Überschreitung Hoher Dachstein, 2995m, 12.-13.06.2020

Es gibt im Hause Astrid & Milla eine ziemlich lange Wunschliste, was an Bergen und Touren noch so zu tun ist. Diese Liste wird naturgemäß ständig erweitert, denn es biegen ständig interessante Unternehmungen um die Ecke. Auf den Hohen Dachstein zu gehen, ist mir allerdings bisher nicht eingefallen. Ich kannte ihn vom Hörensagen und es ist bestimmt auch schon mal ein Beitrag zum Berg irgendwo aufgetaucht. Ihn zu besteigen war nicht in meinem Fokus. Nun. Manchmal kommt alles anders. Ich weiß gar nicht mehr, wer den Vorschlag gemacht hatte. Ursprünglich planten wir für das lange Wochenende um Fronleichnam die Überschreitung der Marmolata über ihren höchsten Punkt, die Punta Penia, zusammen mit Alex und Manuel. Die Fahrt über die Grenze nach Italien war jedoch wegen der COVID-19 Maßnahmen nicht möglich. Oder zumindest nicht fest planbar. Also musste ein anderes Ziel gefunden werden. Nachdem Österreich offiziell vor dem 15. Juni seine Grenzkontrollen abbaute, wurde der Weg wieder frei, ungehindert mit Bergabenteuern in Österreich planen zu können. Und so kam es, dass der höchste Berg Oberösterreichs in den Blick kam. Die "normale" Planung für Hobbybergsteiger_innen geht von einer Viertagestour mit 3 Übernachtungen in Simony-, Seethaler- (=Dachsteinwarte) und Adamekhütte aus, wenn eine Überschreitung geplant ist. Dass das bei uns nicht in Frage kommt, wurde mehrere Bedingungen verursacht:

Zeit und Weg der Etappen erschienen uns zu kurz, um sie mit Übernachtungen unterbrechen zu müssen. Mit Zuhilfenahme der Krippensteinbahn von Obertraun aus wären alle Etappen bis zur Adamekhütte nie länger als 3 Stunden gewesen. Was tut frau den Rest des Tages? Also kürzten wir auf zwei Übernachtungen, indem wir am Starttag bis zur Seethaler Hütte aufsteigen. Mit Pause an der Simonyhütte sind das etwa 6 Stunden Gehzeit. Weil wir auf der Seethaler Hütte für den Fronleichnamstag keine Übernachtung bekommen konnten, schoben wir die Tour um einen Tag nach hinten. Gutes Wetter war jedoch nur für Freitag und Samstag vorhergesagt. Sonntag sollte es im Verlauf des Tages immer mehr Niederschlag und Wind geben. Dieser Umstand führte zu der Entscheidung, den Abstieg am Sonntag von der Adamekhütte möglichst kurz zu halten und von dort in der Folge nicht bis zur Simonyhütte zurück zu gehen, sondern nach Gosau runter. Damit waren Start und Ziel unterschiedlich. Geht aber. Wir stellten uns auf einen Abstieg im Regen ein, können dafür aber die Tour in 3 Tagen machen und die zur Verfügung stehende Zeit reicht aus.

