, die Tour doch zu unternehmen, wurde für uns beide immer attraktiver. Ja, der Aufwand ist enorm, doch es passt alles zusammen. Wir tun's.

Mit einer gefällten Entscheidung lebt es sich leichter. Ich informiere Ann darüber und wir telefonieren anschließend zu dritt nochmal, um ein paar uns wichtige Dinge zu besprechen. So etwas wie Erwartungshaltungen, Gipfelwünsche, zeitliche Planung und dem absoluten Muss, dass zu jeder Zeit über alle Befindlichkeiten offen und vorbehaltslos in der Gruppe gesprochen werden kann und muss. Skifahrerisch sind die beiden weit vorne mit dabei. Quatschi sagt, in meinem Fall ist das keine Kunst. Doch was das Bergsteigen und die Wegfindung angeht, nehme ich eher wahr, dass Astrid und ich über etwas mehr Erfahrung und Fähigkeiten verfügen. Für Nicola ist es die erste Tour überhaupt über 4000m. Ich bin sehr gespannt. Am Telefon klingt das alles aber regel- und machbar. Wir haben ein gutes Gefühl.
Die erste Skihochtour seit unserem haarsträubenden Abenteuer am Adamello vor etwas mehr
als zwei Jahren steht vor der Tür. Ein Manko hat unser Plan leider: Wegen der langen Anfahrt von über 500km wollen wir bereits am Gründonnerstag los, unterwegs einmal übernachten, um spätestens gegen Mittag an Karfreitag in Alagna in die Gondel steigen zu können. Es gibt wenige bis keine schlechteren Reisetage im Jahr als Gründonnerstag. Astrid hatte uns in der Nähe von Varese in einem Hotel ein Zimmer gebucht. Bis dorthin müssen wir auf jeden Fall fahren. Donnerstags hatten wir beide bis nach 14 Uhr berufliche Termine, doch wir hatten bereits die beiden Tage davor so ziemlich alles ins Auto verfrachtet, um am Abreisetag keine Zeit zu vertrödeln. Immer wieder aufs Neue bin ich vom Gewicht meines Rucksacks erstaunt. Eine Skihochtour ist auch in Sachen Gewicht die Königsklasse. Zusätzlich zu dem üblichen Geraffel nahmen wir wegen der zu erwartenden eisigen Verhältnisse jeweils ein Eisgerät und je eine zusätzliche Eisschraube mit. Gegen 15 Uhr rollten wir los. Nicht schwer zu raten, dass sich die Fahrt elends hin zog. Es wurde 21 Uhr bis wir 400km später an der Villa Cagnola auf den Parkplatz einbogen. Da es sich um ein richtiges Hotel handelte, war das aber kein Problem. Die Rezeption ist rund um die Uhr besetzt und im Restaurant nimmt man es ebenfalls nicht so genau bis wann es warme Küche gibt. So läuft neben einem Willkommensbier noch ein 4-Gänge-Tagesmenü rein und wir bestellen ein paar Sandwiches für den nächsten Tag. Das Personal ist im Übrigen ausgesprochen freundlich, was mir an Italien sehr viel besser gefällt als in Frankreich, obwohl wir wenig bis kein Italienisch sprechen.
Karfreitag. Um halb acht sitzen wir beim Frühstück, kommen mit der Servicekraft ein wenig radebrechend ins Plaudern. Der Kaffee ist gut, das Buffet reichhaltig. Die Sonne scheint. Wahnsinnig eilig haben wir es nicht, denn es sind nur noch etwa 2 Stunden bis Alagna. Genug Reserve, um bis Mittag die Bahn nehmen zu können. Das Skigebiet befindet sich noch im regulären Betrieb, weswegen wir auf keine festen Abfahrtszeiten achten müssen. Ich lerne, dass der Karfreitag entgegen meiner Annahme in Italien kein Feiertag ist. Ums Hotel herum herrscht reges Treiben als wir ins Auto steigen und unsere Fahrt fortsetzen. Das letzte Stück durch das Valsesia zieht sich enorm. Fast 60km sind es von der Autobahn über eine kleine Bergstraße nach Alagna im Talschluss. Kurz nach 10 Uhr erreichen wir den Parkplatz wo wir nach dem Kauf eines Parktickets für 3 Tage uns in unsere Bergklamotten schwingen, alles an und in die Rucksäcke packen, was mit muss und in Richtung Bahn wackeln. Schnee gibt es unten keinen mehr. Die Talabfahrt ist geschlossen, was wir aber schon wussten und deshalb zweimal Berg- und Talfahrt bis Punta Indren auf fast 3300m einkaufen. Zack, 80€. Wenn ich daran denke, wie ich am Sonntag schwer bepackt auf mehr oder weniger extrem schlechtem Schnee abfahren müsste, ist es ok, sich das Leben mit der Bahnfahrt zu erleichtern. Spaß macht die Abfahrt unter solchen Umständen meist nicht. Wir steigen in die erste Gondel ein. Dreimal Umsteigen ist notwendig, bis der höchste Punkt fast 2000m weiter oben erreicht ist. Es ist warm. Ich schwitze als ich Platz nehme. Und dann ein Geistesblitz. Gerade als ich sitze und innerlich eine Art Packliste durchgehe, bemerke ich es. Mein karg bestückter Waschbeutel mit dem Rasierzeug drin liegt von der Hotelübernachtung noch im Auto und ist nicht in den Rucksack gewandert. Was für eine Scheiße. Auf eine Zahnbürste könnte ich verzichten, doch ich kann nicht 3 Tage unrasiert wie Rübezahl in Gesellschaft sitzen. Für mich in meiner Situation ein unerträglicher Zustand. Unter normalen Umständen eine Kleinigkeit entwickelt sich für mich zu einer persönlichen Katastrophe. Astrid beruhigt mich. Sie bietet an, den ersten Abschnitt wieder runter zu fahren, um den Beutel zu holen. Hilft ja nix. Ganz schön lieb von meiner Frau. Am Ausstieg angekommen, macht sie sich gleich wieder auf den Weg nach unten. Der nette Mensch an der Bahn lässt sie sogar für Umme wieder runterfahren. Etwa 40 Minuten
