Ammergauer Kreuzspitze, 2185m, via Kuchelberggrat, 26.05.2022

Himmelfahrt 2022. Das Wetter ist eher durchwachsen, doch es soll zumindest trocken bleiben. So richtig Frühling oder gar ein Gefühl von Sommer ist bisher in diesem Jahr nicht aufgekommen. Für die Tour, die wir vorhaben, ist es auch nicht schlimm, wenn es nicht so warm wird. Schatten gibt es oberhalb der Baumgrenze kaum noch und es kann ziemlich mühselig werden, wenn der Stern unablässig runter brennt. Deswegen bin ich nicht traurig, dass die Tageshöchsttemperaturen nur gerade so im zweistelligen Bereich liegen. Wir haben uns für den Tag die Ammergauer Kreuzspitze ausgesucht. Die nahmen wir das erste Mal bewusst wahr als wir vor einigen Jahren mal auf deren westlichen Nachbarn, den Ostgipfel der Geierköpfe, kraxelten. Mit 2185m ist es die höchste Erhebung in den Ammergauer Bergen und der relativ niedrige Startpunkt im Graswangtal macht aus der Unternehmung eine recht lange und anstrengende Tour.

Als Startpunkt suchten wir uns den Parkplatz zwischen Graswang und Linderhof heraus. Denn wir wollen ja nicht einfach auf dem kürzesten Weg nach oben, sondern ebenso den Weg über den Kuchelberggrat mit Kuchelbergspitz und Kuchelbergkopf einschließen. Auf diese Weise wird der Weg weitgehend zu einer Rundtour auf der wir sogar noch ein Stück mit dem Rad zurücklegen können.
Mit dem Weg über den Grat kommen gut 1500 Höhenmeter zusammen und eine Wegstrecke von über 20km. Da ist es vor allem auf dem Rückweg fein, nicht den ganzen Forstweg zum Parkplatz zurückgehen zu müssen. Es geht also mit dem Radl los und zwar auf dem sogenannten Fürstenweg mit der Nummer 241. Ein klein wenig mehr als 3km folgen wir dem Forstweg, der mit sehr moderater Steigung seine Kurven durch den Wald zieht. Kurz vor einer Kuppe, ab der der Weg deutlich nach unten führt, zweigt rechts ein schmaler Pfad in den Wald ab. Hier stellen wir die Räder im Wald ab, packen unsere Wanderstöcke aus und gehen zu Fuß weiter, dem schmalen Pfad folgend. Entgegen der Kompass-Karte existieren keine 50 anderen kleinen Wege in diesem Hang. Wir folgen einfach dem gut erkennbaren aber nicht markierten Trampelpfad bergauf, es gibt keine Wegkreuzungen, bis wir an der Kuchelberg-Diensthütte auf knapp unter 1600m ankommen. Hier legen wir eine erste kurze Pause ein, denn der Weg ist noch sehr weit und es ist wichtig, sich gut einzuteilen, zu essen und zu trinken. Eile haben wir keine, das Tageslicht reicht bis weit in den Abend hinein. Über den Weiterweg ab der Hütte gibt es ebenfalls kein Vertun. Laut Karte sollte zwar kurz nach Passieren der Hütte eine Weggabelung kommen, an der frau sich entscheiden kann, ob sie oben über den Grat gehen oder den Hang weiter unten queren will. Diese Gabelung existiert jedoch nicht. Der einzige erkennbare Weg führt hoch zum Kuchelberggrat. Nach einer Weile verschwinden langsam die Bäume und die Latschen werden kleiner bis wir die Baumgrenze erreicht haben und der Blick auf den Grat frei wird. Alter Falter. Der ist ganz schön lang. Weit, weit entfernt kann ich die Kreuzspitze mit ihrem felsigen Aufbau erkennen. Ich zweifele kurz, ob wir uns hier nicht etwas übernommen haben. Es dauert auch noch eine gefühlte Ewigkeit bis wir endlich mal den ersten Gipfel, den oder die Kuchelbergspitz auf 2020m, erreicht haben. Die gute Nachricht: Diese Ecke der Ammergauer Berge mit fehlender Einkehrmöglichkeit, fehlender Bahnunterstützung, den langen Wegen und den vielen Höhenmetern ist eine einsame Gegend. Hier sind nur Menschen unterwegs, die es ernst meinen.