Manuel kümmerte sich um die Übernachtungen auf den Hütten. Die haben diesen Sommer entsprechende Maßnahmen zum Schutz vor dem Virus einzuhalten. Eine davon lautet: Sie stellen weder Decken noch Kopfkissen zur Verfügung. Ein eigener Schlafsack ist mitzubringen. Also ein richtiger. Wenn frau nicht frieren will, ist der sonst übliche Hüttenschlafsack aus Baumwolle oder Seide alleine nicht ausreichend. Blöd. Mir fallen unsere 25 Jahre alten Kunstfaser-Knacktüten ein, die ich mit in die Ehe gebracht habe, von denen einer etwa 2,5 kg wiegt und verpackt etwa nochmal so groß ist, wie der Hochtourenrucksack. Das geht gar nicht. Was tun? Meine Frau und ich beginnen damit, mal zu schnorcheln, was Daunenschlafsäcke so können und kosten. Die sind auf jeden Fall leichter als Kunstfaser und haben trotzdem bessere Wärmeeigenschaften. Tja, und teurer sind sie auch. Wer hätte es gedacht. Eine Ausgabe, die ich so nicht eingeplant hatte. Früher oder später wären wir nicht drum herum gekommen. Es sind ja noch mehr Touren im Hochgebirge für diesen Sommer geplant und alle Hütten werden ähnliche Richtlinien zu befolgen haben. Viel Platz ist wenig im Rucksack und das Gewicht kann ebenfalls nicht beliebig nach oben geschraubt werden. Es muss ein Schlafsack unter einem Kilo sein. Der Komfortemperaturbereich kann im Bereich um die +5° liegen. Viel kälter dürfte es in den Hütten nicht werden und mehr können die alten Kunstfaserschlafsäcke auch nicht. Am Ende des Tages bleiben zwei Kandidaten übrig. Die Entscheidung fällt für etwas mehr Komfort mit durchgehendem Reißverschluss und etwas mehr Breite oben rum. Weil die Zeit drängte und eine Bestellung nicht rechtzeitig eingetroffen wäre, regelten Astrid und Alex die direkte Abholung beim Versender. Alex konnte das mit einer ihrer beruflichen Fahrten verbinden. Und so hatten zum Start der Tour alle Teilnehmer_innen das gleiche Schlafsackmodell. Leicht, kuschelig, warm. Ob im Rucksack verstaubar, muss sich noch zeigen.

Am Fronleichnam-Morgen noch eine schnelle Runde auf dem Radl durch den Matsch, dann tuckern Astrid und ich los nach Saalfelden. Mein Rucksack ist bloß schon voll. Ich habe keine Ahnung, wie da noch der neue Schlafsack reinpassen soll. Am Material konnten wir ein wenig sparen, weil wir zu viert am Seil sind. Aber das macht die Kuh auch nicht fett. Wir kommen an und machen Bekanntschaft mit der neuen Errungenschaft. In den Beuteln zum Lagern der Säcke sieht das ganze ziemlich groß aus. Skepsis. Leicht ist er auf jeden Fall schon mal. Aber so groß. Ich ziehe meinen Schlufelsack aus dem Beutel raus und booooaaaahhhhh.... ist das kuschelig. Der Wahnsinn. Ich bemerke einen weiteren, viel kleineren Beutel, der am Sackerl hängt. Das wird wohl der Kompressionsbeutel sein. Mein erster Gedanke: "Da passt doch dieser riesige Schlafsack im Leben nicht rein." Ich täuschte mich. Klar passt der da ganz rein. Und dann kann frau ihn sogar noch weiter zusammendrücken. Irre. Aber irgendwie ist er dann immer noch zu groß, um ihn im Rucksack zusammen mit den ganzen anderen Dingen zu verstauen. Deswegen komme ich erst gar nicht auf die Idee, ihn innen rein zu packen, sondern schaue, wie ich ihn außen befestigen könnte. Gefällt mir alles nicht. Wir haben Kletterpassagen auf der Tour. Mit einem Schlafsack oben auf dem Deckel kann ich nicht mehr nach oben schauen. Und hinten oder an der Seite rantüddeln mag ich auch nicht. Dann wird die Kiste zu tief oder zu breit. Mmmhhh.... Rucksack auf. Ich räume aus und um, merke, dass der Beutel prinzipiell reinpasst. Wenn ich die Thermoskanne weglasse, bekomme ich alles rein. Inklusive 2 Liter Wasser im Camelback. Passt also irgendwie. Die Thermoskanne bleibt für diese Tour unten. Dann geht's. Alle anderen bekommen das auf ähnliche Weise geregelt. Es bleibt nichts essentielles auf der Strecke.