später ist sie wieder da. Weil wir gültige Tickets bis Indren und wieder runter haben, musste sie unten nur einmal die Bergfahrt bis zu mir zahlen. Ein Zehner. Na, wenn das alles ist. Obwohl sich in meinem Bauch irgendwie ein Zweifel breit macht, ob wir so ein "Zeichen" beachten sollten? Ich weiß es nicht, verdränge den Gedanken, denn jetzt ist ja alles Paletti. Wir liegen trotzdem gut in der Zeit. Ann meldete sich zwischendurch, dass sie am Passo Salati angekommen sind und in der Bar auf der Terrasse auf uns warten. Ich gebe kurz Bescheid, dass wir ein paar Minuten später oben sein werden. Die beiden sind von Staffal aus hochgefahren, weil dort, wie sie sagt, die Talabfahrt bis zum Auto noch möglich ist und sie sich die Bahn sparen will. Da sich beide Skigebiete am Passo Salati treffen, von wo aus wir gemeinsam die Bahn zur Punta Indren nehmen wollen, ist's fein. Können alle so machen, wie es passt. Astrid und ich steigen in die große Gondel, die uns beim letzten Mal bis zum Passo Salati rauf gebracht hat. Da das Skigebiet im Gegensatz zum letzten Mal noch offen hat, läuft der Hase anders. Die große Gondel fährt nur bis Cimalegna, das letzte Stück bis zum Passo Salati muss mit einem Sessellift zurück gelegt werden. Macht nix. Wir fallen aus der Gondel raus, tun die Ski in den Schnee und steigen drauf. Ich wundere mich. Der rechte Schuh klinkt hinten nicht fest ein. Komisch. Ich versuche es nochmal, drücke die Ferse fest in die Bindung. Die rastet auch kurz ein, doch ich kann danach die Ferse wieder ohne Kraft aus der Bindung heben. Häh? Ich steige nochmal ganz runter, sehe mir die Bindung und den Schuh kurz an. Ich finde auf den ersten Blick keinen Grund, warum es nicht tun sollte. Also nochmal von vorne. Fußspitze in die Pins bis die Backen greifen, dann mit der Ferse hinten rein. Hält nicht. Das gibt es doch nicht. Erst als wir zu zweit die Bindung genau anschauen, stellen wir fest, dass an der Bindung hinten, wo die beiden Stifte herauskommen, die normalerweise die Ferste fest verbinden, etwas ausgebrochen ist. Einer der beiden Stifte lässt sich von Hand bewegen, was normalerweise nicht geht. Ich werde wahnsinnig. Bindung kaputt. Wann soll das passiert sein? Die letzte Abfahrt war vom Glockner runter, wo ich mir sicher bin, dass sie noch funktioniert hat. Nutzt uns jetzt aber nix. Was tun? Mein Bauch ruft, das ist ein Zeichen. Lasst es einfach sein, es könnten blöde Sachen passieren. Welche Möglichkeiten haben wir? Mit einer kaputten Bindung weiter nach oben zu fahren, ist unsinnig. Wir müssen schauen, ob wir unten in einem der Sportgeschäfte jemanden finden, der mir das vielleicht reparieren kann, wenngleich mein Verstand sich meldete und sagte: "Klar. An Karfreitag in einem 500 Seelen Kaff jemanden finden, der Ersatzteile für Dynafit Radical Bindungen rumliegen hat. Oder vielleicht einen Hinterbacken zum Tauschen. Logisch. Kein Problem." Also eher ein aussichtsloses Unterfangen, aber gleichzeitig auch die einzige Chance. Ich gebe Ann Bescheid, entschuldige mich Tausendmal und versichere, dass mir das noch nie passiert ist, doch es gibt keine Alternative. Tolle Show, wenn Frau sich für die erste gemeinsame Tour verabredet hat. Ich schlage vor, die beiden gehen einfach schonmal zur Hütte hoch, während wir schauen, ob wir eine Lösung finden.
Die Lösung beginnt damit, dass wir beide wieder bis runter fahren müssen, denn falls wir das Problem nicht aus der Welt schaffen können, ist die Tour eh beendet. Also, wieder einsteigen, das teure Ticket entwerten und das Glotzen der Bahnleute aushalten, die sich offensichtlich wundern, dass wir schon wieder vorbei kommen. Die Uhr tickt unerbärmlich. Die letzte Bahn rauf fährt irgendwann gegen 15:30Uhr, was bedeutet, das Zeitfenster, das uns bleibt, ist sehr klein. Ann bestätigt derweil, dass sie schonmal in Richtung Hütte aufbrechen. Zu dem Zeitpunkt glaube ich selbst nicht mehr, dass wir uns heute noch sehen werden. Auf dem Weg nach unten finden wir heraus, dass es einen Sportladen mit Skiverleih direkt unten an der Talstation gibt.
