Piz Kesch, 3418m, 28.-29.08.2022

Bereits im Juli kamen bei mir Zweifel auf, ob es klug ist, zusammen mit unserem Nachbarn Thomas eine Runde über den oder das Weißmies zu gehen. Angedacht war für den Aufstieg der Südgrat ab der Almagellerhütte und für den Abstieg die Normalroute durch die zerklüftete Nordseite mit der Abfahrt auf Monstertrotties ab Kreuzboden. Eine sehr feine und überschaubare Unternehmung, wie ich finde, die es lohnt, auch noch ein drittes Mal begangen zu werden. Doch dann wurden die Meldungen häufiger, dass man sich im Saas-Tal sorgen um den Gletscher durch die Nordseite macht, denn die unglaublich warmen Temperaturen tun dem Eis und dem bisschen Restschnee nicht gut. Täglich wird mit Abbrüchen gerechnet und die Empfehlung lautete, diesen Abschnitt zu meiden oder sich wenigstens der unberechenbaren Gefahr bewusst zu sein. Wir änderten zunächst den Plan in der Weise, dass wir der Empfehlung des Hüttenwartes der Almagellerhütte folgen wollten und im Aufstieg über den Rotgrat gehen und anschließend über den Südgrat absteigen. Wenig später lernten wir, dass der Ausstieg aus dem Rotgrat, wo sich normalerweise ein breiter Firngrat anschließt, große Spalten und Abbrüche aufweist, deren Überwindung bzw. Umgehung anspruchsvoll sind. Hörte sich alles nicht so an, als sei es geeignet, einen Menschen mit weniger Hochtourenerfahrung im Schlepptau zu haben, für den wir Verantwortung tragen. Außerdem war ich mir mit meinem Huf nicht sicher, ob der 2400 Höhenmeter Abstieg mitmacht.

Der Termin an sich sollte für eine gemeinsame Bergtour bestehen bleiben, nur das Ziel musste angepasst werden. Ein Blick durch unsere Wunschliste lohnt sich an der Stelle, weil da alles Mögliche an Bergtouren draufsteht. Dort fiel uns der Piz Kesch ins Auge, der zwar ein eher niedriger 3000er ist, doch dessen Besteigung von der Chamanna d’Es-Cha sehr abwechslungsreich erscheint. Wandern, Blockgelände, eine Überquerung der Porta d’Es-Cha, ein kleiner Gletscher und zum Schluss Kletterei zum Gipfel. Und das alles auf nicht mal 900 Höhenmetern. Der Hüttenzustieg von der Albulapassstraße ist mit gemütlichen 1:30-1:45h und nur knapp 400 Höhenmetern wirklich moderat in einer wundervollen und sehr ruhigen hochalpinen Umgebung und erlaubt es uns, die Bergstiefel auf dem Rucksack mitzunehmen und den einfachen Weg in Trailrunningschuhen zurück zu legen.
Gesagt, getan. Als kleine Vorbereitung auf die Kletterei zum Gipfel nahmen wir Thomas mit an den Südgrat des Burgberger Hörnle in direkter Nachbarschaft zum Grünten. Da er bisher noch nie alpin geklettert ist, hielten wir es für angebracht, in einer ähnlichen Schwierigkeit mit einer gewissen Exponiertheit abzuklopfen, ob unsere Idee Piz Kesch mit ihm zusammen umsetzbar ist, oder ob wir ihn mit so etwas völlig überfordern. Der Test war eine kleine Herausforderung für ihn, denn von Mehrseillängenklettern wusste er bis dahin nix, doch, wie erwartet, schlug er sich ganz hervorragend trotz des Nebels, dem unbekannten Terrain, der Exponiertheit und nicht zu Letzt der Helirettungsaktion für einen Alleingänger, der unter uns eingestiegen und wohl in der ersten oder zweiten Seillänge abgestürzt sein muss. Durch den dichten Nebel hatten wir nur den dumpfen Schlag gehört, konnten jedoch nichts sehen, lauschten dafür dem Helikopter, der ganz dicht unter den Wolken einen Retter an der langen Leine absetzte. Spooky.