Am nächsten Morgen geht es los. Ziel 1: Der Talschluss in Gosau am Vorderen Gosausee. Dort lassen wir ein Auto stehen. Der Plan sieht vor, dass wir dort am Sonntag gegen Mittag unseren Abstieg von der Adamekhütte beenden. Ich bin schon wieder fürchterlich aufgeregt. Die Beschreibungen im Netz lassen darauf schließen, dass der Hohe Dachstein eine Touristentour ist. Die allermeisten Aspiranten und Aspirantinnen fahren mit der Seilbahn von der Schladminger Seite auf den Hunerkogel hoch, laufen etwa eine Stunde über einen präparierten Weg mehr oder weniger flach zur Dachsteinwarte und steigen von dort in einer weiteren Stunde entweder über den Klettersteig an der Ostschulter zum Gipfel ein oder gehen zum Randkluft-Klettersteig und gehen von dort zum Gipfel. Aufstieg=Abstieg. Auto ist abgestellt. Wechselkleidung für alle ist darin deponiert. Der Parkplatz ist gerammelt voll. Ich lerne, dass es in der unmittelbaren Nähe mehrere, wohl äußerst beliebte Klettersteige gibt. Naja, wem's gefällt. It's not my business. Auf zu Ziel 2. Wir fahren weiter in Richtung Obertraun zur Talstation der Krippensteinbahn. Touristisch alles perfekt erschlossen warten Mammutpark und Eishöhle, Wanderwege und Klettersteige auf die Touristen. Es ist noch überraschend leer. Die erste Bahn fährt bereits. Wir steigen in die Bergstiefel und machen zum Ticketschalter. Zwei Zahlstellen sind offen. Alex und Manuel erwischen die linke mit einer sehr netten und zuvorkommenden Stimme hinterm Glas. Astrid und ich nehmen die andere Kasse mit einer offensichtlich mürrischen und angenervten Frau hinterm Schalter. Wir brauchen jeweils zweimal nur die Bergfahrt bis ganz oben hin. Die nette Frau links erkundigt sich nach unserem Vorhaben und vergewissert sich, dass wir mit Schnee und Eis und der Höhe klar kommen. Was für eine nette Überraschung. Mit einem Ohr hören wir, dass Manuel höflich nach Rabattmöglichkeiten wegen seiner Mitgliedschaft beim österreichischen Automobilclub und/oder des österreichischen Alpenvereins fragt und nach der Erwähnung, dass wir am Berg übernachten, wurde das auch bejaht. Wie gesagt, zweimal zwei Bergfahrten. Alex und Manuel rechnen ab. Kurz darauf am Schalter nebenan werden wir zur Kasse gebeten. Die Beträge unterscheiden sich. Wir fragen nach und werden patzig abgewiesen: Hier gibt es keinen Rabatt. Ähm, aber nebenan schon. Das könne nicht sein. Sie beginnt mit ihrer Kollegin zu streiten. Das Ende vom Lied: Alex und Manuel zahlen nach. Priml. Ein echter Touristen-Hotspot. So wird es sicher gut mit der One-Way-Kundschaft. Wer weiß, was der Gutsten an dem Tag schon über die Leber gelaufen ist.