Dort stapfen wir rein als wir unten angekommen sind. Ich halte dem ernsten, reserviert wirkendenden aber netten Servicemitarbeiter meinen Ski unter die Nase und frage, ob er sich das mal ansehen kann. Er rafft gleich, was da nicht passt, gibt mir gleichzeitig unmissverständlich zu verstehen, dass er da nix dran flicken kann. Kurze Resignation. Ich gehe die Möglichkeiten durch und rechne überhaupt nicht damit, dass sie in einem Pistenskigebiet so etwas wie Tourenski haben. Ich hätte glatt einfach was Neues eingekauft. Doch dann wirft der nette Herr ein, ich könne Tourenski fürs Wochenende ausleihen. Sie hätten was da. Mit Fellen und so. Ach, schau her. Ich bitte ihn, mir was Adäquates zu zeigen, woraufhin er ins nächste gut sortierte Regal greift und mir einen perfekt passenden Ski in die Hand drückt. Felle gäb's natürlich auch. Ich bin perplex. Das wäre ja eine zwar teure aber einfache Lösung. Und für genau die entscheide ich mich, denn dann sind alle Fragen beantwortet. Astrid bringt meinen Ski zum Auto, während ich einen meiner Stiefel ausziehe, damit die Bindung des Leihskis eingestellt werden kann. Während der nette Herr das tut, fragt er, ob ich Harscheisen dabei hätte. Klar, hab ich. Daran hätte ich gar nicht gedacht. Ich zerre die Dinger aus meinem Rucksack und wir schauen, ob sie dran passen. Prinzipiell passen sie, doch sie sind etwas lapprig und könnten sperren, wenn sie sich verschieben. Kein Problem, sagt der Servicemitarbeiter, rennt ins Lager und kommt mit zwei kleinen Kunststoffklammern zurück. Die kann ich auf den Mittelsteg der Harscheisen drücken, wenn sie an der Bindung sind und schon ist alles fest und bleibt an seinem Platz. Sehr geil. Er sagt mir noch kurz, was der Spaß pro Tag kostet, doch eigentlich ist mir das völlig schnurz.
Mit Leihski in der Hand kaufen wir uns wieder Tickets für die Auf- und Abfahrt mit der Bahn. Da wir noch nicht bis ganz nach oben zur Punta Indren gefahren sind, brauchen wir auch nicht die ganze Fahrt zu zahlen. Nur das Stück nochmal, wo wir die Karten bereits benutzten. Immerhin. Die Leute an den Bahnstationen grinsen, als wir schon wieder raufkommen. Egal. Am Schlepplift angekommen, steige ich das erste Mal auf die Latten. Schuh geht rein, hält, es kann weitergehen. Mit dem Schlepplift eine Station rauf, ein kleines Stück abfahren und ein paar Meter weiter zur letzten Station, die uns bis zur Punta Indren rauf bringt. Die Fahrt in der letzten Gondel zur Punta Indren erinnert mich an unser erstes Mal hier. In der Gondel sind wir fast alleine, der Fahrer ist ein chilliger Typ, es läuft lässiger Blues. So laut, dass wir es von weitem bereits hören können. Ein schönes Déja-vu. Oben ausgestiegen beginnt das Abenteuer. Von hier führt lediglich eine Skiroute wieder in Richtung Tal. Ansonsten startet hier die Wildnis. Das letzte Mal mussten wir eine ziemlich steil wirkende und vereiste Querung zum Anfellplatz zurücklegen, die mich alle Nerven kostete. Dieses Mal ist das anders. Es liegt auffällig wenig Schnee, am Indren-Gletscher schauen Eis-Seracs aus der Fläche. Normalerweise müsste das glatt und alle Spalten zu geschneit sein. Auf unserem Weg geht es zwischen den Felsen hindurch. Die Sonne hat das bisschen Schnee soweit angetaut, dass es ganz gut zum Abrutschen ist. Es gibt mehrere Spuren von denen wir uns eine aussuchen, die uns ganz gut passt und lassen da so lange dran entlang laufen, bis wir an einen Punkt kommen, wo es nur noch bergauf geht und die Felle dran müssen. Zum ersten Mal seit einigen Jahren habe ich wieder mit Klebefellen zu tun. Aber ich bekomme es problemlos hin, die Dinger auf die Latten zu kleben, ohne mich zu verzetteln. Kleben halt, wie die Hölle, ganz im Gegensatz zu meinen eigenen Adhäsionsfellen, die ganz ohne Kleber auskommen. Der Aufstieg zur Hütte beginnt. Weit ist es nicht, doch es geht auf etwa 3200m erst los. Wir sind kein kleines Bisschen akklimatisiert. Vom ersten Schritt an schnaufe ich. Der Schnee ist zunehmend komplett aufgeweicht, was bei den steileren Passagen durchaus auch den Abgang einer Nass- oder
Gleitschneelawine bedeuten könnte. Wir gehen mit Abstand und weichen so gut es geht in die flacheren Bereiche aus. Doch meist geht es auf Schneeresten zwischen den Steinen hindurch. Die Mantova-Hütte kommt schnell in Sicht und direkt dahinter, kaum 200 Höhenmeiter weiter oben, die Gnifetti-Hütte. Beim letzten Mal sind wir aus dem steilen Hang an der Hütte direkt auf die Terasse gelangt. Dieses Mal endet der steile Hang weit unterhalb der Hütte. Auf dem Weg durch die Querung zur Hütte kommt sogar blankes Eis vorbei. Die letzten 40-50 Höhenmeter müssen auf dem versicherten Sommerzustieg zurückgelegt werden. D.h. im steilen Hang die Ski von den Füßen nehmen, auf den Rucksack packen, den kaum vom Boden wegbekommen und dann klettern, um zur Hütte zu gelangen. Obwohl wir nur rund 450 Höhenmeter zusteigen mussten, bin ich fertig für den Tag.