Nachdem geklärt war, dass wir Thomas auf den Gipfelgrat zum Piz Kesch mitnehmen können, zurrten wir den Plan fest. Ob wir dort dann Standplatzsichern, am laufenden Seil klettern oder seilfrei gehen, entscheiden wir, wenn wir dort sind. Die einschlägigen Berichte variierten ein wenig ob der empfundenen Schwierigkeit. Die einen schreiben von einem Wanderweg, andere von exponierter Kletterei durchgängig im 3. Grad. Wie das eben so ist mit der persönlichen Wahrnehmung. Die Wahrheit liegt möglicherweise irgendwo dazwischen. Sonntagsmorgens ging’s jedenfalls los. Weil Astrid und ich die ganze folgende Woche Urlaub hatten und planten, weitere schöne Dinge in der Schweiz zu unternehmen, wie z.B. fliegen, fuhren wir mit zwei Autos, ließen eines jedoch am Fuß der Passstraße zurück, denn ab da und bis dahin zurück würden wir auf jeden Fall zusammenbleiben. Mal abgesehen von ökologischen Aspekten eine gute Entscheidung, denn der Parkplatz an der Albula Passstraße, an dem der Fußweg zur Hütte startet, ist nicht so wahnsinnig groß und gut gefüllt, als wir eintreffen. Die vergleichsweise nahegelegene Hütte ist attraktiv für Tagestouristen und mountainbikendes Volk.
Gut bepackt gehen wir los. Der Wetterbericht hat für den frühen Nachmittag aufkommende Bewölkung mit Gewitterneigung prognostiziert, was uns dazu veranlasste, früh zu starten. Wegen der eher kurzen Anfahrt und dem erwähnten kurzen Hüttenzustieg, saßen wir bereits kurz nach 13 Uhr an der Hütte in der Sonne und verteidigten unseren superleckeren Apfelkuchen gegen zwei sehr neugierige Ziegen. Auf der Hütte wurden wir sehr freundlich empfangen. Die Hütte selbst ist klein, gemütlich und vor kurzem modernisiert worden, weswegen wir uns über ein sehr schönes und bequemes 4-Bett-Zimmer freuen dürfen. Im Gespräch mit anderen nehmen wir wahr, dass am nächsten Morgen nur eine weitere Seilschaft zum Gipfel aufbrechen will. Die wenigen anderen Übernachtungsgäste sind Wandernde.
Nach Kaffee/Kuchen beziehen wir unser Zimmerchen und machen mit ein paar Ausrüstungsgegenständen wieder nach draußen. Wir können uns nicht so richtig dazu durchringen, den Weg für den nächsten Morgen schonmal zu erkunden, da wir wahrscheinlich nicht im Dunkeln aufbrechen werden, der Weg hervorragend mindestens bis zur Porta d’Es-Cha, dem Joch, über das wir ins andere Tal kommen, markiert ist und ich meinen Fuß nicht mehr belasten will als nötig. Also dann, erstmal ein Bier. Mit Thomas zusammen gehen wir ein paar Knoten durch, viel braucht’s ja nicht, und besprechen, was frau so mit den diversen anderen Gerätschaften, wie Microtraxion, T-Block, Bandschlingen und Eisschrauben so tun kann. Die Zeit will trotzdem nicht vergehen. Noch ein Bier. Die Tische um die Hütte herum leeren sich langsam als wir vom Schatten in die Sonne wechseln, weil es mit fortschreitendem Nachmittag ziemlich abkühlt. Der aufkommende Wind verscheucht uns dann bald in die Hütte, wo wir was über den Hüttenumbau bzw. die Modernisierung und Erweiterung lernen. Mein Magen knurrt. Ich bin müde. Mir ist kalt. Es fehlt Strom. Ich freue mich als endlich Futter auf den Tisch kommt und als erstes eine leckere Suppe reinläuft, die schonmal die Lebensgeister zurückholt. Nach dem Essen erfahren wir, dass wir unseren Startzeitpunkt selbst festlegen können, denn man bereitet uns ein Frühstück vor, dass keine Anwesenheit von Personal erfordert. Wir rechnen ein wenig, erfragen den üblichen Zeitbedarf für den Gipfel und entscheiden, dass es völlig genügt, wenn wir gegen 6 Uhr am Morgen losgehen. Das heißt theoretisch fast ausschlafen. Auf der einen Seite nett, auf der anderen weiß ich bereits am Abend, dass ich nicht bzw. nur wenig schlafen werde und die Zeit bis zum Aufstehen gerne quälend lange werden kann. Ist immer das gleiche Spiel mit mir auf Hütten. Daran werde ich mich nicht gewöhnen, sondern versuche, es einfach so zu akzeptieren, wie es ist.