Wir steigen ein. Zweimal müssen wir in die jeweils nächste Bahn umsteigen. Bereits beim ersten Umstieg gibt es eine Verzögerung. Ein technisches Problem. Sie hätten es jedoch im Griff. Nun gut. Kann passieren. Ich schaue auf die Uhr. Wir sind bereits etwas hinterm Plan. Es vergehen 5 Minuten, 10 Minuten, 15 Minuten. Der Rucksack ist schwer. Dann lautes Geklapper. An der Schlange der Wartenden vorbei wird ein Gitterwagen geschoben. Bier, Gemüse, usw. Das technische Problem, denke ich. Das Zeug ist nicht rechtzeitig vor den Touris hochgekommen. Wir steigen mit dem Bierfass in die Gondel. Auf geht's, weiter nach oben. Auf dem hohen Krippenstein steigen wir noch einmal um und sind nach ein paar Metern weiter unten an der Endstation in der Nähe der Gjaidalm. Die Simonyhütte ist ausgeschildert. Es gibt mehrere Möglichkeiten. Wir nehmen die zeitlich kürzeste über den Weg 654/650 vorbei an der ehemaligen Kaserne Oberfeld. Dreieinviertel Stunden sind angeschrieben. Es ist überraschend warm. In Anbetracht dessen, dass wir jetzt etwa 6 Stunden gehen müssen und wir schon fast eine Stunde später dran sind, als gedacht, gehen wir zügig los. Weil es so viele Wanderwege gibt, stehen an jeder Kreuzung oder Gabelung viele Schilder. Lesen, verstehen, handeln. Wir gehen stets der 650 nach. Ich wundere mich bloß, dass die angegebenen Zeiten für den Restweg zur Hütte rasant kürzer werden. Fein, denke ich, dann sind wir wohl doch nicht so langsam und holen wieder etwas Zeit rein. Die ersten zwei Stunden machen wir allerdings keine Höhe. Der Weg zwischen Latschen und über Altschneefelder steigt zwar immer mal wieder an, doch im gleichen Rythmus geht es auch wieder nach unten. Nettoanstieg: Nur wenige Meter. Die Hütte kommt in Sicht. Etwa zeitgleich passieren wir einen Wegweiser, der die Restzeit mit 1,5 Stunden angibt. Ich schaue hoch zur Hütte, schaue auf das Schild. Beamen geht nicht. Datenmenge zu groß. Also um die Zeit zu schaffen, müsste frau fast fliegen können. Aber wer weiß. Vielleicht kommt eine Art Wurmloch vorbei. Wir gehen weiter. Der Weg beginnt anzusteigen. Wird auch Zeit. Es ist stellenweise recht steil. Hin und wieder müssen die Hände mit an den Fels. Wir legen eine kleine Pause ein. Das Frühstück liegt Stunden zurück und meine Muskelkrämpfe kündigen sich schon wieder an. Nervig. Immerhin sind es dieses Mal nicht die Oberschenkel. Nach der Pause ist es etwas besser. Ich bin es nicht mehr gewohnt, mit den harten Stiefeln so weit auf bröseligem Grund zu gehen. Wir passieren das "Simony-Hotel", ein kleiner Unterschlupf aus Brettern in einer Felsniesche. Die Unterkunft der Pioniere aus dem vorletzten Jahrhundert. Die Bäumchen werden weniger, die Felsen größer. Die Hütte ist derweil außer Sicht geraten. Meine Motivation knickt ein wenig ein. Nach dem guten Start rechnete ich damit, dass wir die Simonyhütte etwas schneller erreichen. Doch das war ein Irrtum. Als wir endlich auf der Terrasse der Hütte stehen, sind 3 Stunden um. Wir essen und trinken etwas. Der Gletscher ist nun ganz zu sehen. Und auch mehrere gut ausgetretene Spuren.

Es geht weiter. Ich muss mich aufraffen. Hätten wir hier bereits unser Lager für die Nacht gehabt, wäre ich nicht traurig gewesen. Es ist gegen halb zwei nachmittags. Bis zur Seethaler Hütte schließt sich ein weiterer 3-Stunden-Weg an. Wir besprechen die weitere Richtung und laufen mehr oder weniger querfeldein über teils steile Schneefelder zu einem Punkt, von dem wir annehmen, dass er der Übertritt auf den Gletscher darstellt. Wegen der recht hohen Schneelage ist von ausgewiesenen Wegen nicht viel zu sehen. Dafür gibt es gut ausgetretene Pfade im Schnee. Mir und meinen Füßen geht es im Schnee besser. Der ist zwar aufgeweicht von der Mittagssonne, doch ich kann gleichmäßigere Schritte tun. Die Motivation kehrt zurück. Nach etwa einer Stunde erreichen wir den Gletscherrand. Seil raus, Gurt raus. Steigeisen brauchen wir keine. Wir längen ab, binden uns ein. Überraschend niedrig, wie ich finde. Laut Karte hatte ich angenommen, erst über 2500m anzuseilen. Wir sind noch deutlich unter 2400m. Der Grund -lerne ich später-: Es liegt noch richtig viel Schnee auf dem Eis. Laut HÜttenwart Seethaler etwa 5 Meter. Alex geht voran, nachdem wir uns über den weiteren Verlauf einig sind. Wir wollen auf die oberste der Spuren. Ich erkenne, dass der Weg mit Stangen markiert zu sein scheint. Dort angekommen ist es sogar so, dass der Weg wohl mit einem Schneemobil oder ähnlichem regelmäßig abgefahren wird. Die Kennzeichnung mit Stangen verläuft so weit wir blicken können. Verlaufen -auch bei schlechtem Wetter- unmöglich.

