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Skibergsteigen am Adamello, 3539m, 09.-11-03.2019

Wie die Wetterprognose uns in den Süden trieb und was daraus wurde.

Die ganze Woche vor dem Wochenende beobachteten wir in mehreren Wetterdienstportalen die Prognosen. Für den gesamten Bereich nördlich des Alpenhauptkammes kam ein verlängertes Skitourenwochenende nicht in Frage. Zu viel Wind, unsichere Niederschlagsvorhersagen, praktisch keine Sonne, dafür eine steigende Lawinenwarnstufe. Die Ausdehnung der Suche nach Süden versprach deutlich bessere Wetterverhältnisse, obgleich es auch wesentlich mehr Fahrerei bedeutete. Ein nicht unbedeutender Faktor, sofern man meine Lebensumstände kennt. Wie dem auch sei, die Wahl fiel auf den Monte Adamello. Die Cima Presanella hatten wir bereits letztes Jahr im Sommer besucht (ein Bericht dazu gibt es hier) und vom Adamello wussten wir, dass er eher ein Skiberg ist. Kurz recherchiert und herausgefunden, wo wir hin müssen, wie der Aufstiegsweg verläuft, ein Abgleich auf der elektronischen Karte gemacht, die die wenigen gefundenen Berichte auf deutsch bestätigte. 
Samstagsmorgens ging es los. Geschätzte Fahrzeit rund 5 Stunden bis zum Passo del Tonale, wo sich ein unter Italienern sehr beliebtes Skigebiet befindet. Das Wetter war ganz passabel. Die Sonne schien. Es fühlte sich fast wie Frühling an. Merkwürdiges Gefühl bei dem Wetter mit Ski im Gepäck unterwegs zu sein. Unsere Spezln sind zur gleichen Zeit zum Gardasee gefahren und genossen Aperitif und Espresso auf der Piazza.
Am Parkplatz angekommen herrschte reger Skibetrieb und wir ergatterten im wahrsten Sinne das letzte Fleckchen, wo wir unser Auto stehen lassen konnten. Für 12€ pro Nase gab es ein Ticket, um mit der Gondel den einzigen nordseitig gelegenen Pistenhang bis zum Passo Presena zu erklimmen. Inzwischen muss frau nur einmal an der ersten Station die Gondel wechseln. In den Berichten, die wir fanden, war noch die Rede von Gondel, dann Sessel, dann das letzte Stück mit einem Schlepper bis auf 3000m. Geschichte. Es geht windstill mit schöner Aussicht trocken bis nach oben. Dort angekommen weist ein großes Schild daraufhin, dass hier der gesicherte Bereich endet. Die letzte Verbindung zwischen gesichertem Skigebiet und der "Wildnis" ist die Bar in der Bergstation. Ein erster Blick in Richtung Mandrone-Gletscher lässt entfernt sogar die deutlich vorhandene Spur der Skitourengänger_iinnen erkennen, die vor uns unterwegs waren. Das Wetter ist nach wie vor gut. Wir machen uns abfahrbereit und sofort nach dem Losrutschen merke ich, dass ich lange nicht mit einem richtig gepackten Rucksack Ski gefahren bin. Es ist eine Skihochtour. Wenngleich sie als nicht besonders schwierig einzustufen ist, so muss doch ein Gletscher gequert werden. Nur der Umstand, dass wir vermutlich die einzigen mit Seil gewesen sind, sagt nicht, dass wir daneben liegen. Ich habe es an anderer Stelle bereits erwähnt. Spalten gibt es überall. Wie gut die Schneedecke wirklich trägt, erfährt frau nicht, solange sie nicht einbricht. Ein Risiko, dass minimiert werden kann. Also tun wir es. Zur Lawinenausrüstung kommen also Pickel, Seil, Steigeisen und Übernachtungsutensilien hinzu. Und mit der Menge der Ausrüstung verschiebt sich der Schwerpunkt merklich. Es müssen ca. 600 Höhenmeter bis zum Südende des kleinen Lago Mandrone hinabgerutscht werden, ehe frau auffellt und den Anstieg zur Hütte, das -toller Name- Rifugio Lobbia Alta ai Caduti dell'Adamello, beginnt. Die Abfahrt