5:15 Uhr klingelt meine Uhr zum Aufstehen. Ich liege seit Stunden wach und hab‘ mitbekommen, dass die zweite Seilschaft bereits seit mehr als einer Stunde weg ist. Sonst ist niemand aus der Hütte aufgebrochen. Wie erwartet, fühle ich mich, als wäre eine Dampfwalze über mich gefahren. Das ist aber auch immer so und es wird erst besser, wenn ich losgegangen bin. Etwa eine Stunde später starten wir auf dem gut markierten Weg hinter der Hütte in Richtung Porta d’Es-Cha. Die übliche Nettozeit für die etwa 850 Höhenmeter bis zum Gipfel liegt so bei 3-3,5 Stunden, was wirklich lieb ist. Zweifel, dass wir oben ankommen, habe ich keine. Wir kommen auf losem Schutt, den Resten der Moräne, an eine Flanke, unter der wir zur Porta d’Es-Cha queren müssen. So, wie das aussieht, ist dieser Hang kürzlich abgerutscht. Die Wegmarkierungen liegen weit oberhalb des neu getrampelten Weges. Helm aufziehen ist eine gute Idee. Wir folgen den Pfadspuren und gelangen unter das Joch zu dem es kettengesichert nach oben geht. Es ist rutschig und bröselig, doch, was ich mir schon dachte, wir müssen hinten wieder steil nach unten, weil der Gletscher sich soweit zurückgezogen hat, dass frau fast bis auf den Grund absteigen muss, um ans Eis zu kommen. An den dort befindlichen Wegweiser wurde ein langer Strick geknotet, der beim Abstieg helfen soll, denn es ist wirklich steil und rutschig bis sozusagen hinunter in den Bergschrund. Hier kommen die Steigeisen ran und wir entscheiden, seilfrei weiter zu gehen mit dem Pickel griffbereit hinter den Trageriemen des Rucksacks gesteckt. Es geht noch einmal steil auf der Eisseite aus dem Bergschrund hinaus bevor wir den relativ flachen, schneefreien Teil erreichen, der uns unsere Bestätigung fürs seilfreie Weitergehen gibt. Thomas ist aus dem Häuschen. Zum einen kann er endlich seine neuen Steigeisen ausprobieren und zum anderen hat er noch nie einen aperen Gletscher betreten. Die offenen Spalten wirken zwar bedrohlich, doch sie sind sicht- und daher im Zweifel einfach umgeh- oder übersteigbar. Gleichzeitig ist es sehr anstrengend, weite Strecken mit Steigeisen auf Eis zu gehen. Heute spielt das jedoch keine Rolle. Das Ende unseres Eisausflugs ist bereits deutlich vom Joch aus zu sehen. Zu sehen ist außerdem der sehr steil wirkende Ostgrat über den wir auf den Gipfel wollen. Ich habe Bergführer Jürgen im Ohr: „Wenn du da bist, ist es gar nicht mehr so steil.“
Wir erkennen die andere Seilschaft, die am Gipfel steht. Als wir uns dem Schuttfeld nähern, an dem der Aufstieg auf den Grat beginnt, kommen sie hinuntergeklettert. D.h. wir sehen, dass die Gruppe mehr geht als klettert. Vom Eis runter lassen wir alles zurück, was wir nicht für den Gipfelanstieg brauchen, gehen los und treffen die andere Gruppe, die gerade unten aussteigt. Wir erfahren, dass der gesamte Weg nach oben gut markiert und teilweise mit Bohrhaken und Ständen ausgestattet ist. Wie komfortabel. Auf rutschigen Geröllpfaden geht es zur ersten leichten Kletterstelle. Nach Rücksprache mit Thomas entscheiden wir, erstmal ohne Seilsicherung weiter zu gehen, denn es ist weder schwierig noch exponiert. Frau muss eben ein wenig aufpassen, wo sie hingreift oder drauftritt. Nach der ersten Kletterstelle geht’s auf einem Trampelpfad in losem Geröll weiter, was den größten Teil der Wegstrecke ausmacht. Bezüglich der Absicherung sprechen wir uns permanent ab, um nicht das Verlassen von Thomas‘ Komfortzone zu verpassen. Doch selbst die eine wirkliche Kletterstelle, die es gibt, sie dürfte sich etwa im 3. Grad bewegen, ist hinaufklettern ohne Seil immer noch für ihn OK. An deren oberen Ende nach etwa 15 Klettermetern befindet sich ein Abseilring. Wie praktisch. Astrid und ich kommen unabhängig voneinander auf die Idee, dass wir Thomas das Hinunterklettern ersparen, indem wir das Stück auf dem Rückweg einfach abseilen. Hat er zwar noch nie gemacht, doch wir sind auf diese Situation vorbereitet. Nach der Kletterstelle geht es bröselig aber einfach auf einem Pfad bis zum Gipfel. Mit allen Pausen und Umrüstzeiten waren wir für mich völlig überraschend nach 3:20 Stunden oben, ohne zu eilen. Strahlender Sonnenschein, kaum Wind und ganz alleine am Gipfel, der eine unglaubliche Aussicht auf eine breite Palette an prominenten Bergen bietet.