Als wir den Materialraum betreten, melde ich mich kurz bei Ann, dass wir angekommen sind. Kurz drauf treffen wir sie und Nicola zum ersten Mal. Ich glaube, es wird gut. Mein Bauch sagt das auch. Angenehme, ruhige Menschen. Wir pellen uns aus den Stiefeln, verräumen unsere Hardware in die bereitstehenden Boxen und dann erstmal was trinken. Ganz so spät, wie befürchtet, sind wir nicht dran. Es ist gegen 16Uhr, was uns noch Zeit bis zum Abendessen lässt, das Zimmerchen zu beziehen, uns trocken zu legen, zu schnacken, die lose Rolle und einen Flaschenzug aufzubauen, unser Zeug in der Sonne zu trocknen und dann auch mal ein Bier zu trinken. In der Hütte ist es relativ kalt, nur im unteren Gastraum ist ein Ofen befeuert und deswegen verbringen wir dort die meiste Zeit bis es was zu futtern gibt. Gefühlt ist die Hütte maximal bis zur Hälfte belegt, wie auch die eingedeckten Tische im Essraum anzeigen. Gut so. Wir besprechen, wie wir den nächsten Tag gestalten wollen, welche Ziele es gibt, dass wir immer offen ansprechen wollen, wenn was nicht passt. Ab 19Uhr gibt es Abendessen. Wir ziehen in den ersten Stock um, wo eingedeckt ist und serviert wird. Wie üblich auf italienischen Hütten, werden 4 Gänge serviert. Suppe, Pasta, Hühnchen mit Kartoffeln und eine Nachspeise. Es ist lecker. Mit dem Essen kommt wieder Energie rein und ich taue langsam auf. Jetzt ist nur noch der Punkt offen, mich im Gesicht herzurichten, damit ich am nächsten Morgen mich nicht im allgemeinen Getümmel rasieren muss. Eine Tortur. Es steht nur ein wenig eiskaltes Wasser aus einem Bottich zur Verfügung. Die wohlige Wärme nach dem Essen verfliegt innerhalb weniger Sekunden und ich zittere völlig unkontrolliert vor mich hin bis ich soweit hergestellt bin, dass es für den nächsten Tag ok ist. Wieder so ein Punkt, bei dem ich denke, gut dass wir nur zwei Nächte bleiben.
Noch ein Besuch des Stehplumpsklos, die sich in den vergangenen 4 Jahren nicht verändert haben. Ein Graus. Die Kabinen sind halb mit Stahlblech ausgekleidet, mit den Gummischlappen ist es super rutschig. Mein Quatschi sagt, bitte so wenig wie möglich hier hin kommen. Händewaschen: Fehlanzeige. Jetzt kann sich jeder und jede überlegen, was wohl ist, wenn es mehr als 60 Menschen so geht. Solche Gedanken muss ich aktiv verdrängen. Nicht lecker. Doch jetzt geht es ins Bettchen. Ich rechne jedoch nicht damit, dass ich schlafen kann. Die erste Nacht in solchen Höhen ist meist eine ohne viel Schlaf und so wird es auch. Der Puls hämmert vor sich hin. Wenigstens haben wir ein Zimmer zu viert und müssen nicht im Massenlager liegen. Ich nehme wahr, dass alle wenig schlafen und immer wieder wach liegen. Ruhen ist das Stichwort. Verabredet ist, dass wir um 5 Uhr aufstehen wollen und bis zum Frühstück gegen 5:45Uhr alles soweit vorbereitet haben, dass wir nach dem Frühstück sofort losgehen können. Die Nacht zieht sich. Ich dämmere immer mal wieder weg, träume komische Sachen, liege aber den größten Teil wach rum. Als der Wecker sich meldet, frage ich mich, wie
jedes Mal, warum tue ich mir das eigentlich an. Es wäre so schön zu Hause im Kuschelbett ohne Wecker. Doch es wartet ein Tag voller neuer Eindrücke auf mich. Ich muss raus, ich will den Schnee knirschen hören. Im Frühstücksraum sind wir eine der ersten Seilschaften. Besonders erwähnenswert ist das Frühstück nicht. Eher karg. Trockenes Brot, Wurst, Käse und Pulverkaffee. Ein Kanister mit Marschtee ist aufgestellt. Wir füllen unsere Thermosflaschen und dann geht's auch schon nach draußen. Ein paar Sachen aus dem Rucksack können in der Hütte bleiben, wo wir am Nachmittag wieder hin kommen. Alles andere muss mit. Viel leichter ist er dadurch nicht geworden, doch wenn er mal auf den Schultern ist, geht's irgendwie. Die Ski müssen auch drauf, denn von der Hütte müssen wir erst ein paar Meter über einen versicherten Steig auf den Gletscher absteigen, bevor wir auf den Brettern am Seil anschieben können. Die als etwas kritisch eingeschätzte Spaltensituation, die wir selbst noch nicht in Augenschein nehmen konnten, erfordert, dass wir auf jeden Fall zu viert am Seil aufsteigen wollen. Ob wir dann auch so abfahren müssen, werden wir sehen. Hängt davon ab, wie die Situation wirklich ist und wo sich die Temperaturen am Tag so hin entwickeln. Im Moment ist es arschkalt. Obendrauf kommt ein Nordwind, der es nicht angenehmer macht. Alles um uns herum ist bockhart gefroren, weswegen wir uns dazu entschließen, auch gleich die Harscheisen ran zu tüddeln. Geht sich zwar nicht so schön, weil die Ski schlecht bis gar nicht über den Schnee geschoben werden können, doch bei eisigen Verhältnissen gibt es mehr Sicherheit, dass die Ski nach dem Belasten auch dort bleiben, wo frau sie hingesetzt hat.