Doch heute ist das Wetter eine Sensation. Kein Wölkchen am Himmel. Wir gehen im T-Shirt. Eine kurze Hose hätte auch genügt. Spannend finde ich, dass wir die einzigen zu sein scheinen, die mit Seil gehen. Einige sind alleine ohne Seil unterwegs. Finde ich gewagt. Muss aber jeder/jede Selbst wissen. Wir passieren den Hang, der zum Randkluftsteig hochzieht. Schaut steil aus. Die Präferenz in der Gruppe bis dahin ist jedoch der Aufstieg kletternd über die Ostschulter. Der Weg über die Randkluft ist somit für uns kein Thema. Ohne uns zu stressen, erreichen wir knapp unter 3 Stunden ab Simonyhütte inklusive Anseilen unsere Herberge für die Nacht. Die Seethaler Hütte wurde vor wenigen Jahren ganz neu gebaut. Sie ist relativ klein. Selbst ohne die Präventivmaßnahmen können nicht viel mehr als 20 Menschen dort übernachten. Angenehm. Der Einstieg in den Klettersteig an der Ostschulter ist nur einen Steinwurf weit entfernt. Sieht alles steil aus. Doch ich mache mir nicht so viele Sorgen. Der Hüttenwart rät von der Variante Ostschulter jedoch ab, denn das Band, das auf den Randkluftsteig führt, läge noch voll mit Schnee. Es seien allerdings bereits welche dort unterwegs gewesen, was wir selbst schon beobachtet hatten, als wir kurz vor der Hütte waren. Mit Steigeisen und Pickel ist das kein Problem.

Das Nachtessen. Kassler mit Sauerkraut und Knödel. Vorneweg ein Süppchen. Hintendrein zwei Topfennockerl im Himbeerspiegel. Ich fand's lecker. Doch das Rumoren in meinem Bauch in der Nacht verriet, dass wohl alles aus der Dose war. Wie dem auch sei. Wir sind ja nicht zum Abendessen hier rauf gegangen. Es folgt die erste Nacht im neuen Schlafsack. Tausendmal besser als ein Hüttenschlafsack. Ganz leicht und warm. Ein wenig stretchig. Er dreht sich nicht ständig mit. Im Hüttenschlafsack führt nahezu jede Bewegung zum Aufwachen, weil völlig verwickelt. Ich merke, dass es sich gelohnt hat, auf das Modell mit dem durchgehenden Reißverschluss zu gehen. Den lasse ich ganz offen. Decke mich nur zu, weil es sonst zu warm wird. Obwohl das Fenster offen steht. Schlafen tue ich trotzdem nicht so gut. Ich schätze, so etwa 6 x 20 Minuten. In der ganzen Nacht. Es beginnt damit, dass ich meinen Puls höre, sobald ich liege. Die erste Nacht in der Höhe. Da muss ich wohl durch. Dann lautes Gelächter und Geklapper aus dem Gastraum. Sehr hellhörig ist's. Später in der Nacht hält mich ein wenig Nasengesäusel von Manuel wach. Alle ein bis zwei Stunden sehe ich auf die Uhr. Dazwischen dämmere ich weg. Ausgeruht und ausgeschlafen ist anders als kurz vor sechs Tagwache ist. Wir wollen zeitig los. Vor den Touristen, die mit der Bahn raufkommen. Es ist bereits taghell, die Sonne scheint. Es verspricht ein super Tag zu werden.