ist anstrengend. Ich tue mich schwer mit dem Gepäck. Ab der Bergstation anfangs noch eisig, später eher schwer und sulzig mit einer kurzen Passage auf einem engen, kurvigen und für meine Verhältnisse halbwegs exponiertem Aufstiegsweg. Wirklich steil ist es jedoch nirgendwo. Respektive kann frau ihre Abfahrtsroute so legen, dass es moderat nach unten geht. Es haut mich jedoch einmal hin, als ich das Übergewicht nach hinten bekomme. Am Lago Mandrone geht es dann wieder aufwärts in Richtung Süd/Südost. Ein einzelner Skitourengänger überholt uns. Wir wechseln ein paar Worte. Er arbeitet auf der Hütte. Den Weiterweg mussten wir nicht suchen. Es war eine gute Spur getreten. Meine Frau übernimmt das Seil. Wir steigen auf. Es beginnt, zu zu ziehen. Der Wind wird stärker. Der ostseitige Hang liegt im Schatten. Es ist deutlich zu spüren, dass der Winter hier noch nicht vorbei ist. Nach etwa 250 Höhenmetern Aufstieg kommt ein völlig unvorhergesehener Hang vorbei. Keine der gefundenen Beschreibungen hat ihn erwähnt. Es müssen wieder ca. 50 Höhenmeter abgefahren werden. Und zwar relativ steil und eisig verkrustet. Felle wieder runter. Schuhe zu. Und runter. Etwa die Hälfte rutsche ich quer ab. Erst im unteren Teil versuche ich, Ski zu fahren. Unten angekommen, fellen wir wieder auf und beginnen, in Richtung Mandrone-Gletscher zu gehen. Die Strecke ist anfangs sehr flach und zieht sich. Rechter Hand im ersten Aufschwung sind ein paar Spalten erkennbar. Ich nehme an, der Gletscher ist inzwischen deutlich kleiner als er noch in den Karten verzeichnet ist. Linker Hand sind deutlich die Spuren unserer Vorgänger zu sehen. Wir folgen ihnen. Weiter in südöstlicher Richtung haltend über den ersten Aufschwung drüber erreichen wir den Gletscherrand und somit den Anstieg zur Hütte. Auch wenn frau die Hütte schon sehen kann, so sind es doch noch gut 300 Höhenmeter bis dorthin. Viele Spitzkehren und eine gute dreiviertel Stunde später erreichen wir kurz vor 18 Uhr die Treppe zur Hütte. Wir sind platt. Der Himmel ist inzwischen komplett bewölkt. Auf dem ganzen Weg begleiteten uns mehr oder weniger starke Böen. Unangenehm aber noch gut zum Aushalten.
Erstmal rein in die warme Stube. Die ist gut mit praktisch ausschließlich italienischen Skitourengänger_innen gefüllt. Entsprechend laut geht es zu. Unsere Bekanntschaft vom Lago Mandrone läuft uns über den Weg. Er hilft tatsächlich an diesem Samstagabend in der Hütte aus. Wie wir später lernen, für Kost und Logis, um seinen Kopf von der Arbeit frei zu bekommen. Auch eine Möglichkeit.
So, wir sind auf einer italienischen Hütte angekommen. Was man ihnen wirklich lassen muss, es gibt kaum Hütten in anderen Ländern, bei denen frau sich auf die Qualität des Essens so verlassen kann, wie in Italien. Begünstigend kommt hinzu, dass die Hütte per Materialseilbahn versorgt wird. Die Preise sind für über 3000m absolut ok. Und dann kommt das Beste: Wir bekommen ein Zweibettzimmer zugewiesen. Ein Traum. Jeder/Jede, der/die schonmal in einem Matrazenlager übernachtet hat, weiß den Komfort eines eigenen Bettes in einem Raum, der nur mit wenigen Menschen geteilt werden muss, zu schätzen. Die Kammer ist winzig, doch wir sind äußerst froh darüber. Die erste Nacht hält Einzug. Mit offenen Augen und rasendem Puls liege ich da. So ist die erste Nacht in der Höhe meistens. Dieser Umstand lässt mich mitbekommen, wie sich draußen der Wind immer mehr zu einem Sturm entwickelt. Am Ende schlafe ich aber doch ein und finde ein paar Stunden Ruhe.
