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Finsteraarhorn, 4274m

Marathon auf Eis mit steilem Zahn

Noch im Valsavarenche, wo wir den Gran Paradiso bestiegen und sich unser Urlaub zum Ende neigte, direkt von dort aus sind wir auf dem Heimweg auf den Piz Buin im Silvretta gekrabbelt, kam die Frage auf, welcher unser nächster 4000er wird. Noch am gleichen Abend fragten wir für 2 Nächte auf der Finsteraarhornhütte nach. Dieser Berg ist eine wahre Schönheit im Berner Oberland. Umgeben von den größten Gletschern in den Alpen. Das merkten wir dann auch beim Hüttenzustieg. Wir wählten das Berghaus Oberaar am Grimpselpass als Ausgangspunkt, fuhren Freitagabends los, übernachteten im Auto am Oberaarsee und starteten am nächsten Morgen gegen 5Uhr in Richtung Oberaarjoch. Über das Joch drüber, in weiten Bögen die Bruchzonen umgehend zogen wir gegen Mittag durch die Innenkurve auf den Fieschergletscher. Völlig alleine. Bis dahin sind wir lediglich zwei Bergsteigern begegnet, die in genau der anderen Richtung unterwegs waren. Auf dem Fieschergletscher erspähten wir in der Ferne eine weitere kleine Gruppe, die auf Grund der Dimensionen nach Eintritt in eine Eissenke verschwand. Ansonsten nur Stille und Steigeisen auf Eis. Der apere Gletscher war ein Biest. Gefühlt umgingen wir Kilometer für Kilometer unzählige Spalten. Zermürbend. Nachmittags kam plötzlich die Hütte in Sicht. Sie steht einige Höhenmeter über dem Eis. Zum Greifen nah und doch ist kein Übergang vom Gletscher in die Felsen erkennbar. Es dauerte einige Fehlversuche vom spaltigen Eisrand in glatte Wände und haushohe Blöcke. Dann der Weg. Endlich. Teilweise kettenversichert. Eines der leckersten Biere meines  Lebens lief mir anschließend die Kehle herunter bis in die Fußspitzen. 16km Strecke über Eis lag hinter uns.
Die Finsteraarhütte ist eine der schönsten  Hütten in den Alpen finde ich. Touristen und Ausflügler verirren sich sicher nicht hierher. Der schnellste Zustieg: 6-7h Eis. Hier gibt es nur Bergsteiger und Bergsteigerinnen. 
Am nächsten Morgen -wie üblich- der Start im Dunkeln. Unmittelbar hinter der Hütte führt steil der Pfad zum ersten steilen Eisfeld. Es dämmert. Erste Zweifel kommen auf, ob wir dieser Herausforderung gewachsen sind. Aber noch war alles gut. Steigeisen an, Seil zwischen uns geklöppelt und los. Alle Krallen müssen rein. Am Ende der Passage wartet der Frühstücksplatz. Den gibt es übrigens auf allen Bergen. Er bestand aus einem kurzen Schuttstreifen. Nun folgte die heikelste Stelle der Bergfahrt: Die Querung von diesem Schuttfeld in die vergletscherte Flanke, die zum Hugisattel raufzieht. Wir folgten im Halbdunkel einer anderen Seilschaft und zumindest ich für meinen Teil achtete nicht auf die Umgebung. Bis ich plötzlich auf meinen Frontalzacken Halt suchend mitten in einem Blankeisfeld stand. Unter mir verschwand der Gletscher in einem Eisbruch. Nerven bewahren. Keine hektischen Bewegungen. Konzentriert möglichst viel Stahl ins Eis rammen. Und durch. Puuhhh... 
Ab hier merkte ich, dass ich nicht fit war. Vom Gran Paradiso brachte ich mir eine Erkältung mit. Erschöpfung machte sich breit. Sicher auch durch den unendlich erscheinenden Zustieg tags zuvor mit verursacht. Dieses Mal war ich bergauf die Bremse. Das gab es in der Form noch nicht. Ich sagte nichts. Durch den Firn wird es schon gehen. 
Hugisattel, 4088m. An diesem Wegpunkt wechselt man unter sommerlichen Bedingungen vom Firn in den Felsgrat, der zum Gipfel zieht. Ich kann kaum noch gehen. Der Blick in den Grat lässt meinen Mut erlischen. Im Osten bricht die Flanke etwa 800m senkrecht ab. Im Westen sieht man 1000m tiefer die Hütte stehen, an der wir in der Nacht starteten. Besonders schwierig ist die Kletterei nicht. Doch was nutzt das. Kurze Besprechung mit meiner Seilpartnerin. Sie fühlt sich relativ gut, hat aber auch bemerkt, dass ich nicht ok war. Ob der Kletterei war sie ebenfalls unschlüssig. Der Moment war da, eine Entscheidung zu treffen. All diese Strapazen umsonst? Abstieg oder noch 1-2h halbwegs exponierte Gratkletterei bis zum 200m entfernten Gipfel? Wir entschieden, umzudrehen. Es tat weh. Nach wie vor bin ich der Meinung, es war die richtige Entscheidung. Ich habe es in der Einleitung erwähnt.
Die vergletscherte Flanke vom Hugisattel runter war kein Problem. Die Blankeispassage oberhalb des Eisbruches sicherten wir mit Eisschrauben. Danach machte sich bei mir ein klein wenig Erleichterung breit. Das folgende steile Eis war anstrengend aber wenig risikobehaftet. Um die Mittagszeit erreichten wir die Hütte wieder. Eine Suppe, Kaffee, Kuchen und dann schlafen. Ich war fertig. Der Rückweg wartete noch auf uns. Mein Zustand und die fortgeschrittene Zeit ließ keine Wahl als noch eine Nacht auf der Hütte zu bleiben. 
Am nächsten Morgen starteten wir früh in Richtung Oberaarsee. Die Spaltensturzgefahr in den Altschneefeldern auf einigen Gletscherpassagen stieg von Stunde zu Stunde. Vom Oberaarjoch bis zum Gletscherende am See war es besonders heikel. Wir vollführten manche Pirouette am gespannten Seil zwecks Richtungsänderung, um die besten Übergänge zu finden. Irgendwie auch eine Kunst. Mittendrin kamen uns zwei Vögel ohne Seil entgegen. Die haben Nerven. Nach Ansprache durch uns wurde ihnen bewusst, dass es nicht klug ist, an dieser Stelle so unbeschwert spazieren zu gehen. Sie packten ihr Seil aus. Und wir hatten nur noch den Wanderweg am See vorbei, wo sich die Touristen tummelten. Gegensätze. 
Noch im Auto rechneten wir die Wegstrecke zusammen. Ungeachtet der zurückgelegten Höhenmeter, ein Marathon auf Eis. Und die Gewissheit, wir müssen es nochmal tun. Dieser wunderschöne Berg.