Ich bin überrascht, wie gut wir am Seil funktionieren. Dass Schlappseil keine gute Idee ist, haben alle verstanden und auch die Spitzkehren in den etwas steileren Abschnitten machen kaum Probleme. Läuft. Astrid geht voran und macht ein gutes Tempo. Nicht zu schnell aber auch nicht zu langsam. Einige Spalten sind zu queren, doch die Brücken schauen nicht zu schwach aus. Nach dem ersten Anstieg an der Vincentpyramide vorbei wird es etwas flacher. Das Balmenhorn kommt in Sicht, die Spalten werden weniger und bald sind keine mehr erkennbar. Leider hat der Wind deutlich zugenommen nachdem wir aus dem ersten Absatz oben ausgestiegen sind. Bis wir die ersten Sonnenstrahlen abbekommen, vergehen gut zwei Stunden. Die sind bloß nicht so warm, wie ich mir das vorgestellt habe. Der Wind macht nahezu alles zu Nichte. Überraschend schnell erreichen wir einen Ausläufer der Ludwigshöhe, wo wir halbrechts zur Parrotspitze abbiegen und Kurs auf die Spur hinauf zur Signalkuppe nehmen. Irgendwo auf diesem Abschnitt komme ich auf die bescheuerte Idee, ein Foto schießen zu wollen, weswegen ich kurz meinen dicken Handschuh ausziehen muss. Innerhalb weniger Sekunden weicht jedes Gefühl aus der Hand. Ich beeile mich, stecke sie sofort wieder in meinen dicken Skihandschuh. Doch der Wind hat bereits zugeschlagen. Es dauert fast bis ins Seserjoch, bis das Gefühl zurück kommt und damit die Auftauschmerzen da sind. Mir kommen fast die Tränen, weil es so weh tut. Nicht wieder tun. Im Seserjoch ist es fast windstill, was der Sonne etwas Auftrieb verschafft. Wir halten kurz, um was zu futtern. Ich habe dafür allerdings keinen Sinn und kümmere mich stattdessen um meine halberfrorene Hand. Der Schmerz lässt langsam nach. Es sind noch etwa 350 Höhenmeter bis zum Gipfel der Signalkuppe mit der Capanna Regina Margherita oben drauf, die seit einiger Zeit gut zu sehen ist. Das Seil spannt sich, wir gehen weiter. Der nächste Aufschwung wartet. Jeder Schritt fällt schwer. Im Seserjoch sind wir knapp unter 4300m hoch und fast ohne Akklimatisierung ist das schon viel. Immer mehr Seilschaften treffen hier zusammen. Manche kommen von der Monte Rosa Hütte hoch, die meisten haben die Signalkuppe zum Ziel, weil es schon irgendwie einer der markantesten Punkte in der Gegend ist. Beim Einbiegen in Richtung Colle Gnifetti, der Senke zwischen
Zumsteinspitze und Signalkuppe, wird der Wind noch ein bisschen unerträglicher. Die Böen sind stark. Ich muss mich richtig dagegen stemmen. Ein Blick auf den Anstieg zur Zumsteinpitze, die wir ebenfalls noch auf dem Plan hatten, verrät, dass die Bedingungen dort nix für uns sind. Normalerweise geht's über ein halbwegs steiles Schneefeld mit ein paar Felsen am Ende zum Gipfel. An diesem Tag ist es eine einzige, dem Wind volle Kanne ausgesetzte, Eisflanke. Ein paar Seilschaften kann ich erkennen, die vom Skidepot am Fuß des Grates losgegangen sind. Alle drehen wieder um und kommen zur Signalkuppe zurück. Während unserer gesamten Zeit an der Signalkuppe sah ich niemanden, der auch nur in die Nähe des Gipfels gekommen wäre. Unsere Entscheidung fällt ebenfalls zunächst nur für die Signalkuppe. Auch die ist ein einziger Eiskegel. Mit Ski geht dort niemand rauf. Alle machen unten Depot und gehen auf Steigeisen weiter die steile Spur übers Eis hinauf. Beim Depotmachen müssen wir drauf achten, dem Wind keine Angriffsfläche zu bieten. Ski, Stöcke, Seil müssen sehr ordentlich hinter gefrorenen Schneeschuppen verstaut werden, damit bloß nix weg fliegt. Und bloß keine Handschuhe ausziehen, um die Steigeisen anzulegen. Lieber ein bisschen Gefummel als nochmal solche Schmerzen. Als wir alle soweit sind, beginnen wir die letzten Höhenmeter Aufstieg zum Gipfel. Jeder Schritt ein Schnaufer. So hoch bin ich unakklimatisiert noch nie gewesen. Weil der partielle Sauerstoffdruck exponentiell abnimmt, machen hier ein paar hundert Höhenmeter echt was aus. Am Gipfel der Signalkuppe hat er sich im Vergleich zum Meeresniveau fast halbiert. Doch allen Zweifeln zum Trotz schaffen wir es und dürfen an diesem besonderen Ort ein wenig Zeit verbringen. Die Hütte ist im Winter nicht bewirtschaftet, doch es ist möglich, hinein zu gehen und so wenigstens für ein paar Minuten dem Wind zu entgegen, um was zu essen und zu trinken und sich mal kurz zu setzen. 5 Stunden brauchten wir von der Gnifettihütte bis hierher für die rund 1000 Höhenmeter. Für unseren Zustand ist das gar nicht so übel. Wir sind gut in der Zeit, denn wir wollen ja noch andere Gipfel an diesem Tag machen. Meine Einschätzung zur Zumsteinspitze wird von den anderen geteilt. Sie ist keine Option für heute. Wir wollen uns die Parrotspitze auf dem Weg zurück anschauen. Dort haben Ann und ich in der Südostflanke eine Spur im Schnee gesehen, die machbar ausschaute. Nach kurzem Aufenthalt steigen wir über den steilen Eispfad von der Signalkuppe runter zum Skidepot und beginnen dort unsere Abfahrt. Die Spaltensituation, da sind wir uns in der Gruppe einig, erlaubt ein seilfreies Abfahren. Seit dem Balmenhorn ist nichts mehr vorbei gekommen, was eine Abfahrt am Seil notwendig machen würde. Da bin ich schonmal erleichtert, denn ich habe nun das Vergnügen, auf mir völlig unbekannten Leihski abzufahren. Geht aber überraschend gut und auch der Schnee auf dem Gletscher ist von der Sonne soweit angetaut, dass er mir keine nennenswerten Probleme macht. Ganz im Gegenteil, es läuft richtig gut und macht Spaß.