Der Gipfeltag. Ich schaue durchs Fenster nach draußen und sehe nur weiß. Priml. Nachdem ich aus dem Bettchen "abgestiegen" bin und sich meine Perspektive geändert hat, sieht es nicht mehr ganz so trübe aus. Doch gut ist anders. Zwar gibt es die eine oder andere blaue Lücke und hier und da ein paar Sonnenstrahlen, doch im Wesentlichen hängt eine dicke Wolken- bzw. Nebeldecke über dem Gletscher. Da, wo wir hin wollen. Heftige Böen fegen gegen die Hütte. Ob unsere Ski noch da sind? Sie sind noch da. Doch die Skiständer hat der Wind gut durchgemischt. Ich erkenne die ersten beiden Bergsteiger, die sich gekrümmt im Wind in Richtung Gipfel auf den Weg machen. Wir frühstücken erstmal. Eilig haben wir es nicht. Der Weg ist zwar relativ lang, doch der Aufstieg beträgt nur ca. 600 Höhenmeter. Um 8 Uhr zu starten genügt völlig. Auftauen wird an diesem Tag nichts. Die Tour beginnt mit einer für mich schwierigen Abfahrt auf den Gletscher. Einen Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird, liefern die ersten Meter Abfahrt direkt ab der Hütte. Es ist eisig. Der Wind zerrt an uns. Es müssen noch ein paar Meter angeschoben werden, bis frau den Hang zum Gletscher hinunter erreicht. Es gibt eine Spur zwischen den Felsen hindurch. Alles, was der Wind nicht davon getragen hat, ist bockhart gefroren. Und steil ist es auch. Den größten Teil rutsche ich wieder quer ab. Die gute Nachricht: Frau rutscht nicht den Zustiegsweg vom Vortag hinunter, sondern kann sich weiter nach Süden halten und verliert dadurch weniger Höhenmeter. Auf knapp 2900m erreichen wir den Gletscher, fellen auf und seilen an. Dabei muss frau aufpassen, dass ihr der Wind nicht alles aus den Händen reißt. Die Eisflocken prallen wie Nadelstiche ins Gesicht. Auf dieser Höhe ist die Sicht noch akzeptabel. Wir laufen los in Richtung Gletschermitte auf das Corno Bianco zu. Spuren der Vorgänger sind nicht zu erkennen. Ich spure selbst. Die Schneebeschaffenheit wechselt permanent von harten Schollen bis zu butterweichen und tiefen Triebschneesenken. Es ist flach. Lawinen sind nicht zu befürchten. Wir erklimmen die ersten beiden Aufschwünge. Der Weg zieht sich. Höhenmeter überwinden wir kaum. Immer wieder muss ich mich aktiv gegen die Böen stemmen, damit ich nicht umgerissen werde. Was für ein Scheiß. Zermürbend. Je weiter wir hoch kommen, desto weniger ist zu sehen. In einigem Abstand überholt uns ein Pärchen. Sie sind schnell. Ich ändere die Richtung etwas, um irgendwann auf deren Spur zu treffen und uns das Leben etwas leichter zu machen. Der nächste Aufschwung. Wir sind in einem Rechtsbogen ums Corno Bianco herumgelaufen und müssten nun eigentlich den Gipfel sehen. Fehlanzeige. Zu sehen ist rein gar nichts. Wir sind genau an der Grenze zur Nebeldecke. Es geht den nächsten Aufschwung hinauf. Ich kann mich in den Böen kaum auf den Skiern halten. Die Spur des Pärchens ist nicht mehr zu erkennen. Sie sind kurz vor uns über die Kuppe verschwunden. Mit maximal 5-10 Minuten Vorsprung. Wir stehen im absoluten Weiß als ich die beiden wieder sehe. Sie haben abgebrochen und kommen uns entgegen gerutscht. Laut Karte liegt noch ein letztes Flachstück vor uns bevor es in den Gipfelhang geht. Wir sind knapp 3200m hoch. Bei guter Sicht würden wir wahrscheinlich noch eine gute Stunde bis zum Gipfel benötigen. Doch ich habe die Schnauze voll. So macht Bergsteigen keinen Spaß mehr. Ein Blick zurück offenbart, dass die Wolken immer weiter runter ziehen. Schweren Herzens beschließen wir umzudrehen. Ohne genaue Kenntnis der Umgebung und der möglichen Aufstiegsroute ist ein Weitergehen meiner Meinung nach ein zu großes Risiko. Leichter Berg hin oder her.
