Hoher Fricken, 1940m, 21.02.2021

Das Wetter ist so perfekt vorhergesagt an diesem Sonntag, dass nicht in die Berge gehen keine Option darstellt. Samstags unternahmen wir eine recht ausgedehnte Radtour von zu Hause aus, um nicht gleich wieder Streß mit früh aufstehen zu haben. Die Arbeitswoche war anstrengend. Ein paar Körner hat diese Tour schon gekostet. Die Idee, die uns eine Weile im Kopf rum geisterte, über die Piste am Kreuzeck vorbei zur Alpspitzferrata mit den Ski aufzusteigen, über den Klettersteig zum Gipfel und zurück zu gehen und ab da mit Ski abzufahren, verwarfen wir. Es wären über 2000 Höhenmeter auf- und abzusteigen, was ich mir ehrlich gesagt, konditionell nicht zutraue und außerdem ist an den Garmischer Hausbergen die Hölle los. Auch im Kleinwalsertal, wo es noch Flecken mit gutem Schnee gab, waren bereits morgens um halbacht alle Parkplätze voll, wie wir später erfuhren. Drama. Baby.

Nein, wir machen etwas anderes. Eine alpine Mehrseillänge in der Sonne sollte es werden. Die Auswahl ist leider recht begrenzt von uns zu Hause aus. Wenngleich wir sicher Freude daran gehabt hätten, die linke Achsel am Kofel dann zum 4. oder 5. Mal rauf zu kraxeln, so sind wir doch leicht vom Plan abzubringen gewesen, als ein Beitrag in den sozialen Medien samstagsabends den Hohen Fricken ins Spiel brachte. Ein Gipfel im Estergebirge, wo ich selbst noch nie gewesen bin. Eine Rundtour, was in der Folge eine Überschreitung des Gipfels darstellt. Finde ich persönlich sexy, nicht den Weg wieder hinunter gehen zu müssen, den frau raufgekommen ist. Die Anfahrt ist moderat. Da es sich nicht unbedingt um einen prominenten Skiberg handelt und die Schneelage etwas schwierigere Verhältnisse erwarten lässt, ist mit nicht so wahnsinnig viel Betrieb zu rechnen. Das bestätigt sich als wir relativ spät kurz vor neun am Parkplatz in Farchant eintreffen und der nicht mal zur Hälfte gefüllt ist. Der nordseitige Anstieg zum Gipfel führt uns an den Kuhfluchtfällen vorbei. Nie gehört. Aber wunderschön. Einen Walderlebnispfad gibt es auch. Könnte mal was mit meinen Kindern sein. Am Start ist es kalt. Die Sonne wird erst später am Tag um die Ecke biegen. Wir gehen los. Etwa 1300 Höhenmeter warten auf uns. Der Weg ist teilweise recht steil, aber nie ernsthaft ausgesetzt. Die Strecke an den Kuhfluchtfällen vorbei ist mit Treppen und Drahtseilen für ein breiteres Publikum hergerichtet. Das Schild "Nur für Geübte" weist später daraufhin, dass der touristisch erschlossene Teil endet, die Pfade kleiner und ausgesetzter werden. Ab etwa 1500m stülpten wir unsere Grödel über die Stiefel. Bis dorthin gings fast schneefrei trotz Nordseite rauf. Der Schnee ist hart gefroren. Wir brechen wenig ein und kommen gut voran. Ich staune sowieso, wie zügig wir unterwegs sind. Meine Beinchen merke ich vom Vortag. Und schnaufen muss ich schon auch wie ein Walross. Trotzdem ist alles im grünen Bereich. Die anfänglich eher bescheidene Motivation wechselt zu Zuversicht und Spaß am Aufsteigen. Außer beim Anlegen der Grödel halten wir nur einmal kurz, um die Aussicht zu genießen und mal ein Bild zu schießen. Um uns herum lauter Berge, die wir alle schon kennen, bis auf sehr wenige Ausnahmen. Im Schnee ist eine gute Spur vorhanden. Keine Zweifel über den Weg. Bereits nach rund 2,5h inklusive der kurzen Stopps stehen wir am Gipfel. Insgesamt sind vielleicht noch 10 andere Menschen da. Überschaubar. Abstand ist kein Problem. Wir suchen uns auf der Südseite am Grat ein Plätzchen für eine Pause, nachdem das obligatorische Buildl mit Manni im Kasten ist. Wurschtsemmel, Pfefferbeißer, was zu Trinken, strahlender Sonnenschein und eine feine Aussicht.