Nach kurzer Rast und Gipfelfoto machen wir uns wieder auf den Rückweg, erreichen schnell die Abseilstelle und bereiten Thomas auf das Abenteuer Abseilen in alpinem Gelände vor. Astrid sichert sich, fädelt das Seil durch den Ring während sie erklärt, was sie tut und worauf es dabei ankommt. Zum Beispiel dürfen die Knoten in den Seilenden nicht fehlen, sowie die Hintersicherung per kurzer Prusikschlinge. Als sie fertig eingehängt ist, löst sie die Selbstsicherung und startet weitererzählend ihren Weg nach unten. Ich glaube, so ganz geheuer war das Thomas nicht, doch ich begleite ihn dabei, es Astrid gleich zu tun. Erstmal Selbstsicherung einhängen, das Abseilgerät in Form eines ATC mit einer kurzen Bandschlinge verlängert an der Anseilschlaufe befestigen, die kurze Prusik vorbereiten und dann schnappe ich mir das doppelte Seil und fädele es in sein Sicherungsgerät zum Abseilen ein. Als alles an seinem Platz ist, prüfe ich alle Punkte durch bevor ich ihn über die Kante steigen lasse und dabei betone, dass mindestens eine Hand ab jetzt immer am Bremsseil sein muss. Am besten greift man einfach um den Prusik herum und kann ihn so gleich mit nach unten schieben. Durch die Verlängerung mit der kurzen Bandschlinge besteht keine Gefahr, dass der Prusikknoten in das Abseilgerät gelangen kann. Astrid hält derweil unten mal das Seil, denn sie kann von ihrer Position aus ebenfalls eingreifen, falls etwas Blödes passieren sollte. Abseilen sieht im Fernsehen immer so einfach aus. Isses aber nicht. Es stellt einige Anforderungen an Koordination und Überblick und wenn jemand das zum ersten Mal macht, schaut es nicht nach SEK aus. Das ist normal. Thomas ist koordinativ aber gut drauf und gelangt Stückchen für Stückchen ohne Klettern zu müssen über die schwierigste Kletterstelle nach unten zu Astrid. Als das Seil frei ist, tue ich es ihm gleich und lasse mich in wenigen Minuten hinunter zu den beiden. Jetzt wieder alles abbauen und verstauen, keine Steine dabei fliegen lassen und es geht weiter auf dem Trampelpfad steil und rutschig nach unten. Es folgt noch eine kurze Kletterstelle, an der Astrid Thomas per Halbmastwurfsicherung nach unten lässt, weil die Stelle etwas abdrängend ist und deswegen sehr unbehaglich erscheint. Danach geht’s einfach bis runter zur Schutthalde an den Rand des Eises. Das Abseilen hat etwas Zeit gekostet, doch wir haben keine Not und die Zeit war gut genutzt, um etwas „Fortbildung“ am Berg zu betreiben.