Bis zum letzten Aufschwung, den wir hochgekommen sind, gehen wir auf den Fellen zurück. Der Gletscher ist tellereben. Zu sehen ist praktisch nichts. Ob ich auf unserer Aufstiegsspur gehe, merke ich nur daran, ob ich etwas rechts oder links der Spur tiefer einsinke. Wenn das passiert, taste ich mich wieder zurück. So erreichen wir eine Stelle, von der wir annehmen, dass es ab da genügend fällt, um auf den Brettern zu rutschen. Wir fellen ab und versuchen es. Ein paar Meter weiter unten wird die Sicht wieder besser. Dafür wird der Wind stärker, der uns nun von hinten schiebt. Die Böen sind so stark, dass ich versuche, sie bei meinen Schwüngen zu berücksichtigen. Ein schwieriges Unterfangen. Erschwert wird die Sache zusätzlich durch die ständig wechselnden Schneebeschaffenheiten. Letztendlich erreichen wir sturzfrei unseren Ausgangspunkt, an dem wir ein paar Stunden zuvor erstmals aufgefellt hatten. Es ist erst kurz nach 11 Uhr. Wir werden früh auf der Hütte sein. Ich dachte noch darüber nach, ob wir einfach weiter abrutschen und uns an den Gegenanstieg zurück zum Skigebiet machen sollen, doch wir hatten zwei Nächte auf der Hütte eingeplant und demzufolge ließen wir alles dort, was wir nicht für den Gipfel benötigten. Somit war ein Aufstieg zur Hütte auf jeden Fall nötig. Und damit war für mich auch klar, dass ich es konditionell nicht schaffen würde, noch am gleichen Tag den Rückweg anzutreten und anschließend noch gut 5 Stunden Autofahrt vor mir zu haben. Also, Felle wieder drauf und in Anbetracht der Erfahrung vom Morgen auch gleich die Harscheisen. Die waren auch nötig. Die immer stärker werdenden Böen und der eisige Hang ließen den Aufstieg zu einer kleinen Tortur werden. Immer wieder mussten wir im Eis stehenbleiben und uns gegen den Wind und alles, was er so mit sich führt, stemmen, um nicht den Hang hinunter geblasen zu werden. Was einmal auch fast geschehen wäre. Eine Böe hat mich buchstäblich aus den Socken gehoben, was mich dazu veranlasste, mich einfach mit möglichst großer Fläche auf den Hang zu legen, um oben zu bleiben. Erst als wir um die Ecke in der Senke vor der Hütte waren, kamen wir etwas in den Windschatten. Dort merkte ich deutlich, wie mich der Aufstieg unter diesen Bedingungen konditionell geschafft hat. Spätestens ab da war für mich der Rückweg am gleichen Tag ausgeschlossen und ich freute mich nur noch auf etwas Warmes zu essen und eine Mütze voll Schlaf. Genau das haben wir dann auch getan. Vor der Portion Pasta mussten wir uns lediglich noch beim Hüttenwirt outen, es nicht bis zum Gipfel geschafft zu haben. Ein bisschen peinlich ist das schon. Er hat aber nur gelacht und gemeint: "Versucht's halt morgen nochmal.". Nach dem Essen, unserem nicht benötigten Marschtee und noch einer Flasche Wasser kuschelten wir uns in unsere kleine Kammer und schlossen die Äuglein. Eine Wohltat.
