Hüttenwochenende auf der Bella Vista Hütte, 1.-3.10.2021

Die Zeit rennt. Ich kann kaum glauben, dass ich nun schon mehr als 3 Monate nicht mehr so richtig in den Bergen gewesen bin. Das letzte Mal Mitte Juni bei winterlichen Bedingungen auf dem Hochvogel im Allgäu. Dann der Unfall. Das Aus für den ganzen Sommer. Sehr schwer zu verarbeiten für mich. Doch inzwischen ist die Genesung so weit vorangeschritten, dass ich seit längerer Zeit ohne Hilfsmittel gehen kann und im Alltag kaum noch eingeschränkt bin. Erste kleinere Touren zu Hause, im Zillertal und in Saalfelden zeigten mir schon noch Grenzen auf, doch auch die verschoben sich von Mal zu Mal zum Besseren. Für die Fortsetzung unserer Ausbildung in Sachen Gleitschirmfliegen genügt es definitiv noch nicht. Das musste ich schweren Herzens einsehen. Ein bisschen Bergauf- und Bergabgehen funktioniert aber. So ging ich in den letzten Wochen mit dem Gedanken schwanger, ob eine moderate Tour in die höheren Berge möglich wäre. Nochmal Fels anfassen. Die Steigeisen ins Eis treten. Das wär' schon was. Viel Anspruch hatte ich nicht. Muss nix Besonderes sein. Einfach nur in die Höhe. Vielleicht mit einer Hüttenübernachtung.

Das erste Oktoberwochenende nahte. Die Wettervorhersage schien ganz passabel. Nur der Sonntag war nicht so prall. Ich will in die Berge. Auf der Suche nach einem geeigneten Ziel waren wir schon ein paar Tage. Nur so richtig was passendes war da nicht dabei. Auf der Alpennordseite sind praktisch alle Hütten ab etwa 2000m bereits im Winterschlaf und ein bisschen höher durfte es schon sein. Also dann Alpensüdseite. Die Martellerhütte wäre zum Beispiel was gewesen. Die Ziele ab der Hütte wären jedoch zu anspruchsvoll was die Höhenmeter angeht. Außerdem waren wir da schon drei Mal. So klapperten wir ein paar andere Vorschläge noch ab, bis Astrid die Bella Vista Hütte in den Ring wirft. Da schau her. Das Schnalstal. Da waren wir noch nicht. Ab Kurzras sind es etwas mehr als 800 Höhenmeter zur Hütte. Von der Hütte weg gibt es ein paar Wanderungen, die absolut machbar erschienen. Je nach Zielwahl sogar mit Fels und Eis. Mit zwei Übernachtungen ist alles in so kleine Häppchen zerteilbar, dass es eigentlich mit meiner Hax'n vereinbar sein müsste. Und, hey, eine Südtiroler Hütte. Das Essen wird garantiert lecker sein. Astrid bucht ein Zimmer für zwei Nächte auf 2846m.

Kurzerhand nahmen wir den Freitag frei, weil wir sonst die Anfahrt und den Aufstieg an einem Tag nicht wirklich gut hinbekommen hätten. Schnell mal hinfahren ist da nicht. Über Fern- und Reschenpass ins Vinschgau zieht sich. Es gibt nur wenige Kilometer Autobahn. Aber egal. Es hat sich so, so gut angefühlt, endlich wieder unterwegs in die Berge zu sein. Ein tolles Gefühl. In Kurzras angekommen, steigen wir in unsere Bergklamotten. Der Rucksack ist nicht besonders schwer. Seil, Gurt und Metall sind zu Hause geblieben. Falls wir auf einen Gletscher kämen, läge der in einem Skigebiet, wo bereits die Pisten präpariert werden. Nur die Steigeisen und den Pickel haben wir mit. Reicht für eine Wanderung. Der Weg zur Schönen Aussicht ist mit 2:20 Stunden unten angegeben. Wir haben es nicht eilig. Zum Abendessen oben sein genügt völlig. In kleinen Schrittchen gehen wir los. Erst noch ein Stück durch den Wald. Die Baumgrenze ist bald erreicht, weil der Ausgangspunkt bereits über 2000 Meter liegt. Eine kleine Futterpause muss unterwegs sein. Ich horche in mein Knie. Das Zusatzgewicht des Rucksackes ist für das operierte Bein neu. Bergauf ist das kein Problem. Ich fühle mich gut. Weiter oben ist es zunehmend neblig. Der Weg führt ein ganzes Stück durchs Skigebiet, wo fleißig gebaggert wird. Ein wenig trostlos ist ein Skigebiet ohne Schnee schon. Der Abzweig zur Weißkugel kommt vorbei. Sofort erinnere ich mich an unsere Tour dorthin im Sommer des letzten Jahres. Wir sind damals aus dem Langtauferer Tal gestartet und ich hatte gar nicht auf dem Schirm, dass dieser Berg auch von der Bella Vista aus gemacht wird. Egal wie und von wo, der Weg zum Gipfel ist immer weit. Für uns an diesem Wochenende ganz sicher nicht machbar. Keine zwei Stunden sind vergangen, als wir die Tür in die Hütte aufdrücken. Hätte ich nicht gedacht. Wir haben uns wirklich nicht beeilt. Sophie empfängt uns, teilt uns unser Zimmerlein mit und dass die Sauna angeheizt sei. Spannend. Habe ich bisher auf so einer Höhe nicht erlebt. Na ja, nach Sauna ist mir nicht. Eher nach einem Bier. Es ist kurz nach 17 Uhr. Nebelschwaden ziehen um die Hütte. Sie wird ihrem Namen heute nicht mehr gerecht.