Frühstück. Auch das gewinnt keinen Preis. Aber wie gesagt, es geht nur darum, nicht mit leerem Magen zu starten. Von lecker hat niemand etwas gesagt. Das gleiche gilt für das, was man dort Kaffee nennt. An der Stelle sei der Tee empfohlen. Ich springe kurz vor die Tür, um mir eine Idee davon zu holen, wieviele Schalen übereinander nötig sind. Es ist überraschend kalt und windig. Der Gipfel hängt komplett in den Wolken. Nicht so schön. Das sah vor dem Frühstück noch anders aus. Wir machen uns fertig. Es kann alles schon ran. Einschließlich des Klettersteig-Sets und des Helms. Auf dem Weg zum Einstieg in die Ostschulter werden Wolken und Nebel dichter. Am Einstieg angekommen, entscheiden wir uns um. Das zu erwartende Gekraxel im Nebel mit meist eingeschneitem Sicherungsseil und der nicht ganz klaren Lage in der Querung zum Randkluftsteig lassen uns zum dem Schluß kommen, die Kletterei möglichst klein zu halten und besser der ausgetretenen, wenn auch steilen Spur zum Einstieg in den Randkluftsteig zu folgen. Mit der hohen Schneelage gibt es keine zu übersteigende Randkluft, wie wir tags zuvor schon bei schönem Wetter sahen und der Steig zum Gipfel hoch ist keine 100 Höhenmeter lang. Wir packen die Stöcke weg und steigen auf den Pickel um, damit etwas zum Bremsen in der Hand liegt, wenn jemand abgeht. Es ist anstrengend. Immer wieder sehe ich nach oben, doch der Einstieg in die Felsen ist wegen der Wolken und des Nebels zunächst nicht zu sehen. Immerhin ist es noch ganz gut gefroren. Mit den Steigeisen hält jeder Tritt. Keine Unsicherheit. Dann plötzlich wird es etwas lichter und ich stoße fast mit der Nase an den Fels. Einstieg erreicht. Ein Stahlseil ist in Sicht. Außerdem verrät ein Blick nach links, dass die Querung gut gegangen wäre, oben auf der Ostschulter allerdings ein steiles, ungesichertes Schneefeld auf uns gewartet hätte. Alles richtig gemacht. Mit Pickel und Steigeisen überwinden wir ein paar Meter steil nach oben. Es folgen mehrere Passagen, bei denen das Seil unterm Schnee verschwindet. Macht aber nix. Wir sind sicher unterwegs und der Gipfel ist schnell erreicht. Während der Kraxelei habe ich gar nicht so richtig mitbekommen, dass sich Wolken und Neben gänzlich aufgelöst hatten. Blauer Himmel. Wenig Wind. Und alleine am Gipfel. Die erste Bahn erreichte indes die Bergstation und spuckte unsere Nachfolger aus. Weit unten zu sehen. Die treffen wir heute nicht mehr. Wir überschreiten den Gipfel und beginnen den Abstieg über die Westschulter. Die Kletterei am Steig entlang ist etwas leichter. Aber auch hier gehen wir immer wieder ohne Sicherung mit Pickel, weil das Seil noch im Schnee liegt. Gut getretene und noch gefrorene Spuren machen es uns leicht. Leider ist meine persönliche Schwelle, was das ständige Umhängen der Sicherungen im Steig angeht, schnell erreicht. Das Seil ist häufig mehr oder weniger auf Bodenniveau. Gefühlt kommt jeden Meter ein Sicherungspunkt vorbei. Sich am Seil zu sichern erzwingt einen ständigen Wechsel von Fels auf Schnee. Alle Bewegungen sind vom Umhängen geprägt. Nervig. Nicht sichern ist aber irgendwie auch keine Option, wenn denn schonmal ein Seil da ist. Kurz vor unten kommt uns der erste Gegenverkehr entgegen, der von der Adamekhütte gestartet sein muss. Die ist bereits vom Gipfel aus zu sehen. Im Moment ist sie noch das Ziel für heute. In der Windluck'n angekommen, dem Sattel, der das untere Ende der Westschulter darstellt, versuche ich mich wieder zu fassen und das nervige Geduddel mit dem Klettersteig-Set hinter mir zu lassen. Es ist heiß geworden. Kurz bevor wir den Gosauer Gletscher am oberen Rand betreten, legen wir eine kleine Übung ein. Oder besser gesagt, zwei kleine Übungen. Das Gelände ist perfekt dafür. "Bremsen und Halten eines Sturzes im steilen Schnee" ist die eine, "Herstellen eines Fixpunktes per totem Mann" die andere. Wir haben Spaß. Die Steigeisen tun wir von den Schuhen runter, damit wir uns beim Schneewühlen nicht weh tun. Dann springen wir auf den Plastikklamotten den Hang hinunter und versuchen, uns mit angewinkelten Beinen (denn im Ernstfall haben wir höchstwahrscheinlich Steigeisen an) und dem Pickel zu fangen. Etwas, dass Frau häufiger üben sollte. Im Ernstfall bleibt keine Zeit zum Überlegen. Dann buddeln wir unsere Pickel ein und versuchen, aus Leibeskräften an Karabiner und Bandschlinge zu ziehen, um zu sehen, ob der tote Mann denn auch hält. Er hält Bombe.