Zurück im Seserjoch müssen die Felle wieder auf die Ski für den Gegenanstieg in Richtung Parrotspitze hinauf. Die Harscheisen können im Rucksack bleiben. Der Schnee ist nicht mehr so eisig hart gefroren, wie noch kurz zuvor als wir das erste Mal hier durchgekommen sind. Geht sich gleich viel leichter. Wir biegen zwischen Ludwigshöhe und Parrotspitze zum Piodejoch ein, die Spur hinauf auf den Gipfelgrat der Parrotspitze ist gut zu sehen. Andere Menschen laufen gerade hoch. Es ist steil, doch der Schnee macht einen griffigen Eindruck. Astrid hat kurz Zweifel, ob sie das konditionell schaffen kann. Ich mache mir da keine Sorgen. Es sind nur etwa 150 Höhenmeter zum Gipfel, die Spur ist gut, Zeitnot haben wir keine, wir müssen eben ein bisschen langsam machen. Außer dem erwarteten schmalen Gipfelgrat sehe ich keinen Grund, warum das nicht gehen soll. Wir versuchen es. Astrid geht voran, ich steige dicht auf ihren Fersen nach. Mit Pickel und Wanderstock bewaffnet, seilfrei. Es ist anstrengend.
Alle paar Stufen verschnaufen wir, an umkehren denkt nach den ersten Metern aber niemand mehr, weil es uns nicht vor unlösbare Probleme stellt. Und so steil, wie es von weitem aussah, ist es nicht. Vielleicht 45° in gutem, festem Schnee. Auch der Gipfelgrat ist lange nicht so ausgesetzt, wie ich befürchtete. Ein breiter Trampelpfad im Schnee, der ein paar mal die Seite wechselt. Also stolpern oder rutschen ist natürlich keine Option und auch auf den Wind ist Acht zu geben. Es geht rechts und links schon ganz schön abwärts, aber alles nicht so dramatisch. So erreichen wir Gipfel #2 für heute. Die Parrotspitze mit 4438m. Ich freue mich, denn dass es so gut geht hatte ich nicht erwartet. Der Wind macht's nicht gemütlicher dort oben, weswegen wir uns nicht lange aufhalten. Gipfelfoto und wieder runter. Geht sogar vorwärts ohne Wackler. Kann also nicht so steil gewesen sein. Mein Knie mit der geflickten Sehne meldet sich beim bergab gehen. Dem gefällt so etwas natürlich überhaupt nicht und ich frage mich, wie lange es wohl noch dauern wird, bis solche Abstiege wieder ohne komisches Gefühl im Bein gehen. 10 Monate genügen anscheinend nicht. Nach diesem Abstecher ist für mich der Gipfelhunger gestillt. Nicht zuletzt auch wegen meinem Knie. Die restliche Abfahrt kostet mich noch viel Kraft und auf dem Weg liegt nur noch das Corno Nero, auf dem Astrid und ich noch nicht gewesen sind. Bereits beim Vorbeistapfen morgens habe ich mir die glänzende Flanke angeschaut, in der keine Spur erkennbar war. Eine Eiskletterroute. Astrid und ich wären dafür ausgerüstet, nur Motivation ist keine mehr da. Wir sind uns in der Gruppe einig, dass es gut ist für heute und wir zur Hütte zurück wollen. Steigeisen aus, Felle runter, alles verräumen, auch das Seil, das Astrid sich auf den ohnehin schon schweren Rucksack packt, denn mindestens bis auf Höhe der Vincentpyramide können wir seilfrei abfahren. Ich bot an, dass ich das Seil nehme, denn das ist schon eine nicht zu unterschätzende Zusatzlast und Astrid geht's mit ihrem Knie nicht viel besser als mir. Sie lehnt ab. Ich werde mich später nochmal antragen, es zu übernehmen.