Die Hütte hatte sich im Vergleich zum Vortag deutlich geleert. Beim Abendessen ging es sehr viel ruhiger zu. Dank fortschreitender Akklimatisation fand ich in der zweiten Nacht etwas mehr Schlaf. Der nächste Morgen beginnt mit dem Blick zum Fenster hinaus. Strahlend blauer, wolkenloser Himmel. Der Wind hat in den Morgenstunden etwas nachgelassen. Mist. Unabhängig voneinander kommt in jeder von uns der Gedanke auf, ob wir es nochmal auf den Gipfel versuchen sollen, bevor wir uns an den Rückweg machen. Wir diskutieren darüber beim Frühstück, kommen aber schnell zu der Erkenntnis, dass wir ein Zeitproblem bekommen würden. Bei dem Tempo, das wir gehen können, brauchen wir etwas pessimistisch geschätzt mindestens 4 Stunden zum Gipfel. Es folgt die Abfahrt bis zum Gletscherende, von der wir wissen, dass wir nicht laufen lassen können und locker 1-2 Stunden benötigen würden. Und dann kommt erst der Rückweg zur Bergstation der Gondel. Für den würden wir mindestens genau so lange brauchen, wie auf dem Hinweg. Also nochmal gut 4 Stunden. Hier haben wir dann aufgehört zu rechnen und den Gipfel gestrichen. Der Rückweg alleine ist schon anstrengend genug. Wir packen und machen uns für die Abfahrt bereit. Am Abend zuvor hatte ich bereits gemerkt, dass sich an meinem Skistiefel ein Stück Sohle von der Ferse her gelöst hat. Priml. Das Premiumprodukt eines namhaften kanadischen Herstellers gibt in der zweiten Saison den Geist auf. Mit etwas Fingertape fixierte ich die Sohle und drückte mir die Daumen, dass es bis zum Auto irgendwie zusammenhält. Der Schritt vor die Tür offenbarte, dass es sackenkalt ist. Die klare Nacht blieb nicht folgenlos. Ich hatte kein Thermometer dabei, doch gefühlt lagen wir weit im negativen zweistelligen Bereich. Erneut geht es von der Hütte zunächst in die darunterliegende Senke. Im weiteren Verlauf halten wir uns rechts in Richtung unseres Aufstiegsweges vom Samstag. Der im Aufstieg dort noch vorhandene Powder war an diesem Montagmorgen größtenteils beinhart gefroren. Aber eben nur größtenteils. Unbeschwerte Schwünge im Pulverschnee fanden nicht statt. Trotzdem ließ es sich gut abfahren. Im Nu erreichten wir den kleinen Gegenanstieg, für den wir nicht extra auffellten, sondern uns die Ski gegenseitig auf den Rucksack packten und zu Fuß, die vorhandenen Spuren nutzend, den Hang erklommen. Etwa in der Hälfte kamen wir endlich in die Sonne. Oben angekommen, war der niedrigste Punkt, der Lago Mandrone, in Sicht. Mit einer halbwegs geschickten Routenwahl kommt man ohne Anschieben dorthin. Ab hier galt es, die rund 600 Höhenmeter zur Bergstation der Gondel zurückzulegen. Ganz optimistisch zogen wir die Hardshell aus und leichte Handschuhe an. Die Mütze und der Helm kamen runter, das leichte Kopftuch rauf. Die ersten Meter versuchten wir, in der vorhandenen Spur aufwärts zu gehen. Das war nicht von Erfolg gekrönt. Zu glatt und zu steil für Felle alleine. Harscheisen wollten wir vermeiden, weil das Gehen damit Kraft kostet. Also zogen wir unsere eigene Spur in den Hang. Je weiter wir nach oben kamen, umso mehr Wind war plötzlich wieder da. Es zog erneut zu. Etwa die Hälfte war am oberen Ende geschafft. In der