Nach dieser Einlage ziehen wir weiter. Mit Seil. Alle Menschen, die ich bis dahin hochkommen sah, waren seilfrei und teilweise alleine unterwegs. Die scheinen sich ja gut auszukennen. Jedenfalls ist eine breite Spur getreten. Wir folgen ihr bis wir zwischen den ersten Felsen stehen, die aus dem Schnee ragen. Es ist warm, der Schnee ziemlich aufgeweicht. Die nächste Übung steht an. Wir sind so früh dran, dass wir uns die Zeit großzügig nehmen können. Die lose Rolle. Das Mittel der Wahl, wenn bei kleinen Seilschaften ein Spaltensturz passiert ist. Wir besprechen den Ablauf, wer welche Position in der Seilschaft und damit welche Aufgaben hat. Los geht's. Manuel ist das erste Spaltenbunny, Alex stellt per totem Mann den festen Punkt her, auf den die Last übertragen werden kann, Astrid geht zum imaginären Spaltenrand und baut den einfachen Flaschenzug mit Rücklaufsperre auf. Das Spiel wiederholen wir noch zweimal mit wechselnden Rollenverteilungen. Fehler, die wir machen, besprechen wir sofort und stellen sie ab. Manche Abfolgen wiederholen wir mehrfach. Ich kann nur empfehlen, so etwas häufiger zu üben. Nicht nur alle 5 Jahre mal, weil es grad passt. Für die nächste Tour haben wir bereits ein Fenster für diese Übungen fest eingeplant. Für den Start in die Hochtourensaison absolut sinnvoll. Kalte Füße und das Bewusstsein, dass alle nun wissen, wie das geht, lassen uns wieder aufbrechen. Es ist erst kurz nach 12 Uhr. An der Stelle, wo wir uns von Seil und Gurt befreien, legen wir eine Pause ein, verstauen, essen und trinken. Alex sieht sich nochmal die Wettervorhersage für Sonntag an. Keine Verbesserung. Niederschlag schon morgens. Wir besprechen, was wir tun wollen. Geplant war, die nächste Nacht auf der Adamekhütte zu verbringen und sonntagsmorgens abzusteigen. Die Erinnerung an die Tour zum Adamello kehrt zurück. Dort hatten wir uns dazu entschieden, die Nacht auf der Hütte zu bleiben, obwohl wir wussten, dass das Wetter umschlagen wird. Es wurde uns fast zum Verhängnis. Deswegen dauert es nicht lange und wir sind uns einig, heute noch ganz abzusteigen. An der Hütte angelangt, bespricht Manuel diesen Umstand mit dem Hüttenwart. Uns ist bewusst, dass das für ihn gerade in diesen Zeiten ganz schön blöd sein muss. Im Vorfeld besprachen wir bereits, dass es für uns ok wäre, trotzdem die Übernachtung zu bezahlen. Doch der Hüttenwart hat Verständnis für unsere Entscheidung. Ich denke, der Wetterbericht wird ihm nicht fremd gewesen sein. Sicherheit geht vor. Er will nix haben. Wir sollen irgendwann wiederkommen. Das ist ganz schön nett und zuvorkommend. Danke dafür an der Stelle.