Ein winziges Zimmerchen mit Doppelbett dürfen wir für die nächsten zwei Nächte beziehen. Keine anderen Menschen im Zimmer. Sehr fein. Die Hütte ist alt und sehr hellhörig. Über uns befindet sich ein Matratzenlager in dem sich eine Gruppe Bergsteiger mit Ziel Weißkugel am nächsten Morgen einquartiert hat. Mmmhhh.... bin gespannt, was uns nächste Nacht erwartet. Nachdem wir trocken gelegt sind, geht's auf ein Bier in die Gaststube. Mir ist kalt. Ich ziehe alles an, was der Rucksack hergibt. Das ändert aber erstmal nix. Es fehlt Energie. Seit dem Frühstück gab es nicht mehr wirklich was, bis auf eine Semmel im Aufstieg. 19 Uhr. Futter kommt aus der Küche. Wie nicht selten in Italien, erwartet uns ein 4-Gänge-Menü. Pasta, Suppe, Hauptgang, Nachtisch. Alle samt sehr lecker. Da habe ich mich schon den ganzen Tag drauf gefreut und ich werde nicht enttäuscht. Ums Essen herum denken wir über Tourmöglichkeiten für den nächsten Tag nach. Die Fineilköpfe könnten was sein. Ab Fineiljoch am östlichen Ende der Grawand auf jeden Fall weglos. Wir sprechen kurz mit Max von der Hütte drüber. Ist alles bröseliger, steiler Schutt. Wir beschließen, erstmal auf den Grawand-Gipfel zu gehen, zu horchen, was mein Bein dazu sagt und dann würfeln wir einfach neu, was noch geht. Um ein Rundweg draus zu machen, erkundigen wir uns bei Max noch nach der Spaltensituation auf dem Hochjochferner. Da gäbe es praktisch keine Spalten. Viel Schnee liegt auch nicht drauf. Können wir seilfrei begehen. Damit gibt es einen Plan für den nächsten Tag. Witzigerweise ist an dem Tag auch ein Paar aus Düppenweiler im Saarland für zwei Nächte hoch gekommen. Wie es so geht, kommen wir ins Gespräch. Da ich auch aus dem Saarland stamme, ist das nicht schwer. Zuerst dachte ich, och, ist ja nett. Nur leider war ihm trotz mehrmaliger Korrektur nicht beizubringen, dass ich kein Kerl bin. Rot lackierte Nägel, Rock, Zöpfe und hinreichend verbale Äußerungen änderten daran nichts. Sie hat's gleich kapiert. Ein bisschen schade. Meine Toleranzschwelle bei fremden Menschen, die dauerhaft die falschen Pronomen verwenden, liegt inzwischen bei 0. Gespräch beendet. Bettchen. Wie erwartet, ist mit viel schlafen wenig. Das erste Mal seit Monaten auf fast 3000m schlafen gelingt nicht so einfach. Der Puls hämmert. Hinzu kommt das Gequietsche und Gegerkse der Holzplanken, das die anderen Menschen mehr oder weniger die ganze Nacht durch verursachen. Selbst das eigene Bett hält mich bei jedem Dreher wach. Ich habe Bergführer Jürgens Stimme im Kopf: Wenn du nicht schlafen kannst, versuche, wenigstens zu ruhen. Na dann. Ruhe ich eben. Astrid geht's auch so. Irgendwann wird es wieder hell. Die Weißkugel-Truppe ist bereits weg. Kurz nach 7 Uhr sitzen wir beim Frühstück. Rund um die Hütte hat sich eine Herde Steinböcke eingefunden und grast entspannt vor sich hin.