Dann weiter zum nächsten Zwischenziel, dem Kuchelbergkopf. Der befindet sich etwa auf der gleichen Höhe, doch es geht ständig auf und ab, teilweise weglos bis dorthin. Verlaufen kann frau sich nicht. Einfach oben auf dem Grat bleiben. Kraxeleien gibt es keine. Es ist offensichtlich, wo es hingeht. Der Gipfel der Kreuzspitze ist inzwischen komplett in den Wolken verschwunden. Wie üblich kann frau sich beim Betrachten kaum vorstellen, dass dort ein Wanderweg hochführen soll.
Die Sonne blinzelt immer mal durch und lässt das spärliche Grün auf dem Gratrücken regelrecht leuchten. Wie auf einem Teppich gelangen wir zum Kuchelbergkopf. Ich schätze, dass die Distanz zwischen den beiden Kuchelberggipfelchen gut 2,5km beträgt. Zog sich schon ein wenig. Von hier aus geht’s hinab in den Sattel, der den Kuchelberggrat vom Anstieg zur Kreuzspitze trennt. Im Sattel kommt auch der Fürstenweg mit der Nummer 241 wieder hoch, den wir später für den Abstieg nutzen. Er führt uns direkt zu unseren Rädern zurück. Doch jetzt müssen wir erstmal entscheiden, ob wir weiter auf die Kreuzspitze gehen wollen. Ich hab‘ schon wieder mit Krämpfen in den Fußgelenken und den Oberschenkeln zu tun. Eine leidige Sache, die mich seit ein paar Jahren begleitet. Die Ursache ist mir nicht bekannt. Durch Experimentieren fand ich heraus, dass genug Essen und Trinken und öfter mal eine Pause das Problem zumindest weiter nach hinten schieben. Gut 200 Höhenmeter liegen vor uns bis zum Gipfel. Wie in den Ammergauern üblich, gibt’s viel losen Schutt und bröseliges Gestein. Ich massiere meine Beine ein wenig und entscheide, dass wir weitergehen. Nach ein paar Metern über sehr rutschiges Brösel gehen die ersten Kletterstellen los. Wir packen die Stöcke weg und gehen in den Vierradantrieb über. Schwierig ist es nirgendwo, doch der Untergrund und die Exponiertheit geben vor, jeden Schritt und jeden Griff genauestens zu prüfen. Immerhin ist der Weg ganz gut mit roten Punkten markiert und teilweise versichert. Das macht es etwas einfacher. Ein kleines Altschneefeld kommt vorbei. Wir überlegen kurz, ob wir mit Steigeisen einfach darüber hochsteigen wollen, doch mit den Dingern ist nicht zu spaßen. Wir umgehen lieber, auch wenn das etwas mühselig und rutschig ist. Zwischen den Kletterstellen gibt es immer wieder auch Gehgelände und ehe wir uns versehen, kommt das Gipfelkreuz in Sicht. Ich dehne immer mal wieder und massiere. Ein paar Mineralstoffe in Form eines Äpfelchens laufen noch rein. Und dann haben wir den Aufstieg geschafft. Gipfel. Zu sehen gibt es nichts. Die Wolken sind nach wie vor sehr dicht hier oben. Wenigstens ist es nicht übermäßig kalt oder gar windig. Eine kleine Rast ist obligatorisch. Es sind außer uns nur 4 andere Menschen oben. Wenn frau an so einem Tag zum Tegelberg fährt, dürfte sie um bald Faktor 1000 mehr Menschen treffen. So hab‘ ich’s lieber.

Gipfelfoto, bisschen Futter, bisschen Beine ausstrecken. Die Zeit muss sein bevor wir uns an den Abstieg machen. Der ist bis zum Sattel hinunter mit dem Aufstieg identisch, das heißt wir umklettern wieder das Altschneefeld, wo ich selbst nochmal vor Augen geführt bekomme, wie wenig trittstabil diese schwere Pampe ist, und der Weg nach unten über den rutschigen Brösel erfordert alle Aufmerksamkeit. Rutschen bedeutet abstürzen. Fehler sind hier nicht erlaubt. Trotz der permanenten Anspannung habe ich meine Krampfneigungen einigermaßen im Griff. Zurück am Sattel essen und trinken wir wieder und beginnen dann den langen Abstieg auf dem Fürstenweg. Erwartungsgemäß zieht sich der Weg. Er ist teilweise sehr steil, doch es gibt immer auch längere Passagen, in denen der Hang gequert wird und ein paar Bächlein überstiegen werden müssen. An einem dieser Übergänge legen wir erneut eine Pause ein. Strecken nochmal die Beine aus, um dann das letzte steile Stück in Angriff zu nehmen. Der Abstiegspfad geht irgendwann in einen Forstweg über. Die Füße signalisieren schon längere Zeit, dass sie sich aufs Radfahren freuen. Ein bisschen Kämpfen müssen wir aber schon, bis wir unsere Drahtesel erreichen. Umso größer ist die Freude, die letzten 3 Kilometer einfach rollen lassen zu können. Ein genialer Abschluss dieser herausfordernden Tour mit einem breiten Grinsen im Gesicht als wir auf den Startparkplatz rollen. Mit allen Pausen waren wir rund 9 Stunden unterwegs. Zu Fuß waren es rund 16km und nochmal etwas mehr als 6km mit dem Rad. Schon ganz ordentlich. So wie der Muskelkater in den Folgetagen.