kurzen, schmalen und halbwegs exponierten Stelle, die ich am Anfang beschrieb und die nun folgte, mussten dann doch die Harscheisen dran. Zu gefroren war die Spur. Zwischenzeitlich wurde es so kalt, dass wir die Hardshell wieder anzogen. Der Weiterweg danach sah eigentlich ganz OK aus, um nur mit den Fellen weiter zu steigen. Doch das stellte sich bald als Fehler heraus. Mitten im nächsten Aufschwung ist mir beim Hauen der Skikante in den eisigen Hang trotz gesperrter Bindung der Ski vom Schuh geflogen. Blöd. Ich konnte mich auf dem verbleibenden Ski halten, doch im ersten Moment ist mir das Herz stehen geblieben. Harscheisen wieder dran. Und so stiegen wir den ganzen Rest etwas sicherer auf. Auch die abschließende lange Querung zur Bergstation fühlte sich mit ein paar Extrakrallen sicherer an. Der Hang ist auch dort relativ steil und die Spur völlig zerfahren. Als wir an der Bergstation ankamen und zurück blickten, war der gesamte Himmel wieder in Wolken gehüllt und im oberen Teil des Gletschers herrschte, wie am Vortag, Null Sicht. Wir hatten richtig entschieden.
Eine kleine Verschnaufpause. Es war Mittag. Die Bar in der Bergstation lud ein, sich aufzuwärmen, windgeschützt etwas zu trinken und zu essen. Während wir warm und trocken hinter Glas saßen, konnten wir zuschauen, mit welcher unglaublichen Geschwindigkeit sich das Wetter drastisch verschlechterte. Innerhalb weniger Minuten nach Ankunft konnte man selbst im Skigebiet die Hand vor Augen nicht mehr sehen und der Wind erreichte wieder Sturmgeschwindigkeiten. Mit Grausen dachte ich an die Abfahrt durchs Skigebiet, die wir noch vor uns hatten. In dieser Suppe ist mit dem aufgeladenen Gepäck auch eine rote Piste eine Herausforderung. Hilft aber nix. Wir müssen runter. Warm eingepackt machen wir uns auf das erste Teilstück bis zur Mittelstation. Die Pistenrandmarkierungen waren kaum zu erkennen. Andere Skifahrer, es waren nur noch sehr wenige, taten sich ebenfalls schwer mit den Bedingungen. Nach kurzer Rücksprache mit meiner Frau entschieden wir, das schwarze Stück ab der Mittelstation bis nach ganz unten, ca. 750 Höhenmeter, nicht mit Ski zu befahren, sondern die Gondel zu nehmen. Ist besser für die Gesundheit. Da es keine Skipasskontrolle am Einstieg gibt, erkundigten wir uns beim Betriebspersonal, ob es ok ist, wenn wir einsteigen und ob wir unten bezahlen könnten. Das wurde bejaht und wir stiegen ein. Eine gute Entscheidung, wenn ich mir die paar Leute auf der Piste so anschaute. An der Talstation angekommen, wendeten wir uns zum Bezahlen erneut an das Betriebspersonal, da eine Kasse nicht zu erkennen war. Ein älterer Herr kam aus seiner Kabine. Wir erkundigten uns, ob wir bei ihm für die Talfahrt zahlen könnten. Er schaute uns an, grinste und gebot uns, ihm zu folgen. Überraschenderweise öffnete er uns den Seiteneingang, schickte uns mit ausladenden Gesten durch die Tür und wünschte einen guten Tag. Geld wollte er keines. Das war außerordentlich nett und völlig unerwartet. Wir bedankten uns so gut es ging und möglicherweise behalten wir die Tour mitunter deswegen in guter Erinnerung. Ein Erfolg in dem Sinne war es nicht. Aber auf jeden Fall eine intensive Erfahrung.