Es ist recht warm geworden. Wir sitzen ein wenig zwischen den Felsen, essen und trinken was bevor wir wieder die Steigeisen anlegen und uns auf den Abstieg über den Gletscher fertig machen. Wir beschließen erneut, seilfrei zu gehen, denn es ist nicht mit Überraschungen zu rechnen, wenn wir auf unserer Aufstiegsspur bleiben. Thomas‘ Eisschraube kommt zu Übungszwecken zum Einsatz, sowie sein nigelnagelneuer Eispickel. Wir erklären, was eine Eisbirne ist und wie frau am besten auf etwas steilerem Eis nach unten geht. Der Abstieg in den Bergschrund von dem aus wir zum Joch, der Porta d’Es-Cha aufsteigen müssen, ist für mich schwierig. Mein linker Fuß ist instabil. Er hält keiner Belastung nach außen stand, woran auch die Gelenkbandage nix ändert, und ich muss mir wirklich für jeden Schritt eine gute Stufe treten, um den Fuß einigermaßen waagerecht aufstellen zu können. Es sind aber nur ein paar Schritte. Es würde den Aufwand nicht lohnen, hier eine andere Abstiegsmethode aufzubauen. Ich lasse mir einfach ein bisschen Zeit, fluche leise vor mich hin und konzentriere mich auf jeden Schritt. Vom Eis runter kommen Steigeisen, Gurt und Material weg. Die, wie ich finde, schwierigste Stelle der Tour möchte überstiegen werden. Zum Joch hoch ist’s eine steile Schuttrampe. Zwar gibt es einen Pfad, doch rutschig ist’s allemal und das Seil, das zur Unterstützung angebracht ist, muss ich erst einfangen gehen. Anschließend geht’s vom Joch wieder per Kettensicherung steil hinab auf den Wanderweg. Ich habe beide Stöcke am Rucksack gelassen und hab‘ beide Hände frei, womit es nicht allzu schwierig ist, die Rinne hinunter zu kommen. Als das geschafft ist, folgt ein kleiner Ausdauerteil bis wir an der Hütte zurück sind. Nach der Querung unter dem abgerutschten Felshang hindurch kann der Helm runter. Die Gelenkbandage beginnt mich zu nerven. Die ziehe ich bei der Gelegenheit auch grad aus, packe sie in den Rucksack und tausch noch meine orthopädischen Einlagen gegen die 08/15 mitgelieferten aus, denn die Einlagen drücken mich auch schon eine Weile. Womit Frau sich so rumschlagen muss. Manchmal frage ich mich, wie lange ich noch so in den Bergen rumlaufen kann? Ständig zwickt und drückt es irgendwo, ich nutze immer mehr Hilfsmittel und es wird immer schlimmer. Bin halt keine 18 mehr. Wenigstens bleibe ich von Blasen und Druckstellen dieses Mal verschont.

Etwa eine Stunde später sitzen wir wieder auf der Terrasse der Hütte, haben ein Kaltgetränk vor uns stehen und die Rösti sind in Arbeit. Einige der anderen Gäste gaffen mich ein wenig an, bis sie selbst merken, dass Anstarren respektlos ist. Ich denke über die Situation nach und befinde, dass ich zunehmend gelassener werde und es mir mehr und mehr egal ist, wenn Menschen sich mir gegenüber so verhalten. Ich recke den Kopf hoch, lasse die Leute meine lackierten Fingernägel und meine langen Haare sehen und bin ein bisschen stolz, dass wir diese Tour, wie ich finde, mit Thomas zusammen so geschmeidig durchführen konnten. Sie ist nicht besonders lang und gilt nicht als in irgendeiner Weise anspruchsvoll, doch sie ist abwechslungsreich und die geneigte Bergsteigerin braucht ein kleines Repertoire an Fähigkeiten, um ohne fremde Hilfe sicher auf den Gipfel und zurück zu kommen.
Als die Rösti verdrückt und unsere zurückgelassenen Hüttenutensilien im Rucksack verstaut sind, wechsele ich für den Abstieg zum Auto wieder auf die Trailrunningschuhe. Ich glaube, ich werde das in Zukunft häufiger tun, wenn es möglich ist. Die Füße freuen sich auf etwas weichere Schuhe, wenngleich das Gehen mit schwerem Gepäck in Verbindung mit meinen ausgeleierten Bändern nochmal meine ganze Konzentration erfordert. Gefühlt zieht sich der Rückweg etwas, doch absolut betrachtet ist er kurz und wir sind in etwas mehr als einer Stunde zurück am Auto.
Nach der relativ langen Bergpause war das genau die richtige Tour für uns. Hat Spaß gemacht und bringt ein bisschen Zuversicht für die nächsten Abenteuer.