Um keinen Gegenanstieg mehr zu haben, rutschen wir ein Stück durchs Piodejoch durch und hinten Richtung Ludwigshöhe wieder etwas hinauf, können dann an der Flanke der Ludwigshöhe entlang und um sie herum laufen lassen. So gelangen wir in die Abfahrt, die uns zur Gnifetti-Hütte zurück bringt, ohne dass wir nochmal auffellen müssen. Ab da merke ich, wie der Untergrund wieder eisiger und das Skifahren für mich anstrengender wird. Es geht an Balmenhorn und Vincentpyramide vorbei abwärts. Wir entscheiden, weiter ohne Seil zu bleiben. Eine größere Spalte müssen wir in zwei weiten Bögen umfahren, doch dort ist die Aufstiegsspur unverkennbar zu sehen und eine sehr gute Orientierung. Von hier geht's in einer Querung zum letzten etwas steileren Hang. Die Querung ist mit mit kleinen Schneegraten quer zur Fahrtrichtung gespickt. Ich mache langsam, versuche, die Sache unter Kontrolle zu behalten, als Astrid an mir vorbei brettert und über zwei der kleinen Grate springt. Ups, ob das Absicht war? Nicht ganz, wie ich lerne. Aber es ging gut. Der letzte etwas steilere Hang hinunter an der Vincentpyramide vorbei macht keine größeren Probleme. Ein Spaltenloch kommt vorbei. Es ist so offensichtlich, dass umfahren kein Problem ist. Alles andere sind nur kleinere Risse im Eis, die gerade überfahren werden können. Ann meint, sie kenne den Weg, da sie tags zuvor
anderen zugeschaut hat, doch sie ist so schnell weg, dass ich nicht hinterherkomme. Macht nix. Ich weiß selbst, wo es lang geht. Stürzen ist keine Option, weswegen ich lieber meinen eigenen Weg finde, den ich auch beherrschen kann. In Hüttennähe wird der Schnee wieder eisiger und etwas harschig. Meine Kräfte und Konzentration gehen zur Neige und damit auch die Koordinationsfähigkeit. Ich mache bewusst langsam. Mit den Leihski bin ich ganz gut zurecht gekommen. Fast besser als mit meinen eigenen. Ich überlege, ob ich beim Zurückgeben mal fragen soll, ob sie sie mir grad verkaufen. Ich behalte den Gedanken im Hinterkopf. Wir sind an der Hütte zurück. Etwa 9 Stunden lang waren wir brutto, d.h. mit allen Pausen und Umrüstaktionen, unterwegs und zwei für uns neue 4000er gingen sich aus. Finde ich gut. Es ist kurz vor 16Uhr, noch etwa 3 Stunden Zeit bis zum Abendessen. Zeit, die wir nutzen, um unser Zeug in Sonne und Wind zum Trocknen zu hängen, ein Gipfelbier zu trinken und noch etwas Schlaf nachzuholen, was mir jedoch nicht gelingt. Mehr als vor mich hin dämmern geht nicht.
Als ich da so rumliege denke ich über den nächsten Tag nach. Ann und Nicola wollen aufs Balmenhorn die große Statue besuchen und auf die Vincentpyramide. Astrid und ich waren dort schon. Mich würde nur noch das Corno Nero interessieren. Der Antrieb, morgens nochmal den gleichen Weg hochzusteigen, ist bloß ganz schön klein. So richtig Lust habe ich da keine zu. Beim Abendessen besprechen wir die weiteren Pläne. Nach dem, was wir heute über die Spaltensituation gelernt haben, habe ich kein schlechtes Gewissen, wenn Ann und Nicola alleine losziehen, was beide auch bestätigen. Es hat sich nicht so dramatisch und gefährlich dargestellt, wie vermutet, wenngleich wirklich außerordentlich wenig Schnee liegt. Astrid und ich würden lieber am nächsten Morgen etwas länger liegen bleiben und im Laufe des Vormittags den Weg zurück zur Bergstation Punta Indren angehen, wenn die Sonne den Schnee hoffentlich etwas aufgeweicht hat. Offen wäre zwar noch die Punta Giordani, was optional per Gratabstieg über die Vincentpyramide möglich wäre, doch wir kennen den Grat nicht und erwarten bei den vorherrschenden Bedingungen, dass er wahrscheinlich recht anspruchsvoll ist. Alternativ könnten wir diese Spitze auch vom Rückweg zur Seilbahn aus angehen. Es müssten etwa 750 Höhenmeter rauf und runter gestiegen werden. Allerdings sah der Gletscher dort hinauf nicht gerade sexy für eine Skitour aus. Viele Spalten auf einer Seite und steile, eisige Abschnitte auf der anderen. Die Motivation hält sich bei Astrid und mir in Grenzen. Innerlich habe ich irgendwie an dem Abend mit Skibergsteigen abgeschlossen und bin froh, wenn ich die grauselige Hütte hinter mir lassen kann. Wie dem auch sei, wir sind uns an dem Abend einig, dass sich unsere Wege am nächsten Morgen trennen werden, doch alle sind damit d'accord. Das ist wichtig. Ann gibt überraschender Weise noch eine Runde Gipfel- und Geburtstagsschnaps aus. Damit kommt sozusagen ein Stempel auf unsere erste gemeinsame Bergtour. Mit der Entscheidung, am nächsten Morgen abzusteigen, kommt in mir ein wenig Entspannung auf, obwohl ich weiß, dass die Abfahrt ganz schön mühselig werden könnte. Der Hang von der Hütte weg nach unten ist völlig zerfahren und morgens hart gefroren. Ich hoffe, die Sonne kommt früh genug ums Eck.