Und so kommt es, dass die Viertagestour, die wir bereits auf 3 Tage gekürzt hatten, nun nur zwei Tage dauert. Die Folgen sind klar. Der Abstieg zieht sich elends. Der erste Teil von der Hütte weg schlängelt sich durch die Felsen, teilweise geht es über Altschneefelder. Mal ist er steiler, mal flacher. Das erste Ziel im Abstieg ist das Erreichen des hinteren Gosausees. Meine krampfenden Fußgelenke machen mir zu schaffen und nerven mich schlimm an. Ich bekomme noch einen Rest Schinkenbrot von Manuel. Ein Pfefferbeißer läuft noch rein. Mit Trinken bin ich vorsichtig. Ich hatte nur 1,5 Liter im Beutel, es ist heiß und der Weg noch lang. Der See kommt in Sicht. Ein fantastisches tiefes Türkis. Mir ist klar, dass wir noch sehr lange laufen müssen, bis wir sein Ufer erreichen. Der Höhenmesser lügt nicht. Naja, meistens jedenfalls. Die Vegetation nimmt wieder deutlich zu. Zwischendurch fühlt es sich an, als ob frau im Dschungel wäre. Die heiße Luft steht zwischen dem Grün. Viel schwitzen tue ich wenig. Keine Flüssigkeit mehr da. Der Weg wird flacher und auf einmal ist das Ufer nah. Kühe und Schafe stehen am Strand und finden wohl das kühle Nass auch ganz schick. Eine kleine Gastronomie scheint am See zu stehen. Yamyam, ein Eis wäre jetzt nicht schlecht. Kurzerhand fragt Manuel, was jede will und rennt entgegen unserer Richtung rüber, um Eis zu holen. Ich frage mich, wo er den Strom noch herholt. Unkaputtbar. Wir Mädels warten an der Kreuzung zu unserem Weiterweg. Just in diesem Moment geht bei mir der letzte Tropfen aus dem Camelback durch den Schlauch. Schlurf, schlurf, es kommt nix mehr. Alle. Manuel kehrt zu uns zurück. Kein Eis. Gibt nur Essen in der Hütte. Er nuckelt auch nochmal an seinem Schlauch und zieht ebenfalls die letzten Tropfen aus seinem Beutel raus.

Nun dann. Es wird ohne alles auf dem letzten Stück gehen müssen. So schwer kann es nicht sein. Es sind hunderte Touristen auf dem Weg unterwegs. In Schläppchen und Zehentrenner. Kann so schwer nicht sein. Die laufen normalerweise freiwillig nicht so weit. Denke ich so bei mir und versuche, den Rucksack wieder auf die Schultern zu bekommen. Ist das Ding immer noch so schwer. Etwa 1,5 Stunden auf einem Fahrweg müssen noch gestapft werden, um zum Anfang des vorderen Gosausees zu gelangen, wo unser Auto steht. Bereits auf den ersten Metern auf dem flachen, harten Weg spüre ich, dass meine Füße das in den bockharten Schuhen gar nicht mögen. Immerhin liegt ein Großteil des Weges im Schatten. Die Devise lautet: Einfach weitergehen. Es gibt keine Alternative. Ich versuche mich an der Umgebung zu erfreuen, um mich von den Schmerzen abzulenken. Mehr oder weniger flach zieht der Weg am kleineren hinteren Gosausee vorbei, gefolgt von der kleinen Gosaulacke. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt der größere vordere Gosausee ins Blickfeld. An ihm entlang wechselt irgendwann der Belag von Schotterweg auf Asphalt. Spätestens ab da sind alle am Stöhnen ob der Schmerzen in den Schuhen. Letztendlich erreichen wir unser Ziel. Am ersten Kiosk, das vorbeikommt, läuft erstmal eine kalte Coke rein. Die beste, die ich seit langem hatte. Wir sitzen im Schatten und schauen dem Treiben auf und am See zu. Geschafft. Vom Gipfel des Hohen Dachsteins, der vom See aus gut zu sehen ist, bis zum Kiosk legten wir etwa 15km und knapp 2100 Höhenmeter Abstieg zurück. Soviel am Stück sind wir seit zwei Jahren nicht mehr zu Fuß runtergelaufen. Die gute Nachricht: Wir können es noch. Im Nachhinein stellt sich heraus, dass wir absolut das Richtige getan haben. Das Wetter wurde sonntags noch weit schlechter als vorhergesagt. Einige Bergrettungseinsätze im östlichen Alpenraum wurden nötig, wie ich aus den einschlägigen Medien erfuhr.

Kurz nochmal zum Thema Schlafsack: Nach der ersten Tour kann ich sagen, der Einkauf hat sich gelohnt. Ich denke darüber nach, mich vom Hüttenschlafsack dauerhaft zu verabschieden, sofern es die Platzverhältnisse im Rucksack auf den kommenden Touren zulassen. Die Entscheidung fiel auf den Yeti Shadow 300. Im Kompressionsbeutel in Größe L (bis 190cm Körperlänge) bekomme ich ihn noch ganz gut in den Rucksack und er wiegt etwa 800 Gramm. Entgegen der Beschreibung beim Versender liegt der Komfortbereich laut Angabe auf dem Schlafsack bei +2°C.

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