Gegen 8 Uhr wackeln wir los. Die Bergauf-Etappe des Vortages hat das Knie ganz gut weggesteckt. Ich persönlich habe mir ein paar kleine Ziele für heute gesteckt. Einfach so als Anreiz. Allesamt nicht besonders schwer zu erreichen. Macht aber nix. Ziele sind trotzdem gut. Habe ich mir überlegt. Die Übergeordnete Aufgabe besteht darin, mit meiner Lieblingsbergsteigerin draußen zu sein und Spaß zu haben. Der einzige Faktor, der den Umfang bestimmt, ist das Knie mit der geflickten Patellasehne. Das Minimalziel war es, über 3000m zu kommen. Nicht so schwer, wenn die Hütte schon so hoch liegt. Doch von der aus geht es erstmal ein paar Meter nach unten, um den alten Gletscherboden in Richtung Grawand zu durchschreiten. Irre. Weit und breit glatt geschliffene Felsen aber kein Eis in Sicht. Noch bis in die 70iger Jahre lag das Eis hier fast bis zur Hütte hoch. Bis 2013 existierte hier ein Sommerskigebiet. Jetzt laufen die Schneekanonen und saugen die Speicherseen leer, damit vielleicht Ende November der Skibetrieb gestartet werden kann. Eine Piste ist allerdings schon in Betrieb. Auf dem letzten Rest Gletscher des Hochjochferners trainieren viele Skiteams. Wir staunen als wir am unteren Ende der Piste in der Nähe des Sesselliftes um die Ecke biegen. So viele Menschen auf so wenig Piste. Die Skifahrer fallen aus der Bergstation der Schnalser Gletscherbahn oder wohnen gleich dort, denn die Bergstation ist gleichzeitig ein Hotel. Wir steigen zu Fuß weiter auf. Schauen uns noch ein merkwürdiges Kunstwerk an, gehen dann an der Bergstation vorbei und wollen weiter auf den Grat. Von der Bergstation führt eine Stahltreppe auf den nahegelegenen Gipfel der Grawand auf 3251m. Oder wie ein Schild am Gipfel verrät, der IcemanÖtziPeak. Ich frage mich, wer sich so etwas ausdenkt. Na ja, Touristenzeug. Von der gut erreichbaren Stahlplattform zweigt ein kleiner Pfad in die Wildnis ab. Den nehmen wir. Er führt über die Gratschneide in Richtung Fineiljoch. Ein paar Seilversicherungen gibt es anfangs. Hier und da ist es ein klitzekleinwenig ausgesetzt. Eine gute Übung fürs Beini. Denn hier startet gleichzeitig der Rückweg. Es geht mehr bergab als bergauf. Blockgelände ist zu bewältigen. Manchmal müssen die Hände mit ran. Fels anfassen. Ein weiteres meiner heutigen Ziele wird erfüllt. Außer uns läuft niemand hier lang. Gut so. Aus dem Tal treibt ein konstanter Wind die Nebelschwaden über den Kamm. Nahezu mystisch geht's teilweise zu. Der Nebel lässt uns bereits früh entscheiden, dass die Fineilköpfe heute nicht stattfinden werden. In steilem, weglosen Schuttgelände bei praktisch Null Sicht sollte frau sich gut auskennen, was bei uns nicht der Fall ist. Außerdem erinnert mich mein Knie bei Ankunft am Fineiljoch daran, dass es noch ein paar Meter sind und es übrigens ab jetzt über Eis geht. Dann auf ins Eis. Ganz so dramatisch ist es nicht. Eis light. Wir latschen über eine dünne Schneeauflage einer Schneeraupenspur entlang auf dem Hochjochferner nach unten. Spalten gibt's tatsächlich keine. Als ein Flecken Blankeis vorbei kommt, gibt es kein Halten mehr. Die Steigeisen müssen ran. Kleines Ziel #3 für heute ist erreicht. Auf den paar Quadratmetern machen wir Faxen. Wie gut das tut. Meine feuchten Augen bleiben unter der Sonnenbrille verborgen. Wir lassen für den weiteren Weg die Eisen dran. Wäre zwar nicht nötig, doch ich möchte herausfinden, was mein Knie dazu sagt. Das Problem an der Sache ist bloß, dass es sich erst beschwert, wenn die Gaudi vorbei ist. Ich gehe das Risiko ein. Am Sessellift, wo sich permanent einen große Traube an Skifahrern tummelt, schließen wir den Kreis. Steigeisen runter. Ab hier folgen wir unserem Aufstiegsweg zurück zur Bella Vista Hütte. Weit ist es nicht, doch ich hab mit meiner Hax'n a bisserl was zum tun.