Ann und Nicola machen sich am nächsten Morgen alleine auf den Weg. Eilig haben sie es nicht, denn der Aufstieg zum Balmenhorn ist mit etwa 2 Stunden überschaubar lang. Astrid und ich krabbeln etwas später aus den Kojen, gerade so, dass wir bis 7:30Uhr das Ende der Frühstückszeit noch erwischen. Sich nicht beeilen und zu nachtschlafender Zeit raus zu müssen, ist auch mal fein. Es ist schließlich Ostersonntag. Nach dem Frühstück räumen wir unser Zimmerchen leer und beginnen, unser Geraffel zusammen zu packen. Es muss wieder alles mit runter. Wir schauen mal kurz raus auf den Abfahrtshang. Zwar scheint die Sonne
schon drauf, doch es ist noch sehr kalt. Also hocken wir uns nochmal für ein Weilchen in den geheizten Gastraum und warten einfach noch ein bisschen ab. Kurz nach 9 Uhr werde ich immer hibbeliger und will aufbrechen. Ich glaube, wir müssten bis weit nach Mittag warten, bis der Schnee so ist, dass auch ich darauf abfahren kann, ohne mir den Hals zu brechen. Das ist aber zu lang. Mit einem einigermaßen frühen Aufbruch bestünde die Möglichkeit, abends in unserem Dorfgasthof noch was zu bekommen, was ganz schön nett wäre. Und so steigen wir hinter der Hütte nochmal ab auf den Gletscher mit dem Plan, in einem weiten Rechtsbogen die Hütte zu umfahren und so den steilsten Ecken zu entgehen. Wenn wir den Sommerweg vorne genommen hätten, hätte die Fahrt damit begonnen, einen etwa 40° steilen Hang auf Eis queren zu müssen. Eine blöde Idee. So ging es ganz gut, obwohl an schönes Skifahren trotzdem nicht zu denken war. Mehr quer abrutschend als Schwünge zu fahren überwanden wir den größten Teil des Hangs bis wir weiter unten in felsiges Gelände kamen, wo die Sonne noch nicht rein geschienen hat. Ab hier war für mich die Fahrt auf den Ski sowieso beendet. Ich bat darum, dass wir auf unseren Füßen weiter gehen, was wir dann auch taten. Ski auf den Rucksack und auf den Skistiefeln ohne Steigeisen weiter. Ging ganz gut und so weit ist der Abstieg mit ab da vielleicht noch knapp 300 Höhenmetern nicht. Bis an die Stelle, wo wir im Hüttenzustieg die Felle drauf taten, gingen wir nun durch felsiges Gelände zu Fuß in kurzer Zeit. Dann für den Rest des Weges bis zur Bergstation kamen nochmal die Felle drauf. Zack, zurück in der Zivilisation. Gut zu erkennen an der lauten Musik, die aus der großen Gondel drang. Es war wieder der gleiche Fahrer wie vor zwei Tagen, der uns exklusiv eine Station weiter nach unten brachte. Irgendwie eine witzige Begebenheit, dass wir das Skibergsteigen dort mit guter Blues- und Rockmusik verbinden, weil sie einem überall begegnet. Unten angekommen steigen wir ein kurzes Stück auf den Fellen den Ziehweg entlang bis zur nächsten Bahnstation auf. Statt am Passo Salati auf knapp 3000m, wo wir nun waren, in den Sessellift zu steigen, entschließen wir uns dazu, bis zur nächsten Gondel auf einer blauen Piste abzufahren. Die ist oberflächlich schön angetaut und lässt sich selbst mit dem schweren Rucksack super fahren. Ein kleiner Glücksmoment. An der nächsten Gondel endet mangels Schnee die Abfahrt durchs Skigebiet. Bis nach Alagna hinunter fahren wir mit der Seilbahn. Unterwegs schnacken wir noch ein wenig mit einem jungen Burschen, der die Gondel fährt. Er findet auch, dass es die letzten Jahre immer weniger Schnee im Winter hat und in der Folge die Bedingungen immer anspruchsvoller werden.
Zurück an der Talstation in Alagna bringe ich meine Leihski zurück. Die Frage, ob sie mir den Ski grad verkaufen würden, verneinte die nette Mitarbeiterin leider. Sie würden kein Leihmaterial verkaufen. Schade. Ich bin wirklich gut damit zurecht gekommen. Der Ski war ein bisschen kürzer und schmäler als mein eigener, was ihn schon mal leichter macht und auch die einfachere Konstruktion der Bindung, die dadurch ebenfalls leichter ist als meine, hat mir gut gefallen. Dafür freue ich mich, dass sie mir nur zwei statt drei Tage berechnet und die Rechnung nicht ganz so hoch ausfällt. Das Wochenende war eh schon teuer genug mit den ganzen Bahnfahrten am Karfreitag, von den Hüttenpreisen ganz zu schweigen. Doch das ist ja vorher bekannt und ich bin der Meinung, dass ein klein wenig Komfort in solch einer Höhe selbstredend ihren Preis hat. So, Tour fertig. Zurück am Auto scheint schön die Sonne als wir uns für die Heimfahrt umziehen. Eine Wohltat. Es ist erst gegen halb eins und wir realisieren, dass es mit dem Dorfgasthof was werden könnte. Mit nur einem längeren Stau kurz vor der Grenze bei Chiasso in die Schweiz verlief die Fahrt deutlich entspannter als am Gründonnerstag und wir schafften es tatsächlich sogar mit einer schnellen Dusche zu Hause
gegen 19:30Uhr in den Wangerstuben in Oberostendorf am Tisch zu sitzen und uns auf die beiden neuen 4000er, die Signalkuppe mit der Capanna Margherita und der Parrotspitze zu zu prosten. Perfekt.