Einziger Wermutstropfen: Wir müssen zu Fuß wieder runter. Keine magischen Bretter. Aber mit denen wäre ich hier sowieso nicht in den Südhang gestartet. Es gab ein paar Spuren von Ski. Doch für mich wäre die Abfahrt nix gewesen. Steil und nass. Mal abgesehen davon, dass ich der Auflage hinsichtlich eines Lawinenabganges nicht getraut hätte. Diese Fragen stellen sich nicht. Wir sind auf Schusters Rappen da. Wir gehen am Grat entlang in Richtung Ochsenberg nach Westen. Der Schnee ist in der Sonne aufgeweicht und teilweise matschig. Meine Grödel geben auf einer Seite den Geist auf und ich habe keine Fersenkrallen mehr. Auf der anderen Seite halten die Krallen auch nicht auf ihrem Platz. Grödel sind gut auf vereisten Wegen. Sobald Querbelastungen ins Spiel kommen können, sind Steigeisen eindeutig die bessere Wahl. Die liegen jedoch zu Hause. In der Folge rutsche ich zweimal auf dem Popo ein Stück den Hang hinab. Blöd. Ich konzentriere mich darauf, die Fersen in den weichen Schnee zu bekommen. Astrids Grödel sind zwar intakt. Doch auch ihre Fersenkrallen verschieben sich zur Seite am Schuh hinauf. Gleiches Problem. Nun, wir sind ja nicht zum erstem Mal im steilen, nassen Schnee unterwegs. Wir haben das trotzdem im Griff. Geht halt a bisserl langsamer. Auch gut. Auf etwa 1300m nehmen wir sie von den Schuhen ab. Nasses Gras und Matsch beginnen zu überwiegen. Erst als wir die Fahrstraße zur Esterbergalm erreichen, brauchen wir sie wieder. Wir biegen nach rechts in die Straße ein. Sie ist anfangs eine Eisbahn, später dann aber trockener Asphalt. Einige Menschen sind sogar mit dem Ski auf dem Radl hier rauf gekommen.

Da die Fahrstraße weiter nach Partenkirchen führt, biegen wir an einem Schild, das den Weg zurück nach Farchant ausweist, wieder auf einen Wanderpfad ab. Die Füße sagen, wir sind schon eine Weile unterwegs. Eilig haben wir es nicht. Es ist erst früher Nachmittag. Und so setzen wir uns kurz bevor wir Farchant erreichen nochmal ins warme Gras und genießen die Sonne. Eine schöne Rundtour finde ich. Auch wenn es "nur" Wandern ist. Gehen trainiert frau am Besten mit Gehen. Deswegen ist die Tour wichtig und sinnvoll. Wir haben noch ein paar herausfordernde Pläne für dieses Jahr und Radfahren alleine genügt nicht.
Auf dem letzten Stück Wanderweg begegnen uns wieder ein paar mehr Menschen. Am Parkplatz zurück ist der inzwischen ganz gut gefüllt. Die meisten werden sich wohl die Kuhfluchtfälle ansehen. Wir sehen uns nur noch die Kaffeetasse auf unserer Terrasse an und ich freue mich auf die Paella, die für heute Abend auf dem Plan steht.

Für etwaige Nachahmungspläne: Aufstieg etwa 1300Hm, ebenso der Abstieg, Strecke ca. 11,5km. Der Abstieg ist auf dem Rundweg in dieser Richtung etwas länger als der Aufstieg was die Entfernung betrifft. Mit allen Pausen und Umrüstaktionen sind wir knapp 5,5 Stunden unterwegs gewesen.