Gegen halb eins sind wir schon wieder zurück an der Hütte. Mittag. Wir legen uns trocken, finden uns im Gastraum ein und leuten den Nachmittag ein. Ein paar Tagestouristen finden wir vor. Einer schafft es tatsächlich, seine Frau per Fingerzeig auf mich und meine Anwesenheit hinzuweisen. Daraufhin ließ die Gutste mich nicht mehr aus den Augen. Ähnlich geht es mir mit einer weiteren jungen Frau noch einen Tisch weiter. Mit teilweise offenem Mund starrt sie unverblümt in meine Richtung. Gibt schon Kleingeister. Juckt mich nicht. Es gibt Wichtigeres: Pasta Ragout (eine Portion für zwei), Bier und Kaffee. Es ist Samstag und unsere Freizeit. Alle Tagesziele sind erreicht. Mein Bein ist etwas beleidigt. Der wenige Schlaf möchte nachgeholt werden. Mit einem spannenden Hörbuch ziehen wir uns zurück. Chillen. Heute ist nur noch das Abendessen zu bewältigen. Ein paar Stunden später finden wir uns wieder unten ein. Ich freue mich aufs Essen. Der Bauch grummelt schon den halben Nachmittag. Es sind ein paar mehr Gäste eingetroffen. Wir schnacken ganz kurz mit den Menschen aus Düppenweiler. Sie machten sich auf den Weg zum Hochjochhospitz, erreichten es jedoch nicht. Sie brauchten über 6 Stunden, bis sie wieder zurück an der Bella Vista waren. Bisschen merkwürdig. Aber geht mich nix an. Wie am Vortag vergreift er sich wieder konstant im Pronomen. Wir brechen das ab. Lieber auf das 4-Gänge-Menü konzentrieren. Da hab ich mehr davon. Nach dem Essen verkrümeln sich die Gäste sehr rasch bis Astrid und ich alleine da sitzen. Wir beschließen, dass wir uns Schnaps verdient haben. Der erste läuft ohne Gesellschaft rein. Für den zweiten gesellen sich die beiden jungen Menschen, die die Hütte schmeißen, Sophie und Max, zu uns. Wir reflektieren den Tag und die Gäste ein wenig. Ich mache Werbung für meine Seite und den Podcast, den ich mit Erika alias ulligunde in der Woche davor aufnahm. Die beiden sind am Studieren. Er Biologie, sie Sprachen. Gebildete junge Menschen. Wenn sie was wissen wollen, fragen sie einfach. Bei ihnen spielt Anderssein überhaupt keine Rolle. Den Eindruck hatte ich bereits beim ersten Zusammentreffen mit Sophie tags zuvor. So hätte ich gerne die Gesellschaft. Das werden wir in meinem Leben jedoch nicht mehr in der Fläche erreichen. Würde mich wundern.
Beim Bezahlen kommen wir wieder ins Quatschen. Es muss noch ein Schnaps rein. Wir haben Spaß. Deswegen sind wir hier. Alles richtig gemacht.

Die nächste Nacht ist nicht besser als die erste. Doch auch die geht vorbei. Sonntags ist nur noch Absteigen und Heimfahren auf dem Programm. Ich habe morgens ein paar Anlaufschwierigkeiten mit meinem Knie. Treppe runter geht nicht so gut. Erstmal Frühstück. Wird schon gehen. Nach kurzer Verabschiedung von Max treten wir nach draußen in die Kälte und den Nebel. Bisschen ungemütlich. Wir sind ausgerüstet. Einfach losgehen. In der Bewegung wird mein Schenkel besser. Erst weiter unten bekomme ich eindeutig signalisiert, dass es reicht. War aber zu erwarten. Wobei ich rückblickend betrachtet nicht beurteilen kann, ob die elends lange Heimfahrt nicht das größere Problem für mein Bein war. Ist auch wurscht. Wir waren in den Bergen, verbrachten eine schöne Zeit mit meist netten Menschen oder in relativer Einsamkeit, die ich sehr schätze. Eine kleine Geschichte dazu fällt auch noch raus. Damit kann ich nun entspannt in den Herbst gehen.